Samstag, 3. Mai 2025

Was bringt was

Putin ist viel intelligenter als Trump, kann strategischer denken und kann auf professionellere Dienste zurückgreifen. Daher vermag er, als ökonomischer Zwerg auf Augenhöhe mit den Amerikanern zu agieren.

Allmächtig und allsichtig ist der Kreml-Diktator aber nicht.

Ich mutmaße sehr stark, daß er sich Anfang 2022 dachte, die Ukraine in wenigen Monaten niedergerungen zu haben, weil sie unfähig sein würde, sich Unterstützung zu organisieren. Der Tattergreis im Weißen Haus hätte nicht die Kraft sich zu engagieren, die notorisch zerstrittene EU, ohne die bellizistischen Briten, verfiele in einen Hühnerhaufen-Modus. Die größte europäische Wirtschaftsmacht Deutschland, neuerdings von die pazifistischen Grünen regiert, würde ohnehin auf Appeasement setzen, so daß Moskau schnell Fakten schaffen könne. Im östlichen Teil der Ukraine leben eh zur Hälfte Russen; die würden sich im Zweifelsfall eher wie die Krimtataren verhalten, statt ihre Heimat zu Klump schießen zu lassen.

Einige dieser Annahmen klingen für mich immer noch überzeugend. Allein, es kam bekanntlich anders. Biden warf sein gesamtes politisches Gewicht für Europa in die Waagschale, machte gewaltige Summen Militärhilfe locker. Die Grünen mutierten zu Oliv-Grünen. Scholz begann eine gewaltige Aufrüstung, die EU schnürte ein Sanktionspaket nach dem Nächsten. Man sah schon ein neues geeintes EU-Zeitalter aufziehen. Aber von der Leyen konnte sich letztlich nicht durchsetzen. Fico und Orbán tanzen ihr auf der Nase herum, die Versprechen zur Lieferung von Artillerie-Munition wurden nie eingehalten und die Sanktionen sind löchrig.

Zudem sprangen Indien, China und die Türkei nur zu gern ein, um die durch Sanktionen verursachten ökonomischen Probleme Russlands zu kompensieren. Die Weltmarkpreise für Gas und Öl verteuerten sich durch die Krise enorm und davon profitieren die großen Petro-Exporteure – zum Beispiel Russland!

Die Sanktionen erwiesen sich als kapitaler Flop: Die EU-Wirtschaft schwächelt, Deutschland befindet sich in einer Rezession und ausgerechnet die russische Wirtschaft wächst kräftig. So hatte sich von der Leyen das vermutlich nicht gedacht.

Sind Wirtschaftssanktionen also ein generell untaugliches Mittel? Haben die schon irgendwann mal etwas gebracht? Ist es etwa so, wie Wagenknecht und Weidel behaupten, daß Habeck damit gezielt Deutschland schade?

Sanktionen sind aber das schärfste Mittel gegenüber Kriegsverbrechern  - außer kriegerischen Methoden.

Wir wissen auch nur, diese Sanktionen schaden Russland ganz offensichtlich nicht hinreichend, um den Krieg einzustellen. Das heißt aber nicht, daß sie grundsätzlich untauglich sind. Sie sind aber definitiv zu schwach. Sie werden von den mächtigen Playern – BRICS! – unterlaufen und überkompensiert.

Vor allem aber werden sie schändlich von der EU selbst nicht eingehalten.

Russland hatte nämlich in den vergangenen 20 Jahren hervorragende Arbeit geleistet, indem es Europa in energiepolitische Abhängigkeit dirigierte, während die schwarzgelben teutonischen Taubnesseln ganz freiwillig die energiepolitische Unabhängigkeit in die Tonne traten, indem sie die von der Schröder/Fischer-Regierund initiierte Solar- und Windkraft-Wende abstellten, den Netzausbau stoppten. Typen, wie Seehofer und Söder reisten regelmäßig nach Moskau, um Putin den Hintern zu küssen und wetterten zu Hause in Bayern gegen die Windkraft, die sie mit allen Mitteln zu verhindern suchten und russisches Erdgas anpriesen.

[….] EU kauft wieder mehr russisches Gas

[….] Bis 2027 will das vereinte Europa völlig unabhängig sein von russischem Gas und Öl. Doch jetzt gibt es Zweifel, ob das Ziel erreichbar ist: Der Import von russischem Gas nimmt nicht ab, er nimmt wieder zu.

Experten schlagen Alarm, auch EU-Energiekommissar Dan Jörgensen ist verärgert: Dass EU-Staaten weiter fossile Brennstoffe aus Russland kaufen und so Wladimir Putins Kriegskasse füllen, sei „völlig inakzeptabel“ und auch sicherheitspolitisch ein Problem, sagt Jörgensen.

Im vorigen Jahr stieg der Gasimport aus Russland – durch Pipelines und als Flüssigerdgas (LNG) – um 18 Prozent, obwohl der europäische Gasbedarf insgesamt stabil blieb, rechnet die britische Energie-Denkfabrik Ember in einer neuen Analyse vor. 45 Milliarden Kubikmeter Gas lieferte Russland, das entspricht fast der früheren Jahreskapazität der stillgelegten Gaspipeline Nord Stream 1 . Besonders Italien, Tschechien und Frankreich haben mehr gekauft als im Jahr zuvor, Ungarn, Österreich und die Slowakei sind stabil gute Kunden.

Dieser Trend habe sich auch 2025 fortgesetzt, vor allem bei LNG, nachdem zur Jahreswende die Gaslieferungen durch die Ukraine eingestellt worden waren, so die Ember-Analyse. Den Energieexperten zufolge setzt Russland zunehmend auf „Schattenschiffe“ zum Transport der LNG-Lieferungen. Auch Deutschland profitiere, obwohl es den Direktimport von russischem Flüssiggas verboten habe. [….] Die Experten von Ember machen eine brisante Rechnung auf: Insgesamt beliefen sich die Importe russischer fossiler Brennstoffe in die EU 2024 auf 21,9 Milliarden Euro und überstiegen damit die Finanzhilfen für die Ukraine in Höhe von 18,7 Milliarden Euro. Ember-Analyst Pawel Czyzak sagt: „Es ist ein Skandal, dass die EU immer noch russisches Gas importiert“. Statt in erneuerbare Energien und mehr Effizienz zu investieren, „verbrennen die Mitgliedstaaten Geld mit teuren LNG-Kapazitäten“. [….]

(HH Abendblatt, 03.05.2025)

Mit den konservativen Tölpeln – Söder, Orban, Kretschmer – hat Putin natürlich leichtes Spiel.

Daß Russland sich bisher dennoch die Zähne an der Ukraine ausbiss, liegt an der Ukrainischen Armee, die Übermenschliches leistet. An der finanziellen Unterstützung, die hauptsächlich Washington und Berlin locker machen. An der Bereitschaft tatsächlich das ganze Land zerstören zu lassen, hunderttausende Tote hinzunehmen, bevor man sich ergibt.

Daß Russland noch im Spiel ist, liegt an der Unfähigkeit des Westens, die Rüstungs- und Munitionsproduktion anzukurbeln. Russland ist dabei deutlich effektiver und erfolgreicher, findet Verbündete in Nordkorea und dem Iran.

Es bewegte sich also auf ein politisches und militärisches Patt zu.

Bis vor 100 Tagen. Als Putins kleiner oranger Epigone im Weißen Haus installiert wurde, änderte sich alles. Er übernahm tumb-debil die Kreml-Argumentation und warf die Ukraine unter den Bus.

 

Freitag, 2. Mai 2025

Papabili

Als Karol Wojtyła am 16.10.1978 Papst wurde, war ich natürlich noch zu jung, um andere Kardinäle zu kennen. Ich meine mich dunkel an die Verwunderung über das Zweite Konklave innerhalb weniger Wochen zu erinnern (möglicherweise habe ich mir das meiste davon aber später angelesen.) Ich weiß aber noch, daß in meinem religionsfernen, atheistischen Elternhaus aufgrund „der Polacken“ in unserem Wohnzimmer viel gestaunt wurde. Meine Eltern hatten damals einen großen polnischen Freundeskreis, der ständig anwesend war, was ich toll fand, da die alle immer irgendwas mit uns Kindern spielten. Außerdem veranstalteten sie riesige Koch-Gelage in unserer Küche und zauberten die tollsten Dinge auf den Tisch. Sie waren zwar aus dem polnischen Kommunismus geflohen, aber ebensolche Heiden wie wir; rissen ständig Witzedarüber, nun einen eigenen Papst zu haben. Die Verwunderung über ihn war anfangs enorm, weil er, bevor er 1981 angeschossen wurde, so sagenhaft fit und sportlich war. Er lief Ski, schwamm, lief umher, sprach mit jedem, konnte gefühlt JEDE Sprache. Obwohl ich zu jung war, um mich an Pillen-Paule oder Konzil-Roncalli zu erinnern, begriff ich, wie erstaunlich es war, daß der Pole sich nicht mehr in einer Sänfte tragen ließ und nur mit dem einfachen weißen Deckel, statt der Tiara rumlatschte.

Mein kuriales Interesse erwachte bald. Aber was für ein Pech, daß ich als Sedisvakanz-Fan ausgerechnet mit dem zweitlängsten Pontifikat der Geschichte startete. Siebenundzwanzig Jahre musste ich warten, bis ich mich endlich ausführlich den Nachfolge-Spekulationen der Papabili widmen konnte.

2005 war Ratzinger der Kardinal, den ich am besten kannte, aber ich hatte ihn nicht auf dem Zettel als Nachfolger, weil er Kardinaldekan und Präfekt der Glaubenskongregation war und üblicherweise nicht jemand aus der absoluten Kurienspitze nachrückt. Das gab es in jüngerer Vergangenheit nur einmal, bei Pacelli, der 1939, an seinem 63. Geburtstag von der Nummer Zwei – Kardinalstaatssekretär und als  Erzpriester Vermögensverwalter des Petersdoms – zur Nummer Eins, Papst Pius XII, aufrückte. Der Grund lag offensichtlich im anstehenden Weltkrieg und den weltweiten faschistischen Umwälzungen; der Vatikan wollte unbedingt Kontinuität ausstrahlen. Pacelli unterstrich das, indem er Rattis Papstnamen – Pius XI – direkt weiter führte. Pacelli war jung, fit und deutschsprachig, stand Hitler durchaus aufgeschlossen gegenüber, würde also den Konkordatskurs mit den Nazi-Diktatoren lange weiterführen.

Bei Ratzi 2005 war die inhaltliche Übereinstimmung zu seinem Vorgänger ebenso offensichtlich. Anders als Pacelli, war er bei seiner Wahl schon 79 Jahre alt, also ein Papst-Methusalem. Aber das passte nach dem endlosen Pontifikat nur zu gut. Noch einmal fast 30 Jahre würde Ratzinger sicher nicht durchhalten. Es wollten schließlich auch noch ein paar andere Papabili die Möglichkeit haben, Chef zu werden.

Der ranghöchste Mann im roten Kleid heißt gegenwärtig Kardinaldekan und Kardinalbischof Giovanni Battista Kardinal Re, der allerdings mit 91 Jahren wohl deutlich zu alt ist, auch wenn er Franzis Beerdigung noch locker meisterte.

Pacelli und Ratzinger waren also die Ausnahmen der berühmten Regel „wer als Papst das Konklave betritt, verlässt es als Kardinal“ (Die Mächtigen und Favoriten scheitern bei der Wahl zum Papst).

1978 war es eine extreme Sensation, einen Nicht-Italiener zu wählen. Ein Deutscher war 2005 auch immer noch spektakulär.

Aber 2025, nach drei Ausländern in Folge – Luciani, der letzte italienische Papst starb 1978; oder wurde gestorben – zählen Italiener nicht mehr automatisch zu den Favoriten, obwohl sie mit 18 wahlberechtigten Kardinälen immer noch klar die zahlenmäßig größte Gruppe stellen. Aber 18 von 135 sind eben nur noch 13% der Stimmen – weit entfernt von der notwendigen 2/3-Mehrheit.



Nicht nur hat der argentinische Papst generell die Wahl eines Ausländers wahrscheinlicher gemacht; er hat vor allem so viele Peripherie-Bischöfe mit roten Deckeln ausgestattet, daß nationale Allianzen, um einen der ihren durchzubringen, unmöglich sind.

Für einen Italienischen Papst spricht allerdings die Unzufriedenheit der Kurienkardinäle mit Bergoglio, dem es gefiel, die Dikasterien zu beschimpfen und an den Präfekten vorbei zu entscheiden. Das Konsistorium war ihm völlig egal. Ein Italiener könnte die Strukturen wieder stärken und das Chaos beseitigen.

Gegen einen Italiener spricht aber, daß Europa generell rapide an Bedeutung für die katholische Kirche verliert. Die Gläubigen sind hier viel zu liberal; sie treten massenhaft aus. Das könnte auch kein europäischer Papst verhindern; siehe Ratzinger. Es wäre also „Verschwendung,“ Europa im Konklave zu berücksichtigen.

Pierbattista Pizzaballa könnte eine Lösung sein. Er ist zwar Italiener (wie Bergoglio auch!), steht aber als Kardinal und lateinischer Patriarch von Jerusalem für den Knotenpunkt der abrahamitischen Religionen und den vorderasiatischen Raum.

Gegen ihn spricht, daß er erst vor wenigen Tagen, am 21. April, 60 Jahre alt wurde. Das ist noch zu viel Lebenserwartung. Der Mann könnte ohne weiteres 95 werden und damit die Papsthoffnungen aller lebenden Kardinäle pulverisieren.

Bei Bergoglios Wahl 2013 spielte sicherlich eine Rolle, die vielen südamerikanischen Konvertierungen zu Evangelikalen und  Pfingstkirchlern zu stoppen. Das funktionierte. Latein-Amerika stellt heute mit 42% die mit Abstand größte Gruppe des Katholizismus.

Ein zweiter Südamerikaner in Folge gilt aber als unwahrscheinlich, weil die RKK nun einmal eine Weltkirche ist und sich andere Regionen vernachlässigt fühlen könnten.

Ein afrikanischer Papst wäre strategisch sinnvoll, da die RKK dort am meisten zulegt. Die Zukunft des Katholizismus liegt im Subsahara-Raum. Ein afrikanischer Papst gilt aber dennoch als nahezu ausgeschlossen, weil die entsprechenden Kardinäle alle ultrakonservativ sind und zweifellos den Kurs des Katholizismus deutlich misogyner und homophober gestalten würden. Das gäbe aber Ärger auf anderen Kontinenten. Entsprechendes gilt für nordamerikanische Kardinäle. Dunkelkatholiban wie David Berger plädieren lautstark für die Trump/Bannon-Fans Dolan oder Burke, die radikal gegen alles Queere vorgehen. Genau  deshalb halte ich ihre Chancen aber für minimal, zumal es in der Globalisierung schlecht ankäme, ausgerechnet jemanden aus dem reichsten Land mit der reichsten Kirchen zu erwählen.

Meines Erachtens läuft es auf einen asiatischen oder ozeanischen Papst hinaus. Allerdings schließe ich mich der Binsenweisheit an, daß alle Prognosen unseriös sind; insbesondere weil sich die Peripherie-Kardinäle gar nicht kennen und sich erst im Vor-Konsistorium beschnuppern müssen, während sie von den ultrarechten Schwulenhassern, wie Müller, Burke, Dolan, Brandmüller, Sarah und Erdö heftig bearbeitet werden.

[….] Als ehemaliger Chef der Glaubenskongregation unter Papst Benedikt XVI. ist Müller bis heute international gefragt – auch wenn Franziskus ihn aufs Abstellgleis umgeleitet hatte.

In gleich zwei Interviews mit großen italienischen Zeitungen stellt er kurz und knapp klar: „Es ist ein Kapitel in der Geschichte der Kirche abgeschlossen.“ Ein Kapitel, das „in einigen Momenten etwas zweideutig“ gewesen sei; das war für Müllers Verhältnisse zurückhaltend formuliert. [….] Er erwarte vom neuen Papst entsprechende Kurskorrekturen. „Die Stärke der Kirche liegt in der Wahrheit, nicht in Kompromissen.“ Und wer von den Kollegen es noch nicht verstanden haben sollte, dem gab Müller auch eine klare Empfehlung: „Alle müssen sich daran erinnern, dass wir der mystische Leib Christi sind und nicht eine internationale humanitäre und soziale Organisation.“  


Für die Mehrheit der deutschen Bischöfe spricht er da nicht und auch nicht für seinen Kardinals-Bruder Marx. [….] Er erhoffe sich auch als nächsten Papst eine mutige, glaubwürdige und kommunikative Persönlichkeit – damit setzte Marx im Gespräch mit deutschen Journalisten andere Prioritäten als Müller. „Die Menschen sehnen sich nach einer Stimme über die nationalen Interessen hinaus“, so der Kardinal weiter. [….] Marx wird in diesen Tagen in Rom gelegentlich als „Königsmacher“ bezeichnet, was er nur halbherzig dementiert mit den Worten, es werde ja gar kein König gewählt. Wie der Zufall so spielt, wurde er zu einem der drei Stellvertreter des Kardinalkämmerers Kevin Farrell bei der Vorbereitung des Konklaves gewählt. Als er direkt nach der Beerdigung von Franziskus zu einem Gottesdienst nach München reisen musste, kam er anschließend umgehend wieder nach Rom, um nur kein Treffen mit den Brüdern Kardinälen zu verpassen. Marx weiß, dass es jetzt ums Ganze geht.  Besonders heftiger Widerspruch kommt aus Afrika, wo viele Bischöfe Franziskus beim Thema Segnung für Homosexuelle offen die Gefolgschaft verweigert hatten, und vor allem aus den USA. [….] Traditionalisten bezeichneten Franziskus’ Kurs als gefährlichen Irrweg und kritisierten, dass er Gläubige verunsichere. Schwerreiche US-Stiftungen sollen seit Langem hinter den Kulissen gegen Franziskus intrigieren und versuchen, potenzielle Nachfolger in Stellung zu bringen. Erst recht im Lager von Donald Trumps Maga-Bewegung, „Make America Great Again“, ist die Stimmung aufgeheizt. Dort gab es regelrecht Begeisterung über den Tod von Franziskus, der teilweise als „illegitimer Papst“ bezeichnet wurde. „Das Böse wird durch Gottes Hand besiegt“, postete die republikanische Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene auf X. [….]

(Marc Beise, 02.05.2025)

Es stimmt schon noch; das Konklave ist schwer einzuschätzen. Wer hätte gedacht, daß sich so ungeniert wieder Kinderfi**er präsentieren, kaum daß Franzl in der Kiste ist!

[….] Als Juan Luis Cipriani Thorne vergangene Woche an den Sarg des verstorbenen Papstes Franziskus trat, dürften so manche Anwesende die Luft angehalten haben. Der Grund war Ciprianis Aufzug: Er trug eine schwarze Soutane, darüber eine rote Schärpe, einen Pileolus  und ein Brustkreuz – das klassische Gewand samt Accessoires eines Kardinals. Dabei hatte Franziskus selbst einst Cipriani verboten, diese Kleidung anzulegen.

Gegen den gebürtigen Peruaner waren massive Vorwürfe erhoben worden. Im August 2018 schrieb ein mutmaßliches Opfer einen Brief an Papst Franziskus. Darin schilderte es, wie es 1983 im Alter von 17 Jahren von Cipriani missbraucht worden sein soll. [….]  Er gehört der erzreaktionären Gemeinschaft Opus Dei an und ist deren erster Kardinal.

Franziskus nahm die 2018 in dem Brief erhobenen Anschuldigungen ernst und verhängte ein Jahr später Strafmaßnahmen gegen Cipriani. Er wurde angewiesen, seine Heimat Peru zu verlassen und seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlegen. Zudem verbot ihm Franziskus, in seiner Kardinalsrobe und mit Kardinalsinsignien aufzutreten, priesterliche Tätigkeiten auszuüben oder öffentliche Erklärungen abzugeben. Und: Cipriani wurde von der Teilnahme an künftigen Konklaven ausgeschlossen. [….] [….] Im Januar 2025, nach dem Bericht der spanischen Zeitung, bestätigte der Vatikan, dass Cipriani nach seinem Rücktritt als Erzbischof von Lima »eine Strafvorschrift mit einer Reihe von Disziplinarmaßnahmen in Bezug auf seine öffentliche Tätigkeit, seinen Wohnsitz und die Verwendung von Insignien auferlegt« worden sei. [….] Für Cipriani scheint eine solche Ausnahme nun gekommen zu sein: Medienberichten zufolge wurde er in den vergangenen Tagen mehrfach in Kardinalsmontur im Vatikan gesichtet. Derart gekleidet erschien er zum Beispiel am 24. April im Petersdom, um Franziskus vor dessen Beerdigung die letzte Ehre zu erweisen. Ebenfalls im Kardinalsgewand kam er zu einer Vesper für Franziskus in der Basilika Santa Maria Maggiore, wo der verstorbene Papst begraben liegt. [….] Beobachter spekulieren zudem, dass durch Ciprianis Anwesenheit das Lager der konservativen Kardinäle , die viele von Franziskus’ Öffnungsversuchen der Kirche rückabwickeln wollen, gestärkt werden könnte. Cipriani ist etwa erklärter Gegner der sogenannten Befreiungstheologie, einer in Lateinamerika entstandenen christlichen Theorie, die sich als »Stimme der Armen« versteht und sich für ein Ende von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung einsetzen will. Franziskus stand der Befreiungstheologie offen gegenüber. [….] Es ist nicht das erste Mal, dass sich Cipriani einer päpstlichen Strafmaßnahme entzieht: Anfang dieses Jahres reiste er – trotz Verbot – nach Peru. Der dortige Bürgermeister, wie Cipriani Mitglied bei Opus Dei, verlieh dem verbannten Kardinal eine besondere Auszeichnung: den höchsten Verdienstorden der peruanischen Hauptstadt. [….]

(SPON, 02.05.2025)

Donnerstag, 1. Mai 2025

Impudenz des Monats April 2025

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Markus Söder, 58, kenne ich schon rund 30 Jahre. Er war schon im JU-Alter (von 1995 bis 2003 Landesvorsitzender der JU Bayern) im fernen Hamburg bekannt, was durchaus ungewöhnlich ist. Wer kennt schon die Landeschefs der verschiedenen Partei-Jugendorganisationen in abgelegenen Freistaaten? Ich weiß noch nicht mal aus dem Kopf, wie der Hamburger JuSo-Chef heißt.

Aber Söder kombinierte seine dumpf rechte Borniertheit, abstruse Strauß-Verehrung, seine Art, besonders unangenehm vorlaut zu sein und das abstoßende Äußere („ein Gesicht, das wirklich nur eine Mutter lieben kann“ – Scheibenwischer), zu so einem schrillen Gesamtpaket, daß man sich bis in den hohen Norden gruselte. 



Man ahnte es natürlich; der Typ würde die übliche CSU-Karriere weiter laufen: Generalsekretär, Staatsminister, Ministerpräsident, Parteivorsitzender.

Gleichzeitig konnte man es aber auch nicht fassen, weil Söder charakterlich so extrem verdorben ist. Sein Vorgänger als MP und Parteichef hasst ihn bis heute, wie die Pest und versuchte mit allen Mitteln, den fränkischen Intriganten mit seinen „Schmutzeleien“ zu verhindern.






[…..] Als Seehofer noch Ministerpräsident und Söder sein Finanzminister war, lieferten sich beide einen jahrelangen Machtkampf, der zum Teil auf offener Bühne ausgetragen wurde. 2012 attestierte Seehofer seinem Konkurrenten auf einer Weihnachtsfeier „charakterliche Schwächen“ und einen Hang zu „Schmutzeleien“. 2018 verdrängte ihn Söder schließlich aus dem Amt des Ministerpräsidenten, 2019 übernahm er auch den CSU-Vorsitz. Seehofer zog sich nach der Bundestagswahl 2021 aus der aktiven Politik zurück. [….]

(SZ, 09.03.2025)

Seehofer gerät in Vergessenheit, Markus Söder, der sogar schon Impudenz des Jahres 2023 war, wird hiermit auch zur Impudenz des Monats April 2025 gekürt.





Söder ist für viele Dinge bekannt. Da ist zunächst einmal seine menschenverachtenden Hetze gegen Minderheiten. Das CSU-Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 entspricht haargenau dem der AfD von 2021.

Söder lügt wie gedruckt und überzog die Grünen mit derartig viel Lügenhetze, daß sie in Bayern physisch angegriffen werden.

Söder hat eine katastrophale Arbeitsmoral, ist zu faul, um zu Bundesratssitzungen, den C-Ministerpräsidentenrunden oder gar im Bayerischen Landtag zu erscheinen.

Söder wechselt völlig willkürlich seine Meinungen, je nach politischer Opportunität. Er forderte nachdrücklich; teilweise mit Rücktrittsdrohungen; den Ausstieg aus der Kernenergie, ein Verbrennerverbot und die Aufnahme afghanischer Ortskräfte in Deutschland. Nur um ein paar Jahre später, wenn seine ureigenen Forderungen umgesetzt wurden, wie das zeternde Rumpelstilzchen dagegen zu wettern und nun das diametrale Gegenteil zu verlangen. Der Mann ist zutiefst unehrlich und moralisch völlig verkommen.

Den Titel als Blödmann des Monats April bekommt er aber für eine andere Leistung, nämlich seine unfassbare Peinlichkeit als Food- und Reiseblogger, die inzwischen auch größte Fans in der ultrakonservativen Presse erschaudern lässt.

[…..] Söder im Lichterglanz des Märchenkönigs

Diese 60 Millionen Euro an Steuergeldern sind gut angelegt. Das finden zumindest Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und sein Staatskabinett. Da steht es außer Frage, dass der Regierungschef höchstpersönlich zur offiziellen Wiedereröffnung der Venusgrotte in Schloss Linderhof vorbeischaut.

Linderhof – Ohne die übliche Portion Söder-Prätention geht es an diesem Tag natürlich nicht. Schon gar nicht an diesem Ort. Die Venusgrotte zu Schloss Linderhof ist einerseits ein Symbol des Größenwahns und der Verschwendung von König Ludwig II., andererseits ein Beleg, warum der Monarch nach wie vor als Märchenkönig verehrt wird. Er ließ sie für viel Geld errichten, um einen ganz persönlichen Rückzugsort zu haben, an dem er sich wahlweise im Muschelkahn über den künstlichen See fahren ließ oder auf dem Kristallthron zur Ruhe kam.   […..]

(Merkur, 01.05.2025)

[…] Markus Söder veröffentlicht ein Grinse-Selfie von sich und Bundespräsident Steinmeier auf dem Weg zur Beisetzung von Papst Franziskus. Unser Autor schämt sich, von diesen Politikern im Ausland repräsentiert zu werden. [….]

(Die Welt, 28.04.2025)







 […..] Der Kalender schrieb den 26. April, als der heilige Markus vom Himmel hinabfuhr und Rom mit seiner Anwesenheit beglückte. Fünf Bilder seines Antlitzes schenkte er den Menschen von diesem Besuch in der italienischen Hauptstadt und dem Vatikan.  Das unbefleckte Auge mag sich gewundert haben, wer dieser klobrillenbarttragende Mann mit dem außerordentlichen Geltungsdrang ist. Der gemeine deutsche Social-Media-User jedoch wusste sofort: Markus Söder is back, und zwar mit mehr Main-Character-Syndrome than ever. Denn die Reise mit sehr hoher Selfiedichte war nicht etwa ein schöner Italienurlaub des CSU-Chefs und bayerischen Ministerpräsidenten; Anlass war der Trauerakt für Papst Franziskus. […..] Donald Trump fiel zwar mit seinem blauen Anzug auf, da die Kleiderordnung einen schwarzen verlangte. Doch niemand, wirklich niemand löste mit seinem Verhalten so viele Side Eyes aus wie Markus Söder. Und er gehörte noch nicht einmal zur offiziellen deutschen Delegation. Katholik ist er auch nicht. Trotzdem wollte er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Beerdigung des Papstes zu seiner Bühne zu machen. […..] Auch als Atheist betete man zu Gott, dass jemand dem Söder das Handy wegnimmt. […..] Bitte, Gott, lass den Söder-Markus ein Social-Media-Training machen, damit er nicht weiter so creepy an der Kameralinse vorbeilächelt  und Hashtags setzt wie ein #Boomer. Denn sind wir mal ehrlich, das nächste Leberkässemmel-Selfie , die pseudonachdenkliche Aus-dem-Fenster-blick-Pose  oder das KI-generierte Indien-Klischee-Bild im Lotossitz  werden kommen.  Um noch einmal die Predigt von Ricarda Lang aufzugreifen: »Das ›C‹ in CSU steht für cringe.« Und das »C« in Markus steht für cool.  [….]

(Charlotte, Lüder, SPON, 28.04.2025)







[….] Auch in der CDU sorgte Söders Post für Verärgerung. „Es ist ja ein beeindruckendes Talent, aus jedem Misthaufen einen Luftkurort zu machen, aber Scham und Pietätsgrenzen gibt es offenbar keine mehr“, schäumte Dennis Radtke, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands (CDA), gegenüber dem Tagesspiegel. Der Europaabgeordnete der Schwesterpartei warf Söder vor, „Politik als reines Event, inklusive Infantilisierung und Banalisierung“ zu inszenieren.

Ihn wundere es nicht, dass „viele Menschen in unserem Land den ganzen Betrieb nicht mehr ernst nehmen können“, sagte Radtke. „Mir fällt es zuweilen selber schwer.“ Auch der frühere NRW-Ministerpräsident Armin Laschet konnte sich einen Seitenhieb auf den „Selfie-Kult“, den er „verstörend“ nannte, nicht verkneifen.  [….]

(Taz, 27.04.2025)





[….]  Markus Söder steht erst still und schweigend da, man hört nur die militärischen Ehren, Uniformierte mit Trommel und Trompete. Er verbeugt sich schließlich. Und dann geht er auf die Knie. Es ist die Geste wie im Dezember 1970 beim Kniefall des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt. Und es findet an genau derselben Stelle statt: im kalten Wind vor dem Mahnmal für die Helden des jüdischen Ghettos in Warschau, für die Aufständischen gegen die Nazi-Barbarei. Ein vergeblicher Aufstand von jenen Juden, die 1943 noch nicht nach Treblinka deportiert waren. […..] Was steckt hinter Söders außenpolitischer Offensive seit ein paar Jahren, unter anderem auf der Chinesischen Mauer in Peking, vor Pyramiden in Ägypten, in Israel, auf dem Balkan, jetzt in Osteuropa?  [….]

(Johan Osel, 11.12.2024)




[…..] Ihr Narzissmus mag historische Figuren wie Napoleon Bonaparte oder Caesar zum Übermut und letztlich ins Verderben geführt haben. In der Neuzeit scheint der Nutzen der Eitelkeit größer zu sein als die Gefahr. […..] In Deutschland gehört Markus Söder zu den Marktführern in diesem Geschäft. […..]. Der CSU-Vorsitzende hat in seinem eitlen Streben nach Beifall im Bierzelt und Likes im Internet erkannt, dass es besonders effektiv sein kann, das unpolierte Selbst zur Schau zu stellen. Die teure Uhr, die manchmal an seiner Hand zu sehen ist, ist optisch der einzige Hinweis, dass der bayerische Ministerpräsident selbst nicht zur »Leberkäs-Etage« gehört, als deren Mitglied er sich gekonnt inszeniert. Über sein Faible für sackartige Zipper-Jacken unterm Sakko, robuste Schuhe, zu weite Hosen oder den stoppeligen Bart mögen Journalistinnen aus Hamburg spotten – bei weiten Teilen der bayerischen Bevölkerung verschafft Söders ungehobeltes Äußeres ihm ein bodenständiges Image und damit Glaubwürdigkeit. Söders neuestes Lieblingsmotiv, um sich und sein Essen auf Instagram in Szene zu setzen, ist das Selfie beim Biss in eine Kalorienbombe. Vor ein paar Tagen postete er ein Bild, das ihn beim Verspeisen eines Burgers zeigt : das Gesicht verzerrt, ein Auge geschlossen, die Finger inklusive Schmutzrand unterm Nagel in Nahaufnahme. Niemand mag schlechte Bilder von sich? Niemand außer Markus Maniküremuffel Söder! Unvorteilhafter als er kann man sich selbst nicht porträtieren. […..]

(Anna Clauß, 28.03.2025)