Montag, 18. August 2014

Franziskus, der Clown


Lange Zeit war der Turiner Tarcisio Bertone (* 1934) die Nummer Zwei der 1,2 Milliarden Katholiken.
Als einer von nur neun Kardinalbischöfen, langjähriger Kardinalstaatssekretär und Camerlengo der Vatikanstadt hat Bertone außer Papst alles erreicht, was man in der katholischen Welt schaffen kann.
Gelegentlich galt Bertone sogar als eigentlicher Papst, der Ratzinger seine Entscheidungen diktierte.
Es ist verbürgt, daß beispielsweise Kardinal Meisner, der immerhin als enger Vertrauter Papst Benedikts gilt, mehrfach in Rom war, um Ratzi anzuflehen Bertone zu entmachten. Vergeblich. Der Mann kennt sich aus.
Auch Papst Franziskus brauchte sieben Monate, um den Pädophilen-Beschützer Bertone endlich am 15. Oktober 2013 von seinem Posten als Kardinalstaatssekretär zu schieben. Allerdings ist Bertone immer noch der ranghöchste wahlberechtigte Kardinal der Welt und würde als solcher auch das nächste Konklave leiten, falls Franzi wie sein Vorgänger plötzlich keine Lust mehr haben sollte.
Nun mit 79 Jahren zieht Bertone noch einmal um. Er wird der direkte Nachbar des Papstes, der im Gästehaus Santa Marta wohnt.


Genau davor liegt der Palazzo San Carlo, dessen 700 Quadratmeter großes Penthouse zurzeit für den welthöchsten Kardinal umgebaut und restauriert wird.
Die Italienische Presse spricht vom "goldenen Penthouse", der exklusivsten und teuersten Wohnung Italiens.

Bertone ist keine Ausnahme; Kurienkardinäle wohnen üblicherweise extrem teuer und luxuriös. Das „Kardinalsrot“ steht schließlich auch historisch für die teuerste Farbe der Welt. Sie hat ihren Ursprung im Purpur, das aus einer Absonderung der Hypobronchialdrüse der Purpurschnecke gewonnen wird. Da sich in der Drüse kaum messbare Mengen des weltexklusivsten Farbstoffs befinden, sind zur Herstellung eines Gramms reinen Farbstoffs circa 8.000 Schnecken notwendig. So ein Anspruch verpflichtet.

Bertone steht mit seinen Wohnplänen durchaus in der Tradition seiner Vorgänger. Auch er wohnte ein Jahr provisorisch im Johannes-Turm an der Vatikanmauer, bis sein Vorgänger Angelo Sodano (1990-2006) die Dienstwohnung freimachte. Dieser ließ sich eine großräumige Wohnung samt Bibliothek im Äthiopischen Kolleg inmitten der Vatikangärten einrichten. Dort wohnte er zunächst neben dem US-Kardinal Edmund Casimir Szoka, dem Gouverneur des Vatikanstaates. Als der in die Heimat übersiedelte, wurde dessen Nachfolger Giovanni Lajolo Sodanos neuer Nachbar.
Kaum weniger Aufwand betrieb Sodanos Vorgänger als Kardinalstaatssekretär, Agostino Casaroli. Für ihn wurde nach der Pensionierung 1990 unmittelbar neben dem Palazzo San Carlo ein Penthouse errichtet. Nach seinem Tod 1998 stand es mehrere Jahr lang leer, bis Kardinal Giovanni Battista Re, Leiter der Bischofskongregation, das begehrte Objekt bezog.

Franziskus, der als absoluter Monarch des Vatikanstaates Judikative, Exekutive und Legislative allein bestimmt, läßt Bertone gewähren und sieht tatenlos zu wie dort die kirchlichen Millionen verprasst werden.
Den Bertone-Balken im Auge scheint der Papst gar nicht zu bemerken.
Anders sieht es freilich aus, wenn es um Splitter in den Augen einfacher Priester auf der anderen Seite der Erdkugel geht. In Korea predigt er Armut und läßt sich als Vorkämpfer der Bescheidenheit bejubeln.

Papst warnt vor Luxus in der Kirche.
Papst Franziskus hat in Südkorea vor einem luxuriösen Leben von Priestern und Ordensleuten gewarnt.
Als Heuchelei verurteilte der Papst am Samstag in einer Rede vor Ordensfrauen und Patern das Leben "jener gottgeweihten Männer und Frauen, welche die Gelübde der Armut ablegen, dann aber wie Reiche leben". Ihre Haltung schade der Kirche.
Zugleich würdigte er das Gemeinschaftsleben der Ordensleute im 130 Kilometer von Seoul entfernten Ort Umsong. Das Oberhaupt der katholischen Kirche rief sie auf, jeder Versuchung einer "weltlichen Mentalität" zu widerstehen. Es ist der erste Besuch eines Papstes in Südkorea seit 25 Jahren.  [……]

Sonntag, 17. August 2014

Der Propst und das achte Gebot



Das Wort „Propst“ klingt schon so selten dämlich.
Als ob ein Betrunkener kein fehlerfreies „PROST!“ mehr rausbringt und beim Sprechen rülpst. Oder "Papst" im Ork-Dialekt. Oder ist es ein Hybridwort aus "Proll" und "Obst"?
Ein evangelischer Propst (von lateinisch „praepositus“ = Vorgesetzter) ist hierzulande quasi ein Vize-Bischof und somit ein wichtiger Mann.
Melzer, 56 ist mit einer Pfarrerin verheiratet und somit Vollblut-Protestunt.

Am 1. Juni 2012 wird er dieses Amt in der Nachfolge von Propst Jürgen F. Bollmann antreten, der im Mai in den Ruhestand gehen wird.
Propst Dr. Melzer wird in der Funktion als „ständiger bischöflicher Stellvertreter“, so die offizielle Bezeichnung, die Arbeit von Bischöfin Kirsten Fehrs unterstützen und sie unter anderem in Urlaubszeiten vertreten. […]
Dr. Karl-Heinrich Melzer bleibt Propst im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein. Dort ist er für die Kirchengemeinden Schnelsen, Niendorf, Lokstedt, Langenfelde, Stellingen und Eidelstedt sowie die fünf Kirchengemeinden in Norderstedt zuständig. Er ist Vorsitzender des Kirchenkreisvorstands. [….]
Geboren wurde Karl-Heinrich Melzer 1958 in Kiel, wuchs dort, in Hamburg, Hannover und Wyk auf Föhr auf. Zwischen 1979 und 1986 studierte er Theologie und Geschichte. […]


Das zeigt sich unter anderem darin, daß er seiner Frau die Rosinen aus dem Kirchenkuchen zuteilt.

Wenn's ans Sparen geht, wird auch in der Kirche mit harten Bandagen gekämpft. Da greifen Mitglieder von Gemeinden aus dem Kirchenkreis Niendorf gar ihren Propst Karl-Heinrich Melzer (46) an, weil die Stelle eines Kirchenmusikers drastisch reduziert werden soll, während auf der anderen Seite eine Pastorin eine Viertelstelle mehr erhält. Bei der Pastorin handelt es sich um Margitta Melzer (46) die Frau des Propstes, die seit vier Jahren einen halbe Pastorenstelle in Eidelstedt hat. "Da wird doch jemand im Familienkreis versorgt", sagt Dr. Sabine Kleemeier vom Vorstand der Christusgemeinde Eidelstedt. "Von Gerechtigkeit kann man nicht reden, wenn auf der anderen Seite jemand in der Gemeinde seine Familie nicht mehr ernähren kann." Gemeint ist der Kirchenmusiker. Kleemeier: "Der hat eine Frau und drei Kinder; und dessen Job soll nun auf 21 Stunden zusammengestrichen werden. Das ist dann statt einer ganzen nur noch etwas mehr als eine halbe Stelle. Keiner kann das nachvollziehen." […] Die Pastorenstelle von Margitta Melzer wird für ein gutes Jahr von einer halben auf eine dreiviertel Stelle erhöht. Das erklärte Propst Melzer dem Abendblatt. […]

So löppt dat eben bei den Kirchisten und so stieg Melzer in der Hierarchie weiter auf.

Als mächtiger Propst engagiert er sich für das Militär.
Ein ehemaliger Hamburger Bürgermeister sagte einmal, dass Hamburg weder eine fromme noch militärfromme Stadt sei. Aber an dem Sonntag des 824. Hamburger Hafengeburtstages hätte er sich in beidem geirrt. Ein ökumenischer Gottesdienst fand im Hafen auf der Fregatte „Sachsen“ statt.
[…]  Mit ihnen feierten der Weihbischof von Hamburg Dr. Hans-Jochen Jaschke und in Vertretung der Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck Probst Dr. Karl-Heinrich Melzer einen ökumenischen Gottesdienst, der in der Bundeswehr sowohl in Deutschland, wie aber vor allem in den Einsatzgebieten eine gelebte Praxis ist.
In ihren Predigten gingen beide auf die Widersprüchlichkeit der Welt ein. Gerade ein solches Schiff zeige diesen Widerspruch: Wir wollen den Frieden, doch scheine es aber auch nötig zu sein, diesen zu bewahren, so Probst Melzer wie auch Weihbischof Jaschke. [….]

Melzer steht dabei in der Tradition seiner Ortskirche. Schon vor 100 Jahren waren es Hamburger Pfaffen, die ganz besonders begeistert für Weltkrieg, Töten und Waffen warben.

Daß nun der Kirche in Scharen die Mitglieder weglaufen, weil sie offenbar nicht auf ihre Zinsgewinnen Kirchensteuern zahlen wollen, stört den Hamburger Kirchenfürsten gar sehr und so formulierte er für das fromme Hamburger Abendblatt einen Aufsatz, der selbstredend prominent auf Seite Zwei veröffentlicht wurde.
Für die Kirchenoberen räumt man dort immer devot buckelnd so viele Spalten wie gewünscht frei.

Seine Botschaft ist klar: Nur lumpige 16 Euro zahlen Kirchenmitglieder durchschnittlich im Monat und die meisten noch viel weniger.
(In der Tat zahlen die meisten Mitglieder keine Kirchensteuer; wie Kinder, Rentner und Sozialhilfeempfänger. Das bedeutet aber, daß diejenigen, die zahlen auch ERHEBLICH mehr als 16 Euro im Monat berappen müssen)
Dafür biete die Kirche aber so ungeheuer viel. Warum störe man sich denn bloß am „staatlichen Einzug“? Würde die Kirche das selbst durchführen, müßte sie das auch noch bezahlen und so käme weniger bei den Bedürftigen an.

Mancher stört sich am staatlichen Einzug der Kirchensteuer. Warum eigentlich? Da immer noch knapp zwei Drittel der Menschen in unserem Land einer Kirche angehören, ist das Verfahren doch sinnvoll. Warum sollte die Kirche das Geld ihrer Mitglieder dazu verwenden, ihre eigene Finanzverwaltung aufzublähen, wenn doch das Finanzamt diese Dienstleistung gegen eine kleine Gebühr mit übernehmen kann?

Schon hier beugt der staatlich ausgebildete Dialektiker die Wahrheit ERHEBLICH!

Was Melzer so euphemistisch „eine kleine Gebühr“ nennt, sind für den Einzug der Kirchensteuer je nach Bundesland 2 bis 4,5 Prozent des Kirchensteueraufkommens. Bei rund 10 Milliarden Euro „Kirchensteuer“ also 200-450 Millionen Euro.
Der ehemalige Chef der Deutschen Bank nannte 1994 den Betrag von 50 Millionen D-Mark „Peanuts“ und schuf damit das Unwort des Jahres 1994.
Für Propst Melzer ist eine zehn Mal so hohe Summe „eine kleine Gebühr“.

Außerdem rechnet er zu den noch knapp zwei Drittel der Menschen in unserem Land, die Kirchensteuern bezahlen, frech Millionen von Menschen mit, die zwar in EINER Kirche sind, aber eben keinem staatlichen Kirchensteuereinzug unterliegen.

Es gibt Dutzende Freikirchen, die gar keine Kirchensteuern erheben (dazu gehören auch die Heilsarmee, die Zeugen Jehovas, orthodoxe Kirchen oder der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden) aber wie zum Beispiel die Mennonitengemeinde zu Hamburg und Altona, die Evangelisch-reformierte Kirche in Hamburg oder die dänische Seemannskirche in Hamburg ihre Gebühren gemäß § 8 Abs. 1 HmbKiStG selbst einziehen.

Aber das Beste kommt noch. Der Probst brüstet sich nämlich mit der rein kirchlichen Finanzierung all der sozialen Wohltaten.

Pastoren und Mitarbeitende halten nicht nur Gottesdienste, sondern organisieren ein vielfältiges Gemeindeleben, führen Kitas, fahren mit Jugendlichen auf Freizeiten, veranstalten Seniorentreffs. Sie trösten Hinterbliebene und trauen Brautpaare, bieten Seelsorgegespräche für alle an, die zu ihnen kommen – nicht nur Mitglieder.   In den Gefängnissen und Krankenhäusern dieser Stadt kümmern sich täglich mehr als 30 Seelsorger um Menschen in Not. All das wird nicht staatlich finanziert, sondern fast ausschließlich von der Kirchensteuer.

Gratulation, Herr Melzer.

Null Prozent Finanzierung durch die Kirche, aber 100 Prozent Hoheit über die private Lebensführung der dort Beschäftigten! Das dürfe wohl nicht sein! […]  Kirchliche Krankenhäuser werden nicht etwa aus der Kirchensteuer finanziert – wie die meisten Menschen glauben. Die Investitionen zahlt der Staat nach dem Krankenhausfinanzierungsgesetz, die laufenden Kosten der Behandlung werden durch Beiträge der Versicherten über die Krankenkassen oder Zusatzbeiträge bezahlt. Damit ist es völlig unvereinbar, dass einer vergewaltigten Frau die Hilfe verweigert wird. […]  Die Eingriffe der Kirchen und ihrer Einrichtungen wie Caritas und Diakonie in die private Lebensführung ihrer rund 1,3 Millionen Beschäftigten passen nicht in die moderne Demokratie. Sie verstoßen auch gegen Grund- und Menschenrechte: Zum Beispiel gegen den Gleichheitsgrundsatz nach Artikel 3 Grundgesetz, wie das Bundesarbeitsgericht im Falle der Kündigung eines Chefarztes in einem katholischen Krankenhaus wegen Wiederverheiratung als Geschiedener entschieden hat.  Oder die Diskriminierung Homosexueller. Oder sie verstoßen gegen das Recht auf Streik nach Artikel 9 GG, wie mehrere Landesarbeitsgerichte und das Bundesarbeitsgericht entschieden haben.
Oder gegen die Menschenrechtskonvention, so der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, als einem Organisten nach 14 Jahren untadeliger Arbeit wegen Ehebruch gekündigt wurde. Dieser Mann musste sich 13 Jahre lang durch 7 (!) Instanzen quälen, bevor er Recht bekam. Und dann der dauernde Verstoß gegen die Glaubensfreiheit nach Art. 4 GG, wenn zum Beispiel Krankenschwestern oder Pfleger in kirchlichen Krankenhäusern aus der Kirche austreten und dann gekündigt werden. Oder als Konfessionslose oder Muslime erst gar nicht hineinkommen. […]  Es ist doch geradezu absurd, dass bei den Kirchen für das ganze Personal inklusive Putzfrau, technisches Personal, Laborkräfte wichtige arbeitsrechtliche Schutzrechte und Mitbestimmung ausgeschlossen sind. Und wenn – wie zum Beispiel im Rheinland – weit über die Hälfte der Krankenhäuser kirchlich sind, dann führt das eben dazu, dass bei der Berufsberatung eine Mitarbeiterin jungen Muslimen, die sich für eine Ausbildung im pflegerischen Bereich interessieren, davon abrät, weil sie in der Gegend hier keine Arbeitsstelle finden würden!!
[…]  In vielen Gegenden finden Sie überhaupt keine nichtkonfessionellen bzw. städtischen Kindergärten. Mein Mann und ich haben das selbst erlebt, dass unsere Kinder im katholischen Kindergarten in Königswinter nicht aufgenommen wurden, weil wir und die Kinder nicht in der Kirche waren. Das ist nun wirklich toll: Mit meinen Lohn- und Einkommensteuerzahlungen als Konfessionsfreie bezahlt die Stadt den katholischen Kindergarten fast oder ganz komplett mit der Folge, dass man danach seiner Kinder nicht hineinbekommt.
[…]  Den Kirchen ist es gelungen, diesen Irrglauben zu verbreiten. Dabei steht fest, dass die Kirchensteuer nur zu einem Bruchteil von unter 5 % für soziale Zwecke ausgegeben wird. Der frühere Caritasdirektor und Finanzdirektor der Erzdiözese Köln, Norbert Feldhoff, hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die Kirche die Kirchensteuer nicht benötigt, um die Sozialarbeit zu finanzieren. […] 

Samstag, 16. August 2014

PSL

Wenn intellektuell bedeutende Menschen die 90 überschreiten, sind Journalisten vorbereitet. Die Nachrufe liegen fertig geschrieben in den Redaktionsschubladen.
Marion Gräfin Dönhoff, Nelson Mandela, Marcel Reich-Ranicki, Helmut Schmidt und Egon Bahr sind solche Fälle. Und mit Peter Scholl-Latour (* 9. März 1924 in Bochum; † 16. August 2014 in Rhöndorf) hat es heute wieder einen vorbereitet erwischt.
Mit makabrer Schnelligkeit poppen in allen Nachrichtenportalen ausführliche Portraits und Würdigungen auf.

Es ist also müßig hier all die beeindruckenden Abenteuer seines Lebens zu erwähnen; sie werden überall beschrieben.
PSL wurde als Sohn einer Jüdin von den Nazis verfolgt und man sollte sich als jemand, der viele Generationen später geboren wurde davor hüten, ihm seine leicht bellizistische Grundhaltung zu verübeln.
Wer von der Gestapo gejagt wird und den Terror der Nazis erlebt hat, wird natürlicherweise große Sympathien für diejenigen entwickeln, die gegen die Nazis kämpften und diese niederrangen.
In PSLs Fall war es die französische Armee des Charles des Gaulles; in Reich-Ranickis Fall war es die polnischen Kommunisten.
Es ist hochgradig erbärmlich, wenn sich dann Typen wie Tilman Jens (*1954) öffentlich darüber empören, MRR habe für den polnischen Geheimdienst gearbeitet. Die Nazis haben die gesamte Familie Reich-Ranickis und die gesamte Familie seiner Frau Theofila umgebracht. Er überlebte unter abenteuerlichen Umständen das Warschauer Ghetto, hielt sich ein Jahr in einem Keller versteckt. Wer nicht verstehen kann, daß jemand in der Lage der Roten Armee dankbar ist, hat kein moralisches Recht sich zu empören.
Ebenso albern ist es, wenn friedensbewegte Linke von heute PSL verübeln, daß er nach dem Krieg aus Dankbarkeit in die französische Fremdenlegion ging.

Scholl-Latour war konservativ, katholisch, arrogant, verachtete politische Korrektheit, von der Notwendigkeit militärischer Aktionen überzeugt, besserwisserisch und hegte eine ordentliche Portion Vorurteile gegen Pazifisten, Linke, Grüne, Ökos und dergleichen mehr.
Er hätte gern die Bundeswehr atomar bewaffnet und forderte eine massive Aufrüstung und Militarisierung der EU. Immer wieder betonte er Tugenden wie Tapferkeit und soldatische Ehre.

Das sind sicherlich keine Positionen, die bei mir Sympathie erzeugen.

Dennoch mochte ich PSL und bin ernsthaft traurig, daß er nun weg ist.

Einerseits bedauere ich es, daß die gemütlich hinter ihren Schreibtischen alt werdenden Orientalistik-Professoren deutscher Hochschulen nun ihren Privatkrieg gegen PSL „gewonnen haben“, indem sie einfach übrig sind.

Andererseits schätzte ich PSL als Mensch, der redete wie ihm der Schnabel gewachsen war, der ohne Rücksicht auf Verluste amerikanische und britische Außenpolitik scharf verurteilte und verdammte.

Es ist durchaus nicht ganz selbstverständlich, daß ein Mann seiner Generation sämtliche Krisen und Konflikte der letzten 60 Jahre vor Ort studierte und so völlig vorurteilsfrei blieb.
Er lebte mit vietnamesischen Kommunisten, islamischen Dschihadisten, Kongolesischen Christen, persischen Revolutionären, Kurdischen Aufständischen, tibetanischen Kampfmönchen, Tadschiken, Paschtunen, Uiguren und roten Khmern zusammen, ohne jemals auf sie hinabzublicken.
Und nicht nur das. Obwohl er als Mitglied der Fremdenlegion im Koreakrieg und später als Gefangener des Vietcong ganz erheblich um sein Leben fürchten mußte, entwickelte er echte Liebe zu den Ländern, die man durchaus aus seinen Büchern herauslesen konnte.

Nein, ich stimmte nicht allem zu, was PSL bei Myriaden Talkshowauftritten behauptete.
 Aber ich fand seine Anwesenheit fast immer unterhaltsam und vielfach lehrreich.
Und sei es, daß man sich über einen seiner Einwürfe wunderte und dies daraufhin genauer recherchierte.

2003 sagte er die Konsequenzen des Irakkriegs mit einer geradezu grotesken Präzision voraus.
Er war damit der natürliche Verbündete der Speerspitze der internationalen Irakriegsgegner Schröder und Fischer.
Aber der französische Staatsbürger PSL war als Gaullist kein Fan von SPD oder Grünen. Daher mokierte er sich in den Talkshows über die Lächerlichkeit der deutschen Regierung und war völlig sicher, daß Deutschland im UN-Sicherheitsrat letztendlich doch für den Irakkrieg stimmen würde. Die Vorstellung, daß Joschka Fischer als einziger zusammen mit Syrien gegen 13 andere Länder votierte und Deutschland in die totale Isolation triebe war für Scholl-Latour so absurd, daß er voller Häme auf Berlin blickte.

Nun, es kam bekanntlich ganz anders.
Auch ein PSL irrt.
Aber Orakel, die immer Recht haben, sind langweilig.

Ich vermisse ihn schon jetzt.



„„Ich habe das Talent, mich mit den Ganoven ganz gut zu verstehen“, meinte er kokett. Europa, so lautete sein unkokettes Credo, ob es nun um den Nahen Osten, die Islamisten, den Iran, Russland, China, Haiti oder Mali ging, kapiert nichts, verhält sich naiv oder überheblich, verteufelt seine Gegner, macht vieles falsch. Weil es die Lage und die Leute vor Ort nicht kennt. Weil der Westen nicht tut, was Peter Scholl-Latour zeitlebens tat: Neugierig sein, hinfahren, Menschen treffen, reden, fragen, sich ein Bild machen. Und nicht im Mainstream der veröffentlichten Meinung schwimmen.“





Freitag, 15. August 2014

Wie klein Fritzchen sich das vorstellt.


Das ist schon nicht ganz einfach Meldungen über paramilitärische Zwischenfälle in der Ostukraine zu deuten.
Racheengel Poroschenko, der es drastisch mag, erklärt der Welt die Ukrainische Armee hätte einen russischen Militärkonvoi weggebombt.
Der Sprecher der russischen Armee erklärt so einen Konvoi habe es gar nicht gegeben.
Bildmaterial gibt es nicht.
Die deutschen Putinisten sind natürlich sicher, daß Poroschenko lügt, während die meisten anderen Medien ohne irgendwelche Belege davon ausgehen, daß „die Russen“ lügen.
„Vom Gefühl her“ neige ich eher zur russischen Variante der Darstellung, weil ich extreme Antipathie für den Oligarchen Poroschenko hege.
Allerdings ist „mein Gefühl“ kein relevantes Kriterium.
Man mag sich darüber wundern, daß ein derart intensiv überwachtes Gebiet, über dem dicht an dicht russische, europäische und amerikanische Aufklärungsdrohnen und Satelliten umherschwirren für den verwirrten TV-Zuschauer Terra Incognita bleibt.
Aber wir kennen das ja schon vom MH17-Absturz, daß Russen und Amerikaner anhand ihrer geheimdienstlichen Auswertung der Spionagebilder eine Theorie zum Tathergang vorlegen, die jeweils andere Seite schwer beschuldigen, dann aber die Beweise, die sie angeblich haben, nicht vorlegen.
Ehrlicherweise muß ich sagen, daß ich natürlich auch nicht weiß was an der umkämpften Ukrainischen Grenze vor sich geht.
Dabei hatte man noch bei George W.s Irakkrieg und der Rumsfeldschen Methode des „embedded journalists“ gedacht, daß Kriegszensur wenigstens in Zukunft kaum noch möglich sein wird, weil die Menschen inzwischen mit so guter privater Kommunikationstechnik ausgestattet sind, daß ohnehin jeder Vorfall an die Medien durchgestochen wird.

Ganz so einfach ist es aber nicht.
Selbst im Hochtechnologieland Israel – vermutlich die Internetaffinste Nation der Welt – gibt es ganz selbstverständlich Zensur. Eine Zensur, die mitunter zu grotesken Fehlinformationen der Weltöffentlichkeit führt.

Rund 60 Mitarbeiter inklusive freiwilliger Helfer hat die Behörde von Sima Vaknin-Gil. Ihre Aufgabe ist nicht ganz alltäglich: Vaknin-Gil ist seit 2006 Chefin der israelischen Militärzensur. In Krisenzeiten herrscht dort Hochkonjunktur - noch vor vier Jahren kam die Abteilung laut "Spiegel" mit der Hälfte der Beschäftigten aus. Israelische Medien legen hier alle relevanten Berichte vor, die sogenannte operative Informationen über das israelische Militär, seine Einsätze und seine Ausrüstung enthalten. Auch Berichte über das israelische Nuklearprogramm werden hier geprüft. […]


‚Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit‘
(Senator Hiram Johnson)
Wenn so viele widersprüchliche Meldungen kursieren, ist es natürlich sehr viel einfacher eine feststehende Meinung zu haben; ein Weltbild, in dem die Rollen für Schurken und Gute fest verteilt sind.
Man kann sich dann auf die passenden News-Meldungen beschränken und sich daran erfreuen wie richtig das eigene Urteil ist.

Menschen funktionieren so.
Man erkennt das sehr schön an dem Konsumverhalten der Amerikaner bei ihren Nachrichtensendern.
Alle Fachleute sind sich einig, daß die besten und seriösesten Informationen bei Al Jazeera America zu bekommen sind und dafür FOX-News geradezu manisch die Wahrheit meidet und zu einer reinen Lügenmaschine degeneriert ist.
Fox beschäftigt Sarah Palin als Expertin (sic!) und vertritt die Ansicht, der Weihnachtsmann sei auf jeden Fall ein Weißer.
Und Fox hat 100 mal so viele Zuschauer wie Al Jazeera America.

Das Gemeine an der Medienwelt ist, dass die Mediennutzer Qualität oft nicht so honorieren, wie die Medienunternehmer sich das vorstellen. Zum Beispiel Al Jazeera America. Wer sich über den Konflikt in Gaza informieren will, kann das im amerikanischen Fernsehen am besten bei dem Ableger des Senders aus Katar. In der Nachrichtensendung um 13 Uhr bringt er erst einen langen Bericht über eine palästinensische Familie, deren drei Kinder bei einem Anschlag schwer verletzt wurden. Die Kameras halten auf die blutverklebten Gesichter. Es folgt ein Experteninterview, der Korrespondent wird zugeschaltet. Kurz darauf kommt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einer minutenlangen Übertragung einer Pressekonferenz ausführlich zu Wort. Mehr als Al Jazeera America berichtet derzeit niemand über Gaza.
Dem Sender hat das viel Lob eingebracht, zum Beispiel vom Aktivistennetzwerk Asian Pacific Americans for Progress und von anderen Journalisten. Überhaupt: Lob von Experten gibt es viel. Journalisten des Kanals haben zahlreiche Preise gewonnen, darunter zwei der prestigeträchtigen Peabody Awards. Allerdings findet das Ganze, trotz bescheidener Erfolge seit der Gaza-Krise, weitestgehend ohne Publikum statt. […]  Der Reuters-Kolumnist Jack Shafer fragt gehässig, was seltener sei: ein Einhorn oder ein Al-Jazeera-America-Zuschauer? Laut dem Marktforscher Nielsen schalten in der Hauptsendezeit im Schnitt gerade einmal 15000 Menschen ein. Zum Vergleich: Quotenkönig Fox News kommt im Abendprogramm auf durchschnittliche 1,6 Millionen.
[…] Al Jazeera America betont zwar, wie amerikanisch der Sender ist, aber es bleiben der Name und das Logo: verschlungene arabische Schriftzeichen, nirgends ein Sternenbanner. Der erzkonservative Moderator Glenn Beck nennt den Sender die Stimme des Feindes. Medienexperten sagen, dass es der Sender auch deshalb schwer hat, in den USA Werbekunden zu finden, die haben Angst, dass das Image abfärbt. Auch Werbekunden sind manchmal nicht fair.
(Kathrin Werner, SZ vom 11.08.2014)

Homo homini lupus.

Mit einem Weltpublikum gesegnet, welches strikt vermeidet das eigene Gehirn zu benutzen und stattdessen billiger Meinungsmache anhängt, haben es die Spindoktoren leicht.


Unglücklicherweise geht es den Regierenden auch nicht anders als den Regierten. Statt sich ernsthaft um Aufklärung zu bemühen, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und konstruktive Lösungen zu erarbeiten, betreiben sie Weltpolitik, wie sich das Klein Fritzchen vorstellt.

Ja, es etabliert sich eine humanitäre Katastrophe im Osten der Ukraine und ja, wir kennen nicht genau Putins Motive für den Hilfskonvoi aus 180 weißen LKWs.
Mit einiger Sicherheit kann man annehmen, daß Russland versucht sein Image aufzupolieren, während Arseni Jazenjuk, der Russland hasst wie die Pest, geradezu mit Schaum vorm Mund versucht eben dies zu verhindern. Er will keineswegs das Bild vom bösen Iwan ankratzen lassen.

Amerikaner und EU sitzen derweil schmollend abseits und beschäftigen sich mit Argwöhnen, Spekulation und Propaganda.

Wieso zum Teufel haben nicht die von der Leyens Europas, die doch offensichtlich fähig sind binnen Stunden große Mengen Hilfsgüter und „nicht letales Gerät“ nach Erbil zu fliegen, nicht sofort im Kreml angerufen und ihre Unterstützung des LKW-Konvois angeboten?
Es könnten sich doch deutsche, französische und britische LKWs mit „Wasser und Salz“ den Russen anschließen und mit ihnen gemeinsam über die Grenze fahren.
Den Ostukrainern wäre geholfen, man würde wieder ins Gespräch mit den Russen kommen und könnte ganz elegant nebenbei ein Auge drauf werfen, was genau in den weißen Lastern transportiert wird.
Es spricht ja einiges dafür, daß es tatsächlich nur Hilfsgüter sind, da russisches Militär so eine auffällige Aktion gar nicht nötig hätte. Separatisten kontrollieren hunderte Kilometer der Ukrainisch-Russischen Grenze. Dann KÖNNTE russisches Militär so viele LKWs rüberschicken wie es will, ohne daß Arseni Jazenjuk irgendetwas mitbekommt.

Aber nein. Zu konstruktiven Maßnahmen ist im Westen offenbar keiner fähig.
Stattdessen ist Brüssel voll beschäftigt mit der Sandkastenversion des Konflikts.

Sie starteten mit Sanktiönchen, die niemand wehtaten. Als sie ausgelacht wurden, gab es mehr Sanktiönchen bis Russland Gegensanktionen verhängte.
Daraufhin verschärften EU und USA noch mal ihre Sanktionen.
Natürlich aber nur da, wo es nicht tatsächlich weh tut.
Frankreich liefert noch den milliardenteuren Hubschrauberträger an die Russische Marine und auch das Weiße Haus, das zähnefletschend stärkere Sanktionen von der EU verlangt, macht natürlich bei der eigenen Wirtschaft Ausnahmen, wenn es an richtiges Geld geht.

Ungeachtet der US-Wirtschaftssanktionen gegen Russland hat der amerikanische Ölkonzern ExxonMobil mit seinem Partner Rosneft eine Ölbohrung in der russischen Arktis begonnen.
[….Das ist] bemerkenswert, denn der Rosneft-Konzern und dessen Chef Igor Setschin stehen auf der "schwarzen Liste" jener Firmen und Manager, gegen die die USA Sanktionen verhängt haben. Ob ExxonMobil von der US-Regierung eine explizite Genehmigung eingeholt hatte, mit den Bohrungen beginnen zu dürfen, blieb unklar. Es darf aber als wahrscheinlich gelten.  […]

Die harten Hunde in Brüssel und Washington beschäftigen sich stattdessen mit dem „Apfelkrieg“.
Um die EU zu ärgern hatte Putin die Einfuhr von frischen Lebensmitteln nach Russland eingeschränkt.
Betroffen davon sind insbesondere Polen und Griechenland, die auf ihrem Obst sitzen bleiben.
Und auch die Hamburger Apfelbauern – das „Alte Land“ in Hamburg ist das viertgrößte Obstanbaugebiet Deutschlands – befürchten einen Preisverfall.
Sie liefern zwar kaum Äpfel nach Moskau, aber der Markt könnte überschwemmt sein und so die Preise drücken.

Können Putins Bürger nun nie wieder Obst essen?
Und was passiert in Russland?
Nun genau das, was sich auch Klein Fritzchen schon vorher vorstellen konnte.
Es gibt so etwas wie Globalisierung. Ganz selbstverständlich beziehen wir Hamburger unsere Braeburn-Äpfel aus Neuseeland und Spargel aus Argentinien und Erdbeeren aus Südafrika und Kräuter aus Israel – obwohl das alles auch vor unserer Haustür wächst.
Die hochsubventionierte EU-Agrarwirtschaft ist berüchtigt dafür die Landwirtschaft anderer Kontinente mit ihren Kampfpreisen zu zerstören.
Da ihr nun der Absatzmarkt Russland abhandenkommt, springen innerhalb von Stunden andere Lieferanten ein.

Brüssel ist mal wieder TOTAL überrascht. So wie Brüssel auch total überrascht war, daß der Kreml nicht nach den verhängten Sanktionen sofort klein beigab, die Krim wie eine heiße Kartoffel fallen ließ.
So wie Brüssel auch überrascht war, daß Moskau Gegenmaßnahmen ergriff.

Nun freuen sich Obstbauern in Nordafrika und Südamerika, daß ihnen ein neuer Markt in den Schoß gefallen ist. Die EU schäumt, weil ihre Sandkasten-Strategie nicht funktioniert.

Putin verhängt einen Importstopp für Produkte aus der EU - und keine 24 Stunden später stehen manche Länder Schlange, um russische Supermarktregale zu füllen. Die Beamten in Brüssel sind sauer.
[…] Ägypten werde seine Agrarlieferungen an Russland um 30 Prozent steigern, hieß es nach dem Treffen, und so die entstandene Lücke zumindest zum Teil füllen.  In Brüssel ballt man angesichts solcher Meldungen die Faust in der Tasche. Schon in den vergangenen Tagen hatten sich russische und außereuropäische Medien mit Meldungen überschlagen, dass Agrar- und Lebensmittelexporteure aus Lateinamerika, aber auch aus China Schlange stehen würden, um Lücken in russischen Supermarktregalen zu füllen. Besonders sauer stieß in der Kommission aber eins auf: dass die Botschafter Chiles, Ecuadors und Uruguays nicht einmal 24 Stunden warteten, ehe sie sich mit den russischen Lebensmittelbehörden zusammensetzten, um Marktchancen auszuloten.
[…] Doch der Kommission sind die Hände gebunden. Eine legale Handhabe gegen die Lieferung von Waren nach Russland gibt es nicht. Man müsse darüber hinaus aber ehrlich sein gegenüber sich selbst: "Business is business" - und das bedeute, dass europäische Unternehmen sicher auch zugeschlagen hätten, wenn brasilianische Produkte vom Markt genommen worden wären. […] Ein erstes Echo hat Ecuadors Staatschef Rafael Correa bereits vorgetragen: "Wir werden nicht um Erlaubnis fragen, ob wir einem befreundeten Land Lebensmittel liefern können", sagte er. Und: "Soweit ich weiß, ist Lateinamerika nicht Teil der Europäischen Union. Jedenfalls noch nicht", fügte er spöttelnd hinzu. […]