Montag, 22. Juli 2024

OK, dann also Harris.

Bisher schien der US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2024 zu einem Referendum über Bidens kognitive und physische Kräfte zu mutieren. Eine entsetzliche Situation für die Demokraten, die zwar auf eine enorme Erfolgsliste der Biden-Präsidentschaft verweisen konnten, damit aber überhaupt kein Gehör fanden, weil alle nur auf seinen nächsten Versprecher am Rednerpult und den nächsten Stolperer auf einer Gangway fokussiert waren.

[…..]  in den vergangen dreieinhalb Jahren haben wir große Fortschritte in diesem Land erzielt. Heute hat Amerika die stärkste Wirtschaft der Welt. Wir haben historische Investitionen getätigt, in den Wiederaufbau unser Nation, in Preissenkungen für verschreibungspflichtige Medikamente für Rentnerinnen und Rentner, und in eine bezahlbare Gesundheitsversorgung für eine Rekordzahl von Amerikanerinnen und Amerikanern. Wir haben einer Millionen Veteranen, die mit giftigen Substanzen in Kontakt kamen, dringend benötigte Hilfe zukommen lassen. Haben erstmals in dreißig Jahren das Waffenrecht für mehr Sicherheit angepasst. Und die erste afroamerikanische Frau in den Obersten Gerichtshof berufen. Außerdem haben wir die bedeutendste Klimagesetzgebung der Welt verabschiedet. Amerika war noch nie in einer besseren Verfassung für eine Führungsrolle in der Welt.

Niemals hätten wir das ohne Sie, das amerikanische Volk, schaffen können, das weiß ich. Zusammen haben wir eine Jahrhundert-Pandemie und die schlimmste Wirtschaftskrise seit der großen Depression überwunden. Wir haben unsere Demokratie verteidigt und gesichert. Und wir haben das Verhältnis zu unseren Verbündeten weltweit revitalisiert und gestärkt.  […..]

(Joe Biden, 21.07.2024)

Das Tattergreis-Thema wurde von eben auf jetzt begraben. Biden tritt nicht mehr an.

Worüber sich die QTrumpliKKKans eben noch so köstlich amüsierten, sucht sie nun selbst heim: Der Wahlkampf wird zu einem Referendum über Trumps mentalen Verfall.

24 Stunden nach Joe Bidens unausweichlichem, aber dann doch überraschenden Rückzug, haben sich die Demokraten erstaunlich konsolidiert

Anders, als gestern, glaube ich nicht mehr an eine „open convention“ oder die alternativen Kandidaten, wie Newsom, Whitmer oder Buttigieg. Alle haben sich bereits hinter Harris versammelt.

Glücklicherweise scheint auch das Thema „Dolchstoßlegende“ einigermaßen vom Tisch zu sein. Biden beugte sich nicht dem zunehmenden Druck durch Megapromis wie Pelosi und Obama, um endlich Platz zu machen. Es war nicht seine Partei, die ihm in den Rücken fiel.

Ihm fiel niemand in den Rücken. Es waren seine engsten langjährigen Berater Mike Donilon und Steve Ricchetti, die seit den frühen 1980ern für ihn arbeiten und denen er grenzenlos vertraut, die ihm in der Covidschen Abgeschiedenheit von Delaware Daten präsentierten, welche die Erosion seiner Zustimmung in den Swingstates so klar belegten, daß es keine Möglichkeit mehr für eine Mehrheit im Electoral College gibt. Donilon und Ricchetti, an deren absoluter Unterstützung Bidens keinerlei Zweifel besteht, erklärten ihm, er werde definitiv am 20.01.2025 nicht mehr Präsident sein. Die Frage sei nur noch, ob er dann an Donald Trump übergebe, oder an eine/n Demokrate(i)n. Offenbar ist Biden aber durchaus noch fähig, rationale Entscheidungen zu treffen und zog aus diesen Datensätzen die einzig mögliche Konsequenz: Rückzug und volle Unterstützung für seine Stellvertreterin.

Ganz gegen meine Natur, bin ich leicht optimistisch. Die meisten Demokraten vermochten es nicht, Biden direkt zu attackieren, weil sie ihn wirklich schätzen und verehren. Umso unerträglicher war der Geronto-Mehltau, den der Präsident über den Wahlkampf ausbreitete. Von dieser Fessel sind sie nun befreit und zwar ohne das schlechte Gewissen, einen politischen Meuchelmord begangen zu haben.

Enthusiasmus macht sich breit, Spenden sprudeln wieder und alle demokratischen Aktivisten, die bisher ihre Energie für eine deprimierende „lesser of two evils“-Argumentation verbrauchten, um widerwillig Biden schön zu reden, können jetzt auf eine positive Botschaft umschwenken und Harris preisen.

Das Megathema „Roe v. Wade, das für die GOPer bei den 2022er Zwischenwahlen bereits katastrophal wirkte, scheint anders als für den alten Mann Biden, für Harris maßgeschneidert.

Über Harris bricht nun eine gewaltige Welle der Unterstützung ein.

Zudem passt er bisheriger Karriereweg als Anklägerin ideal als Gegenentwurf zum notorisch kriminellen Trump.

1989 Promotion Jura, 1990 Anwältin. Von 1990 bis 1998 Assistentin des District Attorneys von Alameda County, 1998 Mitarbeiterin des Bezirksstaatsanwalts von San Francisco. 2003 Bezirksstaatsanwältin in San Francisco. 2007 Wiederwahl. 2010 Attorney General/Justizministerin in Kalifornien. 2015 Wiederwahl in ihre zweite Amtszeit. 2016 Wahl zur US-Senatorin, 2021 US-Vizepräsidentin.

Damit käme es bei ihrer Kandidatur für die US-Präsidentschaft zu dem  interessanten Duell PROSECUTER gegen CONVICTED FELLON.

Sexualstraftäter gegen Staatsanwältin.

Sie betrat immer voller Stolz mit dem Satz "Kamala Harris for the people" den Gerichtssaal. Das diametrale Gegenteil zu Trump, der nur an sich denkt und immer auf der Anklagebank saß. Das gibt für die Organisatoren der demokratischen Wahlkampfkampagne enorme Vorlagen, um gegen den kriminellen und mit 78 Jahren ältesten Menschen, der je zum Präsidentschaftskandidaten nominiert wurde.

Wie verzweifelt die Republikaner über die neue Lage sind, zeigt sich daran, wie sie sofort in die unterste Schublade der persönlichen und rassistischen Beleidigungen greifen.

Hulk Hogan, der weiße Wüterich, der für die Verwendung des Wortes „Nigger“ 2015 bei "World Wrestling Entertainment" (WWE) rausflog, wurde auf dem Trump-Nominierungsparteitag 2024 zum Star der Republikaner.

Statt „Nigger“ setzt FOX-News auf die drei Buchstaben „DEI“ (Diversity, Equity and Inclusion), die immer mit dem Namen Harris verwendet werden, um auf ihre Hautfarbe hinzuweisen.

[….]  “Cackling,” “ho,” “ditzy,” “bimbo,” “DEI Vice President.”

These are the classy terms right-wing media has used to caricature Kamala Harris over the last four years. Following President Joe Biden’s disastrous debate performance, the possibility of a Kamala takeover has jumped from a fever-dream conspiracy theory on right-wing airwaves to a real possibility, leaving right-wing media scrambling. [….] Yes, Harris endures an enormous amount of racist, sexist bullshit from Fox News and the far-right noise machine. And if there’s one thing to be said about right-wing media, it’s that it can adapt, and adapt fast. But after Harris’ four years as vice president, the right’s attacks on her as a so-called “DEI Vice President” are still falling short of the toxic misogyny that helped Donald Trump win the 2016 election. In this video, Kat outlines right-wing media’s favorite jabs against Harris, how they differ from their endless campaign against Hillary, and why they are now firing on all cylinders to reinvent the Kamala narrative for their viewers before it’s too late.  [….]

(Mother Jones, 12.07.2024)

Besonders perfide: Dazu wird ihr Vorname „Kamala“ stets absichtlich falsch, um sie als unamerikanisch zu diskreditieren.

[…..] Kuh-MAL-a. Kuh-MEL-a. Camel-a.

Nearly half of the speakers who used Vice President Harris’s first name at this week’s Republican National Convention pronounced it incorrectly.

Whether by mistake or intentionally, some of Harris’s political opponents have repeatedly mispronounced her name. Among the speakers at the convention who did so are members of Congress and a governor.

For the record, it’s Comma-la.

Harris has drawn attention from the Republican speakers amid calls from within the Democratic Party for President Biden to drop out of the 2024 race. While nearly all mentioned Biden in their speeches, more than four in 10 spoke about Harris, whom Republicans have tied to immigration by deeming her the “border czar.”

Bob Unanue, CEO of Goya Foods, went a step further Monday night, mocking her name as “‘Que-mala,’ which means ‘so bad’” in Spanish. (Kamala means lotus in Sanskrit.) [….]

(Washington Post, 19.07.2024)

So gefällt es ihrem misogynen sexistischen Messias, der Kamala als „fucking Kumalla“, „nuts“, „crazy“ und vieles anderes mehr bezeichnet.

Das ist das Intellektuelle Niveau der konservativen Christen.

Die Republikaner sind der unterste und mieseste Dreck, der sich je politisch in den USA tummelte.

Aber sie haben nun ein Problem.

[….] Die ersten Reaktionen kamen schnell. Wenige Minuten nachdem Joe Biden am Sonntag erklärt hatte, dass er sich aus dem Wahlkampf um die US-Präsidentschaft zurückzieht, gingen die Republikaner bereits zum Angriff über. Biden müsse nun auch als Präsident zurücktreten, hieß es von den einen. Kamala Harris einfach als Ersatzkandidatin zu installieren, sei undemokratisch, von anderen. Auch Donald Trump selbst meldete sich umgehend zu Wort, trat gegen Biden nach und verkündete, dass Harris bei der Wahl im November noch einfacher zu schlagen sei. [….] Auch für das Trump-Lager ist der Wechsel ein Problem. Die Kampagne hatte sich voll auf die Gebrechlichkeit des amtierenden Präsidenten als Thema eingeschossen. Nun ist es wahrscheinlich, dass die deutlich jüngere Kamala Harris übernimmt , auch alle sonstigen Alternativen der Demokraten ließen den 78-jährigen Trump alt aussehen. Die »Grand Old Party« braucht eine neue Strategie, um ihre Gegner zu diskreditieren – und sie fängt damit bereits an. [….] Trump und seine Leute nennen sie »Grenz-Zarin« und »Abtreibungs-Zarin« – Themen, die von Harris im Laufe ihrer Vizepräsidentschaft besetzt worden waren, werden als ihr persönliches Versagen ausgelegt. Kurz nachdem Biden seinen Rückzug verkündet hatte, ging ein Anti-Harris-Video online. Darin erzählt eine Sprecherin zu düsteren Bildern, nicht nur habe Harris das US-amerikanische Volk über die Gesundheit des Präsidenten belogen, sie habe auch die Grenzen für Migrantenströme geöffnet und den amerikanischen Traum zerstört. Sollte die Vizepräsidentin tatsächlich auf dem Wahlzettel nach oben rutschen, dürften noch ganz andere Attacken auf sie warten. Die Republikaner bringen sich in Stellung.  […..]

(Muriel Kalisch, SPON, 22.07.2024)

[…..]  Heftig, aber so wird es weitergehen in den kommenden Wochen. Wobei die Demokraten gerne daran erinnern, dass Trump sogar einmal eine schöne Wahlkampfspende an Kamala Harris überweisen ließ: 6000 Dollar, 2011 und 2013 vor ihrer Wahl zur Generalstaatsanwältin in Kalifornien. Die Republikaner hätten „Angst, gegen Kamala Harris zu kandidieren“, spottete die Wahlkampfmannschaft „Harris for President“, die bis Sonntag noch „Biden for President“ hieß: „Donald Trump ist nicht der erste Verbrecher, den Kamala Harris zur Rechenschaft zieht.“  [……]

(Peter Burghardt, 22.07.2024)

Sonntag, 21. Juli 2024

Karten neu mischen

Das ist natürlich die Meldung des Tages: Nancy Pelosi hat mal wieder ihre eisernen Kräfte eingesetzt und ihrem Freund Joe Biden die Eier zerquetscht.

Obwohl der streng gläubige Katholik erklärte, nur Gott der Allmächtige könne ihn von einer erneuten Kandidatur abhalten, warf er heute doch hin. Keine kleine Leistung der 84-Jährigen Kalifornierin, denn einen amtierenden Präsidenten nach nur vier Jahren von einer weiteren Kandidatur abzuhalten, ist fast nicht möglich, ohne die Partei zu zerreißen. Zu viele Trümpfe hält er mit seinen Amtsinsignien und seiner weltweiten Bekanntheit in seiner Hand, während alle anderen theoretischen Kandidaten bei der notorisch ungebildeten und desinteressierten US-Bevölkerung erst die unglaublich teure und langwierige „Name Recognition“-Arbeit zu leisten haben.

Große Teile der demokratischen Partei waren schon lange verzweifelt, weil ihnen nicht verborgen blieb, wie unbeliebt Biden gerade bei vielen jungen Wählern ist. Sie mussten einen sehr schwachen TURN OUT am 05.11. befürchten und das würde wiederum Trump nutzen, weil seine fanatischen Anhänger unter allen Umständen wählen. Es gibt in den USA eine homogene relative Mehrheit aus konservativen weißen Christen, die alle republikanisch wählen. Um diesen Block zu übertrumpfen, braucht man die sehr heterogene „Obama-Coalition“, in der sich die unterschiedlichsten Gruppen versammeln: Kämpfer für strengere Waffengesetze, Gewerkschafter, Junge, Aktivisten, People Of Color, Queere, Umweltschützer, Hochgebildete, eingebürgerte Migranten, Feministinnen, Blue Collar Worker.

Sie alle zusammen, sind zwar zahlenmäßig mehr als der homogene rassistische Trump-Block, aber ungleich schwieriger zusammen zu halten. Dafür braucht es einen sehr charismatischen strahlenden Anführer, der so viel Optimismus ausstrahlt, daß alle an seine Wahlchancen glauben.

Trump schoß und schießt immer wieder Arschflugkörper in die Obama-Coalition, um doch ein paar migrantenfeindliche Schwule, ein paar Genervte aus Cuba stammende, einige verwirrte Jugendliche, hier und da einen abgehängten Schwarzen, unter Inflation leidenden Arbeiter im Rust-belt; aus Bidens Wählerpool zu jagen.

Die GOP-Faschisten müssen diese Abtrünnigen gar nicht auf ihre Seite ziehen. Sie brauchen nicht Trump zu wählen. Es genügt, so viel Zweifel zu säen, daß sie am 05.11.2024 nicht zur Wahl gehen. Das die Republikaner extrem bevorzugende Wahlrecht regelt den Rest. Auch 2016 wurde Trump Präsident, obwohl er drei Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton bekam.

[……]  Ich hoffe, dass die Wähler ihn aufhalten werden, denn sonst sehen wir einer düsteren, faschistischen Zukunft für Amerika entgegen. Glauben Sie wirklich, dass der Typ, der versucht hat, die letzte Wahl für nichtig zu erklären, eine weitere überhaupt noch zulassen wird? Russische Soldaten schreiben Trumps Namen auf die Bomben, die sie über der Ukraine abwerfen. Weil sie wollen, dass er wieder an die Macht kommt. Er würde seinem Vorbild Putin erlauben, das Land komplett zu zerstören und es in einen Sklavenstaat zu verwandeln. Ich kann mir ja viel vorstellen, aber nichts könnte beängstigender sein als das, was jetzt gerade passiert.

TAZ: Wie könnte man Trump noch mit demokratischen Mitteln stoppen?

Indem ein Teil der Leute, die beim ersten Mal für ihn gestimmt haben, nun gegen ihn stimmt. Das Problem dabei ist das amerikanische Wahlleute-System, das ­Electoral College. Meine Stimme hier in Kalifornien mit seinen 39 Millionen Einwohnern ist praktisch bedeutungslos. Die Stimme von jemandem in Ohio oder einem der Hinterwäldlerstaaten zählt tausendmal mehr als meine Stimme. Diese Staaten haben sehr viel weniger Einwohner, können aber überproportional viele Wahlleute entsenden. Die schlechtesten Präsidenten, die wir in letzter Zeit hatten – Bush und zuletzt Trump –, hatten keine echte Mehrheit. Die Rechten haben die Schwächen der Verfassung genutzt und sich den Obersten Gerichtshof zu eigen gemacht. Ich sehe keinen Ausweg – es sei denn, es erheben sich alle liberal gesinnten Menschen. Die Frauen haben uns bei den Halbzeitwahlen 2022 gerettet. Das war nach der Entscheidung des Obersten Gerichts, wonach der Staat darüber bestimmen dürfen soll, was eine Frau mit ihrem Körper machen darf.

TAZ: Nach der Niederlage gegen ­Biden 2020 dachten wir, Trump sei als Politiker erledigt.

Nach dem Bierkellerputsch von 1923 dachten alle, Adolf Hitler sei erledigt. Aber er kam in den dreißiger Jahren zurück und gelangte mit legalen Mitteln ins Amt. Das ist genau das, was hier auch passieren könnte.

TAZ: Was ist schiefgelaufen?

Trump geht mit Rassismus und Hass hausieren. Die USA haben sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Wir sind nicht länger eine überwiegend weiße, christliche Nation. Das ist für die weißen, christlichen Nationalisten beunruhigend. Deshalb unterstützen sie – egal, was passiert – Trump. Die Evangelikalen stehen hinter ihm. Trotz der Tatsache, dass niemand weniger christlich und evangelikal sein könnte als er. Es geht ihnen um ihre Agenda, die darin besteht, das Liberale zu zerschlagen, den Multikulturalismus zu zerstören und eine Art Apartheidstaat zu errichten, wo eine kleine Minderheit rechtsradikaler, bewaffneter Schläger den Rest von uns kontrolliert.  [……]

(T.C. Boyle, 20.07.2024)

Wenn auch nur ein Teil der Obama Coalition nicht genügend vom demokratischen Spitzenkandidaten motiviert wird, sich zur Wahl registrieren zu lassen – auch das wird ihnen in allen red states ohnehin extrem schwer gemacht – und für ihn zu stimmen, gewinnt Trump. Ein Riesenproblem, wenn man mit einem nuschelnden, stotternden Tattergreis antritt, der 81 Jahre alt ist, aber wirkt, als wäre er 181.

Daß Biden Lichtjahre besser regiert als Trump und extrem viel erreicht hat, ist bedauerlicherweise für den Großteil des Urnenpöbels irrelevant.

Deswegen musste Biden seine Kandidatur zurück ziehen. Ich würde ihm gern dafür danken, aber erst einmal muss meine Wut darüber verraucht sein, wie starrköpfig er seine Partei erst in diese fürchterliche Lage brachte.

Jetzt noch anzufangen, einen Präsidentschaftskandidaten zu suchen, während die anderen Ihren schon nominiert haben und der auch weltbekannt ist, muss man ebenfalls als hochproblematisch bezeichnen.

Der Nominierungsparteitag findet in der zweiten Augusthälfte statt, am 22.08. ist die Kandidatenkür und bereits Mitte September beginnt das Early Voting.

Nach bisherigen Maßstäben, in dem die Kandidatenkür und der Wahlkampf anderthalb Jahre brauchen, bleibt dem Biden-Nachfolger praktisch gar keine Zeit.

Wie soll sich jemand so schnell bekannt machen?

Das spricht für Kamala Harris, die als einzige bereits weltbekannt ist und daher heute schon eine beträchtliche Unterstützergruppe mit Ultraschwergewichten, wie den Familien Clinton, Obama und Biden hinter sich versammelt.

Vorstellbar wäre zudem, daß sich Biden ab sofort auf das reine Repräsentieren verlegt und Harris die harte Regierungsarbeit überläßt, so daß sie sich einen Amtsbonus erarbeitet.

Es gibt aber auch zwei große Nachteile: Sie ist sehr unbeliebt, gilt als VP ohne eigene Leistungen und außerdem wirkt es wenig demokratisch, wenn die Partei eine Kandidatin zum Abnicken vorgesetzt bekommt.

Daher spricht auch einiges für eine „open convention“ (auch brokered convention oder contested convention) mit vorherigen Blitz-Primaries, so daß die Parteitagsnominierten eine echte Auswahl haben, sich demokratisch zu entscheiden. Nun verweisen alle auf die Democratic National Convention 1968 in Chicago, als der amtierende Präsident Lyndon B. Johnson überraschend nicht mehr antrat,  Vizepräsident Hubert H. Humphrey in einem offenen Verfahren nominiert wurde und prompt bei der Präsidentschaftswahl gegen Richard Nixon unterging.

Solche Vergleiche sind meines Erachtens aber nicht zielführend, weil Wahlkämpfe im Internetzeitalter anders laufen und weil die bisherigen Kandidaten beider Parteien schon so lange bekannt und so alt sind, daß ihnen das eher als Nachteil ausgelegt wird.

Ein anderer demokratischer Kandidat hätte den enormen Vorteil einfach NEU zu sein und damit für all die frustrierten Amerikaner attraktiv wird, die keinen Geronten an der Staatsspitze wollen. Bill Maher sagte es schon voraus.

Ja, Bidens Rückzug, jetzt noch, ist sehr riskant.

Aber die Situation ist mit keiner bisherigen Konstellation vergleichbar: Der Gegenkandidat war bereits Präsident, ist uralt, lügt wie gedruckt, wurde 34 fach als Verbrecher verurteilt, zweimal impeached, überlebte gerade ein Attentat und wird religiös verehrt.

Möglicherweise gibt es doch noch genügend US-Amerikaner, denen so ein Kandidat zu irre erscheint und die nun gern den Reset-Knopf drücken, um ein ganz anderes Gesicht ins Oval Office zu bekommen. Es besteht eine neue Chance.

Klar, die Demokraten versauen diese Chance vermutlich, weil sie nun mal Demokraten sind und nun rumjammern, statt eiskalte Entscheidungen zu treffen. Aber mit Biden waren die Chancen unter die Wahrnehmbarkeitsschwelle gerutscht.

[….] Joe Biden hat sich dem Druck seiner Partei und breiter Teile der amerikanischen Öffentlichkeit gebeugt und das Ende seiner politischen Karriere verkündet und sich für Vizepräsidentin Kamala Harris als Nachfolgerin ausgesprochen. Die Demokratische Partei ist damit freilich nicht von ihren Problemen erlöst, sondern sie steht am Beginn einer historisch einmaligen Situation, die ebenso viele Gefahren wie Chancen birgt. Eine neue Kandidatin, ein neuer Kandidat kann die USA elektrisieren und das Land von einer Wahl zwischen zwei unbeliebten Politikern befreien. Der Weg hin zu dieser neuen Führungsfigur kann die Partei jedoch ebenso gut zerreißen und ihre Unfähigkeit zur Fortführung der Regierungsgeschäfte offenbaren. Dann würde sich das Land dem vermeintlich Stärkeren zuwenden – Donald Trump.

Die amerikanische Parteiendemokratie steckt voller Absonderlichkeiten, die erklären, warum Präsident Joe Biden eben nicht so einfach zur Seite geschoben werden konnte. Der Austausch des demokratischen Präsidentschaftskandidaten macht die Partei nämlich nicht zwingend stärker, sondern kann sie genauso gut auch schwächen.

Das Wahlsystem in den USA wird nicht von den Parteien bestimmt, sondern von charismatischen Führungsfiguren, die sich eine Parteiorganisation auf den Leib schneidern. Nicht die Partei entscheidet über einen Kandidaten, sondern der informelle Anführer zwingt die Anhänger und mithin die Partei zur Loyalität. Dieser Prozess wird in den Vorwahlen abgewickelt, die nicht zufällig als Härtetest der Präsidentschaftswahl angesehen werden.

Parteien in den USA sind also Wahlvereine, die sich hinter einem Kandidaten versammeln – weitgehend bedingungslos. Sie nötigen dem Kandidaten kein Wahlprogramm auf und erwarten keinen religiösen, ethnischen oder regionalen Proporz bei der Verteilung von Posten. Es handelt sich um Persönlichkeitsbewegungen, die zwar einer politischen Grundidee folgen, aber ansonsten eine Person mit fast schon übermenschlichen Erwartungen aufladen. [….]

(Stefan Korneluis, 21.07.2024)

Samstag, 20. Juli 2024

Konzerttouren

Als ich mit den ersten zarten Anzeichen der Pubertät natürlich auch zum Popmusik- und NDW-Fan wurde, bekam man Informationen über die Hitparade in ausgehängten Listen aller Läden (darunter Kaufhäuser), die Platten verkauften.

Die Verkaufsrankings wurden wesentlich von den ganz wenigen Pop-Musik-Radiosendungen beeinflusst. Dort lernte man neue Songs kennen, auf die man tage- oder wochenlang wartete, um sie mit einem vor das Radio gestellten Cassettenrekorder aufzunehmen. Wolle man eine Aufnahme in besserer Qualität, kaufte man die Single, die dann hoffentlich noch nicht vergriffen war und für die man sechs Mark ausgeben musste. Nicht ganz wenig für ein Kind, das auf Taschengeld angewiesen ist.

Aber auch wenn man genügend gespart hatte, war das Vorhaben oft mit einem sehr aufwändigen Plattenladen-Hopping verbunden.

Ich hatte damals eine feste Route aus sechs oder sieben Plattenläden in der Innenstadt, die ich per Bus und Bahn abklapperte, wenn ich auf der Suche nach bestimmten Liedern war. Das dauerte Tage.

Die höchste Form der Verehrung war es, die Langspielplatte zu erwerben, die aber 14 bis manchmal 19 DM kostete. Kaum ein Teenager konnte sich das mehr als einmal im Monat leisten.

Für den bräsigen GenZ/GenAlpha von heute, der auf seinem Sofa klebend buchstäblich mit einem Fingerschnipp jeden Song der Welt in höchster Digital-Qualität quasi umsonst spotifyet, dürfte es nicht vorstellbar umständlich erscheinen, wie ich 1981 einen Song ergatterte.

Aber Achtung, jetzt kommt erwartungsgemäß der „früher war alles besser“-Satz des alten Sacks: Man wertschätze so eine neue Platte ganz anders und die Künstler gaben sich erheblich mehr Mühe, ein Album mit qualitativen Stücken zu füllen.

Für eine neue Platte nahm man sich voller Stolz sehr viel Zeit, studierte das Cover und die Texte, hörte konzentriert jeden einzelnen Takt.

Man traf sich sogar mit Freunden, um gemeinsam Musik zu hören. Eine pekuniäre Notwendigkeit, da selbstverständlich nicht jeder alle aktuellen Platten besaß.

Für die Sänger/Band hatte der damalige technische Stand ebenfalls einen Vorteil: Ihr Einkommen wurde weitgehend von den Plattenverkäufen sichergestellt.

Konzerte waren finanziell nicht sehr relevant und sprachen auch ein anderes Publikum an. Für sie wurde vergleichsweise wenig Aufwand betrieben. Bühnenshows und Tanz-Choreographien waren bis zum Aufkommen der Boybands unbekannt.

Abgesehen von Stadionbands, die es natürlich auch schon gab, konnte aber seine Lieblings sehr niederschwellig auch live erleben. Eintrittskarten gab es für 10 bis 20 DM, in kleinen Clubs 7-9 DM, bei besonderen Superstars auch mal 25 DM.

Leisten konnte man sich das Musikerlebnis; ein Hinderungsgrund war eher das Schmuddelimage. Ein leicht derangiertes Volk wurde angelockt. Im Publikum soff und rauchte man um die Wette, kam ganz nah an seine Stars ran.

Ich erinnere mich an ein Cure-Konzert in der abgehalfterten Alsterdorfer Sporthalle, als ich so betrunken und von dem konzentrierten Cannabis-Schwaden in der Halle benebelt war, daß ich auf dem Weg vom Klo kurz auf einem Sitz der ersten Reihe hocken blieb. Es saß ja ohnehin keiner – alle pressten hoppsend im Innenraum zusammen. Neben mir saß ein Typ, den ich von anderen Konzertbesuchen kannte; den ich aber erst verzögert bemerkte, dann fragte „und was machst du hier so?“, woraufhin er murmelte „ich warte nur bis die fertig gebumst haben“, mit glasigen Augen auf ein Grufti-Paar deutete, das genau zu unseren Füßen auf dem Hallenboden liegend, seelenruhig kopulierte, während diejenigen, die auf Klo mussten, desinteressiert über sie hinüber stiegen. „Ach so“, entgegnete ich achselzuckend. „Ich gehe dann wieder nach vorn zu Robert; bestimmt spielen sie gleich noch From The Edge Of The Deep Green Sea.“

Das ist heute alles ganz anders. Von CD-Verkäufen kann niemand mehr leben. Daher lohnt es sich wenig, zu viel Zeit und Mühe in die Song-Produktion zu stecken.

Geld kommt statt dessen über TV-Auftritte, Social-Media-Werbung, Merchandising und Konzerttournee herein.

Karten für internationale Stars sind unfassbar teuer, können das Hundertfache dessen kosten, das ich als Teenager durchschnittlich ausgab. Dafür gibt es technisch ultraaufwändige Bühnenshows, die Klinisch rein sind.

Keine Helicopter-Mum muss sich um das Seelenheil ihrer Elfjährigen sorgen, wenn sie allein zu Taylor Swift geht, um deren 45 (!) Songs mit 16 Kostümwechseln in drei Stunden für ihren Insta-Account abzufilmen.

Für Madonna, Lady Gaga und Co lohnt es sich; Swift ist inzwischen 1,1 Milliarden Dollar schwer.

Den ganz großen Mammon macht man heute durch Tourneen.

Das hat auch Donald Trump verstanden, der seit neun Jahren ununterbrochen tourt, um seinen fanatischen Jüngern seinen horrend überteuerten Merchandising-Krempel anzudrehen.

Wenig überraschend also, daß der Verein, der am geldgierigsten von allen ist, inzwischen auch verstärkt auf Tourneen setzt: Die Katholische Kirche.

[….] Der Kult um Reliquien in der katholischen Kirche ist so alt wie skurril, die Faszination ungebrochen: Demnächst geht das Herz des jungen „Influencers Gottes“ auf Deutschland-Tournee – und drei Schädel dürfen auf Heimaturlaub.

Carlo Acutis wird „Cyber-Apostel“ genannt oder „Influencer Gottes“: Der 2006 im Alter von nur 15 Jahren an Leukämie verstorbene fromme Katholik programmierte einst religiöse Internetseiten. [….]. Erst vor Kurzem hat Papst Franziskus entschieden, dass Acutis heiliggesprochen werden soll, als erster „Millennial“ überhaupt. In dieser Woche nun kommt ein Stück von Carlo Acutis nach Deutschland, genauer: sein Herz. Zuerst wird der in Gold eingefasste Hohlmuskel am 21. Juli in der Münchner Heilig-Geist-Kirche erwartet, von dort geht es weiter nach Kloster Weltenburg, dann nach Berlin, Köln und Hamburg – es ist die Tournee des Herzens, gewissermaßen.

Manche dieser heiligen Reste gehen eben auch auf Reisen

Der katholische Reliquienkult ist uralt, aber erfreut sich – aller Säkularisierung zum Trotz – immer noch einer großen Faszination. Oberschenkel, Haarbüschel oder Totenschädel von Heiligen sind in vielen katholischen Kirchen mehr oder weniger sichtbar zu finden, in Gefäßen oder Schreinen oder im Altar eingearbeitet. Und manche dieser heiligen Reste gehen eben auch auf Reisen.

Gut 300 Kilometer nördlich von München zum Beispiel laufen gerade die Vorbereitungen für eine solche Tour: Die Schädel der Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan dürfen, so teilte es das Bistum Würzburg mit, Anfang Oktober auf Heimaturlaub nach Irland. Wird auch Zeit, nach immerhin 1338 Jahren. Schon 686 nach Christus nämlich war der irische Mönch Kilian mit seinen beiden Begleitern an den Main aufgebrochen, um die Franken zu missionieren. Das hat rückblickend ganz gut geklappt. Nicht so super lief es am Ende für die drei Iren selbst. Davon zeugen Löcher in zwei der drei Hirnschalen – Wunden, wie sie bei einem Schwerthieb entstanden sein könnten, sagt der Würzburger Domkonservator Wolfgang Schneider. Um 698 fanden die Frankenapostel in Würzburg den Märtyrertod, mutmaßlich ermordet von den Schergen des Herzogs Gosbert und seiner Gefährtin Gailana. [….]

(Annette Zoch, 19.07.2024)

Freitag, 19. Juli 2024

Schwarzgelbe Disharmonie

Die rechten und rechtsextremen Parteien Nordamerikas und Europas trachten nach Macht, Pfründen und Diskriminierung aller Minderheiten. Mit ihrem destruktiven Politikansatz sind sie immer im Vorteil, weil der Urnenpöbel viel empfänglicher für Dagegen-Botschaften ist. Selbst mit Zimmertemperatur-IQ kann man anderen vermitteln, wen man hasst, was man abschaffen und verbieten will.

So wurde Trump 2016 zum US-Präsidenten gewählt. Seine Wähler hassten die gleichen Menschen und Ideen wie er: Schwarze, Schwule, Klimaschutz, Ausländer, Bildung. Das erleichterte ihm das Regieren. Keine seiner  vollmundigen Ankündigungen – Obamacare abschaffen, Mauer bauen, Wirtschaftswachstum, Unabhängigkeit von China – konnte er umsetzen. Aber er verbreitete täglich weiter Hass und nahm so seine Anhänger mit.

Biden hat es viel schwerer, weil seine Anhänger konstruktive Politik verlangen, die Konzeptionen benötigt und sehr schwer umzusetzen ist. Sie lassen sich nicht mit Hass-Botschaften begeistern, sondern erinnern sich argwöhnisch an alle Versprechen. Jede kleine Planabweichung, jedes Problemchen wird ihm von seinen eigenen Leuten angekreidet.

Die rechtsextremen und verschwörungstheorie-affinen Wähler Trumps hingegen, sind viel einfacher zu handeln, weil sie zu dämlich sind, um Fakten zur Kenntnis zu nehmen und man ihnen einfach irgendwas vorlügen kann, das sie begeistert schlucken. Solange ihr oranger Messias ihr mesocortikolimbisches Belohnungssystem füttert, indem er jeden Tag gebetmühlenartig xenophoben Hass auskübelt, sind sie glücklich. Die zig Millionen Migranten aus dem Süden stammen im Trumpistan-Universum alle aus Gefängnissen und geschlossenen Psychiatrien, sind alle Kriminelle und Vergewaltiger.

Für jedes dieser Trigger-Worte schütten Amygdala und Hippocampus die guten Neurotransmitter in die Redneck-Hirnsynapsen.

[….]  Former President Donald Trump said immigrants coming to the U.S. are “poisoning the blood of our country,” a remark on Saturday that quickly drew a rebuke from his chief Democratic rival as President Joe Biden’s campaign likened the words to those of Adolf Hitler.

“They let — I think the real number is 15, 16 million people into our country. When they do that, we got a lot of work to do. They’re poisoning the blood of our country,” Trump told the crowd at a rally in New Hampshire. “That’s what they’ve done. They poison mental institutions and prisons all over the world, not just in South America, not just to three or four countries that we think about, but all over the world. They’re coming into our country from Africa, from Asia, all over the world.”  […..]

(NBC, 17.12.2023)

Dumme reagieren auf rechten Hass wie auf eine Partydroge.

Wenn Höcke/Merz/Trump gegen Migranten wettern, sprudeln Dopamin und Serotonin durch die synaptischen Spalte.

Da die Linken, „liberals“, Democrats, Sozialdemokraten, Grünen nicht über derart dämliche Anhänger verfügen, die man so leicht zufrieden stellen kann und da ihnen darüber hinaus auf noch Schäbigkeit und Skrupellosigkeit fehlen, um genau solche tumben Wähler anzusprechen, befinden sie sich in einem permanenten wahltaktischen Nachteil. Nur so läßt sich der schwarzbraune Durchmarsch auf zwei Kontienten erklären.

Würde man hingegen ehrlich und faktenbasiert die Konservativen Regierungsbilanzen beurteilen – USA 2001-2009, USA 2017-2021, Deutschland 2005-2021, England 2010-2024 – wären sie überall marginalisiert, stünden in Umfragen weit hinter den Sozialdemokraten.

Es könnten in allen Demokratien rechtsautokratische Parteien regieren, die ihre Wählerbindung durch kontinuierliches Hass-Säen konsolidieren.

SPD, Grüne, Labour und Demokraten müssten alle in Lyse gehen.

Das geschieht aber (noch?) nicht, weil die rechten Anführer glücklicherweise allesamt dumm, eitel, raffgierig, faul und undiszipliniert sind.

Die Britische Unterhauswahl vom 04.07.2024 ist das Paradebeispiel. Keir Starmer hat nicht gewonnen, sondern Sunaks Tories haben durch eine ungeheuerliche Ballung von Skandalen und Peinlichkeiten die Wahl verloren.

Wäre Trump nicht so debil und stümperhaft, hätte er tatsächlich schon vor der Wahl 2020 die Weichen so gestellt, daß die Demokraten nicht gewinnen können.

Aber wenn man mit einer rein destruktiven Hass-Agenda arbeitet, bleibt es in der Regel nicht beim Hass auf den Gegner, also SPD, Labour, Demokraten, welche die politische Alternative bilden. Hass und Hetze werden vielmehr zu einem so selbstverständlichen Handlungsimperativ, daß immer wieder auch Verbündete attackiert und kaltgestellt werden. Wir erleben es gerade bei den verschiedenen Nazi-Parteien im Europäischen Parlament, die sich glücklicherweise gegenseitig so verachten, daß sie es nicht schaffen, ihre Kräfte in einer Faschofraktion zu bündeln.

Trump verschwendete neun Jahre lang Zeit damit, die Republikanische Partei gleichzuschalten, weil er mit blindem Hass auch konservativste Parteipromis wie Paul Ryan oder Liz Cheney verfolgte.

In Deutschland sind AfD, CDU und FDP die natürlichen Verbündeten gegen die „Linksgrünversifften“. Lindners Lobbyverein, der durch eine Verstrickung außergewöhnlicher Umstände, in der Ampel bei den verhassten Grünen und Roten landete, beweist es jeden Tag, indem er die eigene Koalition sabotiert.

FDP und CDU sind allerdings zu doof, um sich zusammen zu reißen und strategische Disziplin walten zu lassen. Die xenophoben rechthaberischen alten Säcke gehen sich stattdessen immer wieder gegenseitig an die Gurgel.

[…..] Die Umstände der Wiederwahl von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sorgen für Streit zwischen Union und FDP. CDU-Chef Friedrich Merz kritisierte es im Deutschlandfunk als unverständlich , dass die FDP die Wahl von der Leyens nicht unterstützt habe. »Ich habe schon seit Monaten kaum noch Verständnis für die Haltung einer ganzen Reihe von FDP-Abgeordneten sowohl im Europäischen Parlament als auch im Deutschen Bundestag«, sagte Merz.  Positiv hob Merz hingegen hervor, dass von der Leyen auch Stimmen von Grünenabgeordneten bekommen habe. […..] FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki hielt offenbar wenig von Merz’ Aussagen, sowohl in Richtung der Liberalen als auch zum Ampelpartner. Auf X wünschte der Bundestagsvizepräsident dem CDU-Chef eine »gute Reise in den Abgrund« mit den Grünen. […..]

(SPON, 19.07.2024)

Donnerstag, 18. Juli 2024

It is NOT the economy, stupid!

 Bill Clinton, der junge Anwalt und Gouverneur aus dem kleinen Südstaat Arkansas, den man noch gar nicht auf der großen Washingtoner Bühne kannte, wurde 1992 mit dem Credo, sich auf die US-Wirtschaft zu konzentrieren, zum Präsidenten gewählt. Dabei werden Amtsinhaber üblicherweise nicht abgewählt; George Herbert Bush, der Vize des legendären Ronald Reagan, war aber erst vier Jahre im Amt und bewegte sich auf der ganz großen internationalen Bühne mit der deutschen Wiedervereinigung, den Umbrüchen der Gorbatschow-Ära, dem Kollaps des Warschauer Paktes und natürlich dem großen US-Feldzug gegen Saddam Husseins Irak. Einem Kriegspräsidenten fällt das Wahlvolk erst Recht nicht in den Rücken – wie sein Sohn 2004 noch beweisen sollte.

Clinton hatte aber eine (damals) goldrichtige Erkenntnis, die er mit seiner Eloquenz und Intelligenz konsequent umsetzte: Am meisten interessieren sich seine Landsleute für einen brummende heimische Wirtschaft.

Tatsächlich war er auch der Präsident, in dessen Amtszeit die Wirtschaft wie nie florierte, während er, anders als seine Reagonomics-Vorgänger, auch noch das chronische US-Haushaltsdefizit in ein fettes Budget-Plus umwandelte.

Im Herbst 2000, nach seinen acht Jahren, als er nicht mehr kandidieren durfte, war nicht nur voll leistungsfähig, sondern auf dem Zenit seiner Beleibtheit. Mit Leichtigkeit hätte er eine Wahl in die dritte Amtszeit gewonnen und das unglaubliche Desaster, welches sein Nachfolger anrichtete, mutmaßlich verhindert.

Schon Barack Obama wurde 2008 mit seinem Slogan „change“ eher gewählt, um die fürchterliche GW Bush-Zeit zu beenden. 2012 gelang ihm die Widerwahl trotz schlechter wirtschaftlicher Lage, weil er persönlich integrer und beliebter war, als der damals als sehr rechts empfundene Multimillionär Mitt Romney.

Biden wiederum gelang der 2020er Wahlsieg analog zu Obama 2008 – das Volk hatte den vorherigen extrem schlechten rechten Amtsinhaber satt.

Die Entwicklungen zwischen 1992 und 2024 scheinen die Demokraten aber kaum wahrgenommen zu haben. Sie sind stattdessen unfassbar naiv. Sie dachten, Biden liefert gute Wirtschaftsdaten. Das müssten die Wähler honorieren. Zudem wäre eine Wiederwahl seines Amtsvorgängers wegen der Trump-Prozesse ausgeschlossen. Die Wähler stimmten schließlich nicht für einen verurteilten Verbrecher!

Was macht es da schon, wenn Joe Biden etwas klapperig wirkt?
Seine ausgezeichnete Regierungsbilanz steht doch außer Frage, während Trump nur wie gedruckt lügt.

Unglücklicherweise befinden sich die Demokraten damit völlig auf dem Holzweg. Es ist eben NICHT die Wirtschaft. Es entscheidet eben nicht die Ratio der Wähler, es geht eben nicht um Qualifikation oder Reputation.

Wahlentscheidend sind viel mehr Stimmungen. Psychologie. Narrative. Spins. Kampagnen. Lügen. Verschwörungstheorien.

Die religiöse Deutung des versuchten Trump-Attentats und die daraus resultierende Heldensage, vom Gott-Gesandten, dem absolut nichts etwas anhaben kann – weder Anklagen, weder Impeachments, weder Verurteilungen, noch Kugeln – schlagen jedes rationale Argument tot.

Der Image-Kontrast zu „Tattergreis-Joe“, der kaum einen Satz unfallfrei zu Ende bringt und bei dem man stets befürchtet, er falle im nächsten Moment über seine eigenen Füße, wenn er stocksteif und gebrechlich umher stakst, könnte nicht größer sein.

Trumps Anhänger verhalten sich wie zu allem entschlossene fanatische Jünger. Sie glauben felsenfest an seinen Sieg.

Zum Zeichen ihrer bedingungslosen Treue zu dem multikriminellen Rassisten kopieren sie ihn sogar optisch.



[….]  Es ist schon ein großes Problem, dass die Sachlichkeit in der Politik so kurz kommt und das Emotional-Aggressive immer mehr in den Vordergrund gerät. Ich gehöre zwar nicht zu denjenigen, die den Politikern immer die Schuld daran geben, allerdings hat diese Art der aggressiven Auseinandersetzung schon stark zugenommen. Daran hat Donald Trump selbst einen großen Anteil, mit einer Sprache, die spaltet, und seinem Narzissmus. Damit spricht er viele Menschen an, denen es vollkommen egal ist, ob er recht hat oder nicht.

Viele möchten sich mit einem identifizieren, der sich die Gesetze selbst schafft und signalisiert, dass die herkömmlichen Gesetze und Regeln nur für die Schwachen gelten. Das spricht viele Menschen an, die unzufrieden sind und gerne so wären wie er. Donald Trump zelebriert den Narzissmus in einer geradezu lehrbuchartigen Weise. Nun wird dieses Bild noch um eine Facette erweitert: Trump wird als Überlebender dieses Attentats von seinen Anhängern als Unverwundbarer gefeiert, als einer, der von Gott berufen sein muss.  […..]

(Psychiater Reinhardt Haller, 17.07.2024)

Bidens Anhänger hingegen, haben Mitleid mit ihrem Kandidaten. Sie befürchten, er werde sie in eine katastrophale Wahlniederlage steuern.

[…..]  Erst hatte der Präsident kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu: Eigentlich wollte Joe Biden am Mittwoch in Las Vegas vor Anhängern eine große Rede halten. Doch der Auftritt musste wegen Bidens plötzlicher Coronaerkrankung abgesagt werden. Damit ist klar: Die große Comeback-Tour des Präsidenten – bei der er allen seinen Kritikern beweisen wollte, dass er weiterhin genug Kraft und Ausdauer hat –, sie endet, bevor sie überhaupt so richtig begonnen hat.

Im US-Fernsehen wurden Bilder von der vorzeitigen Abreise Bidens aus Las Vegas gezeigt. Zu sehen war ein sichtlich angeschlagener Präsident, der die kurze Treppe zu seinem Flugzeug nur mit größter Mühe allein erklimmen konnte. Der Präsident habe eine »laufende Nase« und fühle sich »allgemein unwohl«, teilte das Weiße Haus mit. Er werde sich in sein Feriendomizil in Rehoboth Beach an der Atlantikküste zurückziehen. Für diesen Donnerstag stehen keine offiziellen Termine auf dem Kalender des Präsidenten. Es sind bittere Tage für Joe Biden: Während sein Herausforderer Donald Trump beim Parteitag der Republikaner in Milwaukee wie ein Held gefeiert wird, kränkelt der Demokrat und gerät in den eigenen Reihen erneut unter Druck, seine Präsidentschaftskandidatur aufzugeben. Einiges spricht dafür, dass es schon bald zu wichtigen Entscheidungen kommen könnte. Der Sender CNN berichtete unter Berufung auf nicht genannte Quellen, Biden habe in Gesprächen mit Parteifreunden angeblich erstmals Offenheit für einen möglichen Rückzug gezeigt.  […..]

(Roland Nelles, 18.07.2024)

Auch ich habe Mitgefühl für Joe Biden. Auch ich empfinde es, als hochgradig ungerecht, wie schwächlich und ungeeignet er von den Wählern angesehen wird, während sie Trump für einen dynamischen Jungspund halten.

Es tut mir weh, ihn leiden zu sehen. Aber selbstverständlich ist es seine eigene Schuld. Er klammert sich an das Amt und versteht seine Rolle als Übergangskandidat nicht. Er hätte längst zurücktreten sollen, um sich gar nicht erst in diese demütigende und für jeden hochpeinliche Situation zu bringen, in der selbst seine engsten Freunde, die ihn so sehr schätzen peu à peu aus Verzweiflung ihre Loyalität überwinden und sich gegen ihn positionieren.

[…..]  Jede Menge Aussetzer - und dann auch noch Corona. […..] Es war wohl einer seiner gewichtigsten Fürsprecher, nun scheint auch er - zumindest laut Medienberichten - Zweifel zu haben: Der frühere US-Präsident Barack Obama hat sich offenbar skeptisch über die Wiederwahlchancen von Amtsinhaber Joe Biden geäußert. Das melden unter anderem die Nachrichtenagentur AP und die Washington Post.  Laut AP soll Obama in privater Runde gegenüber Vertrauten Bedenken über Bidens Festhalten an seiner Kandidatur geäußert haben. [……]

(Tagesschau, 18.07.2024)

Was für ein Drama, was für ein Desaster, daß die Biden-Familie die Realität nicht erkennt und engste Freunde zu solch schmerzhaften Schritten zwingt.

[…..]  Bemerkenswert ist, dass jetzt vor allem die Führung der Partei mehr und mehr auf Distanz zu Biden zu gehen scheint. In der Hauptstadt Washington, D.C., brodelt es heftig in der Gerüchteküche: Hakeem Jeffries, der Fraktionschef der Demokraten im Repräsentantenhaus, soll Biden bei einem vertraulichen Treffen vor einer Niederlage der Partei gewarnt haben, sollte er an seiner Kandidatur festhalten. Der Sender ABC will derweil erfahren haben, dass der mächtige Anführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, Biden in einem Vieraugengespräch am vergangenen Samstag direkt zur Beendigung seiner Präsidentschaftskandidatur aufgefordert haben soll. Zwar ließ Schumer mitteilen, es handele sich bei dem Bericht um reine Spekulation. Doch ein klares Dementi klingt anders.

Welche Rolle spielt Nancy Pelosi? […..] Hinter den Kulissen sehr aktiv ist in der heiklen Angelegenheit offenkundig auch die frühere Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Sie verfügt bei den Demokraten weiterhin über erheblichen Einfluss, auch weil sie gute Kontakte zu vielen Großspendern hat.  […..]

(Roland Nelles, 18.07.2024)



Mittwoch, 17. Juli 2024

Bleibt alles gleich – Teil III

In diesen Zeiten der großen Unsicherheiten, der ständigen Veränderungen und Verschiebungen, in denen man sich auf gar nichts mehr verlassen kann, wird Angela Merkel zu ihrem 70sten Geburtstag gefeiert und fürchterlich vermisst.

Man sehnt sich zurück in ihre Schlafwagen-Regierungszeit. Als es so bräsig blieb, wie es immer war und man nicht mit Ruckreden, Zeitenwenden oder Agenda-Plänen genervt wurde. Als einen nicht störte, daß sie nie konkret wurde und alle Probleme ignorierte.

Zeiten, in denen es ein riesiger Aufreger war, als sich Klaus Wowereit outete, oder man sich über Joschka Fischer empörte, weil er als Landesminister in Turnschuhen vereidigt wurde. Das war schön. Man konnte sich abendfüllend echauffieren über Angelegenheiten, die einen rein gar nicht betrafen, die den eigenen Alltag nicht einen Mikromillimeter veränderten.

Wer hätte auch damit rechnen können, daß sich die böse globalisierte Welt einfach weiterdreht, während Deutschland Telefonkabel aus Kupfer für sehr modern hält, mit Fax-Geräten kommuniziert wird und die CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek verkündet, der Netzausbau sei wahrlich nicht dringend, "5G nicht an jeder Milchkanne notwendig". Die Kanzlerin hielt diese ominöse Internet für #Neuland.

Und dann das! Kaum ist die Ampel im Amt, geht das Elend los. Krieg! Und wir brauchen plötzlich doch eine  Bundeswehr. Sogar mit Soldaten! Und als neuester Schock, sollen deren Waffen auch noch FUNKTIONIEREN! Den Klimawandel dürfen wir auf einmal nicht weiter ignorieren dürfen, weil halb Deutschland absäuft und in Hamburg im Sommer 41°C im Schatten gemessen werden. Plötzlich sollen wir auch noch erneuerbare Energien anschaffen. Photovoltaik und Windräder. Dabei hatten wird doch den ganzen Öko-Kram 2009-2013 in der schwarzgelben Regierungszeit wieder abgeschafft, weil Angela Merkel von dem netten Herrn Putin so günstig Erdgas bekam.

Zu allem Übel, stellt sich nun auch noch heraus, daß dieses Internet doch nicht nur einen Phase war und es doch ganz nützlich wäre, zum Rest Europas aufzuschließen. Angeblich wollen einige Tech-Nerds sogar funktionierende Handynetze in ganz Deutschland. Der Wahnsinn! Angeblich soll es sogar Autos geben, die nicht einfach wie irre fossile Energieträger verbrennen und dafür Stickoxide und Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Aber mit dem neumodischen Kram muss man sich in Deutschland glücklicherweise nicht beschäftigen. Autoindustrie spielt hier ja keine Rolle.

Es ist aber alles so lästig. Neue Energieträger, Häuserdämmungen, andere Autoantriebe, neue Heizungen, Impfungen. Andere Lerninhalte, überall Fahrradspuren und fünf mal im Jahr nach Malle ist auch nicht mehr richtig.

Bei so viel schrecklicher Veränderung freut man sich umso mehr über jede Konstante, die es noch gibt.

Zum Beispiel die beiden Axiome der CDU-Affären:

Erstes Axiom: Wenn erste Meldungen über eine kleine Affäre eines CDU-Politikers hereinkommen, ist das garantiert erst die Spitze des Eisbergs.

Zweites Axiom: Wenn der Affären-Betroffene verspricht aufzuklären, lügt er garantiert und macht es mit seiner Salamitaktik noch viel schlimmer.

Beispiel Schluckspecht Jan Redmann. Der Spitzenkandidat der CDU in Brandenburg war johlend mit 1,3 Promille auf einem E-Scooter durch den Wahlkampf gebrettert und gab dann beschämt selbst seinen Führerschein ab. Es käme nicht mehr vor.


[….] Für E Scooter gelten die strengen Promille-Grenzen für Kraftfahrzeuge:

    Ab 0,3 Promille droht bereits ein Strafverfahren, wenn alkoholbedingte Ausfallerscheinungen vorliegen (z.B. schwankendes Fahren).

    Ab 0,5 Promille liegt eine Ordnungswidrigkeit vor, die mit einem Bußgeld geahndet wird.

    Ab 1,1 Promille besteht absolute Fahruntüchtigkeit. Wer trotzdem einen E Scooter fährt, macht sich strafbar (§ 316 StGB).

Fahrverbote und Führerscheinentzug sind möglich und gelten auch für die Fahrt mit dem Auto oder Motorrad.

Die Polizei kann zur Überprüfung der Blutalkoholkonzentration einen Bluttest anordnen. Dieser muss geduldet werden.

Auch einem betrunkenen E Scooter Beifahrer können ein Fahrverbot oder Entzug der Fahrerlaubnis drohen  [….]

(KanzleiWehner)

Für CDU-Größe Redmann aber nur eine Petitesse.

Woher sollte Redmann, Jahrgang 1979, promovierter Jurist, auch solche Regelungen kennen?

[….] Die Polizeikontrolle bei der Alkoholfahrt von Brandenburgs CDU-Spitzenkandidat Jan Redmann auf einem Elektroroller lässt noch Fragen offen. Der CDU-Landes- und Fraktionschef wurde nach eigenen Angaben ohne spezielle Begründung von den Beamten gestoppt. »Mir haben die Polizistin und der Polizist gesagt, dass es sich um eine allgemeine Verkehrskontrolle handelt«, sagte Redmann. »Ein besonderer Grund für die Kontrolle wurde mir nicht genannt.«   Laut einem internen Polizeibericht, der dem SPIEGEL vorliegt, ist Redmann allerdings »aufgrund seiner Fahrweise von den eingesetzten Beamten« kontrolliert worden. Die »Märkische Allgemeine« hatte zuerst darüber berichtet. Außerdem sei ihm Blut abgenommen worden, Redmann selbst hatte nur von einem Atemtest berichtet und angegeben, dass er seinen Führerschein freiwillig abgegeben habe. [….] Ihm sei es wichtig gewesen, zu seinen Fehlern zu stehen, so Redmann. Deswegen habe er seinen Führerschein »freiwillig« an die Polizei ausgehändigt und nicht auf eine »richterliche Beschlagnahme« gewartet. In seiner Antwort auf die SPIEGEL-Anfrage bleibt Redmann außerdem bei seiner Aussage, dass die Polizei ihm keinen konkreten Anlass für die Kontrolle genannt habe. [….] Der Fall sorgt rund zwei Monate vor der Landtagswahl für kritische Reaktionen der Koalitionspartner. SPD-Landtagsfraktionschef Daniel Keller stellte Redmanns Ziel infrage: »Wenn sich bewahrheitet, dass es keine Routinekontrolle war oder dass er seinen Führerschein abgeben musste, dann ist er ungeeignet, Ministerpräsident zu werden«, sagte Keller.  Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Benjamin Raschke fordert Aufklärung: »Redmann hat die Blutentnahme verschwiegen, die Verkehrskontrolle erfolgte offenbar auf Verdacht und der Führerschein hätte bei diesem Promillewert in jedem Fall abgegeben werden müssen«, sagte er. [….]

(SPON, 17.07.2024)

Dienstag, 16. Juli 2024

Keine Chance für humanistische Werte

Indolenz des Souveräns war schon immer ein Kennzeichen der Demokratien.

Aber nachdem das Urteilsvermögen der Wähler nachhaltig erst durch das Internet, dann durch die Sozialen Medien und schließlich durch KI-Technik nahezu vollständig eliminiert wurde, haben die Lauten, die Lügner, die Demagogen freie Bahn.

Fake News verbreiten sich wesentlich schneller als Fakten.

Die Masse liest BILD und nicht die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

Trumps Heiligsprechung in der Veranstaltungshalle von Milwaukee zeigt es mustergültig: Die Republikaner können sehr viel effektiver lügen, als es Factcheckern wie Daniel Dale möglich ist, ihre perfiden Falschaussagen richtig zu stellen. Aus dem Köpfen seiner zig Millionen hoch debilen Jünger bekommt man die Lügen ohnehin nie mehr raus.

Die faschistoide GOP-Lügenbande hat von ihrem orange Idol gelernt: Es lohnt sich zu lügen, da die mentalen Fähigkeiten des Großteils der Wähler viel zu eingeschränkt sind, um anschließend irgendetwas des Gesagten in Frage zu stellen.

[…..] PHILLIP: CNN’s Daniel is here with 30 false statements that Trump made in Wisconsin, Daniel, take it away.

    DALE: He said there was world peace in 2020. There was very much not. He said he won Wisconsin in 2020. He lost. He said the Democrats rigged the 2020 election – a lie. He said people around President Biden cheat on elections. No. He said people’s votes tend to disappear. They simply do not. He said 107,000 people attended his recent rally in New Jersey. That’s at least tens of thousands too high. He said he saved Kenosha, Wisconsin in 2020 during rioting when the Democratic governor wouldn’t act to intervene. In fact, that governor deployed the National Guard before Trump told him to.   Trump said cocaine was found at the White House about a month ago – that was actually about 11 months ago. He said it was hundreds of thousands of dollars worth of cocaine. It was a little bag, maybe generously in the hundreds of dollars worth. He said Biden orchestrated his New York criminal trial, zero evidence of that. He said Biden was also behind all of his cases, including civil trials, baseless again. He said Biden wandered off of the G7 and didn’t know where he was. No, Biden was briefly chatting with a skydiver who had landed near the group.  He said he was indicted more than infamous [gangster] Al Capone. No, Al Capone had more indictments than him. He said he was in Washington the other day for one of his trials. He was actually there for meetings with congressional Republicans. He said Nancy Pelosi turned down his offer of 10,000 soldiers on January 6. She never got such an offer and would not have had the power to reject it even if she did. He said the January 6 committee deleted all records, just did not happen.  He said he’s the only president who didn’t start a war. Jimmy Carter didn’t start any wars. He said he finished the war in Syria. No. And got us soldiers out. He actually left hundreds of troops there. He said Syria and Turkey had been fighting over their border for quote 2000 years. That border, Abby, is less than a century old. He said insane asylums are being emptied by foreign countries to let people come to the US as migrants. His own campaign cannot substantiate this claim. He also said prisoners are coming in from jails in the Congo over the border. His campaign can substantiate that either. He said President Obama cannot deport criminals to Latin American countries. Obama in fact could. He said Venezuela’s crime is down 72% because of immigration to the US. Venezuela’s violent deaths are actually down 25%, and that’s for a variety of reasons. He said 17 or 18 million people have now entered illegally over the border – experts say that’s many millions too high.  He said Biden’s plans would quadruple your taxes: total fiction. He said canceling the Keystone XL pipeline costs 48,000 jobs. That is wildly inflated. He said total inflation under President Biden is 40 or 50% is actually 19%. He said before he took office, there was a $500 billion trade deficit with China. It has never been that high. And in fact, the record was set under Trump in 2018. He said no previous president has taken even $0.10 in tariff money from China. It is Americans who pay those tariffs and the US has actually had such tariffs on China since the 1700s. And finally, he said, we’re in the worst crime wave in modern history – crime has actually plummeted in 2023 and so far in 2024.

    PHILLIP: It’s only Tuesday. Daniel Dale, thank you very much. [……]

(David Gilmour, 19.06.2024)

Wir, die Guten, die Linken, die Demokraten, die Faktenbasierten, die Anständigen, die Humanisten – wie immer man es ausdrücken mag – haben nicht das Rüstzeug gegen die Flut aus Hetze und Lügen.

Es spricht Bände, daß Michelle Obama die beliebteste Demokratin der USA ist. Natürlich ist sie hochintelligent und die womöglich beste Rednerin des Kontinents. Wir lieben sie für ihren ikonischen Satz „when they go low, we go high!“

Aber die Kehrseite dieser Obamaschen Regel, an die sich auch nach dem versuchten Trump-Attentat wieder alle Demokraten hielten, ist daß wir verlieren.

Mit Edelmut, Fairness, Anstand und Moral, kann man die rechten Hetzer nicht aufhalten. Insbesondere nicht, wenn wir immer noch so naiv sind, zu glauben, man müsste dem Urnenpöbel nur beweisen, daß ihre Idole Lügner, Rechtsextremisten, Verfassungsfeinde sind. Das ist sogar doppelt naiv. Denn erstens glauben QTrumpliKKKans auf seinen Rallys (oder die ungewaschen brüllenden Montagsdemonstranten in Dunkeldeutschland, oder die Nigel Farage-Epigonen oder die LePenioten) ohnehin keinen Quellen, die ihrer verdrehten Hassweltsicht widersprechen und zweitens wäre die Erkenntnis, daß „their guy“ ein Faschist/Rassist/Verfassungsfeind ist, nicht im geringsten ein Grund, ihn weniger zu verehren. Wir halten die Lügenflut nicht nur nicht auf; es würde auch nichts nützen, wenn wir es könnten.

(…..) Tatsächlich lügt Trump nicht nur, sondern er ist ein „Bullshitter“. Alberto Brandolini hilft weiter.

[….] Im Internet, aber auch in anderen Medien wie dem von Russland gegründeten Auslandsfernsehsender RT (ehemals Russia Today) gehören Unsinn und gezielte Falschmeldungen spätestens seit der Covid-19-Pandemie zum traurigen Alltag. Die sogenannten Fakenews umfassen harmlosen Blödsinn („Elvis lebt“), unwahre Informationen („die Erde ist eine Scheibe“), aber auch potenziell gefährlichen Verschwörungstheorien („die BRD ist in Wirklichkeit eine GmbH“).

In den letzten Jahren wurden deshalb Initiativen wie Correctiv gegründet, die versuchen Fakenews mithilfe von wissenschaftlichen Informationen zu widerlegen. Oft sind diese Versuche jedoch erfolglos. Doch wieso ist es für Fact-Checking-Seiten so schwer, Menschen davon zu überzeugen, dass es sich bei Fakenews und Verschwörungstheorien nicht um die Wahrheit handelt?

Eine Erklärung dafür liefert Brandolinis Gesetz, das auch als Bullshit-Asymmetrie-Prinzip bekannt ist.

    „Das Widerlegen von Schwachsinn erfordert eine Größenordnung mehr Energie als dessen Produktion (The amount of energy needed to refute bullshit is an order of magnitude bigger than to produce it.)“

Die Lebensweisheit des italienischen Informatikers Alberto Brandolini beschreibt demnach, dass der Aufwand zur Widerlegung von Blödsinn und Fake News deutlich mehr Aufwand erfordert als dessen Produktion.

Erdacht hat Brandolini das Bullshit-Asymmetrie-Prinzip bereits im Jahr 2013, also lange bevor Begriffe wie „Filterblase“ und „Fakenews“ in der Allgemeinheit verbreitet waren. Die Inspiration dafür war laut Brandolini eine Fernsehdiskussion mit Silvio Berlusconi, der ähnlich wie Donald Trump in seinen politischen Diskussionen oft sehr kreativ mit der Wahrheit und Fakten umging. [….] Menschen, die bei Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken Diskussionen verfolgen, erscheint Brandolinis Gesetz intuitiv richtig. Es ist offensichtlich, dass Menschen, die gezielt Fakenews verbreiten, aber auch Menschen, die irrtümlich Fehlinformationen teilen, nur mit hohem Aufwand überzeugt werden können. Problematisch ist dabei vor allem, dass vielen Personen so stark an Fakenews glauben, dass die Gegenargumente prinzipiell ablehnen. Auch Menschen, die Gegenargumenten offen sind, können oft kaum überzeugt werden, weil Menschen laut Studien schlecht darin sind, ihre bereits gefestigte Meinung zu ändern. [….]

(Forschung und Wissen)

Es ist eine Frage der Quantität der Trump-Lügen und keine Frage der Qualität. Trump muss nur genug lügen und wird damit unweigerlich den Wettkampf gegen die Enttarnung seines Bullshits gewinnen, weil es ihn viel weniger Energie kostet Bullshit zu produzieren. Bei zigtausenden Lügen wächst der Energieaufwand, das alles zu widerlegen exponentiell und ist nicht mehr zu leisten. Das Debunking kollabiert. Trump hat die Welt erfolgreich mit Lügen zugeschissen.

Soziale Medien und Internet sind auf seiner Seite, da an Emotionen appellierende Falschinformationen eine vielfach größere Reichweite, als ihre Richtigstellung haben.

Factchecker hängen hoffnungslos hinterher. Auch Söder, Merz und die AfD sind daher vom Lügen zum Bullshitten übergegangen und behaupten einfach so ausdauernd, die Grünen würden alles verbieten, die Ampel zwinge kleine Jungs zur Geschlechtsumwandlung, oder Atomenergie sei billig und sicher, daß es nicht mehr möglich ist, die Masse des Schwachsinns zu widerlegen.  (….)

(Lügen versus Bullshitten, 17.04.2024)

Der anständige Joe Biden ist so mitfühlend, die Witwe des Feuerwehrmannes, der statt Trump getötet wurde, anzurufen.

Der mitleidslose Trump kennt nur sich selbst, hat keinerlei Antennen für die Befindlichkeiten anderer.

Ich finde Biden daher sympathisch. Aber das nützt eben nichts, weil die Masse sich viel mehr für den lügenden Hetzer erwärmt.

Wir sind alle verloren.