Montag, 7. Mai 2012

Bayerische Analnachschau




Leider habe ich keine sehr große Begabung für Akzente und andere krankhafte deutsche Idiome.

Ich mag aber Neologismen und höre immer genau hin, wenn ein neues deutsches Wort zu lernen ist, das es in meinem hochdeutschen Umfeld nicht gibt.

Ich Fischkopp war erst zweimal in meinem Leben in Bayern. 
Aber bei diesen seltenen Gelegenheiten konnte ich schon reichliche Eindrücke davon gewinnen, welch Sprachschatz es dort noch zu heben gibt.

Heute lief mir ein besonderes verbales Kleinod über den Weg.

 Die „Analnachschau“.

Obwohl die drei Glieder, aus dem dieser Begriff zusammengesetzt ist, einzeln auch in Hamburg zu verstehen sind, erklärt sich das Gesamtwort nicht von selbst.

 - „anal“ (= das Rektum betreffend),
 - „nach“ (=Präposition, „hinter“)
 -  „Schau“ (schwierig…, könnte ein Komparativ sein „sieh hin“, ein Adjektiv „schick, hübsch“ oder ein Substantiv „Ausstellung, Show“)

Handelt es sich bei „Analnachschau“ also um einen Backstage-Bereich hinter einer Arsch-Ausstellung?

Oder müssen nach einer Vernissage die Hintern der Künstler bewertet werden?

Man weiß es nicht.

Wenn ich dieses Wort bei „Kathnet“ oder „Kreuznet“ entdeckt hätte, wüßte man natürlich, daß es sich um etwas Sexuelles handeln müßte, da die Katholiban in der Regel außer Penissen und Analverkehr nichts interessiert.

Aber „Analnachschau“ las ich in der Süddeutschen Zeitung.

Ich will auch niemanden länger auf die Folter spannen.

„Analnachschau“ ist das was Bayerische Polizisten aus willkürlichen Launen heraus mit unbescholtenen Bürgern machen, die sie zufällig in der U-Bahn oder einem Geschäft auflesen.
 
Und dann geht es los:

Den Polizisten aufs Revier folgen, die vergebliche Bitte, einen Anwalt anrufen zu dürfen, splitternackt ausziehen, breitbeinig hinstellen, bücken, Analnachschau, vor den Augen der Beamten die Vorhaut des Penis zurückziehen.

Analnachschau ist also eine "Inaugenscheinnahme des Intimbereichs" mit beträchtlicher "Kontrolltiefe".

Es gibt einen unschuldigen, nicht vorbestraften 27-Jährigen Mann in München, dem diese Prozedur sogar schon zehnmal widerfahren ist.
So ein Bayerisches Praeputium muß gewaltig sein, wenn Polizisten immer wieder kontrollieren wollen, was sich darunter verbirgt. Was da alles hineinpassen könnte?

Zwei Streifenbeamte steuern auf ihn zu. Polizei. Ausweiskontrolle. Doch den Ausweis hatte Bäumler nicht dabei. Also mit aufs Revier in der Altstadt, die Identität überprüfen. Doch damit war Bäumler nicht entlassen.
Es folgte eine intensive Personenkontrolle: Komplett ausziehen in der Haftzelle, Po aufspreizen, die Vorhaut am Penis zurückziehen. "Ich wollte einen Anwalt anrufen, das durfte ich nicht."

Bayerische Polizisten dürfen das tun. 
Es liegt in ihrem Ermessen ("Das machen wir immer so.") und dazu muß der Delinquent noch nicht mal Schwarzafrikaner sein.
 Der hier Beschriebene „sieht eigentlich wie ein durchschnittlicher junger Mann aus: 27 Jahre, braunes Haar zum Stiftelkopf gestutzt, blaue Augen, Sakko. So sitzt er im Cafe, wirkt eher schüchtern und verschämt.“

(Was ist denn ein Stiftelkopf? Wieder so ein Bayerisches Wort, welches jedes Rechtschreibprogramm hysterisch rot unterkringelt…)

Unser penibel Anal-Betrachteter erreichte es 2007 diese Behandlung von einer Richterin rügen zu lassen. 
Aber was interessiert das die Bayerische Polizei? 
Es scheint eher so zu sein, daß Menschen, die versuchen sich rechtlich gegen solche Methoden zu wehren, einer perfiden Rache der Polizei ausgesetzt sind.

Ob am Ostbahnhof, in Milbertshofen, in Schwabing, Kolumbusplatz, Stachus oder Giesing: Bäumler wurde immer herausgefischt. Einmal im Sommer 2010 auf dem Bahnhofsvorplatz. Er sollte seine Taschen ausleeren und auf einen Streifenwagen legen.
"Auf dem Revier können wir das machen, aber nicht hier draußen", sagt er. Daraufhin habe ihn ein Beamter gepackt, auf das Polizeiauto geknallt und ihm Handschellen angelegt. Er habe zu parieren, gab ihm der Polizist unmissverständlich zu verstehen, "sonst machen wir noch viel mehr mit dir".


Nachdem weitere Männer von derartigen Polizeimethoden berichteten, wollen die Bayerischen Grünen im Landtag einen Bericht zur Kontrollpraxis der Münchner Polizei verlangen. 
Unverschämt. 
Das prallt am Innenminister Joachim Herrmann wirkungslos ab.

Aus dem bayerischen Innenministerium heißt es dazu, die jüngst bekannt gewordenen Vorkommnisse seien "Einzelfälle" und die dort angewandte Härte für Münchens Polizei "gänzlich unüblich". Die Fälle würden seitens des Polizeipräsidiums München "konsequent aufgearbeitet".
 
Ein Einzelfall war es auch den 33-jährigen Murat S. dazu zu zwingen, „sich nackt auszuziehen und sich nach Drogen durchsuchen zu lassen - ohne "den Hauch eines Anfangsverdachtes"

Der Vorname "Murat" deutet eigentlich nicht auf ein besonders ausgeprägtes Praeputium, unter dem er Waffen oder Joints verstecken könnte. Aber gut, daß die Polizei mal genau nachgesehen hat.

Sonntag, 6. Mai 2012

Viele Wahlen heute.





Das Blöde am neuen französischen Präsidenten ist sein Vorname, den kein Deutscher aussprechen kann.
Zwar wußten auch Viele nicht, daß im Französischen „Nicolas“ mit einem, stimmlosen „s“ gesprochen wird, aber mit Entsetzen denke ich jetzt wieder daran, daß Helmut Kohl seinen Kollegen Mitterand hartnäckig als „Frongswa“, statt „François“ bezeichnete.
Zugegeben; umgekehrt klingt die französische Aussprache des Namens „Helmut“ auch eher wie „‘Ellmud“, aber ein Französischer Akzent hat eben Charme und ein Deutscher nicht.

Das Gute am neuen französischen Präsidenten ist, daß er nicht mehr der Alte ist! Das war ja unerträglich wie dreist rechtsradikal Sarkozy sich gebärdete.
 Zum Glück ist nun Schluß mit einem „Merkozy“-Politdiktat über Europa.

Lieber Francois, Dein Sieg und der Sieg der Parti Socialiste ist ein Signal von herausragender Bedeutung für ganz Europa. Mit Dir an der Spitze wird Frankreich entscheidend dazu beitragen, dass künftig neben den notwendigen Maßnahmen zur Konsolidierung der nationalen Haushalte zugleich auch starke Impulse für Wachstum und Arbeitsplätze in Europa gesetzt werden. Dies wäre ein gewichtiger Beitrag zur Überwindung der Krise in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.
(Sigmar Gabriel via Facebook 06.05.12)

Da versucht Gabriel schon mal den Kollegen Hollande einzunorden: Haushaltskonsolidierung!

Ob das aber so weitergeht, wie sich das die deutschen Parlamentarier vorstellen, wage ich zu bezweifeln, nachdem eine Europäische Regierung nach der Nächsten über die Sparpakete strauchelt und stolpert!

Hollande hat im Wahlkampf kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um zu erklären den Merkozy-Kurs abändern zu wollen.

In Athen dürfte Merkel sogar noch unbeliebter als vorher werden. 
Die beiden „großen“ Parteien, die konservative Nea Dimokratia (ND) und die sozialistische Pasok sind sogar zusammen noch weit von einer Regierungsmehrheit entfernt, obwohl sie sich eigentlich ganz praktische regierungsfreundliche Wahlgesetze gegeben haben.

Der Erfolg der Kleinparteien dürfte die Bildung einer stabilen Koalition deutlich erschweren. Zwar bekommt die ND als stärkste Partei laut griechischem Wahlgesetz einen Bonus von 50 Sitzen. Für eine komfortable Mehrheit bräuchten die beiden Großen jedoch einen Stimmenanteil von 49 Prozent. Ein dritter Koalitionspartner wird damit wahrscheinlich.

Fünfzig Bundestagssitze Bonus gefielen der CDU bestimmt auch; das deutsche Wahlrecht steht ja ohnehin mal wieder vor einer Klage beim Verfassungsgericht. 
Da könnte man in der nächsten Version ja mal versuchen so einen Griechen-Passus einzubauen.

Könnte für Angie ernsthaft ungemütlich werden bei zukünftigen EU-Eurokrisen-Gipfeln!

Naja und zu Hause sind mal wieder vier Bundesratsstimmen (insgesamt 69) der ohnehin nur mickrigen 25, die Schwarzgelb noch hat, abhanden gekommen.
Damit wird so gut wie alles, das zustimmungspflichtig ist zu einem faden Konsens und Konsequenz aufgeweicht. 
Schwarzgelb sind heute nur noch Bayern und Niedersachsen mit je sechs, Hessen mit fünf, Sachsen und Schleswig-Holstein mit je vier Bundesratsstimmen. 
Sachsen und Bayern werden wohl auch Schwarzgelb bleiben, aber für die Wahlen in Niedersachsen (20.01.13) und Hessen (Herbst 2013) sieht es für die CDU ganz, ganz übel aus. 
 Beide Ministerpräsidenten gelten als extrem schwach und müssen zusätzlich damit rechnen, daß ihnen die ultrastarke FDP abhandenkommt.

Vor der nächsten BundesTAGSwahl wird sich Merkel also mit einer geballten rot-grünen Gegenmacht im Bundesrat konfrontiert sehen.

Das kann einen Kanzler, eine Kanzlerin durchaus frustrieren. 
Allerdings wird Frau Merkel dank ihrer Piraten-artigen „ich habe ohnehin keine Meinung zu irgendwas“-Strategie auch das Bundesratsdilemma strategisch nutzen, um die aufmüpfige FDP bei Mindestlohn, Datenspeicherung und Herdprämie zu enteiern.

Sie wird sich wieder als derart ungreifbarer Politpudding inszenieren, daß die Opposition systematisch entwaffnet wird. 
Das gelang schon 2009 mit Merkels berühmter Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ perfekt und wird 2013 noch besser klappen, weil sie inzwischen ihre freundlichen Schreiberlinge so konditioniert hat, daß sie sich jedes beliebige Etikett anheften kann, auch wenn es nicht die geringste Übereinstimmung mit der Realität hat.

Heute konnte man das bei der Kieler Wahlberichterstattung wieder exemplarisch beobachten.

Nicht nur FDP und CDU taten so, als ob sie allein für Schuldenabbau stünden, während Rotgrün rumprasste, nein, die Moderatoren wie Frau Schausten übernahmen diese Ansicht ganz selbstverständlich als Voraussetzung.
Fast jeder Merkelsche Minister ist inzwischen als dreister Lügner enttarnt; das stört aber nicht, sondern färbt offenbar auf TV-Journalisten ab.

Dabei ist natürlich das Gegenteil der Fall; CDU und FDP werfen das Geld sinnlos zum Fenster raus.

Unter Schäuble sind die Schulden viel höher gestiegen als je unter einem Sozi-Finanzminister, Frau Kraft hat in NRW begonnen den Rüttgerschen Schuldenberg abgetragen und die gegenwärtige Bundesregierung führt eine Ausgabenorgie durch, als fiele das Geld wie Manna vom Himmel.

Schwarz-Gelb erfindet neue „Besänftigungsprämien“: 
Gespart wird nicht mehr. […] Die Liste der schwarz-gelben  Wohltaten wird immer länger.
Betreuungsgeld, Kosten 1,5 - 2 Milliarden Euro.
Neue Rentenleistung für Eltern, Kosten 6 bis 7 Milliarden Euro.
Abbau „kalte Progression“ durch Steuererleichterungen, Kosten 6 Milliarden Euro.
Zuschußrente für alleinerziehende Mütter (Plan von Ursula von der Leyen), Kosten 1 Milliarde Euro.
Rentenerhöhung, Kosten 2 Milliarden Euro.
Mehr Leistungen für Pflegebedürftige (Vorschlag Minister Bahr), Kosten 1 Milliarde Euro.
Erhöhung der Pendlerpauschale, 1 Milliarde Euro.
(Hamburger Morgenpost 25.04.12)

Aktuelles Beispiel: Ausgerechnet eine der wohlhabendsten Familien des Planeten, die reichsten Deutschen überhaupt, die Albrechts, werden vom Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Rösler noch mit Steuergeldern zugeschissen.

Der Discounter Aldi erhielt in den vergangenen Jahren staatliche Subventionen in beträchtlicher Höhe. Sowohl Aldi Nord als auch Aldi Süd hatten nach SPIEGEL-Informationen beim Bundesamt für Güterverkehr (BAG) Fördermittel für Unternehmen des Güterkraftverkehrs beantragt. Warum und in welcher Höhe der Handelskonzern mit einem weltweiten Umsatz von 57 Milliarden Euro staatliche Unterstützung für Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen bekam, ist unklar. [….]  Selbst dem Parlament werden Auskünfte über die Verwendung der staatlichen Gelder verweigert. Eine kleine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Valerie Wilms wurde mit der Aussage beantwortet, die Datenverarbeitung der BAG sei nicht "so ausgelegt", dass man sagen könne, welche Unternehmen wie hoch gefördert würden.
"Es ist ärgerlich, als Abgeordnete im Nebel stochern zu müssen und keine klaren Auskünfte zu bekommen, was mit Steuergeldern und Fördermitteln eigentlich passiert", sagt Wilms.

Harter Konsolidierungskurs?

ARD und ZDF lassen die CDU-Märchen von den „Sozis, die nicht mit Geld umgehen können“ immer noch durchgehen.

Noch eine passende Meldung dazu:

Die Bundesregierung entsendet zwei neue Vertreter in den ZDF-Fernsehrat. Neben Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) soll ab Juli Eva Christiansen, Medienberaterin von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem Kontrollgremium angehören. Am vergangenen Mittwoch verabschiedete das Bundeskabinett eine entsprechende Beschlussvorlage. Unverändert bleibt die Personalie Maria Böhmer. Die Staatsministerin im Kanzleramt ist derzeit stellvertretende Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats.
(Spiegel 07.05.12)

Und was die eigentlichen Wahlergebnisse von Kiel betrifft: 
CDU ist stärkste Partei,
FDP über acht Prozent! 


Nach den letzten Hochrechnungen sieht es so aus, als ob SPD und Grüne und SSW doch eine Koalition bilden könnten. Sie hätten zusammen dann 35 Stimmen.
 Die Opposition verfügte über 34 Stimmen.  35:34 also.
Unisono versuchen Theo Koll und Bettina Schausten vom ZDF, wie auch ARD-Mann Schönenborn für Schwarzgelb zu retten, was zu retten ist.
Eine derart knappe Mehrheit sei „extrem instabil“, das habe man ja 2005 („Heidemörder“) erlebt, daß das nicht klappe. Nur eine Stimme Mehrheit sei dem Land nicht zuzumuten. 
Große Koalition oder Jamaika hätten viel klarere Verhältnisse.

Ja, schlimm diese unklaren, knappen Verhältnisse! Unzumutbar! 
Da sollten doch lieber FDP oder CDU in irgendeiner Weise an der Regierung mitbeteiligt sein. 
Der Stabilität wegen.

So stabil, wie eben bisher CDU und FDP regiert haben.

Mit nämlich der überwältigend klaren Mehrheit von genau 48:47 Stimmen!

(CDU34 + FDP14 = 48 und SPD25 + Grüne12 + Linke6 + SSW4 = 47)

Da gibt der Urnenpöbel in allen Umfragen gigantische Vorsprünge von mehr als 20 Prozentpunkten für den SPD-Mann Albig vor dem CDU-Mann de Jager zum Ausdruck, wenn gefragt wird, wen sie lieber zum Ministerpräsidenten hätten.
Und dann machen sie die CDU zur stärksten Partei und hebeln die gelbe Pest über acht Prozent.

Unfassbar dämlich!

Samstag, 5. Mai 2012

Springers willige Helfer.



Das Gute am Internet ist, daß man durchaus ein plurales Meinungsbild einholen kann.

Das Schlechte am Internet ist, daß vermutlich nur homöopathische Teile der User davon Gebrauch machen. 

Als Mensch mit Meinung stellt sich also die Frage, wie man diese an den Mann bringt, ohne sich zu verbiegen. 
Das gilt übrigens auch für die herkömmlichen Medien.
Ich werde es nie verstehen, wieso die 200 Talkshows im deutschen Fernsehen so massiv um immer dieselben Gäste konkurrieren. 
Man hat schon fast das Gefühl, daß rechte Choleriker wie Arnulf Baring einfach im Fernsehstudio fest getackert sind und zu jedem beliebigen Thema bei Maischbergerillnerwillbeckmannplasbergjauch ihre immer gleichen Ansichten absondern. 
Geht es um ein Thema, das im Entferntesten etwas mit „Internet“ zu tun hat, holt man noch Sascha Lobo dazu, weil er einerseits ob seiner Frisur so einen hohen Wiedererkennungswert hat und andererseits offenbar der einzige deutschsprachige Blogger ist.

Die Typisierung der Talkshowgäste wurde schon oft genug vorgenommen; ich muß das hier nicht wiederholen.

Auf eine Kategorie Meinungsverkünder möchte ich aber eingehen.
 Es handelt sich um den Typus des intellektuellen Enfant Terribles, der ursprünglich mal politisch nicht zu verorten war und dann eine Begeisterung für das Brechen angeblicher linker Tabus entwickelte, so daß er schließlich von einem großen und mächtigen rechten Meinungskonzern engagiert wurde.

Beispiele für diese Art nützliches Idioten-Feigenblatt sind Henryk M. Broder („Welt“), Maxim Biller (FAS), Jan Fleischhauer („Der Schwarze Kanal“ - Spiegel),  Michael Wolffsohn („Welt“) und Gideon Böss („Welt“).

Die Liste dieser schwarzen Provokateure deckt sich in weiten Teilen mit Broders-Blog-Kollektiv „Achgut“, welches ein erlesenes Konglomerat rechten Gedankenguts zusammenbringt:

Henryk M. Broder, Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Wolf Biermann, Gideon Böss, Claudio Casula, Jan Fleischhauer, Dr. Josef Joffe, Matthias Horx, Prof. Dr. Walter Krämer, Vera Lengsfeld, Matthias Matussek, Dr. Patrick Moore, Chaim Noll, Christian Ortner, Dr. Benny Peiser, Karl Pfeifer, Udo Pollmer, Lutz Rathenow, Hannes Stein, Hans-Hermann Tiedje, Arnold Vaatz, Dr. Wolfram Weimer, Benjamin Weinthal, Prof. Dr. Michael Wolffsohn, Gil Yaron

Klassischerweise reagieren diese Autoren hochallergisch auf alles, das irgendwie als „politisch korrekt“, "gutmenschenartig“ oder „multikulti“ bezeichnet werden könnte.

 Das größte Ärgernis ist ihnen aber Komplexität oder Tiefgründigkeit, wie sie beispielsweise der Aktivist, Kabarettist und Aufklärer Georg Schramm vermittelt.

Schramm ist der Comedy-Ebene so weit überlegen, wie die Süddeutsche Zeitung der BILD.

Transatlantikblog und Spiegelfechter ernannten Schramm sogar völlig zu Recht zum „Mann des Jahres 2012.“  
  Der Schockwellenreiter  forderte „Schramm for president“ und dem konnten sich viele große Blogs nur anschließen. Z.B. „Schramm soll Bundespräsident werden" (RhetorikBlog)

Georg Schramm ist kein Kabarettist.
Zutreffend: Er wurde einem größeren Publikum bekannt durch seine Auftritte in Urban Priols “Neues aus der Anstalt” wo er pointierte Auftritte gab als Oberstleutnant Sanftleben oder schrulliges SPD-Fossil August. Dennoch meine ich: Die  Kabarettbühne ist nur eine äußere Form.   Dem Inhalt nach ist Schramm ein messerscharfer Analytiker unserer Zeitläufte. Dabei kommt dem Mann zugute vor seiner Bühnenkarriere zwölf Jahre lang als Psychologe gearbeitet zu haben.   Rhetorisch kommt ohnehin kaum einer an ihn heran. An Ernsthaftigkeit ist nur Dieter Hildebrandt ebenbürtig.
[…] Um Schramm in einen angemessenen Kontext zu setzen, muss man ihn mit Größen anderer Sparten vergleichen.
In der Kombination von Integrität und “heiligem Zorn” hat man wohl an Herbert Wehner zu denken. […]  In seiner rhetorischen Präzision muß Schramm nicht den Vergleich mit Sebastian Haffner scheuen, einen der wortgewaltigsten und integersten politischen Kommentatoren, die Deutschland je hervorgebracht hat. […]
Auch Schramm ist zuwider, wie kraftlos Politik heute ist. Er demonstriert auf der Bühne das Gegenteil. Er formuliert präzise, mutet dem Zuhörer komplexe Schachtelsätze zu in denen er nie den Faden verliert, wird laut, haut mit der Faust nicht nur symbolisch auf den Tisch, poltert, und schreit, bisweilen schwitzend bis zur Erschöpfung seine Anklagen ins Publikum. […]

Gegen so einen werden Springers Internet-Epigonen für’s Grobe aktiv; in diesem Fall war es „Achgut“-Autor Gideon Böss, der für die WELT den Blog „Böss in Berlin“ verfasst.

Als Schramm mit dem Erich-Fromm-Preis geehrt wurde, troff sofort eine Suada aus dem Böss’schen Sudel-Stift. 
Schramm verwechsele sich mit einem Laienprediger und sei schon mal gar nicht komisch. 
Das könne nur saturierten Beamten gefallen, die vom Neid auf die Reichen zerfressen wären. Genau diesen primitiven Impetus bediene sich Schramm.

Der deutsche Humor ist besser organisiert als die meisten Armeen der Welt. Ehrgeiz, Disziplin und Durchhaltevermögen zeichnen ihn aus, wenn er im kalten Februar durch die Innenstädte Süddeutschlands paradiert. Die Uniformdichte liegt dabei nicht wesentlich unter der einer nordkoreanischen Militärparade, das Humorniveau ebenfalls. Wer wann und wie lange lacht, entscheiden das Protokoll und die Hierarchie. Muss ja alles seine Ordnung haben.
Neben diesen winterlichen Aufmärschen gibt es aber noch eine andere Sphäre, in der deutscher Humor sich von seiner ehrlichsten Seite zeigt: im Kabarett. Das große Missverständnis mit dieser Kunstform liegt darin, dass sie eben nicht die Fortsetzung der sonntäglichen Kirchenpredigt mit den gleichen Mitteln sein soll! Weil die meisten Kabarettisten ihren Beruf aber tatsächlich mit dem eines protestantischen Wanderpredigers verwechseln und die Kleinkunstbühne als Laienkirche betrachten, hört man „von der Bühne“ herunter zumeist wütende Anklagen und selten eine gelungene Pointe.
[….] Schramm brüllt auf der Bühne, ist empört und verwünscht die Mächtigen, die Reichen und Erfolgreichen. Das alles für ein verbeamtetes Publikum aus Lehrern, das sich für die Sicherheit einer enorm privilegierten Arbeitsstelle um die Chance gebracht hat, vielleicht selbst einmal richtig mächtig, reich und erfolgreich zu werden (aber auch um das Risiko, dabei pleite zu gehen). Es ist eine Symbiose: Die Lehrer sind die treusten Fans der Kabarettisten und die Kabarettisten schimpfen im Gegenzug über all das, was die Lehrerzimmer der Nation ärgert. Über Dieter Bohlen, die FDP und Josef Ackermann.

So einfach ist das in der Welt der ACH-gut-Schreiberlinge:

Wer den heiligen Kapitalismus kritisiert, ist einfach nur zu faul selbst reich zu werden und ergeht sich nun im Neid. 
Die linken Luschen machen es sich unter der Decke der staatlichen Wohltaten breit und wagen es dann noch über die Leistungseliten zu schimpfen, die ihnen ihr Lotterleben finanzieren!

Das politische Kabarett ist ja nicht das Sprachrohr des „kleinen Mannes“, sondern des „neidischen Staatsbeamten“. Die Georg Schramms, Hagen Rethers und Urban Pirols des Landes bedienen eine Empörungsnische, die großzügig subventioniert und auf die Weltsicht derer zugeschnitten ist, die sozialer Sicherheit den Vorzug vor persönlichem Risiko geben. Kein Wunder, dass solche Leute allen misstrauen, die sich für das Risiko und gegen die Sicherheit entscheiden. Unverzeihlich wird es aber erst, wenn die Risiko-Geher auch noch Erfolg haben und womöglich reicher werden als der gesamte Lehrer-Freundeskreis zusammen, mit dem man dann über die Auswüchse des Kapitalismus neidjammert, ehe am Abend „Neues aus der Anstalt“ etwas Trost spendet.

Mensch Böss, endlich habe ich es erkannt.

Auch ich habe FDP, Ackermann und Rösler nur kritisiert, weil ich insgeheim neidisch auf ihren Erfolg bin. Genau.

Der junge Islamophobe mag die einfachen Antworten und zieht deswegen sarkastisch seine Vorurteile durch deklinierend über die seiner Ansicht nach schlichten linken Gutmenschen her. 

Beispiel:

Auf die Frage, was für gesellschaftliche Hürden es sind, die es Kindern mit zumeist arabischen oder türkischen Migrationshintergrund so schwer machen, in der Schule Erfolg zu haben, passt eigentlich immer eine der folgenden Antwortmöglichkeiten: Rassismus, Ausländerfeindlichkeit oder (seit 2010 im Angebot) Thilo Sarrazin.    Deswegen kam auch keiner der ausstudierten Pädagogen auf die ganz abwegige Idee, zum Beispiel einmal die Familienstrukturen derer zu untersuchen, die in der Schule scheitern. Vielleicht könnte man da einen Teil der Antwort finden. Familien von schulversagenden Migrantenkindern sind aber in der pädagogischen Schubladenwelt fest eingeplant als Menschen, die es „vom System“ schwer gemacht bekommen und immer wieder auf Ablehnung stoßen.

Natürlich wirft sich Böss auf die Seite Sarrazins und mokiert sich über die seiner Ansicht nach in billigen Schablonen denkenden „Linken“, die nicht als applaudierende Sarrazin-Staffage dastehen wollten, als er sich vom ZDF-Kameratross umringt durch Kreuzberg schieben ließ.

Es ist eine billige Provokation, die da abgelaufen ist. Man könnte auch einen Juden durch eine national befreite Zone schicken oder einen Fan von Schalke 04 in den Block des BVB setzen. Überall wäre der Skandal vorprogrammiert. So auch in Kreuzberg.
Es ist bekannt, dass Kreuzberg weltoffen, fröhlich und kreativ ist, aber alles hat natürlich seine Grenzen. Die Kreuzberger Toleranz zum Beispiel deckt folgende Problemfälle nicht ab:  Atomkraft-Befürworter, S21-Unterstützer, Juden, Sarrazin, BILD-Leser, Banker, FDP-Mitglieder, CDU-Mitglieder, ausländische Touristen, Porsche-Fahrer, McDonalds, Aktienbesitzer und Schwule.
Außerdem ist nicht willkommen, wer kein Antikapitalist und kein Antiimperialist ist, wer im Kolonialismus nicht den Hauptgrund für die Probleme Afrikas sieht und den Westen nicht an und für sich schlecht findet. George Bush ist (weiterhin) das Böse, der Papst ebenfalls, dafür Ahmadinedschad aber nicht, weil das rassistisch und islamophob wäre und Rassisten und Islamophobe in Kreuzberg nix verloren haben. Die DDR war kein Unrechtsstaat, die Amis sind am 11. September selbst schuld (auch wegen Südamerika, Pinochet und so, die ganze Außenpolitik halt) und außerdem, wer hat die Taliban denn früher unterstützt? Kriege führt man immer ums Öl, sogar auf dem Balkan, wo es keines gibt. Polizeieinsätze sind Faschismus, der menschgemachte Klimawandel ein Fakt und wer „Deutschland schafft sich ab“ gelesen hat, ein Nazi. Noch schlimmer als lesende Nazis sind aber schreibende Nazis. Und da schließt sich der Kreis, denn Sarrazin hat dieses Buch ja geschrieben und nun wurde er also nach Kreuzberg geschickt, wo der fröhliche Antifaschismus gar nicht anders konnte, als daraufhin Leute zu bedrohen, die mit dem populärsten SPD-Mitglied diskutieren wollten.

Der WELT-Epigone konnte sich bereits in die Herzen der Braunen von „PI“ schreiben.

Vieles ist schon geschrieben worden über Sarrazins Kreuzberg-Besuch. Der Beitrag von Gideon Böss, der sich in seinem Blog mit der Toleranz der Kreuzberger beschäftigt, gefiel uns mit am besten.
(PI Juli 2011)

Freitag, 4. Mai 2012

Omnibus hat gesagt….



Als ich vor ein paar Tagen den rätselerregenden Urnenpöbel ob seiner rasant ansteigenden FDP-Begeisterung zur Impudenz des Monats April erklärte, war ich ernsthaft baff über die demoskopischen Pegelstände aus Schleswig-Holstein und NRW.

Im Kommentarbereich holte ich mir daraufhin zu Recht folgenden Rüffel:

„Schau Dir bloß mal die Medien Kampagne zu Gunsten der FDP an. Dann wird schnell klar, warum diese Bande wieder hoch kommt. In den Medien sind die präsent, als ob sie 30% oder mehr hätten ….“

In der Tat. Die FDP ist omnipräsent. 
Ganz so, als ob es sich dabei um eine ungeheuer bedeutende Partei handelte.

Offensichtlich hatte ich diese Informationen aber immer in der Schublade „Totenglöcklein“ abgelegt und dachte jeder weitere Artikel über die Eskapaden Röslers sei ein zusätzlicher Sargnagel der Hepatitisgelben.

Diesbezüglich muß ich mich aber korrigieren. 
Offenbar war da der Wunsch der Vater des Gedankens.
Ich glaube zwar immer noch, daß meine Analyse der Auswirkungen der FDP-Politik richtig ist. Ich glaube immer noch, daß eine überwältigende Mehrheit (90%?) der Wähler erkannt hat, daß die FDP Politik gegen ihre Interessen macht.

Es war aber falsch anzunehmen, daß die kleine Minderheit derjenigen, die von den FDP-Geschenken profitieren sich nicht gegen den Untergang ihrer Lobbygruppe im Parlament stemmen würde. 
Die Profiteure der FDP-Politik -  also Hotelbesitzer, Pharmaindustrie, Finanzjongleure, Apotheker, Klinikbetreiber, Versicherungskonzerne,.. - sind zwar insgesamt sehr wenige, aber dafür sind sie umso mächtiger.

Die FDP ins Bewußtsein der Wähler zu rücken, geschieht mehr oder weniger subtil.
 Beispielsweise erschienen heute in sehr vielen Zeitungen afp-Meldungen über die neuesten Umfragewerte.

Das klingt beispielsweise so:

„Gut eine Woche vor der Nordrhein-Westfalen-Wahl erzielt die NRW-FDP die höchsten Umfragewerte seit Monaten. Das ist das übereinstimmende Ergebnis der jüngsten Umfragen von Infratest dimap für die ARD und der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF. Beiden Umfragen zufolge würde die FDP mit nunmehr sechs Prozent wieder in den Düsseldorfer Landtag einziehen. Noch im März hatten Meinungsforscher den Liberalen lediglich zwei Prozent vorausgesagt. [….] “

Aufgezogen werden die Zahlen also anhand der FDP.
 Illustriert wird die Meldung mit einem einzigen Bild - nämlich mit dem zackig in sein cooles, gelb gefüttertes Sacco schlüpfenden Christian Linder!

Die vier Parteien, die alle sehr viel bessere Zahlen als die FDP haben, nämlich SPD, CDU, Grüne und Piraten werden erst später erwähnt. 
Ihre Spitzenkandidaten werden nicht abgebildet.

Noch krasser geht die BILD vor, die angeblich 13 Millionen Leser erreicht. 
Jubelartikel mit vielen Strahlemann-Bildern aller FDP’ler erscheinen:

Liberale schöpfen vor den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein am Wochenende Hoffnung • Auch in NRW steigen die Werte • Rösler erlebt blaues Wunder /  Es könnte DAS Polit-Comeback des Frühlings werden! / Kurz vor den wichtigen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und NRW kommt die gebeutelte FDP langsam wieder auf Touren. /  FDP-Hoffnungsträger: Christian Lindner und Wolfgang Kubicki.  / Im Norden werden den Liberalen um Spitzenmann Wolfgang Kubicki am Sonntag bis zu 7% vorhergesagt.  / Parteifreund Christian Lindner kann eine Woche später im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland NRW nach neuesten Umfragen (ARD und ZDF) auf 6% hoffen.  / Der Wahlkampf gibt offenbar Extra-Power! / ERLEBT DIE FDP JETZT IHR GELBES WUNDER?  / HOFFNUNGSTRÄGER KUBICKI.   Der Ober-Macho der Liberalen (Markenzeichen: Dreitage-Bart) hat in den vergangenen Wochen einen rasanten Spurt hingelegt und das Wahlvolk begeistert.  /  "Kubicki zieht total", heißt es bei der Forschungsgruppe Wahlen.  /  "Kubicki macht einen Wahlkampf, wie es besser kaum geht", urteilt Meinungsforscher Schöppner.   Hinzu kommt: Kubicki hat eine Machtoption, will in eine Jamaika-Koalition mit CDU und Grünen. "Das ist ein geschickter Schachzug", meint Schöppner.  / Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) ist laut ARD-Deutschlandtrend beliebter geworden
 (Jan W. Schäfer 04.05.2012)

Hinzu kommen extrem teure Werbekampagnen der Partei, wie zum Beispiel der Brüderle-Brief, dessen Finanzierung zwar vielen illegal erscheint - aber die PR ist in der Welt.

Ein zweiseitiger Brief, dazu ein farbiger Flyer, in dem über das Ziel des Schuldenabbaus der schwarz-gelben Koalition informiert wird: Das Werbeschreiben des FDP-Bundestagsfraktionschefs Rainer Brüderle, das Tausende Bürger in der gesamten Republik in diesen Tagen erhalten haben, beschäftigt nun die Verwaltung von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).  Auf Anfrage hieß es dazu am Donnerstag, in der Angelegenheit werde "derzeit eine Sachverhaltsklärung durchgeführt". [….] Der Brief Brüderles, der mit dem letzten FDP-Bundesparteitag vor zwei Wochen in Karlsruhe an Tausende Haushalte verschickt wurde, sorgt vor allem in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen für Aufregung.  […] Die Grünen in Nordrhein-Westfalen hatten bereits kurz nach Bekanntwerden der Briefe Brüderles den Verfassungsrechtler und Parteienkritiker Martin Morlok von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf gebeten, sich der Sache anzunehmen. In dessen Expertise heißt es: "Für das hier begutachtete Einzelbeispiel, ist aber aus mehreren Gründen ein klares Urteil der Unzulässigkeit zu fällen."

Neuestes Beispiel ist ein ebenfalls mumasslich illegal von der Bundestagsfraktion bezahlter Werbespott, „dessen Informationsgehalt gegen Null tendiert.“

 Legal, illegal, scheißegal - das alte Motto der FDP gilt immer noch.

Betreibt die FDP Wahlkampf mit unfairen Mitteln? Ziemlich dreist erscheint jedenfalls ein Image-Spot der liberalen Bundestagsfraktion, der jetzt in NRW-Kinos zu sehen ist. Das rieche nach illegaler Wahlwerbung, finden die Grünen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die FDP-Bundestagsfraktion in diesem Wahlkampf unangenehm auffällt.
Fünf Uhr morgens, irgendwo in Deutschland. Hügellandschaft, links ein Strommast, rechts im Bild schimmert ein Fluss in der aufsteigenden Morgenröte. So beginnt ein Spot der FDP-Bundestagsfraktion, der derzeit Kinogänger unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Schleswig Holstein für die liberale Sache begeistern soll. Fröhliche Musik, glückliche Menschen - und immer wieder Schlagworte, blaue Schrift auf liberal-gelbem Grund: "Ideen", "Neugier", "Chancen". Dazu ist eine Sängerin im Gute-Laune-Dur zu hören: "Smile can make you feel OK!"
 An sich ein harmloses Image-Filmchen, das keiner weiteren Beachtung bedürfte - wenn nicht in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein gerade der Wahlkampf toben würde. Für Wahlwerbung nämlich dürfen die Fraktionen im Bundestag ihr vom Steuerzahler zur Verfügung gestelltes Geld nicht einsetzen. So will es das Parteiengesetz. Sie sind sogar gehalten, den Anschein zu vermeiden, aktiv in Wahlkämpfe einzugreifen. 

Die Nachdenkseiten sprechen von „Doping für die FDP“

Sollte die FDP den Einzug in die beiden Landtage schaffen, so hat sie dies nicht ihrer Politik, sondern einzig und allein der wohlwollenden Unterstützung der Medien zu verdanken. […]  Was ist in den letzten beiden Monaten geschehen, das die tot gesagte FDP wiederbelebt haben könnte? […]   Es gibt keinen erkennbaren politischen Grund, womit die FDP den Verlust in der Wählergunst wieder hätte auffangen können.  […]  Lindner hat außer seiner überraschenden Flucht als Generalsekretär nichts Neues aus der FDP zu bieten, als dass er die Holzköpfe der Düsseldorfer Landtagsfraktion verdeckt, die sich bei der zur Neuwahl führenden Abstimmung über den Haushalt böse verzockt hatten. Auf der FDP-Landesliste ist kaum ein neues Gesicht erkennbar.  […]  Es ist eine für jedermann beobachtbare Tatsache ist, dass vor allem die Person Christian Lindner eine massive mediale Unterstützung erfährt:   […]  Anfang April fanden an einem Wochenende die Landesparteitage von SPD, FDP und der Linken statt. Ich habe sonntagabends mal auf google-News geschaut: Es gab über die damals zur Splitterpartei abgesackte FDP 395 Nachrichtenartikel im Angebot. Selbst über den Landesparteitag der Regierungspartei SPD gab es nur 280 Hinweise und für die Linke fand ich gerade einmal 26 Artikel. Ich habe mir an diesem Wochenende auch die Fernsehnachrichten angeschaut: In nahezu jeder Sendung erschien Lindner mit einem Redeausschnitt oder einem Interview.  So trommelt etwa der „überparteiliche“ Kölner Stadt-Anzeiger für die FDP. Unter der Überschrift „Lindner hat Kraft“ druckt das Blatt aus dem Hause Neven DuMont im redaktionellen Teil einen Wahlaufruf der prominenten Alt-FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel und Gerhart Baum in einem umfänglichen Zweispalter ab. […] n-tv machte am Wochenende in einer dreiviertelseitigen Anzeige mit Lindner in Boxer-Haltung und unter der Überschrift „Mission Impossible“ Reklame für seine Nachrichtensendung.  […]   Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. […]   Dass die aufgrund von Spendenskandalen und den Sanktionszahlungen finanziell klamme NRW-FDP nicht nur mediale Unterstützung sondern auch massive finanzielle Patronage genießt, springt einem schon ins Auge, wenn man durch nordrhein-westfälische Städte und Gemeinden fährt. An jedem Laternenpfahl blickt einem Christian Lindner entgegen.

Wie schön für die sieche FDP, daß sie so viele reiche und mächtige Freunde hat, die ihnen eine solche Megawerbekampagne bescheren.

Und noch schöner für die sieche FDP, daß es genügend Wähler gibt, die sich von diesem inhaltsfreien gelben Werbeseifenblasen beindrucken lassen und wie von den Initiatoren gewünscht abstimmen wollen.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Schreiben was man will.



Für alles gibt es heutzutage rankings. 

Das ist wichtig, denn niemand ist mit einem absoluten Maß zufrieden. Man will nicht genug verdienen, sondern hauptsächlich kommt es darauf an mehr als der Nachbar zu haben.
Erst in der Relation, also dem wohligen Wissen anderen überlegen zu sein, fühlen wir uns wohl.

Das Maß der Pressefreiheit bewertet die 1941 in NY gegründete Freedom-House-Stiftung.

Gerade gab es das jährliche Ranking - mit wenig erfreulichen Ergebnissen.

Out of the 195 countries and territories examined, 74 (38 percent) were rated Free, while 58 (30 percent) were rated Partly Free, and 63 (32 percent) were rated Not Free.
In terms of population, 18 percent of the world’s inhabitants live in countries that enjoy a Free press, while 39 percent have a Partly Free press and 43 percent have a Not Free press.
[…]  There is a complex series of reasons for the decline of global press freedom, some of which derive from broad political trends, while others are specific to the media environment:
1. Pushback against Democracy: A growing drive to neutralize or eliminate all potential sources of political opposition has materialized in a number of crucial countries, with the press as a principal target.
2. Political Upheaval: Coups and states of emergency brought on by political unrest or civil war have taken place in a growing number of formerly democratic settings, especially in Asia, with a damaging impact on press freedom.
3. Violence Targeting Journalists: The tragic murder of crusading Russian journalist Anna Politkovskaya is but one of the latest examples of what has become a disturbing global trend. The killing and physical harassment of reporters is a particular problem in Latin America, where Mexico has recently replaced Colombia as the most dangerous environment, as well as in South and Southeast Asia, Russia, and Iraq.
4. Legislation Prohibiting Blasphemy, Hate Speech, Insult, and “Endangering National Security”: Governments have increasingly resorted to legal action in efforts to punish the press for critical reports on the political leadership, as well as for “inciting hatred,” commenting on sensitive topics such as religion or ethnicity, or “endangering national security.”

Für Deutschland dürfen sich die Politiker zurücklehnen; wir gelten als “free.” 

Sieht man genauer hin, könnte es allerdings auch besser sein.
Zwischen Förde und Freiburg ist die Presse nicht so frei wie in den 15 vor Deutschland platzierten Staaten:

Finland, Norway, Sweden, Belgium, Denmark, Luxembourg, Netherlands, Switzerland, Andorra, Iceland, Liechtenstein, St. Lucia, Ireland, Monaco, Palau.

Deutschland folgt gemeinsam mit Marshall Islands, New Zealand, Portugal, San Marino, St. Vincent and Grenadines auf Platz 16.

(Österreich Platz 31!  USA 22, Frankreich 43 und Italien konnte sich nach Berlusconi auf Platz 70 vorarbeiten. Wo ist denn der Vatikan?)

Um mal vor der eigenen Haustür zu Kehren:

Was in Deutschland nicht optimal läuft, haben wir gerade erst gestern in Sachsen gesehen.

Außerdem ist der Einfluß der Bundes- und Länderregierungen auf die Fernseh- und Radiosender evident.

Wenn der CDU ein kritischer ZDF-Redakteur wie Nikolaus Brender nicht passt, wird er eben abgesetzt
Merkel will nicht, daß ihre Regierung unter der vollen Pressefreiheit zu leiden hat. 
Und so ist es nur konsequent, daß sie sich aus dem regierungstreuen ZDF ihren Regierungssprecher Seibert rekrutiert und eben diesem Mann, der als offizielles und bezahltes Sprachrohr der CDU-Chefin arbeitet auch die Rückkehr in seinen Heute-Journal-Moderatoren-Job garantiert wurde.

Der Bayerische Staatssender „BR“ ist so treu auf Unionslinie, daß ohne jegliches Schamgefühl Merkels vorheriger Sprecher, Ulrich Wilhelm, als Intendant installiert wurde.

Pressefreiheit?

Die genannten Personalien wurden zwar tatsächlich alle durchgesetzt, aber wenigstens gab es auch öffentliche Kritik. 
Kritik, die allerdings eher die Vokabel „Geschmäckle“ statt „Skandal“ strapazierte.

 Ich frage mich aber, ob Freedomhouse in seine Untersuchungen auch die selbstgewählte Presseunmündigkeit einbezog.

Zu viele echte Skandale werden jahrelang mit Samthandschuhen angefasst - man denke nur an die kirchlichen Kinderficker, die hartnäckig über Dekaden ignoriert wurden, weil sich niemand traute den Zorn der christlichen Glaubenswächter zu erregen.

Und wieso müssen hochproblematische Gestalten wie Mixa, Laun oder Overbeck, die öffentlich Hass verbreiten, in mittelalterlicher Unterwürfigkeit mit „Exzellenz“ und „Hochwürden“ angesprochen werden, wenn sie auf Anne Wills Sofa sitzen?

Und was ist mit all skandalösen Vorkommnissen, die wenig bis gar nicht in der Presse vorkommen?

Und was ist, wenn alle Zeitungen auf einmal das Gleiche schreiben, wie 2002/2003, als es absoluter Konsens war, daß nur die neoliberale Wirtschaftspolitik etwas tauge und Rot/Grün möglichst schnell durch die dynamische Reformerin Angela Merkel mit ihrem hoch-qualifizierten Turbo Guido Westerwelle abgelöst werden müsse?

Gegen Presse-Einheitsbrei wird eigentümlicher Weise dann protestiert, wenn es sich um mächtige Einzelpersonen handelt, die wie Grass („wir erleben eine Gleichschaltung der Presse“) oder Wulff („stehe in Stahlgewittern“) nicht ohne Grund eine geballte Ablehnungsfront erfahren.

Bei vielen anderen mehr oder weniger harmlosen Themen gibt es tatsächlich eine freiwillige Gleichschaltung der Presse.

So sind heiße Temperaturen und sommerliches Wetter IMMER und AUSSCHLIESSLICH ein Grund zum Jubeln. 
Daß es Millionen Pollenallergiker gibt, die schwer leiden, daß in Hitzeperioden Tausende in Altersheimen buchstäblich vertrocknen und daß die kardiologischen Abteilungen der Kliniken mit Massenansturm fertig werden müssen, stört niemanden.

Ebenso sind Sportereignisse, wie Olympiaden oder Fußball immer „ein Fest“ auf das wir uns alle freuen müssten.
Was ist mit all den Menschen, die Fußball für proletig und primitiv halten und sich die Pest über die Milliarden für die Übertragungsrechte ärgern?

Aktuelles Beispiel ist der 100. Geburtstag Axel Springers, der in allen Zeitungen rauf und runter dekliniert wird. 
Ein großer Mann, ein Visionär sei das gewesen. 
Außerdem ein Versöhner, der so nett zu Amerika und Israel gewesen wäre.

Pflichtschuldig wird zwar erwähnt, daß die BILD nicht wirklich für Qualität und Anstand stünde, aber darüber habe sich Axel Springer auch selbst geärgert.

Wer sich kritisch über den verstorbenen Ehemann der supermächtigen und superreichen Friede Springer äußert, wird aussortiert.

Das erlebte soeben die Journalisten-Ikone Wolf Schneider, 86, der einer der wenigen Verbliebenen ist, der konsequent auf Sprache und Stil achtet.
 Man könnte ihn als anerkanntesten Journalisten-Ausbilder zu Springer befragen. 
Man könnte ihn aber auch als ehemaligen Chefredakteur der Springer’schen „WELT“ interviewen. 
Man tat das auch. 

Aber die Antworten gefielen nicht.

Erst schnitt man ihn teils raus aus einer Arte-Dokumentation, sagt er, dann hakte es am Mittwoch beim Telefon-Interview mit Bayern2 (Radiowelt). Schneider kritisierte, Springer habe zwar Abwehr gegen Totalitarismus gepredigt, jedoch die Diktaturen von Franco (Spanien), Salazar (Portugal), Pinochet (Chile) und die der griechischen Obristen goutiert. Als Chefredakteur von Springers Welt sei er nach 13 Monaten 'gekegelt' worden, nachdem Kritisches über Franco und Pinochet erschien. 'Kurios' sei, dass Springers Diktaturenliebe nirgends vorkomme, woraufhin die Moderatorin durchatmete, stammelte und ein mutiges 'Das sagen Sie!' entgegen schleuderte.

Nein, Kritisches zu Axel C. Springer wird nicht in gesendet.