Montag, 13. April 2020

Konsum-Detox


Während der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz angesichts weltweit 1,92 Mio Covid19-Infizierten, 1,4 Mio Erkrankten und 119.000 Toten (Stand 13.04.2020) von einem „Glücksfall“ spricht……

[…..] Limburger Bischof Bätzing: „Corona-Krise ist Glücksfall der Geschichte
 „Niemand, kein Volk, kein Land, keine Wirtschaft ist eine Insel. Alles hängt mit allem zusammen“, sagte Bätzing in seiner Rede. Die Krise, so schlimm sie auch sei, habe viel Gutes hervorgebracht. „So viel Freundlichkeit und Humor habe ich selten erlebt“, sagte der Limburger Bischof, der Anfang März zum Nachfolger des bisherigen DBK-Vorsitzenden Reinhard Marx gewählt worden war. [….]

….empfinde ich großes Mitleid mit den Betroffenen.
Insbesondere die Pandemie-typische Art des Allein-Sterbens erscheint mir extrem grausam. Seine eigene Mutter, seinen Vater sterbend oder schwerkrank im Krankenhaus oder Pflegeheim zu wissen ohne an ihrer Seite sein zu können, sich nicht verabschieden zu können, ihnen nicht beistehen zu können, ist eine brutale seelische Belastung.

Dabei leben wir in Deutschland noch auf einer Insel der relativen Glücksseligkeit. Man kann seine kranken Angehörigen zwar nicht mehr besuchen, aber weiß sie immerhin noch gut versorgt. In den ungerechten Gesundheitssystem der USA und des UK kann man hingegen nicht damit rechnet die notwendigen Behandlungen auch zu bekommen.
Der britische NHS ist aber immer noch Gold in Relation zu dem was einem in Afrika oder dem Nahen Osten blüht.

Ich empfinde es anders als seine Exzellenz Bätzing auch nicht als „Glücksfall“ Zig Millionen Menschen in existenzieller Not zu wissen.
In den hochindustrialisierten Vereinigten Staaten ist es für viele Menschen nur eine Frage von drei oder vier Wochen von der Mittelklasse in Obdachlosigkeit und Hunger abzurutschen.


In Deutschland sorgt das von der FDP so verhasste Sozialsystem dafür, daß echter Hunger und Obdachlosigkeit zwar offensichtlich nicht völlig ausgeschlossen, aber doch viel weiter entfernt als in den Staaten sind.

Ich empfinde es anders als seine Exzellenz Bätzing auch nicht als „Glücksfall“ so viel mehr Menschen arbeitslos zu wissen und Millionen Kleinstselbstständige um ihre Firmen bangen zu sehen.
Wie viel finanzielle Reserven haben denn eine Pizzeria, ein Friseur, ein Änderungsschneider, ein Bilderrahmengeschäft oder der Blumenladen?

Ja, es mag einige positive Folgen der Corona-Pandemie geben. Ja, es wäre vorteilhaft den Luxuskonsum, der extrem Umwelt- und Klima-schädlich ist bei der Gelegenheit drastisch zu reduzieren.

Ich befürchte aber, daß bei einem längeren Anhalten des Lockdowns viele Existenzen dauerhaft zerstört werden, weil man sich eine gewisse Art des Konsums endgültig abgewöhnt hat.
Werden alle Menschen, die sich jetzt ganz und gar den Streamingdiensten ergeben haben, nach Corona wieder in Kinos, kleine Privattheater, Ausstellungen und Opern gehen?
Geht man wieder essen und unterstützt das kleine Restaurant um die Ecke, wenn man zwei, drei Monate erlebt wie man auch ohne Gastronomie auskommt?
Unterstützt man Musiker wieder, indem man deren Konzerttickets kauft, wenn sich diese Form des Ausgehens einmal abgewöhnt hat?
Werden die Laufhäuser wieder voll, wenn die Männer einmal gelernt haben, daß es auch mit Pornhub geht?
Rafft man sich noch auf in teure Zoos und Wildparks zu fahren, wenn man über Monate auf nette Tier-Dokus im Fernsehen ausgewichen ist?

Als Sozial-Troglodyt bin ich ohnehin ein schlechter Konsument für die Volkswirtschaft. Ich gehe nie aus, nie essen, reise nicht. Ich mache mir nichts aus Markenklamotten oder Statussymbolen.
Durch den Ausfall meiner Kaufkraft gibt es also keine großen Defizite.
Aber selbst ich merke wie ich mir innerhalb eines Monats kleinere Prassereien abgewöhne.
Vor ein paar Tagen habe ich das erste mal in meinem Leben nach einem Youtube-Tutorial mit einem elektrischen Langhaarschneider meine Haartracht getrimmt. Nein, so gut wie meine Friseurin kann ich das selbstverständlich nicht.
Aber es sieht auch nicht so verboten aus, daß ich mich gar nicht mehr auf die Straße wage. Vielleicht schere ich zukünftig zumindest die Seiten immer selbst und erspare mir ein paar Friseurbesuche?
Dann habe ich diese Schwäche für Rubbellose. Ich kaufe mindestens einmal wöchentlich Zeitschriften in meinem Stammkiosk und runde den Betrag immer mit Rubbellosen auf, kaufe freitags ein Platin-Los für 10 Euro.
Ja, ich weiß um die Gewinnchancen, aber das Geld hilft dem kleinen Kioskbetreiber und kommt der Staatskasse zu Gute, während es mir einen kleinen Restkick gibt. Nun bin ich aber seit Wochen Rubbellos-frei. Fange ich diesen Tick wieder an, wenn alles vorbei ist?
Insbesondere gebe ich aber weniger Geld beim Lebensmittelkauf aus, da ich seit Beginn der Corona-Maßnahmen lediglich zweimal bei REWE bestellt habe und nicht mehr im kleinen, privaten inhabergeführten Niemerszein-EDEKA nebenan war. Zu Discountern gehe ich ohnehin grundsätzlich nicht. Niemerszein wird vermutlich den gegenwärtigen Zustand verkraften, weil all die Leute, die sonst während der Arbeit in Kantinen essen und bei ihm einkaufen.
Ich könnte da also im Moment ohnehin nicht durch die Regalreihen streifen.
Aber normalerweise gebe ich dort immer viel mehr Geld aus als ich eigentlich vorhatte, weil mich irgendetwas besonders anguckt.
Nun habe ich aber zwangsweise gelernt eher mit den Basics auszukommen.
Ich essen nun den von REWE gelieferten Käse, teilweise sogar Abgepackten, statt Unsummen bei der kleinen Fromagerie auf dem Markt auszugeben.
Am stärksten spare ich derzeit aber dadurch, daß ich mir die guten Bäcker verkneife.
Allen Norddeutschen sei an dieser Stelle dringend empfohlen bei Gaues, zukünftig Backgeschwister, zu kaufen! Teuer, aber so viel besser als das Einheitsbrot aus der Fabrik.
Üblicherweise kaufe ich zwar als Backup im Supermarkt ein Paket Schwarzbrot in Scheiben und Knäckebrot, aber meistens wird das irgendwann alt und landet auf dem Müll, weil ich zwischendurch immer frisches Brot kaufe und das erst mal esse. Wer ein Gaues-Tomaten-Ciabatta im Haus hat, isst garantiert erst mal nichts anderes.
Natürlich kaufe ich dadurch zu viel Brot; eine Menge landet in der Biotonne.
Auch das habe ich mir erstmals in meinem Leben abgewöhnt, esse nur die Basis-Version. Harrys „Das Volle Korn“, zwei Wochen haltbar.
Zu den kleinen Prassereien gehört auch mein Faible für Düfte.
Natürlich bestelle ich nicht bei Amazon und gehe nicht zum Börsen-Konzern Douglas, aber es gibt nette inhabergeführte Parfümerien.
Ein Lieblingsduft ist mir ausgegangen, den ich ohne Corona schon längst ersetzt hätte.
 Lebenswichtig ist das nicht; ich benutze das Zeug ohnehin nur, wenn ich allein zu Hause bin. Aber fange ich überhaupt wieder an so etwas zu kaufen nach dem oktroyierten Konsum-Detox? Gerade habe ich mir das alles abgewöhnt.
Den kleinen Läden zu Liebe, die ich damit unterstütze, hoffe ich das milde Prassen bald wieder aufzunehmen.
Aber ganz leicht wird es nicht, wenn man die Nicht-Notwendigkeit so deutlich vor Augen geführt bekam.

Sonntag, 12. April 2020

Kommen Haare wieder dahin wo sie hingehören?


Ja, es gibt schon auch positive Effekte der Pandemie.

Am wichtigsten ist die zwar kleine, aber immerhin wieder vorstellbare Chance die extrem unseriösen Populisten Trump, Bolsonaro und Johnson zu entzaubern – sofern ihre fanatischen Anhänger in der Lage sind zu erkennen, daß ihre Länder härter als andere von der Seuche getroffen werden, weil es eben doch auf vernünftiges und wahrhaftiges Handeln der Regierenden ankommt.

[…..] Die größ­ten Co­ro­na-Ver­sa­ger kom­men aber von der ita­lie­ni­schen Lega, der Par­tei von Mat­teo Sal­vi­ni. Sie führt die Re­gie­rung in der Lom­bar­dei, wo das Vi­rus am ärgs­ten wü­ten konn­te. Rund die Hälf­te al­ler Co­ro­na-To­ten Ita­li­ens stammt aus die­ser Re­gi­on. Noch am 8. März ent­schied dort die Lega-Re­gie­rung, »leicht er­krank­te« Co­ro­na-Pa­ti­en­ten in Se­nio­ren­wohn­hei­men un­ter­zu­brin­gen. Ein töd­li­cher Feh­ler, durch den un­zäh­li­ge alte Men­schen in­fi­ziert wur­den und star­ben. »Wer sich dem wi­der­setzt hät­te, hät­te die För­de­rung ver­lo­ren, also hiel­ten alle den Mund«, er­klär­te jetzt ein Lei­ter von 400 Se­nio­ren­re­si­den­zen.

Der Tod von 70 Be­woh­nern ei­ner Mai­län­der Se­nio­ren­re­si­denz soll ver­tuscht wor­den sein. Ein Mit­ar­bei­ter im Haus, der dem Pfle­ge­per­so­nal früh Mund­schutz und stren­ge Hy­gie­ne vor­schrei­ben woll­te, wur­de zeit­nah ge­kün­digt. Man wol­le kei­ne Pa­nik ent­ste­hen las­sen, hieß es. Die Lega schwäch­te zu­dem die öf­fent­li­chen Kran­ken­häu­ser und för­der­te Pri­vat­kli­ni­ken. Dum­mer­wei­se stel­len die Pri­va­ten aber nur acht Pro­zent der so wich­ti­gen In­ten­siv­bet­ten.
Das ist die Co­ro­na-Bi­lanz der welt­weit füh­ren­den Rechts­po­pu­lis­ten. Von die­sen Herr­schaf­ten wür­de ich mir nicht mal mei­nen Fahr­rad­schlauch fli­cken, ge­schwei­ge denn mich durch eine Pan­de­mie lot­sen las­sen. [….]
(Markus Feldenkirchen, DER SPIEGEL, s.9, 11.04.2020)

Möglicherweise wird auch erkannt, daß profitorientierte private Gesundheitssysteme, bei denen Personalkosten immer nur minimiert werden müssen ein Irrweg sind.

Schön wäre es auch, wenn Ministerpräsident Kretschmanns optimistische Sicht sich erfüllt zukünftig nicht mehr bei Produkten der medizinischen Grundversorgung in völliger Abhängigkeit von antidemokratischen Diktaturen zu existieren.

[…..] Ich bin mir si­cher, dass wir in ei­ni­gen Be­rei­chen, zum Bei­spiel was die dra­ma­ti­sche Ab­hän­gig­keit von Me­di­zin­pro­duk­ten an­de­rer Staa­ten an­geht, Kon­se­quen­zen zie­hen und tief grei­fen­de Ver­än­de­run­gen er­le­ben wer­den. Und ich wür­de uns al­len ra­ten, dass wir da­nach nicht ein­fach zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen, son­dern uns über­le­gen, wo wir in un­se­rer glo­ba­li­sier­ten Welt un­ser Han­deln neu jus­tie­ren müs­sen. Viel­leicht wird in Zu­kunft der Wi­der­stand ge­gen Wind­kraft­an­la­gen we­gen In­fra­schall nicht mehr so hoch ge­hängt – jetzt, da wir alle er­lebt ha­ben, wie sich eine wirk­lich exis­ten­zi­el­le Be­dro­hung an­fühlt. […..]
(W. Kretschmann, DER SPIEGEL Nr. 16, 11.04.2020)

Der Ministerpräsident betont in dem Interview übrigens auch seinen tiefen katholischen Glauben, der ihn so optimistisch und ruhig durch die Krise gehen lässt.
Die Form der Borniertheit muss sehr angenehm sein.

Eine erfreuliche Nachwirkung der Corona-Viren könnte auch eine allgemeine physische Distanzlosigkeit sein. Schluß mit der widerlichen Unsitte sich dauernd die Hände zu geben, um seinen Krankheitserreger auszutauschen.
Man muss nicht alles angrabbeln.

Vielleicht, mit ganz viel Glück, könnte auch der herdentriebige Einheitsbart der U30-Generation endlich der Vergangenheit angehören.
Durch Social Media nivelliert trauen sich Millennials keinen eigenen Stil mehr. Sie sehen alle vollkommen gleich aus.
99% rasieren sich Achseln und Hoden; das ist mir egal, da ich das üblicherweise nicht sehe.
Aber die Abstrusität, daß sich eben diese 99% der Ganzkörper-Epilierten auch alle einen Vollbart wachsen lassen, ist nicht nur optisch beleidigend und zeigt den erbärmlichen Uniformitäts-Drang der Jugend, sondern ist zudem auch noch extrem unhygienisch. Vollbärte sind ein Alptraum für Virologen, weil sie die perfekten Siff-Biotope für Keime aller Art sind. In einer durchschnittlichen Männer-Gesichtsbehaarung finden sich mehr Fäkalbakterien als in einer Kloschüssel. Die armen Frauen, die so etwas küssen müssen.
Bärtige Männer sind verkeimter als Straßenhunde.

[….] Wie sich zeigte, waren die Männerbärte deutlich unhygienischer als der gewöhnliche Hundepelz. So wiesen die Forscher in den Bärten der Männer deutlich mehr Keime nach – mehr als 30 „kolonienbildende Einheiten“ – als im Nackenpelz der Tiere. Dort fanden die Experten bei den Tieren die meisten Keime. Bei sieben Männern wiesen die Forscher außerdem den Menschen krankmachende Erreger nach, aber nur bei vier Hunden.
Deutlich weniger Keime in den Maulabstrichen der Hunde
Bei den Mund- und Maulabstrichen kamen die Forscher zu einem ähnlichen Ergebnis. [….]

Die weltweite Diskussion um Gesichtsmasken zeigt deutlich wie wichtig allgemeine Körperhygiene in Zeiten der Pandemie ist.
Masken sind aber Mangelware.
Im Gegensatz zu Rasierklingen.
Männer sollten dringend dazu angehalten werden sich ihre ekeligen Bärte abzurasieren, um herumirrenden Sars-Cov2s keine perfekte Heimat mehr zu bieten.

[…..] Man könnte also annehmen, dass sich bärtige Männer während der Corona-Pandemie tatsächlich einem höheren Infektionsrisiko aussetzen als Männer ohne Bart – zumindest unter bestimmten Umständen.
Tröpfcheninfektion: Bart tragen als Gefahr?
Woran genau liegt das? Das Coronavirus wird per Tröpfcheninfektion übertragen. Dabei bleiben die Viren leicht in den Barthaaren hängen. Das berichtet die „Augsburger Allgemeine“.
Auch wenn sich Männer ins Gesicht fassen, bleiben die Viren der Hände am Bart haften. Die Gefahr: Die Viren gelangen vom Bart aus leichter in Mund, Nase und Augen – und somit in die Schleimhäute.
 „Sie müssen sich rasieren!“ – die Worte des Präsidenten der Vereinigung der Notärzte in Frankreich, Patrick Pelloux. Er riet schon vor Wochen vom Bart tragen ab und beschrieb dies als Infektionsgefahr für die Bevölkerung. Warum? Das Coronavirus könne über einen langen Zeitraum in den Barthaaren überleben, warnt er.
Und nicht nur das: Die Schutzwirkung von Masken kann laut des Robert-Koch-Instituts durch einen Bart reduziert werden, da die Abdichtung der Maske so beeinträchtigt würde. […..]

Also; Bart ab!
Ich freue mich schon darauf wenn diese Regelung in den streng islamischen Staaten eingeführt wird und man ultraorthodoxen Juden mit Bartschneidern droht.
Wer Säuglingen Stücke vom Penis abschneidet, soll nicht jammern, wenn ihm die Fäkalwolle aus dem Gesicht geschnitten wird. Das tut gar nicht weh.

Samstag, 11. April 2020

Der Urnenpöbel mal wieder


Während um 21.00 Uhr wieder einmal draußen auf den Balkons applaudiert und gesungen wurde, las ich gerade im heutigen Hamburger Abendblatt ein Interview mit Prof. Reichenspurner, dem Chef des Hamburger Herzzentrums im UKE. Der weltberühmte Kardiologe, der auch meiner Mutter ein künstliches Herz eingebaut hatte, fordert eine mindestens 30%ige Gehaltserhöhung für alle Pflegekräfte.
Dazu ist es wichtig zu wissen, daß im UKE die Arbeitsbedingungen für die Krankenschwestern und Pfleger deutlich besser als in den Kliniken in privater Trägerschaft sind, da das Krankenhaus letztlich dem Staat gehört und daher nicht wie die Schön- oder Asklepioskliniken auf Profitmaximierung fixiert ist.
Zuvor hatte ich die Süddeutsche Zeitung von heute gelesen, in der Co-Chefredakteur Heribert Prantl in seinem Leitartikel richtigerweise verlangt, das Gesundheitssystem dürfe nicht gewinnorientiert arbeiten.

[….] Es ist in der Corona-Krise lehrreich, die Berichte und Zahlen von damals wieder aufzurufen. "EU-Finanzkrise und die Folgen: Am Ende bezahlen die Kranken" titelte das Deutsche Ärzteblatt 2012 und berichtete von den desaströsen Verhältnissen in den krank gesparten griechischen Krankenhäusern. Es fehlte an Gerät, Material und Medikamenten. Die Ärzte arbeiteten für 1500 Euro im Monat, das Pflegepersonal musste monatelang darauf warten, überhaupt bezahlt zu werden. Diese Ärzte und Krankenschwestern sind mittlerweile ins Ausland gegangen. Es fehlen 20.000 Pflegekräfte.
Insgesamt zählt Griechenland heute nur 215 zur Corona-Behandlung geeignete Krankenhausbetten. "Austerity kills"; der Protestspruch von damals steht noch an den Hauswänden. Man fragt sich: Wieso haben damals Fernsehbilder aus griechischen Krankenhäusern nicht so aufgeregt wie heute diejenigen aus italienischen? Vielleicht, weil sie nur in Dokumentationen spätabends gezeigt wurden. [….] Die Zahl und Ausstattung der Krankenhäuser wurden allem Möglichen angepasst, aber nicht dem Bedarf der Kranken und schon gar nicht einem Bedarf, den eine Virusepidemie schafft. Auch in Deutschland ist das Gesundheitssystem auf Marktvernunft geeicht und auf Privatisierung, Gewinnorientierung und Kostensenkung getrimmt worden [….]

Dazu kommt der legendäre Wochenendteil „Buch Zwei“, in dem den „Corona-Helden – also den Altenpflegern, Krankenschwestern und Klink-Reinigungspersonal ein Denkmal gesetzt wird.

Hurra, ist es jetzt so weit? Offensichtlich besteht doch endlich Einigkeit darüber, daß der neoliberale Privatisierungspfad der 1990er ein Irrweg war.
Haben es jetzt alle begriffen, daß die drastische Lohnungleichheit ein die Gesellschaft zerstörender Kardinalfehler ist?
Der Chefarzt, der Kolumnist, die Bürger auf den Balkons – alle sind nun dafür.

Aber die CDU regiert und die tut in der Krise das was in ihrer Lobby-infizierten DNA liegt: Steuergeschenke für die Superreichen und Absage der Grundrente.
Also wenn schon der Fetisch der schwarzen Null aufgegeben werden muss, dann sollen die Ärmsten und Geringverdiener dafür büßen, während die Top 10% der Gesellschaft durch die Soli-Abschaffung 90% der finanziellen Geschenke bekommen.

[….] Die Grundrente soll ab 2021 die Renten von Menschen mit kleinen Bezügen aufbessern.
Unionspolitiker fordern nun, das Projekt auf Eis zu legen - wegen der Corona-Schulden.
SPD-Chefin Saskia Esken findet den Vorstoß aus der Union “unbegreiflich”.
[….] „Wir haben zur Bewältigung der Corona-Krise einen riesigen Schuldenberg angehäuft“, sagte Peter Weiß, der Chef der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der Unionsfraktion, Peter Weiß (CDU), dem Focus. „Deshalb müssen wir uns nach der Pandemie in der Koalition zusammensetzen und noch einmal die Finanzierung genau anschauen“, sagte er. Auch der Zeitplan zum Inkrafttreten der Grundrente müsse überdacht werden. Zuvor hatte bereits der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU/CSU, Carsten Linnemann, gefordert, die Grundrente auf Eis zu legen.
Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat bereits klargemacht, dass er an seinem Vorhaben festhält: Er wolle, dass die Grundrente zum 1. Januar in Kraft tritt. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken ist empört über die Debatte, die von Unions-Seite gestartet wird. „Nach zahlreichen Störmanövern hat die Koalition im Kabinett beschlossen, die Grundrente bis Anfang 2021 zum Laufen zu bringen“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND/Samstag). „Es ist unbegreiflich, dass Vertreter von CDU und CSU diesen Beschluss nun inmitten der Corona-Krise infrage stellen.“
Esken verwies auf die Debatte über die oft geringen Gehälter von Supermarktkassiererinnen und anderen in der Corona-Krise. „Es gibt in diesen Zeiten eine große politische und gesellschaftliche Einigkeit darüber, die Leistungen der oftmals gering verdienenden Beschäftigen in den systemrelevanten Berufen besser zu honorieren“, so die SPD-Chefin. „Mit ihrer Haltung zur Grundrente können CDU und CSU zeigen, dass es ihnen Ernst damit ist.“ [….]

Zum Glück, liebe Groko-Hasser, sitzt aber die SPD mit in der Bundesregierung und stellt insbesondere den Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der eisenhart den CDUCSU-Wünschen nach Steuermilliarden für die Superreichen einen Riegel vorschiebt.

Der für 2021 beschlossene Wegfall des Solidaritätszuschlages für die unteren 90% der Zahler möchte die SPD gern vorziehen, um in der Corona-Krise die unteren und mittleren Einkommen so zu entlasten, daß sie mehr Geld in den Konsum stecken können.
Die oberen zehn Prozent, die allerdings den Großteil des Gesamt-Soli-Aufkommens zahlen, sind für die Nachfrage konjunkturell eher uninteressant, weil ein Multimillionär mit einer zusätzlichen Million auch nicht mehr ins Restaurant geht oder Zahnpasta kauft, sondern Extra-Geld eher in Steueroasen verschieben wird.
Die Union will aber keine Vorverlegung des Soli-Endes für 90% der Zahler, weil ihr nur die Top-Verdiener am Herzen liegen.

[….] "Wir können die steuerliche Entlastung von Millionen Beschäftigten notfalls sehr kurzfristig beschließen", sagt Scholz dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Das ist kein Hexenwerk." Und er schiebt der Union den schwarzen Peter zu. "Das ständige Gerede von CDU und CSU über Steuersenkungen bezieht sich ausnahmslos auf Reiche und Spitzenverdiener." Scholz trifft die Finanzpolitiker der Union an einer empfindlichen Stelle. Erst mussten sie zähneknirschend zustimmen, dass nur 90 Prozent der Steuerzahler keinen Soli mehr zahlen müssen und jetzt sollen sie schuld sein, dass der Soli doch erst 2021 gestrichen wird. [….]

Diese Groko zeigt sehr klare Ergebnisse je nach Amtsinhaber.

Hubertus Heil, SPD, Grundrente – CDU gegen die Geringverdiener.
Olaf Scholz, SPD, Soli – CDU für die Topverdiener.

So ist es auch in anderen Politikbereichen.
Beispiel Julia Klöckner, CDU, die sich gegen den SPD-Wunsch sperrt das Kükenschreddern zu verbieten.
Sie war sehr erfolgreich dabei die Wünsche der Agrarlobby zu erfüllen:

[….] Die Zahl der getöteten Küken ist im vergangenen Jahr wieder gestiegen. Nachdem sie 2018 noch bei rund 42 Millionen Tieren gelegen hatte, lag sie 2019 bei rund 45,3 Millionen Tieren. [….]
Die Wähler können sich entscheiden: Wollen sie lieber Tierschutz und Zuschläge für Geringverdiener und arme Rentner?
Oder wollen sie mehr Kükenschreddern und Milliarden für Millionäre?

Ein Blick auf die Umfragen zeigt es deutlich:
Die Werte der CDU gehen durch die Decke; der Urnenpöbel findet die Union offenbar ganz großartig und will keine Sozialpolitik.
"Austerity kills"? Nicht für den deutschen Wähler. Sie honorieren die Politiker, die jetzt wieder bei den Ärmsten den Gürtel enger schnallen wollen, um massiv nach oben umzuverteilen.

Freitag, 10. April 2020

Ausgleichende Gerechtigkeit – Teil II


Die Süddeutsche Zeitung bringt heute eine äußerst erbauliche Fotostrecke mit vollkommen leeren Kirchen.
Den höchsten Feiertag der Christen, Ostern, begeht der Papst ganz allein in Rom; niemand kommt.

[…..] Ostern wie Olympia? Im Vatikan haben sie tatsächlich darüber nachgedacht, ob sich das Osterfest verschieben ließe, wie gerade Sportanlässe in großer Zahl vertagt werden. Klingt erstaunlich, wie in diesen Zeiten alles erstaunlich ist, was der Welt und damit auch den Kirchen und Religionen hienieden widerfährt. Die zuständige Gottesdienst-Kongregation im Vatikan befand dann aber: Geht nicht. Was übrigens auch nicht geht, ist Beichten am Handy, selbst dann nicht, wenn der Priester beim Telefonieren in Sichtweite steht, das verletze das Beichtgeheimnis. Man stellt sich jetzt eben Fragen, die man vor Kurzem noch für einigermaßen grotesk gehalten hätte.
Und so erlebt Rom seine ersten Ostern ohne richtiges Osterfest in zweitausend Jahren. Ohne Volk, vor leeren Bänken, Geisterostern gewissermaßen. [….]

Ein passendes Bild: Geisterspiele für die Heiligen Geist, nachdem das Nichtfunktionieren des Betens und der allerschwersten Papstgeschütze – dem außerordentlichen Anti-Corona-Urbi-et-orbi – sich als völlig nutzloser Schwachsinn entpuppten.


Bergoglios größter Segen der Welt fand am 28.03.2020 statt bei weltweit dokumentierten 640.000 Infizierten und 29.848 Toten nach Angaben der Johns Hopkins University statt.

Zwei Wochen nach Bergoglios Paukenschlag liegen wir am Karfreitag weltweit dokumentierten 1.687.857 Infizierten und 102.198Toten.

Eine Millionen Infizierte und über 70.000 Tote mehr durch das massive Eingreifen des Stellvertreter Gottes auf Erden?
Päpstliche Extremgebete sind also genauso sinnlos wie die vielen Gebete, die von den sechs Millionen Juden ausgesprochen wurden bevor sie im Holokaust von deutschen Christen ermordet wurden.

Um dieses offensichtlich sinnlose Organisation zu schützen gilt auch am heutigen Karfreitag das allgemeine Tanzverbot.

 (….) Jeden Karfreitag gibt es wieder Diskussionen um das kirchlich erzwungene Tanzverbot für alle Menschen in Deutschland – inklusive einer langen Liste mit 756 Filmen, die auf Befehl der Katholiban und Evangeliban nicht angesehen werden dürfen:

"Schnapsnase und Schlappohr" (1980)
"Das Leben des Brian" (1980)
"Louis der Spagettikoch" (1981)
"Käpt’n Blackbeard’s Spuk-Kaschemme" (1981)
"Didi Hallervorden – Alles im Eimer" (1981)
"Die Feuerzangenbowle" (1981)
"Piratensender Powerplay" (1981)
"Durchs wilde Kurdistan" (1983)
"Sunshine Reggae auf Ibiza" (1983)
"A Hard Day’s Night" (1984)
"Max und Moritz" (1985)
"Top Gun" (1986)
"Police Academy" (1988)
"Harold And Maude" (1988)
"Ghostbusters" (1990)
"Reservoir Dogs" (1992)
"Lotta zieht um" (1995)
"Meisterdetektiv Blomquist" (1995)
"Heidi in den Bergen" (2001)

[…..] Es ist aber auch eine grausame Geschichte: Ein fünfjähriges Waisenmädchen in einer gottverlassenen, zugigen Berghütte. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Ein mürrischer alter Mann ohne richtigen Namen. Eine karrierewütige Großstadttante, die das Kind zwingt, der gehbehinderten Cousine als Gespielin zu Diensten zu sein.
Nein, entschieden fünf Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) im Oktober 2001. Ein unzumutbares Machwerk. Dieser Film sei geeignet, das "religiös sittliche Empfinden an stillen christlichen Feiertagen zu verletzen". Seither darf "Heidi in den Bergen" an Karfreitag nicht mehr in öffentlichen Filmvorführungen gezeigt werden. Der Cartoonklassiker von 1975 – eine Gefahr für das seelische Wohl der Nation und seiner schützenswerten Schäflein. [….]
Es ist immer problematisch Strafgesetze aufgrund des religiös sittlichen Empfindens Einzelner zu erlassen, denn wie soll man ermessen was das eigentlich ist?
Immerhin gibt es offensichtlich auch genügend Menschen in Deutschland, deren religiös sittliches Empfinden empfindlich durch Frauen ohne Kopftuch, Ehescheidung, Küsse zwischen Männern oder Miniröcke gestört wird.
Wenn wir auf jede Empfindlichkeit mit Verbotsgesetzen reagieren, bleibt nichts mehr erlaubt.
Wenn ich nur allein daran denke was alles MEIN empfindlich sittliches Empfinden beeinträchtigt:
Nackte Füße, Sandalen, Trachten, Volksmusik, Bärte, schwarzrotgold, Schlager, Countrymusic, Blaskapellen, Schützenvereine, Fußball, Fangesänge, Hupkonzerte, Kirchenglocken, Motorradlärm, Hundegebell, Kindergeschrei, RTL-Vorabendserien, Quizsendungen, Weihnachtslieder, Loveparade, Radfahrer, Smombis, Grillen, Fischgeruch, Donald Trump, Radiowerbung, die AfD, Horst Seehofer, Jens Spahn, beige Steppwesten, Man-buns, Hipster, kurze Hosen, Zigarettenrauch, Biergärten, Imbissbuden, Feuerwerk, Rollkofferlärm, Sex-Geräusche, junge Mütter im 80.000-Euro-SUV, Repp-Musik.
Und das war nur das, was mir in einer Minute einfällt.
Wenn ich diese Liste mit 82 Millionen (Bürger in Deutschland) multipliziere, bekomme ich eine offensichtlich nicht praktikable Masse von Verboten.
Das kirchliche Tanz- und Filmverbot insbesondere in einer atheistischen Stadt wie Hamburg ist anachronistischer Humbug und gehört sofort abgeschafft. (….)

Seit Jahrzehnten wird vor weltlichen Gerichten gegen dieses religiöse Gesetz geklagt. Erfolglos. Ich darf immer noch nicht meinem Bedürfnis nachgehen am heutigen Tage "Louis, der Spagettikoch" (1981) zu sehen.

Aber immerhin kosten die Religioten dieses Jahr auch einmal ihre eigene Medizin. Auf vielen Ebenen hatten sie gegen das Gottesdienstverbot zu Ostern geklagt und überall verloren.