Mittwoch, 26. November 2014

Easy Pope

Gestern hat wieder ein Geront im weißen Nachthemd eine Parlamentsrede gehalten.
Im Straßburger EU-Parlament war das.
Und es passiert das was immer passiert, wenn einer dieser zölibatären, weißhaarigen Religiösen mit Kleiderfetischismus vor den versammelten Volksvertretern spricht:
Alle waren begeistert. Sie applaudierten nicht nur, sondern gaben STANDING OVATIONS.
Sogar die Bundesratsbank war voll besetzt; 15 von 16 Regierungschefs gaben sich die Ehre. (Nur Olaf Scholz hatte Wichtigeres zu tun in Hamburg).
Benedikt hielt seine bekannte „Naturrechtsrede“, mit der er die Verwerflichkeit von „nicht natürlichen“ Handlungen, wie Homoehe und Scheidung illustrierte.
Das Auditorium stellte auf Durchzug und applaudierte anschließend begeistert mit Standing Ovations.
Den angeblichen Vorkämpfer für die Homorechte, Volker Beck, riss es mit als ersten vom Sitz, um dem Homophoben stehend zu beklatschen.

Was wir auch kennen, ist das unkritische allgemeine Gejubel in der vereinigten katholisch gleichgeschalteten Journaille.
Die Papstrede kommentieren auf den Meinungsseiten der großen Periodika immer deren Kirchenredakteure.
Diese sind aber lächerlicherweise immer fromme Christen. Claudia Keller für den Tagesspiegel, Badde, Englisch und Matussek für die SPRINGER-Gruppe, Evelyn Finger für die ZEIT und Mathias Drobinski für die SZ.
Würde das Prinzip auch für Politredakteure gelten, dürften auch nur glühende CDU-Fans über CDU-Politiker berichten.
Glücklicherweise verfährt man bei anderen Themen anders, so daß es auch kritische Berichterstattung gibt. Bei Kirchenthemen aber wird a priori dafür gesorgt, daß die Berichterstattung immer positiv ist, indem man erst gar keine Atheisten oder Konfessionsfreie über Christen schreiben lässt.

In der Sache war Franziskus so überraschend wie das „Amen“ in der Kirche. Er sagte genau das was man von ihm schon singen kann.

"Ich habe den nachdrücklichen Wunsch, dass eine neue soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit entsteht, die frei ist von ideologischen Bedingtheiten und der globalisierten Welt zu begegnen weiß, indem sie den Sinn für Solidarität und gegenseitige Liebe lebendig erhält", ruft der Papst den Delegierten im bis auf den letzten Platz besetzten weiten Rund zu. Zu oft herrsche heute das Bild eines müden, pessimistischen Europa vor, das sich von den gegenwärtigen Krisen überfordert fühle. Aufwecken will er Europa.

Der Pontifex Maximus mahnt Solidarität mit den Armen und Flüchtenden an.
Das hören sich auch die Verantwortlichen für das Elend auf dem Mittelmeer gerne an, weil Bergoglio das wie gewöhnlich unverbindlich vorträgt. Er droht keine Konsequenzen an, benennt keine Schuldigen und initiiert auch selbst rein gar nichts.


SZ-Drobbi ist wieder einmal, wie zu erwarten, total aus dem Häuschen vor Begeisterung über seinen Papst:

Ein Papst geht aufs Ganze!
 Die europäische Politik braucht das Kratzende der Utopie
Der Papst hat Europa die Leviten gelesen. Nein, er hat mehr getan: Das Buch Levitikus in der Bibel vereint viele kleine, manchmal auch kleinliche Regeln. Franziskus ist dagegen aufs Ganze gegangen in seinen beiden Reden in Straßburg. […]  Der Papst aus Argentinien hat das freundlich vorgetragen und auch gesagt, wie viel Gutes Europa bewirkt hat, bewirken kann. Seine Botschaft aber ist voll prophetischer Kraft.
[…]  Franziskus hat als Papst in Wahrheitskategorien geredet: Da ertrinken Flüchtlinge im Meer. […] Franziskus durchbricht die politischen Kategorien Europas, ausgerechnet im Zentrum des politischen Europas. Ihm geht es um den Menschen, dessen Würde und Unantastbarkeit, um dessen Existenz als Gemeinschaftswesen. Fraktionen erscheinen ihm da zweitrangig.
Man kann, soll, muss sich daran reiben. […]  Auch das war eine der Botschaften des Papstes an Europa: Die furchtbaren Nachrichten dieses Jahres sind nicht die ganze Wahrheit. Europa und die Welt müssen nicht so bleiben, wie sie sind. Kann es besseren Trost geben für Europas Politik?
(Matthias Drobinski, SZ vom 26.11.2014)

Ich werde nie verstehen, wie die Chefredaktion aus Kister und Prantl so ein pleonastisches Geschwurbel durchgehen lassen kann.

Franziskus hat als Papst (….) geredet! Als was denn sonst? Als Schuster? Oder als Atomphysiker?
Ihm geht es um den Menschen. Verblüffend; ich dachte eigentlich er wäre Hausschwammexperte.
Europa und die Welt müssen nicht so bleiben, wie sie sind. Wer würde das NICHT unterschreiben?

Diese Allgemeinplätzchen auch noch mit Primitivmetaphorik („geht aufs Ganze!“) aufzuhübschen ist nur erbärmlich.

Drobinski ist ein journalistisches Ärgernis und ein Elend für den Leser.
Verblüffend ist, daß es ausgerechnet der konservativ-christliche BILD-Kolumnist Hugo Müller-Vogg war, der in einer der harmlosen Blabla-Talkshows die eigentlich angebrachten Worte fand.

Der Papst hätte  lieber sagen sollen: (Aus dem Gedächtnis zitiert)
„Heute habe ich alle meine Bischöfe angewiesen jedem ihrer Pfarrer zu befehlen mindestens drei Flüchtlinge in ihrer Pfarrei aufzunehmen!“

Darin steckt viel Wahrheit. Eine steinreiche Organisation mit 400.000 Priestern könnte mit so einem einfachen Wort des Pontifex Maximus aus Rom Millionen Flüchtlinge versorgen.
Das tut Franziskus aber nicht. Er behält die Milliarden des IOR lieber selbst während die Elenden im Mittelmeer ersaufen und zeigt auf andere.



Dienstag, 25. November 2014

All the haters.



Antisemitismus ist natürlich grauenvoll und absolut verwerflich.

Die Bibel ist die Wurzel des Übels. Noch im Neuen Testament, der „Frohen Botschaft“ heißt es:

14 Denn, Brüder, ihr seid den Gemeinden Gottes in Judäa gleich geworden, die sich zu Christus Jesus bekennen. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden.   15 Diese haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen;  16 sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen. (1, Thess, 2)

 Antisemitismus ist tiefsitzend und omnipotent. Eingeschrieben in die Abrahamitische DNS kann er sich quasi jederzeit bahnbrechen.

Aber rein wissenschaftlich betrachtet erscheint mir Antisemitismusforschung hochinteressant zu sein.

Üblicherweise geht Hass auf Minderheiten immer mit einem sozialen Komplex umher.
Jemand fürchtet um seine soziale Stellung, sein finanzielles Auskommen, seine bürgerliche Identität.
Xenophobie, Misogynie, Homophobie sind immer auch die Kehrseite der eigenen vollen Hosen.
Nur wer sich gerade selbst eingekotet hat, fürchtet daß „die Ausländer“ einem den Job, die Juden das Geld, die Türken die Frauen, die Schwulen die Exklusivität der Ehe oder die Frauen die eigene Vormacht wegnehmen.

Je angstfreier und selbstbewußter man ist, desto gelassener blickt man auf andere, bzw neue Mitspieler.

Der verheiratete heterosexuelle Mann, der sich seiner selbst sicher ist, wird nicht davon bedroht, daß irgendwo ein homosexueller Mann auch eine Beziehung führt.

Die Besonderheit der Juden als Ziel eines fremdenfeindlichen Reflexes ist, daß sie schon in der Theorie Praxis wird.
Antijudaismus tritt auch bei völliger Abwesenheit von Juden auf.
Antisemitismusforscher haben ein geschlossen antisemitisches Weltbild bei 20-30% der ostdeutschen Jugendlichen gefunden, obwohl dort praktisch überhaupt keine Juden leben.
Bei ausführlicheren Befragungen gaben die Judenfeinde auch offen zu persönlich noch nie einen Juden getroffen zu haben.

Homosexuell oder weiblich zu sein ist genetisch bedingt und kommt überall auf der Welt gleichmäßig vor.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit weiß man auch im kleinsten Dorf gerüchteweise irgendetwas über einen Schwulen. Zumindest der Verdacht taucht immer auf.
Mit Juden verhält es sich anders. Es gibt durchaus Landstriche, in denen gar keine Juden leben und dennoch werden sie dort genauso gehasst wie Schwule oder Schwarze.
Auch wenn gar keine Juden vorhanden sind wittert man als „sekundärer Antisemit“ überall dubiose jüdische Einflüsse.

Brandenburgische und sächsische Jugendliche, die noch nie in ihrem Leben einen Juden gesehen haben geben ungeniert an, daß sie keinesfalls einen Juden als Nachbarn haben möchten.

Ich möchte immer dem überzeugenden Giordano-Satz zustimmen, daß Deutsche den Juden niemals den Holocaust verzeihen werden.
Jeder Jude erinnert sie demnach an diese Schmach, an diesen absoluten Tiefpunkt der Moral. Daher will man a priori lieber nichts mit ihnen zu tun haben. […….] Sekundärer Antisemitismus ist es auch über die Jüdin Lea Rosh herzuziehen, weil man sie als zickig oder nervend empfindet.
Nun ist jeder frei Lea Rosh nicht zu mögen (ich allerdings finde sie großartig); das (sekundär) antisemitische daran ist aber aus seiner Antipathie heraus zu schließen, daß sie Jüdin sein müsse.
Denn sie ist KEINE Jüdin.

Ein sekundärer Antisemit ist politisch nicht up to date und hat den Komplex überall Tabus zu wittern.
Er poltert sofort mit „man wird doch noch sagen dürfen, daß….“ los, obwohl es nichts und niemanden gibt, der ihn daran hindert.
Selbstverständlich kann man die Israelische Regierungspolitik lang und breit kritisieren, ohne auch nur einen Hauch von Antisemitismus zu bemühen.

Um Minderheitenhass der dümmsten Art abzubauen hilft tatsächlich eine Konfrontationstherapie.

Laut der letzten Zahlen des statistischen Bundesamtes sind Migranten immer noch extrem unterschiedlich in Deutschland verteilt.
In Ostdeutschland gibt es große Landstriche mit einem Ausländeranteil von um die ein Prozent und dort fürchten sich die Deppen vor „Überfremdung“, wählen weit überdurchschnittlich NPD, respektive AfD.



Die Bundesländer mit den höchsten Ausländeranteilen, Hamburg und Berlin, haben ein viel geringeres rechtes Wählerpotential.

Vielleicht bräuchte es also in Brandenburg und Sachsen nur eine Aufstockung des Migrantenanteils in der Bevölkerung um 1.500 bis 2.000 % und die Ossis wären weitgehend von ihrer Fremdenfeindlichkeit geheilt?

Aber wie sollte man das organisieren?
Nicht nur die Ossi-Jugendlichen, sondern auch die amtierenden Ossi-Politverantwortlichen sind sagenhaft verblödet.

Seit Monaten werden landein, landauf Zahlen präsentiert, daß wir nicht nur in Zukunft unbedingt Einwanderung nach Deutschland benötigen, sondern daß jetzt schon Migranten überdurchschnittlich zum Wohlstand beitragen, weil sie überdurchschnittlich oft in die Selbstständigkeit gehen und Arbeitsplätze schaffen und weil sie durch ihre Altersstruktur über sozialversicherungspflichtige Jobs besonders viel in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen, während sie als Rentner wenig entnehmen.
Zuwanderer aus Osteuropa sind zudem deutlich besser gebildet als der Durchschnittsdeutsche und daher unverzichtbar für die hiesige Wirtschaft.
Sächsische Minister sollten sich also aus vielerlei Gründen darum bemühen möglichst viele von den kostbaren Migranten in ihr unterausländerisches Bundesland zu holen.

Aber auch bei ihnen ist die Entklugung viel zu weit fortgeschritten. Sie bedienen lieber ultrarechte, latent völkische Ideologien.
Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) will jetzt spezielle Polizei-Sondereinheiten bilden, um gegen die kriminelle Asylantenflug vorzugehen. Ausgerechnet in dem Bundesland, in dem es mit am wenigsten Migranten überhaupt gibt.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig macht Stimmung gegen Flüchtlinge. […] Schon ab Dezember sollen in Sachsen künftig spezielle Polizeieinheiten für straffällige Asylbewerber zuständig sein. „Wir beginnen mit dem Modell in Dresden und wollen sie dann im ganzen Land einsetzen“, sagte Innenminister Markus Ulbig (CDU) der Dresdner Morgenpost. […] „Es darf nicht sein, dass einer, der kein Recht auf Asyl hat und dann noch schwer straffällig geworden ist, durch das Zusammentreffen von Strafprozessordnung und Ausländerrecht am Ende mit einer Art Bleiberecht belohnt wird“, erklärte Ulbig. […] Der sächsische Flüchtlingsrat hält Ulbigs Äußerungen für gefährlich und falsch. Die Kriminalitätsrate sei selbst nach Angaben der sächsischen Polizei im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften nicht gestiegen, so Sprecher Marko Schmidt. „Ulbig schürt Ängste“, sagte Schmidt der taz. Die Polizei sollte besser zunehmende rechtsmotivierte Übergriffe auf Asylbewerber aufklären.
Ulbig bediene die Argumentation der sogenannten „Patriotischen Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida), die seit Wochen in Dresden Stimmung gegen Asylbewerber machen, so Schmidt. Für den Montagabend hat die islamfeindliche Initiative bereits zum sechsten Mal zu einer Demonstration durch Dresden aufgerufen. […] Scharfe Kritik an Ulbigs Vorhaben kam am Montag von den sächsischen Linken. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Rico Gebhardt, kritisierte Ulbigs Zungenschlag als befremdlich. Es handele sich um das Gegenteil von Willkomenskultur. „Es ziehen keine zugereisten marodierenden Banden durchs Land, sondern es müssen Asylbewerberheime rund um die Uhr vor befürchteten Übergriffen ,einheimischer' Täter geschützt werden“, so Gebhardt. […] Ulbig strebt derzeit eine Kandidatur als Oberbürgermeister von Dresden an. Die Wahl soll Anfang Juni 2015 stattfinden. Die oppositionellen Grünen vermuten darin auch das Motiv für Ulbigs Äußerungen: „Fremdenfeindlichen Einstellungen Vorschub zu leisten, gehört nicht zu den Aufgaben eines Innenministers. Und Oberbürgermeister-Wahlkampf auf niedrigstem Niveau genauso wenig“, sagte Petra Zais, migrationspolitische Sprecherin der Fraktion. […]
(taz, 24.11.14)

Herr Ulbig stellt damit die Moral seiner Partei wieder einmal zur Schau, verhält sich widerlich und menschenverachtend.
Aber eben auch saudumm.

Die zügig steigende Zahl von Asylbewerbern verunsichert Anwohner allüberall. In Sachsen ist diese Verunsicherung besonders groß, ein nur scheinbar paradoxer Grund dafür liegt im geringen Ausländeranteil an der Bevölkerung. […] Wenn Minister Markus Ulbig nun trotzdem spezielle Polizeieinheiten ankündigt, dann muss man darin ein aktionistisches Zugeständnis an jene Rechtsaußen erkennen, die noch glauben, einer so komplexen Herausforderung wie der Asylpolitik sei mit einfachen Antworten zu begegnen. […]
 (Cornelius Pommer, SZ vom 25.11.2014)





Montag, 24. November 2014

Nebenwirkungen - Teil II



Es tut sich ja auch wirklich gar nichts.
Alle puzzeln vor sich hin und ergehen sich mit vollen Hosen im Polit-Mikado.
Sobald irgendetwas aus dem großen gemeinsamen CDUCSUSPD-Koalitionsvertrag angefasst wird; Mindestlohn, Maut, Frauenquote, Ttip, Energiewende z.B.; melden sich sofort Profibedenkenträger bei den Presseagenturen und lassen zerknirscht ausreichten, daß man das doch lieber doch irgendwie nicht so doll, und wenn schon, dann lieber später umsetzen sollte.
Es könnte sich ja irgendjemand auf den Fuß getreten fühlen und womöglich rumnörgeln. Das wolle man doch lieber erst gar nicht riskieren.

Crazy Horst zum Beispiel setzte nach Fukushima zusammen mit Merkel die neue Anti-Atomkraftpolitik durch, verankerte diese Planung noch einmal im letzten Koalitionsvertrag und sobald tatsächlich Schritte in diese von ihm gewünschte Richtung unternommen werden, lehnt er alle vehement ab.


Gröhe, Schmidt, Wanka, Müller – wollten eigentlich mal irgendwas tun, haben bisher aber noch nicht damit angefangen.
Da ist Schäuble, wider seine Natur, ehrlicher:
Er hatte a priori klargestellt, daß er keinerlei Finanzpolitik betreiben werde. Keine Steuerreform, keine Abschaffung der kalten Progression, keine Mehrwertsteuervereinfachung, keine neu gegliederte Unternehmenssteuer, das heiße Eisen Erbschaftssteuer wird nicht angefasst und das böse Wort „Steuervereinfachungen“ wird noch nicht mal ausgesprochen.
Sogar die ewig PR-aktive Foto-Uschi hat sich zum Winterschaf zurück gezogen und lässt die gewaltigen Bundeswehrprobleme Bundeswehrprobleme sein.

Wenn man bedenkt, daß der Koalitionsvertrag den Titel trägt „Deutschlands Zukunft gestalten“, könnte man losprusten vor Lachen.

Verständlich, daß die beiden Oppositiönchenparteien sich mit dem Politphlegma angesteckt haben.
Die Grünen adaptieren gleich vollständig alle CDU-Positionen und die Linken kommen erst gar nicht mehr in den Bundestag.

Das aktuelle Parlament ist größer und manchmal auch langweiliger als das vorangegangene. Seit gut einem Jahr läuft der Betrieb ohne FDP, und angesichts der riesigen Allianz aus Union und SPD kämpfen Linke und Grüne um Aufmerksamkeit, meist vergeblich.   Eine Sache ist gleich geblieben: Der jetzige Bundestag ist kaum disziplinierter als der letzte, regelmäßig fehlen viele Abgeordnete bei namentlichen Abstimmungen.
[…] Das Wegbleiber-Phänomen ist in der Linksfraktion seit Jahren besonders ausgeprägt. Im Extremfall, wie bei der Abstimmung zum Haushaltsgesetz, fehlte fast jeder dritte Linken-Abgeordnete (29,7 Prozent). In anderen Fraktionen pendelten sich die Spitzenwerte bei niedrigeren Werten ein.
[…] Die Linksfraktion beherbergt übrigens eine prominente Wegbleiberin: Sahra Wagenknecht fehlte bei 27 von 63 namentlichen Abstimmungen.
[…] Die Daten zeigen ein bekanntes Problem: Ist man in der Exekutive, vernachlässigt man die Pflichten im Parlament. Viele Minister und Ministerinnen, die neben ihrem Regierungsamt ein Mandat ausüben, schaffen es nur selten ins Plenum. […]

Keine neue Entwicklung übrigens. Schon im April 2012 hatten die Linken die höchste Abwesenheitsquote.

Aber wie soll man auch schon motiviert werden seinen Hintern für lumpige 9.000 Euro im Monat in den Bundestag zu schleppen, wenn die schnarchige Regierung schon durch Arbeitsverweigerung auffällt und mit einer 80%-Sitzmehrheit sogar alle Gegenstimmen lächerlich wirken läßt?

Vielleicht ist es einigen Parteistrategen und bestimmt ist es vielen Lobbyisten sogar lieb, wenn die Entscheidungen außerhalb des Focus‘ vieler Abgeordneter und ohne Interesse der Öffentlichkeit getroffen werden.
Im Dunkeln ist gut munkeln.

Für mehr Ärger im Konrad-Adenauer-Haus sorgt, daß sogar die großen Konzerne das Interesse verlieren und nun nicht mehr ihre Scheckbücher zücken mögen.
Politikerverdrossenheit nun nicht mehr nur beim niederen Urnenpöbel, sondern auch in den Vorstandsetagen der DAX-Konzerne.
Merkels Politsimulation hat damit zu einer ganz neuen Qualität des rezeptiven Phlegmas geführt.
Bisher sahen wir schon eine Merkel-Demokratie ohne kritische Presse und ohne aufgeklärte Wähler. Nun bleibt auch noch das Schmiermittel Mammon weg.

Die deutsche Wirtschaft vergibt immer seltener Großspenden an Parteien. In diesem Jahr gab es bis Mitte November nur sieben Großspenden mit einem Wert von jeweils mehr als 50.000 Euro. Insgesamt spendeten die Unternehmen nur rund 758.000 Euro. […]  Im Jahr 2010 erhielten Union, SPD, FDP, Grüne und Linke bis Mitte November zusammen noch rund 2,063 Millionen Euro. Und im Nachwahljahr 2006 waren es bis Mitte November rund 2,205 Millionen Euro.
Für die etablierten Parteien bleibt heute also nur noch rund ein Drittel der Großspenden, mit denen sie in früheren Jahren bedacht worden waren. Die Entwicklung betrifft alle Parteien, besonders stark jedoch die CDU. Während sie 2010 noch 903.237 Euro erhielt, bekam sie im laufenden Jahr bis Mitte November nur noch 225.000 Euro. Auch im Vergleich zu 2013 und 2012 nahmen die Zuwendungen deutlich ab. […] Seit Jahren leiht BMW den Parteien Autos, verzichtet jedoch auf die sonst üblichen Leasinggebühren. Doch damit ist es nun vorbei – denn die Bayerischen Motoren Werke hören damit auf, Union, SPD, FDP und den Grünen kostenfrei Fahrzeuge zu überlassen, wie der Konzern auf Anfrage mitteilt. "Zum Jahreswechsel 2013/2014 ist das Angebot der Fahrzeugüberlassung ausgelaufen", sagt ein BMW-Sprecher.
Bisher war BMW einer der zuverlässigsten Großspender. […]  Am längsten durften Politiker der CSU kostenlos mit den noblen Karossen fahren. […]  



Sonntag, 23. November 2014

Fusion – Teil II



Eigentlich fühle ich mich meistens als Polit-Kassandra.
Da ist es doch schön, wenn man mal zur Abwechslung auf mich hört.
Vor gerade mal vier Tagen hatte ich eine Fusion aus CDU und Grünen vorgeschlagen und nun scheint es schon Realität zu werden.
Es ist doch schön, wenn sich eine Partei wie die Grünen so konsequent selbst abwickelt, nachdem sie sich zur Kriegseinsatz-, Waffenexport- und Autofahrerpartei aufgeschwungen hat.
Ich will nicht ungerecht sein und gerne zugeben, daß man Argumente dafür finden kann militärisch gegen den IS vorzugehen, bzw die Peschmerga und PKK mit Waffen zu versorgen.
Aber genau da treffen sich eben die einst mehr Waffen- und weniger PKK-freundliche CDU mit der einst mehr PKK- und weniger Waffen-freundlichen Grünen.
Nachdem nun beim soeben zu Ende gegangenen Hamburger Grünen-Parteitag die Schwaben-Fraktion durchmarschierte, sind alle Unterschiede zur CDU ausgeräumt.

Es scheint Jahrhunderte zurück zu liegen, daß auf Grünen-Parteitagen die Fetzen und Farbbeutel flogen, daß der Spitze von der Fundi-Basis ordentlich eingeheizt wurde.

Es geht am Ende nur noch um diesen einen Satz. Einen Satz von unbestechlicher Klarheit. Aber auch ein Satz, der jenen in der Partei, die Waffenlieferungen unter Umständen für richtig halten, einen unmissverständlichen Riegel vorgeschoben hätten. Der Satz lautet: "Waffenlieferungen in Krisengebiete lehnen wir ab."
[…]  Özdemir hat den Kampf gewonnen, der Satz hat knapp die notwendige absolute Mehrheit verfehlt. […]

Wer die Bildung der ersten rotgrünen Bundesregierung bewußt verfolgt hat, erinnert sich an das böse Schimpfwort „Autokanzler“.
Damit wurde der frühere Ministerpräsident Niedersachsen und daher auch Vertreter im VW-Aufsichtsrat Gerd Schröder bezichtigt im Zweifelsfall den Umweltschutz hintan zu stellen, wenn es um die Wünsche der Autofahrer ginge.
Die Grünen forderten hingegen damals mutig und unpopulär, aber richtig: „5 DM für den Liter Benzin“.
Mut, Ehrlichkeit, Klugheit und Trittin sind heute abgemeldet bei den Grünen.
Dafür herrscht Anpassung, Hasenfüßigkeit Doofheit und Göring-Kirchentag.

Stuttgarts OB und Baden-Württembergs Ministerpräsident umschwärmen die Autoindustrie. Ihre Botschaft – die Grünen sind eine Autofahrerpartei.
[….] Sogar Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der erste Grüne, der eine deutsche Landeshauptstadt regiert, besitzt ein kleines Porsche-Monument. Na gut, ein Porsche-Modell zumindest, er findet es nur gerade nicht, was mal passieren kann in einem fußballfeldgroßen Amtszimmer. Aber Kuhn begeistert sich, Kaffee und Wasser vor sich, sehr für Porsche, Daimler, Bosch [….] Und noch eine Aufgabe hat er, im grünen Doppel mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann: Sie wollen ihrer Partei klar machen, dass Seite an Seite mit der Wirtschaft Wahlen gewonnen werden – nicht gegen sie, wie es die Grünen bei der Bundestagswahl probierten.  [….] In diesem Sommer erst hat [Daimler-Vorstand] Weber Kretschmann einen Hybrid-Mercedes übergeben, in grüner Sonderlackierung, auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Die Fotografen knipsten das Motiv begeistert: Der Ministerpräsident, der Daimler-Vorstand, ein 100000 Euro teurer Schlitten, der nur 115 Milligramm CO₂ ausstößt, vier Liter braucht und 240 Sachen fährt. Für Grüne ein Raketenwagen. „Schaut gut aus, da lässt sich drin arbeiten“, sagte Kretschmann. [….] Seine Grünen, verkündete er dann 2012, seien „schon immer Autofahrerpartei gewesen“. Heute bezeichnet er die Autoindustrie als „Halsschlagader für den Wohlstand unseres Landes“. [….] Das grüne Selbstbewusstsein wächst. Vor kurzem erklärte Kretschmann beim Landesparteitag die Grünen zur „neuen klassischen Wirtschaftspartei“. Kuhn saß hocherfreut dabei in der Stadthalle von Tuttlingen. [….]
(Roman Deininger, Max Hägler und Josef Kelnberger, SZ vom 21.11.2014)

Da sieht der stets Fahrrad-fahrende Christian Ströbele auf einmal uralt aus.
In Hamburg klatschte der Stuttgarter MP die Rudimente der Fundi-Grünen an die Wand. Asylrecht? Bloß noch Verhandlungsmasse bei den Grünen 14.0

Übermacht der Kretschmann-Jünger
[…] Der Protest gegen Winfried Kretschmann schiebt sich zwischen den Ministerpräsidenten und die Fernsehkamera. Plakate verdeckten den Blick auf den Mann, den manche in der Partei für einen Verräter an grünen Idealen halten. "Menschen aus allen Herkunftsländern sind willkommen", steht auf einem. Ein anders kritisiert den Asylkompromiss, dem Kretschmann vor einigen Wochen im Bundesrat zugestimmt hat.
Es ist der Protest der grünen Jugend, der Kretschmann auf dem Parteitag in Hamburg trifft. […] Kretschmann muss noch warten, bis er weiterreden kann. Aus dem Block der Delegierten aus seiner Heimat schallt rhythmischer Applaus. Viele in der Sporthalle Hamburg schließen sich an. Kretschmann schaut sich um. Er kann sich jetzt schon sicher sein, dass seine Position nicht zur Minderheit gehört.
[…] Er wirbt um Verständnis für seine Lage als Ministerpräsident. […] Am Ende stehen sie in der Halle auf zum Applaus. […] Theresa Kalmer, die Chefin der Grünen Jugend, versucht noch, die Stimmung zu drehen. Kretschmann habe einen "historischen Bruch in der grünen Asyl- und Flüchtlingspolitik vollzogen". Damit sei eine "rote Linie auf jeden Fall überschritten worden". Das sehen hier wohl die meisten anders. […].

In Niedersachsen robben sich die Grünen sogar an die konservativsten aller CDU-Wähler heran. Die legendär schwärzesten Schweinzüchter-Wahlkreise Cloppenburg und Vechta, die seit Jahrzehnten konstant mit über 70% CDU wählen, finden ebenfalls Gefallen an den Grünen 14.0.

[…] [Agrarminister Christian] Meyer, 39, gehört zu den Grünen, die gerade versuchen, die Welt zu verändern. Er braucht dafür ziemlich gute Nerven, aber er hat dabei auch die Chance, das Profil der Grünen als Manager der Zukunft zu schärfen. In sechs Bundesländern leiten Grüne das Landwirtschaftsministerium. […] Landwirtschaft ist eigentlich ein Hoheitsgebiet der Konservativen. Bei der Union sehen die Bauern ihre Interessen und Traditionen normalerweise ganz gut aufgehoben. Aber mittlerweile ist die Zukunft angebrochen. […] Die Grünen graben schwarzes Stammland um. […] Die Traditionalisten unter den Bauern werden sich wohl abfinden müssen mit dem Wandel in Grün. Zumal ihre Stammpartei auch nicht ewig das gleiche denken mag. 2010, als die CDU in Niedersachsen noch regierte, trat Agrarministerin Astrid Grotelüschen zurück, die wegen ihrer Verbindungen in die Geflügelbranche angreifbar war. Ihr folgte der Agrar-Experte Gert Lindemann. CDU-Mitglied Lindemann brachte den Tierschutzplan auf den Weg, den der Grüne Christian Meyer jetzt unter vielstimmigen Beschwerden umsetzt. Meyer sagt: „Dafür bin ich ihm dankbar.“

Wenn Winfried Kretschmann nun noch Angela Merkel einen Heiratsantrag macht, wird das die Hochzeit im Himmel.