Sonntag, 19. Februar 2023

Ukrainischer Braindrain

Eine der erstaunlichsten Zahlen zum Fachkräftemangel, der gerade die deutsche Wirtschaft abwürgt, lautet „2/3“.

Zwei Drittel der Pfleger, die gekündigt haben, mögen den Beruf und würden morgen wieder anfangen, wenn die Träger der Pflegeeinrichtungen – weitüberwiegend Kirchen – nicht so grauenvolle Arbeitsbedingungen böten.

Es ist ein Totalversagen der Arbeitgeber, die ihre Angestellten dazu treiben, in Scharen zu kündigen und damit ihr eigenes Geschäftsmodell abwürgen.

Man nagele mich auf keinen genauen Prozentsatz fest. Die Uni Bremen ermittelte 2021 ein Potential von 170.000 Pflegefachkräften, die wieder einsteigen könnten.  Die gewerkschaftsnahe HBS sieht noch wesentliche größere Zahlen.

[….] Mindestens 300.000 Vollzeit-Pflegekräfte stünden in Deutschland durch Rückkehr in den Beruf oder Aufstockung der Arbeitszeit zusätzlich zur Verfügung – sofern sich die Arbeitsbedingungen in der Pflege deutlich verbessern. Das ergibt die neue Studie „Ich pflege wieder, wenn…“. Die Untersuchung macht auf Basis einer großen bundesweiten Befragung mehrere Modellrechnungen auf und rechnet das Potenzial für alle aufstockungswilligen Teilzeit-Pflegefachkräfte sowie erstmals auch für Beschäftigte in der Pflege hoch, die ihrem Beruf in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben und sich eine Rückkehr vorstellen können. So ergibt sich ein rechnerisches Potenzial von 300.000 Pflegekräften in Vollzeit bei sehr vorsichtiger Kalkulation, in einem optimistischen Szenario sogar von bis zu 660.000 Vollzeitkräften. Mehr als 80 Prozent dieses Potenzials beruht auf der Rückkehr „ausgestiegener“ Fachkräfte. An der Online-Befragung haben im vergangenen Jahr rund 12.700 „ausgestiegene“ sowie in Teilzeit beschäftigte Pflegekräfte teilgenommen. Die Studie baut auf einer Bremer Pilotstudie auf und ist Ergebnis einer Kooperation der Arbeitnehmerkammer Bremen, der Arbeitskammer im Saarland und des Instituts Arbeit und Technik (IAT), Westfälische Hochschule in Gelsenkirchen. […]

(Hans Böckler Stiftung, 22.05.2022)

Wenn Friseure, Restaurantchefs oder Logistiker nur so mickrige Löhne bieten, daß selbst für Doppelverdiener keine Wohnungsmiete in der Stadt zu bezahlen ist, muss man von Ausbeutung sprechen. Insbesondere, wenn der Job auch noch so anstrengend ist, daß die Angestellten in Burnout und Verzweiflung getrieben werden. Man darf das nicht über einen Kamm scheren; sicher gibt es auch Betriebe mit kleinen Gewinnmargen, die sich keine Vervielfachung der Lohnkosten leisten können. Aber wenn man die explodierende Gewinne der Großunternehmen betrachtet und die reichsten 10% der Bevölkerung so schnell noch reicher werden, gibt es offensichtlich durchaus die Möglichkeit, seine Mitarbeiter besser zu behandeln.

Die Robert Lindner GmbH („Butter Lindner“) existiert seit 70 Jahren, beschäftigt 800 Mitarbeiter, betreibt 38 Filialen in Hamburg und Berlin an den exklusivsten Lagen. Angela Merkel ist Stammkundin. Lindner ist irrsinnig teuer, aber auch extrem gut. Zum Glück bin ich Single und muss nicht für mehrere Leute einkaufen; also konnte ich ab und zu dort einkehren. Bis Ende 2021 die für mich nächste Filiale zu meinem größten Bedauern für immer schloss. Aus Personalmangel. Selbstverständlich kenne ich die Geschäftszahlen nicht, aber ich habe 22 Jahre beobachtet, daß immer Kunden im Laden waren und abends alles ausverkauft war. Ich spekuliere also, wenn ich sehr skeptisch bin, daß es so einem Unternehmen nicht möglich sein soll, ihren Verkäufern so ein Gehalt zu zahlen, daß sich jemand für den Job finden lässt.

Arbeitskräfte total auszubeuten, mag aus Sicht einiger Arbeitgeber, ein wunderbares Geschäftsmodell sein, um möglichst viel Reibach zu machen. So kann man Milliardengewinne an die Shareholder ausschütten. Den von den Angestellten erwirtschafteten Mehrwert, bekommen also diejenigen, die nicht arbeiten, sondern einfach nur besitzen. Aber das funktioniert nur, so lange es Arbeitsplatzmangel gibt. Plus ein paar Jahre, die es dauert, bis die unterbezahlten Arbeiter bemerken, wie wertvoll sie geworden sind. Wenn sich dieser Erkenntnisprozess, beispielsweise durch eine Pandemie, beschleunigt, stellen die bisher von ihren Chefs angebrüllten Kellner fest, daß sie auch einen viel ruhigeren Job zu viel zivileren Zeiten mit netterem Umgangston und mehr Gehalt bekommen.

Oder zuvor wie Dreck behandelte Angestellte bleiben in ihrer Branche, lassen sich aber, beispielsweise als Freelancer oder über Zeitarbeit, erheblich besser bezahlen.

Die Krankenhausträger – Kirchen und Multimilliardäre wie Asklepios-Betreiber Bernd Broermann – sind sehr schlechte Unternehmer.

Sie tricksen arglistig, um die gesetzlichen Vorgaben zur Mindestbezahlung zu unterbieten.

(….) Der Konzern drückt seinen Pflegern den Hals sogar noch mehr zu, indem er den ohnehin schon völlig überlasteten Pflegern nun auch noch die Krankentransporte innerhalb der riesigen Kliniken aufbürdet.

[….] Die Pflege-Profis bei Asklepios sind in Sorge: Ab Januar sollen die Patiententransporte von Station zu Station nicht mehr von Hilfskräften aus den Dienstleistungsgesellschaften ausgeführt werden, sondern von qualifizierten Pflegeassistenten oder Pflegehelfern. Examinierte Krankenpfleger befürchten, dass die Transporte angesichts des Personalnotstands am Ende auf sie zurückfallen – zu Lasten der Patienten. „Wir wissen nicht, wie das noch zu schaffen sein soll“, erklärt Claudia Nest, Pflegekraft mit mehrjähriger Erfahrung in Notaufnahmen.. „Wie sollen wir dann die Leute noch auf die Stationen transportieren? Oder zu speziellen Untersuchungen?“ [….]

(Mopo, 01.01.2023)

Wie kann auf seine irre und menschenfeindliche Idee, zu Lasten von Krankenschwestern und Patienten kommen?

Die Antwort ist wenig überraschend und beinhaltet mal wieder die Stichworte „Geldgier“ und „CDU-Politiker“.

Jens Spahns „Pflegepersonal-Stärkungsgesetz“ erlaubt es, pflegerische Leistungen in bestimmten Fällen aus der Fallpauschalen-Abrechnung zu nehmen und darüber hinaus von den Krankenkassen, bzw Privatzahlern finanziert zu werden. Aber nur Leistungen der Pfleger. Nicht die der Reinigungskräfte, der Küchenmannschaft oder eben der besonders schlecht von Subunternehmern bezahlten Patiententransporteure. Indem Asklepios all diese Aufgaben nun auch noch den Pflegern aufhalst, kann Broermann mehr abkassieren. Pfleger und Krankenschwestern zahlen die Zeche. (….)

(Gesundheitsgeschäft, 03.01.2023)

Diese Unternehmer behandeln aber nicht nur ihre Mitarbeiter so schlecht, daß sie in Scharen kündigen, sondern drücken sich auch noch um die teure Ausbildung.

[….] 965 der 1.942 Krankenhäuser in Deutschland haben im Jahr 2017 Pflegefach­kräfte ausgebildet. Das sind weniger als 50 Prozent, wie aus der Antwort des Bundes­ge­sundheitsministeriums auf eine schriftliche Anfrage der pflegepolitischen Sprecherin der Linksfraktion im Bun­destag, Pia Zimmermann, hervorgeht. Die Zahlen stammen aus der Krankenhausstatistik des Statistischen Bundesamts. Dabei wurden an 199 Ausbildungsstätten Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger sowie an 914 Ausbildungsstätten Gesundheits- und Krankenpfleger ausgebildet. Die Gesamtzahl der Ausbildungsplätze für diese beiden Berufsgruppen lag bei 80.285. […]

(Ärzteblatt, 12.08.2019)

Schlechte Arbeitsbedingungen, mieses Gehalt und keinen Nachwuchs ausbilden  - die langfristigen Konsequenzen liegen auf der Hand:

[….] Für Deutschland sehen die Zahlen nicht anders aus: Berufe in der Pflege und im Klinikbereich gelten als extrem unattraktiv, der Fachkräftemangel ist hoch. Vor Ausbruch von Corona prognostizierten Experten des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in einem Gutachten ("Fachkräftebedarf im Gesundheits- und Sozialwesen"), dass im Jahr 2030 die Nachfrage nach Fachkräften im Gesundheits- und Sozialwesen mit 4,9 Millionen Vollkräften um 1,3 Millionen Vollkräfte höher liegen wird als das verfügbare Angebot (Worst-Case-Szenario). Nach einer Analyse von PWC fehlen aktuell im Gesundheitswesen annähernd 56.000 Ärzte und gut 140.000 nichtärztliche Fachkräfte, die Personallücke bis 2030 schätzt das Beratungsunternehmen etwas kleiner ein als das Worst-Case-Szenario des RWI, aber immerhin auch auf eine Million.  [….]

(Haufe, 14.04.21)

Im Moment haben die deutschen Arbeitgeber noch Glück. Sie profitieren vom Braindrain der ärmeren Nachbarländer. Sollen doch Griechenland, Spanien oder Portugal die teuren Ausbildungen finanzieren – die Deutschen nehmen dann die fertigen Fachkräfte. Das ist unmoralisch und nicht nachhaltig. Der Braindrain funktioniert allerdings nicht so gut, wie es sein könnte, da die meisten Unternehmer zu doof sind, adäquat für sich zu werben. Sie hängen immer noch dem Irrglauben an, Deutschland wäre für alle anderen Menschen das gelobte Land, so daß die Arbeitswilligen von ganz allein hineinströmen, wenn man nur kurz die Grenze öffnet.

1,1 Millionen Ukrainer hatten allerdings nicht den Luxus, sich in Ruhe zu überlegen, ob sie ihr Land verlassen und wohin es ihnen am liebsten wäre. Sie fliehen um ihr Leben und boosten damit, wieder einmal, die deutsche Ökonomie. Schon 2015 hatte Deutschland wirtschaftlich von den Flüchtlingen profitiert, weil erst mehr Nachfrage und Arbeitsplätze generiert wurden, dann willige Arbeitnehmer auftauchten.

Das wiederholt sich jetzt.

[….] Ukraine-Flüchtlinge entlasten Arbeitsmarkt

[….] Gut ein Jahr nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine haben aus dem Land Geflüchtete den deutschen Arbeitsmarkt spürbar entlastet. Dies meldet die Bundesagentur für Arbeit.

Schon jetzt seien seit Beginn des Krieges rund 65.000 Ukrainerinnen und Ukrainer mehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt als vor Beginn der Invasion, sagte Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur, der Deutschen Presse-Agentur in Nürnberg. Zudem seien rund 21.000 Ukrainerinnen und Ukrainer derzeit in Minijobs tätig. Auch das diene der Bekämpfung des Personalmangels in der deutschen Wirtschaft. "Der deutsche Arbeitsmarkt ist aufnahmefähig", sagte Terzenbach. [….] Es werde erwartet, dass die Zahl der Beschäftigten aus der Ukraine in den nächsten Wochen und Monaten deutlich steige - nämlich dann, wenn die Frauen und Männer die Integrations- und Berufssprachkurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge absolviert hätten. […]

(Tagesschau, 19.02.2023)

Viele Deutsche, CDU, Merz, Wegner, AfD, BILD, CSU und Maaßen sind entweder zu doof, um zu begreifen, wie sehr wir auf Zuwanderung angewiesen sind – oder noch schlimmer; sie hetzen wider besseres Wissens xenophob daher, um wie die CDU in Berlin bei Wahlen zu reüssieren.

Erschreckend viele Deutschen plädieren immer noch für Abschottung.

Mit der Grenzen-dicht-Einstellung outet man sich natürlich als mieser Charakter. Aber man schadet auch der Wirtschaft, schreckt Migranten ab, macht Deutschland damit als Arbeitsland unattraktiver und schadet damit der Ökonomie noch mehr.

Samstag, 18. Februar 2023

Kässi als Krönung

 

Die Spiegel-Redaktion scheint nicht sehr von der Sahra-Sarrazin/AfD/Schwarzer Petition überzeugt zu sein und stellt den beiden transphoben Initiatorinnen garstige Fragen.

Auf Change.org feiern die ehemalige BILD-Kolumnistin und die völkische Linken-Renegatin zwar enorme Erfolge – 535.000 Unterschriften (Stand 18.02.2023) – aber umso klarer ist die Ablehnungsfront in fast allen Redaktionsstuben und der Ampel. Während sich in der Bevölkerung die Befürworter und Gegner von Waffenlieferungen die Waage halten, spielt den beiden Damen der unterschiedliche Enthusiasmus in die Hände.

99% der Deutschen führen nicht gern Krieg. Niemand fühlt sich wohl dabei, Waffen zu liefern. Außer Strack-Zimmermann, Hofreiter und den Rüstungskonzernen würde jeder lieber so eine Situation vermeiden. Wer für die Panzerlieferungen votiert, tut das ungern, aber aus rationalen Überlegungen. So eine Position feiert man nicht voller Begeisterung in der Öffentlichkeit, während man „Ich bin für Verhandlungen und Frieden“ gern laut rausschreit. Jede Zeitung schreibt im Moment über das Thema. Daher wäre es unsinnig, an dieser Stelle, alle Argumente zu wiederholen.

Ganz ausgewogen, verweise ich stellvertretend auf drei Stellungnahmen zu Wagenknecht-Schwarzer:

1.) Pro: Jürgen Habermas „Plädoyer für Verhandlungen

2.) Neutral: Kurt Kister „Zur Diskurslage in Deutschland

3.) Contra: Cornelius Dickmann.

[…..] Der Text gipfelt in dem Satz: „Es ist Zeit, uns zuzuhören!“

Uns! Nicht: den Ukrainern. Ausgerechnet die politische Linke, historischer Garant für berechtigte und notwendige Kritik an der Verordnungsarroganz imperial auftretender Staaten wie USA oder Großbritannien, macht sich kaltes Großmachtdenken zu eigen. Dabei gehört es zum demokratischen Einmaleins, keine Forderungen über von Unrecht betroffene Gruppen hinweg zu stellen. Das ist eine der zentralen Lehren des 20. Jahrhunderts.

Als der britische Premierminister Neville Chamberlain und Frankreichs Premier Édouard Daladier 1938 in München den Diktatoren Hitler und Mussolini zusagten, Deutschland dürfe sich den als Sudetenland bezeichneten Teil der Tschechoslowakei einverleiben, fehlte am Tisch: die Tschechoslowakei. „Über uns, ohne uns“, so fühlte man in Prag. Im fernen London feierte man „Frieden für unsere Zeit“.  […..]

(Tagesspiegel, 11.02.2023)

Die Argumente sind mehr oder weniger redlich, die Unterzeichner mehr oder weniger intelligent.

Aber auf eine Person ist immer Verlass, wenn eine große öffentliche Debatte stattfindet und ein Chronist die dümmste aller möglichen Stellungnahmen aussuchen müßte: Margot Käßmann, die als Lutherbotschafterin jahrelang auf weltweite Werbetour für einen der hasserfülltesten Antisemiten der Weltgeschichte ging, kennt sich aus mit Kriegen und wußte schon den goldenen Ausweg, um Afghanistan in ein friedliches Paradies zu überführen.

„Nichts ist gut in Afghanistan!“ - so lautete der Slogan der Populistin Bizarra Käßmann.

Mit solchen Sprüchen macht man sich natürlich beliebt beim Volk - denn wer würde den Militäreinsatz am Hindukusch nicht lieber heute als morgen beenden?

Eine Menge Afghanistan-Experten und Vertreter von Hilfsorganisationen ärgerten sich gar sehr über die Talkshow-affine Ex-Oberbischöfin.

 Was sie denn stattdessen in Afghanistan tun würde, fragte man sie öffentlich.  Wenig überraschenderweise hatte Käßmann darauf aber keine Antwort und gab nur Allgemeinplätzchen ab. Sie würde mit den Taliban reden und gemeinsam mit ihnen beten.    Schade eigentlich, daß der damalige Superverteidigungsminister Guttenberg zu beschäftigt damit war für Sat1 mit J.B. Kerner eine Modenschau mit seiner Frau als Mannequin in Afghanistan zu inszenieren. Ich hätte es gern gesehen, wenn er Frau Käßmann am Hindukusch entsorgt hätte. Eine Frau in kurzer Bluse mit der Bibel in der Hand wäre sicher gut angekommen bei den Taliban. In Wahrheit ist es wohl eher so, daß Käßmann genauso wenig von Afghanistan versteht wie die meisten Politiker. [….]

(Tammox 08.08.12)

Käßmann bläst ihre Erkenntnisse so ungefiltert in die Welt, weil sie intellektuell gar nicht in der Lage ist, zu erfassen, wie perfide und überheblich sie auf die von den Taliban massakrierten Frauen und Mädchen oder auf die von russischer Artillerie zerfetzten ukrainischen Zivilisten klingt.

Potentieller Wahnsinn liegt in den berühmten Käßmann-Worten vom Fall in Gottes Arme.

Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar."

(Dr. Margot Käßmann, 24. Februar 2010)

Aber ich habe tatsächlich viele Menschen in großem Frieden sterben gesehen, die ihr Leben losgelassen und zurückgelegt haben in Gottes Hand.

(Dr. Margot Käßmann, 03.06.2018)

Ist es Dummheit oder eher doch Borniertheit, die sie so etwas immer wiederholen lässt?  Ich bin jedenfalls beeindruckt davon, wie eine sehr reiche Frau, die mit 60 Jahren ihre üppige 11.000-Euro-Pension genießt, solche Sprüche von sich gibt, während ihr Gott beispielsweise im Jemen 85.000 Kleinkinder unter grauenvollen Umständen elend und langsam an Hunger krepieren ließ.  Aber was soll man schon von einer Bischöfin erwarten, die fünf Jahre als Botschafterin für einen der widerlichsten Antisemiten der Weltgeschichte arbeitete?

(Tiefer fallen, als in Gottes Arme, 22.11.2018)

Den Ukrainern schreibt Deutschlands peinlichste Theologen nun auch, aus der sicheren Wärme Hannovers, ins Stammbuch, sie sollten verhandeln und keine Waffenhilfe aus Deutschland mehr erhalten.

Ganz Kolonialherrin kommt ihr scheinbar gar nicht in den Sinn, daß die angegriffenen Ukrainer womöglich selbst über ihr Schicksal bestimmen möchten. Sie will es ihnen stattdessen vom Westen vorschreiben lassen.

[….] Das Reden vom Sieg der Ukraine bringe keine Perspektiven, sagte die Theologin: "Die westlichen Bündnispartner müssen der Ukraine sagen, was ihre Ziele sind." Es gehe um Fragen, wie lange der Krieg dauern werde oder was das Ende sein solle, an dem dann Verhandlungen beginnen müssten. "Ich sage: Das Ende muss schnellstmöglich kommen." Ein Waffenstillstand sei derzeit das "vordringliche Ziel".[….] Den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, der den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine als metaphysischen Kampf für das Gute rechtfertigt, nannte Käßmann einen Verräter an christlichen Grundüberzeugungen. Sie sei davon überzeugt, dass sich aus dem Evangelium keine Legitimation für Gewalt ableiten lasse. "Die Kirchen sind immer in die Irre gegangen, wenn sie Waffen gesegnet haben", erklärte die Theologin. […]

(epd, 18.02.2023)

Die Ukrainer haben mit so einer deutschen Bischöfin sicher nichts zu lachen.

Ganz amüsant ist aber ihr Beef mit Kyrill. Immer lustig, wenn zwei Vertreter derselben Lehre, die beide erst 2.000 Jahre nach ihrem Religionsstifter geboren wurden und über rein gar keine seriösen Quellen verfügen, so sicher sind, ganz allein zu wissen, was Jesus wollte und die anderen als „Verräter“, Ketzer oder Häretiker niedermachen. Schade, daß Scheiterhaufen aus der Mode gekommen sind. Und schade, daß Kässi nicht noch mal in ihrer Bibel nachliest, was „das Christum“ von Frauen hält, die überhaupt in der Gemeinde reden.

Freitag, 17. Februar 2023

Überflüssige Studien – Teil XI

Politiker müssen andauernd reden, werden dabei andauernd aufgezeichnet und ebenso sicher, andauernd von einer anonymen social-Media angegriffen. Verständlicherweise entwickeln sie aufgrund dieser Anforderung, die Fähigkeit inhaltsfreie, aber intelligent klingende Satzfetzen immer aufs Neue zu kombinieren. „Wir gehen davon aus, dass…“  „unser gemeinsames Interesse….“  „ein Eckpunkte-Dialog abstecken…“ Dadurch können sie flüssig daher plaudern, ohne etwas zu sagen, auf das man sie festnageln könne.

Angeblich wünschen sich die Deutschen keine Schwafler, sondern „Klartextpolitiker“.

Das ist aber eine große Selbsttäuschung, denn in Wahrheit werden Meister der endlosen und zweckfreien Schwafelei  - Merkel, Kohl – immer wiedergewählt, weil man alles auf sie projizieren kann und sie niemanden Angst machen. Wer den Bürgern reinen Wein einschenkt (Lafontaine 1990), oder ihnen klar sagt, was notwendig ist und wie er konkret Politik betreiben wird (Steinbrück 2013), kommt gar nicht erst ins Kanzleramt. Steinbrücks schnörkellose Art, direkt die Wahrheit auszusprechen, kam nie an.

Wer nichts zu sagen hat, oder nichts sagen will, beginnt Statements gern mit einem Random Zitat.

Der junge Hugo von Hofmannsthal sagte einmal, daß …. Von Oscar Wilde stammt die berühmte Erkenntnis,….laut einer Umfrage, sind x von y Deutschen der Ansicht…. Studien besagen, dass….

All das klingt nach Bildung Redlichkeit. Da hat einer sich selbst zurückgenommen und vertraut auf qualifiziertere Quellen. All das ist aber auch Bullshit, der nur dazu dient, sich um einen klaren Satz oder seine wahren Absichten zu drücken.

Jeder Mensch mit einem Klugtelefon, kann sich in Sekunden ein passendes Zitat aus jedem Zusammenhang reißen. Umfragedaten sind volatil und selbst die seriösen Umfragen ersetzen keine Fakten. Und wissenschaftliche Studien werden entweder nicht gelesen, oder nicht verstanden. Oder sind generell überflüssig.

Drei Tage nach meinem Bericht über meine eigene Führerscheinprüfung, poppen Berichte über die aktuellen Durchfallquoten auf.

[….]  Der Wunsch nach einem Führerschein in Deutschland bleibt bestehen - 2022 wurde sogar ein Vor-Corona-Stand gerissen. Nach Angaben des TÜV-Verbands wurde ein Rekord bei der Zahl der Fahrerlaubnisprüfungen erreicht. Auffällig aber auch: Die Durchfallquoten sind kräftig gestiegen.  Demnach bestanden Fahrwillige im vergangenen Jahr 39 Prozent der theoretischen Prüfungen für alle Fahrerlaubnisklassen nicht - zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, zehn Prozentpunkte mehr als noch 2013. Bei den praktischen Prüfungen für einen normalen Autoführerschein waren es - wie bereits 2021 - 37 Prozent.

Suche nach Gründen für gestiegene Durchfallquote. "Jede nicht bestandene Prüfung belastet die Fahrschülerinnen und Fahrschüler mental und finanziell", sagte Richard Goebelt, Geschäftsführer des TÜV-Verbands. Noch sind die Gründe für die gestiegene Quote nicht ganz klar - dazu brauche es mehr Untersuchungen. Einer ist aus Sicht der Prüforganisationen der komplexer und dichter werdende Straßenverkehr.  [….]

(BR24, 17.02.2023)

Als Mensch aus dem Prä-Klugtelefon-Zeitalter, kann ich mir schon denken, wieso heutige Teenager sich beim Fahren so dämlich anstellen: Weil sie als Kinder ungefähr 15 Jahre lang vom dem elterlichen Autorücksitz auf ihren Minibildschirm starren. Für meine Generation hingegen, war es üblich, das Verhalten der Eltern am Steuer und den Straßenverkehr genau zu beobachten. Wir wurden mit einbezogen, guckten hinten raus, halfen beim Abschätzen von Lücken zum Spurwechsel, achteten darauf, wann man losfahren durfte. Als man so alt war, endlich vorn zu sitzen, ließ einen die Mutter auch mal schalten oder einen Scheibenwischerhebel bedienen. Die Fahrer-Sicht auf den Stadtverkehr war also seit vielen Jahren eingeübt und vertraut, während das für klein Leon-Noah und Emma-Sophie des Jahrgangs 2005 eine völlig neue Perspektive und ungewohnte Situation ist.

Eine heute ebenfalls durch die News schwappende Metastudie, berichtet von einem wahrgewordenen Traum der Männerwelt: Auf wundersame Weise verlängerte sich der Durchschnittspenis in den letzte Jahren um in Viertel!

Konnte Mann noch vor 30 Jahren durchschnittlich 12 erigierte Zentimeter, bewundern, sind es nach Erkenntnissen der Stanford University in Kalifornien nun, passend zum Dickpick-Zeitalter, bereits 15 cm.

Wie praktisch. Genau mit der ersten Teenager-Generation, die per Dick-Pick das Flirten praktiziert, fangen ihre Schniedel an, kräftig anzuwachsen.

Ähnlich wie bei den Führerschein-Durchfallquoten, erigiert.., ich meine, eruiert man erstaunliche Erklärungen.

[….] Über die Gründe für den Anstieg können die Forscher, allesamt Männer, nur spekulieren. Möglicherweise spiele eine Rolle, dass immer mehr Menschen sitzende Tätigkeiten ausüben. Und auch Umwelteinflüsse haben die Forscher im Blick.  Schadstoffe wie Pestizide könnten sich auf das männliche Hormonsystem auswirken – die Wissenschaft spricht von sogenannten endokrinen Disruptionen, die gehäuft in der Umwelt und in Nahrungsmitteln oder Hygieneprodukten vorkommen.  [….]

(SPON, 17.02.2023)

Vom bloßen Sitzen metamorphorisiert also eine Ringelnatter zur Boa?

Als Mensch aus dem Prä-Klugtelefon-Zeitalter, kann ich mir schon denken, was los ist. Wir haben als Teenager zum Mädchen-Kennenlernen üblicherweise, ganz wie Maher mahnt, mit den Objekten unserer Begierde gesprochen. Und das auch noch in 99,9% der Fälle, völlig angezogen. In Ermangelung von Klugtelefon und Kopulations-Apps, fotografierten wir zwecks Kontaktanbahnung niemals unsere Phalli, so daß dessen genaues Maß auch nicht zum Kriterium dafür wurde, ob jemand mit uns gehen wollte. Der social-Media-Druck, bei der Ausstattung untenrum kräftig zu übertreiben, ist also neu.

Noch eine dritte Tageserkenntnis: Wer nichts weiß, gelangt schneller zu konkreten Überzeugungen:


[…] Zucker und Salz sind schlimme Gifte. Gentechnik ist des Teufels. Und die Corona-Impfung macht alle krank. Man kennt diese Alles-Checker, die immer genau Bescheid wissen. Schließlich geht nichts über gepflegte Vorurteile, mit größter Selbstsicherheit vorgetragen. Gerade in Zeiten, da Menschen ungefragt zu Ernährungs- und Gesundheitsfragen Stellung beziehen, macht es sich gut, den Anschein profunder Sachkenntnis zu vermitteln. Das Problem daran: Je entschiedener Position bezogen wird, desto weniger Ahnung steckt meist dahinter. Inkompetenz und eine unerschütterliche Meinung sind ein unzertrennliches Paar.

Die krude Kombination aus Unkenntnis und breitbeinigem Sendungsbewusstsein findet sich besonders oft bei Fragen zu neuen Technologien und medizinischen Erkenntnissen. Britische Forscher um Cristina Fonseca haben gerade gezeigt, dass Extrempositionen zu Wissenschaftsthemen häufiger von jenen eingenommen werden, die gar nicht verstehen, worum es geht - aber dennoch der Überzeugung sind, den Durchblick zu haben. Im Fachblatt Plos Biology belegen die Wissenschaftler aus England dies am Beispiel gentechnologischer Anwendungen, darunter der Herstellung von mRNA-Impfstoffen. […]

(Werner Bartens, 17.02.2023)

Donnerstag, 16. Februar 2023

CSU, die Konstante im Wandel der Zeit.

Vieles ist jetzt so merkwürdig, daß in den 1980ern sozialisierte Menschen wie ich, noch heftig schlucken müssen:

Frauen als CDU-Parteichefin, offen schwule CDU-Minister, Parteien, die mit 18%-Wahlergebnis den Regierungschef stellen, ein Grüner Ministerpräsident im tiefschwarzen Baden Württemberg, Grüne bilden lieber Koalitionen mit der CDU, als mit der SPD. Grüne, die am lautesten nach Waffenexporten schreien und AKW-Laufzeiten verlängern. Linke vertreten völkische queerfeindliche Positionen, die prominenteste Linke ist Darling der AfD und Nazi-Blogs, die EMMA hetzt gegen (Trans-)Frauen. Der erzkonservative schwarze Scheriff und ehemalige bayerische Ministerpräsident Beckstein pflegt eine tiefe Freundschaft zu Claudia Roth, ein FDP-Finanzminister bläht den Schuldenstand mit gewaltigen Schattenhaushalten auf, der CSU-Ministerpräsident umarmt Bäume, die kalten Krieger und Falken der US-Republikaner sind Moskau-Fans. Die Demokraten, Partei der Jugend, treten mit einem Ü80-Kandidaten an, der SPIEGEL wirbt für die CDU, schreibt die SPD runter. Die deutschen Autobauer sind technisch international abgehängt, ein Muslim regiert London, ein Hindu regiert Großbritannien, auf dem Thron sitzt ein Mann und die DDR-Ossis sehnen sich wieder nach russische Kontrolle.

 Wer soll sich da noch auskennen?

Da freut man sich über jede alte Gewissheit, wie kinderfi**ende Katholiken, den ewigen letzten Platz der Deutschen beim ESC oder eben die mauschelnde Amigo-CSU, die sich wie eh und je über rechtsstaatliche Regeln hinwegsetzt und ihre Herrschaft in Bayern dazu nutzt, ihren Funktionären die Taschen zu füllen.

Ein immer noch agiles Prachtexemplar dieser debil-raffgierigen Provinzpartei ist Peter Gauweiler, der berüchtigte ehemalige Schwulenjäger von München. Heute, mit 73 Jahren, unterzeichnet der langjährige Vize-CSU-Vorsitzende, Staatsminister und Bundestagsabgeordnete das Putin-freundliche „Manifest“ der Linken Sahra Sarrazin, bleibt aber immer einer der Top-Handaufhalter der deutschen Politik.

[….] Im März 2014 wurde bekannt, dass Gauweiler neben seinem Einkommen für seine Tätigkeit als Abgeordneter pro Jahr mehr als 500.000 Euro für Nebentätigkeiten erhält. Er stand damit mit Abstand an der Spitze der deutschen Abgeordneten. Im Juli 2014 wurde die geschätzte Höhe der Nebeneinkünfte auf mindestens 967.500 Euro beziffert. […]

(Wikipedia)

Allein von dem rechtsradikalen Milliardär Finck kassierte der klagefreundliche Münchner für seine Lobby-Dienste im Bundestag 12 Millionen Euro.  

[….] Der Rechtsanwalt und CSU-Politiker Peter Gauweiler hat während seiner Zeit im Bundestag als Anwalt Beraterhonorare in Höhe von mehr als elf Millionen Euro beim Milliardär August von Finck abgerechnet. Gauweiler schickte von 2008 bis 2015 regelmäßig Rechnungen über ein "vereinbartes Pauschalhonorar" an Finck.  [….]

(Süddeutsche Zeitung, 25.03.2021)

Seine politischen Dienste ließ sich Gauweiler also in Andrea-Tandler-Dimensionen (48 Millionen Euro) vergolden.

Das Schöne ist; anders als CSU-Rentner Beckstein (79), der seine Freundschaft mit einer Grünen pflegt und selbstironisch bei „Reschke Fernsehen“ auftritt, bleibt sich Gauweiler treu.

Er kämpft für korrupte fiese rechte Oligarchen, so wie es sich für die Ur-CSU gehört. Franz Josef Strauß knüpfte engste Verbindungen zu den burischen Rassisten in Südafrika und den faschistischen Terror-Regimen Südamerikas.

Nur natürlich, daß auch Wladimir Putin stets von den CSU-Größen umschmeichelt wurde.


Das Rektum, in welches Gauweiler zur Zeit intensiv strebt, gehört dem sympathischen Tegernseer Alischer Burchanowitsch Usmanow, geboren am 9. September 1953 in Chust, Usbekische SSR, Sowjetunion. Was den Putin-Freund für Gauweiler so interessant macht, ist sein Vermögen, dessen Höhe niemand genau kennt, das mutmaßlich zwischen 15 und 25 Milliarden Dollar beträgt.

Ein Mann nach dem Geschmack eines Christsozialen.

Blöd nur, daß der nette Herr von Tegernsee als einer der engsten Putin-Finanziers schon wenige Tage nach Beginn des Ukrainekrieges mit der …

DURCHFÜHRUNGSVERORDNUNG (EU) 2022/336 DES RATES vom 28. Februar 2022

zur Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 269/2014 über restriktive Maßnahmen angesichts von Handlungen, die die territoriale Unversehrtheit, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben oder bedrohen.

… mit schweren Sanktionen belegt wurde. Gauweiler is not amused.

[….] Gauweiler kämpft für den Oligarchen vom Tegernsee. Der Ex-CSU-Politiker will als Anwalt erreichen, dass deutsche Behörden vom Milliardär Usmanow ablassen. Der steht als Putin-Vertrauter auf den EU-Sanktionslisten. [….] Die Münchner Anwaltskanzlei Gauweiler & Sauter hat im vergangenen Jahr einen etwas ungewöhnlichen Klienten bekommen. Einen Mandanten, der mitten hinein in die Weltpolitik führt. Und dessen Auftrag an frühere Zeiten erinnert, als die CSU noch gute Beziehungen zum russischen Machthaber Wladimir Putin pflegte.

Bei dem Mandanten handelt es sich um die deutsche Botschaft der Republik Usbekistan. Die Botschaft hat einen Spezialauftrag erteilt. Die Kanzlei Gauweiler & Sauter möge die Botschaft bei der Aufgabe, die Interessen des usbekischen Staatsbürgers Alischer Usmanow in der Bundesrepublik zu schützen, anwaltlich beraten und unterstützen. [….] [….] Usmanows Vermögen in Deutschland ist eingefroren. Dazu zählen auch drei Villen am Tegernsee, die dem Usbeken zugerechnet werden. Gesamtpreis für alle Anwesen zusammen: mehr als 23 Millionen Euro. Außerdem ermitteln die Staatsanwaltschaft München II und die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wegen mutmaßlicher Delikte gegen Usmanow. Unter anderem wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Der Milliardär soll sich jahrelang so oft in Deutschland aufgehalten haben, dass er hier steuerpflichtig gewesen sei und dem Fiskus mehr als eine halbe Milliarde Euro schulde. [….]  Gauweilers Brief zufolge ergibt sich aus den Dokumenten, dass Usmanow in Großbritannien Immobilien für mehr als 200 Millionen Dollar, in Italien für 130 Millionen Dollar und in Frankreich für rund 50 Millionen Dollar zuzurechnen seien. Im Vergleich dazu würden die deutschen Immobilien, unabhängig von ihrer Zuordnung, geradezu untergeordnet erscheinen. Mit der These einer deutschen Steuerpflicht Usmanows sei das nicht vereinbar. [….]

(SZ, 16.02.2023)

Bei Gauweiler und der CSU weiß man noch, woran man ist. Sie setzen sich für die richtigen Menschen ein und nicht für blöde Deutsche ohne Geld, das dumme Klima oder gar Flüchtlinge.


 

Mittwoch, 15. Februar 2023

Putins Freunde.

Nach einem Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, weiß ich, wie wenig ich weiß. Opferzahlen sind schwer zu verifizieren. Vermutlich sind hunderttausende Menschen tot und Sachschaden in Billionen-Höhe angerichtet.

Am 24.02.2022 dachte ich mit Blick auf die Größe der beiden Nationen, Putins moderne Waffen und die jüngste Erfahrungen mit Auslandseinsätzen beispielsweise in Syrien; das werde sicher ein kurzer Krieg. Putin könne die Ukraine handstreichartig übernehmen. Weil er es a) militärisch kann! Und der Westen b) nichts dagegen unternehmen werde, weil man in Brüssel c) darauf setzen werde, möglichst wenige zivile Opfer zu haben.  Schließlich, d) gehörten Russland und die Ukraine früher auch schon in einen Staat. Wieso sollte es die NATO ernsthaft interessieren, wenn es erneut so käme?

Ein paar Wochen oder Monate später, wußte ich, mich gründlich geirrt zu haben. Das war wenig verwunderlich, denn ich weiß kaum etwas über Militärkunde.

Wesentlich verblüffender als meine Prognose-Pleite, erscheint aber Putins Irrtum. Offenbar hatte er ähnlich gedacht; hielt es für machbar, sich die Ukraine schnell einzuverleiben. Es muss doch in der russischen Armee Experten geben, um militärische Stärke einschätzen zu können und den Kriegsverlauf besser prognostizieren zu können.

Innerhalb des letzten Jahres lernt ich Prof. Carlo-Antonio Masala von der Bundeswehr Universität München und viele seiner Kollegen kennen. Die Damen und Herren prognostizieren aus berufenerem Munde. Mal wissen sie von einem baldigen Sieg der Ukraine über die Invasionstruppen zu berichten, mal verweisen sie auf die nach wie vor gewaltige Überlegenheit Putins.

Prognosen sind schwierig; insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen. Daher werde ich mich nicht mehr daran beteiligen, das Geschehen auf dem Schlachtfeld zu extrapolieren.

Besser beurteilen kann ich die Stimmung in Deutschland. Da lässt sich einerseits einen zunehmende Ablehnung der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen erkennen. MONITOR berichtet von fliehenden Tschetschenen, die sich nicht von „Putins Folterknecht Kadyrow“ im Kampf gegen die Ukrainer verheizen lassen wollen. Ihnen sollte nicht nur aus grundsätzlichen humanitären Erwägungen sofort Asyl in der EU und Deutschland gewährt werden, sondern es liegt in unserem ausdrücklichen geopolitischen und militärischen Interesse, Putin den Truppennachschub abzuschneiden. Das geschieht aber nicht, weil die Ampel sich vor dem erfolgreichen xenophoben Merz-Wegner-Kurs fürchtet. CDU und CSU reden wieder von „Obergrenze“ und verfolgen einen menschenfeindlichen Kurs. Sie tun das, weil es damit viel zu gewinnen gibt. Deutschland ist gespalten.

In meiner social-media-Blase herrscht ein nahezu einheitliches Bild aus Putin-Hassern, die sich für Waffenlieferungen an die Ukraine aussprechen und extrem hart mit Appeasement-Vertretern der russlandfreundlichen Leerdenker-Szene aus Wagenknecht, Käßmann, Schwarzer und Kretschmer ins Gericht gehen.

Das ist aber offensichtlich kein repräsentatives Bild. In allen Umfragen lehnen etwa genauso viele Bürger Waffenexporte ab, wie es Befürworter gibt.

Der Wagenknecht-Putin-Schwarzer-Aufruf, „Manifest für den Frieden“ fand bis heute 461.000 Unterzeichner, die sich an die Seite der 69 Erstunterzeichner-Aluhüte stellen.

Fast eine halbe Million gemeinsam mit Tino Chrupalla, Franz Alt, Eugen Drewermann Peter Gauweiler, Wolfgang Grupp, Gottfried Helnwein, Margot Käßmann, Oskar Lafontaine, Martin Sonneborn, Jürgen Todenhöfer.

[….] Lässt sich die Eskalationsspirale so durchbrechen? Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, Autorin Alice Schwarzer und Russlands Präsident Wladimir Putin haben heute in einem gemeinsamen Aufruf das Ende der deutschen Waffenlieferungen in die Ukraine gefordert. Dazu stellten die drei eine Petition mit dem Titel "Manifest für den Frieden" vor. "Präsident Selenskyj macht aus seinem Ziel kein Geheimnis", heißt es in der Petition. "Nach den zugesagten Panzern fordert er jetzt auch Kampfjets, Langstreckenraketen und Kriegsschiffe – um Russland auf ganzer Linie zu besiegen?" Zudem, heißt es in der Petition weiter, sei "zu befürchten, dass Putin spätestens bei einem Angriff auf die Krim zu einem maximalen Gegenschlag ausholt. Geraten wir dann unaufhaltsam auf eine Rutschbahn Richtung Weltkrieg und Atomkrieg?"  [….]

(Postillon, 10.01.2023)

Satire und Realität lassen sich, wieder einmal, schwer unterscheiden.

Deutschland schickt Panzer, Munition und Panzerhaubitzen; bildet Ukrainische Soldaten aus.

Und Deutschland liefert elektronische Bauteile an die russische Armee, um die deutschen Panzer wieder wegzubomben. Das geht trotz Embargo ganz leicht.

[….]  Seit Kriegsbeginn kommen sogar mehr kriegswichtige Chips nach Russland als zuvor. Auch aus Deutschland wurde solche Ware über Drittländer wie die Türkei nach Russland verkauft. [….]

(Monitor, 09.02.2023)

Während sich die vier Nato-Staaten Estland, Lettland, Polen und Litauen intensiv bemühen, der Ukraine militärisch zu helfen, halten drei andere Nato-Länder unverhohlen zu Russland: Türkei, Ungarn und Italien.

Die Türkei trägt keine Wirtschaftssanktionen mit, intensiviert ihren Handel mit Russland – siehe kriegswichtige Chips.

Orbán blockiert härtere Russland-Sanktionen in der EU.

 Hinzu kommt nun noch eine putinfreundliche Neofaschisten-Koalition in Rom.

[….] Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat mal wieder mit Äußerungen zum russischen Angriffskrieg für Empörung gesorgt und die Regierung seiner Koalitionspartnerin Giorgia Meloni in Verlegenheit gebracht.  Der 86-Jährige sagte am Sonntagabend vor Journalisten in Mailand, dass er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in der Verantwortung sieht, für eine Feuerpause und damit den Frieden in dem Land zu sorgen. Überhaupt gab Berlusconi Selenskyj - ganz nach Kreml-Lesart - eine Schuld an der Eskalation, weil er Gebiete im Osten der Ukraine angegriffen habe. Und ginge es nach ihm, würden kein Geld und keine Waffen mehr nach Kiew geliefert.  […]

(dpa, 13.02.2023)

Dienstag, 14. Februar 2023

Im Verkehr

Es gibt diese rabiaten 18-Jährigen Raser, die das erste mal am Steuer sitzend, den fahrenden Untersatz als Penis-Prothese auffassen, das Gaspedal voll durchtreten und sich dann um einen Baum wickeln.

Meine Mutter fuhr mal einige Jahre einen alten 924er „Hausfrauenporsche“, tuckerte zum Blumenladen, als ein Junge, an seinem 18. Geburtstag, im neuen Golf GTI vom Hof des VW-Händlers auf die Straße und ihr direkt in die Beifahrertür krachte. Der Depp fuhr also mit seinem frischen Führerschein exakt zehn Sekunden unfallfrei und dann konnte Papas Versicherung gleich eine neue Porsche-Tür und eine Lackierung bezahlen.

So war ich sicher nicht. Ich hatte in der Fahrschule Respekt vor den ersten praktischen Stunden. Theorie war ein Witz. Gleich als erstes machte ich die Prüfung. Als Letzter rein, als Erster raus, Null Fehler. Dann musste ich noch ewig die Theoriestunden absitzen. Die praktische Prüfung überstand ich nervös, aber auch fehlerlos. So schwer ist es nun nicht. Bremsen, schalten, Gas geben. Beim Abbiegen blinken, in den Außenspiegel gucken, Schulterblick (wegen des toten Winkels). Ach ja, auch Einparken ist mit einem simplen Trick auch für Anfänger ganz einfach: Statt sich an den Spiegeln zu orientieren, in denen man – die Gesetze der Optik schreiben es vor – alles spiegelverkehrt sieht, drehe man sich im Fahrersitz um und gucke direkt hinten raus, so daß man beim Rücksetzen in Fahrtrichtung guckt. Dann kann nichts passieren.

Ziemlich schnell bekam ich, noch mit 18 Jahren, durch die Hilfe der Familie, ein eigenes Auto. Einen FIAT Panda, „die tolle Kiste“, Frontantrieb, 34 PS, Leergewicht 500 kg, Hubraum 0,7 Liter. Neupreis  DM 8.999,-

Es gab selbstverständlich nicht den geringsten Luxus. Noch nicht mal ein Radio, geschweige denn Airbags, Antiblockier-System. Ich hatte einen Außenspiegel, einen Scheibenwischer und das geilste Auto der Welt.

All das fiel mir gerade wieder ein, als ich mit dem 21-Jährigen Sohn eines Schulfreundes sprach, der Geld für ein Auto gespart hatte und all meine Vorschläge empört abschmetterte. Das wäre alles viel zu unbequem, er wolle ja auch mal auf die Autobahn und da nicht hinter den Lastern feststecken. Ohne modernes Soundsystem ginge es auch nicht und so wurde es dann ein 12 Jahres altes Mercedes-Coupé mit 270 PS und einem Benzinverbrauch von 20 Litern auf 100 km. Was man eben so braucht als stubenhockerischer Großstadtjunge, der Single ist und alle Geschäfte fußläufig erreichen kann.

Aber noch einmal zurück in die 1980er mit meinem Panda. Die ersten zwei Wochen war ich tatsächlich ein bißchen ängstlich, wenn ich allein fuhr. Es war keine konkrete Angst, sondern eher ein vage-mulmiges Gefühl, es könnte „irgendwas“ passieren und dann säße ich allein damit da.

Das verflog sehr schnell und in den nächsten paar Jahren fuhr ich ausgesprochen gern Auto, drängte in Gruppen, mit mehreren Autobesitzern darauf, doch lieber mein sparsames Auto zu nehmen. Obwohl ich einfach nur furchtbar gern selbst am Steuer saß. Wie bei den meisten Autofahrern, wurde auch bei mir, das Fahren an sich, reine Routine. Ich tat es einfach, ohne darüber nachzudenken, ob ich nun gern oder ungern fahre. Ein Auto ist kein Fetisch für mich, sondern ein Mittel zum Zweck. Es soll mich von A nach B bringen. Ich habe noch nie im Leben mein Auto mit der Hand gewaschen oder es gar poliert. Ich weiß nicht, wie man Ölwechsel macht und von den technischen Spezifikationen meines jetzigen Autos, welches ich seit 20 Jahren fahre, kann ich gerade einmal die PS-Zahl nennen und weiß, daß ich „Super bleifrei“ tanken muss. Alles andere interessiert mich nicht. Hauptsache, es ist schwarz. Auch wenn an mehr und mehr Schrammen und Beulen darunterliegende Farben sichtbar werden.

Etwa 30 Jahre ging das so mit meinem Nicht-Verhältnis zum Auto und dem Autofahren.  Irgendwann, nachdem ich über Dekaden keinen Schaden und keine Schramme verursacht hatte, ditschte ich beim Einparken in meiner Tiefgarage an. Sogar mehrfach. Ich war erst schockiert. Wieso kann ich plötzlich nicht mehr einparken? Aber dann erinnerte ich mich an die Fahrschule und das rückwärts gucken. Inzwischen hatte ich nämlich „Rücken“ und gelegentlich einen steifen Hals, so daß ich mich unbewußt eben gar nicht mehr auf dem Fahrersitz rührte und quasi blind nach hinten setzte. Das erscheint zunächst einmal suboptimal. Aber daraus entwickelte sich auch ein Vorteil: Denn wenn das Auto erst einmal eine gewisse kritische Kratzer-Masse überschreitet, sind einem weitere Dellen vollkommen egal. Wenn jetzt ein semimilitanter Autohasser mit seinem Schlüsselbund über das Auto schabt, zucke ich nur kurz mit den Schultern. Außerdem sinkt mit dem Look auch die Einbruchs- und Klau-Gefahr. Wenig wahrscheinlich, daß ein professioneller Autodieb ausgerechnet mein Gefährt knackt, um es nach Osteuropa zu verkaufen.

Es hat sich aber noch etwas verändert. Das Abbiegen. Das funktioniert nun nicht mehr „blinken, Spiegel, Schulterblick“, sondern „blinken, langsamer werden,  Spiegel, stehen bleiben, Schulterblick, noch einmal Außen- und Rückspiegel kontrollieren, vollständig im Sitz umdrehen und intensiv glotzen.“

Der Grund sind liegt an der explosionsartigen Zunahme der zweirädrigen Verkehrsteilnehmer. Hamburg wächst. Das ist Fluch und Segen. Letzteres liegt auf der Hand: Stärkere Wirtschaft, mehr Steuereinnahmen, attraktivere Stadt, höhere Löhne, breiteres Angebot, mehr Kultur.

Der Fluch ergibt sich aus dem Quotienten von gleichbleibender Fläche und immer mehr Bewohnern. Es wird mehr gebaut, weil mehr Menschen, mehr Wohnungen brauchen. Dabei steigt der Platzbedarf nicht linear mit der Zunahme der Hamburger Bevölkerung, sondern viel stärker, weil die Bewohner reicher werden, Single-Haushalte gründen und immer mehr Quadratmeter beanspruchen.

[…..] Ende des Jahres 2021 hat es in Hamburg 1.042.467 Haushalte mit jeweils durchschnittlich 1,8 Personen gegeben. Mehr als jeder zweite (54,4 Prozent) war ein Einpersonenhaushalt. Die Anzahl der Haushalte mit Kindern in der Hansestadt belief sich Ende 2021 auf nur 18,1 Prozent, vor rund 30 Jahren waren es noch 25 Prozent. [….]

(Statistikamt Nord)

Während man zur Zeit meiner Geburt mit knapp 20 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf auskam, beanspruchen die Hamburger heute, pro Kopf gut 40 Quadratmeter Wohnfläche.

[….] Die Menschen in Deutschland wohnen im Schnitt auf immer mehr Raum. Gerade auf dem Land ist die Fläche pro Kopf seit 2015 deutlich gewachsen, [….] Die Wohnfläche pro Kopf habe zwischen 2015 und 2020 am stärksten in ländlichen Regionen mit 3,7 Prozent zugelegt, heißt in der Analyse. Am geringsten war der Zuwachs mit 1,5 Prozent in Großstädten. [….] Auf dem Land war demnach die Wohnfläche pro Kopf mit 51,4 Quadratmetern 2020 am höchsten. In Städten lag sie mit 40,9 Quadratmetern deutlich darunter, dazwischen kamen kleinere Städte und Vororte (47). Zahlen für das Jahr 2021 lagen noch nicht vor. [….] Das Wohnen auf immer mehr Platz ist ein langjähriger Trend in Deutschland. [….] Der große Flächenverbrauch pro Kopf wirkt sich auch ungünstig auf Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen aus. Trotz aller Anstrengungen stagnierten die direkten CO2-Emissionen des Gebäudebestands seit 2014 bei rund 120 Millionen Tonnen im Jahr, hieß es in einer Studie der DZ Bank im vergangenen Sommer.  Noch 1995 habe die durchschnittliche Wohnfläche bei 36 Quadratmetern je Einwohner gelegen, die Menschen hatten also gut 20 Prozent weniger Raum als 2020. [….]

(dpa, 09.02.2022)

Hamburgs Gesamtfläche wuchs im letzten halben Jahrhundert um keinen einzigen Quadratmeter. Aber die Bevölkerung nahm zu und jeder einzelne möchte nun doppelt so viel Wohnraum.

Außerdem gibt es viel mehr Lastenfahrräder, E-Scooter, viel mehr Lieferfahrzeuge durch all die Onlinebestellungen, jedes Jahr mehr Fahrräder….

[….] Freie Fahrradstadt Hamburg: Im vergangenen Jahr hat die zentral gelegene Fahrrad-Messstelle an der Alster einen neuen Rekord verzeichnet, wie aus der Antwort auf eine schriftliche Kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Rosa Domm hervorgeht. Demnach sind an der Alster im Jahr 2020 mit mehr als 2,3 Millionen Fahrrädern so viele Fahrten wie noch nie gezählt worden, teilte die Grünen-Bürgerschaftsfraktion am Mittwoch mit. Das waren demnach 163 000 oder sieben Prozent mehr als 2019.  [….]

(SZ, 17.02.2021)

…und auch noch mehr Autoverkehr. Durch Car-Sharing-Angebote, E-Taxis wie Moia und auch erheblich mehr Privat-Autos.

[….] Die Zahl der in Hamburg angemeldeten Kraftfahrzeuge ist im zweiten Quartal 2022 wieder gestiegen. Damit erweist sich die Hoffnung, der Trend zum Auto sei gebrochen, wohl als falsch. [….] Von April bis Juni 2022 aber stieg die Zahl der in der Hansestadt gemeldeten Pkw nun wieder – auf 807.569 am 1. Juli.   [….]

(HH Abla, 16.08.2022)

Zum Vergleich:

[….] Waren 1950 nur 23.473 Pkw angemeldet, zählte man 1960 schon 175.321 Pkw und 1970 sogar schon 433.079 Autos.  [….]

(HH Abla, 29.02.2020)

2011 waren es 725.845 Fahrzeuge in Hamburg, 2001 nur 693.964.

Zudem werden die Autos auch noch immer größer. Im Jahr 2023 wird SUV gekauft statt Panda.

Da mag sich die CDU über die Verkehrspolitik aufregen, wie sie will, weil die Autofahrer jetzt so viel im Stau stehen, aber frei fließender Verkehr wie 1960 mit 175.000 PKWs sechzig Jahre später mit über 800.000 PKWs, Hunderttausenden weiteren Verkehrsteilnehmern und durch das viele Bauen viel kleineren freien Fläche, ist physikalisch unmöglich.

Deswegen macht mir Autofahren auch wenig Spaß im Jahr 2023. Ich verstehe natürlich, daß auf der viel geringeren Fläche, nun sehr viel mehr Achtung und Rücksichtnahme notwendig ist. Ich bin gern bereit, das zu leisten, vorsichtig zu fahren, mich umzusehen, nicht rücksichtslos zu parken.

Eine reibungsloser Ablauf ist aber leider nicht möglich, wie ich heute gegen 18.00 Uhr auf meiner Tour durch Eppendorf wieder erleben konnte. Aus mir unerfindlichen Gründen treibt sich ein enorm hoher Anteil der Zweirad-Verwender mit hochgradig suizidaler Absicht herum. Sie fahren bevorzugt ohne Licht, mit großen Kopfhörern, um auch sicher taub zu sein, tragen dunkle Tarnkleidung und lieben es, in falscher Richtung durch Einbahnstraßen zu brettern, falschrum in Kreisel zu rasen und urplötzlich quer über die Straße zu schießen.

[….] Das größte Sicherheitsproblem im Radverkehr seien die sogenannten Geisterradler, die die Radwege und manchmal auch Radspuren auf Fahrbahnen in falscher Richtung benutzten. Mit einer dritten Fahrradstaffel will die Polizei noch in diesem Jahr für mehr Sicherheit sorgen. […]

(Welt, 16.02.2021)

Natürlich möchte ich als Autofahrer, der nun einmal mehr PS als ein Radfahrer hat, keinen von ihnen töten und versuche alles, um den pfeilschnellen Todessehnsüchtigen auszuweichen. Aber sie sind, statistisch und polizeilich belegt, leider häufig als kamikazige Lemminge offensichtlich erpicht darauf, ihre Kräfte mit einem 1,7 Tonnen-Boliden zu messen.

[…] Statistik belegt: Fahrradfahrer sind die schlimmeren Verkehrsteilnehmer[…] Insgesamt waren rund 40 Polizisten verschiedener Abteilungen im gesamten Hamburger Stadtgebiet unterwegs und haben eine „Schwerpunkteinsatz“ durchgeführt. Am Dienstag, 10. Mai 2022, startete die großangelegte Kontrolle. In Hamburg-Neustadt, Harvestehude, Wandsbek und Harburg legten sich gegen 07:30 Uhr die Beamten „auf die Lauer“. […]  Dabei fällt eines besonders ins Auge. Die Autofahrer kommen erstaunlich „gut“ weg. Von insgesamt 308 Ordnungswidrigkeitsverfahren fallen nur 39 Stück auf Kraftfahrzeugführer. Der Rest wird hauptsächlich dem Fahrradverkehr gutgeschrieben. […] Ordnungswidrigkeitsverfahren:          Fahrradverkehr

Befahren der falschen Radwegseite, des Gehweges oder Fahren in einer Fußgängerzone        115

Rotlichtmissachtung         104

Verbotswidriges Nutzen eines Mobiltelefons   5

Eine Statistik, die insbesondere den Autofahrer eines bestätigen mag. Radfahrer scheinen die schlimmeren Verkehrsteilnehmer zu sein.  […]

(24Hamburg, 19.05.2022)