Meines Erachtens muss man immer taktisch wählen. Zum Beispiel bei den Bundestagswahlen der 1970er und 1980er, als die FDP viele Leihstimmen erhielt. Etwa 1980 von sozialdemokratischen Helmut Schmidt-Fans, die einen Bundeskanzler Strauß fürchteten und mit der Zweitstimme FDP wählten, um ganz sicher zu gehen, daß die FDP als gelbrote Mehrheitsbeschafferin in den Bundestag kommt.
Oder als SPD-Freund zur Bundestagswahl 1987, weil man ohnehin sicher wußte, daß Kohl wiedergewählt würde, aber man mit einer möglichst starken FDP als „Korrektiv“ die übelsten CSU-Rechtsblinkprojekte zu verhindern hoffte.
Oft hat es keinen Sinn, seine Lieblingspartei zu wählen, wenn sie ohnehin deutlich unter 5% landet. Das galt in der letzten Phase der Wagenknecht-Linken. Putinella hatte die Linken, die es einfach nicht fertig brachten, die völkisch blinkende Rechtsauslegerin rauszuwerfen, für so viele Menschen unwählbar gemacht, daß sie bei mehreren Landtagswahlen um die zwei Prozent abschnitt. Da war jede linke Stimme Verschwendung und ging taktisch richtig, besser an SPD oder Grüne, um dort etwas bewirken zu können.
Manchmal liegt es an einer fehlenden Machtoption, wenn die Stimme für seine Lieblingspartei aus taktischen Überlegungen versagt bleibt.
In Baden Württemberg etwa sind Grüne und CDU mit einer solchen Innigkeit einander verbunden, daß es seit gut zehn Jahren ohnehin immer eine Oliv-Regierung gibt. Am 08.03.2026 war nur noch die Frage, ob Özdemir oder Hagel Ministerpräsident werden. In keiner Konstellation hätte die SPD, die 2021 schon auf 11 Prozent gestürzt war, eine Rolle bei der Regierungsbildung spielen können.
Die sozialdemokratischen Wähler konnten aber mit ihrer Stimmabgabe durchaus noch mitbestimmen, ob der misogyne CDU-Rechtsaußen Hagel Ministerpräsident wird, oder stattdessen der sehr lange in den Umfragen zurückliegende Cem Özdemir.
Es spricht für die Sozis, daß bei ihnen noch „Land vor Partei“ gilt und so viele Grün wählten, daß sie zwar auf 5,5% rauschten, aber immerhin Hagel verhinderten und einen Grünen Regierungschef bekamen.
In Ossistan gab es immer wieder Wahlkämpfe, die zu Duellen mit der AfD wurden: Wer stellt die stärkste Partei?
Bei dem Kopf-an-Kopf-Rennen der Landtagswahl in Brandenburg am 22. September 2024, konnte SPD-Spitzenkandidat Woidke ganz offenbar erfolgreich von Leihstimmen der Grünen, Linken und womöglich auch der CDU profitieren.
Ähnlich war es sich in Sachsen 2019, als sich ein Duell zwischen AfD und CDU um Platz Eins anbahnte. Linke (-8,5) und SPD (-4,7) fuhren schwere Verluste ein, weil ihre ehemaligen Wähler mutmaßlich zu großen Teilen CDU wählten, um die Nazis zu verhindern.
Bei der nächsten Landtagswahl, in zwei Wochen in Magdeburg, steht nicht zur Debatte, wer die stärkste Partei wird. Die Sachsen-Anhaltiner werden sich ganz sicher für die Nazis entscheiden. Die rechtsradikale Verlierermund-Pest liegt uneinholbar vorn. Hier macht es für taktische Wähler, die ihr Bundesland nicht dem braunen Pack zum Fraß vorwerfen wollen, also wenig Sinn, für die zweitplatzierte CDU zu stimmen. Sie hat ohnehin keine Chance stärkste Partei zu werden.
Es geht nur noch darum, ob die AfD die absolute Sitzmehrheit bekommt, was umso wahrscheinlicher wird, je mehr Partei (knapp) an der 5%-Hürde scheitern. Dafür gibt es gleich vier Kandidaten: FDP, BSW, Grüne und SPD.
[…] Dass die AfD in der Sonntagsfrage in Sachsen-Anhalt weit vorn liegt, daran wird Schulze sich gewöhnt haben. Aber nun wollen erstmals mehr Menschen eine rechtsextreme Regierung als eine unter Führung der Christdemokraten.
Falls das Hallervorden-Manöver die CDU wieder ins Gespräch bringen soll, geht das Kalkül auf: Schulze ist endlich in aller Munde, bundesweit und tagelang. Nicht wegen seiner rentenpolitischen Wende oder der zahlreichen TV-Auftritte. Sondern dank des Liedes eines 90-Jährigen in einem Golfclub.
Und dann wird gut eine Woche nach dem Abend in Dessau noch eine neue Umfrage publik, diesmal vom Institut pollytix: Schulzes CDU dümpelt bei 23 Prozent, die AfD erreicht 43. Eigentlich katastrophale Zahlen für Schulze. Doch die Umfrage sieht auch die SPD und die Grünen über der Fünfprozenthürde. Was rechnerisch verhindern würde, dass die AfD die absolute Mehrheit holt. Und dann wäre Schulze wohl der Einzige, der realistische Aussichten auf das Amt des Ministerpräsidenten hätte. Als Wahlverlierer. [….]
Idealerweise verständigten sich alle Grünen und Sozis darauf, nur eine von beiden Parteien zu wählen.
Oder Linke, womöglich sogar einige letzte Antifaschisten bei BSW und FDP, versorgen Grüne und SPD mit genügend Leihstimmen, um beiden über die 5%-Hürde zu helfen.
Ob man als Gegner von Schwarzbraun, SPD oder Grün wählt, hängt von den letzten Umfragen ab: Scheint die Chance auf einen grünen Einzug in den Landtag gering, wählt man besser SPD, damit die Stimme sicher zählt. Stehen die Grünen genau der Kippe, wählt man sie besser auch, um die 4,x-Gefahr zu mindern.
Unglücklicherweise hängt die Wahrscheinlichkeit also von den Umfragen selbst, und damit von den politischen Intentionen der Auftraggeber ab.
Möglicherweise bewerten INSA/BILD, INSA/Focus und INSA/NIUS die Grünen immer mit vier Punkten, um potentielle Grünenwähler zu demoralisieren und dann doch lieber CDU oder SPD zu wählen.
[….] Initiativen rufen die Menschen dazu auf, ihre Stimme gezielt kleinen Parteien zu geben, um eine AfD-Regierung zu verhindern. Das ist richtig – aber nur diesmal.
Es sind nur gut 1,7 Millionen Menschen, die in Sachsen-Anhalt am 6. September aufgerufen sind, ihre Stimme bei der Landtagswahl abzugeben. Das ist etwas mehr, als München Einwohner zählt. Wie diese 1,7 Millionen abstimmen, hat allerdings Auswirkungen weit über Sachsen-Anhalt hinaus. Schließlich geht es darum, ob erstmals ein Politiker einer Partei Regierungschef wird, die gesichert rechtsextrem ist. Deutschland, das kann man annehmen, wäre dann ein anderes Land.
Wenn Rechtsextreme an den Hebeln der Macht säßen, hätte das fatale Auswirkungen: für Minderheiten, für Wirtschaft und Kultur, für die Sicherheit des Landes. Daher ist es geboten, dass sich die Organisatorinnen und Organisatoren der Initiative „Taktisch Wählen“ dafür einsetzen, diesen Fall zu verhindern. [….] Das Kalkül lautet: Eine AfD-Alleinregierung wird umso unwahrscheinlicher, je mehr Fraktionen im Landtag sitzen. Es geht daher darum, Wähler davon zu überzeugen, ihre Stimme nicht unbedingt ihrer Lieblingspartei zu geben. Stattdessen sollen sie ihr Votum „taktisch“ einsetzen, um kleineren Parteien über die Fünf-Prozent-Hürde zu helfen.
Trivial ist dieses Unterfangen nicht. In Umfragen rangieren in Sachsen-Anhalt gerade mehrere Parteien leicht über oder leicht unter dem Wert von fünf Prozent. Das macht die Entscheidung kompliziert. Fachleute sehen daher das Risiko, Wähler könnten ihre Stimme zwar taktisch einsetzen, die gewählte Partei könnte den Einzug in den Magdeburger Landtag aber trotzdem verpassen. Dann wäre die Stimme verloren, und sie fehlte womöglich einer anderen Partei, die ebenfalls darum kämpft, die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen. Trotzdem bleibt der Ansatz von „Taktisch Wählen“ in der aktuellen Situation richtig. [….]
Besonders schwierig wird das taktische Wählen zwei Wochen später in Berlin. Dort werden Linke, Grüne, SPD alle drei sicher die 5% überspringen, aber es gibt vier bis fünf Parteien, die vorn liegen könnten: CDU, AfD, Grüne, Linke und, deutlich weniger wahrscheinlich, die SPD.
Die Sozis werden ganz offenkundig für die katastrophale Wegner-Regierung abgestraft. Die Grünen fallen ebenfalls erheblich zurück, weil sie mit den beiden in Bayern geborenen Werner Graf & Bettina Jarasch zwei besonders schwache Spitzenkandidaten, bar jedes Charismas, haben und zudem nicht klar sagen können, ob sie nicht lieber doch mit der CDU ins Bett hüpfen wollen, wenn die Linke zu stark wird.
Das wird spannend. Forsa ist nicht die seriöseste Quelle, aber wenn es so käme, müssen ordentlich Kröten geschluckt werden. Viele Grüne wollen nicht unter den Linken als Juniorpartner in eine Koalition und dann lieber Schwarzgrün. Und die SPD verweigert kategorisch den Verstaatlichungskurs der Linken und stellt sich demonstrativ vor das russische Haus, um die Linken zusätzlich noch für ihren zu russlandfreundlichen Kurs zu piesacken.
Für die Linke ist die Umsetzung des „Berliner Wohnen-Volksentscheides“
aber essentiell.
Es reicht aber, nicht nur nicht, zu schwarzgrün, sondern nicht mal zu Kenia.
Dann bleibt fast nur RGR.





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