Dienstag, 24. August 2021

Wärme um das sozialdemokratische Herz

Man möge mir verzeihen, wenn ich schon wieder in volatilen demoskopischen Daten bade, die (ja, ich weiß es) keine Wahlergebnisse, sondern bloß augenblickliche, ungenau gemessene Stimmungen widerspiegeln.

Aber seit einer knappen Generation lag die Union in der Sonntagsfrage nicht mehr hinter der SPD. Das möchte ich jetzt bitte genießen. SPD 23%, CDUCSU 22%, Grüne 18%.

[…..] Etwas mehr als einen Monat vor der Bundestagswahl ist die SPD erstmals seit Jahren in einer Sonntagsfrage wieder stärkste politische Kraft in Deutschland. Im am Dienstag veröffentlichten Trendbarometer des Forsa-Instituts für RTL und n-tv kommen die Sozialdemokraten auf 23 Prozent, die Union erreicht 22 Prozent. Die SPD gewinnt im Vergleich zur Vorwoche zwei Prozentpunkte hinzu, die Unionsparteien büßen einen Punkt ein. In der Datenreihe des Instituts landen die Sozialdemokraten damit erstmals seit fast 15 Jahren auf einem höheren Wert als die Union.   Die jetzt für die Union ermittelten 22 Prozent sind laut Forsa der schlechteste Wert, den das 1984 gegründete Institut jemals für CDU und CSU berechnet hat. Die Grünen rutschen um einen Prozentpunkt auf 18 Prozent ab und liegen auf Rang 3. […]

(SZ, 24.08.2021)

Die Erklärungen für den gegenwärtigen sozialdemokratischen Erfolg sind recht unumstritten:
Ein progressives, sehr konkretes Programm in Kombination einem hochseriösen, erfahrenen Spitzenkandidat, der Ruhe ausstrahlt.

[….] Mutig, programmatisch sattelfest und geschlossen - das offenbar war das Langfristrezept, auf das nicht nur Scholz setzte, auch der stellvertretende Bundesvorsitzende Kevin Kühnert, der seine Partei als Jusochef so oft quälte und doch aus früheren Fehlern lernte: "Bei Martin Schulz sind wir ja mit überschwappender Euphorie, aber ohne programmatische Einigung gestartet. Und haben gesehen: Da geht einem der Treibstoff auf halber Stecke aus."  Jetzt haben sie mit Scholz ein Modell "seriöse Langeweile" aber als Treibstoff immerhin ein sehr progressives Programm. Womöglich ist das ein Grund, warum jetzt funktioniert, was lange brauchte, meint Kühnert: "Vielleicht ist es anders herum sinnvoller: Erst die inhaltliche Klärung zu haben, mit ein bisschen weniger Euphorie in den Wahlkampf reinzugehen - zumindest, was die Herzenswärme gegenüber dem Kandidaten angeht. Dafür ist so ein hanseatisches Gemüt vielleicht auch einfach nicht so gemacht." Aber dafür wisse man, dass nicht so viele Tretminen auf die Partei warteten. [….]

(Tagesschau 24.08.2021)

CDU und Grüne versuchten es genau umgekehrt. Von ihnen gibt es jeweils nur ein vages Programm, in das man alles und nichts reinlesen kann.  Im Gegensatz dazu sollte der jeweilige Kandidat strahlen und nicht von programmatischen Fesseln ausgebremst werden.

Auch das ist ein politisches Wahlkonzept, das funktionieren kann. Könnte.

Dafür braucht es aber nicht nur schillernde Spitzenkandidaten, sondern auf faktenfeste überzeugende Redner.

Wie wir aber inzwischen wissen, haben Schwarze und Grüne auf eine/n falsche/n Kandidate/in gesetzt.

Laschet behauptet, es gäbe keinen Spielraum für Steuersenkungen und wenn doch, dann nur für die kleineren und mittleren Einkommen. Im CDU-Wahlprogramm stehen aber Unternehmenssteuererleichterungen und der Wegfall des Soli für die 10% der reichsten Deutschen. Das sind einseitige Steuererleichterungen für die Superreichen.

Entweder Laschet weiß das nicht – dann wäre er in so einem wichtigen Punkt nicht informiert und somit inkompetent als Kanzler.

Oder Laschet weiß es besser und lügt  - dann wäre er in so einem wichtigen Punkt moralisch untragbar.

Bei einem vagen Programm muss umso mehr der Spitzenmann vorlegen.

Dummerweise fällt dem CDU-Chef selbst nicht ein, was er eigentlich als Kanzler tun will.

[….] In einem Interview mit "Focus Online" wurde Laschet nach drei Punkten gefragt, die ihm politisch wichtig sind. Ihm fielen allerdings nur zwei ein.  "Digitalisierung" finde er sehr wichtig, so Laschet am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in Osnabrück. Außerdem wolle er Bürokratie abbauen, um Industrie und Klimaschutz besser miteinander vereinbaren zu können. Ob ihm noch ein dritter Punkt einfalle, fragte die Reporterin. Da geriet Laschet ins Schlingern und hatte offenbar spontan keine Antwort parat: "Joa, was machen wir noch ..." [….]

(STERN, 20.08.2021)

Auch die Grünen liefern stetig neue Peinlichkeiten.

Nach dem desaströsen Laschet-Werbspot mit Holocaust, legen nun die Grünen ein Liedchen vor, von dem sich dem Zuhörer die Zehennägel hochbiegen.

Zum Mitschämen. Ich fasse es nicht. Was für Irre sitzen denn bitte im Baerbock-Wahlkampfteam? Das ist nicht nur eine Frage des (schlechten) Geschmacks, sondern auch strategisch deprimierend falsch, weil so etwas garantiert zum Shitstorm einlädt. Es erinnert fatal an die Nahles-Sangeseinlage am Bundestagsrednerpult. Aber das war ein Fehler einer einzelnen Person. Außerhalb des Wahlkampfes.




An „ein schöner Land“ wirkten aber offensichtlich viele Menschen aus der Parteispitze mit. Und keinem fällt auf, daß man damit nur Hohn und Spott generiert? Der Werbespot an sich ist also weniger das Problem, als die gruselige Erkenntnis, daß im Grünen-Hauptquartier immer noch so sagenhaft unprofessionell agiert wird, daß niemand rechtzeitig warnt.
Annalena Baerbock hat ihren Laden ganz offensichtlich nach wie vor nicht im Griff.

Wie sollte sie dann in der Lage sein, ein 82-Millionen-Volk  anzuführen?

[….] Der Spot richtet sich nach Angaben der Grünen vor allem an Menschen über 60 Jahren, die eher konservativ eingestellt sind. Der Parteivorstand mit Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock war zuvor in die Entwicklung des Werbespots eingebunden.  In den sozialen Netzwerken sind die Meinungen sehr unterschiedlich. Auf Twitter landete in kurzer Zeit das Wort »cringe« in den Trends, was häufig ein Gefühl des Fremdschämens ausdrücken soll. Einige lobten den Spot aber auch als Ohrwurm und passend für die gewünschte Zielgruppe. Außerdem äußerten sich mehrere Prominente. »Vielleicht WOLLEN die Grünen gar nicht gewählt werden!?«, fragte der Satiriker Jan Böhmermann auf Twitter. [….]

(SPON, 24.08.2021)

Noch bin ich bloß die Ü50-Alterskohorte, aber als jemand, der auch in absehbarer Zeit in die Ü60 aufrücken wird, empfinde ich eben diese Zuschreibung als besonders perfide von den Grünen. Alte sollen also gar keinen Geschmack haben?

Heute starb der Rolling-Stones-Schlagzeuger Charlie Watts im Alter von 80 Jahren. Rolling Stones. 80. Und die Grünen glauben, mit über 60 höre man grausige Volkslieder? Was für eine Unverschämtheit.

Montag, 23. August 2021

Mit militärischem Gerät am Hindukusch.

Der aktuelle SPIEGEL titelt, wenig überraschend, mit Afghanistan.

  Das sind informative, gut geschriebene Artikel, die ich gern empfehle.

Die Analyse der grotesken Fehler und Verbrechen des Westens ist wenig erfreulich zu lesen, weil so vieles davon seit Jahren bekannt ist.

Es ist die Geißel unserer Zeit; wir gehen sehenden Auges in die globalen Megaprobleme, wissen lange vorher was nicht funktioniert, wie man eigentlich handeln müsste, sind aber als Weltgemeinschaft kollektiv zu verblödet, um zu handeln. Klimakrise, Ressourcenverteilung, Digitalisierung, Corona-Impfstoff für Afrika, Waffenexporte, Decarbonisierung, Finanzmärkte, Turbokapitalismus, Lebensraumzerstörung, Flüchtlingsströme. Nichts kommt überraschend. Aber sogar auf nationaler Ebene in einem aufgeklärten reichen Land wie Deutschland, sind wir außerstande auf Tierwohl in der Landwirtschaft zu achten, drastische soziale Ungerechtigkeiten zu verhindern, Breibandinternet auszubauen, uns von der Kohleverstromung zu trennen.

Die brutale Amoralität der NATO, der USA und Deutschlands in Afghanistan passt also ins Bild.

Weil Washington, Brüssel und Berlin unfähig sind, sich eine andere Regierungsform als die eigene vorzustellen, musste nach der Zerschlagung Al Kaidas und der Vertreibung Mullah Omars, der Karsai-Popanz mit demokratischen Wahlen aufgebaut werden. Die Präsidentschaftswahlen von 2009 waren eine Farce aus Betrug und Korruption. Um das Gesicht zu wahren, wollte die UNO in Kabul einen zweiten Wahlgang durchführen lassen. Das wollte aber Afghanistan nicht.

[….] Im Morgengrauen des 28. Oktober überfielen drei Attentäter das Uno-Gästehaus in Kabul, erschossen die Wächter, drangen in den Hof ein und gingen daran, die knapp 30 Uno-Mitarbeiter zu ermorden. Bis sie unerwartet auf Gegenwehr stießen. Louis Maxwell, ein amerikanischer Ex-Militär und Sicherheitsbeamter, schaffte es anderthalb Stunden lang, die Angreifer von einem der Dächer aus in Schach zu halten. Hilfe der afghanischen Polizei, der Armee kam nicht – mitten in Kabul. Als die drei Angreifer ihre Selbstmordgürtel gesprengt hatten, wankte Maxwell ins Freie, telefonierten vier weitere Uno-Mitarbeiter noch, dass sie jetzt herauskämen.  Minuten später waren alle tot, die vier direkt von vorn erschossen, Maxwell, während er zwischen afghanischen Soldaten auf der Straße stand. Niemand von diesen zuckte, schaute auf, als ein einzelner Schuss Maxwell niederstreckte. Seine Leiche schleiften sie in den Hof. Erst ein zufällig von einem deutschen Sicherheitsmann von einem Dach mehrere Häuser weiter aufgenommenes Video von Maxwells Ermordung brachte die internen Uno-Ermittler Monate später auf die Spur. Doch alles sollte geheim bleiben. Im Sommer 2010 bat mich ein FBI-Ermittler um ein Treffen in Kabul. Auf die Frage, was nun geschehe, schüttelte er den Kopf: Es werde keine weiteren Ermittlungen geben. Washington wolle Karzai nicht desavouieren. Nach dem Anschlag wurde die Hälfte des Uno-Personals abgezogen und der zweite Wahlgang abgesagt. Hamid Karzai bekam seinen Sieg. [….]

(Christoph Reuter, SPIEGEL, 21.08.2021)

Nur einmal in der Geschichte Afghanistans gab es eine Hoffnung auf einen einheitlichen Nationalstaat. Nämlich als 1979 die sowjetische 40. Armee unter Marschall Sergei Sokolow mit 115.000 Mann eimarschierte. Anders als im Fall USA/NATO 2001, gab es 1979 immerhin den Hauch einer Legitimation, da die Regierung der Demokratischen Republik Afghanistan tatsächlich um Unterstützung aus Moskau gebeten hatte.

Assistiert wurde der Roten Armee von 55.000 afghanischen Soldaten, der DDR und Indien. Mit dieser gewaltigen Anzahl von Bodentruppen und Panzern gelang es der damaligen Supermacht fast, eine säkulare Kabuler Regierung im ganzen Land zu stabilisieren, in der keine Scharia galt und Frauen gleichberechtigt waren.

Bekanntlich wurden aber an die 200.000 radikal-islamische Mudschahedin (unter ihnen Osama bin Laden) schlauerweise massiv von Bonn, der USA, Israel, Ägypten, England, Pakistan und Saudi-Arabien aufgerüstet.  Die USA sorgen maßgeblich dafür, daß die Islamisten gewannen, die Menschenrechte ausgehebelt wurden.

Inzwischen ist es quasi ein Sigature-Move der US-Außenpolitik, ihre eigenen Kriegsgegner zuvor selbst massiv aufzurüsten.

Wie schon der Irak unter Saddam Hussein, bekamen auch die Mudschahedin Afghanistans ihre Waffen aus den USA, bevor ihnen Washington den Krieg erklärte und ein gewaltiges Chaos mit mindestens 500.000 Toten anrichtete.

Und weil der Fehler so massiv war, wiederholten die USA mit dem einseitig von Trump und den Taliban im Frühjahr 2020 bekannt gegebenen Rückzug diesen Kardinalfehler. Die nun unter Biden endgültig abziehende US-Army hinterließ gewaltige Waffenarsenale, die sich nun vollständig in den Händen der Taliban befinden. Fabrikneue US-amerikanische Waffen im Wert von mindestens 50 Milliarden US-Dollar gelangten in den letzten Wochen an die Taliban.

[….] Keine Hightech-Armee, aber doch moderne Sturmgewehre und MGs, etwas Artillerie, geländegängige Humvee-Jeeps, minensichere MRAPs -Truppentransporter. Keine echte Luftwaffe, sondern nur zwei Dutzend A-29 Tucano-Jets: Das Turbo-Prop-Flugzeug war geeignet, die Taliban anzugreifen, wenn sie Stützpunkte und Checkpoints der Armee attackieren sollten. Dazu Helikopter und Transportflugzeuge. Dem Wall Street Journal zufolge waren es bis 2016 mehr als 200 Maschinen. Das Gerät sollte robust sein, leicht zu warten. Das kommt nun aber den Taliban zugute, die sich nach 20 Jahren Krieg auskennen. War in Afghanistan früher die Kalaschnikow die Waffe der Wahl, haben viele der Kämpfer längst US-Sturmgewehre. Auf den Videos und Selfies in den digitalen Medien halten die Kämpfer stolz M-4-Karabiner, M-16-Gewehre und amerikanische Scharfschützengewehre in den Händen. Sie hatten solche US-Waffen bereits während der jahrelangen Kämpfe erbeutet. Aber jetzt sind ihnen die Bestände aus den Armee-Lagerhäusern in die Hände gefallen: Ein Arsenal, über 20 Jahre angehäuft. [….] Dem Wall Street Journal und CNN zufolge wurden allein zwischen 2003 und 2016 an Kabul 600 000 Sturmgewehre und andere Handfeuerwaffen geliefert. Dazu MGs, Pistolen, Minen, Mörsergranaten, kleinere Raketen, Panzerfäuste, Nachtsichtgeräte, Funkausrüstung, Helme, Schusswesten, Uniformen.  Zwischen 2013 und 2017 sollen zudem 76 000 Fahrzeuge ins Land gekommen sein, so der Sender unter Berufung auf US-Behörden. In den nächsten zwei Jahren seien noch einmal fast 4700 Humvee-Geländewagen dazugekommen, 7000 MGs, Granaten. In den Depots müssen demnach auch Unmengen an Munition lagern: Allein in zwei Jahren kamen 18 Millionen Schuss nach Afghanistan. [….]

(Tomas Avenarius, 22.08.2021)

Ich bin sicherlich kein Militär-Experte und verstehe nichts von Waffen.  Aber ausgerechnet die Hintermänner des 9/11-Anschlages von 2001 nun erneut mit einem derartigen Waffenarsenal auszustatten, erscheint mir doch eher unklug.

Das könnte ein Schachzug aus dem lehrreichen Film IDIOCRACY sein, der am Freitag, den 27.08.2021 auf Tele5 läuft und den ich jedem als Parabel für die aktuelle Politik empfehlen möchte.

Die US-Amerikaner haben George W. Bush im Jahr 2.000 aufgrund ihres grotesk unfairen Wahlrechts mit MINDERHEIT zum US-Präsidenten und Oberbefehlshaber gewählt. Sie haben ihn aber, weit schlimmer, nach dem Bekanntwerden all seiner Lügen und der totalen Desaster zweier Kriege im November 2004 wiedergewählt. GWB hatte 2001 grünes Licht von dem UN-Sicherheitsrat Al-Kaida und die Taliban-Herrschaft zu zerschlagen.

Der Angriffskrieg auf den Irak 2003 war aber illegal und desaströs. Das begriffen glücklicherweise Joschka Fischer und Gerhard Schröder sofort. Nicht aber eine gewisse Angela Merkel, die ganz begeistert von dem Plan war und eigens nach Washington reiste, um vor GWB Kotau zu machen, weil sie unbedingt am Irakkrieg die Bundeswehr beteiligen wollte.

GWB hatte natürlich auch kein Placet, um nach der Niederschlagung der Al Kaida in Afghanistan sitzen zu bleiben, um eine westliche Demokratie, wie sich das klein George in Texas so vorstellt, zu installieren.  Bush, Blair, die GOP, Merkel, Pflüger, Schäuble waren vollständig borniert und nahmen weder Experten noch historische Tatsachen zur Kenntnis.

[…..] Aber keiner - kein Präsident und kein General, kein Aufbauhelfer und keiner der unzähligen Besserwisser und Ankläger der letzten Tage - konnte das prinzipielle Dilemma Afghanistans lösen: dass es sich nämlich nicht um einen Staat handelte, der nach herkömmlichen Vorstellungen zu regieren, zu beherrschen und zu befrieden sein würde. Afghanistan ist ein historischer Konstruktionsfehler, in seinen Landesgrenzen das Abfallprodukt gescheiterter Kolonialpolitik und der britisch-russischen Großmachtsrivalität, ein Kunststaat an der Schnittstelle von Kontinenten und Religionen, unwirtlich und unzugänglich, vielleicht das komplizierteste Gebilde der Welt. Entscheidend für das Verständnis des Landes ist die Stammesordnung, die keine Grenze, aber dafür ihre eigenen Gesetze kennt - niemals aber den Frieden.  Die afghanische Geschichte besteht aus einer endlosen Aneinanderreihung von Kriegen, die entweder zwischen paschtunischen Stämmen oder gegen den äußeren Feind aus Persien, Indien, Russland oder zuletzt die USA geführt wurden.  [….]

(Stefan Kornelius, 21.09.2021)

Noch einmal; keine dieser Informationen ist geheim. Man hätte das jederzeit einfach googeln können. Oder im Jahr 2001 den Fernseher einschalten können. Da saßen rund um die Uhr Peter Scholl-Latour und Kollegen, die das alles dem breiten Publikum erklärten.

Ich frage mich nur, ob der große US-Freund Scholl-Latour sich hätte vorstellen können, daß  Washington und das Pentagon so sagenhaft verblödet sein könnten, zum dritten Mal ihre islamischen Todfeinde mit modernsten Waffen im Wert von zig Milliarden aufzurüsten.

Sonntag, 22. August 2021

Nerven behalten und Nerven verlieren

Jetzt erscheinen wieder die Artikel, die darauf hinweisen, daß Umfragen zur Bundestagswahl lediglich augenblickliche Stimmungen einfingen. Die Wahl sei aber noch lange nicht entschieden. Online gewonnene, möglicherweise nicht sehr repräsentative Daten, die nichts mit Wahlprognosen zu tun hätten.

Jede Partei, die von den Demoskopen böse Nachrichten bekommt, verbreitet mit größtmöglicher Ruhe, sich davon nicht nervös machen zu lassen.

„Wir wollen keine Umfragen gewinnen, sondern Wahlen“.

Man verweist, je nachdem, ob man gerade auf der demoskopischen Gewinner- oder Verliererseite steht, wie grandios die Institute sich irrten (zB Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2021), oder aber wir präzise die Zahlen tatsächlich waren (zB. Landtagswahl Baden-Württemberg 2021, Bund 2013).



„Umfragen sind keine Wahlergebnisse“ – diese Binsenweisheit ist natürlich absolut richtig.

„Ich interessiere mich nicht für Umfragen, sondern nur für Wahlergebnisse“ – diese Schutzbehauptung ist natürlich immer gelogen.

Umfragen sind die Drogen der Politiker. Man kann sich ihnen kaum entziehen; wer erliegt nicht dem Reiz, vermeidlich in die Zukunft sehen zu können?

Ich bekenne, ebenfalls ein Junkie zu sein und neue Umfragen stets aufmerksam zu verfolgen, ohne mir genügend bewußt zu machen, wie wenig aussagekräftig sie sind.

Unter prominenten Politikern findet man kaum einen, der zugibt, sich immer auf der Jagd nach dem nächsten demoskopischen Schuss zu befinden.  All die Smombies, die rund um die Uhr auf ihre Klugtelefone starren, um ihre Likes in den Social Media zu checken, sollten nicht allzu überheblich auf Umfrage-verrückte Wahlkämpfer gucken.

[…..] Im Leben von Dietmar Bartsch ist fast immer Sonntag. Da draußen in der Realität kann es noch so sehr Montag, Mittwoch oder Freitag sein, ein Spitzenpolitiker wie Bartsch muss sich permanent mit der Frage herumschlagen, wie viel Prozent der Wahlberechtigten seine Linkspartei wählen würden, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre.   Wahrscheinlich gibt es keine Frage, die den Deutschen häufiger gestellt wird als die nach diesem fiktiven Tag. Es existiert ja nur alle vier Jahre ein Sonntag, an dem tatsächlich eine Bundestagswahl stattfindet, das nächste Mal am 26. September. Aber Deutschland ist inzwischen auch ein Land, in dem im Rhythmus der aufgehenden Sonne simuliert wird, der 26. September sei schon angebrochen. Bartsch sagt: "In manchen Wochen kriege ich sieben Sonntagsfragen."   Mittwochs ist traditionell Forsa-Tag. Donnerstags vermelden die Forschungsgruppe Wahlen und Infratest Dimap ihre Ergebnisse. Die Zahlen von Kantar erfährt Bartsch am Freitag. Das Institut Insa ist inzwischen zweimal die Woche mit einer frischen Sonntagsfrage auf dem Markt, sonntags und dienstags. Dazu kommen noch die tägliche Civey-Umfrage sowie die etwas seltener erscheinenden Erhebungen von Allensbach, GMS, Yougov und Ipsos. Dieses demoskopische Dauerrauschen empfinden viele Politiker als lästig. Aber wahrscheinlich würden die wenigsten so offen wie Dietmar Bartsch zugeben, dass es sich auch um eine Art Rauschgift handelt. "Wir Politiker sind fast alle Umfrage-Junkies", sagt er. "Man muss sich davon lösen, aber das ist unmöglich." [….]

(Boris Herrmann, 07.07.2021)

Umfragen sind aber nicht nur eine Droge für Politiker, die wiedergewählt werden möchten und diejenigen, die sich für Wahlen interessieren.

Umfragen sind auch selbst Politik, denn Umfragetrends beeinflussen das Wahlverhalten. Wähler kreuzen nicht gern die Partei an, die wie der sichere Verlierer aussieht, die sich über Monate und Jahre im demoskopischen Keller befindet.

Deswegen ist es so wichtig und durchaus relevant für die SPD, daß nach vier Jahren der permanenten Sonntagsfragen-Demütigungen Bewegung in den Zahlenwust kommt.

Etwas, das seit den frühen Tagen von Martin Schulz undenkbar war, passiert gerade: Die SPD Liegt in einigen Befragungen auf Augenhöhe mit der CDU/CSU.

Bessere Umfragedaten beeinflussen auch, wie Politiker medial dargestellt werden. Journalisten stellen ihnen anderen Fragen, nehmen sie subtil ernster.

Auch wer bisher nicht daran dachte SPD zu wählen, weil ihm die Stimme verschenkt vorkäme, kann sich das nun doch wieder vorstellen, weil er damit auf der Gewinnerseite stehen könnte und dazu beiträgt, den Katholiban-Trottel Armin Laschet aus dem Kanzleramt fern zu halten.

Wer hätte das gedacht? Endlich macht die SPD etwas richtig, endlich folgt sie dem was ich seit zehn Jahren auf diesem Blog schreibe: Linke Gremienkönige, die wie Saskia Esken oder Kevin Kühnert nie regiert haben und sich vor allem für die eigene Partei und Gerd Schröder schämen, halten endlich die Klappe und sitzen schweigend im Hinterzimmer.

Die Arbeit des Wahlkampfes überlassen sie dem Profi Olaf Scholz, auf dessen Rücken die alte Tante SPD an Fahrt gewinnt, während die Union mit dem ans Bein gebundenen Bremsklotz Laschet kämpft.

Ideal ist das immer noch nicht. Besser wäre es natürlich, wenn die Parteizentrale professionell und engagiert Scholz unterstützte, statt grummelnd abzutauchen. Es ist nicht die begeisterungsfähige SPD aus den späten 1990ern, die Schröder auf über 40% trug.   Aber durch den Hamburger Olaf-Turbo sieht es schon mal viel besser aus, als man seit 2017 jemals hoffen konnte.

Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Willy Brandt-Haus und weiterhin die Jusos im Zaum halten.

Bei den Schwarzen erleben wir die spiegelbildliche Situation. Sie starren natürlich ebenfalls auf die Umfragen und schaffen es erkennbar nicht mehr, ruhig zu bleiben und Zuversicht auszustrahlen.

Eine 20%-CDUCSU bedeutet nämlich nicht nur, daß Laschet vermutlich nicht Bundeskanzler wird, sondern auch, daß sehr viele schöne Pöstchen verloren gehen, daß viele C-Abgeordnete demnächst arbeitslos werden.

Der ultrakonservative Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß versucht sich bereits in heller Aufregung von seinem Kanzlerkandidaten abzusetzen und setzt auf sein dreist lügendes Idol Friedrich Merz.

[…..] „Ich halte es für wichtig, dass in unserem Wahlkampf noch weitere Köpfe sichtbar werden, die die ganze Breite der Union darstellen und Strahlkraft für bestimmte Themen haben“, sagte Christoph Ploß in einem Interview mit „Die Welt“.  […..]

(Mopo, 22.08.2021)

Ein heftiger Absturz droht der Union in Bayern.

Die Partei, die noch unter Stoiber eine Zweidrittelmehrheit im Landtag bekam, dümpelt nun nur noch bei einem Drittel. Der Sonnenkönig Markus Söder, CSU-Chef, Ministerpräsident, feuchter Traum aller JU-Jungs und Beinahe-Kanzlerkandidat, steht auf einmal intern unter heftiger Kritik, weil er die konservativen Themen derzeit nicht mehr herausposaunt.

[…..] Markus Söder hat zwar nach eigenem Bekunden keinen Bock auf Opposition, doch inzwischen sieht es so aus, als ob immer weniger Menschen Bock auf eine unionsgeführte Bundesregierung haben. Die neuen Umfrageergebnisse vom Wochenende sind aus der Sicht der CSU niederschmetternd: Nur noch 34,5 Prozent der Befragten würden in Bayern bei der Bundestagswahl die CSU wählen. [….]

(Sebastian Beck, 22.08.2021)

Auch der fromme Armin selbst wird nervöser und produziert schneller denn je Panne auf Panne, redet immer unsinniger daher.

[…..]  »Ich werde kämpfen, damit nicht die Ideologen dieses Land übernehmen«, rief Laschet zuvor in den Saal, sehr zur Freude der Anwesenden.  […..]

(Spon, 21.08.2021)

Eine hanebüchene Warnung, denn Olaf Scholz ist ganz sicher eins nicht: Der klassische linke Ideologe, vor dem man so eine Angst haben muss!

Peinlichkeit reiht sich an Peinlichkeit.

Der CDU-Mann, der bequem die antisemitische Ideologie des Kandidaten Hans-Georg Maaßen aussitzt, instrumentalisiert nun das Holocaust-Mahnmal in Berlin für Werbezwecke.

In einem Werbevideo imitiert Laschet die RTL-Reporterin Susanna Ohlen, die sich für mehr Dramatik bei der Flut-Berichterstattung mit Matsch eingerieben hatte, indem er sich bei einem Besuch einer Zeche kräftig die Bäckchen mit Ruß beschmierte.

Und nun kommt auch noch Rezo und mischt die Erstwähler auf.

Samstag, 21. August 2021

Aus und Verklärung

US-Amerikaner wissen grundsätzlich so gut wie nichts über europäische Politik.

Wenn man auch noch bedenkt, mit welcher Sorte konservativer Politiker sie es zu tun haben, versteht man wie großartig ihnen Angela Merkel erscheint.


Viel Richtiges ist nicht dabei. Merkel regierte 16 und nicht 18 Jahre als Kanzlerin. Der Quantenchemiker ist ihr Ehemann und nicht sie selbst.  Und von „skandalfrei“ kann nun wirklich keine Rede sein.

Bel Air in Kalifornien, daher stammen diese Lobhudeleien, ist weit weg. Aber auch die liberalen normalen Menschen in Deutschland lobpreisen die Kanzlerin fern jeder Realität.

80% der Deutschen sind mit Merkel zufrieden. Das deprimiert mich, weil es zeigt wie wenig Urteilsvermögen beim Urnenpöbel herrscht, andererseits gibt es mir auch Hoffnung, da diese enorme persönliche Verklärung der Kanzlerpräsidentin offensichtlich ein enormer Faktor der vergangenen CDU/CSU-Wahlerfolge war. Ein Faktor, der nun ausfällt und Armin Laschet noch dämlicher aussehen lässt.


Die Verklärung der Merkelschen Regierungsjahre ist aberwitzig.

Von Anfang an erfüllte sie einseitig die Wünsche der Großindustrie, die für die CDU spendete. Es begann mit der privaten Geburtstagssause des Deutsche Bank-Chefs Ackermann im Kanzleramt. Der Mann hatte so exklusiven Zutritt zu ihr, daß er ihren privaten Fahrstuhl benutzen durfte, um jederzeit direkt in ihr Büro zu kommen. Als die Banken sich dann in der Mega-Krise 2008/9 katastrophal verspekulierten, übernahm der deutsche Steuerzahler ihre Verluste. Unter Merkel hieß es Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren.

Die Christin Merkel war 16 Jahre lang die ganz große Lobbyistin der deutschen Rüstungsindustrie, nahm die Knarren-Hersteller im Regierungsjet mit, sorgte für einen Waffenexport-Rekord nach dem anderen.

Bis heute erfüllt sie den Mächtigen und Superreichen jeden Wunsch, während die wenigen „Bürgerdialoge“ ohne jede Folge blieben.

 Nach 16 Jahren Merkel ist Deutschland daher sozial gespalten wie nie. Die Reichen wurden rapide immer reicher, Millionen Menschen sind endgültig ins abgehängte Prekariat verbannt. Azubis und Ausbilder, Pflegebedürftige und Pfleger, Polizisten, Studierende, Eltern, Ehrenamtliche, Kulturschaffende, Mitarbeiter von Hilfstelefonen ließ sie dagegen demonstrativ im Regen stehen.

Merkels Wirtschafts- und Technologie-Politik beschränkte sich ebenfalls darauf, den Lobbyisten der Uralt-Technologien, die am lautesten schrien, Steuermilliarden nachzuwerfen.

Hartnäckig sorgte ihre Partei dafür, daß Abgeordnetenbestechung lange legal blieb, daß Lobbyisten vollen Zugang zu den Ministerien behalten und jedes Transparenzgesetz (bis 2021) verhindert wurde. Eine sinnvolle Klimapolitik wurde von Merkel persönlich verhindert.

Im Ergebnis verfügt Deutschland nun über die schlimmsten CO2-Schleudern Europas.

[….] Die größten Klimasünder in Europa sind weiterhin die großen Kohlekraftwerke in Deutschland - sie besetzen sieben Plätze im Top-10-Ranking:

    Platz 1: Das weltgrößte Braunkohlekraftwerk Belchatow / Polen

    (rund 38 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 2: Das Braunkohlekraftwerk Neurath / Deutschland

    (rund 30 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 3: Das Braunkohlekraftwerk Niederaußem / Deutschland

    (rund 26 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 4: Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde / Deutschland

     (rund 23 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 5: Das Braunkohlekraftwerk Weisweiler / Deutschland

    (rund 17 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 6: Das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe / Deutschland

    (rund 12 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 7: Das Braunkohlekraftwerk Lippendorf / Deutschland

    (rund 12 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 8: Das Braunkohlekraftwerk Kraftwerk Maritza-Ost II / Bulgarien

    (rund 11 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 9: Das Braunkohlekraftwerk Boxberg / Deutschland

    (rund 10 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 10: Die irische Billigfluglinie Ryanair

    (rund 10 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß) [….]

(Deutschlandfunk, 03.04.2019)

Dafür verlor Deutschland während der 16 Merkel-Jahre bei nahezu jeder Zukunftstechnologie den Anschluss.

Deutschland kann weder Off Shore Windräder aufbauen (weil es kein  einziges deutsches Errichterschiff mehr gibt), noch Computer, Smartphones oder weltmarkttaugliche Elektroautos bauen. Let alone „5G“ oder künstliche Intelligenzen – Dank Merkel sind wir überall abgehängt. Deutsche Großprojekte (BER, Stuttgart21) sind internationale Lachnummern und die Bundeswehr ist ein Schrotthaufen.

Dafür haben wir das langsamste Internet Europas, das ungerechteste und altmodischste Schulsystem und verarmte Universitäten, die Spitzenforschung längst aufgegeben haben.

16 Jahre lang verantwortete Merkel den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Sie ließ sich allerdings so gut wie nie dort blicken und kümmerte sich auf internationaler Ebene kaum um das Thema. Es endet nun im Desaster; Merkels Desaster. Durch ihr Führungsversagen irrlichterten gleich zwei politische Freundinnen ohne jede Expertise als Verteidigungsministerinnen durch den Krieg am Hindukusch. Auch das ist typisch Merkel: Personalpolitik kann sie nicht. In 16 Jahren gab sie nur zwei Regierungserklärungen zu Afghanistan ab.

[….] Im August 2021 steht Merkel nun kurz vor dem Ende ihrer Kanzlerschaft und muss damit rechnen, dass die dramatischen Bilder vom Flughafen in Kabul ihren Abschied aus dem Amt schwer belasten.  [….] In den ersten Jahren ihrer Kanzlerschaft hatte das Engagement der Bundeswehr am Hindukusch für sie keine Priorität. Das Militärische war Merkel insgesamt fremd, das Verteidigungsressort in ihrem ersten Kabinett hatte sie an Franz Josef Jung vergeben, aus CDU-internen Proporzgründen. Erst zwei Jahre nach ihrer Wahl flog sie erstmals nach Kabul. 2009 verlieh sie im Wahlkampf persönlich die neu geschaffenen Tapferkeitsmedaillen an Afghanistan-Heimkehrer. [….] 2010 dann nahm sie erstmals an einer Trauerfeier für gefallene Soldaten teil. Und sie machte sich ausdrücklich den Satz des früheren SPD-Verteidigungsministers Peter Struck zu eigen, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. [….][Es] bestand in Berlin wie in Kabul die Hoffnung, viele der hoch qualifizierten Afghanen im Land halten zu können. Doch wer wirklich gefährdet sei, hieß es in der Delegation Merkels, "den holen wir raus".  Mit dem Ende der Ausbildungsmission "Resolute Support" und damit dem endgültigen Abzug auch der Bundeswehr aus Afghanistan erreichte dieses Thema im Frühsommer 2021 wieder das Kanzleramt. [….] Merkel [….] habe [….]  intern frühzeitig dafür plädiert, alsbald auf Charterflüge umzusteigen, statt die Ortskräfte selbst Linienflüge buchen zu lassen. Die Begrenzung wurde alsbald aufgehoben, was allerdings zwangsläufig zu einer höheren Zahl an Anträgen führen musste. Deshalb wäre es nur konsequent gewesen, wenn Merkel auch die vereinfachte Ausreise mit Charterflügen durchgesetzt hätte. Hat sie aber nicht. [….] Ein wichtiger Unterschied zwischen Linienflug und Charterflug liegt in der Visa-Frage. An Bord eines Linienfluges[….]  könne man nur mit einem Visum gelangen. [….]. Bei Charterflügen können die Visa-Anträge nach der Landung in Deutschland erledigt werden - von der Bundespolizei. [….]

(Niko Fried, 20.08.2021)

Selbst nach dem Fall Kabuls, als schon die Horrorszenen vom Flughafen um die Welt gingen, scherte sich die deutsche Regierungschefin nicht darum.

[….] Inzwischen hat ja sogar die Kanzlerin ihren Instinkt verloren. Am vergangenen Montag haben Bundeswehrsoldaten unter Einsatz ihres Lebens begonnen, Menschen aus Kabul zu retten, die von Merkels Regierung durch skandalöse Nachlässigkeit in Lebensgefahr gebracht worden waren. Und an jenem Montagabend ist Merkel einfach ins Kino gegangen. Das war kein Glanzlicht ihrer Kanzlerschaft. Auf Seiten der Unionsparteien ist eine gefährliche Lage entstanden.  […]

(Robert Rossmann, 21.08.2021)

Hauptverantwortlicher für das deutsche Afghanistandesaster ist der unter der Aufsicht des Kanzleramts stehende BND.

Was für ein Totalschaden der angeblich so erfahrenen Kanzlerin!

Die Geheimdienste werden in ihrem Kanzleramt koordiniert. Zuständig sind ihr Kanzleramtsminister Braun (CDU) und sein Staatssekretär Geismann (CDU).

[….] Das Bundeskanzleramt ist für die Angelegenheiten des Bundesnachrichtendienstes (BND)  zuständig. Der BND ist dem ChefBK unterstellt. Sein Vertreter ist Staatssekretär Johannes Geismann. Dieser nimmt gleichzeitig die Aufgabe des Beauftragten der Bundesregierung für die Nachrichtendienste wahr.  In dieser Funktion koordiniert und intensiviert Staatssekretär Geismann die Zusammenarbeit der drei Nachrichtendienste des Bundes untereinander und ihre ressortübergreifende Zusammenarbeit mit anderen Behörden und Dienststellen.  Die Nachrichtendienste sind verschiedenen Ressorts zugeordnet. Der Bundesnachrichtendienst ist dem Bundeskanzleramt zugeordnet, das Bundesamt für Verfassungsschutz dem Bundesministerium des Innern und der Militärische Abschirmdienst dem Bundesministerium der Verteidigung. [….]

(Bundesregierung)

BND und MAD waren aber entweder selbst total ahnungslos oder ihre Bedenken fanden keinen Anklang bei Braun und Merkel.

In den 16 Jahren Merkel vervielfachten sich die rechtsextremistischen Anschläge, wuchs der Antisemitismus, etablierte sich eine faschistische Partei in Deutschland. Es verfestigten sich die rechtsextremen Strukturen. Rechtsradikale Terroristen morden ungestört. In den ostdeutschen Bundesländern gibt es NO-GO-Areas, in die sich Menschen mit dunkler Hautfarbe, Schwule, "alternativ Gekleidete" oder als Juden erkennbare Bürger nicht hinwagen dürfen. Merkel zeigte nie das geringste Interesse dagegen vorzugehen.

Merkels einziger Draht zu Wladimir Putin war ihr hartnäckiger Kampf gegen die Ehe für Alle, aber ansonsten liegt die Russland-Politik in Trümmern. Sie verspielte den enormen Einfluss, den Deutschland unter der Schröder-Fischer-Regierung in Moskau hatte, komplett. Nach einigen Bemühungen den Draht zu Berlin aufrecht zu erhalten, wandte sich der russische Präsident ab und ignoriert die Kanzlerin. Es ist auch Merkels Totalversagen.

[….] Es war eine bittere Bilanz, die Angela Merkel bei ihrem Abschiedsbesuch in Moskau zog. In 16 Jahren als Kanzlerin sei sie 16 Mal in Moskau gewesen, sagte sie. In dieser Zeit hätten sich die politischen Systeme Deutschlands und Russlands "noch weiter" auseinander bewegt. Und Autokrat Wladimir Putin? Der spottete während der gemeinsamen Pressekonferenz wie zum Beweis über westliche Demokraten. [….]

(Silke Bigalke, 20.08-2021)

Es passt ins Bild, denn Merkels außenpolitische Bilanz kann man nicht anders als katastrophal bezeichnen.

(….) Am schlimmsten sieht es aber international aus – nach 16 Jahren als „Führerin Europas“ liegt die EU in Scherben; die Strukturen sind überaltert, GB ist ausgetreten, global spielt die EU kaum noch eine Rolle, Osteuropas Potentaten tanzen Brüssel nach Belieben auf der Nase herum, weil Merkels Abgesandte, Kommissionspräsidentin von der Leyen, bei ihrer Wahl auf die ungarischen und polnischen Stimmen setzte und sich nun nicht traut zu widersprechen, wenn dort LGBTIs gejagt, Pressefreiheit abgeschafft und Justiz gleichgeschaltet wird.

Nach sieben Jahren Schröder erlebte die EU 2005 eine Blütezeit. Frankreich und Deutschland arbeiteten so eng zusammen, daß die Regierungschefs wechselseitig auch das andere Land vertraten. Es gab enge Konsultationen mit Warschau und Moskau, die Politik im Nahen Osten gegenüber der USA war straff abgestimmt und effektiv. Merkel hat all das in 16 Jahren kaputt gemacht. Man misstraut Deutschland in der EU, zieht nicht mehr an einem Strang, die Russland-Politik ist ein Trümmerfeld.

Merkels 80%-Zufriedenheitswerte sind nur mit der Generalverblödung des Volks zu erklären. (….)

(Aufwachen, RRG, 10.08.2021)


Eine „europäische Verteilung“ der afghanischen Flüchtlinge ist unmöglich, da Merkels Kanzlerschaft, insbesondere das antieuropäische Wüten ihres langjährigen Finanzministers Schäuble, die gehässigen Sprüche ihres Fraktionschefs Kauder („in Brüssel wird wieder deutsch gesprochen“) und ihre eigene Untätigkeit jedes Vertrauen ruiniert haben.

Alles ist relativ. Verglichen zur AfD ist Merkel liberal. Verglichen zu Johnson, Erdoğan, Orbán, Bolsonaro ist Angela Merkel selbstverständlich ein Ausbund der Kompetenz und Bescheidenheit.

Trump und seine GOP-Pfeifen als Vergleich heranzuziehen, machen keinen Sinn. In Relation zu ihnen wären auch Kader Loth und Lothar Matthäus geniale Politiker.

Aber absolut betrachtet, oder in Relation zu den drei sozialdemokratischen Bundeskanzlern, ist Merkel eine außerordentlich schlechte Regentin, die besser heute als morgen in Rente ginge.

Freitag, 20. August 2021

Unvorstellbare Realität

Eine Entwicklung, die wir seit 2015 mit dem Einzug des Trumpismus, aus den USA kennen, schwappt immer mehr über nach Deutschland.

Die reale Welt dehnt sich in die satirische Sphäre aus.

Es gibt inzwischen so große Schnittmengen, daß Meldungen aus Satireportalen absolut glaubwürdig wirken. Die realen Politiker Trump und Johnson scheinen sich einen regelrechten Überbietungswettbewerb zu liefern, wer noch irrer als Satire sein kann.

Nach der Wahlnacht der Supermacht USA, lädt der Anwalt des mächtigsten Mannes der Welt die internationale Presse in den Hinterhof eines Krematoriums, um vor einem Sexshop Märchen zu erzählen.

Dabei furzt er vernehmlich und ihm läuft schwarze Schuhcreme aus den Haaren über das Gesicht.  Wäre so eine Parodie in einer zweitklassigen Sketchshow gelaufen, hielte man es für drastisch übertrieben und geschmacklos.

Fassungslosigkeit auch im deutschen Wahlkampf.

Der betuliche Chef und Spitzenkandidat der konservativen CDU steht inmitten einer Jahrhundertflut in seinem Bundesland mit 180 Todesopfern in einer Trümmerszenerie und läßt sich feixend mit ausgetreckter Zunge filmen.

Das kann man sich nicht ausdenken.

Armin Laschet, die Inkarnation der peinlichen Pannen, ist inzwischen berüchtigt dafür, keinen Auftritt ohne Blamage hinzulegen. Wenn er doch einmal einen Termin ohne Desaster hinter sich bringt, aber frisierte Pressemeldungen dazu auftauchen, halte ich sie zunächst einmal für wahr.

Einige der lustigsten Satire-Nachrichten über den CDU-Wahlkampf stammen vom POSTILLON.

[…..] Um CDU zu schwächen: Politische Gegner hängen Laschet-Plakate auf!  […..]. In den letzten Wochen vor der Bundestagswahl greifen die Konkurrenzparteien der Union nun zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Linke, Grüne, FDP, Sozialdemokraten und andere plakatieren keine Werbung für sich, sondern setzen auf CDU-Plakate mit dem Konterfei Armin Laschets.  "Klimagleichgültigkeit, Arbeitnehmerfeindlichkeit und Korruption sind alles Dinge, die man gegen die Christdemokraten ins Feld führen kann", sagt etwa die Linken-Wahlkämpferin Jasmin Steinmetz, während sie ein Laschet-Plakat über ein Plakat ihrer eigenen Partei klebt. "Aber am Ende - das merken wir in vielen Gesprächen - ist Armin Laschet doch das beste Argument gegen die CDU." [….]

(dpo, 16.08.2021)

[…..] Hier kann nichts schiefgehen: Damit er die Umfragewerte der Union durch unbedachte Äußerungen, peinliche Behauptungen, unangebrachte Lacher und andere Pannen nicht noch weiter nach unten zieht, hat die CDU ihren Spitzenkandidaten Armin Laschet heute zu einem "Wahlkampftermin" auf einen einsamen Acker in Brandenburg geschickt. […..] Auch den Rest der Woche haben die Strategen der CDU mit neuen Terminen vollgepackt. Morgen geht der Wahlkampf mit einem Meet and Greet auf einer Sandbank in der Ostsee weiter, bevor übermorgen ein Auftritt in einem dichten Fichtenwald im Harz ansteht.  [….]

(dpo, 19.08.2021)

Satire funktioniert nicht, wenn die ironisch überhöhten Geschichten keinen wahren Kern haben.  Der CDU/CSU-Kanzlerkandidat wird inzwischen aber allgemein für so peinlich gehalten, daß jeder diese Witze versteht. Inzwischen sind es aber keine Witze mehr, sondern die bittere Realität der engagiertesten CDU-Mitglieder und Wahlkämpfer.

 [….] Der Unmut in der CDU über die Lage der Partei sowie die mangelnde Beliebtheit von Kanzlerkandidat Armin Laschet schlägt sich nach SPIEGEL-Informationen zunehmend auch in internen Chats nieder.  In einer WhatsApp-Gruppe mit dem Titel »Team CDU« von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Parteizentrale, Bundestagsabgeordneten und Mitgliedern vor Ort beklagte sich diese Woche ein Wahlkämpfer über die Situation.  Das Hauptproblem sei inzwischen, den Kanzlerkandidaten »schmackhaft« zu machen. »Wir wussten nicht, wo wir die Laschet-Plakate hinhängen sollen, sodass wir den wenigsten Schaden machen«, schrieb er. »Am Ende hängt man sie dort auf, wo uns im Zweifel eh nur wenige Leute wählen.«  An Wahlkampfständen sei Laschet das Hauptthema. Mehrere Gruppenmitglieder reagierten mit »vollster Zustimmung« und »Daumen hoch«-Emoticon. [….] Ein Gruppenmitglied beschrieb die derzeitige Kommunikationsstrategie als »Wahlkampf from hell«. [….]

(SPON, 20.08.2021)

Zur Geschichte der Rochade von Realität und Satire gehört in diesem Wahlkampf auch die Kanzlerambition des Olaf Scholz.

Der bereits vor einem guten Jahr, am 10. August 2020, von den Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, sowie dem Parteivorstand der SPD als Kanzlerkandidat 2021 nominierte Scholz, verkündet seither auf seine ruhige und sachliche Art, er wolle Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden und die SPD solle die nächste Bundesregierung anführen.

Kaum ein in der Realität angesiedelter Journalist nahm das ernst. Man spottete über den Realitätsverlust der SPD. Satiresendungen blendeten zu den Scholz-Ambitionen Hintergrundgelächter ein.

Fünf Wochen vor dem Wahltermin ist ein Bundeskanzler Olaf Scholz aber alles andere als ein Witz, sondern sehr realistische Option. Kräftige Schützenhilfe bekommt die SPD dabei nicht nur vom debakulierenden CDU-Chef, sondern auch der völlig überforderten grünen Kanzlerkandidatin. Baerbock führte ihre Partei in den freien Fall – von 28% in den Umfragen vor vier Monaten auf nun 17%.

[….] Plötzlich ist denkbar, was Olaf Scholz und die SPD schon seit Monaten behaupten: Die Chance aufs Kanzleramt ist real. [….] Scholz tourt an diesem Tag durch Brandenburg. [….] Etwa im Rüdersdorfer Zementwerk, östlich von Berlin. [….] Neben Scholz steht der örtliche Landrat, ebenfalls SPD. Ihm ist anzumerken, dass er schon nach wenigen Sätzen gedanklich woanders ist. Er schneidet Grimassen, löffelt Suppe, tigert ein bisschen herum. Auch viele der anwesenden Journalisten sind längst ausgestiegen.  Der Einzige, dem man noch abnimmt, dass er konzentriert zuhört, ist Scholz. Er steht regungslos da und folgt geduldig den Ausführungen zur Dekarbonisierung. Ab und zu zwinkert er. Mal deutet er ein Lächeln an, mal ein Nicken. Danach stellt er ein oder zwei Fragen, auch während der anderen Termine hält er sich eher zurück. Auf Co-Referate verzichtet er meist. Hinterher danken ihm die Leute für sein Interesse. Es klingt aufrichtig. [….] Kein Wunder, dass vielen, denen Scholz an diesem Tag begegnet, als Erstes ein Attribut einfällt, um ihn zu beschreiben. "Ruhig." Und sie alle meinen das anerkennend.  [….] Scholz ist inzwischen fast dreimal so beliebt wie seine Rivalen von CDU und Grünen, Armin Laschet und Annalena Baerbock. Ihn würden 41 Prozent der Deutschen direkt zum Kanzler wählen, Laschet bloß 16, Baerbock zwölf. [….]

(DIE ZEIT, 20.08.2021)

Donnerstag, 19. August 2021

Schwarze Abwärtsspirale

Zunächst einmal ein Mea Culpa. In den letzten Tagen, gab es in der Flut der Laschet-Pannen, zwei Peinlichkeiten, von denen ich auch erzählte, die aber offensichtlich in der Zwitscher-Szene sinnentstellend verbreitet wurden.

Als Laschet sich mit Elon Musk traf, fragte er ihn nicht nach Wasserstoff-betriebenen Teslas, so wie ich es auch transportierte. Er wurde nicht von Musk ausgelacht für seine Doofheit. Die Süddeutsche Zeitung berichtet heute von einem anderen Hergang der Story.

[…..] Die wenigen Zeugen, die dabei waren, haben die Szene allerdings ganz anders wahrgenommen. Erstens hat Laschet die Frage nach der Zukunft des Autos gar nicht selbst gestellt, sondern für einen deutschen Journalisten ins Englische übersetzt. Zweitens hat Musk - sicher ein Unternehmergenie, aber schon auch schwer verhaltensauffällig - schlichtweg bei jeder Frage wie ein Pausenclown gelacht.  [….]

(SZ, 19.08.2021)

Laschet plapperte zwar in der Tat eifrig das dümmliche Alice-Weidel-Sprech von 2015, das sich nicht wiederholen dürfe, nach. Aber er schloss nicht ganz so drastisch die Aufnahme afghanischer Flüchtlinge in Deutschland aus, wie es zuerst berichtet und auch von mir nacherzählt wurde.

[…..] Wegen einer falschen Meldung des WDR auf Twitter ("Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet möchte keine Flüchtlinge aus Afghanistan in Deutschland aufnehmen") geht Laschet im Auge eines Shitstorms schlafen. [….]

(SZ, 19.08.2021)

Die Union insgesamt zeigt sich aber von ihrer abscheulichsten menschenfeindlichen Seite. Sie ist nicht von der AfD zu unterscheiden.

[….] CSU-Politiker wenden sich gegen Aufnahme afghanischer Geflüchteter in Deutschland.  Während sich die Situation nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan weiter zuspitzt, ist sich die Union einig: Schutzsuchende sollen nicht nach Deutschland kommen. [….]

(SPON, 19.08.2021)

Nun liegt mir nichts ferner, als einen sehr religiösen CDU-Kandidaten in besserem Licht darzustellen, aber möglicherweise falsche Informationen will ich auch nicht stehen lassen. Es gibt schließlich 1.000 wahre Gründe, die es verbieten Laschet zum Bundeskanzler zu machen.

Die online kursierenden vielen Lascheseleien zeigen aber, daß die CDU nach sehr langer Zeit, nicht mehr als die Seriensiegerin angesehen wird, der man kleine Affären verzeiht.

Der Unionskandidat schmeckt vielmehr ein bißchen von dem was Schulz und Steinbrück und Schröder kontinuierlich erlebten: Eine sprungbereite Presse, die sich auch jeden noch so kleinen Fehler stürzt und ihn sofort mit einigen Übertreibungen angereichert weiterverbreitet.  Einem Kandidaten, der wie der sichere Sieger aussieht passiert das nicht.
Auf der anderen Seite werden die hämischen und herablassenden Bemerkungen über Olaf Scholz‘ Kanzlerambitionen leiser, weil es nun nicht mehr nur er selbst ist, der daran glaubt.

Vier Jahre lang waren die Umfragen der SPD deutlich unter dem Schulz-Negativrekord von 20,5% angesiedelt. Nichts und niemand schien das ändern zu können. Die Gründe dafür waren neben der Un-Professionalität des Willy-Brandt-Hauses und der nahezu einheitlich feindlichen Presse, die unrühmliche Rolle als verzwergter Juniorpartner und die fehlende Machtperspektive.

Wieso eine Partei wählen, die so schwach ist, daß sie ihr Programm ohnehin nicht umsetzen können wird; die ihren Mann ohnehin nicht ins Kanzleramt schickt? Mit „Deine Stimme wird wahrscheinlich eh nichts bringen“ kann man phlegmatische und unentschlossene Wähler kaum motivieren. Warum die hinten, auf Platz drei liegende Loser-Partei wählen, wenn sich Grüne und CDU um die Führung streiten?

Olaf Scholz gelang es, entgegen aller Unkenrufe, freilich mit freundlicher Mithilfe des Konrad-Adenauer-Hauses und des Baerbock-Beraterteams, die Bundestagswahl wieder offen zu gestalten.

Grüne, SPD und CDU/CSU liegen nun in etwa gleichauf.  Aber nur der Sozi-Trend zeigt nach oben. Die Grünen scheinen bereits überholt.

Emnid, Allensbach, Forsa und Insa sehen die SPD deutlich vor den Grünen

Die Trends lassen sich nicht mehr verheimlichen; der CSU-Chef spricht intern Klartext.

[….] Wie die SZ aus Teilnehmerkreisen erfuhr, sagte Söder, der Trend in den Umfragen sei "dramatisch", es sei unklar, wie es weitergehe. [….]  Dass es wenige Wochen vor der Bundestagswahl sogar schwelende Debatten über den möglichen Austausch des Kanzlerkandidaten Armin Laschet gebe, "zeigt, wie schwer die Lage ist", sagte Bayerns Ministerpräsident Teilnehmern zufolge. [….] Anlass der Äußerungen war eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Instituts Kantar, der zufolge die Union bei 22 Prozent liegt, nur einen Prozentpunkt vor der SPD mit 21 Prozent (Grüne 19 Prozent, FDP 12 Prozent, AfD 11 Prozent, Linke 7 Prozent). Alle Umfragen, so Söder "haben den gleichen Trend nach unten".  […..]

(Johann Osel, 20.08.2021)

Wer die SPD wählt, könnte die entscheidende Stimme für einen Politikwechsel und die Verbannung der Unions-Flitzpiepen Klöckner, Karliczek, Scheuer, Spahn, Altmaier, Liminski und Laschet aus der Regierung bedeuten.

Zu den Grünen zu wechseln ist hingegen strategisch sehr unklug. Ihr Ergebnis von 2017 werden sie ohnehin verdoppeln und sie werden ohnehin in die Regierung kommen.

Sollten sie aber vor der SPD liegen, fällt die Regierungsoption Ampel aus, weil die FDP garantiert nicht Baerbock zur Kanzlerin wählt.
Dann blieben nur Jamaika und Schwarzgrün; Laschet wäre nächster Kanzler.

Auch RotRotGrün als GRR-Version entfiele wegen der enormen Animositäten zwischen Linken und den bürgerlichen Grünen. Die Linken werden ebenfalls keine Grüne zur Kanzlerin machen.
Die Union können wir nur mit einer SPD-geführten Ampel loswerden. Es sei denn, daß die SPD in den nächsten Wochen noch derartig stark wird, daß es zu Rotgrün reicht, aber dafür fehlt noch einiges.

Jeder, der kein religiotisches von unten nach oben Umverteilen mit Kanzler Laschet will, ist also dringend aufgefordert SPD zu wählen.

Diese taktischen Überlegungen leuchten immer mehr Menschen ein und daher wird die gesamte CDUCSU zunehmend nervös.

Eine in Umfragen wegrutschende Union wird noch weniger gewählt, weil keiner auf den Verlierer setzen will, insbesondere, wenn die Machtoptionen so begrenzt sind. Wenn schon Merkel 2017 mit einer 33%-CDU und 8%-Grünen kein Jamaika mit Lindner schmieden konnte, weil ihm das alles zu links und ökologisch wurde; wie soll das mit einer 20%-Laschet-CDU und 20%-Baerbock-Grünen funktionieren?

Ein Kreuz bei der CDU wirkt mehr und mehr wie eine weggeworfene Stimme.

Als großer Fehlstratege erweist sich a posteriori Söders Versuch aus dem April 2021 selbst Kanzlerkandidat zu werden. Bei Bundestagswahlen ist die Union traditionell schwach in Nordost-Deutschland.  Die Masse der Stimmen werden in Süddeutschland, insbesondere Bayern geholt. Das wird nun die Achillesferse des Armin Laschet, denn welcher konservative Bayer setzt schon gern auf einen Verlierer, den ihr Chef-Bayer Söder auch für ungeeignet hält?

[….] Söder steckt in der Klemme. Er hat in der Union gegen Laschet den Kürzeren gezogen, nun tritt ein, was er damals befürchtet hat: Der Kandidat zieht nicht, im Gegenteil, CDU/CSU brechen in den Umfragen zur Bundestagswahl ein. Und auch die Werte im eigenen Land sind für dortige Verhältnisse miserabel, der Negativtrend hat auch die CSU gepackt. Sollte Markus Söder darauf spekuliert haben, dass die Wählerschaft ihn als möglichen Retter der Gesamtpartei schonen und belohnen werde, dann ist die Rechnung nicht aufgegangen. Stattdessen profitieren von Laschets Sinkflug im Freistaat andere, wie die sonst unterhalb der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle agierende FDP.  [….]

(Joachim Käppner, SZ, 20.08.2021)

Konservative Bayern, die keinen Sozi im Kanzleramt wollen, wählen nun FDP.

Ich ergebe mich unterdessen, einem für mich völlig ungewohntem Gefühl: Hoffnung! Sollte die SPD mit 21-25% stärkste Partei werden, die CDU knapp dahinter demoralisiert aus der Regierung geschubst werden und die Grünen hätten sich auf 18-10% seit 2017 mehr als verdoppelt, wäre Olaf Scholz in der außerordentlich komfortablen Lage, sich zwischen RRG und Ampel entscheiden zu dürfen. Er könnte in den Verhandlungen die 10-12%-FDP und die 7-9%-Linken gegeneinander ausspielen und wäre beim Koalitionsvertrag nicht erpressbar.

Es wäre so schön, die xenophoben Maskendeal-Unioniker auf der Oppositionsbank zu sehen.

Mittwoch, 18. August 2021

Das Elend des Katholizismus.

Wer wie der Regisseur Ulrich Seidl (*1952 in Wien) in einer extrem religiösen Familie aufwächst, wird als Erwachsener entweder mindestens genauso religiös oder wendet sich radikal ab. Ein psychischer Schaden ist in beiden Fällen wahrscheinlich.   Seidl gehört zu letzterer Kategorie, entwickelte eine große Faszination für Abartiges und Abseitiges.

 Als Produzent wagte er sich sogar an die Verfilmung von Heinz Sobotas „Minus-Mann“. Der 1978 erschienene hyperrealistische SM-Gewaltporno, den ich als Teenager las, war über fast zwei Jahrzehnte hinweg (bis ich das #Neuland entdeckte) das Brutalste und Perverseste, das ich für möglich hielt. Kaum ein Buch hat mich je so verstört. Für Seidl ein idealer Filmstoff.

Seidl ist aber der Mann für die absoluten menschlichen Abgründe und Monstrositäten.

[….] SZ: In Ihrem neuen dokumentarischen Film Im Keller gibt es zwar auch fiktionale Elemente, aber Sie zeigen darin ein Sadomaso-Paar, das es wirklich gibt. Die Frau hängt dem Mann zum Beispiel schwere Gewichte an die Hoden, er muss auf allen vieren durch die gemeinsame Wohnung kriechen und die Toilette mit seiner Zunge putzen. Die Frau erklärt dem Zuschauer, wie glücklich und liebevoll diese Beziehung ist. Ist das auch klassische Liebe? Greift dieses Wort?

Seidl: Es war für mich auch etwas fremd, dieses Pärchen kennenzulernen. Bevor ich drehe, habe ich die Menschen ja schon wirklich oft besucht, da ist ein Vertrauen entstanden. Aber ja, das ist natürlich auch eine Liebesgeschichte. Die zwei sind mit diesem Leben, mit diesem Programm, das sie da haben, zufrieden. Wir sind geneigt, die beiden aus dem Blickwinkel unserer Normalität heraus zu betrachten, deshalb finden wir sie abstrus oder pervers. Aber das ist wirklich nur eine Frage des Standpunktes.

SZ: In Ihrem Spielfilm Paradies: Liebe geht eine 50-jährige österreichische Frau als Sextouristin nach Kenia. Sie will von den jungen Beach Boys dort aber nicht nur Sex, sondern auch etwas, was sie von österreichischen Männern nicht bekommt: Respekt, Zärtlichkeit, Liebe.

Seidl: Viele Zuschauer hatten da sofort den Eindruck: Das ist ja Ausbeutung. Und zwar in beide Richtungen: Die einen meinten, die Afrikaner beuten die verzweifelten Europäerinnen aus, bringen sie um ihr Geld, die anderen meinten, die Frauen beuten die Beach Boys aus, weil die sich prostituieren. Aber am Ende ist das eine Beziehung, die für beide funktioniert. Die Frau bekommt etwas, was sie sich ersehnt. Der Mann auch. Es ist ein Geschäft. Und ganz ehrlich, auch bei uns ist eine Partnerschaft oft ein Geschäft. Da wird vielleicht nicht in Geld bezahlt, aber es heißt: Wenn du dieses oder jenes nicht machst, dann geht es nicht weiter mit uns. Das sind ja auch Deals. [….]

(SZ-Magazin, 16.02.2015)

Als jemand, der niemals in Kino geht und niemals streamt, sehe ich solche Filme üblicherweise nicht.  Vor drei Tagen, passend am heiligen Sonntag-Abend, lief „Paradies: Liebe“ von 2012, der erste Teil der Seidlschen Paradies-Trilogie, im Free-TV, der ARD.

In der Mediathek abrufbar nur ab 22.00 Uhr und wenn man älter ist als 16 Jahre.  Meines Erachtens wäre auch FSK 18, oder besser noch FSK 21, angemessen. Aber solche Jungend-Beschränkungen sind im Internet- und Smartphone-Zeitalter eher lächerlich.

Ich bin natürlich abgebrühter als vor 35 Jahren bei der Minus-Mann-Lektüre, aber der Film schockierte mich durch seine drastischen Nacktdarstellungen und die Obszönität der vier dargestellten Frauen. Ich gestehe, ziemlich viel die Fast-Forward-Funktion meines Gerätes verwendet zu haben.

Weshalb ich mich überhaupt bis zum Ende des österreichischen Schockers durchquälte? Nun, der Film ist faszinierend nüchtern produziert und behandelt mit den profanen Urlaubstagen einer 50-Jährigen Sextouristin in Kenia, ein Thema, das ich noch nicht aus der Kunstwelt kenne.

Anschließend fragte ich mich selbst, was mich eigentlich so dermaßen schockiert hat? Ob man will oder nicht; im Internetzeitalter hat doch jeder schon entblößte männliche und weibliche Körper gesehen. Seidl zeigt zudem weder Großaufnahmen von Geschlechtsorganen, noch den Akt selbst. Jede zweite Filmproduktion, beginnend mit den Vorabendserien, zeigt doch heute Sexszenen, so daß man den Anblick von Nippeln und Penissen eigentlich gewöhnt sein wollte.

In „Paradies: Liebe“ sind aber die Körper nicht geschönt oder weichgezeichnet, sondern hyperrealistisch dargestellt. Für den Zuschauer ist das ungewohnt, da in der medialen Phantasiewelt alle Menschen Traumfiguren, ebenmäßige Haut und ewige Jugendlichkeit haben.

Es entspricht nicht den Mainstreamgewohnheiten, ältere Frauen mit Übergewicht und offensichtlichen „Problemzonen“ zu betrachten, die sich gar nicht deswegen schämen, sondern es genießen als vergleichsweise reiche und vor allem weiße Wesen von Sexarbeitern umworben zu werden.

Der nächste perplexe Punkt ist die Rollenumkehr der Geschlechter. Die Frau bezahlt, die Frau bestimmt, gibt Anweisungen, lässt sich gezielt „aufgeilen“, dirigiert die viel jüngeren Männer, behandelt sie als Sexobjekte.

Ich war schockiert über mich selbst. Der umgekehrte Fall entspricht den üblichen Sehgewohnheiten, daß nämlich reiche fette mächtige Männer mit Prostituierten  umgehen, oder aber anderen jungen Frauen, die sie dennoch als Sexobjekte behandeln.

Das hat man in unzähligen Varianten schon in Filmen und Serien gesehen.

Sollte es da mal vorkommen, daß eine Frau den Mann verführt, ist es eine sehr mächtige, besonders attraktive Vamp-Frau.

Aber ganz normale +50er aus Durchschnittsjobs mit Adipositas und Hängebusen?

In Hollywood ist vermutlich gar nicht bekannt, daß Frauen über 30, die nicht wie Supermodels aussehen, überhaupt Sex haben können und das womöglich sogar wollen.

Eine weitere Schock-Perspektive des Films entsteht dadurch, daß der zum Sexobjekt Degradierte nicht nur ein Mann ist, sondern auch noch ein Schwarzer.

Da kommen unangenehme Anklänge an die Sklaverei-Vergangenheit und die widerlichen Nazi-Klischees über sexuell hyperaktive Afrikaner zu Vorscheinen.

Lukas-Evangelium, Kapitel 17:

Das Gleichnis vom unnützen Sklaven 7 Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen? 8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. 9 Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? 10 So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Fürstin Glorias „der Afrikaner schnackselt gern“ oder der deutsche Diplomat, der während Kohls Kanzlerschaft zum Thema Überbevölkerung in einem schwarzen Land erklärte „die Frau will immer, der Mann kann immer“.

[…..] Botschafter in Haiti, Günther […..]  Dahlhoff hatte beim Besuch einer Bundestagsdelegation im November in dem Karibikstaat nach Angaben von Abgeordneten in einem Hintergrundgespräch unter anderem gesagt, das angebliche Überbevölkerungsproblem Haitis liege darin begründet, daß „die haitianische Frau immer will und der haitianische Mann immer kann“.  [….]

(taz, 24.01.1996)

Auch wer ganz bewußt nicht nach Wokistan umgezogen ist, dürfte so sensibilisiert sein, sich unbehaglich dabei zu fühlen, wenn kenianische Männer als Sexmaschinen angesehen werden oder wie Zirkustiere Kunststückchen vorführen müssen.

Der Brief an die Epheser, Kapitel 6, erklärt:

5 Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. 6 Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! 7 Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. 8 Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. 9 Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.

Der Brief an die Kolosser, Kapitel 3, verlangt:

22 Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren in allem! Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern fürchtet den Herrn mit aufrichtigem Herzen! 23 Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen;

Ich hänge keinen spießigen oder religiösen Moralvorstellungen an. Freiwillige Prostitution unter Erwachsenen verurteile ich nicht.

Sollte man es da nicht als glücklichen Zufall betrachten, wenn alternde europäische Frauen, die sich in Deutschland gar keinen Luxus-Callboy leisten können, im Senegal, in Kenia, Gambia oder auf Jamaika so viele genital üppig ausgestattete hübsche Männer leisten können, die aus einer Kultur kommen, in der praktischerweise „blond, hellhäutig und dick“ als Schönheitsideale gelten?

Frau hat den Urlaub ihres Lebens, Mann hat Spaß und verdient dabei auch noch seinen Lebensunterhalt. Ich nehme an, daß viele weibliche Prostituierte nicht das Glück haben, mit lauter reichen Freiern zu tun zu haben, die sie selbst zufällig sehr attraktiv finden.

Aber der Woke-Virus hat eben auch mich insofern erfasst, als ich angesichts der europäischen Geschichte als Sklavenhändler, die afrikanische Männer nur nach ihren körperlichen Gegebenheiten bewerteten, ihnen wie beim Vieh in den Mund glotzten, erhebliches Unwohlsein verspüre, wenn schwarze Sexboys von notgeilen Europäerinnen begutachtet werden.

Gefälligst gehorchen sollen die Sklaven, steht auch im

Brief an Titus, Kapitel 2:

9 Die Sklaven sollen ihren Herren gehorchen, ihnen in allem gefällig sein, nicht widersprechen, 10 nichts veruntreuen; sie sollen zuverlässig und treu sein, damit sie in allem der Lehre Gottes, unseres Retters, Ehre machen.

Der erste Brief des Petrus, Kapitel 2

Die Sklaven in der Nachfolge Christi 18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften.

Christinnen sollten sich schon etwas mehr für ihre Geschichte schämen.

[….] Auf die unrühmliche Geschichte der Kirche im Blick auf Rassismus und Sklaverei hat der Kirchenhistoriker Pius Adiele hingewiesen. Im Interview mit dem „Tiroler Sonntag“ (aktuelle Ausgabe) legte er dar, dass Rassismus über viele Jahrhunderte dem Christentum immanent war, Päpste Sklaverei legitimierten und Missionare selbst Sklaven „besaßen“.

[….] Durch die Bulle „Dum diversas“ aus dem Jahr 1452 habe Papst Nikolaus V. dem portugiesischen König die Erlaubnis erteilt, die Länder der Ungläubigen zu erobern und zu unterwerfen und die darin lebenden Personen in ewige Sklaverei zu führen. Zwei Jahre später wurde dies nochmals bekräftigt in der Bulle „Romanus Pontifex“ von 1454.

[….] Auch die Missionare hätten sich an der Versklavung beteiligt, so der Kirchenhistoriker. „Der Jesuitenorden, der zum Beispiel in Brasilien oder auch in Maryland in Amerika tätig war, hatte sogar ein Sklavenschiff“, berichtete Adiele. Jesuiten hätten Sklaven auf ihren Plantagen eingesetzt.

„Bis 1838 hatten sie immer noch Sklaven“, erklärt der Historiker. Als sich abzeichnete, dass der Papst die Versklavung von Afrikanern anprangert, hätten die Missionare „ihre letzten Sklaven nicht etwa befreit, sondern in die Südstaaten verkauft.“ [….] Kein Papst bis Gregor XVI. im Jahre 1839 habe je ein Wort der Verteidigung der Afrikaner verloren, stellte Adiele fest: „Wir waren von dieser Verteidigung ausgeschlossen. Erst Johannes Paul II. hat sich 1992 auf einer Reise nach Afrika geäußert und dies als Übel angeprangert. In der großen Vergebungsbitte zum Millennium sind wir allerdings auch nicht erwähnt.“ [….]

(ORF, 16.08.2021)

Sind Sklaverei-Assoziationen angemessen, wenn es um freiwillige Sexarbeit kenianischer Männer geht?

Aber wo endet Freiwilligkeit, wenn der freiwillige Dienstleister so bitterarm ist, daß er auf Hurenlohn angewiesen ist, um zu überleben?