Samstag, 18. März 2017

Die kleinen Freuden genießen



Schlimm, schlimm, schlimm – anders kann man das Niveau der protestantischen Zeitungsbeilagen nicht bezeichnen.
Evangelische Theologie ist heutzutage ziemlich weiblich, aber das ist wahrlich kein Aushängeschild für den Feminismus. Da sich gebildete und intelligente Menschen beiderlei Geschlechts ohnehin von der Kirche abwenden, bleiben offenbar keine durchschnittlichen Frauen der rapide schrumpfenden Kirche als Pfarrerinnen erhalten, sondern es sind die geistig Schlichtesten, die sich zu Geistlichen entwickeln.

(…..) Frappierend ist insbesondere die Unfähigkeit dieser Kategorie der Plapper-Bischöfinnen über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Genau wie Kollegin Käßmann, nimmt auch Breit-Keßler stets sich selbst und ihr eigenes Leben zum Maßstab.
In ihren Texten erzählt sie aus ihrer Familie, ihrem Alltag, beschreibt was ihr gefällt und überträgt das dann flugs auf alle anderen.

Die ganze bischöfliche Theologie ließe sich auf den Kernsatz: „Seid alle so wie ich, dann wird alles gut!“ reduzieren.

Auch in der heutigen Kolumne geht das so. (….)

Die frömmelnden Frauen im Norden halten sich ebenfalls streng an dieses Muster.

  Den Begriff Schuld kann man auf viele Arten und Weisen betrachten [….] Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der ich als Kind einen Freund aus Wut beschuldigt habe, etwas getan zu haben, und er dann eine Strafe von seinen Eltern erhielt, die er eigentlich gar nicht verdient hatte. Ich hatte hinterher Scham-und Schuldgefühle, konnte schlecht schlafen. Als mein Kumpel
mir vergab, fühlte ich mich wie von einer Last befreit.
[….] Und vielleicht kann auch der Glaube helfen, wenn man sich sicher ist, dass Gott immer zu einem hält, egal was man gemacht hat.

 „Und wo bleibt das Positive?“, wurde der Schriftsteller Erich Kästner seinerzeit immer wieder gefragt, wenn er seine zeitkritischen Gedichte und Kolumnen veröffentlichte. [….] Witze, die mitunter gerade aufgrund ihrer Arglosigkeit, in der sie daherkommen, umwerfend wirken, uns erheitern und im selben Moment zum Nachdenken bringen. Zu diesen gehört für mich jener: „Was sagt eine Schnecke, die auf dem Rücken einer Schildkröte sitzt? – Hui!“ Das ist nicht nur einer der besten Schneckenwitze, die ich kenne. Er ist darüber hinaus auch tiefsinniger, als er zunächst klingt. Ich sehe zumindest sofort die Schnecke vor mir, der der Fahrwind die Fühler um die Ohren schlenkert. [….]

[….] wenn ich in die Kirche gehe, ist für mich der Segen am Schluss des Gottesdienstes immer ein Höhepunkt. Weil er Kraft gibt, vielleicht
Auch beruhigend ist. Ich habe danach immer das Gefühl, unter Gottes Schutz zu stehen – zumindest für den Tag oder den Anfang der Woche [….] Manche empfinden es als Segen, Freunde oder eine nette Familie zu haben. Und das Schönste ist, jeder kann ihn geben: Die Eltern ihrem heiratswilligem Sohn, die Ehefrau ihrem Mann auf den Arbeitsweg, eine Kollegin einer anderen für eine Reise.
[….]

„Ich musste sofort an die Worte meiner Mutter denken: Auch in brenzligen Situationen ruhigbleiben.“ Entscheidend ist zudem ein festes Wertegerüst, ein Glaube oder eine Hoffnung. Kürzlich erzählte mir eine Freundin, sie stecke in Gedanken jede gute Erfahrung in ihrem Leben in einen imaginären „Mutmachkoffer“. Bei Bedarf schöpfe sie aus diesem Fundus, wenn sie verzagt sei und sich selbst Mut zuspreche. Ganz ähnlich ist es mit unserer christlichen Tradition:
Sie ist ein unerschöpflicher Fundus von Mutmachgeschichten.

Ich lese gerade begeistert ein Buch über Hummeln. [….] Nicht nur, dass die pummeligpelzigen Tierchen die Gesetze der Erdanziehung überlisten und darin ein Wunder sind. Wie viele Abermillionen von Tomaten, Gurken und Johannisbeeren werden jährlich durch sie bestäubt! Was für einen riesigen Nutzen wir von diesen putzigen Lebewesen haben, war mir bis dahin nicht bewusst.[….]

Die norddeutschen Top-Theologinnen erstaunen nicht nur mit der sagenhaften Banalität ihrer Gedanken, sondern auch mit einer geradezu unheimlichen Unfähigkeit zur Abstraktion. Sie scheinen allesamt überhaupt nicht über ihren eigenen Horizont hinausblicken zu können und sehen die Gesellschaft als glückliches Abziehbild der 1950er Jahre, als der Mann arbeiten ging, die glückliche Hausfrau ihm auf dem Weg ihren Segen wünschte und alle zufrieden in die Kirche gingen.

Andere Lebensentwürfe, die nicht der Bilderbuchfamilie entsprechen kennen sie gar nicht; echte Probleme wie Drogen, Depressionen oder Gewalt kommen ihnen gar nicht in den Sinn.

Die Welt der femininen Theologie besteht heute aus niedlichen puscheligen Hummeln, lustigen Witzen und glücklicher Familienidylle.

Aber das ist kein Grund zur Sorge, denn die meisten Frauen (und Männer) heutzutage sind offensichtlich deutlich weiterentwickelt und wollen mit dieser Göring-Kirchentag-Kitsch-Welt nichts mehr zu tun haben.

[…..] Bis zum Jahr 2024 sollen in Württemberg die Zahl der Pfarrstellen um 13 Prozent reduziert werden. Bis 2030 wird der fehlende Pfarrernachwuchs zur Herausforderung.  Die Evangelische Landeskirche in Württemberg bereitet eine deutliche Reduzierung ihrer Pfarrstellen bis zum Jahr 2024 vor. Vor der in Stuttgart tagenden Landessynode sagte am Samstag Oberkirchenrat Wolfgang Traub, die Einschnitte würden wegen des zwar leichten, aber kontinuierlichen Rückgangs der Gemeindemitglieder und künftig sinkenden Einnahmen nötig. Im Durchschnitt der Landeskirche sollen die Gemeindepfarrstellen bis 2024 um 13,2 Prozent (184,75 Stellen) auf 1.207 reduziert werden. [….]

Freitag, 17. März 2017

Linke Alternative


Wählen in Deutschland darf ich nicht. In Amerika wählte ich 2016 Hillary Clinton, die zwar auch mit deutlichem Vorsprung die Stimmenmehrheit gewann, aber wie wir alle wissen, wurde der mit drei Millionen Votes Unterlegene Präsident.
Als ausgesprochener Nicht-Schulz-Fan würde ich bei der Bundestagswahl am 22.09.2017 selbstverständlich mit beiden Stimmen die SPD wählen.
Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe.

Nach den gegenwärtigen Umfragen und denkbaren Koalitionsoptionen scheint mir eine SPD-Stimme mit der größten Wahrscheinlichkeit CDU und CSU aus der Regierung zu vertreiben.
Der zweite Grund ist die Parteiprogrammatik, die nach dem Ausschlussprinzip ebenfalls für die Sozis spricht.

Ich weiß, es ist außerordentlich exotisch Parteiprogramme zu lesen. Niemand tut das. 99,99% der deutschen Wähler machen ihr Kreuz ohne die Regierungsprogramme der zur Wahl stehenden Parteien gelesen zu haben.
Man entscheidet hierzulande nach Bauchgefühl und Sympathie.
Aber da ich ohnehin undeutsch bin und nach dem Willen der CDU/CSU keine deutsche Staatsbürgerschaft verdiene, kann ich auch so verrückt sein diese Programme mal anzuklicken.

Immer noch verteidige ich die Agenda-Politik im Grundsatz (was natürlich beinhaltet, daß darin viele kleine und große Ungerechtigkeiten sind, die nachgebessert oder abgeschafft, respektive ersetzt gehören.)
Da interessiert es mich schon, was der Linken nach 12 Jahren des radikalen Kampfes gegen HartzIV („Armut per Gesetz“) eingefallen ist.

Leider nicht viel, wenn ich mir das aktuelle Wahlprogramm 2017 ansehe:

Gute Arbeit und Löhne: Den gesetzlichen Mindestlohn erhöhen wir auf 12 Euro. [….]

D’Accord. Wäre vermutlich auch mit der SPD zu machen. Aber nicht mit der Union oder FDP.

Armut abschaffen, statt die Armen zu bedrängen: soziale Garantien des Lebens. Wir schaffen das Hartz IV-System ab und ersetzen es durch eine Mindestsicherung ohne Sanktionen und Kürzungsmöglichkeiten in Höhe von 1.050 Euro.

Das klingt für mich wie bedingungsloses Grundeinkommen, für diejenigen, die nicht arbeiten. Das ist unfair gegenüber den Klein- und Normalverdienern, die diese 1.050 Euro mit ihren Steuern aufbringen müssen.
Entweder es bekommt jeder dieses Grundeinkommen, oder es muß mit Bedingungen verknüpft sein, wenn es gewissermaßen exklusiv den Nichtarbeitenden zusteht.

Großer Unsinn ist, daß dadurch die Armut abgeschafft würde. Verarmung geistiger und sozialer Art treten durchaus auf bei Menschen, die genügend Geld haben. Andererseits gibt es viele Menschen mit sehr wenig finanziellen Mitteln, die sich überhaupt nicht arm fühlen.

Dazu empfehle ich den sehr lehrreichen KONTRASTE-Bericht von gestern zur Frage was eigentlich Armut ist.


Caroline Walter und Christoph Rosenthal zeigen am Beispiel Stendals wieder einmal, daß Armut eben nicht nur am Geld festzumachen ist. Die LINKE würde die hier gezeigte Armut auch nicht mit einer Verdoppelung oder Verdreifachung abschaffen. Hier sind stattdessen erhebliche Investitionen in soziale, kulturelle, und pädagogische Betreuung notwendig.
Ich mag auch nicht mehr daran glauben, daß hier besonders eklatante Einzelfälle gezeigt werden, weil ich in den letzten zehn Jahren hunderte solcher Berichte gesehen und Reportagen gelesen habe. Auch meine eigene Anschauung deckt sich mit dem Befund.

Mario Tiesis, Arche Stendal:
"Ich glaube, dass da eine Gleichgültigkeit da ist und dass sie auch Weltmeister sind, im Dinge verdrängen. Das ist einfach so. Das Geld, was ich am Monatsanfang bekomme, muss ich nicht zum Nägel machen und zum Tätowieren und für‘s Handy und für den Frisör nutzen, aber es wird getan und es ist eigentlich vielen Eltern auch bewusst, dass es Geld ist, was eigentlich auch zum Teil für ihre Kinder ist und dass sie das mit ausgeben."  [….]

Mario Tiesis hält nichts davon, den Eltern einen höheren Hartz IV Satz zu geben. Die Kinder seien arm, weil sie emotional vernachlässigt werden.

Mario Tiesis, Arche Stendal:
"Wir haben da mal einen Zettel mitgegeben für eine Kinderfreizeit kostenlos für eine Woche. Da stand dann direkt auf dem Zettel, wozu ich komme ja auch nicht raus. So ein typisches Beispiel. Wir haben Eltern, ich hab mit einem Fußballtrainer gesprochen vor zwei Tagen, der an einem Jungen dran ist, der versucht hat, den sozusagen in ein Fußballtraining zu integrieren, mit den Eltern mehrmals gesprochen hat und ähnliche Antworten gekriegt: Wozu? Es gibt oft so eine Aussage, wo man dann sagt, Mensch aus deinem Kind kann was werden, es hat da eine Chance. Und dann wozu? Dann spricht es ja nachher nicht mehr mit mir oder will mit mir nichts zu tun haben."

Daß Horden von Menschen PEGIDA und AfD nachlaufen hat nichts mit finanzieller Armut zu tun, sondern mit Verdummung.
Da sind grundsätzliche Anstrengungen des Staates in Bildung, Betreuung, Schule und Sozialämter notwendig.

Das Rentenniveau muss wieder auf 53 Prozent angehoben werden. Das bedeutet für einen durchschnittlichen Rentner oder eine durchschnittliche Rentnerin: rund 130 Euro mehr im Monat. […..]

Diese Punkt halte ich für geradezu fahrlässig falsch. Grundsätzlich am Prozentsatz des Rentenniveaus zu drehen, bedeutet, daß die Reichsten am stärksten profitieren, während die ganz Armen kaum eine Verbesserung spüren.

(…..)
Heute sind beispielsweise ausnahmslos alle Zeitungen voll des Lobes über Nahles‘ Rekord-Rentenerhöhung von fast 5% im Westen.

Daß aber Nahles grundsätzlich nur die Angestellten einzahlen lässt, während Reiche, Selbstständige, Beamte und Bundestagsabgeordnete gar nichts in die Rentenkasse zahlen, wird gar nicht mehr erwähnt, obwohl das eine so eklatante Ungerechtigkeit ist, daß Nahles selbst immer forderte die Renten aus dem Bundeshaushalt zu zahlen – aber da war sie noch nicht Ministerin.
Und was bedeutet überhaupt „5% Erhöhung“? Prozentual heißt, daß diejenigen mit der höchsten Rente auch die größten Aufschlag bekommen.

Eine arme Rentnerin mit 500 Euro im Monat bekommt dann 25 Euro mehr, ist also immer noch richtig arm, während der Luxusrentner mit 10.000 Euro Rente, der also keineswegs eine Erhöhung nötig hätte, gleich 500 Euro dazu bekommt.
Das sind 475 mehr.
Faire Sozialpolitik würde wenn sie etwas zu verteilen hat lieber Pauschalbeträge aufschlagen. 250 Euro mehr für jeden, beispielsweise. (….)

Die Linke ist hier auf demselben Holzweg wie GroKo-Nahles (vor 2013 hatte die fromme Katholikin etwas radikal anderes gefordert, als das was sie selbst als Ministerin umsetzte.)

Mehr Zeit zum Leben statt schuften bis zum Umfallen: Wir wollen die Rente ab 65 oder nach mindestens 40 Jahren Beitragsjahren. Wir wollen Arbeit so umverteilen, dass nicht mehr die einen in Stress und Überstunden untergehen und die anderen nicht so viel Arbeit finden, wie sie wollen. Kürzere Vollzeit mit guten Standards: Wir wollen ein neues Normalarbeitsverhältnis und ein Recht auf Feierabend. Und eine gerechtere Verteilung der Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern.

Die Linke goes 1950er. Das ist doch weit an der Lebenswirklichkeit im Jahr 2017 vorbei. Starre Regelungen können nicht mehr das Mittel der Wahl sein. Stattdessen muß ein Ingenieur oder Controller, der seinen Job auch noch mit 70 oder 75 gern tun, weiterhin arbeiten können, während andere  Menschen (insbesondere in physisch sehr anstrengenden Berufen) eventuell schon mit 50 oder 45 nicht mehr können.

Wir wollen ein Programm für die Zukunft, das sich am Bedarf und den Bedürfnissen der Menschen orientiert: Wir investieren in Bildung und Gesundheit, mehr Personal in Pflege und Erziehung, in sozialen Wohnungsbau und einen sozialen und ökologischen Umbau der Wirtschaft, in Barrierefreiheit. Wir wollen die Massen­erwerbslosigkeit bekämpfen und neue Arbeitsplätze in kurzer Vollzeit schaffen.

Bitte 5 EURO ins Phrasenschwein. Solche Absichtserklärungen finden sich wortgleich bei so ziemlich jeder Partei. Wer würde nicht gern die Massenarbeitslosigkeit abschaffen und die Engpässe in der Pflege überwinden. Nur wie??

Wir finanzieren dieses Zukunftsprogramm, indem wir Reichtum begrenzen: Vermögen oberhalb einer Million Euro wollen wir besteuern, auch hohe Erbschaften.

Klingt gut, aber unkonkret.
Mit welchen Parteien gedenkt die LINKE dafür Mehrheiten im Bundesrat zu bekommen? Und wie will sie das auf internationaler Ebene implementieren?
Die richtig Reichen entziehen sich doch längst den nationalen Steuergesetzen.

Auch in der Einkommensteuer wollen wir die unteren und mittleren Einkommen entlasten, die oberen stärker belasten: Wir erhöhen den monatlichen Grundfreibetrag auf 1.050 Euro zu versteuerndes Einkommen. Der Steuerverlauf wird abgeflacht bis 53 Prozent für die Einkommen oberhalb von 70.000 Euro. […..]

Über 50% der Menschen zahlen gar keine Einkommenssteuer, weil sie unter den Freibeträgen liegen. Die haben also auch nichts von Einkommenssteuersenkungen oder Kurvenabflachungen.

Stopp von Mieterhöhungen! […..]

Das gibt erhebliche Probleme mit dem Grundgesetz und wird sehr viele Menschen, die in bescheidenen Verhältnissen leben und sich in 40 jähriger Erwerbstätigkeit eine Eigentumswohnung als Alterssicherung angeschafft haben, wenig gefallen.

Ich bin ein ausdrücklicher Anhänger von R2G und würde ein paar linke Minister in der Bundesregierung durchaus begrüßen.
Aber programmatisch haben sie kaum etwas zu bieten, das als Blaupause für ein Regierungsprogramm tauglich wäre.
Die Linken sind erstaunlich einfallslos und altbacken.

Und dabei habe ich die wirklich heiklen Punkte in der Außen- und Sicherheitspolitik noch gar nicht erwähnt.

Donnerstag, 16. März 2017

Holländische Säulen



Trump, die CSU, Wilders, Spahn, Höcke und viele andere sehen sich selbst als Maßstab für die Gesellschaft.
Alle sollen so sein wie sie, oder zumindest danach streben.
Das Land soll von einer homogenen und loyalen Gesellschaft getragen werden.
In so einer Welt sind kritische Medien Feinde oder Fake-News. Wer sich nicht anpassen will, anderen Idealen, Moden, Religionen anhängt, ist potentiell kriminell.

In deutlicher Unkenntnis oder bewußter Verfälschung der Realität poltert Staatssekretär Spahn, der aufstrebende Rechtsaußen der CDU gegen eine Großstadt, die nicht so aussieht wie sein konservatives Heimatkaff im Münsterland.

[…..] Jens Spahn von der CDU und AfDler Björn Höcke haben Angst vor Berlin-Neukölln. Ihr Problem? Die hohe Anzahl an Migranten. Dabei kommt die Gewalt von rechts.
[…..] Einfach nur "Neukölln" als abschreckendes Beispiel in den Ring zu werfen, wo es um schlecht laufendes Zusammenleben verschiedener Kulturen geht, so als sei damit schon alles gesagt, zeugt bisweilen von auffällig schlechtem Fingerspitzengefühl.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn und der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke haben beide bezeichnenderweise kurz nacheinander ins selbe Fettnäpfchen gegriffen, denn das Näpfchen ist groß und an seinem rechten Rand kann man gut sitzen und angeln.
Jens Spahn hat im Interview mit der "Zeit" gesagt: "Wenn ich durch Neukölln laufe, sehe ich in manchen Straßen kaum noch Frauen - und wenn, dann mit Kopftüchern. In einem freien Land muss ich das akzeptieren. Aber ich lasse mir nicht einreden, dass das eine kulturelle Bereicherung ist. Positive Vielfalt sieht für mich jedenfalls anders aus." Eine Gesellschaft brauche kulturelle Vielfalt, findet Spahn, und das wisse man inzwischen auch in seinem Heimatdorf im Münsterland, aber in Neukölln sehe das alles irgendwie nicht so aus, wie er es gern hätte. Man könnte, wie das in Berlin üblich ist, einfach noch einmal machen, was schon mal nicht geklappt hat: eine Umbenennung. "Neuspahnstein" böte sich an.
Dieser Spahn ist aber auch ein vom Schicksal gebeutelter Flaneur. Bei Ikea kamen ihm mal "Frauen in Vollverschleierung entgegen", in seinem Fitnessstudio dürfen "arabische Muskelmachos" seit einer Weile mit Badehose duschen, und jetzt sieht er "kaum noch Frauen". Keine Ahnung, wo er sich rumtreibt. Ich bin in Neukölln aufgewachsen und immer noch alle paar Tage dort, und ich sehe ständig Frauen dort, viele sogar. Es war schon immer so, dass da einige dabei sind, die Kleidung tragen, die ich nicht anziehen würde, aber da sind Leopardenleggings und Kopftücher nur zwei Beispiele aus einem sehr breiten Spektrum. […..]

Hilfe, Parallelgesellschaft!
Konservative wie Spahn stört es gewaltig mit Menschen in einem Land zu leben, denen sie nicht ihren Stil aufoktroyieren können.
Auch wenn man gar nicht zusammentrifft, regt Religioten der reine Gedanke an Menschen, die anders sein könnten, fürchterlich auf.
Das klassische Beispiel dafür ist die Homoehe, die von Hetero-Religioten offenbar als Angriff empfunden wird. Das führt zu der grotesken Argumentation, ihre eigene, alte, herkömmliche Heteroehe würde in irgendeiner Form abgewertet.
Konservative können nicht ertragen, daß andere irgendwo anders, anders sind, auch wenn sie es gar nicht merken.
Daher forderte die CSU im Dezember 2014 jeder in Deutschland müsse zu Hause auch deutsch sprechen.

[…..] Die CSU hat eine Idee: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, heißt es im Entwurf des Leitantrags für den Parteitag Ende kommender Woche. Dies berichtete die Nachrichtenagentur dpa am Freitag, am Montag will der Parteivorstand darüber entscheiden.
Man könnte sagen: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieser Vorschlag ausgerechnet aus Bayern kommt. Aber ihr würdet es nicht verstehen. Deshalb in aller Deutlichkeit: Hallo CSU, ihr seid so blöd, wie ihr auf dem Oktoberfest breit seid.
Denn wenn es nicht so wäre, würdet ihr selber darauf kommen, dass sich diese Forderung bei anderen Leuten nach obrigkeitsstaatlicher Bevormundung anhören würde, aus eurem Munde aber grotesk ist. Ihr würdet ahnen, dass die Leute euch auslachen werden. Dass sie euch zurufen: „Lernt erstmal selber Deutsch!“ Dass sie schnippisch fragen: „In welcher, der Erst- oder der Zweitfamilie?“ Dass sie feststellen: „Und so was will eine konservative Familienpartei sein.“ Dass sie genüsslich die Reden eures Ministers Alexander Dobrindt hervorkramen oder sich der Gestammelten Werke eures früheren Vorsitzenden Edmund Stoiber erinnern.
Kurz: Wenn ihr nicht so blöd wie breit wärt, hätte euch gedämmert, dass ihr euch mit so einer Idee noch mehr zum Horst machen würdet als man es von euch ohnehin gewohnt ist. […..][…..]

Der grundsätzliche Mangel an Toleranz, Mitgefühl und Großzügigkeit ist Religions-immanent.
Studien zeigen, daß schon Kleinkinder aus religiösen Elternhäusern grausamer und geiziger gegenüber anderen sind, als Kinder aus atheistischen Haushalten.

Religion macht Kinder unsozial und intolerant.
An über 1.000 Kindern aus verschiedenen Kulturkreisen haben Forscher nun nachgewiesen, dass religiös erzogene Kinder unsozialer sind als atheistisch erzogene Kinder. So teilen christlich und muslimisch erzogene Kinder seltener mit Altersgenossen, wollen im Gegenzug aber unsoziales Verhalten härter bestrafen. Je religiöser die Familien waren, desto ausgeprägter war dieses Verhalten zu beobachten. [……]

Die Menschen müssen sich also den Einfluss der Religionen überwinden, um tolerant zu werden.
In einer Welt, die auch andere Lebensmodelle wirklich akzeptiert werden, sind Parallelgesellschaften kein Problem. Dort wird Multikulti zu einer echten Bereicherung.

(……) Der Hamburger Steindamm IST zwar eine Parallelgesellschaft, allerdings verstehe ich nicht, wieso Parallelgesellschaften jemand stören.
In den meisten anderen großen Städten in Westeuropa und Amerika ist es ganz normal. In New York gibt es das berühmte „Little Italy“ oder „Chinatown“ und sogar ein deutsches Viertel.
Also für mich geht das völlig OK.
Es gibt ja vielfach in Deutschland reine Schwulenviertel, hier ist es St. Georg, das Uni-Viertel (Rotherbaum, wo nur Studenten sind), das Alternativ-Viertel, wo die  Autonomen und Ökos abhängen (Schanze und Karolinenviertel), das Ibero-Viertel vor der Speicherstadt, wo es all die spanischen und portugiesischen Restaurants gibt, Villenviertel in Harvesterhude  und dann natürlich reine Rotlichtviertel (Reeperbahn!) etc.
Warum soll es kein Türken- oder Italiener-Viertel geben?
Das Eigenartige ist in Hamburg, daß St Gayorg – dazu gehört auch der Steindamm – ausgerechnet ein Kombi-Viertel für Schwule und Muslims ist.
Die haben alle Toleranz gelernt. Kurioserweise ist MITTEN in der schwulsten Gegend von St Georg überhaupt der katholische Mariendom, in dem unserer neuer Erzbischof Stefan Heße hockt.
Katholiken gibt es da so gut wie keine – nur Moslems und Homos.
Aber irgendwie haben die sich offensichtlich arrangiert. So gut sogar, daß die Gegend jetzt so gut funktioniert, daß die Mieten auch so explodieren, weil jeder dahin ziehen will. (…..)

Jens Spahn, der sich offenbar mehr in mehr in der Reinkarnation als Pim Fortuyn gefällt – stramm konservativ, Glatze, eitel, schwul, Rampensau – kommt zunehmend völkisch daher; sieht sich selbst als Rollenmodel für alle anderen.

Multikulti lehnt er ab.

Jetzt müssen wir die inhaltlichen Unterschiede, die CDU und CSU gemeinsam gegenüber der SPD haben, klar herausarbeiten, etwa beim Thema Leitkultur.

[…..] Ich erwarte von jemandem, der nach Deutschland kommt, um hier zu leben, mehr, als dass er sich nur an Recht und Gesetz hält. Denn das muss auch jeder Tourist. Er muss mit uns leben und unsere gemeinsame Zukunft im Sinne unserer Werte gestalten wollen. […..] Und sicher auch die Bereitschaft, durch Leistung Anerkennung zu bekommen und nicht durch möglichst lautes Schreien. Uns als Union geht es aber auch um Sicherheit im klassischen Sinn, von der steigenden Zahl der Einbrüche bis zu den Bedrohungen des islamistischen Terrors.
[…..] Letztes Wochenende war ich mit Freunden in Köln unterwegs, da wirste auf der Straße schon auch frech angemacht. Der Türsteher eines schwulen Clubs wurde niedergestochen. Der Täter stammte aus dem Irak. […..]


Nein, Herr Spahn!
Leitkultur einzufordern ist keine Lösung, sondern gerade der Sprengstoff unserer Gesellschaft.
Wenn einer meint den anderen leiten zu müssen; sei es auch nur kulturell, ist das der Beginn von Unterdrückung. Darin steckt auch schon der Keim einer Gegenreaktion.
Unterdrückte Gruppen der Gesellschaft könnten eines Tages durchaus aggressiv ihre Rechte einfordern.



Unter Rechten ist es Konsens die sogenannte Verzuiling, also das Nebeneinander-Leben, statt des Alle-Zusammenleben als Wurzel allen Übels anzusehen.

Mit Verzuiling (Versäulung) bezeichnet man vor allem in den Niederlanden einen konfessionell begründeten besonderen Partikularismus. Im „versäulten“ sozio-politischen System lebten religiös, sozial und kulturell definierte Gruppen nebeneinander her und hatten parallele soziale Organisationen (Kirchengemeinden, Bildungsanstalten, Volksbanken, Kammern und andere mehr). In den Niederlanden wird zwischen einer christlich-protestantischen (calvinistischen), einer katholischen, einer sozialistischen und der neutralen oder allgemeinen Säule unterschieden.
Seine Blüte hatte das System in der Zeit von 1920 bis 1970, überstand also auch den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt trotz der entgegenstrebenden Bemühungen in der Nachkriegszeit. Die Bevölkerungsgruppen haben in einer Art „freiwilligen Apartheid“ nebeneinander gelebt, um soeverein in eigen kring, „souverän im eigenen Milieu“ (Abraham Kuyper), sein zu können. Die notwendige Zusammenarbeit zwischen den Säulen fand vor allem auf der Ebene der Eliten statt.
Fortuyn, Spahn und Wilders wollen nicht, daß außerhalb der eigenen Säule noch irgendetwas anderes existiert.
Damit legen sie die Axt an die Wurzel des gesellschaftlichen Friedens.

Immerhin, das läßt sich nach den gestrigen Wahlen in Holland bereits sagen, befindet sich Wilders damit in einer Minderheit.
Mit insgesamt 13% der Stimmen steht seine PVV nicht unmittelbar vor der Machtübernahme. (Wilders Idol Trump holte 46%) Der blondierte Geert kann also aufhören von sich selbst als „der nächste Ministerpräsident der Niederlande“ zu sprechen.

Der große Gewinner der Wahl ist der gerade mal 30-Jährige Jesse Klaver; das Alptraum-Balg der Rechten: Gutaussehend, links, liberal, Vater aus Marokko, Mutter aus Indonesien.

[…..] Klaver ist Vorsitzender der niederländischen Grün-Links-Partei, und er hat die Zahl ihrer Parlamentssitze fast vervierfacht. In Amsterdam, der größten Stadt der Niederlande, einst eine uneinnehmbare Hochburg der Sozialdemokraten, ist Grün-Links nun sogar die stärkste Partei. Eine Überraschung? Eine Sensation.
Klaver liegt insofern im Trend, als er so wenig Polit-Establishment verkörpert wie kein anderer seiner angetretenen Konkurrenten. Geert Wilders poltert immerhin schon seit mehr als zehn Jahren gegen Europa und den Islam. Die niederländischen Medien können sich nicht daran erinnern, dass jemals ein Parteichef derart jung war wie Jesse Klaver. Und er versprüht eine neue Lust auf alte landestypische Eigenschaften: Weltoffenheit, Toleranz, radikales Umweltbewusstsein. [….]

Frauke Petry und Marine Le Pen haben Grund heute die Köpfe hängen zu lassen. Der ultrarechte Durchmarsch in Europa ist zumindest erst einmal verschoben worden.

[….] Die Nationalisten sind gebremst, aber nicht gestoppt.
Das heißt nicht, dass die EU beruhigt in alten Trott zurückfallen darf. Die Rechtsnationalisten sind bei der Präsidentenwahl im Dezember in Österreich und jetzt bei der Parlamentswahl in den Niederlanden gebremst worden. Doch gestoppt sind sie nicht. Vielmehr lauern sie auf die nächste Gelegenheit, wieder loszustürmen. Die Moderaten, die Pro-Europäer haben nur Zeit gewonnen, die Probleme anzugehen, welche die Bürger drücken. […..]