Freitag, 19. November 2021

Corona-Parteipolitik

Es ist verdammt schwer, den Nachrichten zu folgen, ohne wie zum Beispiel Samira El Ouassil, eine meiner Lieblings Spiegel-Kolumnistinnen, Schreikrämpfe zu bekommen.

Seit Monaten prophezeien Virologen, Mathematiker, Ärztevertreter unisono, was für ein Desaster wir im Winter erleben werden, wenn die Impfquote nicht drastisch erhöht wird, aber sie werden kollektiv von der politischen Klasse ignoriert. Nachdem nun exakt das eintritt, was alle vorausgesagt haben, erklären die Regierenden; damit habe nun wirklich niemand rechnen können.

  [….] Reihenweise geben sich Politiker jetzt »überrascht von der Dynamik« der Coronazahlen. Wie kann das sein? [….] Das RKI lag bei dem nun eingetretenen, mit der aktuellen, niedrigen Impfquote berechneten Szenario etwa ein bis zwei Wochen daneben, die gegenwärtige Kurve wurde jedoch exakt vorgezeichnet. Die echte oder gekonnt gespielte Überraschtheit auf politischer Ebene ist dementsprechend von fast imponierender Dreistigkeit, »überrascht von der Dynamik« wurde hierbei zu meiner persönlichen Hassformulierung, die von verschiedenen Akteuren nahezu wortgleich übernommen wurde.  Wie kann man bei berechneten Kurven von einer »Dynamik« »überrascht« werden? Der Witz an einer exponentiellen Kurve zum Beispiel ist, dass sie an jeder Stelle exponentiell ist und nicht erst »plötzlich« ganz am Ende. Es gibt wenig Vohersagbareres als exponentielle Kurven (klar: das Amen in der Kirche). Dementsprechend ist es auch eine semantische Albernheit, von explodierenden Zahlen zu sprechen, als seien die Ziffern aus dem Hinterhalt geworfene Blendgranaten. Und rein praktisch: Wie kann man bei exakt derselben Anordnung wie im vorherigen Jahr, bei einer saisonalen Wiederholung mit loseren Kontrollumständen, von einer »Wucht« »überrascht« werden? Auch der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek performt ohne Not die Überraschtheit einer Person, die in den Wald läuft und dort aufgrund der unerwartet vielen Bäume überfordert ist: »Ich glaube, dass wir eine Dynamik momentan erleben, die wirklich nicht vorhersehbar war.« [….] 14. November 2021. Katrin Göring-Eckardt twittert: »Es bleibt tragisch, dass so wenig vorbereitet war für diese Situation.« Eine Kolumnistin in München wirft ihren Laptop schreiend aus dem Fenster. [….]

(Samita El Ouassil, 18.11.2021)

Ich gebe zu, von dem Ausmaß des Versagens der künftigen Regierung überrascht zu sein. Ich hatte mehr Rationalität und Durchsetzungsvermögen von Olaf Scholz erwartet.

Allerdings ist er noch keineswegs gewählt und wurde vom Souverän dazu verdammt, mit der FDP eine de facto regierungsunfähige Partei ins Boot zu holen, die nicht nur abstrusen Voodoo-Ökonomie-Ansichten anhängt, sondern auch bezüglich der Pandemiebekämpfung hanebüchenen Unsinn schwurbelt.

[…..] „Der Begriff Lockdown macht vielen Menschen Angst“ – @MarcoBuschmann (FDP) spricht sich gegen die Maßnahmen erster Bundesländer aus, die jetzt einen „Lockdown light“ für Ungeimpfte gegen die vierte Welle einführen.   [….]

(MM, 03.11.2021)

[…] Wir haben Maßnahmen wie Lockdowns, pauschale Schul- und Betriebsschließungen oder Ausgangssperren aus dem Gesetz gestrichen. Diese können nicht mehr angewendet werden. TB [….]

(@MarcoBuschmann, 17.11.2021)

[….] „Die FDP läuft rum und verkauft es als Freiheit, dass man den Leuten möglichst viele Möglichkeiten gibt, sich anzustecken“, kritisierte [Weltärztepräsident Frank Ulrich] Montgomery die Liberalen scharf. „Für mich ist das ein völlig falscher Freiheitsbegriff. Das ist die Freiheit zum Krankwerden und zum Sterben. Aber nicht die Freiheit zum Leben, die wir eigentlich doch wollen.“ [….]

(RND, 12.11.2021)

Wenn Olaf Scholz der irrlichternden FDP zu sehr in die Parade fährt, bevor der Koalitionsvertrag geschrieben ist, könnte die Ampel platzen; zumal die Grünen sich kaum durchsetzen können und Habeck sogar schon öffentlich mit dem Abbruch der Verhandlungen drohte. Damit könnte es zu Jamaika und einem Bundeskanzler Laschet kommen. Das hätte insbesondere für die Grünen den Reiz, daß die am Boden liegende CDUCSU nahezu jedes Zugeständnis machen würde.

Dagegen spricht aber die Bundestagsdebatte dieser Woche, die einerseits ein neuer Tiefpunkt der Corona-Politik war, aber andererseits auch von heftigen Beschimpfungen zwischen FDP und Grünen auf der einen, und CDUCSU auf der anderen Seite, geprägt war. Es herrschte so böses Blut, daß man sich kaum vorstellen kann, wie jetzt noch jamaikanisiert werden könnte.

[….] Die Corona-Lage ist frustrierend, gleich in doppelter Hinsicht. Da sind zum einen die desaströsen Infektionszahlen, die keinen Zweifel daran lassen, dass sich die Lage in den Krankenhäusern in den kommenden Wochen noch verschlimmern wird. Und da ist, zweitens, die Bundestagsdebatte am Donnerstag, die zweifeln lässt, ob der Ernst der Lage wirklich von allen verstanden wurde. Wer die Diskussion der Parteien zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes verfolgte, erlebte ein banales politisches Hickhack: Parteien, die sich gegenseitig die Schuld zuschieben wollten, nichtssagende Floskeln. Argumentationsmuster: Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen, danke, Applaus. Dieses politische Blabla-Ritual ist schon in normalen Zeiten ermüdend, nun aber ist es eine Frechheit. [….]

(Angelika Slavik, 19.11.2021)

Demnach spricht also alles für einen zukünftigen Bundeskanzler Olaf Scholz, der leider mit mauligen Grünen startet, die ihm Schwierigkeiten machen werden, weil sie so schlecht verhandelt haben und dementsprechend unter Druck stehen, sich in der Regierung zu profilieren.

Andererseits bekommt er es mit drastischen Corona-Peeks zu tun, die er nicht richtig bekämpfen kann, weil ihm Lindners Schwurbler die entsprechenden Instrumente schon vorher aus der Hand schlugen und dann auch noch jede vernünftige Finanz- und Wirtschaftspolitik verhindern möchten.  Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Olaf Scholz also im Jahr 2022 in sehr schweres Fahrwasser kommen.

Als Oppositionsführer wird es wohl Friedrich Merz sein, der ihm mit maximalem Speichelfluss, laut kläffend in die Waden beißt. Geht es nach dem SPIEGEL-Redakteur Veit Medick, könnte Merz der perfekte Mann für diese Situation und für die CDU sein.

  [….]  Analysiert man die Lage der CDU nüchtern und lässt bestimmte Klischees außen vor, spricht manches dafür, dass Merz nicht der falsche, sondern vielmehr der richtige Mann sein könnte, um die Partei in der Krise zu übernehmen und womöglich sogar wiederzubeleben. Dafür gibt es zunächst naheliegende Gründe, sein Hintergrund und sein politischer Stil zählen dazu. Merz, 66, war schon einmal Oppositionspolitiker. Er sucht Bühnen, kann reden, und, ja: Er polarisiert, mitunter auch hart am Rande der Seriosität. Gerade deshalb ist Merz einer der ganz wenigen in der Union mit einer Breitenwirkung, die der CDU garantieren dürfte, in den kommenden Jahren erkennbar zu bleiben. Dies ist jenseits der Regierung keine Selbstverständlichkeit, aber in einer Mediendemokratie eben eine notwendige Bedingung, um politisch zu überleben. Wenn Merz auf einen Kanzler Olaf Scholz antwortet, dürfte das jedenfalls mehr Menschen erreichen, als wenn – sagen wir – Helge Braun das tut, von dem viele Deutsche nicht einmal wissen dürften, dass er Politiker ist, geschweige denn, dass er als Kanzleramtschef arbeitet. [….]

(Veit Medick, DER SPIEGEL No 46/2021, 12.11.2021)

Na wenn sich Medick da nicht irrt.

Merz polarisiert zwar wirklich und generiert mehr Aufmerksamkeit als Laschet oder Braun. Aber sein von seiner absurd übertriebenen Selbstbegeisterung angetriebenes forsches Vorpreschen, lässt seine Fans immer wieder vergessen, daß er nicht nur charakterlich verdorben ist, sondern auch intellektuell schwer angeschlagen ist. Immer wieder platzen abstruse rückwärtsgewandte Altmänner-Vorurteile über Frauen oder Schwule aus ihm heraus. Zudem ist Merz moralisch als Politiker ungeeignet, weil er so viel lügt.

[….] Der ruchlose Herr Merz

Friedrich Merz verzerrt grüne Forderungen und verbreitet Lügen über die Partei. [….]

(Ulrich Schulte, taz, 08.08.2021)

Der Private Equity-Lobbyist ist bekannt für seine diametral falschen ökonomischen Prognosen und fällt in Talkshows mit sagenhaftem Nicht-Wissen auf.

(….)  In Wahrheit ist der Jurist ökonomisch so ahnungslos, daß er von richtigen Experten kontinuierlich ausgelacht wird. Grüne, Linke und Sozis führen ihn immer wieder in Talkshows vor, wenn er etwas besonders Idiotisches von sich gibt und seine eklatanten ökonomischen Wissenslücken offenbart.

 […] Doch dann rauscht ein Shitstorm durchs Netz. Wirtschaftspolitiker, Ökonomen und Vertreter des Wahlvolkes sind entsetzt von mangelndem Sachverstand oder einfach empört. Er biete Merz "ein kurzes Briefing in Sachen Geldsystem und Staatsfinanzen" an, "sollte nicht länger als ein Jahr dauern, bis wir Sie so fit haben, dass Sie wieder mitreden können", twittert der Ökonom Maurice Höfgen, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag arbeitet. "Ist schon fast lustig, dass der 'Wirtschaftsexperte Merz' keine Ahnung von wirklich grundlegender Ökonomie zu haben scheint", ein anderer. "Die alte Nummer, den Menschen große Angst vor angeblichen Schulden machen", ärgert sich ein Nutzer.  "Ohgottohgott, dieser Mann tritt in meinem Wahlkreis an. @FriedrichMerz, kommen Sie doch mal rüber in die Altstadt, ich leih' Ihnen meinen Bofinger", bietet jemand an. Auf die "Grundzüge der Volkswirtschaftslehre" von Peter Bofinger verweist auch der Linken-Fraktionsvize Fabio De Masi, er twittert ein Bild des Lehrbuchs. "Ist das die neue Wirtschaftskompetenz?", fragt er. Und, an Merz gerichtet: "Wissen Sie eigentlich, was eine Liquiditätsfalle ist? Sie scheinen da was verwechselt zu haben." - "Oh Lord Keynes!" […..]

(SZ, 26.04.2021)

Die einstigen Wirtschaftsparteien der Union, die so tief gesunken sind, daß sie einen lügenden Blender (Guttenberg), einen hoffnungslos Überforderten, der wegen Lustlosigkeit zurücktrat (Glos) und nun sogar Altmaier zum Wirtschaftsminister machten, sind ökonomisch so verblödet, daß sie noch nicht mal mehr merken wie hanebüchen ihre Aussagen sind und sich selbst für brillant halten. Der klassische Dunning-Kruger-Effekt.

[…..] Genüsslich schiebt die Süddeutsche noch nach, dass Merz schon öfter mit wirtschaftswissenschaftlich zweifelhaften Ratschlägen aufgefallen sei, vor einem Jahr z.B. mit dem Hinweis, man dürfe Fleisch nicht zu teuer machen, weil Lebensmittel eine geringe Preiselastizität haben. Da hätte er nun wirklich einmal überlegen sollen, was er sagt. Wirtschaftspolitiker/innen, die keine Ahnung haben, aber glauben, sie zu haben, haben möglicherweise noch etwas anderes: ein erhöhtes Risiko, dem Dunning-Kruger-Effekt zum Opfer zu fallen. Die anderen lassen sich vielleicht doch eher von Expert/innen beraten. [….]

(Science Blog, 27.04.2021)

(Unternehmerisches Versagen, 09.10.2021)

Merz ist das Idol der Parteijugend; Kuban und Amthor liegen ihm zu Füßen. Aber er ist eben nicht nur ein parteipolitischer Serienverlierer, sondern auch etwas doof.

Wenn der Flugzeug-Besitzer etwas prognostiziert, kann man schon mal sicher sein, daß es sicher nicht so kommt.

[….] „#Corona darf nicht mehr unser ganzes Leben diktieren. Ein sehr großer Teil der Bevölkerung ist geimpft, #Inzidenz und Hospitalisierung liegen deutlich unter den Horror-Szenarien von z.B. Herrn #Lauterbach. Wir müssen so schnell wie möglich zum normalen Leben zurückkehren.“ [….]

(Friedrich Merz, 24.10.2021)

[….] Ich wusste, dass @_FriedrichMerz  hier falsch liegen würde. Aber mir wäre es auch hier lieber gewesen, wenn ich mich geirrt hätte und es würden jetzt weniger Menschen sterben. […..]

(Karl Lauterbach, 17.11.2021)

Ja, Olaf Scholz wird es schwer haben.

Aber ob ausgerechnet Friedrich Merz intellektuell in der Lage sein wird, ihn parteitaktisch auszumanövrieren, wage ich doch sehr zu bezweifeln.

Donnerstag, 18. November 2021

Söder im Pech

Mit einer wirklich frommen Person über Gott zu diskutieren, ist sinnlos. Je schlichter sie gebildet ist, desto sinnloser. Wer glückselig davon spricht, Jesus in sich zu spüren, wird dieses Gefühl nicht durch rationale atheistische Argumente abstellen.

Es ist so ähnlich wie mit Impfgegnern. Ihnen kann man Stunden, Tage, Wochen detailliert erklären weswegen sie falsch liegen, ohne auf einen Funken Einsicht zu stoßen.

Ergiebiger ist es, sich mit Theologen, Menschen in kirchlichen Funktionen oder gar Geistlichen zu streiten. Ihnen kann man die Amoralität der christlichen Lehre, die Grausamkeiten, die Blutigkeit, die Verbrechen, die Historie, die Widersprüche, die Lügen ihres Vereins vorwerfen. Oder man kann sie in die grundsätzlichen Theodizee-Fragen treiben – wieso ließ Gott den Holocaust zu?

Die dritte Streitlinie mit Profi-Gläubigen bildet ihre Geldgierigkeit, also die mannigfachen aberwitzigen Verstrickungen von Kirche und Staat, die einen steten Milliardenfluss aus dem allgemeinen Steuertopf in die Kirchenkassen bewirken.

Es ist aber eine dritte Gruppe, die mich am meisten ärgert. Das sind die indolenten, desinteressierten, Schwach- oder Ungläubigen, die zwar keinen spirituellen Zugang zur Religion haben, aber dennoch hartnäckig der Ansicht sind, Kirchen wären etwas Gutes, täten so viel Gutes. Das Extrembeispiel für diesen Typ Religiot ist Annalena Baerbock, die offen erklärt, selbst nicht an Gott zu glauben, aber so begeistert von den Taten der Organisation Kirche zu sein, daß sie deswegen ganz bewußt zahlendes Kirchenmitglied sei.

Das ist äußerst unangenehm, weil sie a) keine metaphysischen Anwandlungen als Entschuldigung dafür hat, den hunderttausenden Opfern brutaler kirchlicher Gewalttaten in den Rücken zu fallen und sie b) auch noch grotesk schlecht informiert ist, wenn sie nicht weiß, daß die vielen angeblichen sozialen Wohltaten der Kirchen, eben gerade nicht aus der Kirchensteuer finanziert werden, sondern vom Staat. Von Muslimen, Hindus und Atheisten wie mir.

Die Gleichgültigen, die ungläubigen Kirchenfreunde und sonstigen religionspolitischen Tagträumer, haben leider keine Ahnung, wie die beiden großen Krakenkirchen den Staat aussaugen. Wir, der säkulare Staat, zahlen die Bischofsgehälter, die Pensionen der Kardinäle, die Theologenausbildung, die Kircheninstandsetzungen. Wir unterhalten zu mehr als 95% Kitas, Heime, Schulen und Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft. Kirchen beharren auf absurdeste Privilegien, so daß auch in vollständig ungläubigen Gegenden niemand an einem Karfreitag tanzen darf. Sie unterhalten Verbindungsbüros in Landtagen und Bundestag, haben exklusiven Zugang zur Gesetzgebung. Kirchliche Vertreter werden ohne jegliche Eignung in Ethikkommissionen und Rundfunkräte geschickt, mit den absurden Folgen, daß jemand wie Kardinal Marx um Expertise zum Atomausstieg gefragt wird.

Unglaublich aber wahr, Bundeskanzlerin Merkel berief Marx 2011 in die Ethikkommission „Sichere Energieversorgung.“ Hatten denn Lothar Matthäus oder der Wendler keine Zeit, um die Energiewende zu planen? Aber auf diese Weise bilden die Regierenden und die Kirchenfürsten ein Amalgam aus gegenseitigen Gefälligkeiten und Abhängigkeiten.

Was ein katholischer Top-Prälat, dessen Lehre noch nicht mal Frauen als vollwertige Menschen ansieht, sie deswegen als zu unwürdig für geistige Jobs erachtet, der für die systematische Vertuschung von sexuellem Kindesmissbrauch und Homophobie steht, überhaupt in einer ETHIK-Kommission zu suchen hat, weiß vermutlich wirklich nur der liebe Gott, der nicht existiert.

Markus Söder, der innerhalb von drei Monaten vom deutschen Hoffnungsträger, Primus der Beliebtheitsrankings, Kanzlerkandidaten des Herzens, Großmeister der Corona-Strategien und gefühltem Merkel-Nachfolger zum depressiven Provinzler ohne Fortüne und Corona-Großversager abstürzte, hält sich natürlich einen eigenen bayerischen Ethikrat.

Darin versammelte er CSU-freundliche Altvordere und ganz besondere Blitzbirnen, wie die erschreckend unterbelichtete Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler.

(….) Breit-Kessler ist aufgrund ihrer außerordentlichen religiotischen Qualitäten und reduzierten intellektuellen Möglichkeiten eine alte Blog-Bekannte.

In ihren Kolumnen verbreitet die 67-Jährige Oberbayerin hanebüchenen Unsinn, der einen staunend zurück lässt. Man kann ihr aber nicht wirklich böse sein, weil sie offensichtlich nicht klug ist. Ich lasse Milde walten, weil die arme Frau es offenbar wirklich nicht besser weiß. Religiotie befriedet die Gesellschaft, indem sie die Unterprivilegierten beruhigt, ihnen damit hilft sich mit Ungerechtigkeiten abzufinden. Je mehr Religioten, desto einfacher lassen sich rechtliche und soziale Unterschiede aufrechterhalten, Der Glaube hält die Armen dumm und still.

[….] Religiosität macht arme Menschen glücklicher.  In einer neuen Studie untersucht ein internationales Forschungsteam den Zusammenhang zwischen sozialer Klasse, psychischem Wohlbefinden und Religiosität. Das Ergebnis: Religiosität kann durch Armut verursachte psychische Belastungen abfedern oder gar wettmachen. Die Studie legt außerdem nahe, dass mit fortschreitender Säkularisierung ein niedriges Einkommen immer gravierendere Effekte auf das Wohlbefinden haben wird.  […..]

(Uni Mannheim, 23.09.2021)

Als atheistischer Sozialdemokrat und Staatsbürger möchte ich aber nicht, daß sich „die Unterschicht“ klaglos damit abfindet, wenn kontinuierlich von unten nach oben  umverteilt wird.  Ich plädiere für Fairness, sozialen Ausgleich und Chancen-Gleichheit.  Daher halte ich es für unproblematisch, wenn das schlichte Gemüt Breit-Keßler in TV-Zeitschriften ihren Unsinn verbreitet.

Markus Söder machte diese (mindestens) Partial-Debile aber zur Vorsitzenden des Bayerischen Ethikrates. (….)

(Spinner-Quote, 02.10.2021)

Tja, in so einer Pandemie kann etwas Ethik vermutlich nicht schaden, wenn man an führender Stelle politisch aktiv ist und leider zu doof ist, sich an Wissenschaft und Fakten zu halten.

[….] Der Bayerische Ethikrat berät Ministerpräsident Dr. Markus Söder und die gesamte Staatsregierung in den entscheidenden Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Das Gremium wurde vom Ministerrat am 1. Oktober 2020 eingesetzt und beschäftigt sich mit der gesamten Bandbreite ethischer Fragen. [….]

(Bayerische Staatskanzlei)

Zu den Mitgliedern gehören Prof. Dr. Reiner Anselm (Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik an der LMU München), Susanne Breit-Keßler (Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates, ehemalige Regionalbischöfin), Prof. Johanna Haberer (Abteilung Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), Rabbiner Steven E. Langnas (Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik im Religionsunterricht der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München),  Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger (Bischofsvikar für Bioethik und Sozialpolitik, Dompropst am Bistum Augsburg), Prof. Dr. Armin Nassehi (extrem rechter Hardcore-Religiot) und Prof. Dr. Traugott Roser (Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster).

Die Besetzung ist natürlich ein Skandal, der nur dadurch übertroffen wird, daß niemand daran Anstoß nimmt und kaum einer sie als Skandal empfindet.

Bei so viel Top-Frömmigkeit sollte Markus Söder, der Mann, der in allen bayerischen Amtsstuben einen Kruzifix-Zwang einführte, wohlgelitten sein. Aber, mit Armin Laschets Griff zur Kanzlerkandidatur, verließ Sudel-Markus offensichtlich endgültig das Glück. Seine Reputation ist dahin, sein Selbstbewusstsein angeknackt, in Berlin hat die CSU keinen Einfluß mehr und die Pandemie ist in Bayern außer Kontrolle.

Die Inzidenz in Bayern liegt heute, am 18.11.2021 bei unfassbaren 610 Neuninfektionen/100.000. Ein Wert, der nur noch von Sachsen überboten wird. Gleich sechs bayerische Landkreise bringen es gar auf vierstellige Werte.

Und als i-Tüpfelchen nun noch das: Der fromme Ethikrat fällt dem Chef-Bayern in den Rücken!

[….] Ethikrat wirft Söder schwere Versäumnisse vor

[….] Der bayerische Ethikrat hat die Corona-Politik der Staatsregierung scharf kritisiert. Vor ein paar Wochen habe man noch so getan, "als sei die Sache vorbei", sagte Armin Nassehi der Süddeutschen Zeitung. Der Münchner Soziologe ist stellvertretender Leiter des Gremiums, das die Regierung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) berät. Nassehi warf der Staatsregierung vor, sie habe in den Sommermonaten nicht konsequent genug gehandelt. Durch die Trödelei sei man in eine Situation geraten, in der man womöglich einen Lockdown brauchen würde, den die Politik aber ausgeschlossen habe. Nassehi verwies auf eine Stellungnahme des Ethikrats vom 10. Juni an die Staatsregierung. Darin wird dringend zur Vorbereitung einer weiteren Impfwelle geraten, "weil ein Teil der Geimpften ihren Schutz womöglich zu der Jahreszeit verlieren wird, in der aus saisonalen Gründen die Wahrscheinlichkeit der Verbreitung des Virus wieder steigt". Hier stünden Entscheidungen unmittelbar bevor, die nicht erst in einigen Monaten getroffen werden könnten. Weiter heißt es in den Papier: "Ziel aller Planungen muss sein, im kommenden Herbst und Winter ohne radikale Kontaktbeschränkungen und ohne Lockdowns auszukommen. Das ist aber nur möglich, wenn nicht gewartet wird, bis sich radikale Maßnahmen überhaupt nicht mehr vermeiden lassen." In genau diese Lage könnte sich die Staatsregierung um Ministerpräsident Söder nun manövriert haben - trotz der frühzeitigen Warnungen aus dem eigenen Beraterkreis. [….]

(SZ, 18.11.2021)

Mittwoch, 17. November 2021

Keinen Bock mehr – Teil II

Während CDU (will im Bundesrat die Ampel-Corona-Pläne blockieren) und CSU (Söder attackiert Scholz) weiterhin Parteipolitik betreiben, kollabiert das Gesundheitssystem in den ersten Landkreisen.

[….] Wir haben es geschafft! Der erste Kreis in Deutschland hebt die weiße Fahne, nichts geht mehr. Durch politische Versagen, ständiges Zuhören bei Covidioten, nicht Durchgreifen und kompletter Ignoranz durch die Covidioten und deren Helfer in der Politik AfD und FDP. Das Ergebnis der so gepriesenen Eigenverantwortung.

ZDF Bayern: Bilder des bayerischen Kollaps: Via Instagram berichten die Rottal Inn-Kliniken von der Verlegung von 23 Patienten nach Nordbayern, darunter 4 Intensivpatienten. Wegen der hohen Inzidenzen sind die Kliniken des Landkreises an ihren Kapazitätsgrenzen gestoßen.

Das ist nicht Bergamo, Delhi oder Bratislava. Das ist #RottalInn in #Bayern, in einem Land mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt. Per Instagram-Aufruf (!) werden verzweifelt Ärzte und Pflegekräfte zur akuten Unterstützung gesucht, 23 Patienten verlegt. [….]

(Frank Stollberg, 17.11.2021)

Das kommt davon, wenn in den großen täglichen Talkshows mit Millionenpublikum immer wieder die Schwurbler neue Impfgegner schöpfen können.

Plasberg, Lanz und Will haben große Schuld auf sich geladen, indem sie die gefährlichen Faseler wie Sahra Wagenknecht, Alexander Kissler, Svenja Flaßpöhler, Wolfgang Kubicki einladen.

Die noch extremistischeren Hildmann, Naidoo und Berger treiben zwar auch ihr Unwesen, bleiben aber weitgehend in ihren jeweiligen braunen Telegram-Blasen, in die eine durchschnittliche Familie nicht ganz so leicht nach dem Abendessen hineinstolpert.

Daher ist Sahra Sarrazin mit ihrem enormen Bekanntheitsgrad, ihrer gebildeten Ausstrahlung und der Spagat-Fanbase von ganz links bis ganz rechts, viel gefährlicher als die weitgehend geistesgestörten Sonderlinge, die in verschwörungstheoretischen Blogs wie PP wider Gates, „Impf-Apartheid“ und Adenochrom-Spritzen wettern.

Das breite Publikum mit Kisslers pervertierten Freiheits-Aufrufen (für Ungeimpfte) zu verwirren, entfaltet zwei Jahre nach den ersten Corona-Toten in der so viel ansteckenderen Delta-Zeit eine perfide Wirkung.

Werner Bartens, der Gesundheitsexperte der SZ, spricht von „Corona-Alzheimer“; wir hätten verlernt, was wir vor anderthalb Jahren über Sars-CoV2 wußten. Die Inzidenz von heute, ist die Intensivbelegung in drei Wochen. 50.000 Neuinfektionen an einem Tage bedeuteten 3.000 Krankenhauseinweisungen und 200 Menschen, die in drei Wochen tot sein werden. Flatten the Curve und die Verzögerung der Todesraten wären offensichtlich vergessen.

  Es wird also schlimmer!

Sicher wissen wir immerhin eins: Die demokratisch wünschenswerte Einsicht und Vernunft der Bürger, die kompetent die Fakten abwägen, sich überzeugen lassen und dann verantwortungsbewusst handeln, indem sie sich impfen lassen, trifft auf ein Drittel der Menschen nicht zu. Sie sind nicht erreichbar durch Argumente.

Porno-Expertin Svenja Flaßpöhler, neue Heldin von Bergers Pipi-Blog, richtet Schaden an, wenn sie ihren Unsinn bei Plasberg einem Millionenpublikum unterbreitet.

[….]  Die Philosophin Svenja Flaßpöhler setzt den unerfreulichen Fakten jede Menge gefühlte Wahrheiten entgegen, gewissermaßen eine große Portion "Heiteitei" für die Impfverweigerer. Sie finde es "falsch und fatal", Ungeimpfte "zu kriminalisieren". Es werde jetzt das politische Versagen auf die Menschen übertragen, die sich nicht impfen lassen wollten und dafür eben ganz unterschiedliche Motive hätten. [….]  Die Fehler verortet Flaßpöhler in Politik und Medien. "Die Politik der Bevormundung führt dazu, dass die Leute verlernen, sich vernünftig zu verhalten." Dass es womöglich genau umgekehrt ist, dass nämlich die Politik den Leuten Vorschriften machen muss, weil diese sich nicht vernünftig verhalten, kommt ihr nicht in den Sinn. [….]

(Peter Fahrenholz, 17.11.2021)

So wie man nicht mit Pegidioten sprechen kann, sind auch Covidioten für den Diskurs verloren.

Das Personal in den Krankenhäusern ist am Ende der Kräfte. Die Dresdner Intensivpflegerin Michaela Strätz berichtet.

[….] Der Sommer und die damit verbundene Erholung sei schnell vergessen, berichtet Strätz. Dazu käme die psychische Belastung, weil wieder täglich Patienten versterben. "Wir sind Intensivpflegekräfte. Wir sind immer mit dem Tod konfrontiert, aber nicht in dieser Hülle und Fülle."  Auf der Dresdner Corona-Intensivstation liegen derzeit 19 Patienten, von denen 18 ungeimpft sind. Für das Team ist das eine mentale Herausforderung. Immer wieder haben sie mit Patienten zu tun, die Corona immer noch nicht ernst nehmen. Angehörige würden manchmal anrufen und fragen, ob ihr Angehöriger wirklich Corona habe, obwohl es im Labor nachgewiesen wurde. Intensivpflegerin Strätz hat dafür wenig Verständnis. [….]

(Tagesschau, 17.11.2021)

Geboosterte Menschen, die sich halbwegs sicher vor Covid19 fühlen, können aber auch jederzeit einen Herzinfarkt, eine Lungenembolie oder einen schweren Unfall haben, der sie auf die Intensivstation zwingt. Intensivmedizin, die womöglich aber nicht mehr zu leisten ist. Die womöglich viel zu langsam ist – bei Infarkten und Schlaganfällen kommt es auf Minuten an. Das kann ganz böse enden, wenn man nicht in zehn Minuten in der nächsten Klinik ist, sondern wie jetzt schon in Bayern und Sachsen möglicherweise ins Ausland geflogen werden muss.

Bartens berichtet von bayerischen Rettungshubschraubern, die so gerade eben noch lebende schwerverletzte Verkehrsunfallopfer aufnahmen und anschließend 30 Minuten am Boden bleiben mussten, weil die Leitstelle nicht in der Lage war, ihnen ein Krankenhaus in der Nähe zu finden, das den Patienten aufnehmen konnte.

Diese Dinge sind real. Die Zeit, in der man voller Hoffnung auf Vernunft der Bürger setzten konnte, ist vorbei.

Nun hilft nur noch staatlicher Zwang.

[…] Sehenden Auges gegen die Wand. „Nur damit Sie sich das vorstellen können“, sagte der Abgesandte der Berliner Charité zu Journalisten: „Wenn wir heute an einem Tag in Deutschland 50.000 identifizierte Erkrankte haben und nach derzeitigem Stand etwa 0,8 Prozent davon nach drei Wochen auf der Intensivstation landen, erwarten uns an einem Tag Anfang Dezember 350 bis 400 neue Intensivpatienten.“ Und dies sei unumkehrbar.  Diese Leute werden kommen, egal welche Maßnahmen jetzt ergriffen werden, denn die greifen für die Kliniken mit der gleichen zeitlichen Verzögerung. Jeder Tag mit hohen Infektionszahlen lässt also die auf die Kliniken anbrandende Flut der Covid-Patienten anwachsen. Überschlägt man das grob, wird klar, dass wir Anfang Dezember den bisherigen Höchststand aus dem Januar übertroffen haben werden. […] Diese Weihnachtzeit wird für viele alles andere als besinnlich werden. Und das ist empörend. Weil wir wieder zu spät zu wenig machen, wieder hinterherhecheln. Wo zum Beispiel bleibt die massive Booster-Offensive? […]

(Maik Koltermann, MoPo, 17.11.2021)

Dienstag, 16. November 2021

Typisch Deutschland

Selbst der fromme Frank-Walter Steinmeier, der sich eigentlich immer zurückhält, ist offenkundig entnervt.

[….] Die vierte Welle trifft unser Land härter, als sie uns treffen müsste. Denn wir wissen doch, was zu tun ist, um diese Pandemie endlich hinter uns zu lassen. Wir können es alle wissen. Die allermeisten Menschen in unserem Land lassen sich impfen, um sich und andere zu schützen. Diejenigen, die sich nicht impfen lassen, setzen ihre eigene Gesundheit aufs Spiel, und sie gefährden andere. Es sind vor allem Ungeimpfte, die sich in diesem Herbst mit dem Virus infizieren. Es sind vor allem Ungeimpfte, die auf den Intensivstationen um ihr Leben kämpfen.  Wenn ich höre, dass Menschen, die im Krankenhaus mit dem Virus ringen, noch immer bestreiten, dass es dieses Virus gibt, dann erschüttert mich das zutiefst. Es ist tragisch und besorgt mich zutiefst! Wer jetzt immer noch zögert, sich impfen zu lassen, den will ich heute ganz direkt fragen: Was muss eigentlich noch geschehen, um Sie zu überzeugen? Ich bitte Sie noch einmal: Lassen Sie sich impfen! Es geht um Ihre Gesundheit, und es geht um die Zukunft unseres Landes! [….]

(Bundespräsident Steinmeier, 15.11.2021)

Jeder muss sich impfen lassen, jeder muss sich auch boostern lassen; klar.

Da aber die Impfquote so grottenschlecht ist, könnten wir selbst dann nicht die vierte Welle mit Triage-Teams auf dem Intensivstationen aufhalten, wenn jetzt auf wundersame Weise plötzlich alle Ungeimpften zur Einsicht kämen, sich das Vakzin zu spritzen. Es dauert einfach zu lange, weil die Abstände zwischen den Impfungen eingehalten werden müssen und der volle Impfschutz auch erst zwei Wochen nach der zweiten Impfung gewährleistet ist.

Aber, wie sollte es auch anders sein; es ist schließlich „Deutschland hier“ (Guido W.); da funktioniert noch nicht mal diese elementare Maßnahme.

[…] Deutlich zu wenige Booster Impfungen in Norddeutschland

Bei den Booster-Impfungen im Norden hakt es gerade generell. Stand 15. November hätten in Norddeutschland 2,3 Millionen Menschen Anspruch auf einen Booster gehabt. Tatsächlich bekommen hatten sie bis zu diesem Datum jedoch erst rund 760.000 Menschen - also lediglich jeder Dritte, der Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung hätte. [….]

(NDR, 16.11.2021)

Außer einer funktionierenden Impfkampagne, brauchen wir auch noch folgende Sofortmaßnahmen:

1.) Bundesweit 2G, vermutlich sogar 2G+, also einen zusätzlichen Antigentest.

2.) Lockdown für Ungeimpfte.

3.) Mindestens Masken- und Testpflicht in den Schulen; vermutlich auch Abkehr vom Präsenzunterricht.

4.) Impfpflicht für alle Berufsangehörigen, die es mit vulnerablen Menschen zu tun haben.

5.) Restaurants, Kulturveranstalter, Lebensmittelläden, die 2G nicht leisten können, weil sie immer noch so viele ungeimpfte Mitarbeiter haben, auf die sie in Zeiten der Personalknappheit nicht verzichten können, müssen schließen. Wer elf Monate nach der Verfügbarkeit von BioNTech immer noch auf Ungeimpfte setzt, hat keine Rücksicht mehr verdient.

All das kann ich schon singen, weil ich das in den letzten Wochen so oft geschrieben habe. Allein; im gegenwärtigen Politvakuum mit einer wissenschaftsfeindlichen Querdenker-affinen FDP wird eben leider nicht das getan, was a) sein werden muss und das b) auch von einer deutlichen Mehrheit der Bürger so gefordert wird.

[….] Der Ampel-Koalition droht ein kolossaler Fehlstart. Und das liegt vor allem an der FDP. Denn die Partei wandelt in der Corona-Bekämpfung auf Pfaden, die fast zwangsläufig in eine Katastrophe führen müssen. Nun hat FDP-Chef Christian Lindner in Zweifel gezogen, dass Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren überhaupt einen Effekt auf die Ansteckungszahlen haben. So begründet er die Tatsache, dass die Ampel-Parteien – getrieben von der FDP – den Einsatz dieser Werkzeuge deutlich erschweren werden. [….] Für die jetzige angespannte Corona-Situation sind vor allem die Versäumnisse der scheidenden GroKo verantwortlich. Die FDP tut aber gerade alles dafür, dass man am Ende eines möglicherweise tragischen Corona-Winters vor allem ihr die Verantwortung dafür zuschieben wird. In Sachen Corona wirkt die Partei momentan nur bedingt regierungsfähig. [….]

(Christian Burmeister, Mopo, 15.11.2021)

Das Vertrauen in Olaf Scholz habe ich nicht verloren. Er hat als Hamburger Regierungschef immer wieder gezeigt, wie effektiv er sich durchsetzt und Dinge antreiben kann, die jahrelang stockten.

Ich denke, es ist sein juristischer Respekt vor der Verfassung, daß er sich vor einer Koalitionsvereinbarung – es könnte schließlich rechnerisch immer noch Armin Laschet Bundeskanzler werden – nicht in ein grundgesetzliches Vakuum begeben will. Daher passiert in Deutschland nichts.

Wir haben allerdings eine amtierende Kanzlerin, die angesichts der in südlichen und östlichen Landkreisen grotesk explodierenden Inzidenzen, aktiv werden sollte und all die oben genannten Maßnahmen per order die mufti durchdrücken sollte. Es wird sie kaum einer aufhalten – die meisten Parlamentarier wissen schließlich, daß es gar nicht anders geht.

Warum versündigt sich Angela Merkel also so sehr an Deutschlands Zukunft, nachdem sie schon ihre Entlassungsurkunde erhalten hat?

    Es ist nun einmal ihre Art. Die Frau ist viel leichter zu durchschauen, als es ihr Sphinx-artiges Image suggeriert. Sie mag einfach gern Kanzlerin sein und bombige Beliebtheitswerte genießen.

Daher läßt sie wie keine andere Politikerin manisch Umfragen erstellen, versucht nicht anzuecken und richtet sich letztlich nur danach, was ihr am meisten demoskopische Punkte bringt.

Merkel ist moralisch und charakterlich nicht zu einer Führungsrolle geeignet.  Sie ist zwar intelligent genug, um zu begreifen, welche Dinge anstehen, aber wenn das nicht ganz leicht funktioniert, verliert sie schnell das Interesse und verschwendet keine Energie mehr drauf.

Bildungsgipfel, Afghanistan, europäische Flüchtlingspolitik, Klimawandel, Beziehungen zu Russland, Dialog mit China, Steuerreform, Energiewende,  – alles tickte sie in den letzten 16 Jahren irgendwann mal an, gab aber gleich wieder auf, als sie auf Schwierigkeiten stieß. Dem Urnenpöbel spielte dieses Verhalten in die Hände, denn er mag keine Veränderungen. Das belegt die Unzufriedenheit all der Konservativen mit dem Flüchtlingsjahr 2015.

Wohlmeinende Merkelianer interpretieren die damals offen gehaltenen Grenzen als Merkels christlichen Moment, als den einen Beleg dafür, daß sie auch für ihre Überzeugungen eintrete, wenn es sein müsse.

Aber das ist natürlich kompletter Unsinn. Die Grenzen waren nie zu, also konnte Merkel sie nicht aufmachen. Sie konnte sie gar nicht schließen, wie Stefan Kornelius in wenigen klaren Sätzen darlegt.

[….] AMANPOUR: [….] Because clearly, you remember way back in 2000, you quoted it, she quoted it, she talked about her vision as being the market plus humanity. So, she's obviously a conservative economist, if I could put it that way, but she has tried to have a compassionate, Christian, humane government and policy.  And of course, we saw that when she allowed these immigrants fleeing war and devastation in their own country in 2015 to come in. That seems to have backfired on her. How does she go forward with that very issue now?

KORNELIUS: Well, on immigration issue, you are right. It totally backfired and she not only was liberal or welcoming to those migrants because she was liberal mind or had an open heart, but because she's a very pragmatic and clear-thinking woman. Not the German chancellor, not a single politician in Europe would have been able to stop 15,000 migrants a day crossing the German border.
So, I guess she didn't close the borders or didn't send them back for several reasons. She would have destabilized vast parts of east and southeast Europe, she would have sent an extremely devastating message about Germany's culture to the outside world. And she couldn't have lived up to the promises in the end anyway because those people would have turned around and come through the back door. You cannot seal off Germany. This is not possible.
So, what she did is she put in policies in place with Turkey, with other neighboring countries across the Mediterranean and Northern Africa to
basically channel this flow of migrants and actually trickle it down. It's definitely it's too many people coming to Europe. Now, that took time.
And that was the basic mistake, she communicated badly and she now pays a huge price for that.  She lost power for that in Germany. This is the single issue which has turned against her and it will be the issue which she will be compelled to deal with for the remaining time in her office. But
[….] things she could do or have to do with European unity, with the rise of populism in Europe.
[….]

(CNN, 02.11.2018)

Die Probleme entstanden nicht durch eine Millionen Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen. Die Bevölkerung war nämlich enthusiastisch dabei zu helfen. Haarig wurde es durch das totale Behördenversagen, das wieder einmal entstand, weil Merkel das Interesse verlor und nie auf BAMF und Integrationsbemühungen einwirkte, wie es ein Regierungschef hätte tun müssen.

Die Raute, einst lesbisches Erkennungssignal in dunkleren Zeiten, nun „Merkel-Raute“, gilt in Deutschland als der Signature Move Angela Merkels.  Dabei ist sie lediglich ein von Karikaturisten verwendetes Vehikel ohne Bedeutung. Als Merkel 1990, vor 31 Jahren, erstmals als Ministerin Teil der Bundesregierung wurde, fiel

sie als schlecht angezogen, eigenartig frisiert und zu allem Übel etwas ungehobelt auf. Legendär Helmut Kohls Lästereien darüber, sie habe nicht mal ordentlich mit Messer und Gabel essen können.

Eine gewisse Schlampigkeit erkennt man bis heute an ihren schlecht gepflegten Fingernägeln. Andere finden es durchaus sympathisch, daß sie so uneitel ist. Immerhin war sie klug genug, das Problem zu erkennen und eine pragmatische Lösung zu finden, die ihr leidige Diskussionen über ihre Erscheinung ersparte.

Schmuddel-Opa Joop, beschreibt es im aktuellen SPIEGEL-Interview zutreffend.

[…..] SPIEGEL: Sie trägt immer das gleiche Outfit.

Joop: Ja, und ihre Blazer sitzen einfach nicht. Die sind schlecht geschnitten. Sie kriechen hinten hoch, und die Brust wird unter den Arm gedrückt.

SPIEGEL: Trotzdem verzeihen Sie Frau Merkel das. Warum?

Joop: Weil sie schlau ist. Diese festgefrorene Outfitstrategie bei Merkel sagt: Man braucht keine Veränderung zu fürchten. Wenn sie etwas anderes getragen hätte, hätten die Leute gedacht: Jetzt fängt sie an, sich mit ihrer Kleidung zu beschäftigen. Dass sie das bis heute nicht tut, beruhigt. Merkels Blazer signalisieren Stabilität. Allerdings ist es ein kluger Marketingcoup. Mit diesem Jackenschnitt, in circa 117 Farben, ist sie aus jeder Outfitfrage raus. [….]

(DER SPIEGEL, 13.11.2021)

So ähnlich war es auch mit ihren Händen. Früher wußte sie bei Fototerminen einfach nichts mit ihren Armen anzufangen und stand mit ihrer etwas unglücklichen Figur da, wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Sie befragte dazu ihre jüngere Schwester Irene, die Ergo-Therapeutin ist und erhielt von ihr den einfachen Tipp, die Fingerspitzen unter dem Bauch zusammenzudrücken. Das funktionierte und somit änderte Merkel es nie mehr.

Ihr eigentlicher Signature-Move ist etwas anderes, nämlich daß Deutschland in ihrer „Ära“ in fast jeder Hinsicht den Anschluss verloren hat.

Jeden Vorsprung, den wir international in der Schröderzeit aufgebaut hatten – eingetragene Lebenspartnerschaft, exzellente Nachbarschaftsverhältnisse mit Polen, Russland und Frankreich, herausragende Kontakte in die arabische Welt, ökologische Steuerreform, Sozialreformen, Maschinenbau, Grüne Technologien – verspielte Merkel.

Nun hängt Deutschland geradezu grotesk hinterher, ist wieder „der kranke Mann“ aus der Kohl-Zeit. Wir können nichts mehr.

(….) Dafür verlor Deutschland während der 16 Merkel-Jahre bei nahezu jeder Zukunftstechnologie den Anschluss.

Deutschland kann weder Off Shore Windräder aufbauen (weil es kein  einziges deutsches Errichterschiff mehr gibt), noch Computer, Smartphones oder weltmarkttaugliche Elektroautos bauen. Let alone „5G“ oder künstliche Intelligenzen – Dank Merkel sind wir überall abgehängt. Deutsche Großprojekte (BER, Stuttgart21) sind internationale Lachnummern und die Bundeswehr ist ein Schrotthaufen. Dafür haben wir das langsamste Internet Europas, das ungerechteste und altmodischste Schulsystem und verarmte Universitäten, die Spitzenforschung längst aufgegeben haben.

16 Jahre lang verantwortete Merkel den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Sie ließ sich allerdings so gut wie nie dort blicken und kümmerte sich auf internationaler Ebene kaum um das Thema. Es endet nun im Desaster; Merkels Desaster. Durch ihr Führungsversagen irrlichterten gleich zwei politische Freundinnen ohne jede Expertise als Verteidigungsministerinnen durch den Krieg am Hindukusch. Auch das ist typisch Merkel: Personalpolitik kann sie nicht. In 16 Jahren gab sie nur zwei Regierungserklärungen zu Afghanistan ab. (….)

(Aus und Verklärung, 21.08.2021)

Nach 16 Jahren Merkel ist natürlich auch die auf Fax-Geräten basierende Verwaltung hoffnungslos veraltet. Nach zwei Jahren Pandemie klappt immer noch nicht.


Die Intensivstationen überlastet, die Ossis und Bayern ungeimpft, das Pflegepersonal ausgelaugt. Hunderttausende fehlende Heimplätze, hunderttausende unbesetzte Stellen in der Gesundheitsbranche, hunderttausende fehlende Lehrer und Pädagogen.

Merkel war und ist eine Geißel Deutschlands.

Und die bis heute mit Abstand beliebteste Politikerin des Urnenpöbels.

Wie der Herr, so sein Gescherr.

Die Wähler sind zu doof, um zu erkennen, was sie mit ihrer Merkel-Affinität angerichtet haben und Merkel ist so klug, all das Negative nicht an sich haften zu lassen und dafür auch noch so unverdientes Lob einzustreichen.

Bei der Laudatio zur Verleihung ihrer letzten Ehrenwürde in den USA, wurde Merkels Einsatz für ein modernes Deutschland gelobt, dabei ausdrücklich die „Ehe für alle“ gepriesen.  Hanebüchen, denn bei der Ehe für alle war Deutschland viel später dran als die USA und die westeuropäischen Nachbarländer. Spät dran, weil Merkel selbst jeden Fortschritt blockierte und bis zuletzt dagegen stimmte.

Aber das ist eben typisch. Merkel kennt die Umfragen, weiß wie die Mehrheit inzwischen tickt und streicht frech die Lorbeeren ein.

Montag, 15. November 2021

Der Christ des Tages – Teil XCIV

Wir befinden uns in Edenkoben, der kleinen Weinstraßenstadt mit 6698 Einwohnern im Süden von Rheinland-Pfalz. CDU-Bürgermeister Ludwig Lintz regiert mit absoluter Mehrheit, SPD und Grüne werden bei den Stadtratswahlen regelmäßig marginalisiert. Ein gutes Drittel der Bürger gehört zur Protestantischen Landeskirche Pfalz, ein weiteres gutes Drittel zum katholischen Bistum Speyer.

Aber auch in der tiefen südpfälzischen Provinz, fast 200 km von der Nahles-pfälzischen Provinz Mendig entfernt, bröckelt der Glauben.

Die Edenkobenerin Caroline Gutting, eine aufgeschlossene junge Yogalehrerin mit Nasenpiercing, war offensichtlich nicht mehr ganz zufrieden mit der homophob-misogynen Raffke-Kinderfi**er-Performance ihrer katholischen Gemeinde.

Der zuständige Pfarrer Matthias Pfeiffer von der Pfarrei Heilige Anna ist der Christ des Tages Nr. 94!  Als heimlicher Helfer der atheistischen Bewegung, nutzte er den berüchtigten DBK-Musterbrief von 2012, mit dem die deutschen Bischöfe den verlorenen Schäfchen noch ein paar Messer in den Rücken rammen.

[…..] Die  Erklärung  des  Kirchenaustritts  vor  der  zuständigen  zivilen  Behörde  stellt als  öffentlicher  Akt  eine  willentliche  und  wissentliche  Distanzierung  von  der Kirche dar und ist eine schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft. Wer vor der zuständigen Behörde seinen Kirchenaustritt erklärt, verstößt gegen die Pflicht, die Gemeinschaft mit der Kirche zu wahren (c. 209 §  1  CIC)  und  seinen  finanziellen  Beitrag  zu  leisten,  dass  die  Kirche  ihre Sendung erfüllen kann (c. 222 § 1 CIC i.V.m. 1263 CIC). 

Die Erklärung des Kirchenaustritts zieht folgende Rechtsfolgen nach sich: 

Als aus der Kirche ausgetretene Person

- dürfen Sie die Sakramente der Buße, Eucharistie, Firmung und

Krankensalbung – außer in Todesgefahr -  nicht empfangen, 

- können Sie keine kirchlichen Ämter bekleiden und keine Funktionen

in der Kirche wahrnehmen,

- können Sie nicht Taufpate und nicht Firmpate sein,

- können  Sie  nicht  Mitglied  in  pfarrlichen  und  in  diözesanen  Räten  sein (z.B. Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand bzw. Vermögensverwaltungsrat, Diözesanpastoralrat etc.),

- verlieren Sie das aktive und passive Wahlrecht in der Kirche,

- können Sie nicht Mitglied in öffentlichen kirchlichen Vereinen sein.

Wenn Sie eine kirchliche Ehe schließen möchten, muss zuvor eine Erlaubnis zur Eheschließungsassistenz beim Ortsordinarius eingeholt werden. Diese setzt Versprechen über die Bewahrung des Glaubens und die katholische Kindererziehung voraus.

Ebenso  kann  Ihnen,  falls  Sie  nicht  vor  dem  Tod  irgendein  Zeichen  der  Reue  gezeigt  haben,  das kirchliche Begräbnis verweigert werden.

Vielleicht  haben  Sie  die  Tragweite  Ihrer  Entscheidung  nicht  ermessen  und  möchten  diesen  Schritt  rückgängig  machen. […..]

(PM DBK, 20.09.2012)

So klingt wahre Nächstenliebe! Ich bin begeistert.


Statt selbst Reue zu zeigen, sich zu fragen, wieso Hunderttausende jedes Jahr das Weite suchen, reagiert die RKK mit ziemlich perfiden Drohungen, bis hin zu Szenearien von sozialer Isolation und familiären Zerwürfnissen. Sie gibt den Ex-Mitgliedern a posteriori noch mal eine Bestätigung dafür, wie überfällig es war, sich von dem Verein zu trennen.

Über diese garstigen Briefe lacht die atheistische Szene schon seit Jahren. Die Edenkobenerin Caroline Gutting weiß als typisches Kirchenmitglied natürlich nichts von diesen Dingen und hält dieses Schreiben für ein spezielles Machwerk ihrer Pfarrei oder ihres Pfarrers Pfeiffer.

Aber das ist ja das Schöne an Religion: Man kann dazulernen und je mehr man weiß, desto eher lässt man die Kirche hinter sich.

Fromme Gläubige bleiben nur die Doofen.

Gutting ist Instagrammerin und konnte mit Ihrer Empörung über ihren Austritts-Reaktionsbrief immerhin ein paar Hunderttausend Klicks generieren.

[….] „Drohbrief von der Kirche“ - so beschreibt Caroline Gutting den Brief, den sie kurz nach ihrem Kirchenaustritt von der Pfarrei Heilige Anna erhalten hat. Es sind insbesondere Stil und Inhalt des Briefs, die die junge Edenkobenerin verärgern. „Ich weiß jetzt nicht, ob das ‘ne Kampagne ist von der Kirche beziehungsweise von der Pfarrei Heilige Anna, um auf die ganzen austretenden Leute zu reagieren, aber DAMIT erreicht man, glaub ich, nichts!“, kritisiert Caroline Gutting.

Gutting sei aus verschiedenen Gründen aus der katholischen Kirche ausgetreten: Dazu zählen etwa finanzielle, aber auch die Skandale um die katholische Kirche hätten sie zu ihrem Austritt bewegt. Zudem identifiziere sie sich nicht mehr mit dem christlichen Glauben im katholischen Sinne, wie sie in ihrem Video auf Instagram erklärt. 30 Euro habe die Yoga- und Fitnesslehrerin bezahlt, um aus der Kirche auszutreten. „Eine Unverschämtheit sondergleichen“, empört sich Caroline Gutting über den Brief. Er diene lediglich dazu, die Austretenden zu verunsichern und ihnen Angst einzujagen. In einem Hashtag fordert Gutting deshalb ganz klar: „#kirchenaustrittjetzt“. [….]

(Ludwigshafen24, 14.11.2021)

Und so trägt Pfarrer Pfeiffer dazu bei, die Gründe für den Kirchenaustritt zu multiplizieren. Statt nur ein zahlendes Schäfchen zu verlieren, generiert der Mikro-Wölki genügend Empörung, um seine Gemeinde zu entvölkern!

Sonntag, 14. November 2021

Nicht canceln

Als großer Heribert Prantl-Fan habe ich fast alle seine Bücher im Regal stehen, lese mit Genuss seine politischen Kommentare, habe ihn hunderte Male in diesem Blog zitiert.

Prantl, Kurt Kister, Gustav Seibt, Evelyn Roll, Sonja Zekri, Andrian Kreye, Cerstin Gammelin, Constanze von Bullion und Franziska Augstein sind die Namen, die ich mit dem Begriff „Edelfedern“ assoziiere.

Das sind hochgebildete Leute mit viel Gefühl für die Sprache, die einen erheblichen Mehrwert über die eigentliche Informations-Übermittlung hinaus bieten. Sauber recherchierte Fakten findet man auch im DPA- oder Reuters-Newskanal. Aber die SZ-Edelfedern zaubern daraus einerseits ein Lesevergnügen und regen andererseits die Intelligenz an, weil sie einordnen, vergleichen, verweisen, illustrieren und vertiefen.

Daher zahle ich nicht nur gern für das Süddeutsche Zeitung-Abo, sondern empfehle bei jeder Gelegenheit, es mir gleichzutun, damit diese Form des Spitzenjournalismus nicht ausstirbt.

Es gibt auch in anderen überregionalen Periodika Edelfedern, aber um ehrlich zu sein, liebe ich diejenigen mehr, die an einer ähnlichen Stelle des politischen Koordinatensystems stehen wie ich. Also lieber SZ als WELT.

Hinzu kommen bestimmte Stil-Vorlieben. Die SZ-Autoren schreiben lebendiger und einfallsreicher als die ebenfalls sehr guten FAZ-Leute, die sich aber gern in Monotonie und knochentrockenen Ewig-Texten ergehen.

Über Jahrzehnte liebte ich den ganz spezifischen SPIEGEL-Stil, der in jedem Artikel mit einem neuen Fremdwort spielte, eine wahrnehmbare Sub-Ebene transportierte, so daß der Kenner durchaus verstand, wenn suggeriert wurde, daß ein Politiker fremdging, ohne daß es so deutlich geschrieben wurde, daß der flüchtige Leser damit behelligt wurde. Es gab herrlich konstruierte Einleitungsabsätze und einen unverwechselbaren Humor, den man sich beim Lesen mit einem Filzstift anstrich, um sich die gekonnte Formulierung zu merken.

All das ging aber mit dem Ende der Chefredakteurszeit Böhme verloren. Heute sind SPIEGEL-Texte verwechselbarer. Das liegt aber auch daran, daß ZEIT und SPIEGEL ihr über Jahrzehnte bestehendes Alleinstellungsmerkmal „Topjournalismus und Prägung von Debatten“ verloren haben. Die Tageszeitungen sind besser geworden. Lange war der SPIEGEL das Leitmedium für mich; die Tageszeitungen fungierten als Ergänzung oder regionale Besonderheiten.  Inzwischen stellt die Süddeutsche Zeitung meine Hauptinformationsquelle dar und der SPIEGEL kommt am Samstag eben hinzu. Dieses Wochenende übrigens mit sehr empfehlenswerter Titelgeschichte über das Pandemie-Totalversagen der deutschen Politik und Gesellschaft: „Idiotische Lage von nationaler Tragweite“.

Es macht natürlich auch Spaß, die Redaktion durch viele Jahre Leseerfahrungen gut zu kennen und nicht nur einen Artikel zu lesen, sondern dabei auch den bekannten Autor mitzudenken. Es ist eine zusätzliche Qualitäts- und Vergnügens-Ebene mit Erwartungshaltungen an die Journalisten heran zu gehen.

Marc Pitzke, 58, aus NRW, seit 1993 in den USA, ist insofern eine Wohltat, wenn er über die amerikanische Parteipolitik schreibt, weil er mir immer aus der Seele spricht. Es ist eine enorme Verlässlichkeit; genau wie er es beschreibt, sehe ich es auch.

Andere gute Autoren, wie Kurt Kister, der langjährige SZ-Chefredakteur, sind hingegen eher selten deckungsgleich mit meinen parteipolitischen Ansichten, aber so klug, daß ich gerne seinen Gedankengängen folge.

Heribert Prantl, mittlerweile 68 Jahre alt, 1995 bis 2017 SZ-Innenpolitikchef und 2011 bis 2019 Mitglied der Chefredaktion, gebürtiger Oberpfälzer, stammt aus einem tiefgläubigen katholischen Elternhaus. Seine Karriere begann er als Spitzenjurist. Er war zunächst Rechtsanwalt, dann Richter und schließlich bayerischer Staatsanwalt und Sprecher des Regensburger Landgerichts.

Erst dann kam seine journalistische Karriere, die so weit reichte, daß er sich die Jobs quasi aussuchen konnte. Der SPIEGEL wollte ihn mehrfach als Chefredakteur nach Hamburg locken. Prantl blieb aber in München und betätigt sich bis heute als Tausendsassa.  Er ist Dozent verschiedener Journalistenschulen, Mitglied des Ethikrates der Hamburger Akademie für Publizistik. Aktiv im Pen-Zentrum, Rotarier, Jura-Honorarprofessor der Universität Bielefeld, Theodor-Herzl-Dozent der Universität Wien und in einem Dutzend weiterer hochgradiger akademischer Institutionen tätig. Es lohnt sich immer hinzuhören, wenn dieser hochintelligente fromme Bayer als im besten Sinne liberaler und sozialer Denker etwas sagt.

Prantl ist aber nicht berechenbar und befindet sich eben nicht in völliger Kongruenz zu meinen Ansichten. Er ist natürlich viel zu klug, um ein gläubiger Anhänger der Papstkirche und ihrer Morallehren zu sein. Aber der Atheismus ist im habituell so fremd, daß ihn der Bedeutungsverlust der Kirchen schmerzt. Er ist, meiner Ansicht nach, so sehr im Katholizismus verwurzelt, daß er letztlich nicht so frei denken kann wie ich. Er wird das sicher anders sehen und hat mehr akademische Ehren als ich zu bieten.

Gelegentlich führt dieser religiöse Hintergrund dazu, daß Prantl sogar Forderungen stellt, die ich geradezu haarsträubend finde. So ist er ein ausgesprochener Anhänger des muslimisch-jüdischen Sonderrechtes, kleinen Kindern gegen ihren Willen Stücke des Penis abzuschneiden. Das ist seine Verbeugung vor der 3000-jährigen Religionsgeschichte; oder wie ich es ausdrücken würde: Ein durch eine Inselverarmung generierter Kotau vor dem systematischen Kindesmissbrauch. Massenhafte Genitalverstümmelung von Kleinkindern halte ich für absolut nicht zu rechtfertigen.

Ähnlich leide ich an Prantl, wenn es um die Corona-Bekämpfung geht. Natürlich ist er kein aluhütiger Schwurbler, der Falschinformationen verbreitet. Aber er ist offenbar so sehr ein (liberaler) Jurist, daß er unabhängig von den fatalen Konsequenzen, keinerlei Einschränkungen in die persönlichen Freiheiten zulassen will. Maskenpflicht, Ausgangssperren oder gar Impfpflicht lassen bei ihm die Alarmglocken schrillen. Offensichtlich diskutiert er darüber auch mit seiner Lebensgefährtin Franziska Augstein, die meiner Ansicht nach sogar noch intelligenter und gebildeter als er ist und unglücklicherweise auch die Coronamaßnahmen so kritisiert, daß sie Applaus von der falschen Seite bekommt.

In der SZ vom Wochenende preist Heribert Prantl in seiner Kolumne „Prantls Blick“ nicht nur die neue EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus, als brillante Rednerin, sondern verwendet ihren Satz „Hoffnung ist ein rares Gut geworden", als Steilvorlage für eine Suada wider die Wissenschaft.

[….] In der Corona-Krise werden oft apokalyptische Szenarien, Panikmache und Diffamierungen verwendet. Doch sie sind hoffnungslos, weil sie Beziehungen vergiften - und den Willen zur Zukunft brechen.  [….]

(Prantl, SZ, 14.11.2021)

Hier sieht man den liberalen Katholiken, der eine kluge Frau und die Evangelen lobt.  Und hier taucht gleichzeitig der gnadenlos prinzipientreue Jurist Prantl auf, der sich Breitseiten gegen die von ihm als so störend unjuristisch empfundenen Mahner Drosten und Lauterbach nicht verkneifen kann.

Er liegt hier auf FDP-Linie, folgt der apokalyptischen Kubicki-Linder-Buschmann-Argumentation, die lieber mindestens 100.000 zusätzliche Tote akzeptiert, als an ihren hehren Rechtsgrundsätzen zu rütteln.

[…..] Angst ist ein schlechter Ratgeber. Mit dem Schüren von Angst, der Beschimpfung der Ungeimpften (denen Frank Ulrich Montgomery, der Ehrenpräsident der Bundesärztekammer, "Tyrannei" vorgeworfen hat) macht man nichts besser. Wie steht es mit einer Impfpflicht, jedenfalls für bestimmte Berufsgruppen? Wie steht es mit einer generellen Impfpflicht? Ich habe letztere, aus guten Gründen, wie ich meine, stets abgelehnt - unter anderem deswegen, weil so ein Impfzwang viele Impfzögerer und Impfskeptiker in die Impfverweigerung treiben könnte. Eine Impfpflicht setzt sich ja nicht von selbst um. Wer ihr nicht nachkommt, muss also gezwungen werden. Werden da Bußgelder reichen? Was, wenn nicht? Wie sollen die Zwangsmaßnahmen aussehen, mit denen die dezidiert Unwilligen zum Piks gezwungen werden? Das waren und sind meine Überlegungen. Die Impfung braucht Werbung. Drohung und Beschimpfung sind keine Werbung. Ein Lockdown für die Ungeimpften wird jetzt diskutiert. Ich halte das für grundfalsch und grundgefährlich. Warum? Weil so das Reden von der Freiwilligkeit der Impfung ad absurdum geführt wird. Da würde ja eine Impfpflicht vielleicht weniger Aggressionen hervorrufen - weil sie ehrlicher ist als Gerede von Freiwilligkeit bei gleichzeitigen Repressionen. […..]

(Prantl, SZ, 14.11.2021)

Es sind ungeheuerliche Sätze. 98.000 Corona-Tote gibt es schon in Deutschland und es wird fleißig weitergestorben. Alle fünf Minuten ein Toter. Myriadenfaches Elend auf den Intensivstationen, total überlastetes medizinisches Personal.

Aber statt das zu tun, was in anderen Ländern das Sterben aufhielt – nämlich drastische Impfaktionen - setzt Prantl aus juristischer Verbohrtheit lieber auf das Mittel der Überzeugung und Einsicht. Dabei wissen wir nach 11 Monaten BionNTech eins ganz sicher: Covidioten sind eben gerade nicht durch Argumente überzeugbar.

Ich halte es für absolut hanebüchen, in dieser tödlichen vierten Welle des Wahnsinns auf Freiwilligkeit zu setzen.
Das wird uns weitere Myriaden Tote bescheren.

Aber das muss ich jetzt aushalten.

Ich werde ihn nicht canceln.