Donnerstag, 7. Januar 2016

Krank

Gerade war ich beim Arzt. Beim Orthopäden in so einem neuen hochmodernen Facharztzentrum.
Normalerweise handhabe ich physische Beschwerden so, daß ich sie konsequent ignoriere bis es irgendwann von allein wieder weggeht.
Gestern ließ es sich aber nicht mehr aufschieben.
Und gerade orthopädische Praxen sind verrufen für extrem lange Wartezeiten.
Es kennt auch niemand einen guten Orthopäden.
Zu den Knochen-Ärzten gehe ich schon deswegen so ungern, weil ich Privatpatient bin und da werden einem fast immer IGeL-Leistungen* empfohlen, deren Notwendigkeit man als Laie so schlecht beurteilen kann.

*Wie ich schon gelegentlich erwähnte, bestimmt in der Gesundheitspolitik weniger das Gesundheitsministerium als vielmehr der „Gemeinsame Bundesausschuss“, in dem alle Lobbyisten zunächst einmal bestimmen was ihren finanziellen Interessen dient.
Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) müssen nach den Richtlinien des § 92 SGB V nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden.
Aber welcher Patient, der wirklich krank ist oder Schmerzen hat, würde nicht aus eigener Tasche Behandlungen zahlen, wenn der Halbgott in Weiß einem glaubhaft suggeriert, daß nur diese ihm Linderung verschaffen?

Angesichts der horrenden monatlichen Zahlungen, die ich für meine Zwangs-PKV zahle, übernimmt meine Kasse IGeL-Leistungen.
Was zunächst erst mal gut klingt, bedeutet aber in der Praxis, daß ich erstens ein großes Risiko von überflüssigen aber teuren Behandlungsempfehlungen trage und zweitens, daß dadurch meine monatlichen Beiträge noch mehr steigen.

Nun also nach sehr langer Zeit ein neuer Orthopäde.
Zunächst einmal waren sie von meinen prähistorischen Ledereinlagen begeistert, die ich mitgebracht hatte. Aus dem Jahr 2000. Die sähen aber noch unglaublich gut aus.
(Daß die 15 Jahre nur im Schrank lagen und ich die nie in einen Schuh gepackt hatte, erwähnte ich nicht extra.)

Aber nun gäbe es ja viel bessere Einlagen. Die aus Kunststoff für 129,- und die doppelt so teure dünne Lederversion.  Ich müsse auf jeden Fall Beide Paare nehmen, damit ich sie je nach Schuh einsetzen könne. Knappe 500 Euro weg.
Dazu Stoßwellentherapie (drei Mal ~ rund 300 Euro) und ein MRT (>1000 Euro) zum Ausschluss von möglichen Haarfrakturen sei auch angeraten.

Im orthopädischen Sanitätsgeschäft nebenan stellte die freundliche Dame bei der „Anprobe“ fest, daß mein linker Fuß 1,5 mm kürzer als der Rechte ist!
Donnerschlag! Was für ein Drama.

Offensichtlich wird inzwischen jede kleinste Abweichung vom anatomischen Idealmaß als behandlungsbedürftig angesehen.
Dabei werden viele bereits festgestellt haben, wenn sie sich auf der Straße umsahen, daß nicht alle Menschen exakt gleich aussehen.
Wir sind keine Klone. Es gibt Abweichungen im Knochenbau.

Noch absurder wird es bei Blutbildern, die bei jeder geringfügigen Normabweichung sofort eine Therapie dagegen anmahnen.

Überraschung, Überraschung. Auch Blutzuckerspiegel, Cholesterinwerte und Blutdruck sind nicht bei jedem Menschen gleich. Viele Werte verändern sich auch auf ganz natürliche Weise durch den Alterungsprozess.
Glücklicherweise haben ältere Männer eben nicht mehr den Testosteronwert wie ein 18-Jähriger.

Jede vierte Frau über 50 wird heutzutage als Osteoporose-anfällig diagnostiziert und muß sehr teure Medikamente zur Erhöhung der Knochendichte nehmen.

Millionen Menschen in Deutschland nehmen täglich Blutverdünner ein – Marcumar, Coumadin, ASS, Xarelto und Co. Das klingt zunächst einmal gut, weil man das Risiko von Schlaganfällen natürlich gern senken will.
Aber ohne Blutgerinnung zu leben, weil man täglich eine kleine Dosis Rattengift einnimmt, erhöht andererseits das Risiko einer Hirnblutung und ist ein Alptraum für Chirurgen, die diese Menschen nicht operieren können.

Über sieben Millionen Menschen werden in Deutschland medikamentös wegen Diabetes behandelt.
Muss das wirklich sein? Oder können ältere Menschen vielleicht auch genauso gut mit einem etwas höheren Zuckerwert als er im Medizinlehrbuch steht, leben?

Studien werden immer unsauberer gelesen. Man verwechselt statistische Zusammenhänge mit ursächlichen Zusammenhängen.

Mindestens 84 Prozent der erwachsenen Bürger, so eine Studie aus Norwegen, haben demnach ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Immer häufiger behandeln Mediziner heute kein wirkliches Leiden mehr, sondern versuchen, die statistische Wahrscheinlichkeit einer späteren Krankheit zu verringern. Dabei sind viele Messwertüberschreitungen kaum relevant. So erschienen zu Triglyceriden, C-reaktivem Protein, Fibrinogen und sieben weiteren Biomarkern aus dem Blut jeweils mehr als 6000 Studien. Wissenschaftler haben die Zahlen gesichtet und fällen ein vernichtendes Urteil: All diese Biomarker hätten nur „eine eingeschränkte oder gar keine Aussagekraft über Herz-Kreislauf-Krankheiten“.
Dennoch werden massenhaft Medikamente verschrieben, um die Blutwerte zu verändern. Die Verordnungen von bestimmten lipidsenkenden Mitteln (Statinen) etwa haben sich in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland mehr als verdoppelt; jeden Tag nehmen fünf Millionen Bürger sie ein.
(Jörg Blech, SPIEGEL, 01/16 s.101)

Noch problematischer ist es im psychotherapeutischen Bereich.
Wer kann da schon so genau sagen, was die Norm ist und was als behandlungsbedürftig einzuschätzen ist?

Darf die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen zwei Jahre oder nur zwei Wochen dauern? Ab wann ist zu viel essen pathologisch? Und brauchen extrem reizbare Kinder, die sich mitunter zurückziehen, eine psychiatrische Diagnose?
Was noch normal und was schon krank ist, stufen Ärzte nach einem Klassifikationssystem psychiatrischer Leiden ein, das derzeit rundum erneuert wird. Wie der SPIEGEL berichtet, ist jetzt eine Debatte entbrannt um die Inhalte der fünften Auflage des "Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen" (DSM-5), das im Mai veröffentlicht werden soll. Gesundheitsexperten warnen, normale Verhaltensweisen könnten zu seelischen Störungen erklärt werden. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagt: "Das DSM-5 treibt die weltweite Psychiatrisierung von außergewöhnlichen Verhaltensweisen voran. Psychiater und pharmazeutische Firmen produzieren mehr Kranke, um mehr Geld zu verdienen."
(Der SPIEGEL 21.01.2013)

Und was mache ich jetzt mit meinem linken Fuß?
Der ist ja immerhin über einen Millimeter kürzer als der andere.

Ob ich es überlebe, wenn ich das nicht behandeln lasse?


Mittwoch, 6. Januar 2016

Christliches Mitgefühl für Männer.


Monatelang, vielleicht Jahrelang zusammengepfercht mit Fremden auf engsten Raum, getrennt von seiner Familie und zum absoluten Nichtstun verdammt, während man noch nicht mal den Ort verlassen darf, kein Geld verdienen kann und auch die fremde Sprache, die einen umgibt nicht lernen kann, weil man für einen der raren Kurse erst ein Asylverfahren durchlaufen müßte, das man aber noch nicht mal beantragen konnte, ist offensichtlich nicht der ideale Nährboden, um kontinuierlich entspannt und geduldig zu bleiben.
So eine Überraschung.

Man könnte natürlich argumentieren, daß es geboten wäre in so einer Situation die Familienväter wieder mit ihren Frauen und Kindern zusammen zu bringen.
Dann müßten sie sich nicht mehr jede Minute um das Wohl ihrer Familie sorgen und die Wartezeit wäre weniger unerträglich, wenn man sich währenddessen wenigstens gegenseitig umsorgen kann.
Und war da nicht auch irgendwas mit christlichen Werten? Familienwerten?
Irgendwas mit dem Grundgesetz?

Die syrische Stadt Madaja ist seit mehr als 170 Tagen abgeriegelt. [….]
Etwa 40.000 Menschen sollen in dem belagerten Ort Hunger leiden. Ein Arzt sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Bewohner würden inzwischen Gras und Laub essen, um ihren Hunger zu stillen. Zudem hätten sie vor einigen Tagen begonnen, Hunde und Katzen zu schlachten.
"Die Menschen sterben in Zeitlupe", sagte ein Sozialarbeiter aus Madaja dem "Guardian".

Aber die modernen Christdemokraten und Christsozialen denken vielleicht auch daran, daß die armen Männer mal ihre Ruhe haben wollen. So eine Ehefrau stellt immer Ansprüche und wer weiß nicht, daß Kinder einem gewaltig auf die Nerven gehen können?

Die Bundesregierung, die auch von der SPD getragen wird, sorgt durch die Einschränkungen beim Familiennachzug dafür, daß nun immer mehr Kinder und Frauen auch die lebensgefährlichen Todes-Kähne auf dem Mittelmeer gezwungen werden.
Statt Fluchtursachen und das Schlepperwesen zu bekämpfen, schaffen sie nun ein Konjunkturprogramm für skrupellose Schlepperbanden.

Wenn man den Familiennachzug stoppt, bedeutet das:

„Unsere barmherzigen Christen betreiben jetzt das, was sie neulich im Bundestag noch abgelehnt hatten: Geschäftsmäßige Sterbehilfe!“
(Urban Priol 12.11.2015)


Gerade gestern zog die türkische Küstenwache wieder mehrere Kinderleichen aus der eiskalten Ägäis. Kein Grund für die CSU nicht immer schriller nach Obergrenzen zu schreien. So ein paar tote Gören interessieren einen wahren Christen wie Horst Seehofer, der bereits vier Mal persönlich vom Franzl-Papst empfangen wurde, nicht.

Aber wahre Christen wären nicht wahre Christen, wenn sie nicht immer noch voller Mitgefühl für die Männer in den Flüchtlingsheimen wären.
Gut, sie haben das Glück nicht mehr von ihren Quengel-Blagen belästigt zu werden.
Aber auch wenn Frauen ziemlich nutzlos erscheinen, jedenfalls so überflüssig, daß man sie nicht extra dazu holen muß, so erfüllen sie doch eine Funktion als Putzkraft und Sexobjekt.

Erstere Funktion hält man hierzulande offenbar noch für substituierbar. Da muß sich der Mann selbst helfen; er hat ja (meistens) zwei gesunde Hände.
Letztere Funktion hingegen scheint offenbar weniger einfach mit zwei gesunden Händen zu ersetzen sein.

Pfarrer Ulrich Wagner schlägt bei den offenbar Puff-erfahrenen CSU-Mitgliedern vor den Asylbewerbern Huren zuzuführen.
Man weiß ja, „der Afrikaner schnackselt so gern“ und wenn er genügend in seinem Heim poppen kann, läßt er sich vielleicht davon abhalten Björn Höckes deutsche Blondinen ins Visier zu nehmen – so die bestechende Logik.

[….]  Herr Wagner, Sie haben bei einer Asyldebatte in Siegertsbrunn neben vielem anderen angeregt, Asylbewerbern die Dienste von Prostituierten zur Verfügung zu stellen. Ist das Ihr Ernst?

Pfarrer Wagner: Der Gedanke kam, als mir ein Freund erzählt hat, dass in sein Dorf 100 Asylbewerber kommen und jetzt viele Angst hätten, dass so viele Männer die Frauen im Ort belästigen könnten. Ob begründet oder nicht: Diesen Ängsten will ich damit begegnen. Denn es gibt sie.
[….] Der Bedarf ist doch da. In unserer Gesellschaft haben wir doch auch Prostitution, das soll doch ein anerkannter Beruf sein, die Zeitungen und das Internet sind voll mit Anzeigen. Wenn’s aber um Asylbewerber geht, geben wir ihnen zu essen, zu trinken und sagen: Das Problem ist gelöst. Ist es aber nicht.
[….] Vielleicht erklärt sich auch ein Bordellbesitzer bereit, ein gutes Werk zu tun. Am Vormittag ist da ja eh nicht viel los, vermute ich.[….]


Dienstag, 5. Januar 2016

Also, das geht nicht, Harald Stutte


Im aktuellen SPIEGEL wendet sich Markus Feldenkirchen mit seinem Leitkommentar direkt an die „besorgten Bürger“.

[…] Eine weitere Sorge gilt uns, den Medien. Viele „besorgte Bürger“ unterliegen dem Missverständnis, dass guter Journalismus haargenau die eigene Meinung wiedergeben müsse. Das ist menschlich, aus ähnlichen Motiven haben die Nazis ihren „Stürmer“ gehabt. In Demokratien aber war die Idee von Journalismus bisher eine andere. […]
 (Der SPIEGEL 01/2016 s.12)

That said, muß ich mich ein bißchen über den Mopo-Redakteur „Harald Stutte“ echauffieren.
Schon wieder.

 Es ist nicht das erste mal, daß ich mich über Stutte sehr wundern muß.


Er tut das aber offenbar weniger aus Bosheit, sondern einfach aus Unwissenheit.
Im Grunde sollte man sich auch nicht über eine so einfache Boulevardzeitung ärgern. Natürlich haben die keine Mittel, um sich echte Edelfedern zu leisten.
Für den Preis von 90 Cent kann man natürlich keinen Spitzenjournalismus erwarten.
Ganz im Sinne Fledenkirchens erwarte ich auch keineswegs von der Hamburger Morgenpost genau das zu präsentieren, was ich auch denke.
Stutte und seine Kollegen können und sollen gern andere Meinungen vertreten.

Es ist aber nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt, wenn man aus purer Unwissenheit außenpolitische Dinge einfach falsch darstellt.

In der heutigen Ausgabe will uns Stutte nämlich Saudi Arabien erklären.

Für die Welt war die Inthronisierung Salmans im Januar 2015 nur eine Randnotiz. Ein 79-Jähriger Greis folgte einem 91-Jährigen (Abdullah), der zehn Jahre zuvor einem 84-Jährigen (Faht) auf den Thron gefolgt war.
(Mopo, STU, 05.01.16)

Zunächst einmal Vorsicht mit der Behauptung 79-Jährige wären automatisch Greise.  Helmut Schmidt war mit knapp 97 noch deutlich fitter im Kopf als Harald Stutte und bekanntlich war Konrad Adenauer noch mit 87 Jahren Bundeskanzler und viele 90-Jährige demonstrier(t)en gerade im deutschen TV ihre geistigen Qualitäten. Margarethe Mitscherlich, Hildegard Hamm-Brücher, Peter Scholl-Latour, Wolfgang Leonhard, Egon Bahr.  Papst Franziskus ist im Übrigen auch 79 Jahre alt und wird niemals als „Greis, der auf Greise folgte“ abgekanzelt.

Es muß sich auch niemand mit den 7000 saudischen Prinzen auskennen. Aber wenn man schon Artikel darüber schreibt, sollte man sich doch zumindest anlesen, daß Salman der vorletzte der sieben berühmten Sudairi-Prinzen ist.

Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud, 79,  saudischer absoluter Herrscher seit dem 23. Januar 2015, ist der vorletzte der sieben Lieblingssöhne seines Vaters König Abd al-Aziz ibn Saud. So kam er jetzt auf den Thron, obwohl er nur der 32. Sohn seines Vaters ist. Es gibt nur noch einen jüngeren Sohn von König Salmans Mutter Huzza Bint Ahmed Bin Mohammed Al-Sudairi.
Salmans Papi, der legendäre Staatsgründer, regierte rund 50 Jahre, davon 21 Jahre als König, war mit 17 Frauen verheiratet und zeugte etwa 60 Kinder.
Dagegen stinkt Salam ab.
Sein Bruder und unmittelbarer Vorgänger König Abdullah hatte wenigstens noch 34 Kinder von neun Ehefrauen.

Die Sudairi-Sieben spielen eine entscheidende Rolle in Saudi Arabien. Auch König Faht war einer der Sudairi-Sieben.
Das ist schon insofern wichtig, weil man annimmt, daß erst nach dem Tod aller sieben Vollgeschwister ein Generationenwechsel in Riad vollzogen wird.

Salmans direkter Vorgänger, König Abdullah, war auch keineswegs einer dieser Greise, von denen Stutte suggeriert, es mache keinen Unterschied, wer auf dem Thron säße. Abdullah war durchaus ein bißchen reformorientiert und leitete sukzessive Neuerungen ein.

Dies dreht Salman nun zurück.

Vollkommen falsch ist hingegen die Darstellung Stuttes, die Welt habe den Thronwechsel gar nicht mitbekommen. Das diametrale Gegenteil ist richtig. Noch nie wurde so ein diplomatischer Großalarm ausgelöst.

Als Abdullah starb, war Merkel krank und Pastor Gauck feierte gerade eine Sause zu seinem 75. Geburtstag. Da es für Gauck nichts Wichtigeres als Gauck gibt, war er also verhindert.
Protokollarisch wäre Steinmeier am drannsten gewesen, um schleimspurziehend auf den Knien durch Riad zu rutschen.
Salman, der neue König gibt sich aber nicht mit so etwas minderem wie Außenministern zufrieden. So kam es, daß Merkel ganz schnell Wulff reaktivierte, um der Saudischen Königsfamilie zu kondolieren.
Präsident ist in ihren Augen mehr als ein Außenminister, auch wenn es nur ein „Ex“ ist, der chronisch so knapp bei Kasse ist, daß man stets befürchten muß, er könnte sich das Tafelsilber einstecken.   […]

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Saudi-Arabien zum Tod von König Abdullah kondoliert und dem gestorbenen Monarchen für "seine ausgewogene und vermittelnde Politik im Nahen Osten (...) Respekt und Anerkennung" gezollt. Wie das Bundespresseamt mitteilte, sprach Merkel in einem Kondolenztelegramm dem neuen König Salman ibn Abdelasis ihr "tief empfundenes Mitgefühl" aus.
Weiter schrieb die Kanzlerin über den verstorbenen König: "Mit Klugheit, Weitsicht und großem persönlichen Einsatz ist er für eine behutsame Modernisierung seines Landes und für den Dialog der islamischen Welt mit dem Westen eingetreten."

Noch ungenierter agiert Obama.
Der Guantanamo-man, der zuhause fleißig die Todesstrafe praktizieren lässt und weltweit durch illegale Drohnen-Mord-Aktionen Unschuldige umbringen läßt, setzt im Spannungsfeld zwischen „westlichen Werten“ wie Meinungsfreiheit und Rücksicht auf islamische Despoten klare Prioritäten.
Moral und Werte – das brauchen die frommen Christen Obama, Wulff und Merkel nur bei Sonntagsreden und um sich bei ihren Wählern einzuschleimen. In der praktischen Politik tangieren sie diese Petitessen nicht.
Die böse Mainstreampresse kritisiert das durchaus. Sie tut das was sie tun muß.
Allein, es schert niemand.

[…] Es wirkt wie eine Pilgerfahrt. Der saudische König ist gestorben, und alle eilen nach Riad. Frankreichs Präsident und der britische Premier waren schon da, der US-Präsident will am Dienstag kommen. Der Westen verneigt sich vor dem toten Herrscher. Das ist prinzipiell nicht verwerflich. Zu kondolieren ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Leider belassen es die Staats- und Regierungschefs aber nicht beim Kondolieren, sie machen einen Kotau.
In dem Land, das die Königsfamilie sich untertan gemacht hat, gelten Frauen nichts. Homosexuelle werden verfolgt, Blogger ausgepeitscht, Todesurteile öffentlich mit Säbeln vollstreckt. Es grenzt an eine Selbstaufgabe der Demokraten, wenn in London sogar die Fahnen am Parlament auf Halbmast gesetzt werden, weil König Abdullah gestorben ist.
Es ist absurd, wenn Merkel die "Klugheit" und "ausgewogene Politik" des Monarchen preist. Und es ist bezeichnend, dass Obama den Gedenkmarsch für die Opfer des islamistischen Terrors in Paris geschwänzt hat, jetzt aber zu den Mittelalter-Theokraten in Riad pilgert. […]

[…] Barack Obama bietet für seinen Antrittsbesuch bei Saudi-Arabiens neuem König Salman nahezu alles auf, was in der Sicherheitspolitik der Amerikaner Rang und Namen hat: Außenminister John Kerry, CIA-Chef John O. Brennan, General Lloyd J. Austin, Chef des US Central Command, das für den Nahen Osten und Zentralasien zuständig ist, sowie seine wichtigsten Berater für Sicherheit, Lisa Monaco und Susan Rice, begleiten den US-Präsidenten.
Zur 30-köpfigen Delegation Obamas gehören sogar wichtige Republikaner, die in Saudi-Arabien geschätzt werden: die Ex-Außenminister James Baker (unter George Bush Sr.) und Condoleezza Rice (unter George W. Bush) sowie Senator John McCain, Obamas größter außenpolitischer Kritiker und Rivale bei der Wahl 2008.
Mit seinem persönlichen Erscheinen und der hochkarätigen, parteiübergreifenden Delegation will der US-Präsident nach dem Tod von König Abdullah zeigen, wie wichtig ihm Saudi-Arabien als Partner ist. Obama will einiges wieder gut machen, denn das Verhältnis der beiden Länder hat sich in seiner Amtszeit verschlechtert. Deshalb hofiert er nun den neuen Monarchen Salman. Seinen Besuch in Indien hat der US-Präsident eigens dafür abgekürzt. […] Saudi-Arabien mischt […]  selbst energischer in der Region mit: Es schickte seine Panzer nach Bahrain, unterstützte in Ägypten den Putsch des Militärs und greift auch in Libyen gegen die Radikalislamisten ein.
[…] Die saudische Linie ist klar: Stabilität statt demokratischer Experimente. Zu diesem Kurs scheint auch Obama wieder zurückkehren zu wollen. […]

Wie Obama aufmarschierte, zeigt schon, daß dieser Thronwechsel so wichtig wie kein anderes diplomatisches Ereignis der letzten Jahre war.

Seine „irgendein Greiser, den niemand kennt“-Ansicht über das saudische Königshaus verfolgt Stutte in seinem Artikel weiter.
Die wären eben alle leicht irre da und es käme noch schlimmer, wenn erst einmal Salmans Sohn auf den Thron folge.

Strippenzieher der gegenwärtigen Konfrontation mit dem Iran nach der jüngsten Hinrichtungswelle ist neben Salman vor allem Mohammed bin Salman (30), Lieblingssohn des Königs. Der Verteidigungsminister, als einziger der Führung studierte er nicht im Ausland, ist Favorit in der Thronfolge.
(Mopo, STU, 05.01.16)

Nun ja, also in Saudi Arabien mit den 7000 Prinzen ist es eben nicht so, daß Söhne automatisch in der Thronfolge bedacht werden. Das kam bisher auch gar nicht vor. Zudem hat Salman 12 Söhne.
Der saudische Thronanwärter war bis zum April 2015 Salmans Halbbruder Kronprinz Muqrin, 70, der 43. Sohn des legendären Königs Abd al-Aziz ibn Saud.
Inzwischen wurde er zum stellvertretenden Kronprinz zurückgestuft.
Neuer Hauptthronanwärter ist ein 56-Jähriger Enkel des Staatsgründers: Der Innenminister von Saudi-Arabien Prinz Mohammed ibn Naif ibn Abdul-Aziz Al Saud. Er ist ein Sohn des früheren saudischen Innenministers Naif ibn Abd al-Aziz.

Der von Stutte genannte Verteidigungsminister ist also maximal Nummer drei in der Thronfolge und dürfte aufgrund seiner Jugend noch Jahrzehnte lang nicht für das Amt in Frage kommen.

Redakteur Stutte muß unbedingt etwas gründlicher googlen, bevor er seine Erklärbär-Artikel in die Welt setzt.

Montag, 4. Januar 2016

Priester-Sex.



Das ist eine alte, aber immer wieder zutreffende Feststellung der öffentlichen Atheisten:
Würde irgendein anderer Verein auch nur ein Zehntel der sexuellen Missbrauchsfälle an kleinen Jungs begehen, die die Katholische Kirche auf dem Kerbholz hat, wären die Führer längst hinter Gittern, das Vermögen eingezogen und die Organisation verboten.

Schlüge jemand vor die höchsten Repräsentanten eines solchen Vereins, der weltweit durch Kinderfickereien auffällt, in Ethikkommissionen zu berufen und dem Verein Gemeinnützigkeit zu attestieren, damit er von der Steuerpflicht befreit würde, gäbe das entsetztes Aufschreien.

Nur bei Religion werden kollektiv alle ethischen Maßstäbe verdrängt.

How does a country get away with keeping half its population in beekeeper suits? I'll tell you how. They say the magic word: religion. It's their religion. You say religion, you can get away with anything. The Catholics got away with fucking kids, for crying out loud!
(Bill Maher Januar 2004)

Natürlich ist es nicht nur das weltweit praktizierte sexuelle Belästigen kleiner Kinder und das systematische Vertuschen dieser Angelegenheit, das die RKK als Moralinstitution unmöglich macht.

Ihre Bibel predigt Antisemitismus, Sklaverei, Frauenfeindlichkeit und Homophobie.

Während Sklaverei und Antisemitismus inzwischen generell eher geächtet sind, werden Frauen- und Schwulenfeindlichkeit von vielen Christen durchaus noch verteidigt.
Konservative und religiöse Männer betrachten allerdings jede Form von Sex immer noch sehr verkrampft.
Im Grunde ist alles bähbäh. Mit Männern sowieso und allein auch, aber mit Frauen ist das auch so eine Sache, da ehrenhafte Frauen Jungfrauen und Mütter sein sollen – zwei Forderungen, die bekanntlich die meisten Frauen nur schwer gleichzeitig erfüllen können.
Spaß am Sex hat bei Religiösen zu unterbleiben.

    Republicans say that sex is bad, because with them it always is. It is!...I'm sorry, but they're just doughy, asexual, wonky, white people, and if you had to have sex with them it would be over in an excruciating three minutes. It's just, — and from the headlines of the past year I gather the only sex they're really good at, is gay sex. Really. Jeff Gannon in the White House press room, Representative Mark Foley, the Reverend Ted Haggard. I mean, that's a lot of gay when you're running against it in every election.
(Bill Maher 2007)

Papst Bergoglio ist dabei noch genauso verstört wie Papst Ratzinger.
Das Idealisieren des Zölibats ist für sie zu so einem Dogma geworden, daß sie lieber in Kauf nehmen weltweit als Kinderfickerorganisation angeprangert zu werden, als ihren über 400.000 Geistlichen zu erlauben deren Penisse in erwachsene Menschen zu stecken.

Was für eine doppelte Absurdität:

1.) Wenn der Zölibat ein solcher Segen und eine so wundervolle Kraftquelle ist, wie Bischöfe gern betonen, dann sollte doch jeder Pfaff froh und freiwillig im Zölibat leben. Dann müßte man ihn nicht mit Zwang durchsetzen.

2.) Wenn man auf die „Natürlichkeit“ von heterosexuellen Beziehungen beharrt und immer wieder betont, Sex diene der Fortpflanzung und Kinder wären ein Segen, muß man auch einräumen, daß zur tierischen und menschlichen Natur offenbar ein Sexualtrieb gehört. Wenn man der Wissenschaft glauben darf, sind tatsächlich auch nur rund ein Prozent der Menschen asexuell. Wie wahrscheinlich ist es da, daß von den weltweit 400.000 Geistlichen keiner zu den 99% der sexuellen Menschen gehört?

Seit zehn Jahren lese ich immer mal wieder in den großen überregionalen Zeitungen Artikel über Wunibald Müller.

Der 65-Jährige Theologe und Psychologe gilt als der Homo-Experte unter deutschen Geistlichen.

Thema seiner theologischen Diplomarbeit von 1978 war: „Priester als Seelsorger für Homosexuelle“ und sechs Jahre darauf promovierte er in Würzburg mit dem Thema „Homosexualität – Eine Herausforderung für Theologie und Seelsorge“.

Anschließend arbeitete er in der Priesterausbildung des Bistums Freiburg und leitet seit 1991 zusammen mit seiner Frau das Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach. Sie ist Psychiaterin.
Rund ein Drittel der deutschen Bistümer schicken sexuell auffällig gewordene oder an psychischen Störungen leidende Priester zu Dr. Müller, der dann in bis zu dreimonatigen Kuren die Zölibatären wieder auf die Spur bringen soll.
Über die Jahre wurde Müller zur Koryphäe für Pädophilie und Ephebolie bei Priestern.
Allein, seine Erkenntnisse gefallen seine Vorgesetzten nicht immer.

«Es muss die Frage erlaubt sein, ob die katholische Kirche mit dem Thema sexueller Missbrauch anders umgegangen wäre, wenn auch Frauen in verantwortlichen Positionen etwas zu sagen hätten.»

 «Wir müssen davon ausgehen, dass der Anteil der sexuell Unreifen unter den schwulen Priestern besonders hoch ist, und diese anfällig dafür sind, sexuellen Missbrauch zu begehen.»
(Dr. Wunibald Müller)

Müllers eindringliche Forderungen nach einer Beendigung der rein männlichen Subkultur in der Priesterausbildung und nach einem Ende des Zwangszölibates akzeptiert kein einziger Oberhirte.

In der SZ von heute befragt der fromme Matthias Drobinski den frommen Müller. Da fällt dem treuen Kirchenanhänger Drobinski die Kinnlade runter.

[…] MD: Herr Müller, dürfen katholische Priester sich verlieben?

Wunibald Müller: Ja! Ich finde es gut, wenn angehende Priester sich mal verlieben. Dann sind sie gezwungen, darüber nachzudenken, wie stark ihre Berufung für den Zölibat tatsächlich ist. Und sich verlieben ist einfach schön! Ich finde auch, dass Priester ein gutes Intimleben brauchen.

MD: Wie bitte?

WM: Auch wer zölibatär lebt, braucht Intimität. Sie ist sogar die Voraussetzung, um zölibatär leben zu können. Intimität beschränkt sich ja nicht auf genitale Sexualität. Wer im Zölibat lebt, braucht tiefe Freundschaften zu Männern und Frauen, er muss sich alles von der Seele sprechen, sich in den Arm nehmen lassen können. Wir wollen hier das Bild vom Zölibat weiten.

MD: Das klassische kirchliche Bild ist eher: Bleib der unnahbare Mann Gottes, sonst gibt es Sodom und Gomorrha! […]

WM: Joseph Ratzinger hat als Kardinal einmal gesagt: Wenn wir den Zölibat freigeben, bleiben da nur die Hagestolze und Sonderlinge. Das glaube ich nicht.

[…] MD: Trotzdem sind Sie gegen den Pflichtzölibat. Warum?

WM: Ich habe das Ringen Hunderter Priester kennengelernt, die sich ihr Leben lang etwas angetan haben. Viele können weder zölibatär leben, noch die Beziehungen auskosten. Und es gibt wunderbare Priester, die lieben eine Frau und ihren Beruf - und gehen für den Beruf verloren. Wann immer ich das Thema anbringe in Gemeinden, geht ein Beifall durch die Menge, der zeigt: Das ist überfällig.
[…]  Man hat natürlich mitbekommen, wie hoch der Anteil der Homosexuellen in Priesterseminaren ist, das geht bis zu 50 Prozent. Man fürchtet auch, dass bei homosexuellen Priestern die Missbrauchsgefahr höher ist. 
2003 saß ich neben Kardinal Ratzinger, das Gespräch kam auf Homosexualität - und so freundlich er vorher war, es war nicht mehr an ihn heranzukommen. Einmal sagte ein Generalvikar: Herr Müller, Sie machen gute Arbeit - aber müssen Sie so offen über Homosexualität reden? […]

Sonntag, 3. Januar 2016

Hüte dich vor der Erfüllung deiner Wünsche.



Warum tun die Araber eigentlich nichts?
Diese Frage zog sich durch die Republikanischen Präsidentschaftsdebatten in den USA.
Und viele der GOPischen Möchtegern-Außenpolitiker versprachen ihrem Publikum, amerikanische „boots on the ground“ wären nicht nötig, weil sie diesmal die reichen Golfstaaten dazu brächten das Kämpfen zu übernehmen.
Aus Sicht konservativer Amerikaner ist es in der Tat irgendwie unbefriedigend gelaufen bisher: Fast alle der WTC-Attentäter waren saudische Staatsbürger und als es anschließend ans Aufräumen in Afghanistan und dem Irak ging, hielt sich Riad vornehm zurück.
Auch wenn das eine sehr vereinfachte Darstellung ist, so hat sich doch bei westlichen Bellizismus-Diskussionen eingebürgert die Armeen der Golfmonarchien gar nicht erst einzuplanen.
Über richtiges Militär scheinen nur Israel und der Iran zu verfügen und beide sind denkbar unbeliebt bei ihren Nachbarn.
Es ist schon bequem für die sunnitischen Nationen unter dem Radar zu operieren.

Wenn man sich in deutschen Talkshows über die fürchterlichen Zustände in Gaza echauffiert, weil Israel den Gaza-Streifen so abriegelt, daß weder Medikamente noch Nahrungsmittel hineinkommen und Michel Friedmann zufällig dabei sitzt, um daraufhin zuweisen, daß Gaza auch eine Grenze zu Ägypten habe, die Ägypten aber genau hermetisch abriegele, dafür von Deutschen aber nie kritisiert werde, glotzt man ihn ungläubig an und vergisst den Einwand sofort wieder.

Vergessen wird auch, daß der kleine gebeutelte Libanon und das arme Jordanien, sowie die Türkei und Pakistan mit Abstand die allermeisten Flüchtlinge aufnehmen, obwohl man sie schwerlich für die Zustände im Irak oder Syrien verantwortlich machen kann.
Nur 5% der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten gelangen überhaupt bis nach Europa.

In Folge der weiter ansteigenden Flüchtlingszahlen wird auch der Druck auf die Aufnahmeländer immer größer. In absoluten Zahlen nahm die Türkei bis 30. Juni 2015 mit 1,84 Millionen die meisten Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat auf (Palästinenser fallen unter das Mandat der Schwesterorganisation UNRWA). Im Verhältnis der Flüchtlingszahl zur einheimischen Bevölkerung hat der Libanon mit 209 Flüchtlingen pro 1.000 Einwohnern die meisten Menschen aufgenommen. Mit 469 Flüchtlingen pro Dollar des Bruttoinlandsprodukts trägt Äthiopien in Relation zu seiner Wirtschaftskraft die größte Last.
Den Großteil der Verantwortung für die Aufnahme von Flüchtlingen tragen weiterhin jene Länder, die unmittelbar an die Konfliktzonen angrenzen; viele von ihnen sind Entwicklungsländer.

Die sechs größten Aufnahmeländer von Flüchtlingen
(Zahlen bis Ende 2014)
Türkei - 1,59 Millionen
Pakistan - 1,51 Millionen
Libanon - 1,15 Millionen
Iran - 982.400
Äthiopien - 659.500
Jordanien -  654.100

Länder mit den meisten Binnenvertriebenen
Syrien - 7,6 Millionen
Kolumbien - 6 Millionen
Irak - 3,6 Millionen
Demokratische Republik Kongo - 2,8 Millionen
Sudan - 2,1 Millionen
Südsudan - 1,5 Millionen
Somalia - 1,1 Millionen

Viele muslimische Länder sind also durchaus sehr engagiert bei der Flüchtlingsaufnahme – deutlich mehr als Deutschland, das auch 2015 „nur“ 2,5 Asylanträge pro 1000 Einwohner verzeichnet (Libanon: 209).

In der Tat, das steinreiche Saudi-Arabien nimmt nicht in so einem Umfang Flüchtlinge auf.

Leider stimmt es aber auch nicht, daß Saudia-Arabien sich ganz zurückhält.

Die mit deutschen Panzern und deutscher Logistik hochgerüstete wahabitische Monarchie mischt militärisch mit.
Und stiftet Unheil.

Im März 2011 rückten Saudische Truppen mit deutschen Panzern in Bahrain ein, um dort die Demokratiebewegung niederzuschlagen.
In den nächsten Jahren forcierte Waffen-Prinzessin Merkel noch mal die militärischen Exporte nach Saudi Arabien.

Täglich treffen sich in dem Königreich Bahrain mit Einbruch der Dunkelheit meist junge Demonstranten, fordern Demokratie und liefern sich Schlachten mit Polizei und Militär. Das hat WDR-Autor Marc Thörner bei seiner Recherche im abgeschotteten Bahrain erfahren. Die Königsfamilie unterdrückt jeglichen Protest brutal und ist sich seit Beginn der "Arabellion" im März 2011 des Beistands Saudi-Arabiens sicher.
Vor diesem Hintergrund legt der Autor die Brisanz der von der Bundesregierung beschlossenen Panzerlieferungen an Saudi Arabien und Katar offen. Mit den Panzer-Exporten, so Thörner, schlägt sich Deutschland eindeutig auf die Seite reformfeindlicher und erzkonservativer Golfmonarchien, vor allem um den vermeintlich wachsenden Einfluss Irans in der Region zurückzudrängen. Ein Spiel mit dem Feuer, wie der Autor aufzeigt.
Das ARD radiofeature "Panzer für das Kalifat" schildert erschütternde Geschichten von Menschenrechtsverletzungen in Bahrain. So berichtet Rula Safar, die Leiterin einer Krankenpflegeschule, dass Prinzessin Nura al Khalifa, eine Angehörige der sunnitischen Herrscherfamilie, sie persönlich geschlagen und mit Elektroschocks bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert habe, weil sie verletzte Aufständische behandelte. [….]

Nach dem blutigen Eingreifen in Bahrain agierte Riad sogar sukzessive noch aggressiver und brutaler.

Saudi-Arabien bombt den Jemen ins Elend
 […] Seit vier Monaten führt Saudi-Arabien mit Unterstützung arabischer Staaten Krieg gegen die Huthi-Rebellen im Jemen. Die Huthis sind Zaiditen, Anhänger einer Strömung im schiitischen Islam. Ihr gehören etwa ein Drittel der Jemeniten an. […] Seit Beginn der Luftangriffe auf den Jemen sind dort nach Zählung der Uno knapp 4000 Menschen getötet und fast 20.000 weitere verletzt worden. Jeder zweite Tote war Zivilist.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft Saudi-Arabien Kriegsverbrechen im Jemen vor. Am vergangenen Freitag soll die Luftwaffe ein Wohnviertel in der Stadt Mokka bombardiert haben. Dabei seien 65 Menschen getötet worden, unter ihnen zehn Kinder.
[…]  Die USA unterstützen die Militärkampagne Saudi-Arabiens - und machen sich damit mitschuldig am Tod Unbeteiligter. Einerseits sieht Washington einen Jemen, der von den proiranischen Huthis regiert wird, mit Sorge. Wichtiger aber noch ist, dass US-Präsident Obama die Unterstützung der Saudis im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) braucht. Deshalb lässt er König Salman im Jemen weitgehend freie Hand.
Leidtragende dieses Kriegs sind die Zivilisten im Jemen. Nach Schätzungen der britischen Hilfsorganisation Oxfam hungern derzeit 13 Millionen Jemeniten, also etwa die Hälfte der Bevölkerung. Seit der saudi-arabischen Intervention sei die Zahl der Hungernden täglich um rund 25.000 gestiegen. […]

Sich ein militärisches Eingreifen der reichen Golf-Monarchien zu wünschen, ist überflüssig, weil das längst passiert ist und die allgemeine Lage nur noch mal extrem verschlimmert hat.
Der schiitische Bahrain und auch die schiitischen Zaiditengruppe der Huthi gelten als Assoziierte der großen schiitischen Schutzmacht Iran.

Und hier wird es kompliziert.
Der Iran sollte eigentlich ein natürlicher Verbündeter „des Westens“ sein, weil er im Gegensatz zu den steinzeitlichen Golfmonarchien so etwas wie Demokratie praktiziert, Wahlen abhält und eine sehr modern eingestellte Jugend hat.
Zudem ist der Iran die einzige Macht, die den zerfasernden Irak stabilisiert und der womöglich effektivste Gegner des Daesh und Al Kaidas. Iran ist auch die Großmacht, die das größte Interesse daran hat den alten Verbündeten Syrien zu erhalten und den Bürgerkrieg zu beenden.

Aber leider misst man im Westen mit zweierlei Maß.
Der Iran ist mit Russland verbündet und bekanntlich ist Putin gerade „bähbäh“ und noch schlimmer: Er ist der große Gegenspieler Saudi Arabien, das zwar noch wesentlich brutaler die Menschenrechte mit Füßen tritt als der Iran, aber andererseits auch sehr sehr sehr reich ist. Und wer so viele Milliarden in den Umlauf bringt, wird vom Westen natürlich protegiert.


Man stelle sich vor Putin würde auch nur 15 Menschen köpfen lassen. Dann wäre aber was los.
Noch mehr Menschen als in Saudi Arabien werden lediglich in den USA und China hingerichtet – aber mit Blick auf die ökonomische Potenz der beiden Riesenstaaten verbietet sich natürlich jede Kritik.

Gut möglich allerdings, daß es der Killer-König Salman nun doch etwas übertrieben hat. Nach der klar anti-schiitischen Politik in Bahrain und dem Jemen, provozierte er am Wochenende erneut den Iran so heftig, daß es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es nicht mehr bei Stellvertreterauseinandersetzungen bleibt, sondern der ganze Nahe Osten in Flammen gesetzt wird.
47 Oppositionelle ließ Salman auf einen Schlag köpfen.
Offensichtlich will er unter allen Umständen Härte und Entschlossenheit zeigen.

Das saudische Königshaus hat Angst, dass es ihm so ergehen könnte, wie es Hosni Mubarak in Ägypten erging oder Baschar al-Assad in Syrien. Es hat Angst vor einem Machtverlust, der vor zehn Jahren noch unvorstellbar schien. Die Folge: Das Königshaus schlägt um sich.

Diesmal hat er sich aber nicht irgendwelche harmlose Schwule oder atheistische Blogger ausgesucht, nach denen kein Hahn kräht, sondern mit Nimr Baqir al-Nimr einen berühmten Ayatollah abgemurxt. Er war ein betont friedlicher Mann und um die Perfidie perfekt zu machen wurde dessen 17-Jähriger Neffe Ali Mohammed Baqir al-Nimr ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt.

Das Schicksal des Predigers droht auch drei weiteren Dissidenten, darunter dem Neffen Al-Nimrs. Die jungen Männer hatten gegen die Unterdrückung der schiitischen Minderheit durch die Regierung demonstriert und waren dafür 2012 festgenommen worden. Zu diesem Zeitpunkt waren sie allesamt jünger als 18 Jahre. Ein Scharia-Gericht verurteilte Ali al-Nimr dennoch zum Tode. Er soll enthauptet und seine Leiche anschließend auf einem Kreuz öffentlich zur Schau gestellt werden. Da ein Einspruch vor Kurzem zurückgewiesen wurde, kann das Urteil jederzeit vollstreckt werden.

Aber zunächst einmal versetzte der Tod al-Nimrs Schiiten weltweit in Rage.
Und womit?
Mit Recht.

Politisch brisant ist vor allem die Exekution des schiitischen Geistlichen und Oppositionellen Nimr Baqir al-Nimr. Der 56-jährige Ayatollah führte die Proteste der schiitischen Minderheit im Jahr der arabischen Revolutionen 2011 an. Dabei sprach sich al-Nimr, dessen Name "der Tiger" bedeutet, wiederholt gegen gewalttätige Proteste aus. Der BBC sagte er, er ziehe "das Brüllen des Wortes gegen die Obrigkeit den Waffen vor". "Die Waffe des Worts" sei "stärker als Kugeln." Nun ist das Brüllen des Tigers verstummt.

Man fragt sich schon, was im Kopf des greisen Salman, der gerade aufgrund des Ölpreisverfalls ein gigantisches 100-Milliarden-Dollar-Haushaltsloch zu verkraften hat, vorgeht, daß er mit allen Mitteln einen Konflikt mit dem Iran vom Zaun brechen will.
Vermutlich hofft er, der seinen Staat eher mit dem Vatikan als mit anderen Ländern vergleicht, weil er sich als Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina vorkommt, daß sich die 85% der Muslime, die Sunniten sind, im Zweifelsfall auf seine Seite schlagen, wenn es zum Krieg mit der schiitischen Macht Iran kommt.
Aber die Strategie ist äußerst gewagt, denn vorher könnte der gesamte Nahe Osten in Trümmer gelegt werden und selbst wenn Saudi Arabien über den Iran siegte, ist nicht unbedingt sicher, daß in dem Chaos Salmans Dynastie nicht gleich mit entsorgt wird.

Die 15% schiitischen Bürger Saudi Arabien leben ausgerechnet konzentriert in den wichtigsten Ölförder-Regionen.
Ob die Riader Gerontokratie gut beraten ist, diese Leute jetzt bis aufs Blut zu reizen?

Die Schiiten sehen sich in einer Position der Stärke. Sie haben das Sagen in Iran, im Irak und im Libanon, teilweise in Syrien und im Jemen. Warum nicht auch in Saudi-Arabien, durch eine Loslösung der Ölregion, als eigener Schiitenstaat?
Hingegen die Saudi-Herrscher, diese beinharten Sunniten. Für sie läuft es schlecht. Der König vergreist sehr, sehr öffentlich, während sein Sohn und mögliche Nachfolger hitzköpfig und unerfahren schattenregieren. Die sozialen Spannungen in dem früher märchenhaft reichen Land steigen parallel zum Schwinden der Öleinnahmen. Sunnitische Al-Qaida- und IS-Extremisten verüben Bombenterror. Außenpolitisch ist die Bilanz ebenso miserabel, den Saudis gehen die Freunde aus. […] Schließlich die horrende Zahl an Menschenrechtverletzungen und Hinrichtungen, seien es Kriminelle oder Oppositionelle: Saudi-Arabien wird wahrgenommen als ein Nordkorea mit Wüste, aber ohne Atombombe.
Die Angst vor dem Erstarken der Schiiten-Vormacht Iran mag das brutale Vorgehen des Saudis gegen die schiitische Opposition erklären; töricht bleibt die Exekution des Scheichs dennoch. Dass die saudische Botschaft in Teheran wenige Stunden nach den Hinrichtungen in Brand gesteckt wurde, spricht für sich: Iran will das Schicksal des saudischen Schiiten-Führers politisch ausschlachten und Punkte gegen Riad machen.

Ich weiß auch kein Patentrezept, wie man die Irren von Riad zur Raison bringen kann. Aber wenn man betrachtet, wie die EU Russland sanktioniert und daß die USA auch schon wieder den Iran wegen eines Raketentests sanktionieren, hat Saudi-Arabien schon lange einen Wirtschaftsboykott verdient.
Ja, das Königshaus ist steinreich und ein wichtiger Importeur. Aber ohne daß Öl und Gas abgekauft werden, bekommt das Land auch keinen Dollar in die Kasse.

So ein Boykott würde sicher in der Praxis nicht funktionieren, da sie Haupt-Ölabnehmer mittlerweile in Asien sitzen und China wird sich kaum nach Lage der Menschenrechte richten.

Aber man muß auch nicht ganz so devot wie Merkel und Obama gegenüber dem König in Riad auftreten und ihn auch noch nach Kräften aufrüsten.