Samstag, 19. Januar 2019

Wenn Schule Politik wird.


Schulpolitik kann die Wähler bei Landtagswahlen extrem ärgern.
Wenn da viel schiefgeht wie in NRW unter Rotgrün, oder in BW unter Schwarzgelb, kann das durchaus mal eine Landesregierung aus dem Amt fegen.

Wenn die Bürger glauben ihr Nachwuchs werde durch schlechte Ausbildung um die Chancen gebracht, werden sie garstig.
Der erbärmliche deutsche Föderalismus verhindert nachhaltig die Zukunft der Kinder sinnvoll zu gestalten.
Seit Jahrzehnten gibt es Myriaden Lehrer zu wenig und an den Grundschulen jobben Quereinsteiger, die nie Pädagogik studierten, weil irrlichternde Landesregierungen annehmen bei den Jüngsten käme es nicht so drauf an.

Von Schulpolitik verstehe ich nicht so viel. Das hängt sicher damit zusammen, daß ich keine Kinder habe und sehr lange keine Schulen mehr von innen gesehen habe.
Meine Schulzeit war wenig aufregend; Grundschule Gymnasium, fertig, keine zusätzlichen Wechsel.
Die Gymnasialjahre verliefen a posteriori betrachtet fast ohne Stress. Da waren zwar einige wirklich schlechte Lehrer, mit denen ich mich in den Haaren hatte, aber auch einige sehr Gute und viele Mittelmäßige.
Ungerechterweise genoss ich große Narrenfreiheit, konnte so viel schwänzen wie ich wollte, weil ich eine tolerante Tutorin und sehr gute Noten hatte.

Mein Problem war eher, daß ich mein Studium schon mit 18 anfing. Da war ich noch viel zu unreif, um mich richtig zu entscheiden. Für mich wäre so ein amerikanisches College-System besser gewesen. Also noch ein paar weitere Jahre Schul-ähnlicher Betrieb, bei dem man seine Interessen breiter auffächert, bevor man sich für die eine Sache entscheidet, die man dann an der Uni ganz gründlich lernt. Ich konnte schon als 14-Jähriger Fächer auswählen, beendete nach der zehnten Klasse den Französisch-Unterricht, weil ich darin a) nicht besonders gut war und b) den Lehrer, der in der 11. Unterrichten würde nicht mochte.

Heute bin ich schlauer. Damals hatte ich aber keinerlei Vorbereitungen, keine Beratung, keine Eingangstests. Ich wußte gar nicht was „Uni“ ist.
Man schrieb sich als Teenager für irgendetwas ein, das dann den Rest des Lebens bestimmen sollte.
Von eben auf jetzt sollte man ganz selbstständig sein.

In den ersten Semestern jobbte ich natürlich – wie die meisten Studenten.
Auch da hatte ich Glück, konnte an der Uni selbst etwas Geld verdienen und gab außerdem Nachhilfe.
Dabei kamen mir erstmals große Zweifel am Schulsystem.
Bis dahin dachte ich alle Abiturienten würden in etwa das gleiche wie ich lernen.
Aber weit gefehlt. Nachhilfeschüler auf Wirtschaftsgymnasien und Aufbauschulen hatten noch in der 11., 12., 13. Klasse keinerlei Grundlagen in Mathe und Physik.
Ich erinnere mich an einen, der Abitur machte, dem ich erklärte was ein Platzhalter in einer mathematischen oder physikalischen Formel ist. Ich konnte es nicht fassen.
Und ich erlebte Schüler, die wirklich schlechte Lehrer hatten; nicht die Sorte, die ich an meiner Schule für schlecht hielt, sondern echte Sadisten, die unter Aufsätze schrieben „Fabian, Du kannst wirklich gar nichts! Du kannst nur Hilfsarbeiter werden!“
Als ich noch studierte lernte ich eine Lehrerin kennen und fragte wie es eigentlich angehen könne, daß Schüler ohne irgendwelche Grundlagenkenntnisse versetzt werden und andere, die sich sichtbar Mühe gaben offenbar mit Wonne gedemütigt wurden.
Ihre simple Antwort: Das hinge vom Stadtteil ab. Sie hätte jahrelang auf einer katholischen Schule in den Hamburger Walddörfern (konservative Vorortgegend) unterrichtet und sei nun nach Wilhelmsburg (Problemviertel!) versetzt. Wenn sie dort die Maßstäbe ansetze, wie an der alten Schule, müsse sie alle durchfallen lassen, keiner wäre besser als „vier“.
Nun gäbe sie Schülern schon mal ein „gut“, die an ihrer vorherigen Schule gerade mal ausreichend bekommen hätten.
Aber anders ginge es gar nicht, wenn man den Schulbetrieb nicht zusammenbrechen lassen wolle. Schließlich liebe sie ihren Beruf und wolle die Schüler nicht demotivieren.

Als kurz nach dem Anschluss der DDR die Debatte begann, ob man nicht die Gymnasialzeit verkürzen sollte, hielt ich das für völlig verrückt. G8 statt G9? Noch weniger Schulzeit, obwohl deutsche Schüle offensichtlich ohnehin schon verblödet waren?
Was für ein Unsinn! Heute wünsche ich mir, ich hätte G11 oder G12 genossen. Es fällt meiner Gerontenbirne so schwer Sprachen zu lernen. Warum hat man mich nicht mit 14 gezwungen den verdammten Französischunterricht noch drei Jahre länger zu machen und am besten noch Spanisch oder Italienisch dazu?
Das wäre mir verglichen mit heute so leicht gefallen.
Und wieso konnte ich durch meine gesamte Schulzeit rutschen ohne eine einzige Stunde Religionsunterricht zu haben? Ich erfuhr nichts über die Kirche und schon gar nichts über andere Glaubens-Konstrukte. Das musste ich mir alles autodidaktisch erarbeiten.

Nach meinem Eindruck ging es bei der G8 oder G9-Debatte weniger um das Wohl der Schüler, sondern um einen Standortvorteil einzelner Bundesländer.
Es war die CDU mit ihrem Leitbild Leistung, die auf das Turbo-Abi drängte. Deutsche Schüler wären viel zu alt beim Berufseinstieg.
Das müsse alles schneller gehen und man könne auch viel Geld an Schulen sparen, wenn die Kinder schneller durchgeschleust würden. Endlich Lehrpläne entrümpeln

Meine rudimentären Erkenntnisse von all dem, was schief geht an deutschen Schulen, fand ich in Philipp Möllers „Isch geh Schulhof“ bestätigt.
Die Lehrerausbildung verläuft katastrophal falsch und das Schulsystem krankt an der Unstetigkeit. Die allermeisten Änderungen der 16 einzelnen Kultusminister sind durchaus sinnvoll, oder zumindest gut gemeint, aber sie kommen so häufig, daß die Lehrer keinerlei Elan mehr aufbringen alles umzusetzen.

(….) Es dürfte sogar noch viel schlimmer werden, wenn die asozialen und desintegrierten gegenwärtigen Klein-Bälger erwachsen werden.
Lehrer berichten von unfassbaren Zuständen an den Schulen.

„Pinsel und Malutensilien werden verteilt – und die Klopperei beginnt! Es wird laut, Kinder müssen ihrem Nachbarn ins Gesicht schreien, dass sein Bild doof (das Wort war ein anderes) ist.“
„Einige werden maulig, geben unpassende Kommentare ab und antworten auf Fragen von Frau G. mit Fäkalsprache.“
„Wir malen noch einmal auf dem Fußboden der Sammlung – eigentlich eine tolle Erfahrung für Kinder. Freud- und anstrengungslose Versuche vieler Kinder, Striche aufs Papier zu bringen.“   „Endlich stehen alle, da trampeln Kinder mit dreckigen Schuhen über die Bilder! Absichtlich! Am nächsten Tag wird mir ein Kind erklären, dass ihm langweilig war – und dass es dann ja wohl klar ist, dass es das tun kann.“  „Ältere Herrschaften steigen über Butterbrotpapiere, Rucksäcke und Kinder. Den Kindern kommt das nicht einmal komisch vor. Als ich sie auffordere, Platz zu machen, schauen sie mich verständnislos an – und essen in Ruhe weiter!“
„Die Mitschüler werden angeschrien, geboxt, getreten und Rucksäcke umhergeschleudert. Ein älterer Herr bekommt auch einen ab. Eine Entschuldigung ist nicht zu erwarten.“
„Kinder lassen die Hälfte ihrer Sachen liegen in der Erwartung, dass es ihnen schon jemand hinterhertragen wird.“
„Es ist für die Kinder nicht einsehbar, dass wir in dem wuseligen Hauptbahnhof dicht zusammenbleiben müssen. Ich komme mir vor wie ein Schweinetreiber.“
„In der Bahn plötzlich vertraute Geräusche. Rülpsen! Kein Versehen, sondern volle Absicht. Wer kann es am lautesten? Sie denken: Die redet sicher von meinem Nachbarn? Falsch: Gehen Sie davon aus, dass ich auch von Ihrem Kind spreche – es gibt nur sehr wenige Ausnahmen!“
[…]   „Kinder kommen bereits um 8 Uhr früh gut gefüllt mit einer Stunde Super RTL, gewalttätigen und blutrünstigen Gameboy-Spielen und einem beachtlichen Blutzuckerspiegel in die Schule.“
„Sie springen mit erhobenen Fäusten wie Ninjakämpfer in die Klasse, semmeln erstmal drei Mitschüler über den Haufen und merken es nicht einmal.“

Und wenn man Philipp Möllers brillantes und lehrreiches Buch „Isch geh Schulhof“ gelesen hat, möchte man sich bei dem Gedanken an die Zukunft gleich erschießen.
Dabei ist das Unfassbare, daß wir sehenden Auges in die Katastrohe schlittern. Wir wissen wie man es besser machen kann; Möller hat das in seinem Buch alles dargelegt. Wir wissen auch aus den PISA-Spitzenländern, warum ihre Schulen so viel besser als die Deutschen sind. Aber Kleinstaaterei, Phlegma und Ideologie verhindert, daß Deutschland endlich was ändert.

Dabei wäre es viel zu simpel „der Politik“ dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Denn der Stillstand ist vom Volk gewollt. (….)

Inzwischen gibt es fast flächendeckend G8, die CDU hat ihren Willen bekommen und endlich könnte etwas Ruhe einkehren. Da fällt der mittlerweile auf 14% abgestürzten Hamburger CDU mangels anderer Themen und mangels anderer Kandidaten in Gestalt des debakulierenden Fraktionschefs Trepoll ein das Faß wieder aufzumachen.
Die Elb-CDU will alles wieder rückgängig machen und auf G9 umstellen.
Just nachdem endlich so etwas wie Burgfrieden an den Hamburger Schulen eingetreten ist.

[….] Rathaus-Zoff um G9-Plan „Schulfrieden“ in Gefahr: CDU zettelt Bildungsstreit an. [….]

Das schafft nur Chaos hilft niemand, aber G9 ist populär.
So kommt die CDU mal wieder in die Presse.
Absolut verantwortungslos, diese Partei!

[….] Nein, nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal für eine Verkürzung der Schulzeit eintreten würde. Als G8 – also das achtjährige Gymnasium – eingeführt wurde, war ich absolut gegen diese Reform. Aber jetzt appelliere ich: Lasst uns bei G8 bleiben! Denn ausgerechnet die CDU, die uns das alles eingebrockt hat, will die Reform jetzt zurückdrehen. Und das nicht nur aus Überzeugung, sondern aus wahltaktischen Gründen.
Hamburgs Parteien finden sich plötzlich in einer paradoxen Situation wieder: Grüne und SPD, die das Turbo-Abi ursprünglich gar nicht gut fanden, wollen es jetzt erhalten. Und die CDU, die es eingeführt hat, möchte die Uhr zurückdrehen. Vielleicht jedenfalls. [….] Ich habe meine Meinung in der Sache nicht geändert. Ich halte es nach wie vor für unsinnig, dass Schüler weniger Zeit zum Lernen und Reifen haben, damit sie dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung stehen. Das Ergebnis ist bei vielen, dass sie nach dem Abitur erst mal eine Auszeit nehmen oder sich durchs Studium bummeln. Oder mit 22 Jahren einen Master in BWL haben und als Unternehmensberater Firmenchefs coachen wollen, die mehr als doppelt so alt und lebenserfahren sind wie sie. [….] Die CDU triumphiert derzeit über eine Forsa-Umfrage im Auftrag des „Hamburger Abendblatts“, laut der 76 Prozent der Hamburger für eine Rückkehr zu G9 sind. Aber das ist eine Zahl, die vor jeder öffentlichen Diskussion in der Stadt erhoben wurde. Wenn CDU-Fraktionschef André Trepoll G9 zum Wahlkampfthema macht, könnte eine aktuelle Befragung ganz anders ausfallen. Insbesondere, da die politischen Gegner ihm immer wieder unter die Nase reiben werden, dass er das Thema für Wahlzwecke missbraucht. Und das dürfte kräftig an der Glaubwürdigkeit der Partei nagen. [….]

Freitag, 18. Januar 2019

Geschichtsstunde


Es ist ja nicht so, daß ich in den vergangenen Jahren viel von den strategischen Fähigkeiten europäischer und amerikanischer Spitzenpolitiker gehalten hätte, aber 2019 zeigt wieder einmal eine weitere Steigerung des Irrsinns.
Sagenhaft was sich in den USA und in GB abspielt – ganz allein verursacht durch vollkommen Schwachsinnige an der Regierungsspitze.


Man mag gar nicht daran denken, daß diese Kategorie Regent mal mit einer echten von außen auf sie einprasselnden Katastrophe konfrontiert sein könnte.
Schwere Wirtschaftskrise, AKW-Supergau, Krieg, 9/11, Naturkatastrophe.
Diese Leute sind doch offensichtlich schon nicht in der Lage normale Regierungsgeschäfte zu führen.

Schon vier Wochen Kasperle-Theater, weil klein Donald nicht bekommt was er will. Und das müssen 800.000 amerikanische Familien ausbaden, die ohne Gehalt und Job da sitzen.

Neuester Stand: Der schmollende Präsident streicht der Nummer Drei im Staat ihre Flüge.

[….] Melania Flies Alone To Mar-A-Lago On Government Jetliner After Trump Cancels Pelosi’s Trip To Visit Troops [….]


Januar 2019

Die Situationen in London und Washington sind festgefahren. Nichts bewegt sich mehr.
Unglücklicherweise hilft noch nicht mal die Poesiealbum-Binse „der Klügere gibt nach“ weiter. Jeremy Corbyn ist genauso blöd wie PM May und verfügt über keinerlei Mehrheiten.
Klarer sieht es im Amerika aus; dort ist jeder klüger als #45. Aber sollte dementsprechend jeder Trump gegenüber nachgeben?


Nancy Pelosi ist ganz sicher sehr viel intelligenter als der Präsident und sie verfügt über einen veritablen Machthebel; sie könnte ihm die 5,7 Milliarden Dollar bewilligen. Wieviel sind schon fünf oder sechs Milliarden angesichts von 2.000 Milliarden Schulden, die Trump in zwei Jahren angehäuft hat?
Kann eine dem Wähler verantwortliche demokratische Partei Millionen Menschen wegen so einer überschaubaren Summe leiden lassen?
Gibt es hier nicht eine moralische Verpflichtung gegenüber 800.000 von Trump genommenen Geiseln, die Forderung des Erpressers zu erfüllen?

Der Wahnsinn ist sehr, sehr weit fortgeschritten.


Also Nancy, gib dir einen Ruck und rück’ die paar Milliarden raus.
Oder nicht?

Moralisch ist das keine einfache Frage.
Blicken wir zurück auf den 27.02.1975.

Peter Lorenz, Landesvorsitzender der Berliner CDU und Spitzenkandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters wurde drei Tage vor der Landtagswahl von Mitgliedern der Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ entführt und als Geisel genommen. Am nächsten Tag veröffentlichten sie ein Bild von ihm und verlangten die Freilassung und Ausreise der sechs RAF-Terroristen Horst Mahler, Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle.

Der SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt war in der Woche nahezu amtsunfähig, lag mit sehr hohem Fieber und Grippe im Bett.
Oppositionsführer Helmut Kohl, CDU-Bundesvorsitzender und enger Freund von Peter Lorenz übte erheblichen Druck auf die Bundesregierung aus auf den Vorschlag einzugehen. Anderenfalls werde der Entführte nicht überleben; außerdem mache es doch keinen großen Unterschied, ob die sechs Terroristen im Knast oder irgendwo am anderen Ende der Welt hockten.
Es kam zu dem „der Klügere gibt nach-Präzendenzfall“.
Die Regierung Schmidt ließ Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle nach Aden ausfliegen. Nur der heute für die NPD aktive Horst Mahler weigerte sich.
Die Terroristen hielten Wort, die Ereignisse überschlugen sich:

02.03.1975:
Rekordergebnis für die Berliner CDU bei der Abgeordnetenhauswahl: 43,9%.
03.03.1975:
Fünf linksextreme Terroristen auf freiem Fuß im Jemen
04.03.1975:
Peter Lorenz wird tatsächlich freigelassen; Helmut Kohl, die CDU und Lorenz‘ Familie sind verständlicherweise glücklich.

Was zunächst nach einem großen Erfolg und glücklichem Ende aussah, erwies sich a posteriori als Desaster.

Die RAF verstand die Botschaft vom 03.03.1975 als Aufforderung weitere Politiker zu entführen; der Staat ließe sich bequem erpressen, so bekomme man die RAF-Kumpel immer wieder frei.
Die fünf Freigepressten kehrten umgehend nach Deutschland zurück und mordeten. Mehrere Opfer, insbesondere Polizisten waren zu beklagen. Am Blutigsten wurde es 1977 im Zuge der Schleyer- und Landshut-Entführung.
Diesmal sollten die Stars der Terrorszene freigepresst werden: Baader, Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller.
Helmut Schmidt hatte schon im März 1975 den Austausch als schweren Fehler angesehen, seine Befürchtungen sollten sich bewahrheiten.
Gibt man einmal nach, wird es in Zukunft nur noch schlimmer. Wieso sollten skrupellose Menschen eine Methode, die sich aus ihrer Sicht als erfolgreich erwiesen hatte, nicht erneut anwenden?
Helmut und Loki Schmidt verfassten unbemerkt von der Öffentlichkeit eidesstattliche Erklärungen, daß sie im Falle der eigenen Entführung unter keinen Umständen ausgetauscht werden wollten, daß sie bereit wären ihren Tod zu akzeptieren; keinesfalls dürfe man den Forderungen terroristischer Entführer nachgeben.
Auch konservative Politiker und der Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, der dem am 07.04.1977 von der zwei Jahre zuvor freigepressten Verena Becker ermordeten Siegfried Buback nachfolgte, folgten dem Beispiel der Schmidts.
Diese Schreiben blieben für Jahre geheim, damit Terroristen nicht bei der Auswahl von Opfern geholfen werden konnte. Sie dienten aber dazu den mit Entführern verhandelnden Personen moralisch zu helfen, um nicht die grausamen Entscheidungen allein fällen zu müssen.

Ich bin alt genug, um mich an den Herbst 1977 zu erinnern. Eine gespenstische Stimmung herrschte.
Helmut Schmidt bekam die volle Wucht der Staatskrise diesmal im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ab. Wieder ging es mit Hanns Martin Schleyer um einen persönlichen Freund vieler handelnder Politiker, aber Schleyer hatte nicht nur keine Anweisungen hinterlassen wie im Falle eine Entführung verfahren werden sollte, sondern seine Kinder und Ehefrau entfalteten den größtmöglichen Druck auf die Bundesregierung der RAF nachzugeben, um ihren Vater/Ehemann zu retten.

Der Bundeskanzler rief einen Krisenstab unter Beteiligung der Oppositionssitzen und Sicherheitschefs zusammen.
Der CSU-Rechtsaußen Friedrich Zimmermann (später Innen- und Verkehrsminister unter Kohl), sowie der vor vier Wochen mit 90 Jahren verstorbene damalige BKA-Chef Horst Herold waren derartig beeindruckt von Schmidts Führungsstärke und kühlem Kopf, daß sie bis zum Ende ihres Lebens nie ein schlechtes Wort über den Sozen verloren.
Das war in Anbetracht der grauenhaften Umstände allerhöchste Regierungskunst.
Versagt hatte allerdings das tiefschwarze CDU-Justizministerium in Stuttgart; das Chaos in Stammheim wurde nie richtig aufgeklärt, keiner kann genau sagen wie es Raspe, Baader und Ensslin gelingen konnte unbeobachtet zu sein und tödliche Waffen in ihren Zellen zu haben, um Selbstmord zu verüben.
Dadurch entstanden immer wieder Verschwörungstheorien.
Neben den vier ermordeten Sicherheitsbeamten, starben auch Jürgen Schumann, der Pilot der Landshut, sowie Schleyer selbst. 86 Geiseln wurden befreit.
Aber Schmidts harte Linie stellte sich langfristig als Sieg über die RAF heraus. So eine große Entführung wagten sie nie wieder.

Hypothetische Geschichte ist sinnlos, aber natürlich wurde immer wieder spekuliert, daß es zu den späteren RAF-Morden und dem „deutschen Herbst 1977“ nie gekommen wäre, wenn die deutsche Bundesregierung schon im Frühjahr 1975 in der causa Lorenz knallhart geblieben wäre.

Ich weiß nicht, ob Nancy Pelosi die Vorgänge im Bonner Kanzleramt von 1975 und 1977 kennt, aber sie wird sicher schlau genug sein, um zu wissen, daß es im Mauerstreit mit Trump nicht um 5,7 Milliarden Euro geht, sondern darum Trump endgültig zu zeigen, daß er mit Erpressung nicht weiterkommt.
Bekäme er den Eindruck durch Regierungs-Shutdown seinen Willen zu erhalten, über die verhassten Demokraten zu siegen und mit dieser ruchlosen Erpressung seine rassistische Basis erfreuen zu können, griffe er bei nächster Gelegenheit wieder zu der Methode.
Das ist der tiefere Sinn von Pelosis Linie: Die Geiselnahme von 800.000 Staatsangestellten darf sich für Trump nichts als Erfolgsmodell herausstellen.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Politchrist


William Barr ist ein sehr konservativer Katholik, der aus offensichtlichen Gründen neuer US-Justizminister und damit Mueller-Aufseher wird.

Wie man Jobs in der Trump-Administration bekommt, weiß der designierte 68-Jährige DOJ-Chef.

[….] Bei den Demokraten gibt es Befürchtungen, dass Barr von Trump dazu gedrängt werden könnte, Muellers Untersuchung zu behindern. [….] Die Befürchtungen der Demokraten gehen zurück auf eine Stellungnahme, die Barr im vergangenen Jahr über Muellers Ermittlungen geschrieben hatte. Darin äußerte er sich sehr kritisch gegenüber einigen Aspekten der Untersuchung. Sein Schreiben schickte er unaufgefordert an Trumps Anwälte. Die Opposition sah darin ein Bewerbungsschreiben für ein Amt in der Administration. [….]

Jurist Barr kennt sich aus mit der Verfassung und so ließ er schon mal wissen wie es laufen wird.

 […..] Theocracy alert: Trump’s Attorney General Pick William Barr is a Catholic conservative who rejects the separation of church and state, calls secularists “fanatics,” and blames secularism for “moral decline.”
[…..] Barr is a states’ rights, religious conservative who believes women do not have a constitutional right to abortion, that Roe vs. Wade was wrongly decided, and that the legality of abortion should be determined by individual states. As attorney general under the late President George H.W. Bush, Barr was the architect of America’s failed war on drugs and the current punitive criminal justice system. Barr was and is a big proponent of mass incarceration, despite the fact that research shows such a system fosters and promotes racial discrimination.
In addition to the racism and misogyny one would expect from a conservative Catholic, Barr is also a bigot when it comes to non-religious people and others who respect the separation of church and state.
In a 2011 address to “The Governor’s Conference on Juvenile Crime, Drugs and Gangs,” Barr condemned church/state separation in public schools:

    This moral lobotomy of public schools has been based on extremist notions of separation of church and state or on theories of moral relativism which reject the notion that there are standards of rights or wrong to which the community can demand adherence.

In a 2017 article published by The Catholic Lawyer, Barr bemoaned the rise of secularism and offered an answer to the challenge of “representing Catholic institutions.” [….]

Er sieht seine streng christlichen Überzeugungen offenbar am besten bei dem Mann vertreten, der im Oval Office sitzt und als Ausbund der Tugendhaftigkeit gilt.
Treue, Keuschheit, Wahrhaftigkeit, Fleiß, Bescheidenheit – wer stünde mehr für diese christlichen Werte als Donald Trump?


Bei so einem frommen Christen fühlt sich auch die Second Family, Karen und Mike Pence wohl.
VP Mike leidet unter so radikaler Sexualphobie, daß er grundsätzlich niemals mit einer anderen Frau als Karen allein in einem Raum ist. Mutmaßlich ist er diesbezüglich ganz auf Linie mit seinem Boss.
Ehefrau Karen braucht sich also endlich nicht mehr um die erotische Sittlichkeit ihres Gatten zu sorgen und kann wieder ihren eigenen Interessen nachgehen:
Grundschüler an der Immanuel Christian School in Virginia von der Homoperversion fernhalten.
Man kennt ja diese Sechsjährigen: Alle halbschwul und spitz wie Nachbars Lumpi. Da kann man gar nicht genug aufpassen.

 [….] That school bans anyone — students or parents — for “participating in, supporting, or condoning sexual immorality, homosexual activity or bi-sexual activity.” No gay people allowed… at least if they ever act on it.
The school also requires prospective employees to promise to live a life of moral purity. By their definition, that excludes transgender people. In fact, even acknowledging the existence of a trans identity goes against the requirement to accept the “unique roles of male and female.” [….]

Ja, so modern wünscht man sich die USA im Jahr 2019.

[….] Homo- oder bisexuelle Schüler werden nicht aufgenommen, Lehrer dürfen keinen vorehelichen Sex haben: [….] Eltern von Schülern müssen beispielsweise eine Einverständniserklärung unterschreiben, in der es unter anderem heißt: Die Schule habe das Recht, Schüler abzulehnen oder von der Schule zu verweisen, die "sexuelle Immoralität, homosexuelle Aktivitäten oder bisexuelle Aktivitäten betreiben, unterstützen oder befürworten".
Wer an der Schule unterrichten möchte, muss unter anderem angeben, keinen vorehelichen, außerehelichen oder homosexuellen Sex zu haben. Polygamie und Transgender werden an der Schule nicht geduldet. Bewerber müssen auch zustimmen, dass "eine Ehefrau dazu befohlen ist, sich ihrem Ehemann zu unterwerfen". Außerdem muss ein Haken gesetzt werden bei dem Punkt: "Der Begriff 'Ehe' hat nur eine Bedeutung: die Vereinigung von einem Mann und einer Frau." [….]

Diese Eigenschaft an Evangelikalen Christen schätze ich am Meisten; ihr Urteilsvermögen.
Sie erkennen einen guten Menschen, wenn sie ihn sehen, wie zB Trump.
Sie wissen wie Jesu‘ Konzept von der Nächstenliebe erfüllt wird: Folter, Waffenbesitz, Todesstrafe. Oder wie es auf Amerikanisch heißt: „Pro Life!“
Und sie kennen sich auch am besten mit Familienwerten aus: Ist eins ihrer Kinder schwul, wird es verprügelt, von der Familie verstoßen und mit einem kräftigen Tritt in den Sünder-Hintern auf die Straße befördert.


Trumps ausgesprochen christliche Moral wird auch von seinem Außenminister geschätzt: Mike Pompeo.
Er weiß wie das Heilige Land befriedet und Jesus näher gebracht wird:
Ordentlich Öl ins Pulverfass Jerusalem gießen (Umzug der US-Botschaft) und den radikalen Wahabiten in Riad, die Myriaden Jemeniten abschlachten und Schwule köpfen, für 110 Milliarden Dollar amerikanische Waffen liefern.

[….] Secretary of State Mike Pompeo opened a speech in Cairo on Thursday by referring to the Bible that he keeps in his small, wood-panelled office on the seventh floor of the State Department. “This trip is especially meaningful to me as an evangelical Christian,” he began, in a predominantly Muslim country that accounts for almost a quarter of the population in the Arab world. Only ten per cent of Egypt’s hundred million people are Christian. “I keep a Bible open on my desk to remind me of God and His Word, and The Truth.” [….]

Wo könnte jemand besser aufgehoben sein, der sich so offensive der Wahrheit verpflichtet fühlt, als bei Donald Trump?

Mittwoch, 16. Januar 2019

GOP und GOP


Es kommt einem vor wie ein Vorgang aus dem vorletzten Jahrtausend; die US-Republikaner gaben sich derart fromm und prüde, daß sie über Michelle Obama herfielen, als diese einmal ein ärmelloses Kleid trug.
Gary Hart, demokratischer Favorit für die US-Präsidentschaftswahlen 1988 musste seine Kandidatur zurückziehen, als Gerüchte auftauchten, er könnte eine außereheliche Affäre haben.
Gegen den amtieren US-Präsidenten Bill Clinton wurde gar ein Impeachment-Verfahren geführt, weil er eine Affäre hatte, bei der es – OGOTTOGOTTOGOTT – zu Fellatio gekommen sein soll.
Über Obamas Töchter zog man schon her bevor sie in die Pubertät kamen.

 [….] A senior staffer for a Republican congressman scolded President Obama's daughters for dressing like "they deserve a spot at a bar" and told them to "try showing a little class" in a Facebook post that has since gone viral, drawing her heavy criticism and prompting calls for her dismissal. [….]

Nichts auszusetzen haben die Republikaner allerdings an der Lebensführung eines zum dritten mal Verheirateten, der sich öffentlich damit brüstet Frauen zu belästigen, ihnen an die “Pussy” zu grabschen, von Dutzenden Opfern der sexuellen Belästigung bezichtigt wird und immer wieder Porno- und Titten-Darstellerinnen aus der Halbwelt vögelt.

Jahrzehnte regten sich die GOPer über angebliche demokratische Geldverschwendung auf, versagten Barack Obama die Aufnahme neuer Schulden.
Die Republikaner inszenierten sich als „deficit hawks“, die brutal alle Ausgaben strichen, weil sie fanatisch auf den Schuldenstand starrten. Das Defizit müsse runter – so die einzige und wichtigste GOP-Forderung.

Unter Trump explodieren die Schulden, in zwei Jahren häufte er zwei Trillionen Dollar neue Schulden an.
(2 US-Trillionen = 2.000.000.000.000 = 2.000 Milliarden = 2 Millionen Millionen Dollar)

[….] The US national debt stood at $21.974 trillion at the end of 2018, more than $2 trillion higher than when President Donald Trump took office, according to numbers released Thursday by the Treasury Department.
The national debt has been rising at an accelerated rate in the aftermath of the 2008 financial crisis, when Congress and the Obama administration approved stimulus funding in order to keep the economy afloat. [….]

Da es aber Trump-Schulden sind und kein GOPer über ein Rückgrat verfügt, halten sie alle die Füße still.

Dabei zeichnete sich das exzessive Schuldenaufnehmen schon gleich zu Beginn von Trumps Präsidentschaft ab.

[….] The warnings about the nation's $20 trillion debt have been dire: Washington is on track to "explode" the debt. The proposed budget is "radical" and "extreme." Politicians should be "ashamed" of empty promises to reduce the deficit.
But those warnings aren't coming from the tea party conservatives who rode a wave of fiscal frustration to Capitol Hill seven years ago and upended the Republican establishment. Instead, they are coming from Democrats who are embracing their inner deficit hawks to attack the tax plan forged by GOP leaders and President Donald Trump's administration. [….]

Kein GOPer traut sich etwas zu sagen; sie lassen Trump widerstandslos durchkommen.

Es ist verrückt, aber den GOPern gelingt es sich als die Fiskal-Konservativen und Wirtschaftsfreunde darzustellen, dabei können sie seit Jahrzehnten bewiesenermaßen überhaupt nicht mit Geld um gehen, scheitern auf ganzer Linie mit ihrer Trickle-Down-Politik, während die Demokraten das Chaos mühsam aufräumen.


[….] The Democrats Are the Party of Fiscal Responsibility
[….] By now, nobody should be surprised when the Republican Party violates its claims of fiscal rectitude. Increasing the deficit — through big tax cuts, mostly for the rich — has been the defining feature of the party’s economic policy for decades. When Paul Ryan and other Republicans call themselves fiscal conservatives, they’re basically doing a version of the old Marx Brothers bit: “Who ya gonna believe, me or your own eyes?”
Ever so slowly, conventional wisdom has started to recognize this reality. After Ryan’s retirement announcement last week, only a few headlines called him a deficit hawk. People are catching on to the con.
But there is still a major way that the conventional wisdom is wrong: It doesn’t give the Democratic Party enough credit for its actual fiscal conservatism.
Over the last few decades, Democrats have repeatedly reduced the deficit. They have raised taxes. They have cut military spending and corporate welfare. Some of them have even tried to hold down the cost of cherished social programs. Obamacare, for example, included enough cost controls and tax increases that it’s cut the deficit on net. [….]

Die GOP verstand und versteht sich außerdem hartnäckig als moralischere und frommere Partei.
Sie vertrete die „moral majority“ und setze sich von den liberalen Eliten der Küsten ab.

Die GOP greift gegen den Rassisten Steve King, republikanischer Abgeordneter aus Iowa, durch. Dieser hatte sich immer wieder als White Supremacist inszeniert.
Man habe aber in der Partei keinen Platz für Bigotterie und Hass, sagen nun die GOPer ohne rot zu werden.


Es gibt natürlich einen anderen GOP-Politiker, der noch viel rassistischer, Hass-Säender, bigotter und verlogener ist. Donald Trump.

Kein GOPer wendet sich aber deswegen gegen Trump, weil Trump mächtig ist, über 57 Millionen Twitter-Follower verfügt, die Teebeutelbasis verzückt und Posten verteilt.
King hingegen ist auf dem absteigenden Ast und gewann nur noch ganz knapp seinen ultrakonservativen Wahlkreis.

Da die GOPer offensichtlich viel zu feige, rückgratlos und amoralisch sind, um Trump zur Raison zu rufen, wenden sich diejenigen, die noch Rudimente eines Gewissens haben gegen Rep. King. Dann tut es nicht mehr so weh vor Trump auf den Knien zu rutschen.

[….] So now the party abhors bigotry? How convenient.
[….] Senator Ted Cruz, the Texas Republican, told Chuck Todd on NBC’s “Meet the Press” on Sunday that King’s remarks were “stupid” and “hurtful” and that Americans “ought to be united, regardless of party, in saying ‘white supremacism,’ ‘white nationalism’ is hatred, it is bigotry, it is evil, it is wrong.”
Strong and righteous words. Hats off to Senator Cruz. But that indignation eluded him when he was running for president in 2016. Just before the Iowa caucuses, Cruz touted King’s endorsement of him. For good and fawning measure, he chose King as the national co-chairman of his campaign.
It wasn’t as if King, a member of the House since 2003, had been keeping his hateful values under wraps. By the time that Cruz came courting, King had insinuated that Barack Obama was some darling of “radical Islamists,” embraced the birther conspiracy, tweeted a cartoon of Obama wearing a turban and, most famously, said that for every child of an undocumented immigrant who goes on to academic glory, “there’s another 100 out there who weigh 130 pounds and they’ve got calves the size of cantaloupes because they’re hauling 75 pounds of marijuana across the desert.”
That passed muster with Cruz, as it did with many other Republicans, because King was a king maker from a disproportionately influential state. What’s a little racism among political allies? [….] Trump’s own racist behavior and remarks — including, in the run-up to the midterm elections, his proud embrace of the term “nationalist” — have emboldened the Steve Kings of the world. Many Republicans recognize that. And despite all the pride that they have swallowed since Trump’s ascent and all the principles that they have betrayed, many of them yearn to make a stand or at least a statement against white nationalism, for the sake of their party’s long-term survival and, yes, for the country. [….] So they’re taking on King instead of taking on Trump. It’s safer. [….]