Montag, 11. März 2013

Städter – Teil II



Das Leben auf dem Dorf, in der Vorstadt hat eine Menge Vorteile, aber ich bin mit Leib und Seele Städter und will für’s Erste nicht außerhalb der Innenstadt leben.

Das Umfeld ist einfach liberaler und anonymer. 
Grundsätzlich ist ein etwas höherer Anteil der Menschen gebildet und tolerant.

Das kann man unter anderem an den Wahlergebnissen ablesen, welche sich fundamental von den gesamtbundesrepublikanischen Trends unterscheiden.
 Merkel ist die beliebteste Politikerin und die CDU führt in allen Bundestags-Umfragen meilenweit vor der nächstgrößten Partei (gegenwärtig noch die SPD).
Der letzte ARD-Deutschlandtrend stürzt mich in handfeste Depressionen, wenn ich mir ansehe, wie massiv die Wähler objektiv einfach falsche Einschätzungen abgeben.
 Am 07.03.13 wurde ein Merkel-Steinbrück-Profilvergleich angestellt.
 Über Bewertungen wie „ist sympathischer“ kann man trefflich streiten.
Aber ausgerechnet der chronischen Umfallerin Merkel, die noch jeden Kurs gewechselt hat und eben niemals eine Richtung vorgibt, die deutlich höhere Verlässlichkeit und den klareren Kurs zu attestieren, ist schlicht „Doofheit“!

„…ist eher jemand, auf den man sich verlassen kann:“

53% Merkel, 20% Steinbrück



„… hat den klareren politischen Kurs:“
49% Merkel, 26% Steinbrück

Verglichen mit solchen Aussagen, muß man den Italienischen Wählern durchaus hohen politischen Sachverstand zubilligen.
Daß die gegenwärtige Bundeskanzler noch ein paar Legislaturen länger regiert, ist tatsächlich vorstellbar.
 Die Deutschen bringen es in ihrem Wahn fertig sogar SchwarzGelb und damit die schlechteste Bundesregierung seit 70 Jahren zu bestätigen. 
Der Urnenpöbel will verarscht werden und straft Klartext, Gerechtigkeitsempfinden und Ehrlichkeit ab.
Es ist wohl besser sich schon mal frühzeitig an den gräßlichen Gedanken zu gewöhnen, daß Guido, Fipsi, Krissi und Konsorten weiter regieren.
Um das zu ertragen, hilft ein Blick in den Bundesrat, der seit der Wahl Weils zum Niedersächsischen Ministerpräsidenten sehr rotgrün aussieht. 

Der Blick auf die größten Städte Deutschlands, welche allesamt im Vergleich zu echten Weltstädten wie Rom, Paris, London oder gar New York und Shanghai winzig sind, zeigt ebenfalls eine erstaunliche CDU-Schwäche!

1. Berlin  3,5 Millionen Einwohner. Wowereit SPD

2. Hamburg 1,8 Millionen Einwohner. Scholz SPD

3. München 1,4 Millionen Einwohner. Ude SPD

4. Köln 1 Millionen Einwohner. Roters SPD

5. Frankfurt am Main 680.000 Einwohner. Feldmann SPD

6. Stuttgart 610.000 Einwohner. Kuhn Grüne

7. Düsseldorf 590.00 Einwohner. Elbers CDU

8. Dortmund 580.000 Einwohner. Sierau SPD

9. Essen 570.00 Einwohner. Paß SPD

10. Bremen 550.000 Einwohner. Böhrnsen SPD

11. Dresden 520.000 Einwohner. Orosz CDU

12. Leipzig 520.000 Einwohner. Jung SPD

13. Hannover 520.000 Einwohner. Mönninghoff Grüne

14. Nürnberg 510.000 Einwohner. Maly SPD

15. Duisburg 490.00 Einwohner. Link SPD

16. Bochum   370.000 Einwohner. Scholz SPD

17. Wuppertal 350.000 Einwohner. Jung CDU

18. Bonn 320.000 Einwohner. Nimptsch SPD

19. Bielefeld 320.000 Einwohner. Clausen SPD

20. Mannheim 310.000 Einwohner. Kurtz SPD

 Hinzu gekommen sind seitdem noch das seit Jahrzehnten schwarz regierte Karlsruhe.

Der SPD-Politiker Frank Mentrup wird neuer Oberbürgermeister in Karlsruhe. Der 48-jährige gewann die Wahl am Sonntag gegen sechs Mitbewerber mit überraschend klarer Mehrheit.

Er holte nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 55,25 Prozent der Stimmen. Damit konnte sich der SPD-Politiker gegen seinen aussichtsreichsten Konkurrenten von der CDU, den Bundestagsabgeordneten Ingo Wellenreuther (52), durchsetzen. Wellenreuther kam auf 35,41 Prozent.

"Das war's dann endgültig als Großstadtpartei", sagte der SPD-Parteivorsitzende und Finanzminister Nils Schmid am Wahlabend. Mit der CDU verbinde kaum noch jemand Vielfalt, Modernität und Urbanität.

In der Tat ist die Niederlage kurz vor Beginn des Bundesparteitags für die CDU ein weiterer Tiefschlag. Nach 42 Regierungsjahren geht ihr nicht nur Karlsruhe verloren – sie stellt auch ansonsten in keiner Großstadt im Süden mehr den Oberbürgermeister. Im März hatte der SPD-Kandidat Peter Feldmann die langjährige Frankfurter CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth abgelöst, in Stuttgart gewann im Oktober der Grünen-Politiker Fritz Kuhn.

Gestern fiel auch noch die hessische Hauptstadt Wiesbaden – ein für die CDU völlig unerwarteter Schock.

Sensation in Hessens Landeshauptstadt: SPD-Herausforderer Sven Gerich gewinnt in der Stichwahl ums Oberbürgermeisteramt gegen die CDU. […]  Die CDU hat erneut den Chefsessel im Rathaus einer deutschen Großstadt verloren. Bei der Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden setzte sich überraschend der SPD-Herausforderer Sven Gerich durch. Der 38-Jährige kam in der Stichwahl am Sonntag auf 50,8 Prozent der Stimmen. Amtsinhaber Helmut Müller erreichte nach dem vorläufigen Endergebnis 49,2 Prozent.  Der 60-jährige CDU-Mann hatte nach dem ersten Wahlgang noch klar vorne gelegen. Die Wahlbeteiligung lag nach offiziellen Angaben bei 34,1 Prozent und damit höher als im ersten Wahlgang (33,6 Prozent). Gerich schien vom Sieg über den Favoriten Müller selbst überrascht. "Ich habe knapp eher in die andere Richtung getippt", sagte er.  Mit dem jungen und offen homosexuellen Gerich wird sich das konservative Image der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden ändern. […]  Für die im Land zusammen mit der FDP regierende CDU ist dies sechs Monate vor der Landtagswahl ein herber Rückschlag. Der nach sechs Jahren ohne große politische Fehler im Amt abgewählte Müller sagte, er habe das Ergebnis nicht erwartet.

War knapp, aber hat gereicht.
Angemessener wäre für CDU-Kandidaten aber ein Ergebnis wie gestern in Oststeinbek.
Mit einem deutlichen Ergebnis haben die Oststeinbeker ihre umstrittene Bürgermeisterin Martina Denecke abgewählt. 91,6 Prozent stimmten am gestrigen Sonntag gegen die seit Mitte Dezember suspendierte Verwaltungschefin. Die Wahlbeteiligung lag bei 52,6 Prozent. 3487 Bürger stimmten gegen Denecke. Lediglich 322 wollten, dass sie wieder ins Rathaus zurückkehren darf.

[…]   Die Abwahl Martina Deneckes ist der Endpunkt einer wohl beispiellosen Entfremdung zwischen der Verwaltungschefin und weiten Teilen der Gemeinde. Erst im Januar 2011 hatten die Oststeinbeker die damals 40-Jährige mit 51,8 Prozent der Stimmen gewählt. Die Verwaltungsfachwirtin, die aus Hemmingen bei Hannover stammt und früher bei der Deutschen Rentenversicherung arbeitete, war Kandidatin von CDU und FDP.
 (Hamburger Abendblatt 11.03.13)

Sonntag, 10. März 2013

Die Bayern auf dem Rechten Weg.



Walter Kardinal Kasper wurde am 05.März 1933 geboren und hat es damit so gerade eben noch geschafft ins Konklave zu rutschen. Fünf Tage nachdem Ratzi den Lafo machte, wurde Kasper 80 Jahre alt.
Im Interview mit der Katholiken-Zeitung „DIE ZEIT“ wird er beim Papa Toto zu einem Geheimfavoriten hochgejazzt.
Interviewerin ist allerdings die „Glauben & Zweifeln“-Ressort-Chefin Evelyn Finger, die grundsätzlich auf’s falsche Pferd setzt und beim Thema Religion jedes Mal wieder mit eklatanten Wissenslücken begeistert.
Kasper kennt, im Gegensatz zu Finger aber die Regel, daß man die Gelüste Papst zu werden weit, weit von sich weisen muß, wenn man seine Chancen wahren will. 
Frau Finger ficht das nicht an; sie führt das Interview auf dem Niveau einer Hauptschul-Schülerzeitung.
ZEIT: Aber wer wird nach und neben ihm neuer Papst? Bitte eine Prognose! Vielleicht Sie selbst? Manche behaupten, Sie seien Geheimkandidat.
Kasper:(lacht) Ganz sicher nicht.
ZEIT: Es heißt aber, die Papstwahl komme gerade noch rechtzeitig vor Ihrem 80. Geburtstag, sodass Sie wählbar sind und wählen dürfen.
Kasper:(lacht) Ja, das darf ich! Es handelt sich um genau fünf Tage. Denn wenn man vor dem 28. Februar, also vor der Sedisvakanz noch nicht 80 ist, dann darf man wählen. Ich werde am 5. März 80.
ZEIT: Was ist eine Sedisvakanz?
Aber wie verrückt ist die Personalie Kasper?
Nicht ganz so abwegig, wie man vielleicht denkt.
Der süddeutsche Küng-Schüler und Dogmatik-Professor gilt inzwischen, ähnlich wie Ratzinger im Jahr 2005, nicht mehr so sehr als Deutscher, denn als Römer.
 Seit 14 Jahren hat er die Vatikanische Staatsbürgerschaft und war Präfekt der Ökumene-Kongregation, die in der globalisierten Welt als besonders wichtig gilt.
Kasper führt als Kardinalpriester den zweithöchsten Kardinalsrang und ist heute noch Mitglied der Glaubenskongregation, der Kongregation für die orientalischen Kirchen, der Apostolischen Signatur, des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte und des Päpstlichen Rates für die Kultur.
Ich glaube auch nicht, daß er ganz so liberal ist, wie man ihm immer nachsagt – sonst hätte ihn Ratzi nicht noch vor zwei Jahren in einen höheren Kardinalsrang erhoben.

Gegen Kasper spricht sein Alter. 
Man möchte doch nicht noch mal so ein Kurzpontifikat. Allerdings ist er auch bei weitem nicht so gebrechlich wie die Kollegen Meisner (79) oder Lehmann (76).

Für mich wäre ein Kasper-Papst natürlich ein enormes Problem, da er von allen Kardinälen, die ich kenne noch der am wenigsten Widerliche ist.
Er könnte sicher Sympathien zurück gewinnen und ist diplomatisch bei weitem nicht so ungeschickt wie Ratzi.
Als politisch denkender Atheist, wäre mir hingegen ein häßlicher Ätztyp, der persönlich in Kinderfickervertuschungen verstrickt ist, willkommen.

Es ist meine ewige Furcht, daß der politische Gegner einen Rattenfänger mit viel Charisma aufböte.
Schließlich weiß ich wie begrenzt die Macht der Argumente ist. 
Die Majorität des Urnenpöbels ist dafür grundsätzlich nicht zugänglich und orientiert sich an diffusen Sympathien und dem öffentlich aufgebau(sch)ten Image entlang.
 
Wenn die Konservativen durch eigene Doofheit Wähler verprellen, ist das allerdings willkommen.
Heute hat CSU-General Doofbrindt wieder einmal über das Ziel hinaus geschossen und in offensichtlicher Unkenntnis der auch unter CSU-Anhängern mehrheitlich positiv betrachteten Homoehe, laut aufgejault.
Dabei ist die vollständige Gleichstellung von Homos und Heteros mit Sicherheit nur noch eine Frage der Zeit.
Den Baum, den Dobrindt nun wie ein wilder Affe hinaufklettert, muß er doch irgendwann wieder runter kommen und dann wird er blamiert dastehen.
 Nebenbei bugsiert Dobrindt auch die Kanzlerin in schwere See, da er ihr Antihomo-Machtwort ignoriert.
Sehr gut.
Bestimmt hätte Alexander Dobrindt einen prima CSU-Generalsekretär abgegeben. Vor 30 Jahren. Damals hätte er dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß gedient, der als CSU-Chef den Spruch prägte: "Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder". Damals waren die christsozialen Feindbilder mit Blick gen Osten und in die Gesellschaft hinein noch klar.
Der Kalte Krieg ist lange vorbei, die Schwulen sind mitten in der Union angekommen - aber der CSU-Politiker Dobrindt tut einfach so, als sei das alles nicht passiert. "Die Union als Volkspartei hat die Aufgabe, der stillen Mehrheit eine Stimme zu geben gegen eine schrille Minderheit", sagte er der "Welt am Sonntag".
Die "schrille Minderheit"? Drei Viertel der Bevölkerung wünschen sich nach aktuellen Umfragen weitere rechtliche Erleichterungen für Homo-Ehen, das Bundesverfassungsgericht hat für sie gerade erst gesetzliche Verbesserungen bei der Adoption angemahnt.
Papperlapapp, sagt der CSU-Generalsekretär. "Konservativ modern sein heißt unbequem modern sein, weil man nicht nach dem Rhythmus des Zeitgeistes tanzt." Er weiß, was die Leute wirklich möchten, nämlich: "Die Menschen wollen keine Veränderung der Gesellschaft, in der Ehe und Familie nicht die Normalität sind."
[…]   Das Thema Homo-Ehe ist ohnehin schon ein heikles Thema für die Koalition. Und nun kommt auch noch Dobrindt und zerdeppert weiteres Porzellan.

Samstag, 9. März 2013

Babylonische Verwirrung.



Natürlich habe ich, insbesondere als ganz junger Mensch, in Gesprächen mit viel Älteren darauf insistiert, es sei doch unmöglich vom Verschwinden der Juden aus der Deutschen Öffentlichkeit nichts mitbekommen zu haben. Man versteht das heute nicht.
 
Aber das dritte Reich war willkürlich und nicht homogen. Was an einem Ort an der Tagesordnung war, kann woanders undenkbar gewesen sein.

Faszinierend waren für mich immer die Schilderungen dreier ungefähr gleichalter Damen zu vergleichen, von denen zwei in Wien und eine nördlich von Hamburg aufwuchsen.
 Ich war mit allen sehr gut befreundet und habe viele Jahre mit ihnen diskutiert.
Alle drei waren in der Nachkriegszeit politisch engagiert. Für die Demokratie, gegen die Wiederaufrüstung, gegen rechts.
Die Wienerinnen, Jahrgang 1917, erlebten den „Anschluß Österreichs“ als Studentinnen. Hitler kam über sie als sie schon erwachsen waren und entsprechende Kontakte zu zumindest widerständisch denkenden Professoren hatten. 
Es war gar keine Frage, ob oder warum man jüdischen Familien half. Man tat es einfach. Sie gehörten zu den Menschen, die sich von Anfang an keine Illusionen darüber machten, daß es einen schrecklichen Krieg geben würde.

Die junge Marion Dönhoff ist auch so eine Person, die schon als Abiturientin nach einer Begegnung mit Hitler (um 1927 oder 1928) vollkommen klar erkannte was blühen würde und schon damals niederschrieb, daß ihre ostpreußische Heimat in einem grausigen Krieg verloren gehen würde, wenn Hitler je an die Macht käme.

 Beide Damen aus Wien erzählten mir immer wieder, wie sehr sie sich später darüber wunderten gar keine Angst gehabt zu haben. Zum Teil schoben sie das auf ihre relative Jugend, aber insbesondere fühlten sie sich wohl von einem unsichtbaren Netz getragen. 
Man wußte nämlich ganz genau, wer gegen Hitler war, ohne daß man offen darüber gesprochen hätte.
Während einer Prüfung hatte zum Beispiel ein Professor die auf dem Schreibtisch stehende Hitler-Büste wenige Zentimeter zur Seite gedreht. Das war vollkommen ausreichend. Die Studenten wußten ganz genau was damit gemeint war. Daß er auch ein „Anti“ war.

Die Dame in Hamburg hingegen wurde erst nach dem Krieg wirklich politisch und hatte noch im Alter von über 20 schockiert reagiert, als ein Freund sie im Fronturlaub besuchte und unumwunden erklärte der Krieg sei verloren.
Es wurde das Trauma ihres Lebens – wie konnte ich übersehen was geschah? 
Das sollte ihr nicht noch einmal passieren und so verfolgte sie fortan intensiv das politische Geschehen.
Aber wieso hatte sie „nichts gemerkt“?
Ein paar Erklärungen gibt es. 
Anders als in Wien, begann die Hitler-Zeit in Hamburg schon Anfang 1933. Da war sie noch ein Mädchen und wurde sofort im BDM indoktriniert. Eine Jugendorganisation, die äußerst effektiv war. 
Zudem lebte sie außerhalb einer Stadt und hatte keine politisch denkende Freude. 
Mit Frauen wurde ohnehin nicht über so was gesprochen. In ihrem Elternhaus gab es zwar Einladungen, aber nach dem Essen gingen die Herren ins Herrenzimmer, um die politische Lage zu diskutieren, während die Ehefrauen im Damenzimmer Musik hörten und Handarbeiten machten.
So war das in den 1920er und 1930er Jahren.
Wer ein bißchen naiv veranlagt war, vertraute dem was ihm erzählt wurde.

Einmal begegnete ihre Jungmädel-Schar einem kleinen Trupp von Zwangsarbeiterinnen. 
Alle waren ehrlich schockiert über den Anblick der verstörten und ausgemergelten Frauen. (Sie gehörten, wie ich später herausfand zu einem Außenlager des KZs Neuengamme).
Die Mädchen empfanden ehrliches Mitleid und räteselten noch lange was für schlimme Verbrechen die Elenden wohl begangen haben müßten, um so eine Strafe zu verdienen.

Daß sie womöglich unschuldig sein könnten, kam niemanden überhaupt in den Sinn. 
Keiner fasste den Gedanken, daß irgendwas nicht mit richtigen Dingen zugehen könnte.

Wie kann es nun sein, daß „man“ auch, wenn man noch jung und naiv ist, auf so eine naheliegende Frage gar nicht kommt?

Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluß gekommen, daß man dieses Problem a posteriori nicht wirklich beurteilen kann. 
Wir alle wissen nun einmal ganz genau was es mit dem Naziregime auf sich hatte und schließen in Mikrosekunden und unterbewusst auf ein Verbrechen.

Ich bin überzeugt davon, daß „der Mensch“ so gut wie nicht in der Lage ist sich Unwissenheit vorzustellen, nachdem er einmal wissend geworden ist.

Inzwischen gehöre ich selbst zu den älteren Menschen, die das gelegentlich Teenagern erklären müssen, daß es einmal Zeiten gab, in denen man nicht aus Bosheit, sondern aus purem Nichtwissen "Schlimmes" tat.

Rauchen während der Schwangerschaft, Plastikverpackungen, unangeschnallt Autofahren und zwar ohne Katalysator und Airbags.

Daß Astrid Lindgrens Pipi Langstrumpf einen Vater hatte, der „Negerkönig“ in Takatukaland war, ist niemanden als auch nur im entferntesten als ungehörig aufgefallen.
Heute tut es in den Ohren weh. 
Aber tatsächlich war das vor 40 oder 50 Jahren eine völlig normale Ausdrucksweise.
Es ist unsinnig Frau Lindgren deswegen Rassistin zu nennen.

Wer heute noch einmal Peter von Zahn-Fernsehreportagen aus den USA sieht, fällt natürlich darüber wie er die „Neger“ beschreibt und über die „Negerfrage“ orakelt. 
Aber das war die damalige Sprache, die man sich mit der heutigen Konnotationskraft gar nicht mehr neutral vorstellen kann. Es war aber so.
Es ist unsinnig Herrn von Zahn deswegen einen Rassisten zu nennen.

Denis Scheck, dessen großartige Sendung „Druckfrisch“ just zehnjähriges Jubiläum feierte, konnte es sich nach seiner Suada gegen die falsche sprachliche Korrektheit nicht verkneifen noch einmal nachzulegen.
Anläßlich des Jubiläums der Sendung besprach er diesmal nicht die aktuellen TopTen der SPIEGEL-Bestsellerliste, sondern die meistverkauften Bücher aller Zeiten.
Platz 5 (über 100 Millionen verkaufte Exemplare)
Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr.

Zehn Menschen werden auf eine unbewohnte Insel eingeladen und finden dort einer nach den anderen Tod, weil sie in ihrer Vergangenheit schwere Schuld auf sich geladen haben. Der Clou: Der Mörder muss unter ihnen sein. Dieser Roman der momentan eher unterschätzten Agatha Christie wurde zum meistverkauften Krimi aller Zeiten. So reizvoll die aristotelische Einheit von Zeit, Ort und Handlung dieses Krimis auch ist: Dieser Ruhm ist sicher unverdient. Amüsant und spannend liest sich das im Original 1939 unter dem Titel "Ten little niggers" erschienene Buch aber immer noch.
„Nigger“? Normal 1939.
Es ist unsinnig Christie (1890 – 1976), die Schöpferin von Detektiv Hercule Poirot und Miss Marple eine Rassistin zu nennen. 
Vielleicht war sie etwas antisemitisch, weil sie insbesondere in ihren frühen Büchern Juden gerne schlecht aussehen ließ. Das müßte man genauer untersuchen, aber der Gebrauch der Vokabel „Nigger“, der ein Zitat des Zählreims „Zehn kleiner Negerlein“ aus dem Jahr 1868 war, macht keine Rassistin aus ihr.

Wieso ist dir das nicht aufgefallen, als du „Zehn kleine Negerlein“ in der Schule sangst, mag man mich jetzt fragen.
Heute kann ich es aber auch nicht mehr verstehen. Damals fiel es mir nicht auf.

Als ich auf das Gymnasium kam, lernten wir im Musikunterricht den Kanon kennen. Das machte mir großen Spaß und so sang ich eben auch den Caffee-Kanon, den Carl Gottlieb Hering (1766-1853) komponiert und getextet hatte.
Ganz normales Schulliedgut in modernen Hamburger Schulen.

C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee!..

....Nicht für Kinder ist der Türkentrank,

Schwächt die Nerven, macht dich blass und krank,

Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann.
Es ist unsinnig meinen damaligen Musiklehrer deswegen einen Rassisten zu schimpfen.

Ein anderer Spruch aus meiner Kindheit, der niemanden heute mehr über die Lippen käme wäre: „Benimm dich ordentlich, sonst kommst du ins Heim!“
Das war eine völlig übliche Redewendung, die man als Drohung benutze. 
Wenn ein Kind ungezogen war, mußte es ins Heim.
Welche Zustände in christlichen Kinderheimen herrschten, daß Kinder dort keineswegs aus eigenem Verschulden hingelangten und daß man sich darüber nicht lustig machen sollte, wußte nur eine sehr kleine Minderheit.
Meines Wissens war Ulrike Meinhof die erste Journalistin, die sich der Problematik der vielen Heimkinder annahm. Das Myriadenfache Elend der Kinder zu recherchieren ist ihr großes Verdienst.
 Aber Baader und Meinhof taugten aus bekannten Gründen nicht als Moralapostel, deren Anliegen man in breiter Öffentlichkeit wahrgenommen hätte. 
Es dauerte noch Jahrzehnte, bis es zu einem „Runden Tisch Heimerziehung“ kam.
Heute kriegt jeder Bauchgrimmen bei der Vorstellung von malträtierten, ausgebeuteten und sexuell missbrauchten Kindern in kirchlichen Heimen.
Es ist aber unsinnig deswegen jeden, der 1950 oder 1960 mit „dann kommst du ins Heim“ drohte zum Mitwisser von Kindesmissbrauch zu machen.

Das aktuellste Beispiel aus der Reihe „Darüber haben wir nie nachgedacht“ ist für mich die Genitalverstümmelung an kleinen Jungs.
Im letzten Jahr ist dieses Thema in diesem Blog immer wieder und in aller Ausführlichkeit beschrieben worden.
Wer sich die blutige Prozedur einmal auf einem Video angesehen hat und wer um die Todesfälle und verursachten Impotenzen durch die Penisbeschneidung weiß, kann einfach nicht mehr verstehen, wie es möglich ist so eine Barbarei zu erlauben.
Dabei ist es ja richtig, daß Juden, Moslems und anglosächsische Masturbationsgegner über Jahrhunderte, bzw Jahrtausende ihren Söhnen am Penis rumschnitten.
Warum habe ich mich noch nicht vor zehn oder zwanzig Jahren dagegen engagiert? 
Wieso dauerte es bis 2012 bis darüber eine öffentliche Diskussion entbrannte?
Daran hat „man“ eben gar nicht gedacht.
Auch das kann ich jetzt schon nicht mehr verstehen.
 Warum kam mir das früher nie in den Sinn? 

Kennt man einmal die richtige Frage, ist es automatisch undenkbar diese Frage nicht zu stellen.

Freitag, 8. März 2013

Das Volk ist schon viel weiter?


Moderne Politiker wie Seehofer oder Merkel haben keine unumstößlichen Überzeugungen mehr.

Strauß oder Kohl hätten sicherlich nie so viele Wenden und Verrenkungen mitgemacht.
Allerdings war damals die Welt noch einfacher. Unvernetzt und nicht globalisiert. 
Damals blieb man bei seinen Vorurteilen und stellte keine Fragen.

Heute gibt es viel weniger Stammwähler und Grundüberzeugungen.
In Bayern und Baden-Württemberg gibt es politisch äußerst aktive Ortsvereine der Grünen, die weitgehend aus ehemaligen CDU-, bzw CSU-Kommunalpolitikern bestehen.
FJS rotiert unter anderem deswegen in Lichtgeschwindigkeit.

Seine Meinung zu ändern ist allerdings nichts, das ich grundsätzlich kritisiere. 
 Im Gegenteil, ich halte es für klug, wenn man bereit ist dazu zu lernen.

Die parteipolitische Taktikerin Angela Merkel verschafft sich mit ihrer chronischen Vagheit außerdem enorme Handlungsspielräume, die sie dringend benötigt.
Ihre Agenda besteht nur aus einem Punkt, nämlich „ich mag gerne Kanzlerin sein!“. Diesem Hauptziel ordnet sie alles unter.
 Es braucht nur temporäre Festlegungen. 
Sie kann im Wahlkampf genauso gut für, wie gegen die Atomkraft argumentieren. 
Es ist ihr schlicht egal. Hauptsache, sie sitzt im Kanzleramt.
Merkels Wende-Fähigkeit ist taktisch klug und außerdem die grundsätzliche Voraussetzung für ihre chronische Unentschlossenheit.
Nur wenn man später einmal sich einander diametral widersprechende Konzepte gleich gut vertreten zu versteht, kann man es sich leisten erst als Allerletzte auf den fahrenden Zug aufzuspringen.
Ich verachte die Bundeskanzlerin keineswegs dafür, daß sie sich nicht entscheiden kann und keine Richtung vorgibt.
Aber ich verachte sie dafür, daß sie ständig das Gegenteil dessen behauptet und immer wieder von „alternativlos“ oder „bis hierhin und nicht weiter“ redet. Daß sie auf Parteitagen vom „christlichen Menschenbild“, welches sie leite, faselt.
Das ist natürlich eine glatte Lüge. In Wahrheit wird sie von gar nichts geleitet, sondern hängt ihr Fähnchen nach dem Wind, gibt stets den stärksten und reichsten Lobbyisten nach.

Bei Seehofer sind seine ewigen Wenden allerdings zum großen Teil weniger taktisch bewußte Handlungen, als vielmehr Ausdruck seiner psychopathischen Persönlichkeit, die von Antipathie und soziopathischem Umgang mit Mitarbeitern geprägt ist.
Glücklicherweise sind die „Mir-san-mir“-Bayern verrückt genug, das ewige Quertreiben und die chronische Unverlässlichkeit ihres Ministerpräsidenten als Zeichen von Unabhängigkeit und Stärke zu missverstehen, so daß die CSU in allen Umfragen zumindest der absoluten Mehrheit sehr nahe ist.
Auch Seehofer profitiert natürlich davon, daß seine Bajuwarischen Untertanten Internetanschlüsse haben und Trash-TV gucken, das in jeder Daily-Soap inzwischen ein sympathisches Schwulenpaar aufbietet und Umweltschutz nicht mehr für eine kommunistische Verirrung darstellt.
Seehofer und sein wichtigster Minister Markus Söder können heutzutage beide fremdficken und außerhalb ihrer Ehe Kinder zeugen, ohne daß es ihnen irgendwie politisch schadet.
Seehofer kann gerne bei der Frage der „Homo-Ehe“ den wilden Horst geben und sich als letzter Konservativer inszenieren. 
Wenn er damit auch wieder umfällt – und das ist nur eine Frage der Zeit – werden es ihm seine Anhänger nicht übel nehmen.
Laut ARD-Deutschlandtrend vom 07.03.13 finden 57% der Deutschen und 49% der Bayern die CSU ohnehin ZU konservativ.
66% der Deutschen insgesamt und sogar 52% der CSU-Fans sind für eine völlige Gleichstellung der „Homo-Ehe“mit der „Hetero-Ehe“.

Seehofer und seine Bayern-Minister können also bei dem Thema prima die ultrakonservative Basis umschmeicheln, ohne zu befürchten diese Position nach den Wahlen nicht doch ändern zu können.
Schwul ist cool. Das gilt auch in Bayern.

Aber noch nicht so ganz.

Wenn Homos Sozialdemokraten sind und tatsächlich Kinder aufziehen wollen, geht es dann doch zu weit.
 So viel Akzeptanz können die ehemaligen Strauß-Wähler noch nicht aufbringen.

SPD-Landrat Michael Adam denkt laut über die Adoption eines Kindes nach. In seiner Heimat Niederbayern gefällt das nicht jedem: In dem Online-Forum einer Lokalzeitung wird heftig gegen ihn polemisiert.

[…] "Wir denken auch mal über ein Kind nach", hatte Adam nach dem jüngsten Karlsruher Urteil zur Homo-Ehe dem BR gesagt. Er und sein eingetragener Partner, der auch Adams Namen angenommen hat, hätten sich "grundsätzlich mit der Frage Adoption immer schon beschäftigt."

Dass Adams Bekenntnis manchem auch missfällt, macht etwa ein Blick ins Onlineforum der örtlichen Passauer Neuen Presse deutlich: "Kinder haben in diesen Personenkreisen nichts zu suchen", wird dort polemisiert, "dann haben wir in ein paar Jahren Sodom & Gomorrha pur", schreibt jemand anderes. Und dann gibt es noch den Vorwurf, es zeige sich "mal wieder, dass Adam nichts auslässt, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erhalten".