Sonntag, 7. April 2013

Wird das jetzt der Absprung?

Was zum Teufel soll man lesen, wenn man umfassend informiert sein will und nicht ewige Stunden im Internet rumklicken will?
Ein großes wöchentliches Politmagazin gehört nach meiner Meinung in jeden Haushalt. 

Neben der Tageszeitung.
Meine Abos für ZEIT und SPIEGEL bestehen schon seit Mitte der 1980er Jahre. Ich bin so sehr daran gewöhnt, daß mir die Periodika Montag und Donnerstag ins Haus flattern, daß ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es „ohne“ gehen sollte.
Ohne SPIEGEL? Das ist einfach unmöglich.

Allerdings – auch wenn das Beispiel hinkt: Vor ca zehn Jahren lief mein persönliches STERN-Fass über. Die vollständige Boulevardisierung wollte ich keinen Tag länger unterstützen und kündigte mit einem entsprechenden Hass-Brief mein Abo.
Insgeheim wollte ich nur ein Zeichen setzen und dachte mir, daß ich ja den STERN dafür am Kiosk weiterhin kaufen könnte.
Erstaunlicherweise tat ich das aber nicht.
 Nein, es gibt auch ein Leben ohne STERN.
Heutzutage kaufe ich das Blatt nur noch ein, zweimal im Jahr, blättere schnell durch und stelle zufrieden fest, daß ich nichts verpasse.
Die Bindung zu ZEIT und SPIEGEL ist natürlich fester. Eine Trennung wäre härter.
Aber eigentlich bin ich soweit über den Schritt zumindest nachzudenken. 
Voraussetzung ist eine Alternative zu haben. 
Was sollte das sein, nachdem es „DIE WOCHE“ (1993-2002) nicht mehr gibt? (Ich vermisse sie immer noch!)
Es gibt noch den Standard (Wien, Tageszeitung, seit 1988, Aufl 70.000), die taz (Berlin, Tageszeitung, Aufl 55.000) oder den FREITAG (Berlin, seit 1990, wöchentl, Aufl. 14.000).
 Ich finde alle drei sympathisch (wobei Jakob Augstein in letzter Zeit auch immer religiöser wird..), aber sie sind einfach zu klein, um überall Korrespondenten zu haben und an Exklusiv-Infos zu kommen.

 Da sind ZEIT und SPIEGEL klar überlegen, weil die überall Korrespondenten hinschicken und in den Hintergrundrunden hocken.
 Ich ärgere mich jede Woche über den SPIEGEL - aber dennoch ist es immer noch bemerkenswert wie gut sie informiert sind. Gerade in der Innenpolitik zitieren sie permanent aus ganz kleinen Runden im Kanzleramt in wörtlicher Rede. So daß man weiß, es muß einer aus der Runde geplaudert haben. Solche Informationen sticht man aber eben nicht zur TAZ oder zum STANDARD durch.
Der jüngste kirchenrektalkriechende Ausfall der ZEIT hat mich allerdings so nachhaltig geschockt, daß ich das Bild des gläubigen Katholiken di Lorenzo, der stolz erzählt das gemeinsame Gebet vorm Essen sei immer der schönste Moment des Tages, nicht mehr los werde.
Will ich eine Zeitung mit so einem Personal unterstützen?
Nein.
Di Lorenzo und Evelyn Finger gehören dringend entlassen.
 Abgesehen vom Religiotischen haben den Chefredakteur auch seine Parteinahmen für Christian Wulff und insbesondere das Jubelbuch mit von und zu Guttenberg disqualifiziert.

Zunächst einmal werden aber die beiden SPIEGEL-Chefredakteure gefeuert.
Als nicht mehr länger tragbar wird angeblich auch Mascolo und sein mangelndes Gespür für die Auswahl der Titel gehalten – dass es daran hapert, beweist erneut die aktuelle Ausgabe: „Kim Jong Bumm. Nordkoreas verrückter Atomkrieger“ heißt es in bester „Bild“-Sprache, zu sehen ist der Diktator, der in Münchhausenmanier auf einer Rakete reitet. Ein Titel, der mal wieder deutlich macht, wie groß offenbar die Unsicherheit in der Chefredaktion angesichts der sinkenden Auflage ist. Verkaufte der „Spiegel“ zum Antritt von Mascolo und Blumencron 2008 noch 1,05 Millionen Exemplare, sind es heute rund 890 000 Stück – was teils strukturell, teils jedoch inhaltlich bedingt sein dürfte. Mascolo aber zeige sich „beratungsresistent“, berichten Mitarbeiter, auch würde Kritik aus Angst vor seiner „ruppigen“ Art zurückgehalten.
(Sonja Pohlmann, 06.04.13)
Wohl wahr!
Es ist nicht nur die Titelgeschichtenauswahl an sich, sondern auch die miserable Umsetzung.
Wie kann es sein, daß ein angeblich seriöses Magazin mit den Ressourcen des SPIEGELs eine Titelgeschichte zur Papstwahl raushaut, die von inhaltlichen Fehlern gespickt ist, obwohl ich die als Laie auf den ersten Blick erkenne?
Das ist unentschuldbar.

Und von devoten Guttenberg-Lobhudeleien fange ich gar nicht erst an.
„Die fabelhaften Guttenbergs. Paarlauf ins Kanzleramt“ – SPIEGEL-Titelgeschichte 18.10.2010.


Es fragt sich nun, wer von Mascolo und Blumencron, die verständlicherweise die Abonnenten in die Flucht trieben, folgen könnte.
Als Stefan Aust gefeuert wurde, hatte man schon nach externen Lösungen gesucht und sich beispielsweise bei Klaus Kleber Absagen geholt.
Nachdem jetzt aber die interne Lösung auch gescheitert ist, dürfte die Mitarbeiter KG des SPIEGELs mal wieder ihre Fühler ausstrecken. 
Wer käme in Frage?
Die einzig wirklich ideale Personalie, nämlich Tissy Bruhns – sie hätte das Know How, ist hoch angesehen und zudem auch noch sympathisch – scheidet leider aus.

Die Qualifikation brächte auch Kurt Kister mit, aber warum sollte er nach Hamburg wechseln wollen? 
Auch Heribert Prantl erscheint mir viel zu bayerisch zu sein, um mit den selbstbewußten SPIEGEL-Leuten fertig zu werden. Und ob er genug von Online-Medien versteht? Zudem treibt es Prantl immer in die Öffentlichkeit und dazu bliebe ihm als SPIEGEL-Chef keine Zeit mehr.

Die taz-Chefin Ines Pohl ist eine Gute.
 Aber der Sprung von dem kleinen, ärmlichen Tagesblättchen zu dem 300-Millionen-Umsatz-Mammut-Unternehmen wäre wohl zu heftig. 
Es fragt sich auch, ob sie den Gesellschaftern von Bertelsmann nicht zu links wäre.

Bei der Süddeutschen, die von der politischen Ausrichtung her am ehesten mit den SPIEGEL vergleichbar ist, gibt es natürlich weitere hochkompetente Vollblutjournalisten.
  Susanne Höll zum Beispiel. Aber verfügt sie über die nötige Härte und das betriebswirtschaftliche Interesse?

Meine Lieblings-Chefredakteurin wäre Franziska Augstein, die immerhin den richtigen Namen mitbrächte und zu 1000% für Seriosität stünde. 
Sie ist intellektuell ebenso brillant wie ihr Vater und hat sich in der Vergangenheit extrem kritisch zu Boulevardthemen im SPIEGEL geäußert.
Aber ob es sie in so eine Top-Position drängt? Dort wäre ihr ruhiges Leben endgültig vorbei. Mit Geld könnte man sie ohnehin nicht ködern. Als Rudolf Augsteins Erbin ist sie reich genug.

Bisher kursieren nicht viele Namen in der Presse. 
Aber die wenigen, die ich gelesen habe,  würden mich augenblicklich mein Abo kündigen lassen.
Gerüchte über eine Doppelspitze bestehend aus der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel und Jakob Augstein, Gesellschafter und „Freitag“-Herausgeber, wurden von mehreren Seiten als „absurd“ bezeichnet. Vielmehr werde ein alleiniger Chefredakteur gesucht, als Kandidaten genannt werden dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner, der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Nikolaus Blome und Gabor Steingart, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Verlagsgruppe Handelsblatt.
Steingart und Blome wären eindeutig weit, weit jenseits dessen, was ich noch tolerieren könnte.

Meine Vorstellungskraft reicht aber ohnehin nicht aus, um mir auszumalen, daß das trudelnde Magazin einen BILD-Mann oder den stramm rechten Neoliberalen Steingart auf den Chefsessel setzen könnte.

Samstag, 6. April 2013

Dinge, die die Welt nicht braucht.



Dieses sind allesamt Karrieremänner.

Kardinal Meisner, Kardinal Höffner, Kardinal Wetter, Joseph Ratzinger, Walter Wallmann, Gerhard Stoltenberg, Alexander von Stahl, Günther Oettinger, Kurt Georg Kiesinger, Joseph Goebbels, Hermann Göring, Joseph Mengele, Peter Harry Carstensen, Kurt Faltlhauser, Ernst Nolte, Hermann Höcherl, Philipp Jenninger, Max Streibl, Ernst Kaltenbrunner, Alfred Dregger, Rainer Barzel, Bernhard Vogel, Horst Mahler, Heinrich Lübke, Erzbischof Dyba, Bischof Hengsbach, Bischof Hudal, Bischof Huber, Guido Westerwelle, Markus Söder, Jürgen Rüttgers, Heinz-Christian Strache, Hartmuth Mehdorn, Kurt Waldheim, Franz-Josef Strauß, Jörg Haider, Hanns Seidel, Eckart von Klaeden, Kai Diekmann, Freidrich Merz, Sepp Blatter, Klaus Kinkel, Klaus Esser, Kardinal Frings, Kardinal v. Faulhaber, Eberhard Diepgen, Herbert Hupka, Peter Ramsauer, Georg Freiherr von Waldenfels, Günther Beckstein, Christoph Ahlhaus, Rupert Scholz, Hans Globke, Thomas Goppel, Alphons Goppel, Edmund Stoiber, Kurt Rebmann, Thomas Klestil, Heinrich Lummer, Klaus-Rüdiger Landowsky, Ronald Barnabas Schill und Wolfgang Schäuble.
Außer der offensichtlichen, daß sie alle Arschlöcher sind, haben diese Rechten, Nazis und Geistlichen zwei Gemeinsamkeiten.
Sie sind nicht in der SPD und sie sind Burschenschaftler.
Der SPD-Parteirat legte 2006 erneut fest, eine Mitgliedschaft in einer Burschenschaft der Burschenschaftlichen Gemeinschaft sei nicht mit einer Mitgliedschaft in der SPD vereinbar. 

Ich erinnere mich ganz genau, als ich noch als Schüler abends in einer Kneipe einen Typen traf, der kurz vor mir Abi gemacht hatte und äußerst nervös wirkte, weil er am nächsten Tag zu einer Mensur erscheinen müsse.
Damals hörte ich das Wort „Mensur“ zum ersten mal und dachte sofort, daß ich noch nie im Leben etwas Bekloppteres gehört hätte! 
Sich als Mutprobe einen Säbelhieb verpassen zu lassen und dann würde auch noch erwartet irgendeinen Dreck in die Wunde zu reiben, damit die Narbe in der Fresse möglichst sichtbar bliebe.

Und heute regt man sich über Tattoos auf.

Das nächste mal hörte ich als ich schon selbst studierte von einer Burschenschaft ganz bei mir in der Nähe, als eine Freundin zu einem Tag der offenen Tür eingeladen wurde.
„Bist Du doof? Du willst devot „auf’s Haus“ gehen, weil die heute einmal eine Ausnahme machen und Frauen reinlassen?“
Sie wollte aber.
Der Tag war aber nicht sehr gelungen. Obwohl diese Verbindungstypen Geld wie Heu haben und mit einer Prachtvilla an einem Alsterarm beeindruckten.
Direkt am Wasser wurde ein Buffet für die Gäste aufgestellt und auf einem Nebentischchen lag ein Haufen Wasserpistolen. Offenbar sollte eine Wasserpistolenschlacht veranstaltet werden, mutmaßte meine Freundin und fürchtete um ihre Garderobe.
Das sollte allerdings ihre geringste Sorge bleiben.
Wie sich herausstellte waren die Wasserpistolen nicht bloß mit Wasser gefüllt, sondern mit einer konzentrierten PRIL-Lösung.
Der Spaß der Burschenschaftler bestand darin, die zu der Jahreszeit frisch geschlüpften Entenküken aufzuspüren und sie so mit dem Spülmittel zu beschießen, daß sich das Gefieder, bzw der Flaum entfettete und sie anschließend jämmerlich in der Alster ertranken.

Spaß à la Studentenverbindung.

(Meine Freundin machte sich dort reichlich unbeliebt, als sie nach einem Pöbelanfall, der nur auf Gelächter verstieß, kurzerhand die Pril-Pistolen klaute und damit abhaute.)

Das sind Geschichten, die sich in mein Hirn einbrennen.
 Jedes Mal, wenn ich an dem Verbindungshaus vorbei fahre, habe ich den Drang das Steuer rumzureißen und den Schuppen zu rammen.
Wenn man die Mitglieder alle in einen Sack steckt und ordentlich mit einem Knüppel draufhaut, trifft es jedenfalls nie einen Falschen.

Während ich die Burschenschaftler vor 25 Jahren als unangenehm rechtslastige Sadisten ohne Hirn einschätzte, muß ich inzwischen deutliche Überschneidung mit dem Rechtsextremismus hinzufügen.
Typen in schlagenden Verbindungen halte ich für gefährlicher als die Hautköpfe, die in der NDP mitmachen. Letztere sind ohnehin Abschaum und werden kaum Karrieren in der „richtigen Welt“ machen. Erstere hingegen fressen irgendwann Kreide, nutzen ihre unfassbar starken Vitamin-B-Vorräte und steigen in Spitzenpositionen auf. 
Von dort aus üben sie tatsächliche Macht aus.
 Es gibt offenbar kaum Unions-Ministerpräsidenten, die nicht aus einem solchen Milieu stammen.
Das läßt für die Zukunft einiges befürchten, denn die rechten Säufer mit dem Hang zur Gewalt werden immer rechter.
Die Deutsche Burschenschaft ist nach ihrem Bruderkampf noch weiter nach rechts gerückt. [Es] könnte sich eine gefährliche Allianz von Rechtsextremen formieren.

Es begann mit dem Entsetzen einiger Burschenschafter über die rassistischen Forderungen ihrer Verbandsbrüder in den sogenannten Ariernachweis-Anträgen. Es endete an diesem Wochenende nach fast zwei Jahren, zumindest vorläufig: Die Spaltung der Deutschen Burschenschaft (DB) ist besiegelt. In den kommenden Wochen werden die wenigen verbliebenen national-liberalen Bünde den gleichen Weg wählen wie bereits viele Burschenschaften vor ihnen - raus aus dem Dachverband, der nun vollends unter die Kontrolle völkisch-großdeutscher Phantasten gekommen ist.

[…] Nur noch ein bis zwei Prozent der Studierenden sind überhaupt noch korporiert.

[…] Dennoch gibt es gute Gründe, die verfassungsfeindlichen Tendenzen in ihr nicht als bierselige Verirrungen skurril kostümierter Männer abzutun. Das zeigen allein folgende drei Aspekte:

Erstens existiert eine unheilvolle gegenseitige Attraktivität völkischer Bünde und rechtsextremer Aktivisten: Viele Burschenschaften haben ein immenses Nachwuchsproblem; ihre Alten Herren sind über jeden Studenten froh, der sich ihnen überhaupt noch anschließen will. […]

Zweitens entspringt der Eindruck von Burschenschaften als einer skurillen Splittergruppe einer sehr bundesdeutschen Perspektive. In Österreich spielen die strammrechten Brüder eine weitaus bedeutendere Rolle - vor allem in der rechtspopulistischen FPÖ. Dem ORF zufolge sind 16 der 34 FPÖ-Abgeordneten Burschenschafter, unter ihnen der umstrittene Martin Graf, Mitglied im Präsidium des Parlaments. […]
In Hamburg gibt es die „PB! Chattia“, die tiefbraun zu verorten ist.
Bereits seit den 90er-Jahren beobachtet der Hamburger Verfassungsschutz einzelne Burschenschaften. Vor allem aus der "Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg" (PB! Chattia) werden immer wieder Auftritte von Nazi-Rednern bekannt. Die Verbindung sieht sich als "Gemeinschaft patriotisch gesinnter Deutscher", die Begriffe wie Ehre, Kameradschaft, Volk und Heimat in Ehre halten wolle.
Die Chattia ist offenbar bereits mit einem Bein im Untergrund.
Über die „Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg“ ist auch in der antifaschistischen Öffentlichkeit wenig bekannt. Sie arbeitet streng konspirativ, ihre Mitglieder tragen Tarnnamen wie Sargnagel, nennen sich nach Militärs wie Wallenstein oder Tirpitz oder auch nach dem Plastiksprengstoff Semtex. Sie „sind stolz eine tatkräftige, verschworene Gemeinschaft von Freunden zu sein.“ Die Konspirativität hat berechtigte Gründe, denn in ihren Reihen finden sich gehäuft überzeugte Neonazis. In den letzten beiden Jahren gerieten allerdings gleich zwei ihrer Alten Herren in die Schlagzeilen: Martin Stoffers, weil er für die CDU-Hochschulgruppe an der Uni Hamburg kandidierte und in deren Vorstand saß, sowie Jochen Schmutzler, der als Lehrer an einer katholischen Schule arbeitete. Stoffers musste zurücktreten und Schmutzler wurde von seinem Arbeitgeber gekündigt.

Die Chattia wurde 1989 im hessischen Friedberg gegründet und nennt sich nach dem Volksstamm der Chatten. Mitte der 90er Jahre übersiedelte sie nach Hamburg und wurde u.a. von Stoffers und Schmutzler aufgebaut. Schmutzler kandidierte schon 1978 für die NPD und ist der Partei bis heute treu geblieben. Seine Frau Karin, ebenfalls NPD-Mitglied und Lehrerin, arbeitet außerdem für die neofaschistische Jugendorganisation „Heimattreue Deutsche Jugend“. Da die Chatten kein eigenes Burschenhaus haben, treffen sie sich regelmäßig bei den Schmutzlers zum Stammtisch. Für einen Vortrag über seine Teilnahme an der berüchtigten Holocaust-Konferenz im Iran kam z.B. im Februar 2007 extra ein verurteilter Holocaustleugner in das Haus der braunen Pädagogen.

Wer eine längere neofaschistische Vergangenheit hat, sucht sich auch einen entsprechenden Partner. Jochen Schmutzler ist nicht nur ebenfalls Lehrer an einer katholischen Schule in Farmsen, sondern auch schon lange in völkischen Kreisen unterwegs. 1994 war er Sprecher der Schüler-Burschenschaft „Chattia Friedberg zu Hamburg“ und lud damals zu „Heldengedenken“, „Reichsgründungstagen“ und Vorträgen mit bekannten Rechtsextremisten ein. Im Mai 2005 vermeldete die Zeitung „Die Welt“: „Burschenschaft lockt Neonazis an die Universität“ und machte auf die „von den Sicherheitsbehörden als rechtsextrem eingestufte Burschenschaft ,Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg‘“ aufmerksam. „Einzelne Mitglieder der Burschenschaft sind nach Erkenntnissen des Hamburger Verfassungsschutzes selbst in der rechtsradikalen Szene aktiv“, wusste die Welt weiterhin zu berichten. Jochen Schmutzler ist inzwischen verdienter Alter Herr und mit Mütze und Band auf Homepage der Pennalie bei einem altgermanischen „Julfest“ verewigt. In seiner Verbindung begrüßt man sich mit „Heil“, meint, gegen „sittliche Entartung“ und „für Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung streiten zu müssen“, und fühlt sich als „das letzte Aufgebot deutschen Volkstums“. Die propagierte völkische Ideologie wird kombiniert mit einem betont männlichem Habitus: Die braunen Burschen schlagen Säbelmensuren am nackten Oberkörper. Die Chattia hat Kontakte zu ehemaligen Waffen-SS-Mitgliedern, und einige ihrer ehemalige Schüler sind inzwischen bei der Burschenschaft Germania Hamburg aktiv. Zum Keilen, wie man das Werben in burschenschaftlichen

Kreisen nennt, verteilte die Pennalie in der Vergangenheit Flugbätter an Hamburger Schulen. Heute bedient man sich des Internets, um Schüler und Studenten beiderlei Geschlechts zu ködern. Aufmerksamkeit erregte die Chattia im Mai vergangenen Jahres, als sie den Vortrag eines „Weltkriegsveteranen“ und Auschwitzleugners im Stellinger Alten Rathaus als „Pflichttermin“ empfahl: Gekommen war die gesamte Hamburger Neonazi-Prominenz von NPD und Freien Kameradschaften. Zu regelmäßigen „Singestammtischen“ treffen sich die brauen Burschen und Frauen bei den Schmutzlers zu Hause im noblen Poppenbüttel.

Apropos Singen: Frau Schmutzler leitet auch einen Ostpreußenchor, der gelegentlich in Hamburger Kirchen auftritt. Sie sängen immer alle drei Strophen des Deutschlandliedes, betont die Chorleiterin in diesem Zusammenhang. Ähnlich wie ihr Mann ist die Studienrätin nicht nur von Berufs wegen, sondern auch in ihrer Freizeit um Jugendliche „bemüht“. Frau Schmutzler verantwortet das Postfach der „Leitstelle Nord“ der neonazistischen „Heimattreuen deutschen Jugend“ in Hamburg.
Die LINKE-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg befragte 2011 den Senat zu den braunen Burschen-Umtrieben und erfuhr, daß die Chattia als rechtsextremistische eingestuft wurde und in den Verfassungsschutzberichten der letzten Jahre erwähnt wurde.
Dennoch läßt man sie aber offenbar gewähren, wie ein Tumult von heute zeigt.
Was in der großen, weißen Villa stattfindet, lässt sich von außen natürlich nicht sehen. Aber es gibt Regeln für das Ritual hinter verschlossen Türen: Sie schreiben vor, dass sich junge Männer gegenüber treten, das Gesicht mit einem Helm bedeckt, die Oberkörper frei, in den Händen stumpfe Säbel. Damit müssen sie sich gegenseitig attackieren, wenn es sein muss bis aufs Blut.

Die pennale Mensur ist eine Tradition der Schülerburschenschaften, die vor allem in Österreich praktiziert wird. An diesem Samstag allerdings wird sie auch in Deutschland gepflegt: In Hamburg haben sich zwei deutsche Schülerburschenschaften getroffen, um ihre Mitglieder in einer sogenannten Hatz gegeneinander antreten zu lassen, die pennale Burschenschaft Chattia Friedberg und die gymnasiale Burschenschaft Germania. Über Facebook hatten sie ihre "Waffenbrüder" dazu eingeladen.

[…] Besonders heikel ist […] die pennale Mensur, wie sie jetzt in Hamburg stattfinden sollte. Hier gehen nicht Studenten aufeinander los, sondern teilweise minderjährige Schüler. […]  Beide Burschenschaften gehören zum Allgemeinen Pennäler Ring (APR), einem Dachverband, der laut Selbstdarstellung "national-freiheitliche und wehrhafte Pennalkorporationen unter seiner Fahne" vereine. Hier formiert sich der Nachwuchs der Rechtsaußen-Burschenschafter.

[…] Die Stimmung bei den Burschenschaften ist deshalb angespannt, die Presse ein rotes Tuch. Fotografiert werden will kaum einer der Hatz-Teilnehmer in Hamburg. Die meisten verdecken ihr Gesicht, als sie in das Haus der Burschenschaft Germania Königsberg gehen. Zwei von ihnen greifen jedoch zu aggressiveren Methoden.

Ein junger blonder Mann mit Sonnenbrille geht vor den Augen der Polizei auf einen Fotografen los, der vor dem Gebäude wartet. Er versucht, ihm die Kamera aus der Hand zu schlagen, schubst ihn nach hinten gegen einen Baum. Der Fotograf schreit, fällt. Die Polizei schreitet ein. Nach einem kurzen Handgemenge ist alles vorbei.

Doch nur wenige Minuten später kommt es erneut zu einem Übergriff. Dieses Mal fühlt sich ein Herr im Anzug durch die Presse gestört. Auch er wird handgreiflich, verfolgt den Fotografen sogar noch meterweit und versucht, ihn zu Boden zu werfen. Wieder muss die Polizei eingreifen, um den Angriff zu beenden.

Die Polizei sah allerdings keinen Grund, gegen die Veranstaltung in der weißen Villa und das archaische Ritual der Mensur vorzugehen.

Freitag, 5. April 2013

Langsam reicht es – Teil VII



Wochenend und kein Sonnenschein, da nahm ich mir zum Glück allein die aktuelle ZEIT vor.
Da es der Auflage dient, haben Giovanni di Lorenzos Leute auf die Titelseite mal wieder ein riesengroßes Adolf-Hitler-Konterfei gesetzt.
Billigste Kiosk-Psychologie. Hast Du keinen guten Aufmacher zur Hand, setze auf Hitler – das verkauft sich immer.
Bei der aktuellen Geschichte, „Hitlers letzter Sieg“, geht es übrigens bloß um das 30-Jährige Jubiläum der STERN-Hitler-Tagebücher. Wahrlich nothing to write home about.
Also wenden wir uns gleich den anderen ZEIT-Themen zu.

Es ist nicht neu, daß in der einst so vorbildlichen Qualitätszeitung konservative Leitartikel und schwer religiotische Kirchenhuldigungen stattfinden.

Inzwischen vergeht aber kaum eine Woche, in der die ZEIT nicht schwere Religiotie verbreitet.
Grundsätzlich freue ich mich natürlich darüber, wenn religiöse Themen von einer ernstzunehmenden Warte aus erörtert werden; erst recht wenn es sich um Papst und Kurie dreht.
Der Katholizismus ist eine unerschöpfliche Quelle des Wahnsinns. 
Aber eben nicht nur das, denn die Christlich-totalitäre Megaorganisation beeinflusst auch alles andere - Politik, Kultur, Psychologie, gesellschaftliche Debatten.
Nun erwarte ich nicht ernsthaft, daß die völlig unkritische Katholikenbewunderin Evelyn Finger, die das ZEIT-Ressort „Glauben & Zweifeln“ leitet, aus den allgemeinen Franziskus-Festspielen ausbricht.
Mit eingeschaltetem Hirn wird nur sehr wenig über den neuen Papst berichtet.
Eine der wenigen Ausnahmen war mal wieder das Hamburger Magazin „ZAPP“, welches in wohltuender Weise immer wieder wagt das zu berichten, was kein anderer Journalist anfasst.
In der Sendung vom 27.03.2013 thematisierten die NDR-Jungs die schwierige Recherche zu Bergoglios Verhältnis zur faschistoiden Militär-Junta in Argentinien.
Die Fragen sind nämlich tatsächlich tabuisiert. 
Wer es wagt überhaupt Fragen zu stellen, wird vom Vatikan scharf abgebügelt.
Der besonnene Journalist Horacio Verbitsky forscht seit vielen Jahren zu dem Thema. Veröffentlichte mehrere Bücher, in denen er keineswegs als reiner Kirchenkritiker auftritt, sondern alle Seiten ausführlich zu Wort kommen läßt.
Der konservative Ex-Kardinal Bergolio, heute Franziskus, soll eine größere Nähe zur argentinischen Militärjunta gehabt haben, als offiziell zugegeben. […] Ist der Papst also ein Komplize der Diktatur? Nach seiner Wahl zum obersten Hirten Gottes wurde Verbitskys Recherche wieder zum Thema. Argentinische Medien unterstellen dem Journalisten jetzt eine linke Kampagne und tun sich mit der Aufarbeitung der Rolle der Kirche in Zeiten der Junta schwer.
Die wenigen Priester, die nicht auf Seiten der Junta standen, lebten sehr gefährlich. Myriaden Regimekritiker wurden verschleppt, gefoltert und getötet.
Horacio Verbitsky: Einige von diesen Pastoren wurden verschleppt, und sie beschuldigten später [Bergoglio], sie den Militärs ausgeliefert zu haben, insbesondere Orlando Yorio und Francisco Jálics. Beide waren verschleppt und fünf Monate in der Esma gefoltert worden. Yorio äußerte später sogar den Verdacht, dass bei einem Verhör, als er mit verbundenen Augen auf ein Bett gefesselt war, Bergoglio selbst anwesend war. Das hat er mir so gesagt. […] Die Jesuitenuniversität in Buenos Aires vergab unter Bergoglios Regentschaft einen Ehrendoktortitel an Emilio Massera*. Der hielt zur Verleihung eine Dankesrede, die von Antimarxismus, Antifreudianismus und Antisemitismus geprägt war. Bergoglio gab grünes Licht für die Verleihung, nahm aber nicht daran teil. Deshalb findet auch niemand ein Foto von den beiden zusammen. Wenig später reiste Massera nach Washington und hielt einen Vortrag an der dortigen Jesuitenuniversität. Auch das wäre ohne die Empfehlung des Leiters der argentinischen Jesuiten nicht denkbar gewesen. Ein so umstrittener Diktator wird an keiner Jesuitenuniversität empfangen, ohne dass man sich vorher mit dem Chef der Jesuiten aus seinem Land abstimmt. [….] Viele Bischöfe haben die Militärregierung sehr offen unterstützt und in Reden und Erklärungen zum „Krieg Gottes“ ermutigt. Aber es gab einige wenige, die gegen die Diktatur kämpften, die Verfolgte beschützten und sich für die Menschenrechte einsetzten. Aber das war nicht mehr als ein halbes Dutzend. […] Unter [Bergoglios] Regentschaft bei den Jesuiten wurden Dutzende Artikel veröffentlicht, die sich vehement gegen die Befreiungstheologie aussprachen. „Papst der Armen“ – das kann schon sein, denn er ist ein konservativer Populist. Er ist sehr bedacht darauf, dass alle Welt weiß, dass er U-Bahn und Bus fährt, dass er alte Schuhe trägt und gebrauchte Kleider, dass er den kirchlichen Pomp ablehnt. Er ist ein großer Schauspieler. Seine Predigten übt er vorher ein, um ihnen dramatische Effekte zu geben, er gestikuliert viel. Er ist ein hemmungsloser Populist, recht flexibel in Fragen der Doktrin, allerdings unerbittlich gegen die Befreiungstheologie. Er redet sehr viel von den Armen – ein Populist eben.
* argentinischer Admiral und von 1976 bis 1978 eines der führenden Mitglieder der argentinischen Militärjunta. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die operative Durchführung der massiven Menschenrechtsverletzungen während der Militärherrschaft, denen bis zu 30.000 Menschen zum Opfer fielen. (Wikipedia)
Wie sehr die Frage nach Bergoglios Vergangenheit unterdrückt wird, ist in der Tat erstaunlich.

Es geht immerhin um keine Kleinigkeit, sondern um die Unterstützung einer brutalen menschenrechtsfeindlichen Killertruppe, die zigtausende Menschen ermorden ließ.

Und Bergoglio war nicht wie Ratzinger zur Hitlerzeit ein Knabe, sondern ein erwachsener Mann, der die Karriereleiter bereits weit emporgestiegen war.

Aber ganz genau werden wir es nicht erfahren, weil Argentiniens Journalisten bis auf eine Ausnahme a.) im „Wir-sind-Papst“-Taumel das kritische Denken abgeschaltet haben und b.) ohnehin keine Neigung besteht die jüngere sehr widerliche Vergangenheit aufzuarbeiten.

Auch in Europa huldigt man unkritisch dem Pontifex Maximus.
Wer es wagt kritische Fragen zu stellen, wird vom Jesuiten Federico Lombardi scharf gerüffelt.
Der Radio-Vatikan-Chef und „Regierungssprecher“ des Papstes müßte sich allerdings gar nicht so ins Zeug legen. 
Die Europäer stellen weitüberwiegend ohnehin nur wohlwollende Fragen und zensieren sich gegenseitig.

Und das war der Bogen zurück zur ZEIT von gestern.
Evelyn Finger widmet sich in einem Meinungsartikel nämlich nicht etwa den Fragen nach Bergoglios Vergangenheit, sondern nach den Motiven derjenigen wenigen, die nicht a priori devot schweigen.
Was die Kritik am Papst über die Kritiker verrät.

Misstrauen ist manchmal ein Zeichen von Klugheit, aber meistens ein Zeichen von Schwäche. Vielleicht kommt das Wort deshalb in der Bibel nicht vor, weil gegen das Gift des unbegründeten Argwohns sogar der Papst machtlos ist. Schon am ersten Abend des Pontifikats, als der Neue sich weigerte, ein protziges Kreuz umzuhängen, gifteten die Kommentatoren, nun beginne das große Bescheidenheitstheater. […] Je bescheidener er auftritt, desto weniger wird man ihm glauben. Das ist die Schizophrenie unserer Zeit. […] Wir sind eine misstrauische Gesellschaft, und das Misstrauen ausgerechnet gegen den neuen Papst wirft kein gutes Licht auf uns. […] Das Misstrauen gegen den neuen Papststil ist auch Missgunst. […] Dass aus der Liste der Päpste nun der seit Langem glaubwürdigste besonders beargwöhnt wird, enthüllt einen destruktiven Charakterzug unserer Gesellschaft: Offenbar misstrauen wir uns selbst. […]  Nun aber kommt ein Papst und zeigt uns, dass man nicht feige sein muss, sondern mal etwas Aufrichtigkeit riskieren kann.
(Evelyn Finger, 4. APRIL 2013, DIE ZEIT  No 15)
Man muß schon nach all den Jahren, die der überzeugte Katholik Giovanni di Lorenzo die ZEIT leitet mit der Lupe suchen, um noch Unterschiede zu Kath.net auszumachen.