Montag, 16. März 2015

Self-fulfilling Prophecy



Während es mir heute viele Bloggisten gleichtun und genau wie ich gestern die TV-Doku am Montag, 16. März um 23.30 Uhr im Ersten die Dokumentation "Das Schweigen der Männer - Die katholische Kirche und der Kindesmissbrauch" empfehlen, zeigen sich auch die klassischen Printmedien wieder einmal von ihrer frommen Seite.
Es ist die bayerische SZ, die auf ihrer Medienseite in einem ausführlichen Interview diese Doku empfiehlt.
In den Hamburger Zeitungen sucht man vergeblich danach.
Stattdessen gibt es aber seitenlange Lobeshymnen über den ultrakonservativen Meisner-Schüler Heße, der als neuer Erzbischof nach Hamburg versetzt wurde.
Kardinal Meisner, den selbst der fromme Kirchenfreund Volker Beck ob seiner ständigen NS-Vergleiche einen „Hassprediger“ nannte, profilierte sich 40 Jahre als Rechtsaußen der ohnehin schon konservativen deutschen Bischöfe.
Kein Glaubensbruder ist mehr durch zutiefst bösartige und abfällige Äußerungen über Schwule, Linke, Frauen, Juden, Muslime und Atheisten aufgefallen.
Erzbischof Heße aber bewundert Meisner und verdankt ihm alles.
So einen Mann sollte man totschweigen.
Kann das so schwer fallen? Es gibt doch ohnehin so gut wie keine Katholiken in Hamburg und auch alle Christen zusammen sind eine Minderheit in dieser Stadt.
Nicht so die norddeutschen Medien.
Da fällt nicht ein einziges Wort der Kritik.

Sie schreiben:

Stefan Heße ist ein Hoffnungsträger der Kirche
[…]  Der Rheinländer brillierte bei seinem ersten Auftritt im Norden mit einem hohen Maß an persönlicher Emotionalität, Humor und Offenheit. Es bereitete ihm erkennbar keine Mühe, von dem zu sprechen, was sein Herz in diesen Tagen bewegt. Dass er bald seine lieb gewordene Heimat verlassen muss und die betagten Eltern zurücklässt.[…]  "Ich stehe für Transparenz, Ehrlichkeit, Authentizität. Ich bin ehrlich und offen mit Haut und Haaren. Ich komme nach Hamburg, wie ich bin. Und ich will ein weites Herz für die Menschen haben."
Wer so spricht, kommt nicht als weltferner Kleriker daher, sondern als lernbereiter Kirchenmann. Mit seinem freundlich-gewinnenden Ton hat der neue Erzbischof tatsächlich die sonst so hierarchische Amtskirche auf den Boden eines kollegialen Miteinanders gestellt, bei dem der künftige Chef selbst Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von den anderen einfordert. […] (Edgar S. Hasse, 28.01.15)

Viel Prominenz bei Weihe des neuen Bischofs Heße.
[…] Unter den 24 katholischen Bischöfen sind neben Marx der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, sowie die Kardinäle Rainer Maria Woelki (Köln) und sein Vorgänger Joachim Meisner. Evangelischerseits nehmen außer Landesbischof Ulrich auch die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck, Kirsten Fehrs, und der Hamburger Superintendent Uwe Onnen teil.
Der Gottesdienst, der um 10.00 Uhr beginnt, wird von NDR Fernsehen sowie als Livestream […]  übertragen.
(HH Abendblatt 05.03.15)

Erzbischof Heße befürwortet Gottesbezug in Verfassung
(Die ZEIT  7. März 2015)

Halleluja, Hamburg - ein Stadtrundgang mit Erzbischof Heße
[….] Der 48-jährige Heße hat gerade die erste Nacht in Hamburg verbracht. Und staunt. Über das windige Kirmeswetter, die gelungene Architektur in der City und die Freundlichkeit der Einheimischen. [….]  Nach einem Besuch in der Abendblatt-Redaktion und einem Gespräch mit Chefredakteur Lars Haider starten wir zu einer ebenso exklusiven wie kurzen Tour durch die Hansestadt. [….] Da tritt plötzlich Kirsten Fehrs auf. Die evangelische Bischöfin für den Sprengel Hamburg und Lübeck hat gerade im Gottesdienst zur Konstituierung der Hamburgischen Bürgerschaft gepredigt und ist nun auf dem Weg zur Parlamentssitzung. "Ich bin der Neue", stellt sich der langjährige enge Vertraute des Kölner Kardinals Joachim Meisner vor. "Und ich bin die Alte", schmunzelt mit hanseatischer Untertreibung die Bischöfin, die seit drei Jahren im Amt ist. [….] Jetzt machen wir erst mal im Michel Station, dem Hamburger Wahrzeichen. [….] Danach setzt sich der Erzbischof selbst auf die Orgelbank, greift in die Tasten und schließt die Augen. Sanfte Klänge erfüllen das barocke Gotteshaus. Alle lauschen dem Spiel, bis Hauptpastor Röder am Ende sagt: "Es ist das erste Mal, dass im Michel ein Erzbischof Orgel spielt." [….] Von der Speicherstadt führt ihn diese erste Stadtbesichtigung dann mitten rein in das neue moderne Herz der Stadt. Wir spazieren am Wasser, wo gerade ein kräftiger Wind die Elbe herauf weht und das Wasser des Flusses aufpeitscht. [….] Der Wind bläst auch hier jetzt heftig durch die Straße, Heße hat sich einen dunklen Parka übergezogen, zieht seine Schirmmütze tiefer über die Ohren. [….]  Ach, so vieles gebe es in der Stadt noch zu entdecken. Und immer wieder diese "wundervolle Architektur", die man an so vielen Stellen in Hamburg zu sehen bekomme. Das sei in Köln schon anders, nicht so schön. [….]

Die Bischofsweihe am Sonnabend versprach auf jeden Fall frischen Wind für die katholische Kirche im Norden. Denn es wurde viel gelacht und applaudiert in diesem feierlichen, aber niemals steifen Gottesdienst. Heße sprach frei und leidenschaftlich - zum Entsetzen des Zeremonienmeisters, der angesichts der Live-Übertragung des Gottesdienstes im NDR Fernsehen hilflos auf das vorbereitete Manuskript starrte. Aber Heße pfiff aufs Protokoll, berief sich auf Papst Franziskus und sagte, er wolle vor allem den Glauben weitergeben, denn was nicht weitergegeben werde, werde ranzig.
Diese Bischofsweihe im St. Mariendom war ein ganz besonders feierlicher Gottesdienst, mit viel Weihrauch und Gesängen. Die katholische Kirche zeigte, was sie liturgisch kann. Die kunstvolle und handgeschriebene Ernennungsurkunde mit Papst-Siegel aus dem Vatikan wurde erst allen Bischöfen gezeigt, dann hoch gehalten, damit die Gemeinde sie sehen konnte und schließlich verlesen.
[….] So katholisch wie am Sonnabend war Hamburg schon lange nicht mehr: Vor dem voll besetzten Mariendom waren Kardinäle, Bischöfe und Priester mit wehenden Soutanen zu sehen. Es sah ein bisschen aus wie auf dem Petersplatz im Vatikan.

Die besten Bilder.
„Liebe Schwestern und Brüder, hier stehe ich nun erstmals in ganzer Pracht und Herrlichkeit vor Ihnen!“ Mit einer ordentlichen Ladung Selbstironie begrüßte Stefan Heße als frisch geweihter Hamburger Erzbischof seine Schäfchen im voll besetzten Mariendom in St. Georg. Der rheinische Frohsinn des Kölners nahm dem goldglitzernden Bombast seiner gestrigen Amtseinführung die Schwere. Wir haben die besten Fotos der Heße-Einführung.

Brückenbauer im Mariendom
[…] Heße hat recht schnell die Bedeutung des östlichen Teils seines Erzbistums erkannt. Gerade in Mecklenburg ist die Säkularisierung und die Auflösung traditioneller kirchlicher Strukturen so weit fortgeschritten, dass die Region zu einem Erprobungsfeld missionarischer Impulse werden könnte. Nicht von ungefähr führt sein erster Antrittsbesuch in das entkirchlichte Mecklenburg und in die Schweriner Staatskanzlei. Dass seine Bischofsweihe ausgerechnet mit dem Lied aus der DDR-Wendezeit "Vertraut den neuen Wegen" begann – übrigens von einem evangelischen Theologieprofessor verfasst –, steht ebenfalls für feinsinniges zeitgeschichtliches Gespür. […]

Eltern des neuen Bischofs: "Wir waren den Tränen nahe"
[…] St. Georg. Da saßen sie nun in der ersten Reihe und sahen, wie ihr Sohn zu Boden ging. Bäuchlings lag Stefan Heße vor dem Altar, während die 700 Kirchenbesucher den Beistand der Heiligen und Märtyrer erflehten.
Die Kölner Bäckersleute Gisela und Franz-Josef Heße kämpften am Sonnabend im Dom St. Marien mit den Tränen. Das Leben ihres 48 Jahre alten Sohnes zog wie in einem Film vor ihrem inneren Auge vorbei. Wie er das Orgelspiel lernte. Wie es ihn immer wieder in Kirchen zog. Wie er Kaplan wurde. Und nun das: die Weihe ihres einzigen Sohnes zum Bischof und seine Einführung in das Amt des Hamburger Erzbischofs. Stefan Heße, der Bäckersjunge aus Köln-Junkersdorf, wird an der Spitze von 400.000 Katholiken in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg stehen. […] Wie herzlich ihm die Gläubigen im Erzbistum begegnen, konnte man beim kleinen Volksfest vor dem Dom St. Marien erleben. Passend für die Rheinländer, gab es auf Wunsch frisch gezapftes Kölsch. […]

AMEN!

Sonntag, 15. März 2015

Presse- und Parteiversagen.



Fünf Jahre ist es jetzt her, daß die Causa Canisius durch den deutschen Blätterwald rauschte und sich alle Welt auf einmal fragte wie das geschehen konnte.
Ähnlich war es beim TVE-Skandal, der Ende 2013 losbrach und auf einmal alle Welt angeblich das erste Mal davon hörte, daß Bischöfe diverse schwarze Kassen haben, in denen sie gewaltige Vermögen verschweigen.
Schon sehr eigenartig diese Religiösen. Sie staunen über geheime Aspekte ihrer Kirche, die ich als Atheist schon lange vorher als „Basiswissen Kirche“ bezeichnete.

[….] Und dabei bin ich ja nur jemand, der Zeitungen liest. Ich betrieb keine eigenen investigativen Recherchen, indem ich selbst nach Limburg gefahren wäre und Fragen gestellt hätte. Das heißt also; es wurden in der Reportage skandalöse finanzielle Machenschaften aufgedeckt, die längst öffentlich bekannt waren!
Das hätte/könnte/sollte jeder seit vielen Jahren wissen.
Offensichtlich sind aber die Kirchenmitglieder zu phlegmatisch, um sich dafür zu interessieren. Sie zahlen brav und stellen keine Fragen.

Genauso war es auch mit den Missbrauchsfällen, von denen Bischöfe wie Andreas Laun behaupten, das sei erstmals 2010 an die Öffentlichkeit geraten. Also habe man vorher gar nichts dagegen unternehmen können, weil man es gar nicht gewußt habe.
Völliger Blödsinn.
Darüber gab es schon seit 20 Jahren Berichte und zwar nicht nur in winzigen Provinzzeitungen, sondern auch in der Süddeutschen Zeitung oder der ARD-Sendung „Panorama“.
Die meisten Leute haben sich aber Mühe gegeben das zu ignorieren.
Das ist das Elend an der Kirche: Es gab IMMER einige Menschen, die aufklärten. Hier in Deutschland konnte man beim IBKA, der HU und so weiter seit Jahrzehnten alles erfahren, was jetzt als großer Skandal erscheint.
[….]

Das Ausmaß, in dem die Kirchenoberen ihre Schäfchen (zu Recht) und den Rest der Öffentlichkeit (zu Unrecht) für dumm verkaufen kann gar nicht unterschätzt werden.

Die Hauptverantwortlichen Topkleriker des deutschen Katholizismus sind Kardinal Müller als Inquisitionschef in Rom, Kardinal Marx als Chef der Bischofskonferenz und Bischof Ackermann als Missbrauchsbeauftragter der Bischöfe.
Alle drei sind als Lügner und Verhinderer aufgefallen. Sie haben dafür gesorgt, daß der Kriminologe Prof. Pfeifer seine Studie abbrechen mußte, weil sie ihm keinen Zugang zu den Akten gewährten; Kardinal Marx hält die Untersuchungsergebnisse seiner Diözese unter Verschluss und schützt damit insbesondere seinen Vorgänger Erzbischof Ratzinger, der einen verurteilten Sexualstraftäter aus Essen auf Kinder losließ und schließlich Ackermann, der bei der neuen Pseudoaufklärung dafür sorgte, daß die 60 katholischen Orden als Betreiber von Schulen und Internaten gar nicht erst umfasst.
Konsequent werden nur Täter-Vertreter mit der Aufklärung befasst. Die Opfer werden gar nicht erst angehört.

[…] Ein weiteres Problem sind Aktenvernichtungen. Im Erzbistum München und Freising sind Fälle sexuellen Missbrauchs systematisch vertuscht worden. Der damalige Erzbischof Reinhard Marx hat 2010 eine Gutachterin beauftragt, die Missbrauchsfälle seit 1945 zu untersuchen. Fazit: es habe "Aktenvernichtungen in erheblichem Umfang" gegeben.
Anders als viele Bischöfe ist Pater Mertes ein schonungsloser Aufklärer. Der Jesuit hat  die Vergangenheit seines Ordens aufarbeiten lassen und hatte als Leiter des Canisius-Kollegs die ersten  Fälle öffentlich gemacht: "Das Projekt muss ja für die Betroffenen selbst glaubwürdig sein, damit sie sich daran beteiligen, weil sie sonst das Gefühl haben, sie beteiligen sich hier ja nur an einer PR-Aktion der Kirche, damit die am Ende sagen kann, wir haben auch die Opfer gefragt."
Auch der ehemalige Canisius-Schüler Matthias Katsch ist mit der Aufarbeitung unzufrieden, denn die Missbrauchsopfer sind bei der Planung des Forschungsprojektes lange nicht einbezogen worden. "Sie haben seit 2010 alles dafür getan, dass eben keine Aufarbeitung zustande kommt. Wenn sie wirklich daran interessiert wären, dann hätten sie den Kontakt mit den Betroffenen suchen müssen."
Erst  nachdem die Bischöfe alles festgelegt hatten, wurde er für eine Mitarbeit im Beirat des Forschungskonsortiums angefragt. Für den ehemaligen Canisius-Schüler ist absolut unverständlich, dass die Orden nicht Teil der Aufarbeitung sind.
Die Dunkelziffer ist sicher höher. Denn nach ARD-Recherchen gibt es allein an über 60 Tatorten Hinweise auf Missbrauch durch Patres und Nonnen. Die Dunkelziffer ist sicher höher. Der Forschungsauftrag bezieht sich aber nur auf die Bistümer. Die Bischöfe haben die selbständigen Orden gar nicht erst gebeten teilzunehmen. So bleibt der Missbrauch an vielen Schulen und Internaten unaufgeklärt. […]


Seit vielen Jahren sieht die Politik tatenlos zu, wie die Myriaden Opfer von kirchlichem Missbrauch weiter gedemütigt werden.
Anders als in Irland oder den Niederlanden, wo Staat und Parlament die Ermittlungen an sich zogen, weil sie einer Organisation, die über Jahrzehnte, mutmaßlich eher über Jahrhunderte systematisch Zehntausende Kinder gequält, verprügelt, vergewaltigt, sogar kastriert und ermordet hat, nicht mehr vertrauten, schlafen in Deutschland die frommen Regierungsmitglieder gemütlich vor sich hin.
Sie machen sich zu Komplizen der Sadisten in Soutane, buckeln vor den Bischöfen und zeigen den Opfern die kalte Schulter.

Dabei sind die Taten an sich unbestritten und öffentlich bekannt.
Viele Zeitungsberichte und TV-Dokumentationen recherchierten in dem widerlichen Kirchensumpf.


Zu diesem Thema sehen Sie am Montag, 16. März um 23.30 Uhr im Ersten die Dokumentation "Das Schweigen der Männer - Die katholische Kirche und der Kindesmissbrauch".

Immer wieder wurde der Schmutz ausgegraben. Niemand kann behaupten, er wüßte nichts davon.


Das Nichthandeln der politischen Klasse ist ebenso unerträglich wie die Freundlichkeit der allermeisten Artikel über die katholische Kirche.

Ich wünsche mir einen Bischofsboykott aller Medien.
Keine Interviews, keine Artikel mehr zu den Würdenträgern der RKK.
Lasst Erzbischof Heße in Hamburg allein sein Amt übernehmen, ohne daß alle Hamburger Medien liebesdienerisch Fotostrecken veröffentlichen.
Lasst Kardinal Marx seine PK-Statements zu Homoehe und Sterbehilfe vor leeren Reihen verlesen.
Räumt keinem Bischof mehr Platz in Zeitungskolumnen ein.
Schreibt über keine Personalie in den Bistümern.
Ladet keinen einzigen Bischof mehr in Talkshows.
Führt keine Interviews mit Eminenzen und Exzellenzen.
Lasst die Kinderfeinde am ausgestreckten Arm verhungern.

Samstag, 14. März 2015

Siggi auf der Suche



Wenn man SPD-Parteimitglied ist und sich mit Funktionären über den mangelnden Zuspruch der Wähler unterhält, fällt unweigerlich das Wort „Parteiprogramm“.
Schließlich sind wir eine Programmpartei und wenn uns niemand wählen will, muß es wohl am Programm liegen.
Also wird programmatische Arbeit gefordert. Programmkommissionen sollen mit den schlauesten Köpfen bestückt werden und zukunftsträchtige Konzepte ausarbeiten.
Wenn das Parteiprogramm nur genug überzeugt, werden die Menschen auch wieder die SPD mit Mehrheiten versehen.
Programme sind auch gut, denn wenn man denn unversehens mal an die Regierung kommt, muß man ja auch wissen was man tun soll.
 Wie blöd man ohne Programm dasteht, kann man an der derzeitigen CDU-Performance studieren. Die CDU hat bekanntlich in den letzten 15 Jahren jegliche Programmatik völlig fallengelassen und sich als reine Manövriermasse eines Kanzlerwahlvereins verstanden.
In der Konsequenz ist man anschließend in der Regierung mit vielen schönen Posten versehen und muß zugucken, was der K.O.alitionspartner alles umsetzt, während man selbst nicht das geringste CDU-Projekt zu bieten hat, so daß die eigene Handschrift nur noch im Verhindern von SPD-Wünschen besteht.

Programmpartei zu sein ist also besser und ehrlicher und zukunftsweisender.

Es gibt allerdings auch eine Kehrseite. Das sind die Wahlergebnisse.
Wähler mögen keine Programmatik. Und selbst wenn sie konkreten Programmpunkten mit großer Mehrheit unterstützen – Mindestlohn oder Homoehe zum Beispiel – so sind das keine wahlentscheidenden Kriterien.
Im Gegenteil, offenbar sind diejenigen, die den Wähler überhaupt nicht fordern und stattdessen Wohlfühlplattitüden von sich geben, sehr viel beliebter.
Vernunft ist in der Theorie gut, aber nichts, das die Menschen an die Urnen lockt.
Sachpolitische Erfolge bedeuten eben nicht, daß dadurch das Ansehen eines Ministers steigt.
Es ist eher im Gegenteil so, daß diejenigen, die sich von Sachpolitik so fern wie möglich halten, am meisten adoriert werden.
Von der Leyen oder von und zu Guttenberg sind solche Beispiele – sehr beliebt, und das ganz ohne irgendwelche konkreten Projekte. Perfektioniert hat die inhaltsleere Floskel-Politik natürlich Frau Merkel, die bis heute nicht durchblicken lassen hat, ob sie politische Überzeugungen hat. Wenn sie sich mal für irgendetwas einsetzt – Energiewende, Ukrainebefriedung oder Eurorettung – landet sie stets spektakuläre Bauchlandungen.
An der Spitze der Beliebtheitsrankings steht neben Merkel gegenwärtig Außenminister Steinmeier. Er ist sicherlich ein fleißiger, bemühter und seriöser Politiker, der aber eins mit Merkel gemein hat: Er kann keinerlei Erfolge vorweisen:
Kampf gegen den IS, Syrienbürgerkrieg, Ukraine, Europolitik, das Verhältnis zu Russland und USA, Nahostfriedensprozess, Iran-Atomabkommen – was Steinmeier anfasst, wird immer nur schlimmer. Keine Besserung, nirgends.
Totale Erfolglosigkeit ist also nichts, das das Wählerwohlwollen beeinträchtigt.

Die meiner Ansicht nach vier besten Bundesminister der letzten 20 Jahre – Olaf Scholz, Jürgen Trittin, Peer Steinbrück und Heiko Maas – sind, bzw waren  allesamt eher unbeliebt, obwohl sie in ihren Ministerien hervorragende Arbeit leisteten, von der Deutschland sehr nachhaltig profitierte.

Der Held der SPD ist im Übrigen nicht der Bürgermeister, nicht der Landrat, der Ministerpräsident, der Minister, der gutes politisches Handwerk beherrscht und dem Augenmaß zuerkannt wird, sondern es ist der gesinnungsethisch und parteiverträglich stark auftretende Delegierte auf der Parteikonferenz. Vergleichen Sie das Ergebnis von Olaf Scholz beiden letzten Vorstandswahlen der SPD mit denen bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg, und das Problem wird offensichtlich. SPIEGEL: Oder ist die SPD im Kern eine Programmpartei – und viele Wähler haben kein Interesse mehr an Programmatik? […]
Das ist meine Empfehlung an meine Partei: Wenn ihr nur den Koalitionsvertrag abarbeitet, landet ihr in einer Verwaltungsgemeinschaft. Die SPD wird die entscheidenden Zukunftsfragen – Freiheit in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung, Europa, den vorsorgenden Sozialstaat, Integration, die Auswirkungen der digitalen Revolution auf unsere industriellen Kernbereiche – befeuern müssen. Da dürfen auch mal die Fetzen fliegen. Dann mischen sich die Bürger ein. Wir müssen Enthusiasmus wecken.
(Interview P. Steinbrück im SPIEGEL 11/2015)

Es ist eine Eigenart von hauptberuflichen Parteifunktionären Programmatik und professionelle Arbeit zu bewerten.
Ich glaube hingegen, daß „die Wähler“ sich einen Dreck für Programmatik interessieren. Niemand liest Parteiprogramme. Man wählt den, bei dem man sich irgendwie wohler fühlt.

Peer Steinbrück hat zu der falschen Einschätzung des „Wählerwillens“ durch Politiker letzte Woche im SPIEGEL-Interview bemerkenswert Richtiges gesagt.
Tatsächlich hatte Merkel von 2009 bis 2013 miserable Arbeit abgeliefert und die mit Sicherheit schlechteste Koalition Nachkriegsdeutschlands geführt. Die SPD verführte das zu der Ansicht die Wahl müßte einfach zu gewinnen sein.

Unserer Ansicht nach hatten sich die vier Jahre Schwarz-Gelb vor allem durch Ambitionslosigkeit und folgenlose Gipfelveranstaltungen ausgezeichnet. Deshalb ging ich davon aus, dass meine Bereitschaft, Klartext zu reden und konkrete Politikangebote zu machen, einige Wähler aus dem christdemokratischen Lager anziehen könnte, jene Wähler eben, die statt bloßer Moderation einen Gestaltungsanspruch an Politik erheben. Das breite Publikum wollte aber weitestgehend in Ruhe gelassen, schon gar nicht provoziert werden. Frau Merkel als die Mutter aller deutschen Porzellankisten traf genau diese Stimmungslage der Republik. […] Außerdem dachten wir, wenn es für Mindestlohn, die Gleichstellung von Homosexuellen, ein modernes Staatsbürgerrecht, die Frauenquote und die Mietpreisbremse jeweils einzeln hohe Zustimmungsquoten gebe, dann ließe sich aus der Addition solcher Vorhaben eine parlamentarische Mehrheit schmieden. Das war der zentrale strategische Fehler der SPD.
(Interview P. Steinbrück im SPIEGEL 11/2015)

Glaubt man dem neuen SPIEGEL, hat sich Gabriel jetzt schon mit einer erneuten krachenden Niederlage gegen Angela Merkel im Herbst 2017 abgefunden.

…..mehr als 25 Prozent Zustimmung werden es nicht. Solange das so ist, heißt es: Eine echte Machtperspektive gibt es für die Sozialdemokraten nicht. „Zwischen Union, Grünen und Linkspartei bleibt uns nur ein Potenzial von 27 Prozent“, sagt Gabriel auf einer Klausur im Februar. Deshalb könne es „sehr lange dauern, bis wir wieder den Kanzler stellen“. Er weiß: Wenn Merkel wieder antritt und auch sonst kein Wunder geschieht, wird er in gut zwei Jahren in ein Rennen um die Kanzlerschaft eintreten, das er kaum gewinnen kann. Die schwindende Hoffnung macht Gabriel nervös und so unsicher, dass sich viele in der Partei fragen, was mit ihm los ist. Jetzt müsste er durchhalten, geduldig sein. Abwarten. Sich und der Partei vertrauen, um zumindest eine kleine Chance für 2017 zu erhalten. Aber Gabriel ist nicht geduldig, er hat kein Vertrauen.
(DER SPIEGEL 14.03.15)

Na, wenn sich da die Autoren Horand Knaup, Gordon Repinski, Gerald Traufetter nicht gewaltig irren. Geduldig, abwartend, ruhig?
Meiner Ansicht nach holt man so gegen Frau Merkel ganz bestimmt nicht den Urnenpöbel hintern Ofen her.
Die gewaltigen Zustimmungswerte für die Kanzlerin zeigen ja, daß man allgemein glaubt, sie regiere ganz hervorragend. Ihr Credo „Uns geht es gut“ stimmt dabei nur relativ. Natürlich geht es „uns“ besser als den meisten Nationen. Aber es gibt auch millionenfaches Elend zwischen Nord und Süd. Es herrscht himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Vermögende extrem bevorzugt.
Die Aufgabe der SPD in der Regierung müßte es eben nicht sein still und ruhig alles mitzumachen, sondern der CDU gewaltig Widerspruch zu liefern. Sie müßte die Lebenslügen der Konservativen enttarnen und gnadenlos aufzeigen wo und wie die Union Ungerechtigkeiten befördert. Leicht wird das nicht, da Merkel so extrem beliebt ist, daß Kritik an ihnen von vielen Wählern als Majestätsbeleidigung aufgefasst wird.
Man muß sehr überlegt vorgehen und immer ein „Besser wäre es stattdessen…“-Satz anfügen. Jeder Sozi-Spitzenpolitiker sollte die Zeit bis 2017 nutzen, um fortwährend Ungerechtigkeiten (Pflege, Rente, Umwelt, Bildung,..) nicht nur anzuprangern, sondern immer sofort einen konkreten Halbsatz nachschieben, der lautet: „das ist deshalb so, weil die CDU….“
Merkel im Merkel-Sein zu übertreffen, indem man sich bei Pegida einschleimt und „TTIP ist toll“-skandierend hinter den Industrieverbänden herläuft, wird dagegen wenig beeindrucken.

[…] In Neumünster hat der umtriebige SPD-Vize und Landeschef Ralf Stegner gesprochen, der mit ordentlichem Ergebnis (81,9 Prozent) wieder zum Chef der Nord-SPD gewählt wurde. Die SPD sei 2017 auf keinen Fall chancenlos, sagte er. Sie habe allerdings nur dann eine Chance, wenn die Menschen die Unterschiede zur Union wahrnähmen. Das passt ganz in die Linie Stegners, der - im Gegensatz zu Gabriel - allzeit bereit ist, der Union im Bund an den Kragen zu gehen. Koalitionsdisziplin hin oder her.
Ihm gibt eine Studie Recht, die in eben jener Vorstandsklausur präsentiert wurde, in der Gabriel die Wahl 2017 verloren gegeben haben soll. Demnach hat die SPD ein erhebliches Imageproblem und findet neben den Koalitionspartnern CDU und CSU kaum statt. Eine Lösung: abgrenzen, angreifen, Profil zeigen. Die Studie hätte auch von Stegner stammen können.
[…] [Merkels] Umfragewerte sind stabil hoch, die Menschen scheinen ihr blind zu vertrauen. In großen Krisen von der Ukraine bis Griechenland profiliert sie sich als versierte Weltstaatsfrau, die die deutschen Interessen nicht aus dem Blick verliert. Das gefällt.
Im ZDF-Politbarometer führt Merkel souverän die Top-Zehn der wichtigsten Politiker an. In der an diesem Freitag veröffentlichten Umfrage erreicht sie mit 2,8 Punkten ihren persönlichen Bestwert. […]. Die SPD hat es weder vor noch nach der Bundestagswahl 2013 geschafft, gegen Merkel einen wirksamen Hebel anzusetzen. Ihre Macht, ihre Beliebtheit ist unumstritten und ungebrochen. Die SPD dagegen ist festbetoniert auf einem 25-Prozent-Sockel. […]

Einfach nur als Muttis Musterschüler brav und geräuschlos das Wahlprogramm abzuarbeiten reicht ganz offensichtlich nicht, um den Urnenpöbel zu beeindrucken.
Im Gegenteil, die Obstruktion der CDU katapultiert sie gerade wieder auf Rekordwerte nahe der 50% - Merkel könnte ihre vierte Amtszeit mit absoluter Mehrheit beginnen und wieder einmal einen K.O.alitionspartner erledigt haben.
Der Grund für den Zustimmungssprung der CDU von 43% auf 49% ist offensichtlich keine konstruktive Politik, sondern das Holzen de Maizières gegen Ausländer und Schäubles Gepolter gegen die Griechen.
DANN mag der Urnenpöbel nämlich durchaus harte und deftige Töne – WENN sie sich gegen andere und Schwächere richten.
Nur der Wähler selbst will von allen Unbequemlichkeiten verschont bleiben.
Wer das garantiert, indem er immer nur andere anschwärzt, steht gut da.
Ich bin begeistert von Heiko Maas, weil er mutig voran geht, sich gegen CSU und Sachsen-CDU bei den Anti-Pegida—Demonstranten einreiht, glasklare Statements wider Xenophobie und Antisemitismus abgibt.
Er zeigt was ein SPD-Mann alles viel besser als CDU-Minister machen kann.
Leider fallen alle andere SPD-Minister aus und stellen sich nicht mehr an die Seite der Schwachen, der Asylanten, der Juden, der HartzIVler, der Schwulen, der Flüchtlinge.
Einige dieser Positionen sind sogar populär. Gabriel sollte seine Waffenexportverhinderung noch viel konsequenter durchsetzen und dies aus immer entsprechend kommunizieren:
Seht her, ich habe Deal A, B, C,.. verhindert. Die CDU schreit hingegen nach mehr Waffen..
Die SPD könnte auch mal radikale Schritte gegen die kinderfickenden Priester fordern und genau aufzeigen wo und wie die RKK mauert.
Auch das käme gut an beim Wähler.