Sich über das Leid anderer Menschen, die Trauer um
Angehörige zu freuen, ist immer falsch und amoralisch. Ob dahinter persönlicher
Sadismus steht oder ein akutes biblisches Rachebedürfnis („Auge um Auge, Zahn
um Zahn“) befriedigt wird, ist irrelevant.
Man erquickt sich nicht am Schmerz Dritter!
Es gibt aber auch keinen moralischen Weg, immer darauf zu
verzichten, Unschuldigen Schmerz zuzufügen, weil der zivilisierte Mensch nun
einmal eine abartige Bestie ist, die so apokalyptisches Leid verursacht, daß
andere Menschen auch Leid erzeugen müssen, um noch mehr Leid zu verhindern.
Ja, die Alliierten mussten im Zweiten Weltkrieg deutsche
Städte bombardieren und Myriaden unschuldige Zivilisten massakrieren, weil
diese Deutschen einen Vernichtungs-Weltkrieg führten und ihre Planung, elf
Millionen europäische Juden umzubringen, schon halb umgesetzt hatten.
Wenn wir aber von achtstelligen Opferzahlen sprechen, kann
es keine Moral mehr geben, weil Einzelfallgerechtigkeit ausgeschlossen ist.
Natürlich starben bei den alliierten Luftangriffen auf Berlin oder Hamburg auch
Widerstandskämpfer und versteckte Juden. Trotzdem war das Agieren der „Siegermächte“
zweifellos richtig, auch wenn es manche dumpfdeutsche Dresdner acht Dekaden
später immer noch nicht wahrhaben möchten.
Der Sieg über Deutschland war eine Befreiung, das Kriegsende
ein Grund zum Jubeln. Es kann aber nie einen Grund zur (deutschen)
Schadenfreude geben, keine moralische Rechtfertigung für Begeisterung über das
Leid anderer.
Es gibt keine Rechtfertigung, um nach der Ermordung von
3.000 US-Amerikanern am 11.09.2001 anderthalb Jahre später eine Millionen
Iraker und Syrer zu töten, die nichts damit zu tun hatten. Die Attentäter waren
fast alle Saudis und wurden in Afghanistan ausgebildet. Die frommste
US-Regierung aller Zeiten, das täglich gemeinsam betende GWB-Kabinett, kannte
aber nur Rache und keine Moral.
Rache zu nehmen, scheint ein weit verbreitetes
menschliches Bedürfnis zu sein. Viele Opfer nehmen es mit grimmiger Befriedigung
auf, wenn ihrem Peiniger etwas „heimgezahlt“ wird. Das ist der Stoff unzähliger
Romane und Filme:
X leidet, weil Y seinen Sohn/Frau/Hund getötet hat und kommt erst wieder zur Ruhe,
wenn er Sohn/Frau/Hund von Y getötet hat.
Schließlich will es Gott/Jahwe/Allah so.
[….] "Wenn Männer
miteinander raufen und eine schwangere Frau stoßen, so dass ihre Leibesfrucht
abgeht, es aber kein tödlicher Unfall ist, wird eine Zahlung auferlegt in der
Höhe, die der Ehemann ihm auferlegt, und er bezahlt vor Zeugen. Wenn es ein
tödlicher Unfall ist, gibst du Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn,
Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Striemen
für Striemen." [….]
(Ex 21,22-25; vgl. Lev 24,20
und Dtn 19,21)
Da zeigt sich aber nur, daß es sich bei abrahamitischen
Religionen um eine heute zutiefst untaugliche Sammlung archaischer Regeln einer
primitiven Hirtenkultur handelt.
Schon der misogyne Antisemit Mahatma Ghandi erkannte "Auge
um Auge lässt die Welt erblinden".
Ja, Krieg und Grausamkeiten, das Töten Unschuldiger kann
auch heute noch perverse Notwendigkeit sein, um noch Schlimmeres zu verhindern.
Stichwort Rettung der Jesiden.
Aber niemand bleibt dabei unschuldig. Niemand hat das
moralische Recht, sich über das vergossene Blut der anderen, die Tränen der
Angehörigen, zu amüsieren, den Tod zu feiern.
Wer im Krieg moralisiert, kommt in Teufels Küche.
Jo'aw Galant, 64, Likud-Mann, ehemaliger Generalmajor der
israelischen Armee und Kommandeur des Südkommandos und israelischer
Verteidigungsminister, wird eines Tages erklären müssen, wieso er überhaupt
alle Panzer und Truppen von der Grenze zum Gaza-Streifen abzog, um sie in die
Westbank zu schicken, so daß niemand von der Armee da war, der sich der Hamas
entgegen stellte, als die palästinensischen Mordkommandos loszogen und über
Tausend Israelis massakrierten.
Bis es soweit ist, spuckt er martialische Töne - „Wir
kämpfen gegen Bestien“ - und niemand wird ihm in Israel dabei widersprechen.
[….] Als Reaktion hat
Israel eine "totale Blockade" des Gazastreifens angekündigt. Es wird
keinen Strom, keine Lebensmittel und keinen Treibstoff geben", erklärte
der israelische Verteidigungsminister Jo'aw Galant. "Wir kämpfen gegen
menschliche Tiere und handeln entsprechend", fügt er hinzu. [….]
(T-Online.de, 09.10.2023)
Schon nach wenigen Tagen übersteigen die zivilen Opferzahlen
in Gaza mutmaßlich die Israels.
[…..] Over five days, Israeli warplanes have
pummelled Gaza with an intensity that its war-weary residents had never
experienced. The airstrikes have killed more than 1,100 people, according to
the Gaza Health Ministry. Officials have not said how many civilians are among
the dead, but aid workers warn that Israel’s decision to impose a “complete
siege” on the crowded enclave of 2.3 million people is spawning a humanitarian
catastrophe that touches nearly every one of them.
There is no clean water, and after the
territory’s only power plant ran out of fuel on Wednesday, electricity has
become a precious commodity, while the enclave sits in near-total darkness
during the night.
“This is an unprecedented scope of
destruction,” says Miriam Marmur, a spokesperson for Gisha, an Israeli human
rights group. “Israeli decisions to cut electricity, fuel, food and medicine
supplies severely compound the risks to Palestinians and threaten to greatly
increase the toll in human life.” […..]
(Guardian, 12.10.2023)
Wer jetzt noch Moral und Anstand sucht, wird scheitern.
Wer Tod gegen Tod aufrechnet, wird scheitern.
Wer Leid gegen Leid, Blutlache gegen Blutlache
aufrechnet, wird scheitern.
Die Naivität eines bekannten 80-Jährigen frommen katholischen
Bibelfreundes wirkt fast rührend.
[….] Es sei wirklich
wichtig, dass Israel trotz all des Ärgers und des Frusts nach den Regeln des
Krieges handele, so Biden in seiner Rede. „Und es gibt Regeln des Krieges“,
fügte er hinzu. Biden hatte US-Medien zufolge den israelischen Premier bereits
in Gesprächen aufgefordert, die Zahl der zivilen Opfer in Gaza so gering wie
möglich zu halten und nach dem Völkerrecht zu handeln. In einer Rede am
Dienstag sagte Biden mit Blick auf Netanjahu: „Wir haben auch darüber
gesprochen, dass Demokratien wie Israel und die Vereinigten Staaten stärker und
sicherer sind, wenn wir nach rechtsstaatlichen Grundsätzen handeln.“
Biden sprach vor führenden
Vertreterinnen und Vertretern jüdischer Gemeinden. Er richtete dabei auch eine
Warnung an den Iran: „Wir haben es den Iranern klar gemacht: Seid vorsichtig.“
Bei seiner Rede war der Demokrat sichtlich emotional. „Ich hätte nie gedacht,
dass ich einmal Bilder von Terroristen, die Kinder enthaupten, sehen ..bestätigt
bekommen würde“, sagte der US-Präsident weiter. „Es geht nicht um Rache, es
geht um Anstand, einfach nur um Anstand“, betonte er. [….]
(Tagesspiegel, 11.10.2023)
Ich glaube Biden, daß er wirklich emotional tief
betroffen ist. Aber der Drohnenkrieger, der als Vizepräsident schon tausende
Kollateral-Opfer bei illegalen Tötungsoperationen überall in der Welt
mitverantwortete, sollte wirklich davon ablassen, von „Anstand“ zu reden.
Es gibt keinen Anstand im Krieg, auch wenn er notwendig ist.
Es gibt nur unterschiedliche Maßstäbe und Schuld.
[….] "I have ordered a complete siege
on the Gaza Strip. There will be no electricity, no food, no fuel, everything
is closed. We are fighting human animals and we act accordingly." [….]
(Israeli Defense Minister
Yoav Gallant, 9. Okt. 2023)
[…..] Russia’s attacks against
civilian infrastructure, especially electricity, are war crimes. Cutting off
men, women, children of water, electricity and heating with winter coming -
these are acts of pure terror. And we have to call it as such. [….]
(EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, 19.10.2022)
Von der Leyens Worte sind umso erschreckender, als sie
lange Verteidigungsministerin war und daher wissen sollte, wie angreifbar sie
sich macht.
Von der Leyens Worte sind umso erschreckender, als sie
CDU-Mitglied ist, der Partei, die GWB laut zu seinem illegalen Angriffskrieg
auf den Irak applaudierte und sich gar nicht daran stört, daß ausgerechnet die
USA keine internationalen Gerichte anerkennen.
Selbstverständlich wittert nun jeder Doppelmoral, der mit
den Menschen im Gaza-Streifen sympathisiert.
[…..] If you simply swap
the word Russia with Israel, it is as accurate, if not more. And yet no leader
in the US or EU is willing to do exactly what @ursulavonderleyen is doing with
Russia, with Israel … , calling out an occupier for its war crimes and
terrorism and insisting we must call it as such.
@ursulavonderleyen how can
you declare so forcefully that Russia is committing war crimes and terror, but
Israel is not? Instead, you defend
Israel's right to terrorize and commit war crimes on an occupied and besieged
people? Why must we call it what it
is in Ukraine but not in Gaza? Asking for my friends, who
believe in Justice and dignity for all. This is dystopian and
dangerous hypocrisy, and while it isn’t new, it is no longer permissible to
ignore. […..]
(Ahmed Eledin, 11.10.2023)
Und nun, von der Leyen?
1.) Israel hat
das Recht sich zu verteidigen.
2.) Israel muss seine Bewohner schützen und
3.) Wer nicht
in Israel lebt, soll sich mit moralischen Bewertungen zurückhalten.
Dazu dreimal ein klares Ja.
Aber die EU, die NATO, die USA, der Westen, die in
markigen Worten mal völlig zu Recht Kriegstreiber verurteilen und in anderen
Fällen (GWB, Jemen) schweigend bis desinteressiert wegsehen, müssen sich nicht
wundern, wenn sie in großen Teilen der Welt nicht als moralische Autoritäten
ernst genommen werden und für ihre Doppelmoral angegriffen werden.
Die Palästinenser im Westjordanland, die täglich von Bibis
Siedlern angegriffen werden, haben lange den Glauben an die Gerechtigkeit des
Westens verloren. So berichtet beispielswiese Abadallah Oteh, der in einem
Vorort von Nablus ein Hotel betreibt, in das kein Gast mehr durchgelassen wird.
[…..] Vor zwei Jahren, sagt
er, hätten nämlich die Bewohner der neben seinem Resort liegenden israelischen
Siedlung Yitzhar begonnen, die Autos seiner Gäste zu zerstören oder zu
beschädigen.
Seit vier Jahren schon
greifen sie ihn immer wieder an, sagt er. Einmal haben sie demnach seine beiden
Lastwagen in Brand gesetzt. Das letzte Mal kamen sie an diesem Montag. Rund 40
Siedler und Soldaten seien den Hang hinter seinem Resort hinuntergekommen. Ein
Haus in der Nähe hätten sie in Brand gesetzt. Die Videos, die er von den
Übergriffen auf seinem Handy hat, zeigen israelische Soldaten. Sie begleiten
marodierende jüdische Siedler.
Diese Gewalt der Siedler,
Israels unterdrückerische Politik, das sagen die meisten hier, sei einer der
Gründe, weswegen die Hamas aus dem Gazastreifen angegriffen habe. Niemand
findet sich hier, der die Attacke verurteilen will. »Die Siedler hören nie auf,
niemand stoppt sie. Das sehen auch die Menschen in Gaza.« Oteh findet, die
internationale Gemeinschaft interessiere sich nur für tote Israelis. Tote
Palästinenser seien ihr egal. »Wir sind Menschen; sie sind Menschen. Wo liegt
also der Unterschied? Wenn die Hamas Zivilisten angreift, läuft die ganze Welt
Sturm. Aber wir werden seit vielen Jahren angegriffen. Das ist die
Doppelmoral.« […..]
(SPON, 12.10.2023)