Samstag, 30. März 2019

Die anderen aber auch.

Es gibt positiven und negativen Whataboutism.
In der schlechten Form dient Whataboutism dazu, eigentlich nicht zu rechtfertigende Taten durch Heranziehung abstruser Beispiele zu relativieren.
Zur Meisterschaft in dieser Disziplin bringen es die vielen Trump-Supporter in den amerikanischen News-Sendern.
Zu jeder noch so großen Schweinerei ihres Idols ziehen sie die „Benghazi“ oder „her emails“-Karte, als ob das irgendetwas entschuldigte.
Aber sie werfen damit sehr effektiv Nebelkerzen.
Auch Papst Franz benutzt die Methode. Bei seiner Abschlussrede zur Vatikanische Missbrauchskonferenz, verwendetet er das gesamte erste Drittel nur darauf aufzuzählen wo es auch noch Kindesmissbrauch gäbe, als würde dadurch seine Vergewaltigerpriester besser.
Whataboutism dient in diesem Fall auch dazu die eigene Untätigkeit zu erklären.
Diese Form der Scheinrechtfertigung erlebte man in jüngster Zeit sehr viel in Hamburg als es um die Dieselfahrverbote ging.
Wozu die paar Autos nicht durch den Stickoxidmief in Altona fahren lassen, wenn einen Kilometer südlich Kreuzfahrtriesen anlegen, die 100.000 mal so viel NOx und Feinstaub ausblasen wie ein VW-Stinkgolf?
Das wird auch gern auf die nächsthöhere Ebene promoviert:
Wozu sollte Deutschland auf nationaler Ebene Klimaschutzpolitik betreiben, wenn doch China und die USA so viel mehr CO2 emittieren, ganz ohne Klimaschutz anzustreben?
Das Argument ist natürlich Unfug.
Wenn eine Bank ausgebraubt wird, ein Wachmann erschossen und eine Million erbeutet wird, darf ich deswegen nicht zu meinem Nachbarn gehen, ihn KO schlagen und 5.000,- von ihm stehlen, nur weil das ein vergleichsweise kleineres Verbrechen ist.
Alle müssen Klimaschutz betreiben.
Klimaschutzbemühungen bleiben zudem nicht unbeobachtet. Das Energiehungrige China mit seinen Smog-verseuchten Megametropolen hat längst umgeschaltet, investiert gewaltige Summen in Green Energy.
Sogar die USA haben trotz Trump den Trend längst erkannt, sind bei der Herstellung von Elektro-Fahrzeugen an Deutschland vorbeigezogen und betreiben auf Ebene der Bundesstaaten effektive grüne Energiepolitik.

Brunei, der Zwergstaat mit dem märchenhaft reichen absolutistischen Herrscher Sultan Hassanal Bolkiah könnte möglicherweise zu einem positiven Whataboutism führen.
Seit 1984 unabhängig von London, erfreuen sich die rund 450.000 Einwohner der Muslimischen Monarchie im Norden Borneos ihres Wohlstandes.
Mit 5.765 km² beträgt die Fläche Bruneis zwar nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Herrschaftsgebietes der Sultane – das ist zweimal das Saarland, oder ein bißchen mehr als Mallorca oder die gute Hälfte Zyperns – aber man sitzt auf den Ölquellen.
Mit dem fünfthöchsten BIP/Einwohner der Welt regiert Bolkiah unangefochten und kann auskömmlichen in seinem Istana Nurul Iman hausen – dem größten Palast der Erde:

[….] Das Eigenheim des Sultans umfasst auf einer Wohnfläche von 200.000 m² neben den 1788 Räumen 18 Fahrstühle, 44 Treppenhäuser und 250 Badezimmer. Im Thronsaal des Sultans finden 2000 und im Bankettsaal gut 5000 Menschen Platz. Fenster- und Türbögen sind aus purem Gold, 64.000 Quadratmeter Wandfläche mit 38 verschiedenen Sorten Marmor verkleidet. Der Prachtbau soll eine Mischung aus arabischen Zelten und malaiischen Langhäusern darstellen. Der Gebäudekomplex besteht aus einem 120 Hektar großen Gelände. Zur Palastanlage gehört eine unterirdische Garage von 10.000 Quadratmetern, die 110 Fahrzeuge der Fahrzeugsammlung des Sultans beherbergen kann. Zudem befinden sich auf dem Palastgelände klimatisierte Ställe für 200 Pferde. [….]

Man gönnt sich ja sonst nichts.
Ach so, doch. Die Scharia will der Sultan nun noch radikaler durchdrücken, Schwule sollen gesteinigt werden.

Zurecht empört sich die westliche LGBTI-freundliche Welt und droht nicht nur mit Reiseboykott, sondern insbesondere in Person von George Clooney damit nicht mehr in den Luxushotels abzusteigen, die Herrn Bolkiah gehören.

Keine Hollywoodstars mehr im „Hotel Bel-Air“, „Beverly Hills Hotel“ (beide Los Angeles), „The Dorchester“ und „45 Park Lane“ (beide in London), „Coworth Park“ (Ascot), „Le Meurice“ und dem „Hotel Plaza Athénée“ (beide Paris), dem „Hotel Eden“ (Rom) sowie dem „Hotel Principe di Savoia“ (Mailand) dürften nicht unmittelbar dazu führen, daß der Mann hungern muss.
Aber der 72-Jährige ist zu 90% vom Ölexport abhängig und versucht wie seine superreichen Königs-Kollegen am Golf händeringend nach alternativen Einkommensquellen für die Zukunft.
Und da schadet es, wenn das Image im Westen ruiniert ist.


 Der Sultan steckt ein bißchen in der Patsche. Seine Selbstinszenierung als besonders sittenstrenger Muslim, der peinlich genau die Scharia auslegt, dürfte ebenfalls zu seinem Plan gehören sie Macht seiner Familie abzusichern, wenn eines Tages die Ölmilliarden nicht mehr fließen. Dafür kann man schon mal ein paar Arme und Beine abhacken, sowie Schwule umbringen.

[….] The change is part of the Sharia Penal Code in the conservative Islamic monarchy. The revised statutes also include other inhumane punishments, such as amputation for robbery, and will take effect starting next week. The punishments had been delayed after they were first proposed in 2013, following an international outcry, but with the spotlight off of them, officials are now moving ahead with their plans. […..]

Ob Bolkiah persönlich Abscheu gegenüber Schwulen empfindet, weiß ich nicht. Ich nehme aber an, das spielt keine Rolle.
Er benutzt genau wie Putin in Moskau, Bolsonaro in Brasilia und Salman in Riad die radikal homophobe Religion, um seine Macht abzusichern.
Indem sich diese Herrscher sukzessive an die Kleriker heranwanzen, bekommen sie mächtige Unterstützung der Massen. Nur mit Hilfe der Evangelikalen, die Pences Kampf gegen die Schwulen lieben, wurde Trump Präsident.


[….] Nachdem die Briten aus Brunei abgezogen waren, machte sich der Sultan daran, Gesellschaft und Justiz seines Landes Zug um Zug zu islamisieren. Anfang der Neunzigerjahre verbot der Herrscher den Verkauf von Schweinefleisch und Alkohol. Schon 1996 kündigte er die Einführung der Scharia im Strafrecht an. 2014 folgten die ersten konkreten Schritte: Unter anderem können seither Muslime, die älter als 15 sind und das Freitagsgebet versäumen oder den Fastenmonat Ramadan ignorieren, bestraft werden. Ihnen drohen Haft- oder Geldstrafen, das Einfrieren von Bankkonten - aber auch die Auspeitschung. [….]

Es ist ja lieb von Herrn Clooney sich zu engagieren.

[…..] Now Clooney is asking people to boycott several hotels that are owned by Bolkiah.
 “But let’s be clear, every single time we stay at or take meetings at or dine at any of these nine hotels we are putting money directly into the pockets of men who choose to stone and whip to death their own citizens for being gay or accused of adultery.”
“But are we really going to help pay for these human rights violations?” Clooney added. “Are we really going to help fund the murder of innocent citizens? I’ve learned over years of dealing with murderous regimes that you can’t shame them. But you can shame the banks, the financiers and the institutions that do business with them and choose to look the other way.” [….]

Aber WHAT ABOUT die viel größeren und mächtigeren Staaten, die noch restriktiver gegen Schwule vorgehen?
Bei Bolkiah gibt es nur eine Planung und die Scharia wird eher sanft angedroht. Bisher wurde noch nicht ausgepeitscht.
Ganz anders sieht es im Iran und vor allem in Saudi Arabien aus – da werden tatsächlich jedes Jahr Schwule, Lesben und viele Frauen, die angeblich untreu waren öffentlich unter Gejohle und Begeisterung der Bevölkerung abgeschlachtet.

Whatabout Saudi Arabien? What about Pakistan, Afghanistan? Whatabout Iran, Irak, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Sudan, Mauretanien, Jemen, Somalia, Nigeria, Syrien?

Es ist richtig dem kleinen Brunei mit Konsequenzen zu drohen, den Sultan schlechte PR und Kaufboykott spüren zu lassen.

Ein positiver Whataboutism sollte aber dazu führen auch die anderen Homo-Killerstaaten so zu behandeln.
Gegenwärtig kämpfen allerdings die Christlichen Parteichefs Kramp-Karrenbauer und Söder verbissen dafür Saudi-Arabien auch noch mit Waffenexporten zu unterstützen, um mit deutscher Technik noch effektiver killen zu können.

Ich fordere daher einen Wahlboykott für CDU und CSU.

Beim Konsumboykott sollte es nicht nur um ein paar Luxushotels gehen, sondern beispielswiese auch um die Firmen, deren Mitbesitze der Homokillerstaat Katar ist:

    Deutsche Bank: 8 %
    Hapag-Lloyd: 14,5 %
    Siemens: 3,27 %
    Tiffany & Co.: 12,7 %
    Volkswagen AG: 17,0 % Stammaktien

Das noch grausamere und noch reichere Saudi Arabien ist Mitbesitzer von:

Twitter, Uber, Apple, Mövenpick, Motorola, Ebay, Time Warner, Twenty-First Century Fox, Euro Disney,..

Freitag, 29. März 2019

Schlechtere Parteien


Die SPD ist cool, ganz im Ernst.
In der seit zehn Jahren existierenden Facebookgruppe „Säkulare Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten“ finde ich Gesinnungsgenossen, die genauso ticken wie ich.

Außerhalb der SPD, aber innerhalb der Social Media finden sich hingegen Menschen, die meinen, als Atheist wären die Sozialdemokraten unwählbar geworden.

Gäbe es nur dieses eine Thema und gäbe es in der SPD auch nur den Parteivorstand, könnte man in der Tat zu dem Schluss kommen.

Es gibt aber noch andere wichtige Themen und die SPD ist natürlich noch viel mehr als die zur Zeit amtierende, heillos überforderte Führung.

Aus Jahrzehntelanger Erfahrung weiß ich, daß sich niemand mit Parteiprogrammen beschäftigt. Keiner liest sie und die schärfsten Kritiker bestimmter Parteien tun das fast immer von dubiosen Bauchgefühlen getrieben, ergeben sich in Antipathien für bestimmte Parteirepräsentanten und kämen niemals auf die Idee nüchtern zu analysieren, welche Politik das Beste für das Land ist und wie diese unter den gegenwärtigen Umständen parteitaktisch am ehesten umzusetzen ist.

Vor Jahren erschreckte man noch ob des Schrammschen Begriffes „Urnenpöbel“.
Inzwischen erscheint mir das ob all der plebiszitären Geniestreiche pro Trump, Brexit, Erdoğans Verfassungsreform, Salvini und Orban eher als euphemistische Beschreibung. Wähler sind Idioten!

Die Idee des Textes, daß nämlich in Wahrheit mächtige Interessenverbände die Politik bestimmen und die Wählerschaft kaum gefragt ist, respektive aus Desinteresse stoisch das ankreuzt, das ihnen empfohlen wird, hat Schramm im Januar 2004 unnachahmlich beschrieben, ich zitiere das erneut:

"Interessensverbände machen die Politik. Die ziehen die Fäden, an denen politische Hampelmänner hängen, die uns auf der Bühne der Berliner Puppenkiste Demokratie vorspielen dürfen. Diese Politfiguren dürfen dann in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren. Und wenn bei der intellektuellen Notdurft noch was nachtröpfelt, dann können sie sich bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unter das Volk mischen."

Wenn ich mich extrem über WahlERGEBNISSE oder UmfrageERGEBNISSE ärgere und denke, daß viele Wähler unzureichend nachgedacht haben, drücke ich das gerne mit der Vokabel „Urnenpöbel“ aus - wohlwissend, daß das Wort unzutreffend pauschalisiert.

Auf Facebook und Twitter kann man das aber schlecht erklären, weil es dort zu schnell und zu oberflächlich zugeht.
Und schon gar nicht darf man die Schwarmintelligenz der Wahlberechtigten in parteiaffinen Gruppen anzweifeln. Das ist ein Tabu, denn alle basieren auf dem Votum des Souveräns, buhlen um seine Stimmen. Dem schmiert man Honig ums Maul. Daher ist es eine der beliebtesten Floskeln aller Talkshow-Politiker von ganz links bis ganz rechts den Moderator mit „unterschätzen Sie die Intelligenz der Bürger nicht! Das durchschaut doch der Wähler“ Die Wähler sind viel klüger als wir denken!“ zu belehren.

Ich glaube davon kein Wort und halte das für ganz erbärmliches Einschleimen.

Wenn ich selbst allerdings gerade keine Lust habe mich beschimpfen zu lassen, erzähle ich nicht was ich von den Wählern halte, sondern stelle bei SPD-Beschimpfungen die Gegenfrage „wen würdest Du denn stattdessen wählen?“.

Da werden mir entweder säkulare Kleinstparteien (Humanisten, Piraten, Die Partei) empfohlen, die aber parteitaktisch de facto eine Stimme für RECHTS bedeuten, weil sie ohnehin an der 5%-Hürde scheitern.
Linke? Die sind tatsächlich außenpolitisch leicht irre, wie ihr Eintreten für Herrn Maduro zeigt. Nur weil Trump Maduro auch doof findet, ist Maduro nicht nett
Außerdem gibt es noch die braune Querfrontlerin Wagenknecht an der Fraktionsspitze.
Grüne? Wanzen sich immer ungenierter als Mehrheitsbeschaffer an die CDU und CSU heran (Hessen, Bayern), halten echte Extremisten (Boris Palmer) und Hardcore-Religioten (Göring-Kirchentag) in Toppositionen.

Die Piraten hatte ich zwischenzeitlich schon fast ganz vergessen. Eine meine letzten Erinnerungen waren, daß der Rüstungslobbyist und ehemalige Bundespartei-Chef Bernd Schlömer 2015 in die FDP eintrat, für die er ein Jahr später ins Berliner Abgeordnetenhaus einzog und daß der prominenteste Pirat der Fraktion, Gerwald Claus-Brunner, Ende 2016 erst auf bizarre Weise einen jungen Mann tötete, den er stalkte und sich anschließend selbst umbrachte.

Im Zuge der Urheberrechtsreform im Europaparlament (das hat man davon, wenn man nicht zur Wahl geht und die Konservativen bestimmen, liebe linke SPD-Kritiker!) erfuhr man von einer der letzten Piratinnen der Politik: Julia Reda.
Die 34-Jährige Bonnerin war zehn Jahre bei den Piraten, saß für sie im EU-Parlament und gehörte zu den schärfsten Kritikerinnen der durch die Urheberrechtsreform möglicherweise drohenden Uploadfiltern.

Sie war Piratin. Die einzige Piratin des EU-Parlaments. Nun ist sie ausgetreten und ruft in einem dramatischen Appell dazu auf alle anderen zu wählen – aber nicht die Piraten.

Reda hat sich der Grünen Fraktion angeschlossen, weil die Piraten bei der EU-Wahl 2019 den sehr übergriffigen Gilles Bordelais als Kandidat aufstellten, obwohl dieser mehrere Frauen sexuell belästigt hatte.

[…..] Reda begründete ihren Schritt mit einer unklaren Haltung der Piraten in einer besonders wichtigen Frage. Auf Listenplatz zwei der Piratenpartei stehe ein Mann, der dort nicht hingehöre. Er ist Mitarbeiter des Europäischen Parlaments, der nach Redas Angaben als Leiter ihres Büros tätig war und in Zukunft EU-Abgeordneter sein will - obwohl es Beschwerden wegen sexueller Belästigung gegen ihn gab, die von der Parlamentsverwaltung geprüft wurden.
"Der Beirat für Belästigung am Arbeitsplatz (ein interner Ausschuss in der Personalverwaltung des Europaparlaments) hat festgestellt, dass Aspekte seines Verhaltens sexuelle Belästigung darstellen. Das ist für mich absolut inakzeptabel. So jemand darf nicht gewählt werden", machte sie deutlich.
Die Piratenpartei habe nicht genügend getan, um ihn von der Wahlliste zu entfernen. Vorwürfe habe es schon im Sommer 2018 gegeben. Aber der Bundesvorstand habe den umstrittenen Kandidaten "mehr oder weniger" in Schutz genommen. Deshalb dürfe die Partei auch nicht mit ihrem Namen in den Wahlkampf ziehen. [….]



[…..] Vor ihrer Wahl ins Europäische Parlament hat die Piraten-Politikerin Julia Reda eine Erklärung unterzeichnet, zu der eine Klausel gehörte: Egal wie fähig jemand ist - wer andere diskriminiert, mobbt oder den Zusammenhalt der Gruppe gefährde, werde nicht eingestellt. Reda hat diese Regel befolgt; nachdem ihrem Büroleiter glaubhaft sexuell übergriffiges Verhalten im Parlament vorgeworfen worden war, entließ sie ihn. Weil er sich dennoch einen guten Listenplatz für die diesjährige Wahl sichern konnte, ist nun sie bei den Piraten ausgetreten.
Belästigung und Sexismus sind kein Problem der Piraten, sondern ein parlamentarisches. Das ist eindrücklich auf dem "Me Too"-Blog des EU-Parlaments dokumentiert, wo Mitarbeiterinnen regelmäßig verstörende Erfahrungen aus ihrem Arbeitsalltag in Brüssel teilen. [….]
 

Donnerstag, 28. März 2019

Streisand extrem


Als Barbra Streisand unbeabsichtigt 2003 den nach ihr benannten Effekt inventete, war möglicherweise wirklich noch nicht jedem digital immigrant klar wie der Schwarm des Internets funktioniert.
Mrs. Streisand hatte damals die die Website Pictopia.com verklagt, weil diese zwischen 12.000 anderen Bildern auch ihr Haus veröffentlicht hatte.
Nicht jeder Mensch klickt täglich auf Pictopia und selbst von denen, die es tun, macht sich kaum einer die Mühe nachzuvollziehen, wer die Besitzer der einzelnen Häuser sind.
Nachdem Streisand aber eine 50-Millionen-Dollar-Klage darüber angestrengt hatte, machte der Fall Schlagzeilen, so daß das inkriminierte Bild rasend schnell im Netz verbreitete und nun wirklich jeder wußte in welchem Haus die Kult-Sängerin und demokratische Aktivistin wohnte.
Sie erreichte also das diametrale Gegenteil dessen, was sie wollte.
Die Diva lernte daraus und tat es nie wieder.

Andere liefen hingegen mit Verve in diese Falle und machten beim Versuch eine peinliche Information zu unterdrücken, die bis dahin nur wenigen zugängliche Story den ganz großem Publikum zugänglich.

Die zweifelhafte Ehre Namensgeber des peinliches Effekts zu sein, hätte eigentlich Tom Cruise zugestanden, der bereits im Jahr 2001 hartnäckig den bis dahin unbekannten Pornodarsteller Chad Slater verklagte, nachdem dieser behauptet hatte mit ihm geschlafen zu haben.
Der Operating Thetan Level VI, dem dritthöchsten Scientology-Rang, versuchte so aggressiv die Information zu unterdrücken, er könne schwul sein, daß am Ende die ganze Welt von dieser Geschichte wußte.

[…..] Keine Meinung habe ich zu Keanu Reeves. Über den weiß ich einfach zu wenig, außer daß er spätestens mit den Matrix-Filmen offenbar zu einem der ganz großen Stars wurde. Nach meinem (flüchtigen) Eindruck spielt Reeves immer Reeves. Immer mit dem gleichen Gang und dem gleichen Gesichtsausdruck.

Aber einmal fiel er mir sehr positiv auf.
Es ging um den hysterischen Tom Cruise, der wieder einmal jemanden verklagte, der behauptete er sei in Wahrheit schwul.
Das mag der steinreiche Scientologe gar nicht und setzt sofort eine Armada von Anwälten in Gang.
1995 wurde auch Reeves als schwul „geoutet“, weil er sich offenbar regelmäßig mit dem (offen schwulen) Produzenten David Geffen zum Essen traf.
Auf die Frage wieso er nicht juristisch gegen solche Rufschädigungen vorgehe, antwortete er damals – und das ist immerhin 20 Jahre her – daß er nur Klage einreiche, wenn er beleidigt werde und „schwul“ sei für ihn keine Beleidigung.
Eine recht souveräne Antwort, wie ich finde. […..]

Tom Cruise scheint nicht der schlauste Fuchs zu sein, da er 2008 noch einmal  einen beachtlichen Streisand-Effekt auslöste.
Seine Organisation wollte ein peinliches Video löschen lassen, das bis dahin kaum bekannt war. Daraufhin wurde es erst richtig populär und löste eine eigene Demonstrationskultur aus.

[…..] Ende Januar formierte sich unter dem Banner Project Chanology eine Anonymous-Bewegung gegen die Organisation Scientology. Auslöser war ein neunminütiger Filmschnipsel von Tom Cruise auf YouTube. Darin schwärmte der Schauspieler ausführlich und auf befremdliche Weise über Scientology. Anwälte der Organisation ließen den Clip von YouTube entfernen, was von Anonymous als Zensur aufgefasst wurde.
Innerhalb weniger Tage stellte die Ad-hoc-Bewegung ein Wiki zur Koordination zusammen, veröffentlichte ein Video-Manifest auf YouTube und griff am folgenden Wochenende erfolgreich die Server der Organisation an. […..]

Generell sind neben gewöhnlichen Dummen, insbesondere Konservative und Theologen anfällig für den Streisand-Effekt.

(…..) Erinnert sich noch jemand an die Madonnas World-Tour „Confessions“ von 2006, als sie ein Lied wie Jesus ans Kreuz geschlagen sang und runde 200 Millionen Euro durch den Ticketverkauf einnahm?
Eine Eintrittskarte kostete durchschnittlich 200 Euro, so daß auch echte Fans gut umworben sein wollten, um so tief in die Tasche zu greifen.
Madonna ist aber ein Marketing-Genie und konnte sich auf ihre treuen Helfer auf den Kirchenkanzeln verlassen.
Die dümmste Bischöfin der Welt, Margot Käßmann, sprang bereitwillig ein, um Madonnas Kartenverkauf anzuheizen.

Käßmann kann aber auch richtig dumm - wie sie in der causa „Madonna“ bewies, als sie sich wie Hein Doof in der Marketing-Maschine der Groß-Sängerin verhedderte:
Während der vorletzten Madonna-Europa-Tournee konnte die Bischöfin kein Mikrofon auslassen und musste permanent ihren Senf zur Show abgeben.
Das ist an sich schon lächerlich und offenbart nur ihren Neid auf die ungleich erfolgreichere Kollegin, aber vor allen geht sie damit dem ältesten Madonna-Trick überhaupt auf dem Leim: Madonna hat immer Grenzen überschritten und genau so viel provoziert, bis die religiösen Eiferer zum Boykott aufriefen und damit den CD-Verkauf anheizten.
Nur Frau Käßmann hat es nach einem Vierteljahrhundert immer noch nicht begriffen.

Ich zitiere:
„Mich empört ihre (Madonnas, Red) anmaßende Selbstinszenierung, sich an die Stelle Jesu zu setzen. Das Kreuz ist für alle Christen das zentrale Symbol für das Leiden und Sterben Jesu. ... Es ging ihr um eine spektakuläre Bühnenshow, mit der sie 200 Millionen Dollar verdient hat, wie es heißt. ... Die arme Madonna! Sie sagt doch, sie sei tief religiös! Ich denke, Madonna hat das alles wenig interessiert. ...“

Den gewaltigsten Streisand-Effekt löste vermutlich Papst Ratzinger aus, als er gegen die Titanic vorging, um ein satirisches Bild von ihm zu unterdrücken.
Er persönlich, das Staatsoberhaupt, der Stellvertreter Gottes auf Erden, Herr über 1,3 Milliarden Katholiken, Hüter unermesslicher Reichtümer und Chef einer ganzen Armada von Diplomaten und Juristen verklagte eine winzige Dreimann-Redaktion in Frankfurt. Die Nischen-Satiriker konnten ihr Glück nicht fassen, als sie erfuhren Papst Benedikt XVI mache Werbung für sie.

[…..] Des Papstes peinliche Posse um ein Blättchen mit gerade mal 70.000 pro Monat verkaufen Exemplaren verbieten zu lassen, erbrachte das, was jeder Menschen mit mehr als drei Gehirnzellen sich schon vorher vorstellen konnte: Einen gigantischen PR-Boost für die Kleinstredaktion und eine Verdoppelung der Auflage auf über 140.000 Hefte.

Gratulation Ratzi - Du hast es geschafft das Bild, das Du mit aller Macht aus der Öffentlichkeit verweisen wolltest, richtig populär zu machen.
Dank des dummerhaften Eingreifens des Vatikans kennt nun jeder das Pipi-Bild und lacht über Dich.
(Ich sage ja schon lange: Danke Darwin für diesen Papst! Möge Ratzi über 100 Jahre alt werden! Er ist der beste Helfer der atheistischen Sache

Der Vatikan hat hier wieder einmal vorgeführt, wie man es NICHT macht. Sich als tumber Goliath über Schwächere hermachen! [….]

Selbstverständlich brachte die Titanic nach dem grandiosen Erfolg im folgenden Monat noch ein derberes Papst-Bild auf den Titel.


Der Vergleich mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo vom 07.01.2015 verbietet sich, weil die Titanic-Redaktion Grund zur Freude hatte, während die Islamistischen Terroristen 12 Menschen töteten, bevor sie selbst erschossen wurden.

Betrachtet man die Angelegenheit allerdings aus dem Blickwinkel eines Islamisten, dem es tatsächlich nur darum ging die Satire-Bilder über ihren geliebten Propheten Mohammed zu verhindern, lösten auch diese Religioten einen gewaltigen Streisand-Effekt aus.
Auch Charlie Hebdo war bis 2015 ein französisches Nischenblatt mit einer Auflage von 60.000 Heften im Monat.
Außer den Pariser Satirikern hatte sich zuvor nur im Jahr 2005 die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten (Auflage 100.000) getraut eine Mohammed-Karikatur zu zeigen.
Nach dem Massaker an der Charlie Hebdo-Redaktion  erschienen die fraglichen Karikaturen auf den Titelseiten der auflagenstärksten Zeitungen in der ganzen Welt. Ob Allah mit dem Ergebnis so zufrieden war als die total zerschossenen Saïd und Chérif Kouachi bei ihm im Himmel auftauchten und die 144 Jungfrauen einforderten?

Ein legendärer Streisander ist auch der Türkische Präsident.
Das Satiremagazin „Extra 3“ veröffentlichte im März 2016 zur Melodie von Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ die Persiflage „Erdowie, Erdowo, Erdogan“


Ich habe gelacht, aber ob der homöopathischen Einschaltquoten wäre der Song kaum bemerkt worden.
 Dann aber ließ Recep Tayyip Erdoğan den deutschen Botschafter in Ankara einbestellen. Das löste ein internationales Mediengewitter aus, der Song wurde in einer Woche 12 Millionen mal angeklickt und es erschien eine ähnlich populäre Version mit türkischen Untertiteln.

Als sich Jan Böhmermann den Fall vornahm, hatte Erdoğan immer noch nichts begriffen, verklagte den Satiriker des Nischenkanals ZDF-NEO und schaltete die Bundesregierung ein.
Das war der sogenannte „türkische Doppel-Streisand“; nun dürfte es niemand mehr geben, der das für den Präsidenten so peinliche Video nicht gesehen hat.

Devin Gerald Nunes, 45, ultrakonservativer glühender Trump-Fan aus dem Bundesstaat Kalifornien wurde als  Vorsitzender des Geheimdienstausschusses zur peinlichen Witzfigur, weil er alle parlamentarischen Regeln über Bord warf, sich schleimspurziehend und auf Knien rutschend im analen Bereich von #45 rumlungerte und die Arbeit des Repräsentantenhauses behinderte.
Nunes verklagte letzte Woche Twitter auf ein Schmerzens- und Bußgeld von 250 Millionen Dollar und löste damit ein Musterbeispiel des Streisand-Effekts aus.

[…]  Unter dem Namen "Devin Nunes' Cow" (@DevinCow) wird der Politiker regelmäßig parodiert - eine Anspielung auf den Milchhof, den Nunes' Eltern in Iowa betreiben. Die Klage, eingereicht bei einem Gericht im Bundesstaat Virginia, ist allerdings etwas widersprüchlich: Nunes ärgert sich über Zensur, fordert sie aber zugleich ein. In der Klageschrift beschuldigt er Twitter, Ansichten, die der Kurznachrichtendienst nicht teile, zu zensieren und Profile von Konservativen wie ihm in der Reichweite zu beschränken. Zugleich profitiere Twitter von Inhalten, die beleidigend und verleumderisch seien. Während der Kampagne zu seiner Wiederwahl 2018 habe er, Nunes, eine "orchestrierte Verleumdungskampagne" von solchem Umfang aushalten müssen, die "kein Mensch jemals in seinem ganzen Leben erleiden sollte", klagt der Republikaner. Neben dem Kuh-Account sind auch noch die Twitter-Konten "Devin Nunes' Mom" und der von Liz Mair genannt, einer Beraterin republikanischer Politiker.
Nur wenige Tage später steht fest, dass Nunes' Schuss nach hinten los-, oder besser gesagt: an der Kuh vorbei ging. Hatte @DevinCow vor der Klage noch 1200 Follower, waren es zum Wochenende schon mehr als 600 000 Anhänger. Und wie so häufig, wenn jemand Twitter-Nutzer herausfordert, werden die erst recht kreativ. Filmchen, in denen jemand mit Nunes' Gesicht von einer Kuh getreten wird. Aufrufe, Kuhglocken und anderes Zubehör an Nunes' Büro zu schicken. Eine Website bietet T-Shirts mit DevinCow-Aufdrucken für 19,95 Dollar pro Stück. […] Devin Nunes' Klage jedenfalls bekommt nun mehr Aufmerksamkeit, als dem Abgeordneten lieb sein kann. Nachdem das Twitter-Konto "Devin Nunes' Mom" eigentlich schon seit einem Jahr stillgelegt ist, legte ein Nutzer am 19. März ein neues Profil mit dem Namen "Devin Nunes Alt-Mom" an. Schon jetzt hat der Account mehr als 38 000 Follower. Das Hintergrundbild zum Profil zeigt: Barbra Streisands Haus. [….]

Die konservative Dummheit ist unendlich.

Eine Art Streisand produzierte auch der ultrarechtsextreme Hetzer David Berger bei seinem Vorgehen gegen die Hamburger Ida-Ehre-Schule (IES), als er wie berichtet log und manipulierte, um der vermeidlichen „Antifa“ den Todesstoß zu versetzen.

Der arme Irre lässt seine verblödeten braunen Epigonen weiterhin im Siegesrausch schwelgen.
In Wahrheit hat der Urinduscher aber das diametrale Gegenteil erreicht. Wo es vorher gar keine Aktivität der „Antifa“ gab, wird sie nun richtig auf den Plan gerufen. Gewerkschaften, Parteien, die Elternschaft und viele andere Schulen solidarisieren sich und malen jetzt eifrig ANTIFA-Schilder, die sie bei immer neuen Demonstrationen durch Hamburg tragen.
 
 
[….] Sie kamen mit Fahnen und selbstgemalten Transparenten: Rund 3000 Menschen sind am Sonntag in der City als Zeichen der Solidarität mit der Ida-Ehre-Schule auf die Straße gegangen. Das Motto der Demo: „Antifaschismus ist kein Verbrechen“. […..]

Nun mischt auch noch die AfD mit, wettert gegen die Antifa und macht diese damit erst richtig stark.


[….] Am Mittwoch war der Vorfall Thema in der Bürgerschaft. Die AfD wollte sich dafür feiern, dass ihr umstrittenes Melde-Portal, mit dem die Partei die Schulbehörde dazu gebracht hatte, Aufkleber der „Antifa Altona Ost“ aus dem Schulgebäude zu entfernen, erfolgreich sei. Das ging gründlich schief.
Schon gleich zu Beginn der Bürgerschaftssitzung bekam die AfD heftigen Gegenwind zu spüren. Als AfD-Fraktionschef Alexander Wolf seine Rede mit den Worten begann „Am Haupteingang der Ida-Ehre-Schule prangt ein Schild mit dem Aufdruck, Schule ohne Rassismus’“, brandete Applaus auf. Minutenlang klatschten fast alle Abgeordneten im Saal so laut, das Wolf nicht weitersprechen konnte. Seine Redezeit wurde langsam kürzer.
[…] „Ohne das Informationsportal wären diese ungeheuerlichen Vorgänge nicht ans Licht geraten“, sagte Wolf und erntete dafür empörte Zwischenrufe. […]
SPD-Bildungsexpertin Barbara Duden: „Es ist unerträglich, wie sich die AfD als Hüterin der Demokratie aufspielt und gleichzeitig versucht, die freie Meinungsäußerung zu unterbinden.“ Hamburgs Lehrer seien gut ausgebildet und hätten die Pflicht, mündige und nicht neutrale Bürger zu erziehen.   Auch Antje Möller von den Grünen betonte, die AfD versuche, antifaschistische Haltungen „an den Rand des Verbotenen“ zu bringen. „Antifaschismus ist die Grundlage unserer Republik. Die AfD will diesen Konsens vergiften.“ Denunziation und Bespitzelung dürften nicht gesellschaftsfähig werden, denn das seien totalitäre Methoden. [….]

[…..] Der Sticker-Skandal an der Ida-Ehre-Schule lässt Hamburg keine Ruhe – und hat jetzt sogar einen Polizeieinsatz ausgelöst! Beamte mussten am Donnerstag eine Spontan-Demo vor der Rudolf-Steiner-Schule (Ottensen) beenden. Rund 50 Jugendliche der „Solidarischen Schülerschaft“ hatten dort gegen den Auftritt eines AfD-Politikers protestiert.
„Ganz Hamburg hasst die AfD“, skandierten die Demonstranten. Dazu wurde ein XL-Banner mit der Aufschrift „AfD raus aus den Schulen“ vor dem Gebäude angebracht. […..]

[….] Jetzt regt sich auch an der Nachbarschule Widerstand gegen die rechte Partei. Am Helene-Lange-Gymnasium war gestern der AfD-Fraktionschef Alexander Wolf zu Gast. Begleitet von wütenden Protesten. [….]

Mittwoch, 27. März 2019

Einfältige, einfache Evangelibanin


Schlimm, schlimm, schlimm, wenn man in den norddeutschen Niedrig-Niveau-Nachrichten wie „Himmel und Elbe“, „Abendblatt“ oder „Chrismon“ mit den Schwafelattacken mittelalter evangelischer Theologinnen konfrontiert wird.
Natürlich hat es auch eine positive Seite; man versteht sofort wieso die EKD trotz Frauenpriestertum und ohne Zölibat noch schneller Mitglieder als die pädosexuellen Kollegen von der RKK Mitglieder verliert.
Diese Plapper-Protestantinnen sind in ihrer Oberflächlichkeit, Beliebigkeit und intellektuellen Flachheit unerträglicher als jeder schwulenhassende Hardcore-Bischof aus Bergoglios Reihen.

(….) Evangelische Theologie ist heutzutage ziemlich weiblich, aber das ist wahrlich kein Aushängeschild für den Feminismus. Da sich gebildete und intelligente Menschen beiderlei Geschlechts ohnehin von der Kirche abwenden, bleiben offenbar keine durchschnittlichen Frauen der rapide schrumpfenden Kirche als Pfarrerinnen erhalten, sondern es sind die geistig Schlichtesten, die sich zu Geistlichen entwickeln.

(…..) Frappierend ist insbesondere die Unfähigkeit dieser Kategorie der Plapper-Bischöfinnen über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Genau wie Kollegin Käßmann, nimmt auch Breit-Keßler stets sich selbst und ihr eigenes Leben zum Maßstab.
In ihren Texten erzählt sie aus ihrer Familie, ihrem Alltag, beschreibt was ihr gefällt und überträgt das dann flugs auf alle anderen.

Die ganze bischöfliche Theologie ließe sich auf den Kernsatz: „Seid alle so wie ich, dann wird alles gut!“ reduzieren.

Auch in der heutigen Kolumne geht das so. (….)

Die frömmelnden Frauen im Norden halten sich ebenfalls streng an dieses Muster.

  Den Begriff Schuld kann man auf viele Arten und Weisen betrachten [….] Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der ich als Kind einen Freund aus Wut beschuldigt habe, etwas getan zu haben, und er dann eine Strafe von seinen Eltern erhielt, die er eigentlich gar nicht verdient hatte. Ich hatte hinterher Scham-und Schuldgefühle, konnte schlecht schlafen. Als mein Kumpel mir vergab, fühlte ich mich wie von einer Last befreit.  [….] Und vielleicht kann auch der Glaube helfen, wenn man sich sicher ist, dass Gott immer zu einem hält, egal was man gemacht hat.

 „Und wo bleibt das Positive?“, wurde der Schriftsteller Erich Kästner seinerzeit  immer wieder gefragt, wenn er seine zeitkritischen Gedichte und Kolumnen veröffentlichte. [….] Witze, die mitunter gerade aufgrund ihrer Arglosigkeit, in der sie daherkommen, umwerfend wirken, uns erheitern und im selben Moment zum Nachdenken bringen. Zu diesen gehört für mich jener: „Was sagt eine Schnecke, die auf dem Rücken einer Schildkröte sitzt? – Hui!“ Das ist nicht nur einer der besten Schneckenwitze, die ich kenne. Er ist darüber hinaus auch tiefsinniger, als er zunächst klingt. Ich sehe zumindest sofort die Schnecke vor mir, der der Fahrwind die Fühler um die Ohren schlenkert. [….]

[….] wenn ich in die Kirche gehe, ist für mich der Segen am Schluss des Gottesdienstes immer ein Höhepunkt. Weil er Kraft gibt, vielleicht
Auch beruhigend ist. Ich habe danach immer das Gefühl, unter Gottes Schutz zu stehen – zumindest für den Tag oder den Anfang der Woche [….] Manche empfinden es als Segen, Freunde oder eine nette Familie zu haben. Und das Schönste ist, jeder kann ihn geben: Die Eltern ihrem heiratswilligem Sohn, die Ehefrau ihrem Mann auf den Arbeitsweg, eine Kollegin einer anderen für eine Reise.
[….]

„Ich musste sofort an die Worte meiner Mutter denken: Auch in brenzligen Situationen ruhigbleiben.“ Entscheidend ist zudem ein festes Wertegerüst, ein Glaube oder eine Hoffnung. Kürzlich erzählte mir eine Freundin, sie stecke in Gedanken jede gute Erfahrung in ihrem Leben in einen imaginären „Mutmachkoffer“. Bei Bedarf schöpfe sie aus diesem Fundus, wenn sie verzagt sei und sich selbst Mut zuspreche. Ganz ähnlich ist es mit unserer christlichen Tradition:
Sie ist ein unerschöpflicher Fundus von Mutmachgeschichten.

Ich lese gerade begeistert ein Buch über Hummeln. [….] Nicht nur, dass die pummeligpelzigen Tierchen die Gesetze der Erdanziehung überlisten und darin ein Wunder sind. Wie viele Abermillionen von Tomaten, Gurken und Johannisbeeren werden jährlich durch sie bestäubt! Was für einen riesigen Nutzen wir von diesen putzigen Lebewesen haben, war mir bis dahin nicht bewusst.[….]

Die norddeutschen Top-Theologinnen erstaunen nicht nur mit der sagenhaften Banalität ihrer Gedanken, sondern auch mit einer geradezu unheimlichen Unfähigkeit zur Abstraktion. Sie scheinen allesamt überhaupt nicht über ihren eigenen Horizont hinausblicken zu können und sehen die Gesellschaft als glückliches Abziehbild der 1950er Jahre, als der Mann arbeiten ging, die glückliche Hausfrau ihm auf dem Weg ihren Segen wünschte und alle zufrieden in die Kirche gingen.

Andere Lebensentwürfe, die nicht der Bilderbuchfamilie entsprechen kennen sie gar nicht; echte Probleme wie Drogen, Depressionen oder Gewalt kommen ihnen gar nicht in den Sinn. (….)

Vor zwei Wochen lief mir aber ausgerechnet im Meinungsteil der Süddeutschen Zeitung Skydaddys Lieblingstheologin Petra Bahr über den Weg.
Dr. Bahr, 52, Landessuperintendentin in Hannover, echauffiert sich gar fürchterlich über das weltliche Fasten.
Dabei handele es sich um eine Mode der Einfältigen und Doofen, die irgendwie ihre innere Leere zu füllen trachteten.

[…..] Keine Schokolade, kein Netflix und keine negativen Gedanken. "Sieben Wochen ohne" passen zum Partytalk und an den Rand des Elternabends. Manche Gespräche klingen wie ein Bieterwettbewerb. Fasten zwischen Aschermittwoch und Ostern ist zur Mode geworden, ein selbstauferlegter Rigorismus mit unheiligem Ernst. Es geht nicht mehr nur um Konsum, Kalorien und Komfort. Es geht um Lebenssteigerung, ja Erlösung. Viel ist vom Ich die Rede, das unter der Lebensstil-Adipositas des "Zuviel" ächzt. Die Fastenzeit gehört in dieser Deutung dem abgelenkten, schwachen, faulen, schwerfälligen Geist. Das Ich muss leiden. [….]

Eine typische Evangeliban-Herangehensweise: Eine Beobachtung aus ihrem persönlichen Umfeld wird als empirische Studie angesehen und verallgemeinert.

Ich kenne zum Beispiel niemand, der fastet. In meinem Hamburger Umfeld tut das keiner. Daraus würde ich aber nicht ableiten, daß generell niemand auf der Welt fastet.
Anders Frau Bahr, die flugs einen regelrechten Hype durch alle Gesellschaftsschichten ausgemacht haben will.
Nun ist die Frau „Landessuperintendentin“ und bei so einem Superlativ-Ungetüm ist das christliche „Ätsch, ihr Atheisten!“ natürlich nicht weit.

Netflix- und Schokoladen-Fasten ist nämlich nicht nur irgendeine Mode, sondern auch noch eine Schlechte. Das Original-Fasten der Christen sei viel angenehmer und besser. Das wäre weniger brutal und gnadenlos.

[…..]Selbsterlösung ist im Christentum unmöglich. Deshalb sind Bußzeiten Zeiten der Gnade, nicht der selbstverordneten Gnadenlosigkeit. Wer in christlichem Geist fastet, genießt die Ausnahmen von den Regeln: auf Reisen, bei Festen, in Trauer oder am Sonntag. Die säkular-religiösen Fastenregeln sind da viel strenger als jede klösterliche Vorschrift. […..]

Diese Kurve bekommt jede Theologinnen-Kolumne:
Erhobener Zeigefinger, IHR macht es falsch und ich Christin bin viel besser. Ätsch.

Besonders ärgerlich ist so ein apodiktischer Satz wie Die säkular-religiösen Fastenregeln sind da viel strenger als jede klösterliche Vorschrift, da es sich dabei um reine Erfindung handelt, die auch noch schwurbelig unsinnig daher kommt.

Das Bahr-Oxymoron „säkular-religiös“ impliziert, daß wir Atheisten und heimlich immer noch an die überlegene Religion anlehnen. Damit verknüpft sie aber auch noch eine völlig aus der Luft gegriffene „Fastenregel“.
Als ob es einen Papst-artigen Ober-Atheisten gäbe, der sich Fastenregeln ausdenke, denen wir nun alle zu folgen hätten.
Blanker Humbug. Es gibt keine Regeln für den temporären Verzicht auf Schokolade und Netflix.
Theologin Bahr versteht grundsätzlich nicht, was Freiheit des Individuums bedeutet, so sehr ist sie in ihr kirchliches Regelwerk verstrickt.
Um ihre eigene erbärmliche Abhängigkeit von einem Märchenbuch voller menschenfeindlicher und absurder Regeln schönzureden, postuliert sie einen phantastischen Popanz: Die Säkularen haben noch viel bösere Regeln als wir!
Whataboutism – die letzte Rettung, wenn einem Ideologen gar kein positives Argument für seinen eigenen Wahn mehr einfällt.

Und hier kommen wir zum Kern der Bahr-Kolumne: Sie schreibt aus einer tiefen Verletzung heraus. Sie führt sich auf wie eine enttäuschte Verkäuferin eines Markenprodukts, die hilflos zusehen muss wie ihre ehemaligen Kunden zu den NoName-Produkten wechseln.
Dabei nimmt sie irrigerweise an, ihre Produkte wären generell unverzichtbar. Wer die Kirchen verlasse, fühle eine innere Leere, sei unausgefüllt, suche nun verzweifelt nach einem anderen Lebenszweck, müsse die hinterlassene Lücke unbedingt irgendwie füllen. Ohne das metaphysische Gerüst kann im Bahr-Oberstübchen niemand existieren und daher wäre er gezwungen sich ein unzureichendes Substitut zu suchen.
So mildern Kirchisten den Trennungsschmerz gegenüber den vielen Hunderttausenden, die jedes Jahr ihren Verein verlassen.
 Aus Bahrs Sicht gehen die nicht, weil sie die Kirche nicht brauchen. Nein, wer die Kirche verlasse, werde von anderen minderwertigen Lehren angezogen.
Theologen betrachten Atheismus immer gern als Alternative zur Religion. Als einen anderen quasi religiösen Player. Das ist selbstverständlich auch blanker Unsinn. Atheismus ist so sehr eine Religion wie Asexualität eine Sexpraktik ist.
Ich bin nicht verzweifelt, weil ich Atheist bin und suche nun händeringend nach Halt.
Bahr begreift es nicht und kann als typische Christin natürlich nicht anders, als auch noch nachzutreten: Ihr seid doof und müsst nun zur Strafe leiden, weil ihr die tolle Kirche verlassen habt, Ätschi!

[…..]  Die wechselseitige Kontrolle der Fastenprogramme in Freundeskreisen hat bisweilen etwas Sektiererisches. "Wie, du fastest nicht?", bekommt zu hören, wer fröhlich zum Weinglas greift. Die Offenheit, mit der über die Fastenprogramme geredet wird, scheint proportional zur artikulierten Kirchenfremdheit zu wachsen. Kaum ist der Mensch der Kirche als vermeintlicher Moral- und Strafanstalt mit großer Geste entkommen, wird die Bestrafungsapp fürs Smartphone zum maßgeschneiderten Strafgericht. […..]  Der Abschied vom Christentum hinterlässt eine diffuse Sehnsucht nach Lebensintensivierung und ein neues Flagellantentum im Namen der gesteigerten Selbstwahrnehmung. Hart und unerbittlich wird der alte zum neuen Menschen perfektioniert, Fasten ist die neue Bußübung. Buße ist ein Wort aus der abgelegten Welt des Christentums, das der Sache nach aber seine beste Zeit noch vor sich hat. Das Christentum stört nämlich die Selbsterlösungshoffnungen, welche die neuen Bußprediger schüren, die sich heute Life-Coaches nennen. Buße meint: weniger bequem, weniger satt, weniger abgelenkt von den zentralen Lebensfragen zu sein. Wer will ich sein, wer könnte ich sein, was ist aus mir geworden? Buße als Übung muss nicht in gedrückter Stimmung passieren, mit Chorälen in Moll und verordneter Traurigkeit. Die Zeit vor Ostern ist kein auf Dauer gestellter Karfreitag, keine Zeit der Angstlust, die sich aus sicherer Distanz in wohligem Schauer dem Bild des gefolterten Christus aussetzt.
 [….]

Deswegen lobe ich mir den kernigen Kardinal, der mir klar sagt, wie er mich hasst und daß ich in die Hölle komme. Da sind die Verhältnisse geklärt.
Müller oder Burke würden mir nicht andichten aus lauter Trauer über die Abkehr von Katholizismus „ein neues Flagellantentum im Namen der gesteigerten Selbstwahrnehmung“ zu betreiben.
Bahr ist da (möglicherweise unbewußt) perfider und bösartiger, indem sie mit lauter völlig falsche Annahmen unterstellt, die allein ihrer eingeschränkten Phantasie entspringen.
Sie kann keinen Millimeter über ihren eigenen Tellerrand gucken und interpretiert dümmliche Apps ernsthaft zu Ersatzdrogen um, die den Kirchenentzug drosseln sollten.
Facebook-Verzicht als Methadon der Säkularen?

Das was Bahr jetzt als Kirchenersatz-Drogen ausfindig macht, um ihre These von der schrecklichen Lücke, die ein Kirchenaustritt hinterlasse, zu bestätigen, sind in Wahrheit nur Moden wie es sie schon immer gab.
Selbstwahrnehmungs-Übungen, Life-Coaching, Lebensintensivierung gab es in Wahrheit schon mindestens hundert Jahre bevor die Menschen anfingen massenhaft aus der Kirche auszutreten.

Das war das Ansinnen der Naturalisten um 1900, die FKK-Bewegung, das war Ausgangspunkt für Samuel Hahnemanns Homöopathie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, darum ging es bei Freud in den 1930ern, bei den frühen Drogenerfahrungen mit Kokain und Heroin in den 1920ern, beim Opium, bei den Bhagwan-Jüngern in den 1970ern, beim Aerobic der 1980er, bei unendlich vielen anderen Gurus, bei den extrem populären Wassertret-Kuren der katholischen Pfarrers Kneipp in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder auch bei dem Electric Light Bath von 1891 mit der der berühmte John Harvey Kellogg die Masturbation besiegen wollte.

Menschen sind anfällig für solche Heilversprechungen und Moden.
Das gab es auch, als noch nahezu 100% der Europäer Christen waren.

Sehr erbärmlich, wenn im Jahr 2019 eine Superintendentin daraus abliest, wie sehr Menschen angeblich unter der Abkehr von ihrer Kirche leiden.