Donnerstag, 2. Dezember 2021

Missinterpretierte Umfragen

Als Geront aus dem letzten Jahrtausend, gehöre ich noch zu den Menschen, die einen Festnetz-Telefonanschluss haben und auch weit überwiegend benutzen. Da kommt es gelegentlich vor, daß man von einem Umfrage-Institut angerufen wird.

In meinem Leben gibt es einige blinde Flecken; zu den Themen kann ich nicht weiterhelfen. So wurde ich schon zweimal zum Thema Radio angerufen. Aber ich besitze nicht nur gar kein Radio, sondern hasse akustisches Hintergrund-Gesabbel so sehr, daß ich Geschäfte sofort wieder verlasse, wenn Radio läuft. Das betrifft übrigens auch Lesungen, Podcasts oder Hörbücher.

Bei politischen Themen lasse ich mich aber gern befragen, weil mir a) die schlecht bezahlten Callcenter-Mitarbeiter leidtun, ich mich b) dabei inhaltlich sehr kompetent fühle und ich c) versuche, die Gelegenheit zu nutzen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Das tue ich beispielsweise, indem ich meine Absicht bekunde, bei der nächsten Wahl die SPD anzukreuzen und behaupte, zuletzt CDU gewählt zu haben.

Abgesehen davon, daß ich gar kein Wahlrecht habe, wäre ein SPD-Stammwähler für Demoskopen langweilig.

Wechselwähler, die sogar das konservative Lager verlassen, sind eine bedeutendere Tendenz.

Leider sind die Fragen meistens unterkomplex formuliert. Insbesondere, wenn man es mit größeren Online-Portalen zu tun hat. Man denke nur an Civey oder Wahl-O-Mat.

Da kommt es immer wieder vor, daß ich eine Frage nicht so, wie ich es eigentlich meine, beantworte, weil das falsch interpretiert würde.

Klickt man bei „Soll das deutsche Asylrecht beibehalten werden?“ auf „Nein“, denkt der Wahl-O-Mat, man sei AfD-affin, wolle keine Asylanten im Land haben.

Ich bin aber eher dafür, das Asylrecht abzuschaffen, weil ich ganz links bin und die allgemeine Niederlassungsfreiheit und Grenzöffnung anstrebe. Dann müsste niemand mehr einen Asylantrag stellen, weil er ohnehin in Deutschland bleiben darf, wenn er möchte.

Ein  bekanntes Problem in Umfragen ist es, das Interesse an Religion und Kirche mit Religiosität gleichzusetzen.

Bei mir ist aber das diametrale Gegenteil der Fall. Ich interessiere mich seit Jahrzehnten brennend für alle religiösen Themen, beschäftige mich damit jeden Tag, schreibe darüber, habe eine halbe Bibliothek zu dem Thema. Und genau deswegen bin ich Atheist. Und zwar hardcore; kein irgendwie Zweifelnder oder Agnostiker. Ich bin sicher, daß Religion sehr schädlich und Gottesglaube Humbug ist.

(….)  Leick und Beyer haben offensichtlich auch Assheuer gelesen. Aber ob sie Dworkin richtig verstanden haben, ist mehr als fraglich.

Dessen Thesen be- oder widerlegen sie nicht, sondern setzen sie einfach voraus.

Ein Atheist muß ja, laut SPIEGEL-Titelgeschichte frustriert davon sein, daß seine Weltsicht so gar keinen Platz für Schönheit und „Erhabenes“ hat. Deswegen sehnt er sich nach Metaphysik.

So einfach ist das.

Als Beleg wird die seit Jahren immer wieder zitierte Bertelsmannstudie herangezogen, nach der große Teile der Gesellschaft religiös sind – auch wenn sie aus der Kirche ausgetreten sind.

Es handelt sich um jene methodisch fragwürdige Studie, in der Interesse am Phänomen Religion mit Religiosität verwechselt wird. Schon Michael Schmidt-Salomon beklagte sich, daß er nach Ausfüllen des Bertelsmann-Fragebogens als hochreligiös gezählt wurde.

Leick und Beyer nehmen es aber nicht so genau mit der Wissenschaft und versteigen sich sogar zu der abstrusen Aussage die Naturwissenschaften wendeten sich von der reinen Vernunft ab, da sie erkannt hätten wie viele „Irrationalismen“ (Laut Dworkin also letztendlich auch „religiöse Phänomene“) die Rationalität bestimmten.

Das, Entschuldigung lieber SPIEGEL, ist natürlich blanker Unsinn.

Vollends grotesk werden Leick und Beyer aber erst, wenn sie Nichtgläubigen ohne überzeugende Herleitung einfach als „religiös“ abstempeln, indem sie ihnen andichten sich unerfüllt zu fühlen. Sie hätten „ein Problem.“ (….)

(Atheismus als Religion, 10.06.2014)

In Umfragen wird aber derjenige, der sich stark für Kirchen interessiert, als „Kirchenfreund“ gezählt. Und so müssen die bekannten deutschen Atheisten wie MSS damit leben, daß ihre Bücher in den Buchhandlungen unter „Theologie“ oder noch schlimmer, unter „Religion“ einsortiert werden.

Vor ein paar Tagen klickte ich mich durch die Civey-Umfrageseite. Mich interessiert die Methode, wie das Online-Institut, das inzwischen der Haupt-Zahlenlieferant des SPIEGEL ist, aus dem Wissen über seine registrierten Fragen-Beantworter, ableitet, ab wann genau eine Antwort als „repräsentativ“ gilt.

Die Masse der Daten – oft beantworten viele Myriaden Menschen eine Fragestellung – sollte eigentlich dazu führen, besonders präzise zu sein.

Interessanterweise ist das aber nicht der Fall. Das konservative Allensbach-Institut, das als einziges ausschließlich auf „Face to Face“ (persönlich-mündliche Befragung von nach Quotenvorgaben ausgewählten Personen) setzt, also auf Telefonumfragen und Online-Methoden verzichtet, kann mit 1.000 Befragten genauer ein Bundestagswahlergebnis prognostizieren, als Civey mit 50.000 Befragten.

Das ist weniger überraschend, als es zunächst scheint, denn wenn man die Befragten kostengünstig allein vor dem Klugtelefon rumklicken läßt, können Antworten missverständlich sein.

Civey beschäftigt sich derzeit sehr stark mit dem Personalgerangel in der CDU.

Immer wieder wurde ich gefragt, wie sich die CDU in Zukunft ausrichten soll, wer der nächste Parteichef werden soll, ob man für Friedrich Merz votieren werde. Dabei wird natürlich automatisch vorausgesetzt, man blicke wohlwollend auf die CDU, wünsche ihr den besten Parteichef, werte gute CDU-Wahlergebnisse als „Erfolg“.

Bei dem Themenfeld plädiere ich immer für Merz, votiere für eine Rückbesinnung auf konservative CDU-Klassiker-Themen. Das mache ich, weil ich Merz für eine katastrophale Fehlbesetzung halte und denke, der erzkonservative, homophobe, misogyne, xenophobe, nationalistische Kurs, kostet die CDU noch viel mehr Stimmen.

Mit Gezeter wider die Homo-Rechte und Cannabis-Legalisierung, gewinnen die Konservativen zwar etwas Zuspruch auf der rechten Seite. Aber da wählt man ohnehin AfD. Die Union wird dann links ein Vielfaches verlieren und weiter abnehmen. Zumal Merz enorme politische und ökonomische Wissenslücken mit sich herumschleppt und jederzeit so garstig werden kann, daß er mit seinen Talkshowauftritten noch mehr CDU-Fans vergrault.

Civey kennt aber nicht die Variante, daß man für einen Parteivorsitzenden votiert, weil man ihr maximal schaden will.

Auch dank meiner Hilfe, generiert Merz derzeit sehr viel Zuspruch. Seine Chancen, nach zwei vollkommen vermasselten Anläufen, beim dritten Versuch, Laschet zu beerben, stehen also ziemlich gut.

Möge er gewinnen und fürderhin als konservative Loose Cannon die CDU/CSU-Fraktion talibanisieren.

Also bitte liebe Linken in den Social Media, freut Euch doch über die Spahns und Amthors und Merze bei den Schwarzen!

Umso besser stehen die Chancen für RotGrün bei der Bundestagswahl 2025.

Ähnlich vehement plädiere ich auch für erzkonservative Kleriker wie Ratzinger, TVE oder Woelki. Ich bin strikt gegen einen Rücktritt von Woelki oder Heße,

Datenanalysten ordnen mich dann als Dunkelkatholiken ein, nach dessen Ansicht eine Rückbesinnung auf konservative Werte, der RKK hilft.

Dabei bin ich nur ein Atheist, der sich dadurch größtmöglichen Schaden für die Katholiken erhofft.

 

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Impudenz des Monats November 2021

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Das hätte so schön werden können. Acht Jahre, nachdem die Lindnerpartei schmachvoll aus dem Bundestag flog, war das Gurkentruppen-Image am 26.09.2021 vergessen. Eins war sicher; die FDP wurde gebraucht, und zwar so sehr, daß sie verglichen zu ihrem Bundestagswahlergebnis von 11,5% deutlich überproportionalen Einfluss in der neuen Regierung bekommt.

Sie erhält die Kernministerien Finanzen, Justiz, Verkehr/Digital, Bildung/Forschung, während die mit 14,8% deutlich stärkeren Grünen mit lauter Gedöns-Ressorts abgefunden werden. Lindner holte bei den Ampelverhandlungen so viel raus, daß er peinlich darauf bedacht ist, das Triumphgeheul nicht vor den Kameras auszudrücken, um Jusos und Grüne nicht doch zu einem Koalitionsvertrags-Nein zu provozieren.

Einziger Wermutstropfen: Die den Superreichen versprochenen Steuersenkungen kommen nicht. Aber als Finanzminister wird Lindner schon dafür sorgen, den wohlhabenden Parteispendern entgegen zu kommen. Die FDP auf der Gewinner-Spur.

Aber es ist eben nicht mehr die seriöse, liberale Partei aus den 1970ern, sondern bloß der Lobby-affine, populistische blinkende Lindi-Fanclub von 2021.

So verdient sich die FDP hiermit die Krone als Blödmann des Monats November 2021.

Die Voodoo-ökonomischen Vorstellungen der FDP, die sich verzweifelt dagegen wehrt, armen Menschen die gleichen Bildungs- und Gesundheitschancen wie ihrer reichen Klientel einzuräumen, sind für grüne und rote Ampelaner keine Überraschung.

Wirtschaftliches Irrlichtern?
- Check!

Finanzpolitisches Irrlichtern?
- Check!

Nach der Bundestagswahl zeigte die FDP aber auch ihr komplettes Covidioten-Potential, verhinderte notwendige Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und schlug sich gegen das geballte Fachwissen der Virologen auf die Seite der Aluhüte. Bundestagsvizepräsident Kubicki, so wie die künftigen Bundesminister Wissing und Buschmann, plapperten wie auf einer Leerdenker-Demo.

(....) Allerdings ist Scholz noch keineswegs gewählt und wurde vom Souverän dazu verdammt, mit der FDP eine de facto regierungsunfähige Partei ins Boot zu holen, die nicht nur abstrusen Voodoo-Ökonomie-Ansichten anhängt, sondern auch bezüglich der Pandemiebekämpfung hanebüchenen Unsinn schwurbelt.

[…..] „Der Begriff Lockdown macht vielen Menschen Angst“ – @MarcoBuschmann (FDP) spricht sich gegen die Maßnahmen erster Bundesländer aus, die jetzt einen „Lockdown light“ für Ungeimpfte gegen die vierte Welle einführen.   [….]

(MM, 03.11.2021)

[…] Wir haben Maßnahmen wie Lockdowns, pauschale Schul- und Betriebsschließungen oder Ausgangssperren aus dem Gesetz gestrichen. Diese können nicht mehr angewendet werden. TB [….]

(@MarcoBuschmann, 17.11.2021)

[….] „Die FDP läuft rum und verkauft es als Freiheit, dass man den Leuten möglichst viele Möglichkeiten gibt, sich anzustecken“, kritisierte [Weltärztepräsident Frank Ulrich] Montgomery die Liberalen scharf. „Für mich ist das ein völlig falscher Freiheitsbegriff. Das ist die Freiheit zum Krankwerden und zum Sterben. Aber nicht die Freiheit zum Leben, die wir eigentlich doch wollen.“ [….]

(RND, 12.11.2021) (….)

(Corona-Parteipolitik, 19.11.2021)

Besonders der stellvertretende FDP-Vorsitzende und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki hat ganz offensichtlich vollkommen seinen Verstand verloren.

(….) Ebenso hanebüchen argumentiert der FDP-Vizebundestagspräsident Kubicki angesichts 1000er-Inzidenzen in mehreren Landkreisen, eines Covid-Toten jede fünf Minuten in Deutschland, hoffnungslos überlasteten Pflegepersonals und Triage auf den Intensivstationen.

[….] SPIEGEL: Herr Kubicki, die Zahl der Coronainfektionen und Todesfälle steigt rapide. [….] Wie kann man angesichts der Zahlen zu dem Schluss kommen, es gebe keine epidemische Notlage von nationaler Tragweite mehr?

Kubicki: [….] die sogenannte epidemische Notlage von nationaler Tragweite ist ein Rechtskonstrukt, das die vorige Bundesregierung dazu benutzt hat, um Bund und Länder zu sehr weitreichenden Verordnungen zu ermächtigen. [….]

SPIEGEL: Ihre Partei hat schon im Sommer 2020 dafür plädiert, die epidemische Notlage aufzuheben. Hat sich die FDP in dieser Frage ideologisch verrannt und nimmt sich in einer künftigen Regierung die Flexibilität, auf die Coronalage angemessen zu reagieren?

Kubicki: Die Frage verstehe ich nicht. [….]

SPIEGEL: Eine allgemeine Impfpflicht schließen Sie aus, eine Impfpflicht für Bedienstete im Gesundheit- und Pflegebereich ebenfalls. [….]

Kubicki: Es bringt nichts, Druck auf Ungeimpfte auszuüben. [….]

SPIEGEL: Was spricht dagegen, Ungeimpfte auszuschließen, das könnte Menschen dazu bringen, doch noch über eine Impfung nachzudenken?

Kubicki: [….] Wenn auch von Geimpften ein Infektionsrisiko ausgeht, dürfen Sie Ungeimpfte nicht schlechter stellen. [….][….]

SPIEGEL: Warum sind Sie eigentlich gegen die Maskenpflicht an Schulen?

Kubicki: Weil dort ohnehin schon regelmäßig getestet wird. [….]

(SPON, 13.11.2021)

Offensichtlich ist von den drei Ampelparteien nur die SPD wirklich regierungsfähig. Die Grünen haben Potenzial, die FDP ist wie schon 2009-2013 ein hoffnungsloser Fall. Sie besteht ausschließlich aus inkompetenten Lobbyisten der Superreichen. (….)

(Das Elend der nächsten Regierung, 13.11.2021)

Kubicki ist aber nicht nur frappierend schlecht informiert und/oder lügt wie gedruckt, sondern er ist auch offensichtlich von niemanden einzunorden und beschädigt die künftige Regierung jeden Tag mehr.  Heute leistete er sich zwei weitere Klopfer, die jeder für sich ausreichen sollten, ihn für immer aus der Politik zu verabschieden.

Söders schärferen Pandemiekurs, der gestern viel, viel, viel, viel zu spät, aber wenigstens überhaupt kam, attackierte der Kieler Seuchenfreund wie folgt.

[….]  Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki hat das Corona-Management in Teilen Süddeutschlands und insbesondere Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) scharf kritisiert. Söder stelle eigene Karriereambitionen vor den Schutz der Bevölkerung, sagte Kubicki am Sonntag auf einem FDP-Landesparteitag im schleswig-holsteinischen Neumünster. „Das ist charakterlos und menschlich erbärmlich.” [….]

(MoPo, 21.11.2021)

Vollkommen irre, wahrlich „charakterlos und menschlich erbärmlich” bepöbelte der Bundestagsvizepräsident den Weltärztepräsidenten Frank-Ulrich Montgomery, der vor zwei Wochen den wahren Satz von der „Tyrannei der Ungeimpften“ sprach.

[….] Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki hat den Vorsitzenden des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, scharf angegriffen. Kubicki bezeichnete Montgomery auf einem FDP-Landesparteitag im schleswig-holsteinischen Neumünster wegen dessen Kritik am Verhalten der FDP in der Corona-Pandemie als „Saddam Hussein der Ärzteschaft“. [….]

(Tagesspiegel, 21.11.2021)

Lindner legte mehrere so peinliche Talkshowauftritte hin, bei denen er mit hanebüchenen Falschaussagen zur Pandemie erwischt wurde, daß man ihn kaum noch ernst nehmen kann. Mehrfach musste Lindner in den letzten drei Wochen nach Fernsehauftritten von Wissenschaftlern drastisch korrigiert werden. Der Man redet dauernd Unsinn.

Corona-Irrlichtern?
 - Check!

Die FDP, angeführt von lauter Juristen, inszeniert sich immer noch als Rechtsstaatspartei, die sich als natürliche Amtsinhaberin des Justizministeriums fühlt. Unglücklicherweise stellt sich aber ihre juristische Hauptargumentationslinie diese Woche als ganz großer Blödsinn heraus.

Seit anderthalb Jahren, bis in die jüngsten Tage, verkünden Lindner, Wissing, Buschmann und Kubicki, Lockdowns, Ausgangssperren und das Bundesnotbremse-Gesetz wären verfassungswidrig, begründen damit ihren Widerstand gegen die Pandemiebekämpfung. Die FDP reichte demonstrativ eine Verfassungsbeschwerde gegen die „Bundesnotbremse“ ein.

Gestern entschied das Bundesverfassungsgericht. Gegen die FDP – all ihre Mantra-artig vorgetragenen Sprüche von der Verfassungswidrigkeit der Groko-Coronamaßnahmen sind Unsinn.

[……] Die Entscheidung der Richter hat die künftige Regierungspartei FDP sich im Wortsinne selbst zuzuschreiben, denn sie ist ja selbst nach Karlsruhe gezogen - damals, im April, noch aus tiefer Opposition heraus. Man tue dies "für die Grundrechte von 83 Millionen Menschen in diesem Land" hatte Marco Buschmann damals gesagt. Und noch Ende Oktober konnte er verkünden, man werde Corona "im Rahmen der regulären Gewaltenteilung und möglichst grundrechtsschonend besiegen". Es drohe ja auch "keine systemische Überlastung des Gesundheitssystems mehr". Es kommt vor, dass Politiker für falsche Prognosen geradestehen müssen, selten aber schon nach wenigen Tagen. Während also Bundeswehr-Flugzeuge Patienten aus den überlasteten Intensivstationen des Südens und Ostens in den Norden und Westen fliegen, steht Buschmann als Mister Sorglos da.  [….]

(SZ, 30.11.2021)

Gelber Schwurbelalarm

Die FDP kann nicht nur nicht Finanzen, Wirtschaft und Corona, sie ist auch juristisch völlig verblödet.

[….] FDP und Corona und Pandemie: Die lange Reise in die Wirklichkeit [….] Die Reise hat bereits vor einiger Zeit begonnen, genau genommen im Frühjahr 2020. Da kündigte FDP-Chef Christian Lindner den Konsens mit Angela Merkels Coronapolitik auf. [….] Vor rund drei Wochen noch schien die FDP die Regierungswirklichkeit sogar ein Stück weit zu prägen: Die sogenannte epidemische Notlage – also die Rechtsgrundlage, auf der bislang vornehmlich die Anti-Corona-Maßnahmen beruhten – wurde im Bundestag nicht verlängert, weil sich die FDP mit dieser Forderung im werdenden Ampelbündnis durchsetzen konnte. [….] Schon am Vortag hatte der FDP-Politiker Buschmann, der demnächst Bundesjustizminister sein wird und in der Coronapolitik seiner Fraktion eine zentrale Rolle spielt, Bewegung in der Frage erkennen lassen. [….] Ex-FDP-Innenminister Gerhart Baum: [….] „ an der allgemeinen Impfpflicht – außer in medizinisch begründeten Ausnahmen – führt jetzt nichts mehr vorbei«, sagte der 89-Jährige dem SPIEGEL. [….]  »Die Verfassung lässt mehr zu als einige Politiker wahrhaben wollen«, so Baum mit Blick auf seine Partei. Seine Vorhersage traf zu, als am Dienstag das Bundesverfassungsgericht befand, dass die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sowie die Schulschließungen der sogenannten Bundesnotbremse der Großen Koalition rechtens waren. Eine Schlappe für die Liberalen, hatten doch die 80 FDP-Bundestagsabgeordneten der früheren Fraktion gegen die Notbremse Verfassungsbeschwerde eingelegt, darunter eben auch Lindner und Buschmann. [….]

(SPON, 01.12.2021)

Juristisches Irrlichtern?
 - Check!

Es ist eine ganz schlechte Sache, die FDP an der Bundesregierung zu beteiligen und noch schlechter, der FDP das Justizministerium zu geben.

Allein, es gibt keine bessere Alternative. Jamaika oder Groko, die einzig rechnerischen Alternativen, würden Spahn, Scheuer und Co im Kabinett halten.

Das wäre noch schlimmer.

Dienstag, 30. November 2021

Eso-Ego-Trip

Es gibt Myriaden Gründe dafür, nicht religiös zu sein.

Die antihumanistische Moral, die verbrecherische Geschichte, der massenhafte sexuelle Missbrauch, die Geldgier, das Küngeln mit menschenverachtenden Diktatoren der Religionen. Der vielen offensichtlich falschen und unsinnigen Lehren. Flache Erde, Erschaffen der Frau aus der Rippe des Mannes, 900 Jahre alte Menschen, sprechende Schlangen, Kreationismus.

Außerdem erfordert Religiosität enorm viel Irrationalität. Da beten Menschen, um ihren Autoschlüssel wiederzufinden, glauben, Jesus helfe ihnen dabei, eine Klassenarbeit zu bestehen oder nicht beim Schwarzfahren erwischt zu werden. Das also tut Jesus, aber er unternimmt nichts, um das Verhungern von 20.000 kleinen Kindern pro Tag zu verhindern?

Jesus sorgt dafür, daß die entlaufene Katze wieder nach Hause kommt, konnte sich aber nicht aufraffen den sechs Millionen entsetzlich zu Tode gequälten Menschen in deutschen Konzentrationslagern zu helfen? Jesus hilft Krebs zu überstehen, heilt aber grundsätzlich keine Amputierten?

Das ist ein weiterer Punkt, der extrem gegen Religion spricht: Sie erfordert sagenhaften Egoismus.

Ein seit dem Urknall vorhandenes Wesen, das sich neben Quadrillionen Sonnensystemen auch um diesen einen unwichtigen kleinen Planeten Erde am Rande der Milchstraße kümmert, es dort mit rund 120 Milliarden Menschen-Seelen zu tun hat, die bereits gelebt haben, soll sich aber die Zeit nehmen, genau zuzuhören, wenn eine dieser irrelevanten Ameisen im Beichtstuhl sitzt und mit dem Pfarrer darüber spricht, wie oft in der letzten Woche masturbiert wurde? Was für eine sagenhafte Anmaßung, überhaupt auf die Idee zu kommen, daß so ein Gott sich ausgerechnet mit einem selbst beschäftigen sollte!

Die Inselverarmung in einem menschlichen Gehirn muss deutlich sein, wenn sein Besitzer sich für derartig bedeutend hält, daß ein im kosmischen Dimensionen agierender Schöpfer-Gott, akribisch darauf achtet, ob der kleine Homo Demens mit seiner nahezu unmessbar kurzen Femto-Lebensspanne, beim Mathetest abgeschrieben hat oder beim Anblick der Brüste der Nachbarin eine Erektion bekommt.

Der religiotische Ego-Wahn wird im Esoterik-Bereich ungebremst fortgeschrieben. Da sind Menschen, die fest davon überzeugt sind, die Erschaffer des Universums, die Erzengel würde ausgerechnet mit ihnen sprechen, sie wären Jesus und Maria persönlich begegnet.

Dabei verbindet die Astrologie die größten Dinge mit dem Kleinsten und Unwichtigsten.

An Astrologie zu glauben, ist natürlich ausgesprochen dumm. Aber wer kann schon etwas dafür, dumm zu sein? Insofern ist Dummheit auch verzeihlich.

An Astrologie zu glauben, ist aber auch sehr narzisstisch und das macht diesen Glauben so unsympathisch.

[…..]  Weit draußen in der Unendlichkeit verschwendet sich Hamal. Den Wasserstoff in seinem Inneren hat der Stern bereits aufgebraucht und er verballert weiter Brennstoff. Hamal strahlt etwa mit der 60-fachen Leuchtkraft der Sonne. Der Riesenstern verströmt seine Energie in knapp 66 Lichtjahren beziehungsweise etwa 622 Billionen Kilometern Entfernung zur Erde, es ist schon ein Stückchen. Dort draußen kreist der Himmelskörper um eine Kraft, die womöglich sogar jene des Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße übertrifft: das menschliche Ego. Hamal ist der hellste Punkt im Sternbild Widder. Für Astrologiegläubige bedeutet dies, dass er Leben und Erleben der Menschen auf der Erde beeinflusst. Wie viel Brennstoff es Hamal wohl kostet, sich um die irdisch-banalen Wünsche der Erdlinge zu kümmern?  Horoskope klingen meist wie eine Anmaßung kosmischen Ausmaßes. All die Sterne und Planeten da draußen wirken auf die Gesundheit, die Beziehungen und die Karriere der Menschen? Dieses egozentrische Weltbild scheint noch immer weit verbreitet zu sein, der irrationale Glaube an die Macht der Sterne findet weiterhin Anhänger. Diese Horoskopisten zeichnet offenbar ein leicht gesteigerter Hang zum Narzissmus aus, […..]  Gerade nämlich haben Wissenschaftler […..]  eine Studie publiziert, die diesen Schluss nahelegt. Die Forscher widmeten sich der Frage, anhand welcher Charaktermerkmale sich am ehesten vorhersagen lässt, ob ein Mensch an Astrologie glaubt. […..]  Als stärkster Prädikator entpuppte sich eine gesteigerte Selbstverliebtheit. Narzissmus stehe womöglich deshalb mit einem Glauben an Astrologie in Verbindung, so Andersson, weil beide Phänomene im Kern stark egozentrisch geprägt seien: Die ganze Welt, ach was, das ganze Universum mit seinen Galaxien, Sternen und Planeten dreht sich um mich und meine Wünsche! […..]

(SZ, 30.11.2021)

Montag, 29. November 2021

So eine Überraschung!

Bevor ich einen Internetzugang und damit eine Emailadresse bekam, war es für jeden ganz selbstverständlich, einen Vorrat an Briefmarken zu haben, die Post aus dem Briefkasten zu nehmen und selbst Briefe einzuwerfen.

Jeder kannte die Portopreise. In den 1990ern gab es diese längere Phase, als der Standardbrief, die Schallmauer von einer Mark erklommen hatte. Das schien einerseits sehr teuer, war aber andererseits so eine angenehm runde Summe, daß die Post lange keine weitere Erhöhung vornahm.  Ab dem 1. September 1997 aber, kostet das Porto  1,10 DM. Ich erinnere mich genau daran, weil dem zuständigen CSU-Bundespostminister Wolfgang Bötsch nicht eingefallen war, daß ein Bedarf an 10 Pfenning-Briefmarken entstehen könnte.

Ein echter Schildbürgerstreich. 83 Millionen Menschen in Deutschland saßen auf ihren gehorteten 1DM-Briefmarken, die über Nacht quasi unnütz geworden waren, strömten in die damals noch reichlich vorhandenen Postfilialen und prallten schon an den „keine 10-Pfening-Marken!“-Aushängen an der Tür ab. Es war zum Verrückt-werden, oft wurden Briefe aus der Not heraus mit 2 DM frankiert.

Vorausschauendes Denken ist in der Politik offensichtlich ein Problem, wenn es um Zeiträume geht, die über einer Wahlperiode liegen.

So sind Landesspolitiker, die alle vier oder fünf Jahre gewählt werden, ganz offensichtlich nicht in der Lage, von der Geburtenrate auf die Zahl der eingeschulten Kinder sechs Jahre später zu schließen.

Als ich in den 1970ern auf das Gymnasium kam, waren wir fünf Parallelklassen à 37 bis 38 Schüler. Einige Fächer konnten wegen des Lehrermangels erst mit Jahren Verspätung unterrichtet werden, die versprochenen Lateinkurse kamen nie zu Stande. Chemie begann erst in der 10. Klasse. In der Pausenhalle hing eine große Karikatur von einem grotesk mit Schülern überfüllten Pausenhof, vor denen ein einzelner Lehrer stand. In seiner Sprechblase stand „Guten Tag, ich bin die Lehrerschwemme, seid Ihr der Pillenknick?“

Über Jahrzehnte hielt sich das Klischee von den arbeitslosen Lehramtsstudenten, die alle Taxi fahren mussten, weil die Verhütung in den 1960ern zu immer weniger Kindern führen würde. Mein Leben lang musste ich aber als Angehöriger eines „geburtenstarken Jahrgangs“ erleben, wie überrascht man an Schulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten von unserer Anzahl war.

Woher kommt die Überraschung?

Müssten Kultusminister nicht aus den Geburtenzahlen präzise Prognosen für zukünftige Schüler- und Azubi-Zahlen anfertigen können? Sollte es nicht möglich sein, aus dem Alter der Lehrer zu extrapolieren, wann diese in Rente gehen?

Aber das ist höhere Mathematik.

CDU-Mann Bötsch hatte es bei der Verknappung der 10-Pfenning-Briefmarken von 1997 mit einer unmittelbaren Folge der Preiserhöhung von 100 Pf auf 110 Pf zu tun.

Der am meisten überraschte Minister ist aber Jens Spahn. Der Mann, der so katastrophal regiert, daß wohl nur einer von 83 Millionen Bürgern glücklich ist: Andi Scheuer, der lange Zeit wie einst George W. Bush davon ausgehen musste, für ewig der schlechteste Präsident seit Washington/Minister seit 1945 zu sein und dann angesichts der Horrorperformance Trumps/Spahns in erstaunlich mildem Licht dasteht.

[….] Der zum Glück bald Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat parallel die Logistik der Impfstoffverteilung schon wieder vermasselt. Die bestellten Mengen werden vorerst nicht ausgeliefert werden können, Haus- und Betriebsärzte, die einen Großteil der Booster-Kampagne stemmen sollen, müssen sich gedulden. Kam wohl wieder überraschend, dass die sechs Monate nach der Zweitimpfung auch wirklich nach sechs Monaten um sind und die Menschen, die eine Drittimpfung brauchen, auch wirklich alle möglichst schnell einen Piks haben wollen. [….]

(Julian König, 29.11.2021)

Ich wiederhole mich, aber das Unerträglich an der Corona-Pandemie ist gerade ihre Vorhersehbarkeit. Es tritt immer das ein, das seit Monaten prognostiziert wird. Die nicht irren Bürger, also etwa zwei Drittel der Bevölkerung, müssen in vollkommen überraschte Politikergesichter gucken, die spahning grinsend erklären, das hätten sie wirklich nicht kommen sehen.

Jens Spahn schafft dabei sogar den doppelten und dreifachen Bötsch, indem er von den unmittelbaren Folgen seiner eigenen Maßnahmen völlig überrumpelt wird.

Er ist verblüfft, als nach einem guten Jahr weltweiter intensiver Forschung an Corona-Impfstoffen, ein Corona-Impfstoff entwickelt wird. Ein Impfkonzept, eine Lieferungs-Infrastruktur hat er nicht vorbereitet.

Er ist furchtbar überrascht, als nach den Schulferien wieder die Schule losgeht und sich nicht wie von Zauberhand von ganz allein Luftfilterungsanlagen in den Klassenräumen materialisiert haben.

Er führt Maskenpflicht ein und staunt, daß Masken knapp werden.

Er wundert sich über die Knappheit von Schnelltests, nachdem er selbst im Sommer die Produktion der Tests runterfahren ließ und nun 2G+ einführt.

Er staunt über die Probleme, Impftermine zu bekommen, nachdem er die Impfzentren schließen ließ.

Er wird komplett überrumpelt, als nach der Alpha-, Beta- und Gamma-Variante des SarsCov2, noch eine weitere Mutante entsteht. Omikron in the house! Potzblitz.

Er ist wie vom Donner gerührt, als nach seiner dringenden Aufforderung, sich impfen und boostern zu lassen, während er gleichzeitig die Impfstofflieferungen an die Arztpraxen um 50% kürzt, die Moderna- und BioNTech-Vorräte alle sind.

Wer hätte denn DAS ahnen können?

[…..] Der Druck auf Ungeimpfte ist in den vergangenen Wochen kontinuierliche erhöht worden, zugleich ergingen Aufrufe zu Boosterimpfungen – so auch in Frankfurt am Main. Dort aber muss die Stadtverwaltung nach eigenen Angaben ihr Impfangebot schon wieder einschränken, wegen fehlender Dosen. Ab Dienstag seien keine Impfungen mehr an der Hauptwache möglich und auch Sonderimpfaktionen müssten abgesagt werden, teilt die Stadt mit. Grund sei, dass die vom Gesundheitsamt bestellten Impfungen vonseiten des Bundes einseitig reduziert worden seien. »Ganz Frankfurt ist stinksauer auf Berlin – und mir fehlen ehrlich gesagt die Worte«, erklärt Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD).  Besonders bitter: Nur wenige Stunden, nachdem Feldmann den Startschuss für einen sogenannten »Impfexpress« gegeben hatte, musste bereits dessen Ende verkünden. Laut seinem Gesundheitsdezernenten Stefan Majer mussten Impfteams bereits Impfwillige wegschicken - weil sie nicht genügend Impfstoff zur verfügung hatten. »Und das in einer Situation, in der die Infektionszahlen nur eine Richtung kennen – steil nach oben. Dafür fehlt den Menschen zu Recht jedes Verständnis«, so Feldmann. […..]

(SPON, 29.11.2021)

Es scheint fast so, als ob Jens Spahn im Angesicht seines Ministerendes den Karren absichtlich noch so tief in den Dreck fahren will, daß der nächste Gesundheitsminister den Saustall kaum wieder in Gang bekommen kann.

Je katastrophaler die Lage, desto größer die Chance für Spahn, daß die Wähler beginnen werden, seinen Nachfolger verantwortlich zu machen. Je heftiger das Sterben auf den Intensivstationen, je länger der Lockdown über die Wintermonate, desto eher wird man vergessen, was Spahn angerichtet hat.

[….] So katastrophal ist das Erbe von Jens Spahn

Er ist das Gesicht des Missmanagements in der Corona-Krise geworden: Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Offenbar planlos versucht er seit über einem Jahr der Pandemie Herr zu werden – und stolpert über eigene Versprechen. Wer sein Nachfolger wird, ist unklar. Sicher ist jedoch: Allein das Chaos zu beseitigen ist eine Herkules-Aufgabe. Der zweite Corona-Winter, die vierte Infektionswelle. Doch wer dem Bundesgesundheitsminister zuschaut, könnte meinen, wir befänden uns im ersten Krisenmonat. Nicht entschlossenes Handeln und klare Kommunikation bestimmen die Corona-Politik, sondern hektisches Ausbessern verpasster Gelegenheiten. So wollte Spahn die Auslieferung von Biontech-Impfstoff an Ärzte begrenzen, während die Zahl der Corona-Neuinfektionen rasant steigt. [….] Gleichzeitig hat Spahn alle Bürger ab 18 Jahren zur Booster-Impfung aufgerufen – ohne den Vorgang zuvor konkret zu planen. Das Ergebnis: Chaos und meterlange Warteschlangen vor und in den Arztpraxen und den Impfzentren. Das Hauptproblem: Es steht vor Ort zu wenig Impfstoff zur Verfügung. Wie die „Bild“ berichtet, haben 100.000 Ärzte für diese Woche 8,57 Millionen Dosen Impfstoff bestellt – 4,65 Millionen von Biontech und knapp 4 Millionen von Moderna. Doch es kann wohl nur knapp die Hälfte der bestellten Menge von Biontech ausgeliefert werden. [….]  In Niedersachsen droht ab Montag der Ausfall von bereits vereinbarten Impfterminen und die Verschiebung des Starts in 180 zusätzlichen Impfpraxen. Doch nicht nur der Impfstoff, auch die Corona-Selbsttests sind knapp. Auch hier das Problem: Hohe Nachfrage trifft auf ein zu kleines Angebot. Vielerorts ist es derzeit nicht möglich, Tests zu bekommen – im Sommer wurde aufgrund der entspannten Lage die Produktion heruntergefahren. [….]

(MoPo, 29.11.2021)

Jens Nero hinterlässt eine toxische Landschaft.

Sonntag, 28. November 2021

Willkommen Omicron

Die Fußballstadien sind voll, RTLs „Let’s Dance“-Show ist auf LIVE-Tour, dazu rotteten sich gestern 11.000 Menschen in der Kölner Lanxess Arena zusammen; heute sind es ähnlich viele im


Düsseldorfer ISS Dome. (Nur die Stationen Stuttgart und München fielen aus.)

In meiner nächsten Einkaufsstraße ist es relativ eng; daher gibt es dort keinen richtigen eingezäunten Weihnachtsmarkt, aber doch eine ganze Reihe überdachter Glühwein-Sauftresen, an denen sich die Hamburger maskenlos eng, wie in einer Sardinendose zusammenpressen, grölen, lachen und singen.

Die Jungen lassen noch mal richtig die Sau raus – wer weiß, wie lange es noch geht?

[….] Die Corona-Zahlen schießen täglich in die Höhe, die Inzidenz steigt kontinuierlich, dazu kommt die Gefahr vor einer neuen, noch schwereren Covid-Variante mit dem Namen Omikron: Die vierte Welle hat Hamburg fest im Griff. Und doch feiern auf dem Kiez in St. Pauli die Massen weiter.  [….]

(MoPo, 28.11.2021)

Es braut sich aber etwas zusammen. Zumindest in den Bundesländern, die nicht BW, Bayern oder Ex-DDR sind, ahnen die Bürger, wie ungemütlich es noch werden könnte; strömen daher zu den Impfstationen. Entweder zur Erstimpfung oder zum Boostern.

Jens Spahn und das Bundesgesundheitsministerium sind natürlich überrascht von der Realität, die genauso eintritt, wie sie prognostiziert wurde.

Daher hatte der gefährlichste Minister Nachkriegsdeutschlands die Impfzentren vorher schließen lassen und rationiert nun die Impfstoffausgabe.

Wo in Hamburg Corona-Impfungen möglich sind, bilden sich groteske kilometerlange Schlangen. Viele standen fünf Stunden und mehr in der Kälte vor dem Impfzentrum in der Elbphilharmonie an; oft vergeblich. Wer sich konform der Regierungsempfehlungen verhielt, hat wenig Chancen auf kompletten Impfschutz.

[….] Ich möchte geboostert werden – und hab’s genauso gemacht wie vom Senat empfohlen. 1. Hausarzt angerufen: In diesem Jahr keine Termine mehr. 2. Das Impftermin-Tool der Stadt probiert: nichts mehr frei. 3. Termin bei den Impfzentren der Krankenhäuser suchen: ausgebucht. 4. Praxis von der Liste derer kontaktiert, die auch Nicht-Patienten impfen: „Vergessen Sie es, wir sind noch bei den über 70-Jährigen und Praxisfremde aktuell sowieso nicht.“ Vierte Welle, herzlich willkommen, ich bin dabei!  [….]

(Mathis Neuburger, MoPo, 25.11.2021)

Das Impfen in den Hausarztpraxen ist weitgehend zusammengebrochen, weil Jens Spahn in seiner ganzen Weisheit, die BioNTech-Ausgabe auf 30 Dosen pro Woche und Praxis beschränkte. In der Folge davon ging auch der vorrätige Moderna-Impfstopf aus.

[….] Corona Hamburg: Dramatischer Impfstoffmangel – Hausärzte sind frustriert.  Praxen bekommen viel weniger BionTech und Moderna als bestellt, Termine werden abgesagt. Ärzteverband attackiert Spahn. [….]

(Hamburger Abendblatt, 27.11.2021)

Wer in den letzten Wochen das Glück hatte, einen regulären Booster-Termin zu ergattern, hat sich vielfach zu früh gefreut.

Die von Spahn im Regen stehen gelassene Stadt, muss reihenweise Absagen rausschicken.

Bei so viel Unglück, kommt auch noch Pech hinzu.

Am gestrigen Samstag sollten Impfwillige sich von 13 bis 19 Uhr an der Impfstelle Kühnehöfe in Altona einfinden und ohne Anmeldung mit Biontech, Moderna und Johnson & Johnson erst- oder zweitgeimpft oder eine Auffrischung erhalten können – Anmeldung nicht nötig. Die Nachfrage war enorm; schon um 12.00 Uhr standen Hunderte im Regen Schlange. Allein; es war vergeblich. Diese Impfstelle wurde von den Behörden schlicht „vergessen.“ Nach ein paar Stunden wurden sie von der Polizei nach Hause geschickt. Willkommen in Schilda.

Unterdessen hat die Inzidenz im Bundesland Sachsen die Marke von 1.200 überschritten. Allerdings sind die Zahlen vom heutigen Sonntag natürlich nur unter Vorbehalt zu bewerten, da nach zwei Jahren Pandemie immer noch einige Gesundheitsämter nicht im Fax-Zeitalter angekommen sind und am Wochenende keine Zahlen melden können. Der Grund dafür ist auch ein Schildbürgerstreich: Die Öffnungszeiten. Von Freitag 17.00 Uhr bis Montag 08.00 Uhr sind sie nicht besetzt.

Nach 16 Jahren Schlafwagen-Regierung Merkel, ist Deutschland eine Komiker-Nation geworden. Hoffnungslos abgehängt, vom Rest der Welt ausgelacht.

Es ist weit nach 12. Die Regierung muss sofort handeln.

[…..] Wenn es eine Frage gibt, die sich der Ampel-Koalition nicht mehr stellt, ist es die nach der Schonfrist. Früher einmal ist, auch wenn das vermutlich nie gestimmt hat, von 100 Tagen die Rede gewesen, während derer eine neue Regierung sich sortieren kann. Dann erst sollte es erste Zensuren geben. Olaf Scholz und seiner Mannschaft bleiben nicht einmal 100 Stunden. Die ersten Vorentscheidungen darüber, ob das Ampel-Bündnis sich bewährt oder nicht, fallen schon, bevor der erste Amtseid gesprochen ist. Noch ehe er vom Bundestag gewählt wird, muss der neue Kanzler beweisen, dass er in der Lage ist, Schaden vom Land abzuwenden. Die sich auftürmende vierte Corona-Welle und die bedrohlich ansteckende Omikron-Variante des Virus zwingen zum Handeln. Jetzt. […..] Was immer sich die erste Ampel-Koalition auf Bundesebene auch vorgenommen haben mag für den Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit oder die gesellschaftliche Modernisierung - nichts davon kann gelingen, wenn die neue Regierung an ihrer vordringlichsten Aufgabe scheitert: die Gesundheitskatastrophe einzudämmen. […..]

(Daniel Brössler, 28.11.2021)

Und nun, was haben die Großen und Wichtigen der Ampel zu diesem überfällig dringenden Handlungsbedarf zu sagen?

Die Kanzlerkandidatin und designierte nächste Außenministerin klärt auf.

[….] «Wir haben uns zehn Tage Zeit gegeben, um zu sehen, sind wir bei den Booster-Impfungen, sind wir bei den Schutzmaßnahmen weit genug gekommen», sagte Grünen-Chefin Annalena Baerbock in der ARD. Der neue Bund-Länder-Krisenstab solle die Situation täglich unter die Lupe nehmen. Nach diesen zehn Tagen werde man gemeinsam analysieren, ob weitere Maßnahmen nötig seien. […..]

(STERN, 25.11.2021)

Erst mal in Ruhe abwarten, dann noch mal überlegen.

Kann man sich nicht ausdenken.

No Hope For The Human Race.

Samstag, 27. November 2021

Evangelen-Sumpf.

Wenn erzkonservative Dunkelkatholiken mit liberaleren Katholo-Laiinnen über den künftigen Kurs ihrer Kirche streiten, kontern sie die gängigen Hauptforderungen (Ende des Zölibats, Anerkennung Homosexueller, Frauenpriestertum) gern mit einem Todschlagargument:
Das alles biete doch die protestantische Konkurrenz und aus der EKD träten sogar noch mehr Menschen aus, als die RKK Mitglieder verliere.

Die organisierten Frommen der EKD; von Göring-Kirchentag über Steinmeier bis de Maizière; ärgert das natürlich. Sie verweisen auf die traditionell lockeren –Kirchen-Bindungen der protestantischen Bevölkerung in Deutschlands Nord-Osten. Die Kirchensteuerbelastung ist in beiden Konfessionen gleich.

Aus meiner Sicht gleichen die größeren Skandale auf der katholischen Seite – massenhaftes Kinderfi**en und Raffgier – das öde Image und schwächere Personal der evangelischen Kirche aus.

Grundsätzlich sind aber beide Konfessionen unrettbar auf dem absteigenden Ast, weil sie beide auf der Bibel mit all ihren aus der Zeit gefallenen Grausamkeiten – Sklaverei, Homohass, Frauendiskriminierung und Antisemitismus – fußen.

Wer will sich schon auf einen Gott stützen, der achselzuckend den Holocaust zuließ, täglich Myriaden Kinder elend verhungern lässt, während Bischöfe in Palästen wohnen und zudem selbst eine höchst unsympathische Vergangenheit hat?
Immerhin ließ Gott=Jesus bei der Sintflut aus Ärger über seine eigenen Konstruktionsfehler, nahezu seine gesamte Schöpfung, Mann und Maus, elendig verrecken.  Außer natürlich die australische Fauna. Kängurus und Koalas wurden offensichtlich von einem anderen Gott hergestellt; die kannte Jesus noch nicht, daher kommen sie nicht in der Bibel vor. Ähnlich wie Bisons, Pumas oder Panther.

Die Unterschiede der Konfessionen sind historisch betrachtet marginal. Natürlich war Luther ein besonders unangenehmer Menschenfeind, der intensiv danach trachtete Bauern und Juden zu vernichten.  Seine Kirche kannte viereinhalb Jahrhunderte nur Männer auf den Kanzeln, störte sich nicht an Sklaverei und war sicherlich nie schwulentolerant. Mit Hitler und der NSdAP verstanden sich die Nachfolger Luthers daher prächtig – in der „Judenfrage“ war man sich völlig einig.

Bei dem Mega-Thema der Katholiken der letzten 20 Jahre, also dem Sichtbarwerden der des weltweiten massenhaften sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester und Nonnen; man denke nur an die Massengräber, die katholische Bildungseinrichtungen in Kanada umgeben; haben die Evangelen keineswegs eine weißte Weste.

(….) Ein Abscheulichkeits-Maximum erreichte die kirchliche Kinderfolter im 19. und 20. Jahrhundert in Kanada. Dort wurden in 139. katholischen Einrichtungen rund 150.000 indigene Kinder gefoltert und tausende davon umgebracht.   Im Mai 2021 entdeckte man in der westkanadischen katholischen „Residential School“ bei Kamloops (British Columbia), die bis 1978 betrieben wurde, 215 Kinderleichen, die die Geistlichen einfach heimlich verscharrt hatten.  Wenige Wochen später, der nächste Fund. Diesmal waren es 751 anonyme Kindergräber bei einem katholischen Kinderheim in der Provinz Saskatchewan. (….)

(Wenn das Mitleid aufgebraucht ist, 05.07.2021)

Da sie keinen Zölibat kennen, locken Protestanten nicht so gezielt Pädo- und Paraphile in ihre Nachwuchsförderung, so daß kleine Jungs heute, in von der protestantischen Kirche getragenen Einrichtungen, nicht ganz so wahrscheinlich sexuell missbraucht werden. Aber natürlich ist die abscheuliche, sadistische Grausamkeit, unter der Hunderttausende deutsche Kinder nach 1945 in evangelischen Heimen leiden mussten, auch nicht besser als das was in katholischen Internaten geschah.

Auch die evangelische Kirchenführung von heute tut alles dafür, um zu vertuschen und sich um Entschädigungszahlungen zu drücken.

[….] Die Katholiken sind in der Aufarbeitung ihrer Missbrauchsfälle weiter als die Glaubensgeschwister. Die evangelische Kirche braucht endlich einen unabhängigen Missbrauchsbeauftragten. [….]

(Annette Zoch, SZ, 07.11.2021)

Aber auch in der Frage der Raffgier auf Kosten der Armen und Schwachen, darf man die evangelische Kirche nicht unterschätzen.

Der katholische Erzbischof Heße hatte in Hamburg bekanntlich geradezu vorbildlich die treuesten Mitglieder aus der Kirche gejagt, indem er katholische Schulen schloss, um mit dem Verkauf der Grundstücke Geld zu machen.

(….)  Mit Heße stimmt mein Weltbild wieder.  Der Mann stammt wie so viele Bischöfe aus der ultrakonservativen Kardinal-Meisner-Schule und hat dort alles gelernt, was man braucht, um die Katholiken zu vertreiben.

Er ist unsympathisch, raffgierig, fundamentalistisch, lügnerisch und hat zudem wie es sich für einen guten Kölner Toptheologen gehört auch persönliche Kinderficker-Altlasten, indem er die Täter schützte und den Opfern den ausgestreckten Mittelfinger zeigte.

Binnen kurzer Zeit schaffte er es, sich in Hamburg maximal unbeliebt zu machen, schloss ein Dutzend Hamburger Schulen – inklusive einer Pflegeschule im Jahr 2020.

(….) Neues Opfer der hanseatischen Katholiken ist die Pflegeschule des Krankenhauses Groß-Sand in Hamburg-Wilhelmsburg.    Es ist ja bekannt, daß wir in Deutschland eine derartige Pflegekräfte-Schwemme haben, daß niemand noch mehr Krankenschwestern oder Altenpfleger gebrauchen kann.    Außerdem haben wir in Hamburg insgesamt genau eine Pflegeschule im Großraum Harburg-Bergedorf; da kann man sie doch ebenso gut schließen.

[…..] Die Krankenpflegeschule am katholischen Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelmsburg wird Anfang Oktober geschlossen. Hamburg verliert damit die einzige Krankenpflege-Schule südlich der Elbe. Der Schritt stößt bei den Betroffenen und den Hamburger Behörden auf Bedauern und Unverständnis.   Mitarbeitende, Schülerinnen und Schüler seien aus allen Wolken gefallen, als die Schließungspläne verkündet wurden, erzählt eine Betroffene NDR 90,3. Die Schule sei im Quartier etabliert, hätte akademisch überdurchschnittliche Absolventinnen und Absolventen und wurde sich finanziell quasi selbst tragen. […..]

(NDR, 06.07.2020)

Es ist daher auch ganz unverständlich wieso ausgerechnet in den eher sozial schwachen südlichen Stadtteilen Menschen den Pflegeberuf erlernen wollen.  Haben die denn noch nie von der Friedrich-Merz-Alternative gehört? Statt umständlich so einen Pflege-Unsinn zu lernen, könnten sie doch lieber in Hedegefonds und Private Equity investieren. Wissen das die Migranten auf der Veddel etwa nicht? (…..)

(Neues vom Raffgier-Erzbistum, 25.08.2020)

Kinder auf die Straße setzen, um dann mit der freigewordenen Immobilie Kasse zu machen – so geht Christentum.

Daher will auch die evangelische Kirche in Hamburg mitmachen und nimmt sich ein Beispiel an Heße.

Direkt neben der Christuskirche in Hamburg-Eimsbüttel befindet sich die „KinderVilla“.

[….] 1991 gründeten mehrere Eltern den Verein Kindervilla Fruchtallee e.V. – eine inklusive Kita für Kinder mit und ohne Entwicklungsauffälligkeiten. Kitaleiterin Wortmann beschreibt das Konzept als besonders in Eimsbüttel: „Inklusion ist für uns ein Lebensmodell und ein Anker für die Kinder.“ Es gibt 50 Kita-Plätze, davon zehn für Kinder mit Behinderungen.  [….]

(MoPo, 24.11.2021)

Das Pachtgrundstück gehört zwar der Stadt Hamburg, aber das Gebäude der Kirche. Und der sind die 50 Blagen lästig, denn sie wittert einen hochlukrativen Immobiliendeal.    2013 hatte die Christuskirche der „KinderVilla“ einen langfristigen Mietvertrag zugesichert. Da die Hälfte der Mieteinnahmen ohnehin an den Staat fließt, ging es scheinbar nicht um riesige Summen.

Der Verein investierte 15.000 Euro in die Renovierung der Kita-Räume.

Aber in den letzten acht Jahren sind nicht nur die Immobilienpreise, sondern auch die Mieten in Hamburg drastisch angestiegen. Was schert also die Kirche ihr Geschwätz von gestern, wenn der Rubel richtig rollen könnte?

[….] Drei Jahre später änderte sich das – „langfristig“ ersetzte die Kirche plötzlich durch „befristet“ für fünf, maximal sieben Jahre. Weniger Mitglieder, weniger Kirchensteuern. „Wir müssen schauen, wie wir unsere Gelder einsetzen“, sagt Claudia Dreyer, Vorsitzende des evangelischen Kirchengemeinderats in Eimsbüttel. Weil sich die Vermietung der Fruchtallee 22 nicht mehr rentiert, will die Kirche mit eigenen Institutionen einziehen. „Dadurch werden andere Immobilien frei, die wir lukrativer vermieten können.“ [….]

(Eimsbüttler Nachrichten, 24.11.2021)

Die Kirchengemeinde kündigte 2016 den, ihrer Ansicht nach so wenig lukrativen Kindern wegen Eigenbedarfs. Das wäre ja noch schöner, wenn man wegen der paar Gören keinen Reichbach machen könnte. Drei Jahre gab sie der „KiVi“ Zeit für die behinderten und nicht behinderten Kinder andere Räume zu finden.

Immobilien in Hamburg zu finden ist schwer – am schwersten in Hamburg-Eimsbüttel.  Wenig überraschenderweise blieb daher die Suche nach Räumen (214-315 qm) mit einer Außenfläche (100-150 qm) zu maximal 20 Euro/qm Miete in Eimsbüttel erfolglos.

Kita-Leiterin Anke Wortmann ist verzweifelt; mutmaßlich wird ihre inklusive Einrichtung nicht überleben. Die Kinder würden auf andere Kitas in Stadtgebiet verstreut, Freundschaften auseinandergerissen, die Behinderten wieder in geschlossenen Einrichtungen verschwinden und die Mitarbeiter ihre Jobs verlieren.

Der Kirche ist es egal – raus mit dem Pack.

[…..] Für viele der in der Kindervilla betreuten Kinder bleibt diese besondere Kindertagesstätte ein Ankerpunkt bis ins Erwachsenenalter. Dort wird eine Gemeinschaft gelebt, in der die Diversität von den Kindern bis hin zu den Beschäftigten gelebte Normalität darstellt. Durch diese tief verankerte Haltung zur Inklusion leistet die Kindervilla einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, der weit über die Kinderbetreuung hinausgeht. Der Vermieter hat 2021 unmissverständlich signalisiert, dass die Kindervilla das Gebäude an der Christuskirche bis Sommer 2023 freimachen müsse, da eigene Nutzungspläne mit der Immobilie verfolgt würden. [….]

(SAT1, 10.11.2021)

Freitag, 26. November 2021

Weniger überraschend geht es nicht.

Das größte Ärgernis der Corona-Pandemie ist nach der ersten großen Verunsicherung des Frühjahrs 2020, daß wir nun so viel über das Virus, die Infektionswege und die Verhinderung der Ausbreitung wissen. Und uns dennoch so dämlich verhalten.

Am Anfang musste man so viel lernen.

Was ist ein Lockdown, welche Geschäfte sind offen, welche nicht, wen schützen welche Masken, wie desinfiziert man Masken, wie lange wäscht man sich die Hände, um Sars-CoV-2 loszuwerden, woher bekommt man Desinfektionsmittel, welche Impfstoffe werden entwickelt, wie viele Piekse braucht es, wo und wie lässt man sich impfen, wie lange hält der Schutz, wie funktionieren die Coronatests, wie macht man einen Selbsttest, was ist der Unterschied von AG-Test und PCR-Test, was bedeutet R-Wert, was ist eine Inzidenz, Herdenimmunität, schwedischer Sonderweg, Alpha-, Beta-, Delta, Omicron, Spike-Protein, Ny-Variante, Viruslast, Hospitalisierungsquote, flatten the curve, Triage, No Covid, Long Covid, wer sind Kekulé, Streek, Drosten, Lauterbach, Schmidt-Chanasit, Brinkmann, was bedeutet Kontaktverfolgung, wie bekomme ich die Corona-App, wozu taugt Luca, was bedeuten 2G, 3G und 2G+, was ist PEI, was ist RKI und was ist STIKO, was können FFP2-Masken, das medizinische Masken nicht leisten, wer bekommt staatliche Corona-Hilfen?

Es mussten viele Informationen in die Hirne von 82 Millionen Bundesbürgern.

Manchmal staune ich immer noch, wenn ich mitten in einem großen Supermarkt stehe, um mich gucke und wirklich jeder einzelne Kunde eine FFP-Maske trägt. Könnte man sein Ich aus dem Jahr 2019 in den November 2021 beamen, würde es sich sehr wundern. Die Abstandsmarkierungen auf dem Boden, die Plexiglasverkleidungen um Kassierer und Verkäufer, die allgegenwärtigen Desinfektionsspender.

Wenn aber schon das gemeine Volk, das wirklich nicht besonders schlau ist, BILD-Zeitung liest, sich in Querfront-Blasen herumtreibt und doofe Parteien wählt, all diese epidemiologisch relevanten Begriffe und Verhaltensweisen kennt, wie kann es dann sein, daß die zuständigen Fachleute in den Bundesbehörden weiterhin so auf dem Schlauch stehen und immer wieder unvorbereitet tumb-tapsig in neue Wellen stolpern?
Wieso gestaltet sich das Großversagen des Bundesgesundheitsministers und der Bundesregierung immer als Déjà Vu? Wieso kommen wir einfach nicht weiter?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim kann ich wie immer nur loben und wärmstens weiterempfehlen, aber es wird nicht ihr letztes Corona-Video sein, weil Delta eben nicht die letzte Variante ist.

Etwas, das auch seit einem Jahr gebetmühlenhaft wiederholt wird, ohne irgendeine Wirkung bei den politisch Verantwortlichen zu zeigen, ist der Spruch ‚statt 3. Impfung für die 1. Welt, sollte man die 1. Impfung für die 3. Welt in Angriff nehmen‘.

Idealerweise können wir gleichzeitig gehen und Kaugummi kauen, wie der Amerikaner sagt. Also in Deutschland die Impflücke schließen, eifrig boostern und gleichzeitig genügend Vakzine nach Afrika schicken. Daran hapert es aber.

In vielen Afrikanischen Ländern wurde so gut wie noch gar nicht geimpft.


Also passiert dort das, was ebenfalls alle Virologen voraussagten: In der weitgehend ungeimpften Bevölkerung kann sich Sars-CoV2 ungehindert ausbreiten und neue Mutationen hervorbringen.

So geschah es just in Südafrika mit der neuen, noch gefährlicheren und noch ansteckenderen Omicron-Variante B.1.1.529.

Neue Variante B11529 scheint zum ersten mal echte massive Durchbruchsvariante zu sein. Die vielen Mutationen sprechen für Entstehung in HIV Patienten. Was tun: Grenzen SA dicht. PCR Suche nach N11529. Boostern so schnell wie möglich. Durchbruch gegen Booster unwahrscheinlich.

(Karl Lauterbach, 26.11.2021)

Wieso ist neue Variante B11529 so gefährlich? Wie kommt man darauf? Weil sie fast alle Mutationen von Alpha, Beta, Gamma und Delta zusammen hat. In 2 Wochen kennt man Wirkung Impfung. Wenn Impfung angepasst werden muss käme neuer Impfstoff in 3 Mon. Booster wirken wahrscheinlich.

(Karl Lauterbach, 26.11.2021)

Das musste so kommen, weil wir Erste-Welt-Egoisten vergessen haben, daß es eine Globalisierung gibt, wir uns nicht virologisch gegen den Rest der Welt abschotten können und den teuren Impfstoff weitgehend für uns selbst reservieren.

Das gehört alles in die Schublade „sehenden Auges hineingerannt“.

[……] Die Corona-Neuinfektionen steigen und steigen, das Schlimmste, das lässt sich nüchtern in Zahlen beschreiben: Über alle Altersgruppen hinweg beträgt die sogenannte Fallsterblichkeit von Sars-CoV-2 deutschlandweit derzeit etwa 0,8 Prozent. Von den 76 000 Menschen, die am Freitag mit einer Infektion in die Meldedaten eingingen, werden in wenigen Wochen etwa 600 nicht mehr am Leben sein.  Man habe schlicht das Schlimmste nicht sehen wollen, sagte zerknirscht der künftige Vizekanzler Robert Habeck im TV-Talk von Maybrit Illner - wobei kaum zu übersehen ist, wie Deutschland in die Katastrophe rast. Hunderte Menschen sterben jeden Tag an dem Virus, die Intensivmedizin brennt, Schlimmes, das man nicht sehen will, passiert längst vor unseren Augen. Statt wenigstens jetzt zu reagieren, zanken sich ehemalige und zukünftige Koalitionäre vor Fernsehkameras, wer genau denn schuld ist an dem Schlamassel und was nun alles kommen könnte, als gehe es um die drohende Pleite einer Gummibärchenfabrik. Beispiel Impfpflicht. Joa, hätte man vielleicht schon längst machen können, kann man vielleicht auch immer noch, bringe aber wenig, um das Virus sofort zu bremsen, heißt es hier und da in Berlin. Das stimmt sogar, nur: Heute nichts tun zu wollen, weil es ja erst morgen etwas hilft, das hat schon während der zweiten und der dritten Welle dazu geführt, dass Maßnahmen viel zu spät kamen. Sehr viele Menschen haben diese Schauen-wir-mal-Rhetorik mit dem Leben bezahlt. [……] Dabei predigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - von der WHO in Genf bis zum Virologie-Institut der Berliner Charité - seit Monaten: Den Kampf gegen das Virus gewinnt die Welt nur, wenn sie schnell, global und entschlossen reagiert, jeder Tag zählt. [……] Wer Impfpflicht und Lockdown ausschließt, wird am Ende die Triage hinnehmen müssen. [….]

(Felix Hütten, SZ, 27.11.2021)