Dienstag, 24. Mai 2016

Schlimme Nervensägen.



Tobias Haberl und Matthias Ziegler vom SZ-Magazin hatten vermutlich schon unangenehmere Aufträge als den letzten, der sie für zehn Tage durch wunderschöne Hotels in asiatischen Urlaubsparadiesen wie Thailand oder Hongkong führte.
Aber einen Haken gibt es ja immer.
In diesem Fall das Subjekt der journalistischen Begier, Haberl und Ziegler hefteten sich an Margot Käßmanns Fersen, mußten allein 12 mal ihren Vortrag über Martin Luther über sich ergehen lassen und dabei die Frage erörtern, wieso diese Frau so polarisiert.
 Millionen Deutsche sind begeistert von ihr, sie kaufen ihre Bücher, gucken ihre Talkshows, lesen ihre BILD-Kolumne und besuchen ihre Veranstaltungen.
Ebenso viele Millionen verdrehen entnervt die Augen, wenn nur der Name „Käßmann“ fällt. Der intellektuellen Klasse gilt sie als Inbegriff der ungebildeten Nervensäge.

Vor sechs Jahren ist Margot Käßmann tief gefallen, eine öffentliche Person ist sie immer noch. Derzeit reist sie als Lutherbotschafterin um die Welt. Was hat sie an sich, dass manche sie so tief verehren und andere sie so radikal ablehnen?

Da ich zur letztgenannten Gruppe gehöre und wie in diesem Blog dutzende Male bewiesen von kaum einem anderen Geistlichen so angewidert wie von ihr bin, fragte ich mich natürlich auch, was sie mir eigentlich getan hat?
Wieso reagiere ich überhaupt so emotional auf eine von abertausenden Pfaffen und Pfäffinnen, die für ihren Berufstand auch noch relativ liberal ist und zu den sogenannten moraltheologischen Fragen durchaus moderat tönt?
Muß man von so einer Person genervt sein? Wieso ist sie mir nicht genauso egal wie die meisten Theologen, die ihrem Märchenglauben frönen?
Sicher, Käßmann lebt recht unbeschwert von politischer Kompetenz oder sonstigem Hintergrundwissen, aber auch das trifft schließlich auf die meisten Deutschen zu.

Eine Frau, die Merinowolljäcken von Betty Barclay trägt und Handyfotos der Enkel anhäuft. Die sich nachts, wenn sie nicht schlafen kann, alte Tatort-Folgen auf Youtube anschaut. Sie ist auf sympathische Art geheimnislos, deshalb kann man sie auch nicht entzaubern. Da ist nichts Metaphysisches oder Intellektuelles, nichts Mystisch-Mönchisches, weit und breit kein Weihrauch und gar nicht so viel Kalkül.

Haberl zeichnet nun ein wohlwollendes Käßmann-Bild, reiht sich nicht in die scharfe bis radikale Kritik ein, die ihr sonst üblicherweise aus den Feuilletons entgegenschallt.

Margot Käßmann - der Name macht was mit den Deutschen. Auf irgendeine Art reagiert fast jeder auf ihn. Viele verehren sie und finden Trost in ihren Büchern. Manche lehnen sie so radikal ab, dass man sich fragt, was es sein könnte, das die Menschen an dieser zierlichen Person mit dem Liza-Minelli-Köpfchen so aggressiv macht. Ist es die Frau oder die Christin? Die Protestantin oder der Gutmensch? Die gescheiterte Bischöfin, die Bestsellerautorin oder die lästige Mahnerin, die einfach nicht die Klappe halten kann? Liegt es an ihr? Oder an den anderen, weil sie in dieser Frau eigene Defizite erkennen oder Talente, die sie selbst gern hätten?

Sie wäre eigentlich recht unprätentiös, furchtbar normal geblieben.
Eine fromme, redselige Frau, die lediglich manchmal etwas ungeschickt bei ihren Formulierungen wäre, auch mal ohne länger nachzudenken draufloskommentiere.
Kann man ihr vorwerfen so viel zu reden, wenn es doch als Predigerin ihr Job ist sich vor Menschenmengen zu stellen, um zu reden?
Dabei geht es um Texte, die 2000 Jahre alt sind, im besten Fall 500 Jahre, wenn sie ihren heißgeliebten Luther zitiert.
Das ist natürlich sehr öde und Myriaden mal gehört.
Aber müsse man sie deshalb hassen?

Es ist dieser Hang zur Anekdote, der Käßmanns Trumpf, aber auch ihre verletzlichste Stelle ist, der Zug, mit dem sie die Deutschen in zwei Lager teilt: in ihre Fans, die sie für ihre Natürlichkeit lieben, und ihre Gegner, die ihre patente Kirchentagshaftigkeit kaum ertragen können. Margot Käßmann liebt Kirchentage. Seit 1979 hat sie keinen verpasst. "Tankstelle für die Seele", sagt sie dazu. Klar verdrehen da manche die Augen. Und dass sie immer so wirkt, als käme sie aus dem Supermarkt und nicht aus dem Gottesdienst, macht die, die sie für naiv und selbstgerecht halten, rasend, und alle anderen noch anhänglicher.

Der SZ-Magazin-Autor ergründet ehrlich woran Käßmanns abstoßender Effekt auf so viele Menschen liegen könne.
Aber offenbar empfindet er selbst nicht so. Sie nervt ihn nicht und daher dringt er auch nicht hinter ihre Narrativ-Ebene.

Die Äußerlichkeiten, ihr schlichtes Gemüt, die enervierende Medienpräsenz, ihr Drang Banales zu veröffentlichen und naiv zu kommentieren, stört mich in dem Maße wie mich andere intellektuelle Flachschwimmer stören, die unablässig in den Medien herumgereicht werden: Til Schweiger, Claudia Effenberg, Verona Pooth.
Das ist für mich alles eine Schublade. Menschen, die unberechtigterweise als medial interessant erachtet werden und daher zu jedem erdenklichen Thema befragt werden und Auskunft geben.
Verona Pooth ist dabei ein Beispiel für eine öffentliche Figur, die zwar auch über die Käßmannsche Ebbe im Hirn verfügt, aber anders als Schweiger noch nicht mal unsympathisch ist.
Es gibt auch nette Doofe.

Es ist natürlich ein Ausweis von Doofheit, wenn Käßmann mit ihren Privatmeinungen und Privatproblemen – Scheidung, Klimakterium, etc - gleich zur BILD rennt, um das der Welt mitzuteilen.
Niemand muß die BILD lesen und es gibt den „Aus“-Knopf, den man drücken kann, wenn Käßmann mal wieder bei Will/Lanz/Maischberger/Plasberg hockt.

Nur wenige Menschen, wie der zu bedauernde Denis Scheck, sind gezwungen aus beruflichen Gründen Käßmanns zwischen zwei Buchdeckel platt gepresste Plattitüden zu lesen.

Aber man kennt das aus ihren geradezu debil-doof Büchern, die allesamt Bestseller wurden:

Margot Kässmann: Mehr als Ja und Amen
Gibt es Jämmerlicheres, als wenn Erwachsene beim Besuch im Kindergarten oder in der Grundschule so tun, als wären sie selbst Kindergartenkinder oder Grundschüler? Dieses literarische Leben auf Kredit, diese geborgte Naivität, dieses Sich-blöd-stellen mit großen Stauneaugen ist der basso continuo von Margot Kässmanns publizistischem Oevre. "Für dieses Buch habe ich über viele Monate Zeitungsauschnitte gesammelt und war am Ende fast erschlagen von der Vielfalt der Probleme, der Stimmen, der Ansätze", schreibt sie. Ein unnötiges Buch, von der Konzeption her Kraut und Rüben, in der Ausführung lieblos hingerotzt, ein Buch, dessen Leser sich wie zu Unrecht ans Kreuz geschlagen fühlen müssen.

Margot Käßmann: "Sehnsucht nach Leben"
Zwölf Aufsätzlein der Ex-EKD-Vorsitzenden zu Themen wie Mut, Trost, Liebe und Geborgenheit versammelt dieses leider illustrierte Büchlein. "Ich denke, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wo die eigenen Kraftquellen liegen", schreibt Margot Käßmann darin. Aus dem Mund einer FDP-Vorsitzenden klänge das akzeptabel, für eine protestantische Theologin aber ist das bis zur Selbstaufgabe lasch und opportunistisch: ein Offenbarungseid.

Margot Kässmann: "In der Mitte des Lebens"
Aus groupiehafter Sehnsucht nach der medialen Wiederaufstehung einer wegen Trunkenheit am Steuer zurückgetretenen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ein grauenhaftes Mischmasch aus Sermon, Erbauungsliteratur und moralisierenden Textautomatenbausteinen über Monate an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten zu jubeln – für solch merkwürdige Heiligenverehrung kennt man meines Wissens im Norddeutschen das schöne Wort "katholisch!"

Wenigstens Scheck spricht aus, was offensichtlich ist: Käßmann steht nackt da. Sie hat ja gar nichts an.
Bei den großen Multiplikatoren ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.

Bis hierhin könnte man Käßmann lediglich als Symptom des Kulturpessimismus betrachten.
Eine freundliche, junggebliebene Großmutter, die schlicht denkt und ein bißchen viel redet.

Das ist aber leider nicht alles.
Als ehemalige Top-Kirchenfunktionärin übt die Frau enormen Einfluss aus.
Ihre unmaßgeblichen Privatmeinungen beeinflussen die Politik und somit auch das Leben von Atheisten, die von der Kirchenkrake in Ruhe gelassen werden wollen.

Die auf einem riesigen Milliardenschatz hockende EKD bekommt mal eben vom Staat zusätzliche 70 Millionen Euro für das Lutherjahr, also der Privatfeier von Deutschlands dümmster Bischöfin und Lutherbotschafterin Käßmann.

Lutherjahr: Staat zahlt 70 Millionen – Kirche 17 Millionen
[…] Der Bund stellt aus dem Kulturetat 35 Millionen Euro für das 500-jährige Reformationsjubiläum zur Verfügung und das Land Sachsen-Anhalt, wo sich die meisten Lutherstätten befinden, 35 Millionen. Die evangelischen Landeskirchen haben 17 Millionen Euro bewilligt.

Wieso gibt es da nicht den geringsten öffentlichen Aufschrei, während Bürgerkriegsflüchtlinge wegen Geldmangels unter erbärmlichen Zuständen hausen müssen?

Es ist schlimm genug, daß ich als Atheist die Kirchen finanzieren muß. Bischofsgehälter wie das von Frau Käßmann bezahle – statt daß man diese Kosten allein den Gläubigen aufbürdet.

Der entscheidende Punkt ist aber, dass die öffentliche Bezuschussung von Kirchentagen die weltanschauliche Neutralität des Staates verletzt. Von einer wirklichen Trennung von Staat und Kirche kann man in Deutschland leider nicht sprechen. Die Kirchen erhalten nicht nur Milliardenbeträge vom Staat, sondern sind auch an der Gesetzgebung maßgeblich beteiligt. So war es nicht zuletzt dem Einfluss der Kirchen geschuldet, dass der Deutsche Bundestag im letzten Jahr die Bestimmungen zur Sterbehilfe verschärft hat, obwohl die Bevölkerung mit einer überwältigenden Mehrheit von 80 Prozent für eine Liberalisierung votierte.

Käßmanns widerlich-verblödeter Einflussnahme ist es zu verdanken, daß Sterbehilfe nicht erlaubt ist. Sie selbst sprach sich massiv und wiederholt gegen professionelle Todesbegleitung aus.

Geht es um derart persönliche und intime Dinge wie das eigene Leben und das Ende dessen, fällt es schon sehr schwer eine grinsende Käßmann mit ihrem Lieblingsspruch „man kann nie tiefer fallen als in Gottes Arme“ auftreten zu sehen, wenn man einen Angehörigen unter grauenhaften Schmerzen leiden und sterben sieht.
Käßmann und ihre Christenfreunde dürfen gern jedes krankheitsbedingte Leid jahrelang auf Intensivstationen an drei Dutzend Schläuche angeschlossen genießen.
Aber sie sollen nicht die Konfessionsfreien durch ihren Einfluss auf die Gesetzgebung zwingen es ebenso zu handhaben.
Allein das gesetzliche Sterbehilfeverbot, welches durch Druck der Käßmanns zustande kam, ist für mich Grund genug die Kirchen zu verachten.

Selten erlebt man so penetrantes Ignorieren des alltäglichen menschlichen Leids.
Gröhe illustriert mustergütig seine eigene Heuchelei, seine Unwissenheit, seine Gewissenlosigkeit, seine Anmaßung, seine schlicht unmenschliche Bosheit.
Jeder Christ kann sein Leiden, seine bestialischen Schmerzen, sein Ersticken, seine Unselbstständigkeit, seine Lähmungen, seine Perikardergüsse, seine Magensonden, seine Tracheotomien, seine Intubationen, seine Katheter, seine verschleimenden Lungen, seine Inkontinenz, seine Dekompensation, sein Organversagen, seine Hämodialyse, seine Klistiere, seinen künstlichen Darmausgang, seine Desorientierung, seine Panikattacken, seine Ängste, Phobien und Depressionen, seine Verzweiflung, seine Paresen, seine Dekubiti, seine Ekzeme, seinen Pruritus, seine Exsikkose, seine Infusionen, seine Transfusionen, seine OPs, seine Beatmungsmaschinen und die Verzweiflung der Angehörigen so lange genießen wie er will.

Wenn jemand anders das nicht möchte und mit seinem EIGENEN Leben selbstbestimmt umgehen will, geht das den Christen nichts an.

Kirchen haben einen konkret schlechten Einfluss auf den Staat, indem sie beispielsweise auf ein ausbeuterisches Arbeitsrecht beharren, so daß Millionen Angestellte in zu 100% staatlich finanzierten Schulen, Pflegeheimen, Kitas und Krankenhäusern keinem arbeitsrechtlichen Schutz unterliegen. Sie dürfen nicht streiken, werden untertariflich bezahlt, ausgegrenzt, wenn sie Juden oder Atheisten sind.

Kirchen und Käßmann trugen maßgeblich dazu bei, daß in Deutschland wider die UN-Kinderrechtskonvention männliche Säuglinge an ihren Genitalien verstümmelt werden dürfen.
Unverzeihlich.

Und zum guten Schluß begleiteten Tobias Haberl und Matthias Ziegler Margot Käßmann in ihrer Eigenschaft als Lutherbotschafterin.
Sie verlieren aber kein Wort zu dem Mann, für den Käßmann auf der ganzen Welt so intensiv wirbt.

Die Käßmanns dieser Welt sind außerdem immer noch stolz wie Bolle wegen Luthers Bibelübersetzung.
Zu UNRECHT. Denn schon 200 Jahre vor Luther wurde die Bibel in Deutsch übersetzt.

Was man hingegen über Luther weiß, läßt den eindeutigen Schluss zu ihn als Riesenarschloch zu bezeichnen.

Luther. Ein widerlicher Geselle, ein Verbrecher an der Menschheit. Den haben wir noch nicht richtig aufgearbeitet. Wir gehen mit Luther um, als sei er ein „Heiliger“ der evangelischen Kirche. Er war aber ein für die damalige Zeit untypisch aggressiver Antisemit, Frauen verachtend bis ins Mark und vom Denken her völlig mittelalterlich. Teufel war sein Lieblingswort. Die Gesellschaft war sehr viel weiter.

Und als wäre das alle noch nicht genug, war Luther auch noch ein von rasendem Antisemitismus zerfressender Hassfanatiker.
Luthers Pläne zur Vernichtung aller Juden waren noch 450 Jahre die große Inspiration für Adolf Hitler, der Luther dementsprechend verehrte.

Martin Luther verfasste schon im frühen 16. Jahrhundert detaillierte Pläne zur „Endlösung der Judenfrage“.

Vor ein paar Tagen stellte der fromme Kirchenjournalist Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung recht eigenartige Fragen.

Kann man in Deutschland einen Mann feiern, der den Juden wünschte, "dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anzünde"? Einen Mann, der Muslimen, Katholiken und aufständischen Bauern Pest, Tod und Teufel an den Hals wünschte? Darf man fröhlich eines Jahrhunderts gedenken, das darin endete, dass ein furchtbarer Krieg samt Seuchen und Hunger ein Drittel der Menschen in Mitteleuropa dahinraffte?

Nein!

Aber vermutlich sind das rhetorische Fragen, auf die keine Antwort erwartet wurde.

Ja, liebes SZ-Magazin, Käßmann nervt ein bißchen.
Aber der Grund liegt nicht in ihrer permanenten Plapperitis und ihrer intellektuellen Leichtgewichtigkeit.
Das erlebt man bei vielen.

Käßmann treibt einen auf die Palme, weil ihr Wirken konkret der Gesellschaft schadet und weil sie für einen antisemitischen Hassfanatiker Propaganda macht.

Montag, 23. Mai 2016

Bello Gracias.



Der häufigste Satz heute lautet:

„Ist ja gerade noch mal gut gegangen!“

Kein brauner FPÖ-Mann als österreichischer Staatspräsident.
Mit unfassbar knappen 50,3% konnte der Vernunftkandidat van der Bellen das Schlimmste verhindern.

Ja, immerhin wurde Hofer verhindert. Aber das war ja auch das absolute Minimalziel.
Einen Grund zur Beruhigung sehe ich nicht, wenn sich in Österreich fast jeder zweite Wähler bei zwei Alternativen – einem Menschenrechtler und einem Neofaschisten -   für letzteren entscheidet.

Felix Austria? Kein Grund zur Erleichterung!
Aufatmen, Erleichterung! Europas politische Elite seufzt vor Glück, dass dieser Kelch an ihr vorüber gegangen ist. Hauptsache kein Bundespräsident von Rechtsaußen. Keiner, der dem rechten Spuk in Europa weiter Auftrieb gibt.
Als seien fast 50% nur ein Menetekel für nationalistische Kleingeistigkeit - und nicht schon eine Katastrophe an sich. Das österreichische Wahlergebnis bedeutet schließlich vor allem dies: Mitten in Europa gelingt es völkischen Nationalisten Mehrheiten zu organisieren, die diesen Kontinent ideologisch in die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts zurückschreien wollen. Die von Weltoffenheit und Weltbürgertum ungefähr so viel halten wie Islamisten von Frauenrechten. Und die mit ihrem Gegröle vom "Wir zuerst!" vor allem "Ihr zuletzt!" meinen. "Ihr", die Ihr von anderem Blut, Glauben oder Volk seid!
Wer immer noch meint, diese Bewegung sei mit "rechtspopulistisch" treffend beschrieben, ignoriert, dass hier ein völkischer Ungeist am Werk ist, der im Humanismus der Aufklärung sein wahres Feindbild entdeckt hat. Ein Humanismus, der eben keinen Unterschied macht zwischen "uns Volksgenossen" und "Euch Minderwertigeren".
50% hat die Freiheitliche Partei Österreichs hinter sich versammelt - eine Partei, die mit Freiheitlichkeit genauso wenig zu tun hat wie irgendeine der anderen Rechtsaußenparteien in Europa. Deshalb besteht kein Grund zur Erleichterung. Im Gegenteil: Diese Parteien müssen jetzt erst recht mit aller Entschlossenheit bekämpft werden: Weil sie uns allen unsere Freiheit nehmen wollen. Nämlich die Freiheit so zu sein, wie wir sind. Egal wo.

Völkisch-bräunlich moderig wird wieder quer durch Mitteleuropa gedacht.
Spanien ist die einzige rühmliche Ausnahme.

Unsere sogenannten christlich-jüdischen, abendländischen Werte sind das, was religiotische Werte eben sind:
Ein tiefverwurzeltes „Wir sind besser als die!“-Denken.
Wer auf irgendeine Art anders ist, weil er schwul, schwarz, muslimisch, arm, verfolgt oder behindert ist, wird geistig gnadenlos ausgegrenzt.

Die „europäischen Werte“ sind eine reine Schönwetterveranstaltung, die Kauder und Merkel gern einer Monstranz gleich vor sich hertragen, die aber wenn es ernst wird nichts gelten sollen.

Profit geht über Mitleid.
Gier über Teilen.
Homogenität über Vielfalt.
Konvention über Neugier.

Die schöne Michael Schmidt-Salomonsche Theorie des „evolutionären Humanismus“ ist einer Majorität immer noch fremd.

Menschen an sich sind missgünstig.
Auch wenn es sie persönlich gar nicht betrifft, frönen sie ihrer Bösartigkeit.

Der Durchschnittstoitone mit AfD-Faible will eben nicht, daß der Herr Nachbar einen Mann heiraten darf, daß die Jungs am Ende der Straße in eine Moschee gehen oder daß die Frau von gegenüber am Karfreitag tanzen geht.

Von Akzeptanz der Heterogenität sind wir weit entfernt und selbst die kleine Schwester der Akzeptanz, die Toleranz hat keine Chance in den Landstrichen, in denen täglich Asylunterkünfte angegriffen werden.

Dieser widerwärtige Aspekt der Deutschen wird kein bißchen besser dadurch, daß in Ungarn und Polen die angebräunten Intoleranten bereits die Regierung stellen, daß es in der Türkei und Russland eine breite Sehnsucht nach einem allmächtigen Führer gibt, daß in Amerika nicht ausgeschlossen werden kann ab Januar 2017 von einem rassistischen Orang regiert zu werden.

In Deutschland und Österreich muß gar nicht erst eine AFDFPÖ die Regierung übernehmen.
Die jeweiligen Grokos verlieren schon bei dem Gedanken an Petry und Strache die Kontrolle über ihre Peristaltik.
Ohne Not tut man das was rechte Demagogen, die bisweilen in der eigenen Koalition sitzen und mit Vornamen „Horst“ heißen, verlangen.

Die rot-schwarze Bundesregierung hat sich in den vergangenen Jahren von der FPÖ treiben lassen. Immer wieder hat Rot-Schwarz Forderungen der Rechtspopulisten übernommen - und doch an Zustimmung in der Bevölkerung verloren.
Gerade in der Flüchtlingspolitik ist Wien unter dem Anfang Mai zurückgetretenen Bundeskanzler Werner Faymann Zick-Zack gefahren, zuletzt nicht gerade europafreundlich. Alexander Van der Bellen hingegen hat sich stets klar positioniert, auch bei mutmaßlich unpopulären Themen wie Flüchtlingen und Europa.
Der Wahlausgang zeigt: Die Mehrheit der Österreicher ist weder europafeindlich noch ausländerfeindlich eingestellt. Und die meisten Bürger des Landes belohnten eine pro-europäische Linie. Die Grünen sollten sich trotzdem nicht zu viel auf Van der Bellens Sieg einbilden: Viele Bürger haben auch vor allem deshalb für ihn gestimmt haben, um einen FPÖ-Präsidenten zu verhindern.

Was sollen die Doofen und Ängstlichen, die AFDFPÖ anhängen anderes denken, als „wir haben eben doch recht!“, wenn die Altparteien ihre Überzeugungen über Bord werfen und den Willen der Rechten exekutieren?

Nein, der braune Kelch ist noch nicht an uns vorüber gegangen.
Die Le Pens, Petrys und Straches sind gestärkter als je zuvor.

Sonntag, 22. Mai 2016

So kommt das.



Unzählige Bücher beschäftigen sich mit der Frage wie es zu Hitlers Aufstieg kommen konnte, der in Deutschland immer noch „Machtergreifung“ genannt wird.
Das ist aber falsch, denn Hitlers Partei wurde demokratisch gewählt; er bekam eine reguläre parlamentarische Mehrheit.
Er ergriff nicht etwa die Macht, sondern die Deutschen haben ihn ganz freiwillig zum Reichskanzler gemacht.

Historisch ist dieser Vorgang so gut erforscht, daß der SPIEGEL kürzlich fragte, ob es überhaupt möglich ist noch irgendetwas zu Hitler zu schreiben, das noch nicht gesagt worden wäre.

Als später Geborener, der sich angesichts der grotesken Gröl-Reden „des Führers“ und der schaurigen „Mein Kampf“-Lektüre fragt, wie man nur so einen Mann wählen konnte, weiß ich natürlich, daß Jahrzehnte später ein anderer Eindruck Hitlers dominiert.
Man kann nicht das Wissen um das, was noch kam, völlig ausklammern, um sich wirklich in die Zeit vor 1933 zu versetzen.
Rational weiß ich wie selektiv die Realität wahrgenommen wird.
Die Redeausschnitte, die heute jeder von Hitler kennt, sind natürlich die besonders grotesken, bei denen er extrem gestikuliert.
Die Satzbausteine, die auf seine späteren Verbrechen hinweisen, dominieren das Bild, das a posteriori von ihm erscheint.
So stellten sich Anfang der 1930er Jahre aber offenbar bei Weitem nicht alle Deutschen den NSdAP-Chef vor.
Offensichtlich konnte der Mann durchaus auch charmant und überzeugend wirken.
Hitler war in der Lage auch intelligente und intellektuelle Menschen vollkommen in seinen Bann zu ziehen.
Man traute ihm die heute bekannte Bösartigkeit einfach nicht zu.
Immer wieder beeindruckend wie sich Heinz Rühmann als Julius Löwenthal in dem 1933 spielenden Film* „das Narrenschiff“ über die Nazis äußert.

"Es gibt in Deutschland eine Million Juden! Was wollen sie tun, uns alle umbringen?".

Es ging über die Vorstellungskraft vieler gebildeter und erfahrener Bürger was Deutschland unter NSdAP-Führung tun würde.

Eins der größten Rätsel der Figur Hitler ist für mich immer noch woran es lag, daß er offensichtlich so viele Menschen überzeugen konnte.
Man weiß, daß sehr scharfsinnige und selbstbewußte Generäle bis zum letzten Tag bedingungslos zu ihrem „Gröfaz“ standen, obwohl sie seit mindestens zwei Jahren täglich bei den Lagebesprechungen erlebten, daß der Mann Unsinn redete.

Es war offensichtlich nicht eine Frage der Intelligenz, ob man Hitler durchschaute.

Interessanterweise gibt es genügend Gegenbeispiele von Menschen ganz unterschiedlicher Art, die Hitler von Anfang an als das Giga-Ungeheuer durchschauten, das er war.

Der einfache Schreiner Georg Elser (*1903; † 9. April 1945 im KZ Dachau) erkannte Hitler klar als das was er war.

Die promovierte Dönhoff hatte schon als Gymnasiastin in den 1920er Jahren Hitler auf einer kleinen Veranstaltung kennengelernt. In einer Diskussionsrunde saß sie nur zwei Plätze neben ihm und fällte schon damals ein Urteil: Der Mann ist ein Verbrecher, wird Europa in einen Krieg stürzen und dafür sorgen, daß sie alle ihre Heimat verlieren.
Sie wurde zur „Roten Gräfin“, weil sie in den Kommunisten die einzigen Verbündeten fand, die wirklich gegen Hitler aktiv waren. Später im Krieg verlor sie als aktive Widerstandskämpferin fast ihren gesamten Freundeskreis, da die meisten im Zuge des Attentatsversuches vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurden.

Als Oberprimanerin noch hatte Marion Dönhoff einmal in Berlin Hitler erlebt; sie fand ihn grauenhaft, seine Argumente irrsinnig, seine kippende Stimme abstoßend: »Diese Begegnung gab für meine lebenslange Einstellung den Ausschlag (…). Vaterland, das gab es für mich nicht mehr, seit der Hitler da war.« Und zehn Jahre lang sah sie den Krieg kommen – in der bangen Gewissheit, dass Ostpreußen eines Tages verloren sein werde.

Woran liegt es, daß es in Europa einerseits die Elsers und Dönhoffs gibt, die Gefahren und Persönlichkeiten offensichtlich mühelos durchschauen, während so viele ihrer Zeitgenossen willig den Hassideologen in den Abgrund folgen?

Eigentlich sollte/wollte/müsste ich heute noch einige Worte über die Unterschiede zwischen des österreichischen Präsidentschaftskandidaten verlieren.
Aber gibt es zwischen dem Ex-Grünen Chef Alexander Van der Bellen und dem rechtsextremen FPÖ-Mann Norbert Hofer überhaupt eine Wahl?
Wer sich bei diesen beiden Alternativen nicht innerhalb einer Mikrosekunde entscheiden kann, ist für mich entweder ein totales Rätsel oder blanker Abschaum wie Papst Franzens Weihbischof Andreas Laun, der zur Wahl Hofers aufgerufen hatte.

Das Endergebnis ist noch nicht bekannt, aber es ist gut möglich, daß tatsächlich über 50% der österreichischen abgegebenen Stimmen auf Hofer entfielen. Derzeit liegt er in den Auszählungen mit 51,9% vorn.

Österreich geht es ökonomisch sehr gut, Österreich hat flächendeckendes Internet und breite Protestfront, die über den Rechtsradikalismus aufklärt.
Und dennoch wählt man dort womöglich mit absoluter Mehrheit einen FPÖ-Rassisten zum Staatschef?

Wer das sieht, braucht sich nicht mehr über 1933 wundern.
Erst Ungarn, dann Polen, jetzt Österreich.
Unsere europäischen Gesellschaften versagen wieder einmal auf ganzer Linie.

Das "feine Schweigen" also. Das trifft es eigentlich ganz gut. Wie kippt ein Land? Wie kippt eine Gesellschaft? Wie entstehen rechte Diktaturen? Und was ist die Rolle des Bürgertums?
Fritz Stern hat diese Formulierung benutzt, der große Historiker, der diese Woche gestorben ist, er hat sie benutzt, um das Versagen jener Schichten zu beschreiben, die die Gesellschaft eigentlich tragen sollten.
Aber sie weigerten sich, laut zu werden, sie waren sich zu gut dafür, in den Streit der Meinungen einzugreifen, sie überließen das Feld den Geiferern, sie taten liberal und hatten doch nicht gelernt, für diese Liberalität zu kämpfen.
Das Bürgertum also, kurz gefasst, das dem Aufstieg Hitlers einfach zusah; das Bürgertum, das auch heute zusieht, wie ein Land, wie ein Kontinent kippt, still, sediert oder sympathisierend. [….]

Bürgerliche Gesellschaft, bürgerliche Parteien, Bürgertum – ich habe keine Ahnung wieso diese Begriffe nach wie vor positiv konnotiert werden.



*Weitere weltbekannte Zitate:

Marvin fragt: "Was haben denn alle gegen die Juden? Bei uns gibt es sowas nicht", woraufhin Leigh kühl lächelnd erwidert: "Sie waren wahrscheinlich zu beschäftigt, die Schwarzen zu lynchen, um noch Zeit für die Juden zu finden."

Ferrer: "Die Juden sind an allem Schuld."
Rühmann: "Stimmt, die Juden und die Radfahrer."
Ferrer: "Wieso die Radfahrer?"
Rühmann: "Wieso die Juden?"