Freitag, 2. Mai 2025

Papabili

Als Karol Wojtyła am 16.10.1978 Papst wurde, war ich natürlich noch zu jung, um andere Kardinäle zu kennen. Ich meine mich dunkel an die Verwunderung über das Zweite Konklave innerhalb weniger Wochen zu erinnern (möglicherweise habe ich mir das meiste davon aber später angelesen.) Ich weiß aber noch, daß in meinem religionsfernen, atheistischen Elternhaus aufgrund „der Polacken“ in unserem Wohnzimmer viel gestaunt wurde. Meine Eltern hatten damals einen großen polnischen Freundeskreis, der ständig anwesend war, was ich toll fand, da die alle immer irgendwas mit uns Kindern spielten. Außerdem veranstalteten sie riesige Koch-Gelage in unserer Küche und zauberten die tollsten Dinge auf den Tisch. Sie waren zwar aus dem polnischen Kommunismus geflohen, aber ebensolche Heiden wie wir; rissen ständig Witzedarüber, nun einen eigenen Papst zu haben. Die Verwunderung über ihn war anfangs enorm, weil er, bevor er 1981 angeschossen wurde, so sagenhaft fit und sportlich war. Er lief Ski, schwamm, lief umher, sprach mit jedem, konnte gefühlt JEDE Sprache. Obwohl ich zu jung war, um mich an Pillen-Paule oder Konzil-Roncalli zu erinnern, begriff ich, wie erstaunlich es war, daß der Pole sich nicht mehr in einer Sänfte tragen ließ und nur mit dem einfachen weißen Deckel, statt der Tiara rumlatschte.

Mein kuriales Interesse erwachte bald. Aber was für ein Pech, daß ich als Sedisvakanz-Fan ausgerechnet mit dem zweitlängsten Pontifikat der Geschichte startete. Siebenundzwanzig Jahre musste ich warten, bis ich mich endlich ausführlich den Nachfolge-Spekulationen der Papabili widmen konnte.

2005 war Ratzinger der Kardinal, den ich am besten kannte, aber ich hatte ihn nicht auf dem Zettel als Nachfolger, weil er Kardinaldekan und Präfekt der Glaubenskongregation war und üblicherweise nicht jemand aus der absoluten Kurienspitze nachrückt. Das gab es in jüngerer Vergangenheit nur einmal, bei Pacelli, der 1939, an seinem 63. Geburtstag von der Nummer Zwei – Kardinalstaatssekretär und als  Erzpriester Vermögensverwalter des Petersdoms – zur Nummer Eins, Papst Pius XII, aufrückte. Der Grund lag offensichtlich im anstehenden Weltkrieg und den weltweiten faschistischen Umwälzungen; der Vatikan wollte unbedingt Kontinuität ausstrahlen. Pacelli unterstrich das, indem er Rattis Papstnamen – Pius XI – direkt weiter führte. Pacelli war jung, fit und deutschsprachig, stand Hitler durchaus aufgeschlossen gegenüber, würde also den Konkordatskurs mit den Nazi-Diktatoren lange weiterführen.

Bei Ratzi 2005 war die inhaltliche Übereinstimmung zu seinem Vorgänger ebenso offensichtlich. Anders als Pacelli, war er bei seiner Wahl schon 79 Jahre alt, also ein Papst-Methusalem. Aber das passte nach dem endlosen Pontifikat nur zu gut. Noch einmal fast 30 Jahre würde Ratzinger sicher nicht durchhalten. Es wollten schließlich auch noch ein paar andere Papabili die Möglichkeit haben, Chef zu werden.

Der ranghöchste Mann im roten Kleid heißt gegenwärtig Kardinaldekan und Kardinalbischof Giovanni Battista Kardinal Re, der allerdings mit 91 Jahren wohl deutlich zu alt ist, auch wenn er Franzis Beerdigung noch locker meisterte.

Pacelli und Ratzinger waren also die Ausnahmen der berühmten Regel „wer als Papst das Konklave betritt, verlässt es als Kardinal“ (Die Mächtigen und Favoriten scheitern bei der Wahl zum Papst).

1978 war es eine extreme Sensation, einen Nicht-Italiener zu wählen. Ein Deutscher war 2005 auch immer noch spektakulär.

Aber 2025, nach drei Ausländern in Folge – Luciani, der letzte italienische Papst starb 1978; oder wurde gestorben – zählen Italiener nicht mehr automatisch zu den Favoriten, obwohl sie mit 18 wahlberechtigten Kardinälen immer noch klar die zahlenmäßig größte Gruppe stellen. Aber 18 von 135 sind eben nur noch 13% der Stimmen – weit entfernt von der notwendigen 2/3-Mehrheit.



Nicht nur hat der argentinische Papst generell die Wahl eines Ausländers wahrscheinlicher gemacht; er hat vor allem so viele Peripherie-Bischöfe mit roten Deckeln ausgestattet, daß nationale Allianzen, um einen der ihren durchzubringen, unmöglich sind.

Für einen Italienischen Papst spricht allerdings die Unzufriedenheit der Kurienkardinäle mit Bergoglio, dem es gefiel, die Dikasterien zu beschimpfen und an den Präfekten vorbei zu entscheiden. Das Konsistorium war ihm völlig egal. Ein Italiener könnte die Strukturen wieder stärken und das Chaos beseitigen.

Gegen einen Italiener spricht aber, daß Europa generell rapide an Bedeutung für die katholische Kirche verliert. Die Gläubigen sind hier viel zu liberal; sie treten massenhaft aus. Das könnte auch kein europäischer Papst verhindern; siehe Ratzinger. Es wäre also „Verschwendung,“ Europa im Konklave zu berücksichtigen.

Pierbattista Pizzaballa könnte eine Lösung sein. Er ist zwar Italiener (wie Bergoglio auch!), steht aber als Kardinal und lateinischer Patriarch von Jerusalem für den Knotenpunkt der abrahamitischen Religionen und den vorderasiatischen Raum.

Gegen ihn spricht, daß er erst vor wenigen Tagen, am 21. April, 60 Jahre alt wurde. Das ist noch zu viel Lebenserwartung. Der Mann könnte ohne weiteres 95 werden und damit die Papsthoffnungen aller lebenden Kardinäle pulverisieren.

Bei Bergoglios Wahl 2013 spielte sicherlich eine Rolle, die vielen südamerikanischen Konvertierungen zu Evangelikalen und  Pfingstkirchlern zu stoppen. Das funktionierte. Latein-Amerika stellt heute mit 42% die mit Abstand größte Gruppe des Katholizismus.

Ein zweiter Südamerikaner in Folge gilt aber als unwahrscheinlich, weil die RKK nun einmal eine Weltkirche ist und sich andere Regionen vernachlässigt fühlen könnten.

Ein afrikanischer Papst wäre strategisch sinnvoll, da die RKK dort am meisten zulegt. Die Zukunft des Katholizismus liegt im Subsahara-Raum. Ein afrikanischer Papst gilt aber dennoch als nahezu ausgeschlossen, weil die entsprechenden Kardinäle alle ultrakonservativ sind und zweifellos den Kurs des Katholizismus deutlich misogyner und homophober gestalten würden. Das gäbe aber Ärger auf anderen Kontinenten. Entsprechendes gilt für nordamerikanische Kardinäle. Dunkelkatholiban wie David Berger plädieren lautstark für die Trump/Bannon-Fans Dolan oder Burke, die radikal gegen alles Queere vorgehen. Genau  deshalb halte ich ihre Chancen aber für minimal, zumal es in der Globalisierung schlecht ankäme, ausgerechnet jemanden aus dem reichsten Land mit der reichsten Kirchen zu erwählen.

Meines Erachtens läuft es auf einen asiatischen oder ozeanischen Papst hinaus. Allerdings schließe ich mich der Binsenweisheit an, daß alle Prognosen unseriös sind; insbesondere weil sich die Peripherie-Kardinäle gar nicht kennen und sich erst im Vor-Konsistorium beschnuppern müssen, während sie von den ultrarechten Schwulenhassern, wie Müller, Burke, Dolan, Brandmüller, Sarah und Erdö heftig bearbeitet werden.

[….] Als ehemaliger Chef der Glaubenskongregation unter Papst Benedikt XVI. ist Müller bis heute international gefragt – auch wenn Franziskus ihn aufs Abstellgleis umgeleitet hatte.

In gleich zwei Interviews mit großen italienischen Zeitungen stellt er kurz und knapp klar: „Es ist ein Kapitel in der Geschichte der Kirche abgeschlossen.“ Ein Kapitel, das „in einigen Momenten etwas zweideutig“ gewesen sei; das war für Müllers Verhältnisse zurückhaltend formuliert. [….] Er erwarte vom neuen Papst entsprechende Kurskorrekturen. „Die Stärke der Kirche liegt in der Wahrheit, nicht in Kompromissen.“ Und wer von den Kollegen es noch nicht verstanden haben sollte, dem gab Müller auch eine klare Empfehlung: „Alle müssen sich daran erinnern, dass wir der mystische Leib Christi sind und nicht eine internationale humanitäre und soziale Organisation.“  


Für die Mehrheit der deutschen Bischöfe spricht er da nicht und auch nicht für seinen Kardinals-Bruder Marx. [….] Er erhoffe sich auch als nächsten Papst eine mutige, glaubwürdige und kommunikative Persönlichkeit – damit setzte Marx im Gespräch mit deutschen Journalisten andere Prioritäten als Müller. „Die Menschen sehnen sich nach einer Stimme über die nationalen Interessen hinaus“, so der Kardinal weiter. [….] Marx wird in diesen Tagen in Rom gelegentlich als „Königsmacher“ bezeichnet, was er nur halbherzig dementiert mit den Worten, es werde ja gar kein König gewählt. Wie der Zufall so spielt, wurde er zu einem der drei Stellvertreter des Kardinalkämmerers Kevin Farrell bei der Vorbereitung des Konklaves gewählt. Als er direkt nach der Beerdigung von Franziskus zu einem Gottesdienst nach München reisen musste, kam er anschließend umgehend wieder nach Rom, um nur kein Treffen mit den Brüdern Kardinälen zu verpassen. Marx weiß, dass es jetzt ums Ganze geht.  Besonders heftiger Widerspruch kommt aus Afrika, wo viele Bischöfe Franziskus beim Thema Segnung für Homosexuelle offen die Gefolgschaft verweigert hatten, und vor allem aus den USA. [….] Traditionalisten bezeichneten Franziskus’ Kurs als gefährlichen Irrweg und kritisierten, dass er Gläubige verunsichere. Schwerreiche US-Stiftungen sollen seit Langem hinter den Kulissen gegen Franziskus intrigieren und versuchen, potenzielle Nachfolger in Stellung zu bringen. Erst recht im Lager von Donald Trumps Maga-Bewegung, „Make America Great Again“, ist die Stimmung aufgeheizt. Dort gab es regelrecht Begeisterung über den Tod von Franziskus, der teilweise als „illegitimer Papst“ bezeichnet wurde. „Das Böse wird durch Gottes Hand besiegt“, postete die republikanische Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene auf X. [….]

(Marc Beise, 02.05.2025)

Es stimmt schon noch; das Konklave ist schwer einzuschätzen. Wer hätte gedacht, daß sich so ungeniert wieder Kinderfi**er präsentieren, kaum daß Franzl in der Kiste ist!

[….] Als Juan Luis Cipriani Thorne vergangene Woche an den Sarg des verstorbenen Papstes Franziskus trat, dürften so manche Anwesende die Luft angehalten haben. Der Grund war Ciprianis Aufzug: Er trug eine schwarze Soutane, darüber eine rote Schärpe, einen Pileolus  und ein Brustkreuz – das klassische Gewand samt Accessoires eines Kardinals. Dabei hatte Franziskus selbst einst Cipriani verboten, diese Kleidung anzulegen.

Gegen den gebürtigen Peruaner waren massive Vorwürfe erhoben worden. Im August 2018 schrieb ein mutmaßliches Opfer einen Brief an Papst Franziskus. Darin schilderte es, wie es 1983 im Alter von 17 Jahren von Cipriani missbraucht worden sein soll. [….]  Er gehört der erzreaktionären Gemeinschaft Opus Dei an und ist deren erster Kardinal.

Franziskus nahm die 2018 in dem Brief erhobenen Anschuldigungen ernst und verhängte ein Jahr später Strafmaßnahmen gegen Cipriani. Er wurde angewiesen, seine Heimat Peru zu verlassen und seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlegen. Zudem verbot ihm Franziskus, in seiner Kardinalsrobe und mit Kardinalsinsignien aufzutreten, priesterliche Tätigkeiten auszuüben oder öffentliche Erklärungen abzugeben. Und: Cipriani wurde von der Teilnahme an künftigen Konklaven ausgeschlossen. [….] [….] Im Januar 2025, nach dem Bericht der spanischen Zeitung, bestätigte der Vatikan, dass Cipriani nach seinem Rücktritt als Erzbischof von Lima »eine Strafvorschrift mit einer Reihe von Disziplinarmaßnahmen in Bezug auf seine öffentliche Tätigkeit, seinen Wohnsitz und die Verwendung von Insignien auferlegt« worden sei. [….] Für Cipriani scheint eine solche Ausnahme nun gekommen zu sein: Medienberichten zufolge wurde er in den vergangenen Tagen mehrfach in Kardinalsmontur im Vatikan gesichtet. Derart gekleidet erschien er zum Beispiel am 24. April im Petersdom, um Franziskus vor dessen Beerdigung die letzte Ehre zu erweisen. Ebenfalls im Kardinalsgewand kam er zu einer Vesper für Franziskus in der Basilika Santa Maria Maggiore, wo der verstorbene Papst begraben liegt. [….] Beobachter spekulieren zudem, dass durch Ciprianis Anwesenheit das Lager der konservativen Kardinäle , die viele von Franziskus’ Öffnungsversuchen der Kirche rückabwickeln wollen, gestärkt werden könnte. Cipriani ist etwa erklärter Gegner der sogenannten Befreiungstheologie, einer in Lateinamerika entstandenen christlichen Theorie, die sich als »Stimme der Armen« versteht und sich für ein Ende von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung einsetzen will. Franziskus stand der Befreiungstheologie offen gegenüber. [….] Es ist nicht das erste Mal, dass sich Cipriani einer päpstlichen Strafmaßnahme entzieht: Anfang dieses Jahres reiste er – trotz Verbot – nach Peru. Der dortige Bürgermeister, wie Cipriani Mitglied bei Opus Dei, verlieh dem verbannten Kardinal eine besondere Auszeichnung: den höchsten Verdienstorden der peruanischen Hauptstadt. [….]

(SPON, 02.05.2025)

Donnerstag, 1. Mai 2025

Impudenz des Monats April 2025

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Markus Söder, 58, kenne ich schon rund 30 Jahre. Er war schon im JU-Alter (von 1995 bis 2003 Landesvorsitzender der JU Bayern) im fernen Hamburg bekannt, was durchaus ungewöhnlich ist. Wer kennt schon die Landeschefs der verschiedenen Partei-Jugendorganisationen in abgelegenen Freistaaten? Ich weiß noch nicht mal aus dem Kopf, wie der Hamburger JuSo-Chef heißt.

Aber Söder kombinierte seine dumpf rechte Borniertheit, abstruse Strauß-Verehrung, seine Art, besonders unangenehm vorlaut zu sein und das abstoßende Äußere („ein Gesicht, das wirklich nur eine Mutter lieben kann“ – Scheibenwischer), zu so einem schrillen Gesamtpaket, daß man sich bis in den hohen Norden gruselte. 



Man ahnte es natürlich; der Typ würde die übliche CSU-Karriere weiter laufen: Generalsekretär, Staatsminister, Ministerpräsident, Parteivorsitzender.

Gleichzeitig konnte man es aber auch nicht fassen, weil Söder charakterlich so extrem verdorben ist. Sein Vorgänger als MP und Parteichef hasst ihn bis heute, wie die Pest und versuchte mit allen Mitteln, den fränkischen Intriganten mit seinen „Schmutzeleien“ zu verhindern.






[…..] Als Seehofer noch Ministerpräsident und Söder sein Finanzminister war, lieferten sich beide einen jahrelangen Machtkampf, der zum Teil auf offener Bühne ausgetragen wurde. 2012 attestierte Seehofer seinem Konkurrenten auf einer Weihnachtsfeier „charakterliche Schwächen“ und einen Hang zu „Schmutzeleien“. 2018 verdrängte ihn Söder schließlich aus dem Amt des Ministerpräsidenten, 2019 übernahm er auch den CSU-Vorsitz. Seehofer zog sich nach der Bundestagswahl 2021 aus der aktiven Politik zurück. [….]

(SZ, 09.03.2025)

Seehofer gerät in Vergessenheit, Markus Söder, der sogar schon Impudenz des Jahres 2023 war, wird hiermit auch zur Impudenz des Monats April 2025 gekürt.





Söder ist für viele Dinge bekannt. Da ist zunächst einmal seine menschenverachtenden Hetze gegen Minderheiten. Das CSU-Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 entspricht haargenau dem der AfD von 2021.

Söder lügt wie gedruckt und überzog die Grünen mit derartig viel Lügenhetze, daß sie in Bayern physisch angegriffen werden.

Söder hat eine katastrophale Arbeitsmoral, ist zu faul, um zu Bundesratssitzungen, den C-Ministerpräsidentenrunden oder gar im Bayerischen Landtag zu erscheinen.

Söder wechselt völlig willkürlich seine Meinungen, je nach politischer Opportunität. Er forderte nachdrücklich; teilweise mit Rücktrittsdrohungen; den Ausstieg aus der Kernenergie, ein Verbrennerverbot und die Aufnahme afghanischer Ortskräfte in Deutschland. Nur um ein paar Jahre später, wenn seine ureigenen Forderungen umgesetzt wurden, wie das zeternde Rumpelstilzchen dagegen zu wettern und nun das diametrale Gegenteil zu verlangen. Der Mann ist zutiefst unehrlich und moralisch völlig verkommen.

Den Titel als Blödmann des Monats April bekommt er aber für eine andere Leistung, nämlich seine unfassbare Peinlichkeit als Food- und Reiseblogger, die inzwischen auch größte Fans in der ultrakonservativen Presse erschaudern lässt.

[…..] Söder im Lichterglanz des Märchenkönigs

Diese 60 Millionen Euro an Steuergeldern sind gut angelegt. Das finden zumindest Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und sein Staatskabinett. Da steht es außer Frage, dass der Regierungschef höchstpersönlich zur offiziellen Wiedereröffnung der Venusgrotte in Schloss Linderhof vorbeischaut.

Linderhof – Ohne die übliche Portion Söder-Prätention geht es an diesem Tag natürlich nicht. Schon gar nicht an diesem Ort. Die Venusgrotte zu Schloss Linderhof ist einerseits ein Symbol des Größenwahns und der Verschwendung von König Ludwig II., andererseits ein Beleg, warum der Monarch nach wie vor als Märchenkönig verehrt wird. Er ließ sie für viel Geld errichten, um einen ganz persönlichen Rückzugsort zu haben, an dem er sich wahlweise im Muschelkahn über den künstlichen See fahren ließ oder auf dem Kristallthron zur Ruhe kam.   […..]

(Merkur, 01.05.2025)

[…] Markus Söder veröffentlicht ein Grinse-Selfie von sich und Bundespräsident Steinmeier auf dem Weg zur Beisetzung von Papst Franziskus. Unser Autor schämt sich, von diesen Politikern im Ausland repräsentiert zu werden. [….]

(Die Welt, 28.04.2025)







 […..] Der Kalender schrieb den 26. April, als der heilige Markus vom Himmel hinabfuhr und Rom mit seiner Anwesenheit beglückte. Fünf Bilder seines Antlitzes schenkte er den Menschen von diesem Besuch in der italienischen Hauptstadt und dem Vatikan.  Das unbefleckte Auge mag sich gewundert haben, wer dieser klobrillenbarttragende Mann mit dem außerordentlichen Geltungsdrang ist. Der gemeine deutsche Social-Media-User jedoch wusste sofort: Markus Söder is back, und zwar mit mehr Main-Character-Syndrome than ever. Denn die Reise mit sehr hoher Selfiedichte war nicht etwa ein schöner Italienurlaub des CSU-Chefs und bayerischen Ministerpräsidenten; Anlass war der Trauerakt für Papst Franziskus. […..] Donald Trump fiel zwar mit seinem blauen Anzug auf, da die Kleiderordnung einen schwarzen verlangte. Doch niemand, wirklich niemand löste mit seinem Verhalten so viele Side Eyes aus wie Markus Söder. Und er gehörte noch nicht einmal zur offiziellen deutschen Delegation. Katholik ist er auch nicht. Trotzdem wollte er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Beerdigung des Papstes zu seiner Bühne zu machen. […..] Auch als Atheist betete man zu Gott, dass jemand dem Söder das Handy wegnimmt. […..] Bitte, Gott, lass den Söder-Markus ein Social-Media-Training machen, damit er nicht weiter so creepy an der Kameralinse vorbeilächelt  und Hashtags setzt wie ein #Boomer. Denn sind wir mal ehrlich, das nächste Leberkässemmel-Selfie , die pseudonachdenkliche Aus-dem-Fenster-blick-Pose  oder das KI-generierte Indien-Klischee-Bild im Lotossitz  werden kommen.  Um noch einmal die Predigt von Ricarda Lang aufzugreifen: »Das ›C‹ in CSU steht für cringe.« Und das »C« in Markus steht für cool.  [….]

(Charlotte, Lüder, SPON, 28.04.2025)







[….] Auch in der CDU sorgte Söders Post für Verärgerung. „Es ist ja ein beeindruckendes Talent, aus jedem Misthaufen einen Luftkurort zu machen, aber Scham und Pietätsgrenzen gibt es offenbar keine mehr“, schäumte Dennis Radtke, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands (CDA), gegenüber dem Tagesspiegel. Der Europaabgeordnete der Schwesterpartei warf Söder vor, „Politik als reines Event, inklusive Infantilisierung und Banalisierung“ zu inszenieren.

Ihn wundere es nicht, dass „viele Menschen in unserem Land den ganzen Betrieb nicht mehr ernst nehmen können“, sagte Radtke. „Mir fällt es zuweilen selber schwer.“ Auch der frühere NRW-Ministerpräsident Armin Laschet konnte sich einen Seitenhieb auf den „Selfie-Kult“, den er „verstörend“ nannte, nicht verkneifen.  [….]

(Taz, 27.04.2025)





[….]  Markus Söder steht erst still und schweigend da, man hört nur die militärischen Ehren, Uniformierte mit Trommel und Trompete. Er verbeugt sich schließlich. Und dann geht er auf die Knie. Es ist die Geste wie im Dezember 1970 beim Kniefall des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt. Und es findet an genau derselben Stelle statt: im kalten Wind vor dem Mahnmal für die Helden des jüdischen Ghettos in Warschau, für die Aufständischen gegen die Nazi-Barbarei. Ein vergeblicher Aufstand von jenen Juden, die 1943 noch nicht nach Treblinka deportiert waren. […..] Was steckt hinter Söders außenpolitischer Offensive seit ein paar Jahren, unter anderem auf der Chinesischen Mauer in Peking, vor Pyramiden in Ägypten, in Israel, auf dem Balkan, jetzt in Osteuropa?  [….]

(Johan Osel, 11.12.2024)




[…..] Ihr Narzissmus mag historische Figuren wie Napoleon Bonaparte oder Caesar zum Übermut und letztlich ins Verderben geführt haben. In der Neuzeit scheint der Nutzen der Eitelkeit größer zu sein als die Gefahr. […..] In Deutschland gehört Markus Söder zu den Marktführern in diesem Geschäft. […..]. Der CSU-Vorsitzende hat in seinem eitlen Streben nach Beifall im Bierzelt und Likes im Internet erkannt, dass es besonders effektiv sein kann, das unpolierte Selbst zur Schau zu stellen. Die teure Uhr, die manchmal an seiner Hand zu sehen ist, ist optisch der einzige Hinweis, dass der bayerische Ministerpräsident selbst nicht zur »Leberkäs-Etage« gehört, als deren Mitglied er sich gekonnt inszeniert. Über sein Faible für sackartige Zipper-Jacken unterm Sakko, robuste Schuhe, zu weite Hosen oder den stoppeligen Bart mögen Journalistinnen aus Hamburg spotten – bei weiten Teilen der bayerischen Bevölkerung verschafft Söders ungehobeltes Äußeres ihm ein bodenständiges Image und damit Glaubwürdigkeit. Söders neuestes Lieblingsmotiv, um sich und sein Essen auf Instagram in Szene zu setzen, ist das Selfie beim Biss in eine Kalorienbombe. Vor ein paar Tagen postete er ein Bild, das ihn beim Verspeisen eines Burgers zeigt : das Gesicht verzerrt, ein Auge geschlossen, die Finger inklusive Schmutzrand unterm Nagel in Nahaufnahme. Niemand mag schlechte Bilder von sich? Niemand außer Markus Maniküremuffel Söder! Unvorteilhafter als er kann man sich selbst nicht porträtieren. […..]

(Anna Clauß, 28.03.2025)



Mittwoch, 30. April 2025

Kommt doch noch der Aufschlag in der Realität?

Bevor Donald Trump Ende 2016 mit 2,5 Millionen StimmenMINDERHEIT zum US-Präsidenten gewählt wurde, wußte man natürlich schon einiges über ihn. Kannte seinen chronischen wirtschaftlichen Misserfolg, den Rassismus, den Sexismus, die Vulgarität, seine Unanständigkeit und natürlich das manische Lügen.

Es dauert aber bis nach seinem Amtsantritt im Januar 2017 bis ich tatsächlich die zwei entscheidende Faktoren seiner Lügerei begriff:

·        Er lügt keineswegs nur absichtsvoll, sondern auch völlig willkürlich, sich selbst widersprechend und für jeden offensichtlich. Er lügt nicht ökonomisch, sondern völlig inflationär.

·        Es schadet ihm bei seiner Anhängerschaft keineswegs als myriadenfach überführter Lügner dazustehen.

Das hatte ich bis 2015 nicht verstanden, daß ein so mächtiger Mann so extrem viel lügen kann, ohne dafür irgendeinen Preis zu zahlen. Aber es war wohl zu naiv, im Social Media Zeitalter noch von einer Wählerschaft auszugehen, die nicht gern verarscht wird.

Heute kennen wir natürlich alle auch den ideologischen Bannonschen Überbau, nach dem der öffentliche Raum so sehr mit Scheiße geflutet werden müsse, daß die faschistische Oligarchie sich in der Tarnung des ewigen Shitstorms immer besser etablieren kann.

Als Donald Trump im 2024er Wahlkampf People of Color, Immigranten, Queere und insbesondere Kamala Harris und Joe Biden mit vollkommen abstrusen Lügen überzog, wußte ich, anders als acht Jahre zuvor, daß es ihm eben nicht schaden würde.

Sondern daß er wertwolle Aufmerksamkeit generiert, wenn er vor den Fernsehkameras der Welt erklärt, Haitianische Einwanderer äßen den Amerikanern die Haustiere, die Katzen und Hunde weg. Daß Eltern morgens ihren gesunden Jungen in die Schule schickten und ihn/sie zum Mädchen zwangsoperiert nachmittags zurück bekämen. Es gibt nichts, das irrsinnig genug wäre, um von den Trumpanzees für zu irre gehalten zu werden, um ihn zu wählen.

Die sind ein sadopopulistischer religiöser Kult, der sich an jedem neuen Hassmärchen noch mehr ergötzt.

Für sie ist immer jemand anders Schuld. Social Media ist voll mit wütend pöbelnden Kultmitgliedern, die sich selbst entlarven und es selbst dann nicht merken, wenn man sie mit der Nase draufstößt. In Trump-Kostüme gehüllte Gestalten, die gegen „Obamacare“ wettern und dafür unbedingt den „Affordable Care Act“ (ACA) behalten wollten. Es handelt sich dabei allerdings bloß um zwei verschiedene Namen derselben Sache. Die GOPer wollten aber nichts akzeptieren, das an einen Schwarzen erinnert und so kam es zur Vereinigung der damals noch eigenständig hassenden Kongress-Republikaner, die seit Jahren immer wieder versuchten Obamacare zu Fall zu bringen und dem Neuling Trump.

Gerade ging ein Clip viral, in dem ein blondes „Trump Girl“ sich lautstark über die viel zu hohen Trump/Biden-Steuern echauffiert, dann darüber aufgeklärt wird, daß während der gesamten Biden-Präsidentschaft unverändert der 2017 geschlossene Trump-tax-code galt, aber dadurch nicht einen Millimeter von ihrer Verachtung für die Demokraten abrückt.


Also ja, weder überrascht es, noch schadet es Trump bei seiner fanatischen Basis, wenn er vollkommen dreist von um 97% gesunkenen Eierpreisen oder dem zunehmenden Kanadischen Tourismus in die USA prahlt.

Natürlich ist nichts davon wahr. In den ersten 100 Tagen Trump ging es in jeder Hinsicht nur bergab.

Dabei werden die drastischen Folgen erst noch kommen. Bisher erleben die Verbraucher noch gar nicht die hohen Zölle in den Läden, weil die Großhändler in Erwartung des Desasters ihrer Lagerbestände maximiert hatten.

[….] Sinkende Eier- und Spritpreise, Milliardeneinnahmen durch Zölle – vieles, was der US-Präsident in seiner ersten Bilanz preist, ist frei erfunden. [….] US-Präsident Donald Trump markierte die 100-Tage-Marke seiner zweiten Präsidentschaft mit einer Massenkundgebung in Michigan. Er selbst bezeichnet seine bisherige Amtszeit als die erfolgreichste in der Geschichte des Landes. Doch die Realität sieht aktuell anders aus. Seine Umfragewerte sind im Keller. Tausende Menschen protestierten in den vergangenen Tagen und Wochen in vielen Städten gegen die Politik seiner Regierung. Die US-Wirtschaft durchlebt dank Trumps Handelspolitik eine Achterbahnfahrt. Und auch Republikaner im Kongress äußern sich immer öfter kritisch.

Als Trump am Dienstag in Warren, Michigan, – einem Vorort von Detroit – die Bühne betrat, war dies alles kein Thema. [….] Der US-Präsident legte seine „Greatest Hits“ auf und wiederholte sein Versprechen einer goldenen Zeit für Amerika. Er sprach auch über eine Zukunft mit weniger Inflation, mehr Jobs und mehr Sicherheit für alle US-Bürger und er stichelte gegen Demokraten, inklusive Ex-Präsident Joe Biden und Vizepräsident Kamala Harris.

„Wir haben erst angefangen. Es ist nichts gegen das, was noch kommen wird“, sagte Trump unter dem tobenden Applaus seiner Anhänger. [….] Laut Trump seien seit seiner Amtseinführung die Preise für Eier und an den Tanksäulen stark gesunken. Beides entspricht nicht der Wahrheit. [….] Doch weder Trump noch die Anhänger, die immer wieder mit „USA, USA“-Rufen von sich hören machten, schien dies zu kümmern. [….] Der von Wirtschaftsexperten prognostizierte Preisanstieg, der aufgrund von Trumps Handelspolitik amerikanische Familien treffen wird, wird da einfach ignoriert. [….]

(Hansjürgen Mai, 30.04.2025)

Schon Helmut Kohl sprach einst die Worte „die Wirklichkeit ist anders als die Realität“. Möglicherweise kommt Trump also bei seinen Wählern noch lange damit durch, alles schön zu lügen.

Die gute Nachricht für seine Gegner ist allerdings die Geschwindigkeit des ökonomischen Absturzes der USA. Es sieht nach drei Monaten übler aus, als selbst Pessimisten befürchteten. Die gesamten US-Wirtschaft, die Trump von Biden in hervorragenden und stark wachsenden Zustand übernommen hatte, schmiert jetzt ab.

[….] Die US-Wirtschaft ist nach Angaben der US-Regierung von Januar bis März um 0,3 Prozent geschrumpft. [….] Es ist der erste Rückgang seit drei Jahren und eine deutlich negativere Entwicklung als von Analysten erwartet. Beeinflusst könnte der Abwärtstrend auch durch die aggressive und widersprüchliche Zollpolitik von US-Präsident Trump  sein – und den Anstieg der Importe, weil US-Unternehmen versuchten, schnellstmöglich noch Waren in die Vereinigten Staaten einzuführen.

In den drei Monaten davor lag das Wachstum noch bei 2,4 Prozent. [….] US-Beobachter verweisen darauf, dass US-Präsident Trump eine Wirtschaft übernahm, die trotz hoher Zinsen, die die US-Notenbank zur Bekämpfung der Inflation verhängt hatte, stetig wuchs. Seine unberechenbare Handelspolitik, darunter 145-prozentige Zölle für den Handel mit China, lähmte die Wirtschaft und drohte, die Preise zu erhöhen und die Verbraucher zu schädigen.

Die US-Aktienindex-Futures fielen als erste Reaktion auf das Bruttoinlandsprodukt, das schlechter ausfiel als erwartet. Ein Hinweis auf die Sorgen vor einer Verlangsamung der Konjunktur in der weltweit größten Volkswirtschaft. Laut einer von Reuters durchgeführten Umfrage unter Ökonomen war statt des Rückgangs ein Wachstum von 0,3 Prozent erwartet worden.

Dazu passend wurden im April deutlich weniger Arbeitsplätze geschaffen als erwartet. Im Vergleich zum Vormonat stieg die Zahl der Beschäftigten nur um 62.000, wie der Arbeitsmarktdienstleister ADP in Washington mitteilte. Volkswirte hatten im Schnitt einen Anstieg um 115.000 erwartet. [….]

(SPON, 30.04.2025)

Seine fanatischen MAGAs werden weiter zu IQ45-47 halten, die Realität negieren und für alle negativen Folgen andere als Trump verantwortlich machen.

Aber es gibt nicht nur solche schwer gehirngewaschenen Cult-Member. Viele Trump-Wähler sind auch nur moderate misogyne Rassisten, die keine schwarze Frau an der Staatsspitze wollten. Viele andere sind einfach dumm wie Bohnenstroh.

Ich denke voller Entsetzen eine College-Umfrage des Youtubers Joey Gentile vom 10.09.2024, als er vier Wochen vor der Wahl auf einem Universitätscampus in Florida Studenten nach ihrer Wahlabsicht befragte. Zukünftige Akademiker sollten deutlich liberaler und gebildeter als Durchschnittsamis sein. Aber selbst von denen, sind die meisten vollkommen politisch und ökonomisch unterbelichtet. Sie sind generell desinteressiert und plappern weitgehend die Märchen von Trumps enormer Wirtschaftskompetenz nach. Daher würden sie ihn auch wählen, obwohl ihnen weder Kamala, noch Donald gefielen. Schließlich wollten sie später mal „not broke“ sein.

Das waren keine fanatisierten Fans, sondern die typischen intellektuell retardierten fehlinformierten indolenten Amis. Nur Stroh im Kopf.

Bei denen habe ich doch eine KLEINE Hoffnung auf Einsicht aufgrund des Kollapses der US-Ökonomie. Es ist und bleibt die einzige Chance für die USA, endlich dazu zu lernen: Dass Business Genius Trump die Wirtschaft so dermaßen zusammen krachen lässt, daß die im Oktober 2024 befragten Studenten in Florida begreifen, einen schweren Fehler gemacht zu haben.

[….] Trump schreibt in einem Beitrag in den sozialen Medien, der Abschwung der US-Wirtschaft habe nichts mit seinen Zollkriegen zu tun. Der Republikaner prognostizierte vielmehr einen Aufschwung in den USA: "Wenn der Boom beginnt, wird er beispiellos sein. HABT GEDULD!!!" 
Laut Internationalem Währungsfonds (IWF)  werden sich die von Trump angezettelten Handelskonflikte jedoch nicht für die USA auszahlen. Im Gegenteil: Der IWF korrigierte jüngst seine Prognosen für die US-Wirtschaft drastisch nach unten. Demnach dürfte die US-Wirtschaft 2025 zwar noch um 1,8 Prozent und 2026 um 1,7 Prozent zulegen. Damit liegt die geschätzte Wachstumsrate aber um 0,9 beziehungsweise 0,4 Prozentpunkte unter der IWF-Prognose vom Januar, als Trump erneut ins Weiße Haus einzog.
  [….]

(SZ, 30.04.2025)

Noch reicht es nicht. Die Supermarktregale müssen erst richtig leer werden und Massen entlassen werden. 

Aber es sind ja erst drei Monate. Wenn Benzin 10 Dollar die Gallone kostet, Eier unerschwinglich werden und Millionen ihre Jobs verloren haben, wenn keine Touristen mehr nach Florida kommen, wenn die Amis merken, daß sie vom Rest der Welt wegen Trump gehasst werden, …