Donnerstag, 6. April 2023

Die Alten von heute

Da Markus Söder heute in unfassbar peinlicher Anbiederung, seine Lieblings-Hits in einer #Södersongs Playlist veröffentlichte  - Abhotten mit DJ Söder – dachte ich mit Wehmut an meine prä-digitale Jugend zurück, als glücklicherweise nichts durch playlists und streaming-Plattformen nur einen Klick entfernt war, sondern vergleichsweise großen logistischen Aufwand bedeutete. Um Musik mit einigermaßen gutem Klang zu hören, benötigte man die elterliche Stereoanlage und wurde daher zwangsläufig auch durch der Musikgeschmack der Erzeuger frühgeprägt. In meinem Fall war das viel Klassik, Jazz und vereinzelte aktuellere Popmusik-Schallplatten wie Joan Baez, Simon And Garfunkel, Elton John, Carol King, Cat Stevens, Joni Mitchell. Mit einem halben Jahrhundert Abstand, kann ich ihnen nur posthum gratulieren. Die Platten sind alle gut gealtert, erstaunlich wenig Schrott dabei.

Aber, die Pubertät will es so, natürlich emanzipierte ich mich davon und hörte auf meinem kleinen Ghettoblaster, der es möglich machte, aus dem analogen Radio mit Zimmerantenne selbst Musik auf Cassette aufzunehmen, die Songs nach meinem Geschmack. Die eigenen Lieblingslieder „zu erwischen“ war eine Kunst und ein Glückspiel. Ergiebig waren nur die „Norddeutschen Top Ten“ am Samstagvormittag.

Dadurch war man up to date, hatte allerdings oft das Pech, die Lieder nicht in Gänze aufzunehmen, weil der Moderator hereinsprach oder eine Verkehrsmeldung dazwischen kam.

Obwohl ich keineswegs in prekären Verhältnissen lebte, bekam ich meine erste eigene Stereoanlage zu meinem 16. Geburtstag geschenkt: Verstärker, Cassettendeck, Dual-Plattenspieler, zwei Miniboxen für die Höhen und einen Subwoofer.

Believe it or not, dasselbe Ding steht heute noch in meinem Wohnzimmer. Etwas eingestaubt. Das Cassettendeck wurde einmal ausgetauscht, ein CD-Deck kam hinzu.

Schon bevor ich 16 wurde, kaufte ich mit Schalplatten, beispielsweise genau vor 40 Jahren, zum Erscheinungsdatum im März 1983, „The Hurting“ (Tears for Fears), die ich aber meinem Alter entsprechend keinesfalls immer in Gegenwart meiner Mutter im Wohnzimmer hören wollte. Also fuhr ich mit meiner Schallplatte und Leercassetten zu meiner liebsten Schulfreundin, die bereits einen eigenen Plattenspieler besaß und ließ mir dort alles überspielen. So wie ich schon zuvor meine Lieblingsmusik in der Zeit; Helen Schneider, Kate Bush, David Bowie, Depeche Mode und The Cure; immer auf Cassette umformatieren musste, um sie in meinem Zimmer hören zu können.

Eine Single-Platte kostete sechs D-Mark, Langspielplatten an die 20 DM. Kein Pappenstiel für Taschengeld-abhängige Jung-Teenager. Man musste darauf sparen. Zudem war es nicht unbedingt leicht, die Objekte der Begierde überhaupt zu bekommen. Zunächst einmal musste man sich durch Zeitschriften informieren und dann mit Bus und Bahn durch die Stadt fahren, die wenigen guten Plattengeschäfte aufsuchen, in die Alben reinhören und hoffen, daß noch ein Exemplar da war. Das erforderte oft viele Anläufe, viele Stunden Bahnfahrt und viele vergebliche Stunden Stöberei.

Für die Generation Klugtelefon mag das extrem umständlich klingen, aber der Gedanke kam mir logischerweise nie, weil ich es nicht anders kannte. Auch a posteriori möchte ich die Erfahrung nicht missen, da wir unsere neuen Schätze eben auch wie einen echten Schatz schätzten. Ich erinnere mich an eine Verabredung mit einer Mitschülerin, die vorher noch nie bei mir war, so daß ich üblicherweise einigen Aufwand betrieben hätte, um es ihr angenehm zu machen. An dem Tag bekam ich aber die lang ersehnte „The Head in the Door“ (The Cure, 1985), so daß ausführliche Untersuchungen des Covers, Lesen der Texte und ununterbrochenes Hören notwendig wurde.

Ich weiß noch genau, wie ich mich entschuldigte, nicht fragen zu können, was meine Besucherin gerne hören würde, aber nun müsse ich nun einmal ununterbrochen „in between days“ und „close to me“ hören. Aber selbstverständlich akzeptierte sie das, da es ihr auch immer so mit einer neuen Platte ginge; damit beschäftige man sich über Tage intensiv.

Das Schlafzimmer meiner Mutter lag genau nebenan und die Bausubstanz des Hauses war übel. Alles nur dünne Trockenbauwände. Hohle Sperrholztüren. Sie verstand selbstverständlich meinen Wunsch, mit meinen Freunden meine eigene Musik zu hören, aber einerseits war die dafür angemessene Lautstärke umstritten und zum anderen, hielt sie das frühe 1980er Jahre Elektrozeug für eine schwere Geschmacksverirrung und wünschte sich, ihr Erstgeborener möge doch Kompositionen höherer Qualität konsumieren.

Das ärgerte mich, weil ich zwar leichten geschmacklichen Abwegen frönte, aber immerhin nie etwas wirklich Grauenhaftes wie Schlager, Modern Talking, CC Catch spielte. Außerdem hatte meine Mutter gar keine Ahnung von guter aktueller Musik. Insgeheim war ich aber auch verärgert, weil ich befürchtete, einiges könnte wirklich schlecht sein. Als Teenager war ich selbstverständlich schizophren, wollte mich vollständig von meiner Mutter und ihren Vorlieben abgrenzen, aber dennoch sollte sie auch meine Lieblingssongs mögen.

Vereinzelt kam das vor. Sie mochte ein paar Sting-Songs (Englishman in New York –History Will Teach Us Nothing – They Dance Alone – Fragile) und eigenartigerweise „Road to nowhere” (Talking Heads, 1985). Sie fand Terence Trent D'Arby sexy und akzeptierte, daß Mick Hucknall (Picture Book, 1985) eine tolle Stimme hatte.

Aber das führte zu nichts, denn der Wunsch, sie möge endlich akzeptieren, welch gutes Ohr ich für Musik hatte, würde unweigerlich dazu führen, zusammen Musik zu hören und genau das will man in dem Alter natürlich gar nicht.

Als emanzipiertes Kind wohnte ich nach meinem 18-Geburtstag natürlich allein, verfolgte weiter intensiv das Pop-Geschehen, trat ins CD-Zeitalter ein, hörte Chicago House und zweifelte bei Acid House erstmals an meiner eigenen Jugendlichkeit.

Als Techno und Loveparade kamen, war ich bereits auf die Seite der „älteren Generation“ gewechselt. Das war nichts für mich. Zumal es dann mit den deutschen Versionen (Blümchen, Marusha) noch viel unerträglicher wurde. Kaum zu glauben, aber die Geschmacksspirale bohrte sich immer tiefer hinab in akustischen Orkus. Es folgten noch Deutsch-Rap, der zweite Schlagerfrühling und dann die wirklich üblen Wohlfühlpop-Deutschsänger, die unablässig von „MENSCHEN! LEBEN! TANZEN! WELT!“ textliche Plattitüden trällerten. Sehr schlimm.

Heute gehöre ich zu den Alten, die sogar noch älter sind, als meine Eltern zu dem Zeitpunkt, als ich sie erstmals nicht mehr als totale Autorität akzeptierte.

Akustische Verbrechen wie Max Giesinger und Philipp Poisel können heute geschehen, weil die universelle, billige und superschnelle Verfügbarkeit jeder Musik das Urteilsvermögen der jungen Generation zerstört haben.

Daß ich vor 40 Jahren ein großen Aufwand für eine neue Schallplatte trieb und mich tagelang intensiv nach dem Kauf damit beschäftigte, korrespondierte mit den Ebenen der Plattenfirmen und der Künstler. Schallplatten waren ihre Haupteinnahmequelle und dementsprechend viel Mühe steckten auch die Musiker in ein neues Album. Sie wußten, es würde von jedem Käufer auf Herz und Nieren geprüft. Heute kommt das Geld durch Konzerte und Merchandising rein. Ein Popmusiker ist nicht mehr auf die Verkaufszahlen seiner CDs angewiesen. 12 ausgefeilte Songs aufwändig zu produzieren, ist pure Verschwendung. Ein radiotauglicher Track reicht. Der Rest wird lieblos zusammengesampelt, um das Album zu füllen. Die Konsumenten downloaden ohnehin nur das eine Lied. Da alle vernetzt sind, mögen ohnehin alle dasselbe. Social Media nivelliert die Jugend nicht nur optisch, sondern auch in jeder anderen geschmacklichen Hinsicht.

Wer, wie ich, in den 1980ern seinen Schulabschluss gemacht hat, möge die Website seiner alten Schule aufrufen und sich Schulabschlußbilder von heute ansehen. Während es damals eine auf den ersten Blick sichtbare große Heterogenität aus Punkern, Mods, Poppern, Grufties, Mods, Ökos etc gab, sehen die Abiturienten von heute völlig einheitlich aus. Alle Jungs tragen Bart, Tattoos und Uppercut. Alle Mädchen die gleiche Schminke und die gleiche Jennifer Anniston-Gedächtnis-Frisur.

Während in den 1980ern nur eine Handvoll echter Spacken auf solchen Bildern Anzüge trugen, stecken die durch amerikanische Social-Media-Plattformen gehirngewaschenen Schulabgänger heute zu 99% in den gleichen Anzügen.

Eine so angepasst denkende Jugend, die nicht mehr liest und lernt, sondern googelt und klickt, kann folgerichtig auch keine geschmacklichen Urteile fällen.

So kommt es dann zu Katastrophen wie „Intimate“, der Joyn/Pro7-Show zum professionellem Mitschämen.

Ich erfuhr davon, weil ich erstens jeden Artikel der großartigen Sprachkünstlerin Anja Rützel lese und zweitens die fünf Twen-Protagonisten alles Hamburger sind, die durch die hiesige Boulevardpresse in meine Wahrnehmungsperipherie eindrangen. Oskar und Emil Belton, 24, sind Zwillinge und Jungschauspieler aus gutem Hause, die einen gewissen Wiedererkennungswert haben, da sie echte Schönheiten sind. Weswegen sie berühmt, oder eher „bekannt“ wurden, kann ich nicht sagen, weil ich, siehe oben, ein der Jugendszene längst entwachsener Opa bin. Durch den SPIEGEL erfuhr ich also:

[….]  Peinlichkeiten für alle [….] Natürlich gleichen sich die blanken Hintern. Das verdruckste Strap-on-Shopping, die unsachgemäßen Fremdgehvertuschungen, Sätze wie »Arschficken reicht noch nicht, um ein wahrer Künstler zu sein« kommen einem natürlich bekannt vor – es scheint unmöglich, die neue Cringe-Exploitation-Serie »Intimate« zu schauen, ohne an die alte Cringe-Exploitation-Serie »Jerks« zu denken. Trotzdem wäre es grundfalsch, »Intimate« einfach als verdiggerte und zielgruppenmäßig auf die Generation Y schielende Version des bereits Bekannten zu sehen, erdacht und produziert nun eben von jungen Menschen: Den Brüdern Oskar und Emil Belton und Bruno Alexander  nämlich, die zuletzt schon das tragikomische Supermarktkammerspiel »Die Discounter« schufen, und die »Intimate« nun zusammen mit Max Mattis und Leo Fuchs als Produktionsfirma »Kleine Brüder« nicht nur hinter der Kamera verantworten, sondern die Hauptfiguren als verpeinlichte Versionen ihrer selbst auch selbst verkörpern. Das ist keine Nachmache, keine bloße Skalierung auf eine andere Lebenswelt, auch wenn sich die Geschichten freilich zumindest strukturell ähneln und als größter Unterschied vor allem die schnelleren Schnitte auffallen, sondern in erster Linie eine Erleichterung: Das Recht auf Peinlichkeit steht jedem und jeder zu, das ist die Kernbotschaft dieser acht knapp halbstündigen Folgen. [….] So spontan und frisch das weitgehend improvisierte Spiel der Hauptfiguren wirkt, so erprobt ist die Idee, mit »Intimate« in schnipseliger Erzählweise dahin zu stochern, wo es weh tut. [….] Wer immer noch zweifelt, ob »Intimate« beim Zuschauen auch funktioniert, wenn man eher im »Jerks«-Alter ist und, ein noch gewichtigeres Skepsisargument, sämtliche dramaturgischen Autsch-Manöver nach fünf Staffeln schon derart verinnerlicht zu haben glaubt, dass man sich unschockbar wähnt, für den oder die nur noch ein Tipp: Warten Sie auf die Urinierszene im Park. Danach sprechen wir weiter. [….]

(Anja Rützel, SPON, 24.03.2023)

Frau Rützel muss als ständige freie Autorin des SPIEGEL Trash-TV gucken. Das ist eine ihre Kernkompetenzen. Damit erfüllt sie zwei wichtige Aufgaben. Sie unterhält mich mit ihrer großartigen Formulierungskunst und informiert mich zuverlässig über die Abgründe, die ich mir nicht antun muss.

Die US-amerikanische Lust an „Farting-Jokes“, also dem Humor, bei dem Menschen in unerträglich peinliche Situationen gebracht werden, so daß man sich als Zuschauer mitschämt, erschließt sich mir nicht. Ich erfreue mich nicht daran, andere in äußerst beschämenden Umständen auszulachen und hatte „Intimate“ dementsprechend schnell wieder verdrängt. Aber dann tauchten durchaus wohlwollenden Berichte auf den Medienseiten der seriösesten Presse auf.

[….] Wir sind also wieder im aktuellen Lieblingsgenre anspruchsvollerer Filmemacher und -kritiker: Nennen wir es mal "Cameo-Mockumentary auf mittelstarkem Crack". Vulgo: Jerks oder in sonst mit mehr Humor gesegneten Ländern eben Klovn oder Curb Your Enthusiasm. Konzept: ein grobes Skript mit den Namen realer Personen, ein wenig soziale Raumverengung und ab da viel Improvisation. Mit Blick auf die Dialoge, die sonst oft in deutschen Drehbüchern stehen, ist es ja zunächst keine schlechte Idee, seinen Schauspielern, was das betrifft, zu vertrauen. Was den genannten Serien darüber hinaus gemein ist, ist der Anschein, echten Menschen dabei zuzusehen, wie sie angenehm ungehemmt und enorm tief in den Eingeweiden der Peinlichkeit herumwühlen. Sprich: viel Fäkal-Witz. Auch sonst spielt sich viel untenrum ab, aber, so es denn glückt, und bei den Genannten glückt es oft, landet man trotzdem selten bei Pipi-Kacka-Humor. Und da wird es jetzt, wie man neudeutsch sagen würde: tricky.  [….]

(Süddeutsche Zeitung, 01.04.2023)

Nun habe ich doch, wegen des Hamburg-Kolorits, die erste Folge „Intimate“ gesehen. Es war noch schlimmer, als nach dem Rützel-Text befürchtet.

Diese deutsche Freude am Mitschämen, wenn andere in unerträglich peinliche Konstellationen geraten, ist verstörend. Es ist nicht nur unlustig dabei zuzusehen, wie jemand anderes vor Peinlichkeit zergeht, sondern regelrecht abartig. Ich kann und will das auch nicht sehen.

Das ist der Humor der GenZ und Generation X? Damit bin ich offiziell ein alter Knacker, der die Jugend nicht versteht.

In der FAZ wurde „Intimate“ sogar als „zum Brüllen komisch“ bezeichnet. Explizit eine Szene, in der ein Pädophiler in der Kaifu-Lodge-Sauna sitzt und heimlich mit der GoPro Nackte filmt:

[…..] „Auch sonst geben sich Gaststars die Klinke in die Hand, Jonas Nay steht in seiner Rolle auf Drogen und Sex, Marc Hosemann spielt einen erpresserischen Vermieter, und zum Brüllen komisch ist Martin Brambach als Sauna-Spanner: „Jetzt kommen gleich die Pilatesmädels, zehn bis fuffzehn geile nackte Frauen.“ [….]

(FAZ, 24.03.2023)

Gerade die Szene fand ich so schlimm, daß ich sofort vorspulen musste.

Die von Rützel angeteaste Szene mit Strap-On und Analsex geht so, daß Freundin unbedingt ihren abgeneigten Freund mit einem umgeschnallten Dildo von hinten nehmen will. Der will aber nicht.  Sie hat aber einen reichen Vater und verspricht, Papa um Geld anzuhauen, wenn Freund das mit sich machen lässt. Also willigt er ein und findet es so schrecklich, daß er, mit dem ungewohnten Poppers vollgepumpt, mitten dabei in Ohnmacht fällt.

Ich bin der humorlose Opa, über den die heutige Jugend den Kopf schüttelt.

Daß Teens und Twens andere Sachen lustig finden, als ich, ist vollkommen normal, soll so sein, die Gesellschaft entwickelt sich. Aber wieso lobpreisen FAZ, Spiegel, ZEIT und Süddeutsche Zeitung sowas?

Mittwoch, 5. April 2023

Migrapositiv

Als Nordlicht muss man sich wohl nicht schämen, wenn man noch nie von der 2.500-Seelen Gemeinde Ostelsheim, tief in der südwestlichen Provinz Deutschlands, gehört hat.

Als Hamburger verstehe ich die dort gesprochene seltsame Sprache nicht; mir ist es dort zu christlich, zu warm, zu konservativ, ich trinke keinen Wein und kann noch nicht mal „Calw“ (zu dem Landkreis gehört Ostelsheim) aussprechen.

Und das ist auch gut so. Der gemeine Calwer kann vermutlich auch nichts mit „Lurup, Poppenbüttel, Curslack, Hammerbrook, Rothenburgsort, Entenwerder, Ochsenwerder oder Francop“ anfangen.

Ich bin ein Gegner der Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland. Es lebe die Heterogenität, möge es eine Vielfalt geben.

[….]  Ich habe schon bei 1037 Gelegenheiten Lobhymnen auf die Heterogenität der deutschen Lebensverhältnisse angestimmt. Zum Glück, ist das Leben in der Hamburger Innenstadt nicht genau wie in einem oberpfälzischen katholischen Dorf. Eine wunderbare Sache ist es, daß die Menschen sich entscheiden können, ob sie lieber an einem dünn besiedelten Nordseeküstenort mit wortkargen Menschenschlag oder einem Kuddelmuddel aus rheinischen Frohnaturen wohnen möchten.

Auch zu dieser ziemlich debilen „Angleichung der Lebensverhältnisse“-Litanei gibt es, sich seit Jahren wiederholende müde Witze. [….]

(Post-Nationalität, 03.10.2022)

In einem Dorf zu leben, hat Vor- und Nachteile. In einer Großstadt zu leben, hat Vor- und Nachteile. Möge jeder sich ein Plätzchen suchen, das ihm am besten gefällt. Ich mag die Internationalität und die Anonymität Hamburgs. Ich will nichts über meine Nachbarn wissen und die sollen sich auch nicht für mein Leben interessieren. Es erfreut mich, in der Vielfalt der Nationen und Sprachen und Lebensentwürfe untertauchen zu können.

In Ostelsheim ist das sicher nicht möglich. Bei so wenigen Menschen, hat jeder jeden schon einmal gesehen, werden individuelle Veränderungen bemerkt, geschieht weniger im Verborgenen.

Für die Integration von Migranten hat auch das Vor- und Nachteile. Da die Dorfgemeinschaft homogener ist, sind die Menschen konservativer. Neue fallen mehr auf, werden eher als Störung empfunden, weil die Tolerierung anderer Sprachen und Hautfarben nicht eingeübt ist.

Der Vorteil ist aber, daß ein Neuer, anders als in der anonymen Großstadt, in der Lage ist, sich individuell zu präsentieren und Vorurteile entkräften kann, indem er aktiv auf die Eingeborenen zugeht und sie einzeln kennenlernt.

Das gelang Ryyan Alshebl geradezu mustergültig.

[…..]  Liebe Ostelsheimerinnen und Ostelsheimer,

mein Name ist Ryyan Alshebl. Ich bin 29 Jahre alt, ledig und arbeite in der Verwaltung der Gemeinde Althengstett. […..] Ich wurde 1994 in Syrien geboren, als Sohn einer Gymnasiallehrerin und eines Agraringenieurs. Meine Eltern gehören der drusischen Glaubensgemeinschaft an, die etwa 3 Prozent der Bevölkerung Syriens ausmacht. Bis zum Alter von 20 Jahren verlief mein Leben so, wie es sich jeder ambitionierte junge Mensch hierzulande vorstellt. Ich ging zur Schule, legte 18jährig das Abitur ab und nahm danach ein Studium der Finanzwissenschaft und der Bankbetriebslehre auf.

Bereits mit 21 Jahren, also in einem Alter, in dem ein junger Mensch üblicherweise entweder gerade mit einer Berufsausbildung fertig wird und mit dem ersten, moderat bezahlten Job beginnt, vielleicht auch sich mitten in einem Studium befindet; in dieser Lebensphase, in der meine größten Sorgen darin bestehen könnten, mir die attraktivste Party am Samstagabend nicht entgehen zu lassen oder möglicherweise die Championsleague-Spiele zu verfolgen und mit meiner Lieblingsmannschaft mitzufiebern, musste ich mich einem Überlebenskampf stellen.

Denn im Jahr 2015 stand ich wie viele Menschen meiner Generation in Syrien vor einem Dilemma: Entweder musste ich den Kriegsdienst leisten und somit mich gezwungenermaßen zu Gunsten einer Kriegspartei im Krieg verheizen lassen, oder das Land verlassen und mich einem ungewissen Schicksal hingeben. Bedingungslos habe ich mich diesem Schicksal hingegeben und mich auf den Fluchtweg begeben. […..] Nach einer mehrere Wochen dauernden Flucht, in der es von der einen Not- zur anderen Sammelunterkunft ging, landete ich bei den Schwaben. Dort hatte ich das Privileg, gleichzeitig zwei neue Sprachen erlernen zu dürfen. […..] In einer Gemeinschaftsunterkunft, in der der Anspruch nicht über ein Bett, ein Dach und ein paar Lebensmittel hinausgehen darf, für die man aber selbstverständlich sehr dankbar ist, kann man nur eines tun: Schnell wieder auf die Beine zu kommen, und zu beginnen rasch in die eigene Zukunft zu investieren. Man muss erst die Sprache beherrschen, und erst dann kann man sich dem Arbeitsmarkt stellen.

Das Studium konnte ich nicht weiterführen.  Doch ich hatte das Glück, dass mir die Gemeinde Althengstett eine duale Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten ermöglichte, worin ich meine Leidenschaft für Politik und Rechtsstaatlichkeit erfüllt fand. Da ich zu den besten fünf Prozent meines Abschlussjahrgangs gehörte, bot mir das Land Baden-Württemberg ein Stipendium im Rahmen der Begabtenförderung an.[…..]

Während meiner Ausbildung wurde ich in unterschiedlichen Abteilungen der Gemeindeverwaltung eingesetzt, von den Bürgerdiensten bis zur Bauleitplanung. […..] Zuletzt habe ich mit meiner Kollegin Franziska Binczik ein aus Landesmitteln finanziertes Programm zur Verbesserung der Kita-Infrastruktur Althengstetts entwickelt.

Ich habe ein großes Interesse an Informationstechnologie und habe bereits in Syrien aus diesem Hobby während des Studiums eine Einkommensquelle gemacht. Die Zeit der Corona-Pandemie hat gezeigt, dass in öffentlichen Verwaltungsbetrieben in puncto Digitalisierung viel Aufholbedarf herrscht.

Digitalisierung der Behörden ist nun vor allem eine zentrale gesellschaftliche Forderung. Durch meine Vorkenntnisse und diverse, im Laufe meiner Tätigkeit erworbene Qualifikationen, ist es mir gelungen, auf die Schiene der digitalen Verwaltung umzusteigen. […..]

(Ryyan-Alshebl.de)

Alshebl ist nicht nur sympathisch und kompetent, sondern auch ein Glücksfall für seine Gemeinde, da es an Kommunalpolitikern mangelt und sich schon gar keine jungen Menschen mit IT-Fachkenntnissen für ehrenamtlichen Posten in der Provinz finden lassen.

Da war es geradezu naheliegend für Alshebl, sein Engagement offiziell zu machen, indem er sich für das Bürgermeisteramt bewarb. Es blieb nicht bei der Bewerbung. Die Wahl fand am 02.04.2023 statt und er gewann mit absoluter Mehrheit.

[…..] Das Dorf Ostelsheim im Landkreis Calw in Baden-Württemberg hat Ryyan Alshebl zum Bürgermeister gewählt. Wie die Gemeinde am Sonntagabend mitteilte, erhielt der aus Syrien Geflüchtete mit 55,41 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit. Der 29-Jährige neue Rathauschef war als parteiunabhängiger Kandidat zur Wahl angetreten. Privat sei er aber Mitglied bei den Grünen. Die Erfahrungen im Wahlkampf beschreibt er als »überwiegend positiv«.[…..] Alshebl ist wohl der erste syrische Bürgermeister im Südwesten Deutschlands. […..] Bei der Wahl am Sonntag setzte sich Alshebl gegen die ebenfalls parteilosen Kandidaten Marco Strauß und Mathias Fey durch. […..]

(Spon, 03.04.2023)

Glück für die Nord-Schwarzwälder, Glück für Alshebl. Nächste Station Landrat in Calw.

Dienstag, 4. April 2023

Nützt oder schadet ihm der Mugshot?

Trump war heute nicht sehr amüsiert, als er sich in New York dem Gericht stellen musste und ihm 34 Anklagepunkte verlesen wurden.

[….] Die US-Fernsehsender sprechen von einem Where-were-you-when-Moment, also einem Moment, in dem Geschichte geschrieben wird. Das hat es in den Vereinigten Staaten tatsächlich noch nie gegeben: Ein ehemaliger Präsident, der vor einem Strafgericht erscheint und der Verlesung einer Anklageschrift zuhören muss, in der ihm schwere Straftaten vorgeworfen werden - auch solche, die ihn ins Gefängnis bringen könnten. der Secretary of State Trump erklärt sich in allen Anklagepunkten für "nicht schuldig". Nach gut einer Stunde, gegen 21.30 Uhr deutscher Zeit, verlässt der frühere Präsident den Saal wieder - damit hat die Anklageverlesung für US-Verhältnisse ungewöhnlich lange gedauert. Bei der Abfahrt vom Gericht äußert sich Trump nicht öffentlich; er steigt in den Wagen und fährt mit seinem Konvoi davon, wie auf CNN-Bildern zu sehen ist. der Secretary of State Der New Yorker Bezirksstaatsanwalt Alvin Bragg hat 34 Punkte zusammengetragen, die unter dem Begriff felony laufen, also nach US-Recht als Verbrechen anzusehen sind. Die hohe Zahl erklärt sich möglicherweise mit der Zahl der falschen Einträge in Geschäftsunterlagen oder Steuererklärungen. der Secretary of State Als Höchststrafe drohen dem 76-jährigen Ex-Präsidenten den Gesetzen des Bundesstaats New York zufolge maximal vier Jahre Haft. Weil er keine Vorstrafen hat, gilt es eher als unwahrscheinlich, dass er hinter Gitter muss. Es könnte auch zu einem Freispruch oder nur zu einer Geldstrafe kommen. der Secretary of State h nach der Anhörung vor der Presse: "Die Beweisaufnahme wird zeigen, dass Trump die Geschäftszahlen gefälscht hat, um eine andere Straftat zu verdecken". Das Recht des Staates New York verbiete es, eine Wahl durch anderes ungesetzliches Verhalten zu beeinflussen. "Jeder ist vor dem Gesetz gleich, das ist ein amerikanisches Grundprinzip. Kein Geld der Welt und keine Macht der Welt kann das ändern", sagt Bragg.  [….]

(SZ, 04.04.2023)

Das Verfahren gegen Trump verschafft ihm Aufmerksamkeit und niemand vermag das Medieninteresse so gut in bare Münze umzusetzen, wie er. Über sieben Millionen Dollar Spendengelder haben ihm seine fanatisierten Fans für seine Anwaltskosten zugeschickt, seit er aufgefordert wurde sich in NY vor Gericht zu zeigen.

Der Milliardär Trump nutzt die Anklage wie üblich schamlos aus, um seine verblödeten Fans zu melken – und die Medien helfen dabei.

[….]  Sein Leben ist eine einzige Gratwanderung zwischen Recht und Ruin, die als trashige US-Realityshow begann, doch längst zum realen Horrorfilm geworden ist. der Secretary of State Das wird sich kaum ändern mit der Schweigegeld-für-einen-Pornostar-Anklage, die New Yorks Bezirksstaatsanwalt Alvin Bragg  gegen Trump erhoben hat. Sicher, es ist erstmals eine Konsequenz, doch auch die wird er zu seinen Gunsten verdrehen. Und sicher, sie ist beispiellos. Doch alles, was Trump betrifft, ist beispiellos. So ist diese Zäsur in Wahrheit gar keine, sondern nur die nächste Bestätigung, dass er weiter mietfrei in unseren Köpfen lebt, obwohl wir dachten, ihn im Januar 2021 nach Mar-a-Lago verbannt zu haben, sein Palm-Beach-Elba. Ladies and gentlemen, willkommen im Zirkus Trump! [….]

(Marc Pitzke, 03.04.2023)

Die New Yorker Anklage hilft Trump, die Reihen der Republikaner zu schließen, ein Erfolg bei den Vorwahlen war ohnehin wahrscheinlich, wird nun noch wahrscheinlicher.

[….] Dass Trumps jahrzehntelange Streitereien mit der Justiz  – er geriet bereits wegen windiger Immobiliendeals, Steuerbetrug und Behinderung der Justiz in den Fokus – nun schließlich in einer weitreichenden Anklage münden könnten, schlägt indes offenbar nicht auf seine Beliebtheitswerte durch.

Im Gegenteil: Etwas mehr als ein Drittel der Befragten (34 Prozent) sieht den Ex-Präsidenten wohlwollend – 58 Prozent dagegen nicht. Damit ist Trump im Vergleich zu einer vorherigen Umfrage aus dem Januar offenbar sogar noch etwas beliebter geworden: Damals sahen 32 Prozent den Ex-Präsidenten wohlwollend und 63 Prozent nicht. […]

(SPON, 04.04.2023)

Schließlich ist der Prozess eine großartige Gelegenheit für die rassistischen Top-QTrumpliKKKans Marjorie Taylor Green und George Santos, sich als Trumps Superfans zu inszenieren, bei der Basis zu punkten, ebenfalls Spendengelder einzusammeln.

Daß Staatsanwalt Alwin Bragg den Ex-Präsidenten ins Gefängnis bringt, ist ebenfalls unwahrscheinlich.

Es gibt aber auch schlechte und sehr schlechte Neuigkeiten für Trump.

Schlecht:

Die 34 Anklagepunkte von heute sind das kleinste Problem.

Die weiteren drei strafrechtlichen Ermittlungen

·        Anzetteln der Insurrection vom 06.01.2021

·        Georgias Secretary of State Brad Raffensperger zur Wahlfälschung auffordern

·        Entwenden hochgeheimer Unterlagen nach Mar A Lago

sind sehr viel ernstere Anklagen.

Sehr schlecht:
So sehr Trumps Basis nun elektrisiert ist und ihn noch fanatischer bejubelt, so sehr werden ihm die Anklagen bei der Präsidentschaftswahl selbst schaden.

Wenn Demokraten und Unabhängige dabei sind, hilft es nicht, neben zwei Impeachments auch noch diverse strafrechtliche Ermittlungen im Gepäck zu haben.

Trump darf zwar selbst als verurteilter Krimineller zur Wahl antreten, darf aber in seinem neuen Heimatbundesstaat Florida nicht wählen. Peinlich.

Montag, 3. April 2023

Bayern auf Droge

Das war wieder einmal reiner Rechtspopulismus, als Markus Söder im Oktober 2022 auf dem CDU-Parteitag wider die Ampelpläne wetterte, „da muss noch Kokain her und Christel Mett“!

Was ihm da unfreiwillig komisch geriet, war eine schlichte Lüge, da niemand in der Ampel-Koalition derartiges plant oder fordert.

An dieser Stelle will ich nicht erneut die Cannabis-Legalisierungs-Diskussion führen. Wissenschaftlicher Konsens besteht darin, daß die strikte Drogenverbotspolitik („war on drugs“) gescheitert ist und zu mehr Drogentoten führt, als liberalere Strategien. Daher wenden sich auch mehr und mehr Ländern von dem Verbotsunsinn ab. Daher sind die Ampel-Pläne völlig richtig.

Ich empfehle MAITHINK X vom 26. Februar 2023 mit Dr. Mai Thi Nguyen-Kim zum Thema „Deutschlands dumme Drogenpolitik“. Darin sind alle Fakten und Erkenntnisse zum Thema sachlich und verständlich in 29 Minuten zusammengefasst.

Die Säuferpartei CSU agiert hingegen nicht nur populistisch, antiwissenschaftlich und illiberal, sondern auch perfide und antihumanistisch, indem sie mehr Tote produziert. Menschenleben sind der bayerischen Christenpartei herzlich egal. Da zettelt sie lieber einen Kulturkrieg an und plant mehr Tote ein – siehe Waffenrecht, siehe Promillegrenze, siehe Rüstungsexporte, siehe Tempolimit, siehe Frontex, siehe Flüchtlingsobergrenze, siehe Grenzschließungen, siehe Pushbacks. Lebensschutz ist unnütz, wenn man stattdessen ein paar mehr CSU-Wählerstimmen generieren kann.

[….] 2022 zählte Bayern offiziell 277 Drogentote - anhaltend hohes Niveau, ein Plus im Vergleich zum Vorjahr (255 Fälle), wie die neue polizeiliche Kriminalstatistik zeigt. In fast der Hälfte der Fälle ist Heroin im Spiel, oft aber geht es um eine Mischvergiftung.   [….]

(Johann Osel, 02.04.2023)

In Bayern sterben immer mehr Menschen an Drogen und die tatsächliche Zahl der Toten liegt weit über 277.

[….] Regelmäßig streichen Uwe Schmidt und sein Team von der Drogenhilfe Schwaben Klienten aus ihrer Liste - weil sie tot sind. Da sind zum einen die "stillen Drogentoten", wie der Geschäftsführer und Sozialpädagoge sie nennt, "der Körper macht so einen Lebenswandel nicht lange mit". Abhängige etwa von Heroin, Amphetaminen oder Opiaten sterben irgendwann, zu früh oder viel zu früh, letztlich an Herzversagen, Leberzirrhose, Lungenschäden, auch an Folgen von Infektionskrankheiten. Alkohol und Rauchen tragen da nicht selten dazu bei. Von Freunden, aus der Szene, von Betreuern erfährt die Drogenhilfe dann von diesen Toten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die andere Hälfte der Drogentoten sind diejenigen, die statistisch erfasst sind: Tote, bei denen etwa eine Überdosis als kausale Ursache festgestellt wird.   [….]

(Johann Osel, 02.04.2023)

Möchte man diese Opfer der strikten Drogenpolitik am Leben erhalten, müsste man Pläne der Apel, wie das "Drug-Checking" unterstützen. So könnten Suchtkranke anonym und straffrei prüfen lassen, ob das Zeug, das sie sich spritzen müssen, mit einer tödlichen Substanz gestreckt ist.

Aber das brächte der CSU keinen Vorteil an der Wahlurne.

[….] Als Allheilmittel sieht Uwe Schmidt das Vorhaben zwar nicht, aber als "große Chance". Seine Klienten konsumieren "ins Blaue hinein". Das Prinzip Hoffnung, dass alles glatt geht. Laut Experten sei jede 500. Spritze so riskant, dass Lebensgefahr drohe, also für Abhängige "locker einmal im Jahr". Attraktiv sei Drug-Checking auch, weil die Leute beim Check warten müssten - und greifbar seien für die Drogenhilfe oder soziale Beratung, um ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Übrigens auch "bisher Unerreichbare": Leute aus der Mitte der Gesellschaft, die sich ihres problematischen oder hygienisch unsicheren Konsums gar nicht bewusst seien. Koks auf der Party, Speed im Club. Noch dazu erhalte man Indizien, welche Drogen in welcher Reinheit unterwegs sind, glaubt Schmidt. Das böten bis dato nur Sicherstellungen der Polizei. Das alles seien ähnliche Pro-Argumente wie für Konsumräume, die seit 20 Jahren gesetzlich erlaubt und in manchen deutschen Städten unter klaren Regeln etabliert sind - nicht aber in Bayern, die Staatsregierung lehnte die Umsetzung bislang strikt ab. Es gehe da um sicheren Konsum, der sonst in der Parkecke oder Toilette ablaufe, erklärt Schmidt, in Eile und Angst vor der Polizei machten Konsumenten dann Fehler beim Injizieren. Dazu komme der Schutz der Öffentlichkeit, weniger zurückgelassene Spritzen zum Beispiel.  [….]

(Johann Osel, 02.04.2023)

Sonntag, 2. April 2023

Gruseliges in West-Ungarn

Johanna Mikl-Leitner, 59, von 2011 bis 2016 Österreichische Bundesinnenministerin, seit 2017 konservative Landeshauptfrau von Niederösterreich, ist sowas wie die Zukunftshoffnung der ÖVP.

Ihr Plan war es, mit erzkonservativer Politik die FPÖ-Faschisten klein zu halten.

Genau wie die ostdeutsche CDU und die bayerische CSU scheiterte sie daran und erreichte das Gegenteil. In Nord wie Süd gilt: Wenn die Konservativen rechtsextreme Positionen gesellschaftsfähig machen, wählen die Leute das Original. Die menschenverachtenden Putin-affine AFD und FPÖ profitieren.

Mikl-Leitner sollte in Niederösterreich, dem seit 1945 ununterbrochen von der ÖVP regierten größten Bundesland, leichtes Spiel haben.

2013 gewann die ÖVP mit 51% die absolute Mehrheit: 30 von 56 Sitzen.

2018 konnte sie die Mehrheit verteidigen; erhielt bei 49,6% noch 29 Sitze.

Im Januar 2023 kam für die prominente ÖVP-Amtsinhaberin aber der Absturz. Sie verlor 10 Prozentpunkte, schlug bei 39,9% auf, während die FPÖ 10 Prozentpunkte gewann und mit 24,2% sogar die SPÖ überholte.

Anders als in Deutschland, gibt es in Österreich keinerlei Schamgefühl bei der Zusammenarbeit mit Faschisten und so koaliert Mikl-Leitner nun in St. Pölten mit den Braunen, die sehr braun sind und sie zuvor »Moslem-Mama« und »Impfhexe« verteufelte. Aber so what?

[….] »Kellernazis« nennt Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, die niederösterreichischen Vertreter der Freiheitlichen. Deren Chef Udo Landbauer trug in der Vergangenheit Mitverantwortung für NS-Liederbücher. In einem davon steht zu lesen: »Da trat in ihre Mitte der Jude Ben-Gurion: ›Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.‹«

Vergessen, verziehen – Landbauer ist nun die Nummer zwei in der Regierung. »Gratuliere, auf gute Zusammenarbeit«, flüsterte ihm Mikl-Leitner kaum hörbar bei der Vereidigung zu. Und erklärte sich anschließend in ihrer Regierungserklärung zur obersten Brückenbauerin in der politischen Landschaft Niederösterreichs. [….] Das Bündnis der von Kanzler Karl Nehammer angeführten ÖVP mit den am äußersten rechten Rand angesiedelten Freiheitlichen Niederösterreichs hat Schockwellen ausgelöst, vor allem in der Hauptstadt. [….]

(DER SPIEGEL, 23.03.2023)

Es ist selbst für Adolf Hitlers Heimat erbärmlich, wie die Post-Kurz-Konservativen gar nicht erst den Versuch unternehmen, auch nur einen Funken Anstand wiederzuerlangen.

Unterdessen zeigt der ultrarechtsradikale FPÖ- Bundesparteiobmann Herbert Kickl wie man sich eine zukünftige Mikl-Kickl- oder gar Kickl-Mikl-Bundesregierung vorzustellen hat.

Karin Kneissl, die auf Vorschlag der FPÖ 2017-2019 österreichische Außenministerin war, machte es bei ihrer Hochzeit vor.

Die Verbundenheit der FPÖ mit dem bekannten Philanthropen aus Moskau ist legendär. Man denke nur an das Strache-Mallorca-Video.

[….]  Bei ihrer Hochzeitsfeier im August 2018 hat die damalige österreichische Außenministerin Karin Kneissl nicht nur mit ihrem Ehrengast Wladimir Putin getanzt – sie erhielt vom russischen Präsidenten auch wertvolle Ohrringe als Geschenk, wie österreichische Medien am Donnerstag enthüllten.

Kneissl war von Dezember 2017 bis Mai 2019 Außenministerin. Sie lud Putin zu ihrer Hochzeit ein, als ihr Land turnusgemäß die EU-Ratspräsidentschaft innehatte. Bilder davon, wie sie mit Putin Walzer tanzt und einen tiefen Knicks vor ihm macht, gingen damals um die Welt. Doch erst jetzt wurde bekannt, dass der Kreml-Chef neben Blumen und dem Don-Kosaken-Chor auch Saphir-Ohrringe im Wert von geschätzt 50.000 Euro für die Braut mitbrachte. [….]

(Der Spiegel, 18.03.2022)

Kneissl mag den russischen Präsidenten offenbar sogar lieber als ihren Ehemann Wolfgang Meilinger, den sie nach gut einem Jahr wieder verließ, nachdem er sie angeblich verprügelte. Sie zeigte ihn im April 2020 wegen häuslicher Gewalt an.

Die Liebe zu Putin hielt hingegen; Österreichs Ex-Außenministerin Kneissl arbeitet seit Mai 2020 für den russischen Propagandasender RT und zog im Juni 2021 in den  Aufsichtsrat des russisch-kontrollierten Ölkonzerns Rosneft ein.

Die FPÖ hegt nicht nur klare Vorlieben – für Wladimir Putin – sondern auch ebenso klare Abneigungen: Den Ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hält sie für einen „Kriegstreiber“ und war gar sehr empört, als dieser vor drei Tagen im österreichischen Parlament eine Videoansprache hielt, um sich für die Unterstützung aus Wien zu bedanken.

[….] Eklat im österreichischen Parlament: Gesamte FPÖ-Fraktion boykottiert Selenskyi-Rede [….] Sie holten Tafeln mit den Slogans „Platz für Neutralität“ sowie „Platz für Frieden“ heraus. Dann standen sie alle gemeinsam auf und gingen. Die Abgeordneten der rechten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) haben vor einer Video-Ansprache des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi geschlossen den Plenarsaal im österreichischen Parlament verlassen.  Selenskyi hatte am Donnerstag (30. März) die Möglichkeit bekommen, vor dem österreichischen Nationalrat zu sprechen. Die FPÖ war gegen die Rede des ukrainischen Präsidenten. FPÖ-Chef Herbert Kickl hatte im Vorfeld kritisiert, dass die österreichische Regierung und die anderen Oppositionsparteien „einseitig für eine Kriegspartei Partei“ ergriffen hätten, berichtet der öffentlich-rechtliche österreichische Rundfunk ORF. [….]

(Merkur, 30.03.2023)

Gute Nacht, EU.

Samstag, 1. April 2023

Impudenz des Monats März 2023

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Es ist sicher überflüssig, an dieser Stelle die historische Anklage Donald Trumps zu erklären; die gesamte Weltpresse schreibt darüber. An erster Stelle, er selbst – selbstverständlich in falscher Rechtschreibung. Wie immer bei dem ungebildeten Polterer.

Trump beklagt „indicated“ worden zu sein.

Er ist eben nicht nur kriminell, sondern auch ein Idiot, der das Wort „indicted“ (angeklagt) nicht schreiben kann.

Das von der New Yorker Grandjury ins Rollen gebrachte Verfahren ist dabei nur eins von Sieben, das für den orangen Demokratiezerstörer lästig ist.

[….] In New York steht Donald Trump unter Anklage. In vier weiteren Strafverfahren und zwei Zivilprozessen droht ihm zusätzlicher juristischer Ärger. Ein Überblick.

Ein Zitat von Donald Trump teilen seine Fans gerade besonders oft in den sozialen Medien, jetzt, da er der erste Ex-Präsident der langen Geschichte der USA ist, der unter Anklage steht: "In Wirklichkeit haben sie es nicht auf mich abgesehen, sondern auf euch. Ich stehe nur im Weg."

Ob der 76-Jährige wirklich hofft, dass seine Fans ihn wegen solcher Aufrufe mit Gewalt vor der Justiz schützen und zurück an die Macht bringen könnten, ist nicht klar. Eindeutig hingegen ist, dass Trump mit der überdrehten Rhetorik politisches Kapital zu ziehen versucht aus den Rechtsverfahren, die ihm drohen. Sie könnten ihm helfen, sich die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu sichern. Nicht geschadet hat ihm etwa, als vor Kurzem der Finanzchef seiner Trump Organization verurteilt wurde. Dieser erhielt zwei Jahre Gefängnis wegen Steuerhinterziehung und Betrugs; Trump kam ungeschoren davon.

Bis zum Wahltermin im November 2024 dürfte keiner der Prozesse erledigt sein. Trump ist damit nicht nur der erste ehemalige Präsident unter Anklage - er wäre im Fall eines Wahlsiegs auch der erste amtierende Präsident, gegen den Verfahren laufen. Selbst im Fall einer Verurteilung dürfte er das Amt von Gesetzes wegen antreten, ja er könnte sich sogar selbst begnadigen, allerdings nur im Bezug auf Bundesgesetze.  [….]

(Fabian Fellmann, SZ, 31.03.2023)

Trump tut das, was er am liebsten tut: Seinen Amtseid, also den Schutz der US-Verfassung, maximal zu verletzten. Er schürt Gewalt, greift Rechtsstaat, unabhängige Justiz und die Demokratie selbst an. Selbstverständlich stets mit maximaler Proletenhaftigkeit und gespickt durch rassistische, antisemitische Codes.

[….] Nun übertrifft sich Trump selbst mit seiner Verachtung für die Justiz. Den afroamerikanischen Staatsanwalt beschimpfte er schon als "Tier", er unterstellt ihm eine Verschwörung mit Joe Biden und dem Großspender George Soros. Kurz: Trump bedient sich rassistischer und antisemitischer Klischees, um seine Anhänger gegen die Staatsgewalt aufzubringen. Das macht klar, wie wichtig es ist, dass mehrere Justizbehörden Trumps Verhalten derzeit genau überprüfen - auch wenn das politisch heikel ist. Die Verfahren setzen allerdings den Rechtsstaat einem Stresstest aus. Nicht nur Trump und seine Fans nennen die Untersuchungen eine politische Hexenjagd. Selbst Vertreter föderaler Institutionen, allen voran Kevin McCarthy, Sprecher des Repräsentantenhauses, kritisierten New Yorks Justiz. Dabei waren doch Gewaltenteilung und Föderalismus Ur-Anliegen der Gründerväter der USA, deren Verfassung die Republikaner angeblich so achten.

Die Anklage hat das Potenzial, das Land in eine existenzielle Krise zu stürzen.  [….]

(Fabian Fellmann, 31.01.2023)

Damit komme ich zur Impudenz des Monats März 2023, nämlich die in die moralische Bodenlosigkeit abgestürzte republikanische Partei, die ihrem kriminellen Messias tatkräftig dabei hilft, die USA zu zerstören. Stellvertretend küre ich Senator Lindsey Graham zum Blödmann des Monats.

Der pyknische Junggeselle aus South Carolina ist neben Ted Cruz der rückgratloseste Heuchler, der sich bar jeder Selbstachtung weinend vor Trump und den rechten Medien schleimspurziehend auf den Knien rutschend lächerlich macht.

Wir erinnern uns; Graham ist derjenige, der 2015 und 2016 am lautesten Trump verurteilte und Biden in den höchsten Tönen lobte.

Trump is a xenophobic, race-baiting, religious bigot

(Lindsey Graham 2016)

If we nominate Trump, we will get destroyed.......and we will deserve it.

(Lindsey Graham, 3. Mai 2016)

Als Trump jedoch entgegen Grahams Annahme die US-Präsidentschaftswahl gewann und zum größten GOP-Machtfaktor wurde, verschluckte der Senator seine Worte, drehte sich um 180 Grad und küsste enthusiastischer als alle anderen Republikaner Trumps gewaltigen Hintern ab. 

Nach der Anklage gegen Trump übertraf sich der 67-Jährige Jurist selbst, heulte pathisch in die Kamera und bettelte um Geld für Trump!

Dafür bepöbelt und beschimpft er die Biden-Familie als wäre sie Satan selbst, um Trump zu gefallen.

[….] "as good a man God ever created" and "the nicest person I think I've ever met in politics."  [….]

(Lindsey Graham über Joe Biden 2015)

[….] “All I can tell you is that on multiple fronts, we’re in a dangerous situation. Weakness breathes provocation,” Graham said. “A spy balloon over the United States shooting down an American drone — a multimillion dollar drone. They know they can get away with it. Mexico is blaming us for the fetanyl crisis, and Joe Biden is like a deer in headlights. He needs to up his game quickly.” Graham doubled down on Biden, saying that all this chaos started when the president pulled out of Afghanistan, which after 20 years, was the longest war in American history. Still, that wasn’t enough time for Graham.

“That set everything else in motion. Obama is president, Putin invades Ukraine. Biden gets elected president, Putin is trying to dismantle Ukraine. The border is completely broken. The Mexican president is taunting the United States, belitting the Republican Party, claiming that Mexico is not responsible for the poisoning of America to fetanyl, and our commander in chief is sitting around playing the fiddle, while the world burns.” [….]

(The Wrap, 15.03.2023)

Diese schamlose Lügerei, das Pathos, das Trump-Küssen lohnt sich. Nachdem Graham 2002 erstmals in den US-Senat einzog, wurde er 2008 und 2014 mit 58 und 54 Prozent der Stimmen klar wiedergewählt. Die US-amerikanische Wähler mögen offenbar solche völlig korrupten prinzipienlosen Politamöben, die alles dafür tun, die Verfassung und das Land zu zerstören.

  










Freitag, 31. März 2023

Konfessionelles Hufeisen

Die evangelische Kirche für so eine Art „Katholizismus light“ zu halten, weil dort die drei großen aktuellen Forderungen des Synodalen Weges bereits umgesetzt sind (Kein Zölibat, weibliche Geistliche, Homo-Akzeptanz), bietet sich auf den ersten Blick an, ist aber grundfalsch.

 
Die Protestanten verfügen nicht über den praktischen Sündigen-Beichten-Schwamm-drüber-Mechanismus.

Die extrem Lust- und Lebensfreude negierenden Ausprägungen des Protestantismus sind logische Konsequenz: Hutterer, Evangelikale, Pietisten, Calvinisten, Amish.

Man darf die beiden Haupt-Charakteristika der Lutherschen Lehren niemals vergessen: Rasender Antisemitismus und radikales Obrigkeitsdenken. Man hat zu dienen, sich einzufügen, fleißig zu sein, sich stets unterzuordnen. Keine Extravaganzen, nichts Buntes, immer bescheiden sein. Adolf Hitler war zwar Katholik, aber den konkreten eliminatorischen Judenhass fand er bei Martin Luther. 

Die protestantischen „deutschen Christen, DC“ waren begeisterte Unterstützer der Nazis, während die prächtigen katholischen Kirchenfürsten schon wegen ihrer Privilegien und ihrer Arroganz eher Schwierigkeiten hatten, sich der NSdAP unterzuordnen. Militärisch, einheitlich, mit nivellierten Klassenunterschieden sollte es bei HJ und BDM zugehen. Das passte habituell besser zum Protestantismus, als eitle Kardinäle in Brokat und Gold.

Wer so trist und streng lebt, wie es die strengen lutherischen Kirchen verlangen, sehnt sich nach Pomp und Internationalität. Nach bunteren Gottesdiensten und extravaganten Titeln.

Der hochintelligente Gustav Heinemann (1899-1976) war durch und durch Protestant.

[….] Unter dem Einfluss seiner Frau Hilda entwickelte er großes Interesse an der Religion. Während des Nationalsozialismus gehörte er der Bekennenden Kirche an (eine Untergruppe der evangelischen Kirche, die den Machtanspruch des Nationalsozialismus nicht akzeptierte). Unter anderem war er Mitglied des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Gesamtdeutschen Synode. [….]

(Bundespräsident)

Bei Hilda und Gustav wuchs die ebenfalls hochintelligente Tochter Uta (1926-2021) auf, die immer eine freie und kritische Denkerin war. Aus der sittenstrengen Enge des Elternhauses zog sie 1953 den Schluß, zum Katholizismus zu konvertieren. Die brillante Akademikerin, die sich 1969 als erste Frau der Welt in katholischer Theologie habilitierte und 1970 als erste Frau der Welt einen Lehrstuhl als Professorin in diesem Fach innehatte, musste später oft erklären, wie sie auf die Idee gekommen war, nach einem langen Studium der evangelischen Theologie Katholikin zu werden.

Der Essener Bischof Franz Hengsbach konnte Ranke-Heinemann akademisch nicht annähernd das Wasser reichen und war doch derjenige, der ihr am 15. Juni 1987 die Lehrbefugnis für katholische Theologie entzog. Auch ihr Kommilitone Joseph Ratzinger, der in den nicht-akademischen Bereich wechselte, disste sie später.

War sie nicht durch ihre freiwillige Konversion selbst schuld, sich solchen Männern unterordnen zu müssen? Sie selbst sagte „Ich wußte ja nicht, daß ich vom Regen in die Traufe komme.“

Der Käßmannsche Luschen-Protestantismus des 21.Jahrhunderts wirkt oberflächlich betrachtet so viel liberaler als der Kindersexfreundliche Woelki-Katholizismus.

Aber wir vergessen dabei, wie erzkonservativ die eine Million Evangelikalen in Deutschland ticken und welche pietistischen Flügel zur EKD gehören.

Man denke nur an die unsäglich frauenfeindlichen drei Hamburger Rüß-Brüder – allesamt pietistische Pfarrer.

Oder an ihr Bremer Pendant Olaf Latzel.

[….]  Alles auf Anfang: Das Oberlandesgericht hat den Freispruch für den umstrittenen Bremer Pastor Olaf Latzel kassiert und das Verfahren an das Landgericht zurückgewiesen. Das Urteil sei zu knapp und lückenhaft, kritisierten die Richter. Das Verfahren gegen den Seelsorger der evangelikalen St.-Martini-Gemeinde wegen Volksverhetzung geht also weiter.

Im dem Verfahren geht es um Aussagen, die Latzel im Jahr 2019 in einem Eheseminar getätigt hat. Der Pastor sprach damals von "Genderdreck", einer "Homo-Lobby" und "Verbrechern" vom Christopher Street Day. Das Landgericht sah seine Äußerungen als von der Religionsfreiheit gedeckt und sprach Latzel vom Vorwurf der Volksverhetzung frei. Das Oberlandesgericht hat jedoch eine andere Auffassung. "Wenn der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt ist, kann das automatisch nicht mehr von der Religionsfreiheit gedeckt sein", sagte Peter Lüttringhaus, Sprecher des Oberlandesgerichts. [….]

(Buten und binnen, 23.02.23)

Besonders lustig übrigens agierte das Landgericht Bremen, als es im August 2021 einen Gutachter im Fall Latzel bestellte.

[….]  Gutachter für Latzel-Prozess: Ausgelebte Homosexualität ist Sünde

Der Theologe Christoph Raedel soll für das Berufungsverfahren Olaf Latzels dessen Aussagen zu Homosexualität und Gender anhand der Bibel prüfen. Raedel erklärte nun vorab, dass er praktizierte Homosexualität nicht gutheißen könne. Der theologische Gutachter für das Berufungsverfahren um den wegen Volksverhetzung verurteilten Bremer Pastor Olaf Latzel bezeichnet „ausgelebte Homosexualität“ als „Sünde“. Der Theologieprofessor Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen sagte am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd), er stimme der Haltung seiner methodistischen Freikirche voll zu: „Die weltweite Evangelisch-methodistische Kirche kann die praktizierte Homosexualität nicht gutheißen und betrachtet diese Handlungsweise als unvereinbar mit der christlichen Lehre.“ In dem Berufungsprozess am Landgericht Bremen solle er Latzels Aussagen über Homosexualität und Geschlechtergerechtigkeit theologisch-wissenschaftlich bewerten, bestätigte Raedel. [….]

(Pro Medienmagazin, 03.09.2021)

Protestantismus in Deutschland – ein Fall für das Titanic-Magazin.

[….]  Zur Klärung der Frage, ob es Volksverhetzung ist, wenn Latzel sagt, Homosexualität sei eine „Degenerationsform von Gesellschaft“ und „überall laufen Verbrecher rum vom CSD“ soll der Theologieprofessor Christoph Raedel beurteilen, ob diese Aussagen „noch von der Bibel gedeckt“ sind. Raedel wiederum bekennt sich selbst dazu Homosexualität für eine (heilbare) Sünde zu halten und „ein Symptom für den gefallenen Zustand der Welt, der die Entfremdung des Menschen von Gott beschreibt.“ Zusammengefasst soll also ein Quatschkopf beurteilen, ob der Quatsch eines anderen Quatschkopfes mit dem Quatsch eines jahrtausendealten Quatschtextes übereinstimmt. Hast Du, hohes Gericht, etwa vor, bei der Gelegenheit gleich die ganze Bibel der Volksverhetzung zu überführen?

Löblich, aber vielleicht gar zu emsig, findet:  [….]

(Titanic, 10/21)