Mittwoch, 3. Dezember 2014

Einige historische Fakten


Der Fundi-Flügel der GOPer, die immerhin vom amerikanischen Wahlvolk mit absoluten Mehrheiten in beide Parlamentskammern geschickt wurden, ist so doof, daß sie sogar Fakten und wissenschaftliche Tatsachen grundsätzlich ablehnen, weil sie nicht ihrem Glauben entsprechen.


Es ist wenig überraschend, daß diese Teebeutler-Generation durch Mangelbildung, geistige Schlichtheit und Fanatismus auf sich aufmerksam macht.
Der Zusammenhang „je doofer, desto religiöser“ ist schon lange nachgewiesen.

Religion spricht eher die Emotionen an als die Vernunft.
Je mehr Bildung ein Mensch erhält, umso wahrscheinlicher ist es, dass er Atheist wird. Nichtglaube steigt ebenfalls mit Intelligenz und Einkommen. Die Einwohner von gebildeteren Ländern empfinden Religion als weniger wichtig in ihrem täglichen Leben. […]





Während amerikanische Fundis wie Osteen, Palin oder Bachmann tatsächlich dumm wie Bohnenstroh sind, sind Europäische Religioten die bizarrere Lebensform. Sie können höflich, gebildet und umgänglich sein, aber dennoch an partiellem Schwachsinn leiden.

Unter „Religiotie“ (Kurzform für „religiöse Idiotie“) verstehe ich eine spezielle Form der geistigen Behinderung, die durch intensive Glaubensindoktrination vornehmlich im Kindesalter ausgelöst wird und die zu deutlich unterdurchschnittlichen kognitiven Leistungen sowie spezifischen Einschränkungen des affektiven Verhaltens führt, sobald es um glaubensrelevante Sachverhalte geht – etwa um das Anerkennen der empirischen Belege der Evolutionsbiologie. Im Unterschied zu anderen Formen der Intelligenzminderung muss sich Religiotie keineswegs in einem generell reduzierten Intelligenzquotienten niederschlagen. So wie wir – beispielsweise beim autistischen Syndrom – „Inselbegabungen“ feststellen können, gibt es allem Anschein nach auch „Inselverarmungen“. Religiotie sollte deshalb vornehmlich als „partielle Entwicklungsstörung“ verstanden werden – ein Begriff, den der Entwicklungspsychologe Franz Buggle schon vor einigen Jahren vorgeschlagen hat, um die spezifischen Denkhemmungen religiöser Fundamentalisten zu fassen.

Letzte Woche, auf Facebook, geriet ich wieder einmal an einen Herrn mittleren Alters, nennen wir ihn Joseph Schmitt, der nicht ungebildet und nicht unangenehm war.
Wie sich herausstellte war er aber ein klassischer Bildungsbügertums-Religiot, der eins wirklich nicht leiden konnte:
Als das bezeichnet zu werden was er ist, obwohl er es doch so eindeutig war: Ein Religiot.

MSS ist der letzte, den man als Quelle für angeblich seriöse, differenzierte Religionskritik zitieren sollte. "Religioten" ist ein pauschal diffamierender Begriff, der Religiöse allgemein als geistig zurückgeblieben bezeichnet. So wird er in der Mehrheit der Fälle eben auch gebraucht. Religiöse Fanatiker kann man mit anderem Vokabular beschreiben. [….]
Und diese Pathologisierung von religiösen Weltanschauungen ist schon widerlich. Ich muss nicht jeden Quatsch teilen oder gut finden, den Menschen glauben können. Nichtmal "respektieren". Aber wenn ich alles als für "krank" erklärbar halte, was Glaubensfrage ist, dann ist das nichts als totalitär und gegen die Menschenrechte.
Damit wären wir letztlich wieder bei der Gesinnungshaft angekommen. Und man könnte letztlich ebenso die Nicht-Einsicht in die Gefahr solcher Bezeichnungen als weltanschaulich bedingte ethische Urteilsschwäche einstufen. Es ist eigentlich ein Treppenwitz der Geschichte, daß organisierte Atheisten oder "Areligiöse" sich irgendwann selbst die arrogante Überlegenheitshaltung zu eigen gemacht haben, die man früher nur von religiösen Hetzern kannte.
Mit Humanismus oder gar "Aufklärung" hat all das nichts zu tun.
Letztlich ist die selbstherrliche Bedienung bei sozialdarwinistischen Denkmustern der "Sündenfall" der Religionskritik. Religiöse für krank zu erklären und damit diese Position als vermeintlich seriös und wissenschaftlich daherkommen zu lassen, spricht dem Geist der Aufklärung und dem Geist der Menschenrechte Hohn. Das ist postaufgeklärte Hetze.
Okay, wir halten fest: Der "Otto Normalchrist" im Jahre 2014 beißt sich im Allgemein eher auf die Lippen, bevor er böse Worte über Religionsferne oder Atheisten findet, hat nach langem Ringen in Folge des 2. Weltkriegs eine überdurchschnittlich zustimmende Haltung zu Demokratie und Menschenrechten und ist durch Kirchentage und dergleichen sensibilisiert für die Probleme der Welt, auch für Homophobie, überdurchschnittlich sozial engagiert und ist durch den Umgang mit der eigenen Geschichte, durch Workshops und Diskussionsveranstaltungen daran gewöhnt, die eigene Geschichte kritisch zu hinterfragen.
[….] Aber mit Persönlichkeiten anstatt systemischer Kritik - übrigens ein typisch deutsches Phänomen - schaffe ich keine Veränderung und ermögliche keine sachgerechte und letztlich aufgeklärte Kritik. Und diese Persönlichkeiten, Diffamierungen und Klischees sind nicht ohne Grund nicht mit den Menschenrechten vereinbar.
(J.S. 25.11.14)

Ein Musterreligiot gewissermaßen. Eloquent und larmoyant zugleich.
Sieht sich selbst fern von jedem Fanatismus, hält ganz selbstverständlich Christen für die besseren Menschen (überdurchschnittlich sozial engagiert) und sieht sich überall von den bösen Atheisten angefeindet.

Mit der Realität hat das alles herzlich wenig zu tun.
Christen sind in allen deutschen Gremien – vom Ethikrat der Bundesregierung über Talkshows, Rundfunkräte bis zu KITA-Betreibern – exorbitant überrepräsentiert.
Die Bundesregierung besteht aus 100% Christen und die beiden großen Deutschen Kirchen verfügen jeweils über ein hohes dreistelliges Milliardenvermögen und einen Immobilienbesitz, der die Größe des Bundeslandes Saarlands erreicht. Christen-Kirchen besitzen Verlagshäuser, Zeitungen, TV-Sender und bekommen zudem auch noch kostenlose Plattformen als Kolumnisten der größten Boulevardblätter der Welt. Man denke nur an Käßmanns wöchentliche BILD-Kolumne.
EKD und RKK zusammen haben 50 Millionen Mitglieder.
Caritas und Diakonie beschäftigen 1,5 Millionen Menschen, die arbeitsrechtlich diskriminiert nicht weltanschaulich frei sind und zu ~ 99% vom Staat bezahlt werden. Bischöfe und Theologieprofessoren werden ebenfalls vom Staat bezahlt.

Die entsprechenden Atheistischen Organisationen bestehen aus wenigen hundert Mitgliedern, werden überhaupt nicht staatlich gefördert und haben bundesweit zusammen ein Budget, mit dem nicht eine einzige kleine Pfarrei auskäme.
An Bischofspaläste wie das prachtvolle Rokoko-Palais Holnstein, in dem Kardinal Marx residiert können Atheisten noch nicht einmal denken.

Und „Ottonormalchrist“ fürchtet sich so sehr vor der geballten Macht der Atheisten, daß er sich noch nicht mal mehr traut seine Meinung zu sagen?
Es stimmt, daß Christen weniger und Atheisten mehr werden, aber gegenwärtig ist die „Macht“ noch so extrem ungleich zu Gunsten der Christen verteilt, daß wir noch sehr lange nicht auf Augenhöhe miteinander reden werden.

Aber keine Sorge, liebe Christen  Wir als Atheisten sind viel toleranter als Religiöse und würden diese niemals auch nur annähernd so bestialisch behandeln, wie Religiöse uns über Jahrhunderte verfolgt haben.
Im Gegenteil, Atheisten sind prinzipiell tolerant und lassen jeden so religiös bleiben wie er möchte.
Wir wehren und nur dagegen von Religiösen mitbestimmt zu werden.
Wenn Kirchisten Homoehe, Pilledanach, Sterbehilfe und PID verbieten wollen, dann sollen sie nur für sich sprechen.

Die Menschenrechte, die in 200 Jahren mühsamen Kampfes gegen den erheblichen Widerstand der Kirchen durchgekämpft wurden als christliches Argument ins Spiel zu bringen, schlägt doch dem Fass den Boden aus.

Das sieht man ja auch an dem widerlich perfiden Judenhasser Martin Luther, der tatsächlich in seinen Schriften Hitler nicht nachstand und ungerührt heute von der EKD gefeiert wird.
Wer als „Otto Normalchrist“ Mitglied in einem Verein ist, der das betreibt, hat sich eben nicht die Menschenrechte zu Eigen gemacht.

In der Süddeutschen Zeitung von gestern wurde ein Aufsatz des bekannten Kirchengeschichtlers Prof. Hubert Wolf aus Münster abgedruckt.
Es geht um den 150. Geburtstag des „Syllabus Errorums“, in dem der unfehlbare Papst Pio Nono achzig moderne Lehrsätze verwirft.
Und der ewige Papst Pius IX ist nicht nur ein bißchen dagegen, sondern absolut.

Das oberste Lehramt der katholischen Kirche hat Katholizismus und Moderne ein für alle Mal für unvereinbar erklärt und insbesondere die fundamentalen neuzeitlichen Werte wie Gewissens-, Religions- und Meinungsfreiheit, aber auch Toleranz und Demokratie feierlich verurteilt. Katholiken, die sich auf diese Werte beriefen, wurde die Strafe der Exkommunikation und damit der Verlust ihres ewigen Seelenheiles angedroht.
(Hubert Wolf 01.12.14)

Pio Nono war auch persönlich ein rasender Antisemit, der sogar in Rom Juden ihre Kinder wegnehmen ließ, um sie zwangsweise zu konvertieren und an katholische Eltern weiter zu reichen.
Ohne Zweifel war der Mann also ein echter Schwerverbrecher, der ausdrücklich die Freiheit der Menschen bekämpfte.
Zu den Sätzen des Syllabus, die P9 verbot gehörten unter anderem:

„Es steht jedem Menschen frei, diejenige Religion anzunehmen und zu bekennen, die man, vom Lichte der Vernunft geführt, für wahr erachtet.

Der Protestantismus ist nichts anderes, als eine eigenständige Form des gleichen wahren christlichen Glaubens. In diesem Glauben ist es ebenso möglich, Gott wohlgefällig zu dienen, wie in der katholischen Kirche.

Die Philosophie und die Sittenlehre, ebenso die bürgerlichen Gesetze, können und sollen von der göttlichen und kirchlichen Lehre abweichen.

Die Kirche hat nicht die Macht, trennende Ehehindernisse aufzustellen. Diese Macht steht der staatlichen Gewalt zu, durch welche die bestehenden Ehehindernisse aufzuheben sind.

In unserer Zeit ist es nicht mehr denkbar, daß die katholische Religion als einzige Staatsreligion anerkannt und alle anderen Arten der Gottesverehrung ausgeschlossen werden.“

Der am längsten regierende Papst aller Zeiten verkündete das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, des päpstlichen Jurisdiktionsprimats und der päpstlichen Unfehlbarkeit. Im Jahr 2000 wurde Pius IX. von Johannes Paul II. seliggesprochen.

Pio Nonos Syllabus erschien am 08.12.1864 als Anhang zur Enzyklika „Quanta cura“, in der er zum Rundumschlag gegen die verhasste Moderne ausholte.
Natürlich war der Unfehlbare damit nicht etwa allein in der RKK. Auch seine Vorgänger und Nachfolger verurteilen Menschenrechte, Freiheit und Demokratie außerordentlich scharf.
Das ist wenig überraschend für eine Religion, in deren Bibel die Unterordnung der Frau unter den Mann festgeschrieben wird und in der Jesus die Sklaverei lobt.

Der eigentliche „Syllabus errorum“, die Liste mit achtzig irrigen Sätzen, bringt im Grunde nichts Neues, sondern fasst noch einmal die zahlreichen Verurteilungen zusammen, die Pius IX. in nicht weniger als 32 Verlautbarungen seit dem Beginn seines Pontifikats 1846 ausgesprochen hatte. Verworfen werden neben Pantheismus, Naturalismus, Rationalismus, Indifferentismus, Sozialismus und Kommunismus auch geheime Gesellschaften aller Art. […]  „Deshalb verwerfen, ächten und verurteilen wir kraft Unserer Apostolischen Autorität samt und sonders die verkehrten Meinungen“, schrieb Pius IX. […] Der Syllabus war kein „Ausrutscher“ des päpstlichen Lehramtes. Er fügt sich vielmehr bruchlos ein in eine Linie der Verurteilung der Werte der Moderne, die mit dem Breve „Quot aliquantum“ von 1791 begann. Mit diesem hatte Pius VI. nicht nur die Zivilkonstitution des Klerus verdammt, die Pfarrer und Bischöfe zu Beamten des revolutionären Staates machte, sondern zugleich die Freiheitsidee der Französischen Revolution und die Erklärung der Menschenrechte. Gregor XVI. verwarf 1833 in der Enzyklika „Mirari vos“ die Ideen des französischen Priesters und Publizisten Félicité de Lamennais, der einer Koalition von Kirche und Freiheit mit dem Papst als Garanten der Freiheit das Wort redete und die alte Verbindung von Thron und Altar ablehnte. Gregor XVI. verdammte insbesondere die Gewissensfreiheit als pestillentissimus error, als „pesthaften Irrtum“. Vom Syllabus sollte sich die Linie über die Enzyklika „Immortale Dei“ von 1885, in der Leo XIII. Religionsfreiheit entschieden ablehnte, bis zur „Toleranzrede“ von 1953 fortsetzen, in der Pius XII. das alleinige Recht der katholischen Wahrheit bekräftigte und deshalb jedes subjektive Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit ausschloss: „Was nicht der Wahrheit und dem Sittengesetz entspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein.“   […]
 (SZ vom 01.12.2014)

Dienstag, 2. Dezember 2014

Luschen


Nein, wie gesagt, ich finde nicht, daß „die Politiker“ übertrieben ehrlich sein müssen.
Auch wenn es viele Urnenpöbler anders sehen mögen; ich verstehe durchaus die komplexen Interessengeflechte und weiß, daß Abgeordnete taktieren müssen, um sich durchzusetzen. Wenn sie immer nur stur die reine Lehre vertreten, setzen sie am Ende gar nichts durch.
Der Kompromiss macht’s.
In einer Koalitionsregierung aus drei unterschiedlichen Parteien mit drei unterschiedlichen Wahlprogrammen ist es sogar systemimmanent politische Positionen mittragen zu müssen, die man vorher sogar bekämpft hat.
Ich verstehe nur nicht wieso Parteiführungsfiguren mit der Unterschrift unter den Koalitionsvertrag davon besessen sind sich als harmonische Einheit zu präsentieren.
Wie peinlich war es, als Westerwelle 2009 nach dem Abschluss der schwarzgelben Verhandlungen verkündete, der CSU-Chef und er sagten nun „Horst und Guido zueinander!“
Offenbar verwechseln Wähler und Journalisten Harmonie zwischen den handelnden Ministern mit guter Regierung.
Dabei ist das weitgehend irrelevant, wie gut sich Minister privat miteinander verstehen.
Mit dem Schmusekurs soll doch offensichtlich Wählerwohlwollen generiert werden. Das zahlt sich aber ebenso offensichtlich nicht für die SPD aus.
Warum also sagen die Sozen dann nicht offen und deutlich welches die Konfliktpunkte sind und wieso sie gezwungen sind gegen ihre Überzeugungen zu stimmen?
Ich bin überzeugt davon, daß man diese Abwägung öffentlich transportieren  könnte.
Herr Oppermann könnte an das Rednerpult des Bundestages gehen und dort eines Tages verkünden:

„Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kollegen!
Heute wird meine Fraktion für den Koalitionsentwurf der Antiausländermaut nach den Vorstellungen des Verkehrsministers Dobrindt stimmen. Wir als SPD halten das Vorhaben für Europa-feindlich, finanzpolitisch irrsinnig und schon ob des Verwaltungsaufwandes für nicht zu rechtfertigen. Unsere Zustimmung erfolgt wider besseres Wissens aus Koalitionsraison. Nur als Teil der Regierungskoalition war es uns möglich mehrere Ministerposten zu besetzen und damit die weitaus bedeutenderen Themen Mindestlohn, Rentenreform und Staatsbürgerschaftsrecht zu bestimmen. Als Gegenleistung für die Gaga-Maut besetzen wir ferner den Posten des Außenministers und können somit mäßigend auf eine kriegsfreudige Stimmung in NATO Und Russland einwirken. In diesen entscheidenden Fragen um Krieg und Frieden mitzuwirken halten wir für so bedeutend, daß wir dafür in Kauf nehmen kontraproduktive Gaga-Gesetze wie die Herdprämie mit durchzuwinken!“

Einige Angesprochene würden sicherlich Zeter und Mordio schreien.
„Wer hat uns verraten?  - Sozialdemokraten!“
Aber wer so borniert denkt, wählt ja ohnehin nicht (mehr) die SPD.
Also braucht man auf sie auch keine taktische Rücksicht zu nehmen.
Besser wäre es stattdessen zu versuchen durch offenes Bekenntnis zur Taktik neue Wähler anzusprechen.
Und außerdem wüßte der Bürger wem er was verdankt.

Warum wollen sich so viele hinter einem scheinbar monolithischen 80%-GroKo-Block verstecken?
Soll doch jede Partei klar sagen, daß sie mit der Groko stimmt, weil sie a, b und c rausgeholt hat, dafür aber leider x, y und z zustimmen musste.

Nicht zielführend ist es hingegen, wenn SPD-Groko-Minister plötzlich Dinge vertreten, die niemand an der Parteibasis will und nicht begründet wird, wie es zu dem Sinneswandel an der Spitze kam.
Gabriel oder Nahles könnten einerseits durch Fakten zu einer anderen Beurteilung gelangt sein. Dann sollen sie diese Fakten vorlegen.
Oder aber es ist ein politisches Geschäft wie bei Maut und Herdprämie: Man hebt sein Händchen dafür, weil man etwas noch wichtigeres der CDU/CSU dafür abgehandelt hat.

Aber wieso schwenkte Gabriel in der Ceta-TTIP-Frage auf Merkel-Kurs um?

Wieso ist die Bundesregierung plötzlich nicht mehr gegen Gentechnik auf den Äckern?

[…] [Die] Bundesregierung. Sie rückt nach SZ-Informationen immer mehr von ihrem Versprechen ab, ein möglichst strenges Anbauverbot in Brüssel durchzusetzen - obwohl 90 Prozent der Bundesbürger Gentechnik in ihren Lebensmitteln ablehnen.
Besonders umstritten ist der Plan der EU-Umweltminister, Agrarkonzernen wie Monsanto, Syngenta oder Bayer ein Mitspracherecht bei Anbauverboten einzuräumen. Dafür ist ein zweistufiges Verfahren vorgesehen: Beantragt zum Beispiel eine Firma die Zulassung einer neuen Genmaissorte in der EU, sind die Länder am Zug. Erwägt etwa Deutschland ein Anbauverbot, muss die Bundesregierung die Firma auffordern, speziell bei dieser Sorte keine Zulassung für Deutschland zu beantragen. Dem Wunsch kann das Unternehmen nachkommen oder nicht. Die Anfrage ist aber Voraussetzung dafür, dass Deutschland in einem zweiten Schritt den Anbau verbieten kann, sollte der Konzern nicht auf eine Zulassung hierzulande verzichten wollen.
Dieses Prozedere ist ein Novum in der EU-Politik, weil Konzerne so direkt Einfluss auf Regulierungsprozesse nehmen können. Vom EU-Rat, also den Länderregierungen, wird das gebilligt. Doch Gentechnikkritiker und das EU-Parlament wehren sich dagegen. "Es darf nicht sein, dass souveräne Staaten erst bei den Gentech-Multis fragen müssen, bevor sie ein Genmais-Verbot aussprechen dürfen", kritisiert Harald Ebner, Gentechnikexperte der Grünen im Bundestag.
Verhindern will die Bundesregierung in Brüssel zudem EU-Haftungsregeln. Sie sollen diejenigen Länder schützen, die Gentechnik auf ihren Äckern verbieten, aber Gefahr laufen, dass sich Pflanzen aus dem Nachbarland im Grenzgebiet ausbreiten. Diese Haftregeln seien nicht notwendig, heißt es dazu aus dem Agrarministerium in Berlin. Damit verstößt die Bundesregierung ganz klar gegen einen Beschluss des Bundestages vom Mai 2014, der diese Haftungsregelung ausdrücklich fordert. Vorgesehen ist, dass sich EU-Parlament und -Rat am Mittwoch auf einen Kompromiss einigen. Wie der am Ende aussieht, ist allerdings unklar. […]

Wieso stört man sich plötzlich nicht mehr daran finanzielle Belastungen für den kleinen Mann festzuschreiben, während man weiterhin die Milliardäre mit lumpigen 25% Kapitalertragsteuer (KESt) erheblich besser behandelt als die Menschen, die durch Erwerbsarbeit ihr Geld verdienen?
Wieso verabschiedet die linke Sozialdemokratin ein Rentenkonzept, bei dem wieder nur die abhängig beschäftigten Erwerbsarbeiter einseitig über ihre Beiträge belastet werden, während Frau Klatten, Herr Porsche, die Albrechts, die Unternehmer und die Bundestagsabgeordneten keinen Cent bezahlen müssen?
Was kriegen wir als SPD dafür, daß wir sowas mitmachen?
Kann das vielleicht endlich mal jemand im Willy Brandt-Haus erklären?

[…] Und plötzlich ist da ein neues Wort in der Debatte um die Ausländer-Maut der CSU: Einführung heißt es. Das Versprechen nämlich, die Maut werde Deutsche nicht belasten, das gelte ja nur "mit der Einführung" der Maut. So sagte es an diesem Morgen die durchaus mächtige CSU-Landesgruppenchefin im Bundestag, Gerda Hasselfeldt.
Ach so? Nur mit der Einführung? Nie vorher gehört. Bisher hatte es immer geheißen, die Maut werde zu keiner Mehrbelastung für deutsche Autofahrer führen. Egal wann. Das war das Versprechen. Was hätten die Leute auf den Markplätzen von München bis Regensburg und Nürnberg bis Lindau denn gedacht, wenn CSU-Chef Horst Seehofer ihnen da im Bundestagswahlkampf zugerufen hätte: "Liebe Bayern, wir wollen eine Maut für Ausländer, die die Deutschen im Moment der Einführung dieser Maut nicht zusätzlich belastet, aber natürlich für die Jahre danach die Türen sperrangelweit auflässt, um sie dann doch für alle erhöhen zu können!" […] Und weil es so schön ist, kommt gleich die zweite große Lüge hinterher: der Soli. Wenn es nach Hasselfeldt, nach den Ländern, nach der gesamten großen Koalition geht - und es geht nach all denen -, dann wird der Soli wieder nicht abgeschafft. […] Na, na, na, da will doch nicht jemand die Steuern erhöhen? Doch, will. Das ganze Rumgemurkse mit Maut und Soli ist doch nichts anderes, als um wirklich jeden Preis das Igittibäh-Wort Steuererhöhungen zu umgehen. Mit dem Zusatz, dass die Mauthöhe für die Zukunft nicht mit der Kfz-Steuer verrechnet wird, gibt es ein neues tolles Instrument, das Wort Steuererhöhungen zu umgehen. […]

Montag, 1. Dezember 2014

Impudenz des Monats November 2014.



Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Und zur Impudenz des Monats küre ich hiermit die deutsche und europäische Indolenz gegenüber Flüchtlingen.

Das UNHCR, die „UN Refugee Agency“, agiert nicht im Verborgenen. Das ungeheuerliche Ausmaß des Flüchtlingselends ist durchaus in den Medien präsent.

Die UNHCR Hilfsprogramme werden hauptsächlich durch freiwillige Beiträge von Regierungen, dem UN-Nothilfefonds CERF aber auch von Stiftungen und Privatpersonen finanziert. UNHCR ist weltweit in 120 Ländern tätig und arbeitet dabei mit UN-Partnern, Regierungsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen zusammen. […]   Derzeit befinden sich weltweit fast 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. 16,7 Millionen von ihnen gelten nach völkerrechtlicher Definition als Flüchtlinge. Neun von zehn Flüchtlingen (86 Prozent) leben in Entwicklungsländern, da die meisten Flüchtlinge lediglich in ein angrenzendes Nachbarland fliehen.
Den weit größeren Teil – 33,3 Millionen – bilden jedoch sogenannte Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons – IDP). Sie fliehen innerhalb ihres eigenen Landes, ohne dabei internationale Landesgrenzen zu überschreiten.


Während man in Deutschland gemütlich auf Weihnachtsmärkten mit Glühwein schunkelt und Zimtsterne frisst, verelenden, hungern und frieren Millionen.
(Samstag gesehen bei Butter-Lindner Hamburg-Winterhude: ZWEI ZIMTSTERNE für sieben Euro!, 20 Dominosteine für 32 Euro)
Natürlich hilft es keinem darbenden Kleinkind mit Blähbauch im Kongo, wenn wir uns einen Glühwein weniger leisten oder griesgrämig die Weihnachtsmärkte umgehen.
Aber gerade das Geprasse zu Weihnachten macht deutlich, daß es der westlichen Welt ein leichtes wäre, genügend Mittel bereit zu stellen, damit wenigstens nicht die Menschen anderswo elend verhungern.

Ich grusele mich dabei zu lesen um welch vergleichsweise geringe Summen das UNHCR kämpfen muß.
Rund um das IS-Gebiet steht eine gigantische humanitäre Katastrophe bevor, weil viele Millionen Menschen völlig ohne irgendwelche Hilfsgüter, ohne Schuhe, ohne Decken Minus-Temperaturen trotzen müssen. Um die Menschen zu versorgen fehlen lumpige 50 Millionen Euro. Das ist gerade mal ein Drittel der Summe, die Sylvester in Deutschland für Böller ausgegeben wird.

Angesichts der Kürze der Zeit und der fallenden Temperaturen müssten die Hilfsgüter unverzüglich zu den am meisten betroffenen Menschen gebracht werden, so  UNHCR-Regionaldirektor Amin Awad.
Nach neuesten Schätzungen mussten seit Januar zwei Millionen Menschen ihre Heimatregion  verlassen. Mehr als 60.000 leben in einem von insgesamt acht Camps. Zudem befinden sich weitere Camps im Aufbau, die 300.000 weitere Menschen aufnehmen können. Momentan leben rund 700.000 Menschen in unfertigen oder verlassenen Gebäuden, Schulen, religiösen Zentren oder sogar in Parks.
UNHCR, die irakische Zentralregierung, die Regionalregierung der kurdischen Gebiete sowie dutzende Hilfsorganisationen versuchen, sichere und warme Unterkünfte für die Flüchtlinge und Vertriebenen bereitzustellen. Die Herausforderungen sind jedoch riesig. Für jene, die nicht in ein Camp ziehen können und ohne entsprechende Unterkunft sindt, versucht UNHCR zusammen mit anderen Organisationen zusätzliche Lösungen für den Winter zu finden.
Die finanziellen Mittel reichen jedoch weiterhin nicht aus. Bislang hat UNHCR erst weniger als die Hälfte der benötigten 110 Millionen Dollar für den Winterschutz erhalten. 15.000 weitere Kälteschutzsets werden benötigt, um die geplanten 40.000 Familien zu versorgen. 

Nur zum Vergleich: Die FAS berichtete gestern, daß Frau von der Leyen nun alle Flugbeschränkungen des Hubschraubers NH90 aufhob, obwohl viele Piloten der Bundeswehr an der Zuverlässigkeit zweifeln, nachdem einige von den Dingern fast abgestürzt sind.
Der Kriegsministerin ist das egal und so verkündete sie insgesamt 190 Hubschrauber der Typen NH90 und Tiger für 8,5 Milliarden Euro zu bestellen.

(Mal kurz rechnen:
8,5 Milliarden Euro = 8500 Millionen Euro = 10.599 Millionen Dollar.
10.599 Millionen Dollar : 50 Mio Dollar = 212.
212 mal die Summe, die es benötigt, um Millionen Hungernde und Frierende durch den Winter zu bringen, haut von der Leyen für Rumpelhubschrauber raus, welche die Bundeswehrpiloten gar nicht fliegen wollen.)

Flüchtlingshelfer beschreiben dramatische Umstände, unter denen syrische Vertriebene im Libanon, in Jordanien, der Türkei und im Nordirak leben: Kinder, die barfuß durch knöcheltiefen Schlamm laufen. Familien, die in kargen, kalten Rohbauten leben. Männer und Frauen, die keine Decken, keine wärmende Kleidung besitzen. Auf der Flucht vor Tod und Zerstörung haben viele bereits großes Leid erfahren. Und nun steht das nächste Problem bevor: der Winter. […]
In den vergangenen Jahren war dieser noch relativ mild, nun erwarten Meteorologen und Flüchtlingshelfer deutlich härtere Witterungen. "Die Temperaturen werden hier bald unter null Grad fallen, dann wird es schneien", sagt Susanne Carl von der Hilfsorganisation Humedica, die im Libanon stationiert ist. Für manche Regionen werden sogar minus 16 Grad erwartet.  Mehr als drei Millionen Menschen sind vor Bürgerkrieg und Terror des "Islamischen Staats" in die Nachbarstaaten Syriens geflohen. […]  Susanne Carl von Humedica ergänzt: "Öl, Gas, Decken und Winterkleidung, Schuhe - es fehlt an allen Ecken und Enden. Die Lage ist katastrophal."

Vor allem fehlt Geld: Das Flüchtlingswerk schätzt, dass es eine Finanzierungslücke von 58 Millionen US-Dollar gibt - trotz bereits investierter 154 Millionen US-Dollar. […] Die Hilfe für die Flüchtlinge muss schnell erfolgen, sonst könnte es womöglich zu der von Entwicklungsminister Gerd Müller auf der Flüchtlingskonferenz in Berlin Ende Oktober prophezeiten "Jahrhundertkatastrophe" kommen. Auch UNHCR-Regionaldirektor Amin Awad drängt: "Die Zeit wird knapp." […]

Und mit einem einzigen Hubschrauber weniger für die Bundeswehr wäre das Problem behoben.
Die Deutschen mögen aber keine Ausländer und verweigern sich der ökonomischen Erkenntnis, wie dringend sie in Deutschland gebraucht werden und wie segensreich ihr Wirken hier ist.
Humanitären oder ethischen Überlegungen verschließt man sich zwischen Flensburg und Bodensee erst recht.

Kaum steigt die Zahl der Flüchtlinge, zeigt der hässliche Deutsche wieder seine ausländerfeindliche Fratze.
[…] Im beschaulichen Kneippkurort Bad Schandau haben empörte Deutsche am Ortseingang ein Schild aufgestellt: "Bitte flüchten Sie weiter, es gibt hier nichts zu wohnen!" Das ist Sachsen, Ostdeutschland. In Dresden demonstrieren die Menschen jetzt immer montags - ausgerechnet - gegen Ausländer. Motto: "Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes." Inzwischen sind es ein paar Tausend, die kommen.
Der CDU-Innenminister Markus Ulbig sagt: "Ich denke, man kann bei dieser Konstellation nicht pauschal gegen Demonstranten sein, die ihre Meinung sagen." Er hat so viel Verständnis für deutsche Vorurteile, dass er seine Polizei sogar angewiesen hat, spezielle Einheiten einzurichten, die ausdrücklich für straffällige Asylbewerber zuständig sind.
So sieht es nicht nur in der ostdeutschen Provinz aus. Egal ob die Flüchtlinge im vornehmen Hamburg-Harvestehude untergebracht werden sollen oder im ärmlichen Berlin-Marzahn: Die Deutschen formieren sich zum Widerstand.
Plötzlich sieht man: Das liebenswürdige Volk, das die Deutschen beim fröhlichen Fußballgucken so gern der Welt zeigen, kann immer noch ganz anders. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat gerade festgestellt, dass fast die Hälfte der Deutschen eine schlechte Meinung von Asylsuchenden hat und der Ansicht ist, dass Asylbewerber ihre Notlage nur vortäuschen, um Leistungen in Deutschland zu erschleichen. Und wenn ein Asylbewerberheim in ein altes Hotel am See einziehen soll, wie im schönen Bautzen, dann wählen gleich 15 Prozent der Leute die AfD und elf Prozent die NPD.
[…] Springers "Welt", einst Fachblatt für Vertriebene, heute Fanzine der neuen Rechten, schreibt, dass Europa schon "mit seinen hausgemachten Problemen nicht fertig" werde, der Euro sich seiner Belastungsgrenze nähere, die Wirtschaftsleistung sinke und die sozialen Spannungen zunähmen. Zynische Schlussfolgerung: "Das Problem der Flüchtlinge sollte dort gelöst werden, wo es generiert wurde - nach dem Verursacherprinzip." […]

In Deutschland blühen Antisemitismus und Xenophobie. Asylunterkünfte werden angegriffen, Flüchtlingsheime bekämpft, Migranten dutzendfach ermordet.
Man ist aber nicht überrascht. Spätestens seit dem Jubel über Deutschlands Vereinigung 1989/90 kennt jeder die Bilder von den brennenden Asylbewerberheimen von Rostock und Hoyerswerda.

[…]Helmut Kohl argumentiert […] Gorbatschow habe den Mauerfall bewirkt, nicht kettenrauchende Bürgerrechtler. Wer sich an die Namen Reagan und Gorbatschow hält (und David „Looking for Freedom“ Hasselhoff würde hier vermutlich noch seinen eigenen einfügen), der muss den Mantel der Geschichte nicht mit Bärbel Bohley oder Zonen-Gaby teilen. Ein bisschen undankbar ist das zumindest letzterer gegenüber, denn die hat ihn, Kohl, immerhin dann noch neun lange Jahre an der Macht gehalten.
[…] Und seit wann war Zonen-Gaby überhaupt in der Welt, so als Synonym für den Jeansjacken-Trottel aus dem Osten, der nach Bananen geifert und Gurken angedreht bekommt.
[…] Denn dies ist der Moment, in dem der hoch und freiheitlich gesonnene Bürgerrechtler praktisch bis zur Präsidentenwahl Joachim Gaucks seitlich von der Bühne tritt und dem hässlichen Jammer-Ossi Platz macht, der nicht mit Messer und Gabel essen kann (Kohl über Merkel) und dem Land, das sich schon fast selbst für Frankreich oder wenigstens Italien hielt, einen deutschtümelnden Rechtsruck beschert, der ihm bis heute in den Knochen steckt. Aus den Ostdeutschen, die mit Kerzen in der Hand eine Staatsmacht über den Haufen rennen, werden Ossis, die mit Knüppeln in der Hand vor den Asylbewerberheimen aufmarschieren.
[…] Man würde auf der anderen Seite aber auch noch einmal betrachten können, wie nach dem Mauerfall die Neonazikader zum Aufbau der Strukturen aus Westdeutschland eingependelt kamen wie sonst nur die Leihbeamten und die Herren von der Treuhand. Es würden auch, nur zum Beispiel, noch einmal die Plakate auftauchen, auf denen CDU-Wähler im niedersächsischen Landtagswahlkampf von Helmut Kohl fordern, dass als Nächstes auch die Oder-Neiße-Grenze fällt. Man könnte die Ängste vor dem Rechtsruck noch einmal besichtigen, die Ängste in der DDR vor dem Rechtsruck aus dem Westen. […]

Und nein, natürlich sind nicht nur die Deutschen so unfreundlich indolent angesichts des Flüchtlingselends.
Der Vatikan, als der Staat mit dem höchsten Prokopf-Einkommen der Welt nimmt keinen einzigen Flüchtling auf.

Der Vatikan bietet kein Asyl
Dabei nimmt der Vatikan selbst keine Einwanderer auf.
[…] Papst Franziskus verlangt Solidarität mit Flüchtlingen. Im Europäischen Parlament mahnte er diese Woche, das Mittelmeer dürfe „nicht zu einem großen Friedhof werden“; die Männer und Frauen, die täglich auf Kähnen an Europas Küsten landeten, brauchten „Aufnahme und Hilfe“. […]  Doch gibt es nur einen Staat in Europa, der bisher keinen einzigen Flüchtling aufgenommen hat: den Vatikan selbst. Er hat weder ein Asylrecht noch eine Anlaufstelle für Asylsuchende. Geschweige denn ein Flüchtlingsheim.
[…] Pater Gabriele Bentoglio ist Untersekretär im päpstlichen Rat für die Migranten. Er sagt, seine Aufgabe bestehe nicht darin, Flüchtlingen direkt im Vatikan zu helfen. […] Zur Zeit des „Dritten Reichs“ fanden Hunderte bedrängte Menschen dank der Kirche in Rom Schutz. […] Der deutsche Campo Santo, der Friedhof und die Gebäude der Bruderschaft, wo zu jener Zeit der irische Priester Hugh O’Flaherty viele Flüchtlinge verbergen konnte, liege zwar im Schatten von Sankt Peter, sei aber exterritorial.
Ein solches exterritoriales Gebiet des Vatikans am Stadtrand von Rom ist auch Sankt Paul vor den Mauern. Dort beantragten im Frühling 2011 ein paar Dutzend obdachlose Roma Asyl. Der Vatikan wies sie zurück. […]

Sonntag, 30. November 2014

Bähbäh-Typen.


Im Jahr 2003 war ich noch weniger abgestumpft als heute. Als Martin Sonneborn für die Titanic den Begriff „Hessen-Hitler“ für Roland Koch prägte, war ich ernsthaft entsetzt.
Über Hitler, Auschwitz und einige andere Dinge macht man keine Witze.
Es euphemisiert die Opfer des echten Hitlers, wenn man heute inflationär NS-Vergleiche anstellt.

Meine damalige Haltung ist inzwischen etwas aufgeweicht. Die sozialen Netzwerke spülen derart viele Ungeheuerlichkeiten nach oben, daß einem weniger schnell der Atem stockt.

Bis vor wenigen Jahren war für mich beispielsweise das Wort „Neger“ ein absolutes Tabu.
Aber da ich lange „Kreuznet“ gelesen habe und dort der Begriff ganz selbstverständlich verwendet wurde, muß ich zugeben, daß ich auch hier hyposensibilisiert bin.

 Vor einigen Tagen schluckte ich angesichts der Ferguson-Proteste tatsächlich noch einmal über die Bemerkung einer (weißen) Amerikanerin, die auf Twitter verbreitete, die Schwarzen sollten doch zurück nach Afrika gehen, wenn es ihnen in den USA nicht gefiele und beklagte, man hätte die Schwarzen nie kaufen sollen.


Man stumpft wirklich ab.
„Hessen-Hitler“ war auch too much. Auf dieses Niveau hätte man sich nicht begeben sollen.
Allerdings, das muß man zugeben, war die Roland-Koch-Gang aus Bouffier, Kanther und Casimir Johannes Ludwig Otto Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg abstoßend wie kaum jemals Nachkriegspolitiker.
Etwas Unappetitlicheres als nach all den rechtsextremistischen tödlichen Übergriffen auf Asylunterkünfte im Wahlkampf 1999 landesweit Antiausländer-Unterschriftenlisten auszulegen, könnte einem nicht einfallen.
Noch 15 Jahre später ist diese Aktion, die eine Co-Produktion der Hessen-CDU und der Bundesgeneralsekretärin Angela Merkel war, ein hinreichender Grund niemals dieser Frau eine Stimme zu geben.
(Es kamen freilich noch viele andere Gründe hinzu.)
Aber Roland Koch und Co toppten ihre eigene Amoral munter weiter.
Während sie sich mit Xenophobie die Macht erschlichen, verschoben sie fleißig illegale Schwarzgeld-Millionen und heckten die nach wie vor ultraperfide Erklärung aus, es handele sich dabei um „jüdische Vermächtnisse“.


Daß die Hessischen Wähler bis heute kontinuierlich genau diese CDU in Wiesbadens Staatskanzlei schickten, sagt viel über die Urteilskraft des Urnenpöbels aus.

Aber Hessen ist bekanntlich nicht nur das Bundesland eines besonders linken und frechen Flügels der SPD, sondern gleichzeitig auch Heimaterde der dunkelbraunschwärzesten CDU überhaupt.
Dort wuchsen Gestalten wie Bischof Dyba, Alfred Dregger, Jung, Steinbach, Krissi Schröder, Martin Homann, Koch, Kanther, Tebartz-van-Elst und viele andere BähBäh-Typen heran.

Ob da irgendwas im Grundwasser ist?

Kurioserweise ist es nämlich das Nachbarbundesland Thüringen, welches auf der rechten Widerlichkeitsskala ebenfalls ganz oben liegt.

Fast alle Landes-Parteien haben schwer religiöse Theologen an der Spitze und die CDU ist so radikal-christlich, daß sogar kreationistische Vereine und „Homo-Heiler“ hofiert werden.

CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus tötete 2009 beim Skifahren eine Touristin, befand daß Gott ihm verzeihe und wollte ernsthaft in Erfurt weiteramtieren, als ob nichts geschehen wäre.

Die Blockflöten-CDU Thüringens fand den Mann richtig gut.

Da hatten sich Ost-SPD und Bündnis 90 ordentlich abzustrampeln, als sie komplett ohne Infrastruktur und komplett ohne Personal den eben noch staatssozialistischen Blocks von Kohl und Genscher bei Wahlen zu stellen hatten.
In der SED/PDS/Linken blieb die Vergangenheit stets ein Thema, der publizistische Westwind blies in aller Schärfe.
CDU-Blockflötenpolitiker ließen sich nicht verdrehen und so schrieb beispielsweise der heutige Ministerpräsident von Thüringen, Kardinal Meisners Schüler Dieter Althaus am Tag des Mauerfalls:

"Als Tradition der freireligiösen Vereinigungen (seit 1859) sollte die JW wieder den Inhalt einer marxistisch-leninistischen Weltanschauung haben"

So steht es in einem Brief an den Bezirksausschuss für Jugendweihe (JW) vom 09. November 1989.

Dieser marxistisch-leninistischen Weltanschauung ist Althaus auch heute, im Jahr 2008 in gewisser Weise noch treu; just wurde er mit einem typischen DDR-Blockparteienergebnis „gewählt“:
In Heiligenstadt wurde CDU-Vorsitzender Dieter Althaus mit 100 Prozent im Amt bestätigt. Er wurde per Akklamation auch zum Spitzenkandidaten seiner Partei für die Landtagswahl am 30. August 2009 bestimmt. Als CDU-Landesvorsitzender wurde ebenfalls Althaus wiedergewählt - mit dem Traumergebnis von 100 Prozent. 122 von 122 Delegiertenstimmen.

Die Noch-Ministerpräsidentin Lieberknecht, selbstverständlich ist auch sie Theologin, taugt nicht so ganz für den Schmäh-Begriff „Thüringen-Hitler“.
Sicher, auch sie nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, zeichnet für den Erfurter NSU-Verfassungsschutz-Sumpf verantwortlich und steht für Versorgungsskandale in ihrer Staatskanzlei.
Ihr Gemauschel, um ihren Sprecher Pater Zimmermann mit Staatsgeld zu überschütten, führte sogar dazu, daß sie als amtierende Regierungschefin ihre Immunität verlor.
Das konnte „Hessen-Hitler“ besser.

Auch phänotypisch ist Lieberknecht keine „Hitler“.
Da kommt eher Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag in Frage, der in der Wahlnacht sein Hitler-Imitationskunst zum Besten gab und wie der Fööhrer wild fuchtelnd die Machtübernahme in Aussicht stellte.

Höcke glaubt immer noch daran mit der CDU zu regieren.
Allerdings ist ihm Lieberknecht zu lasch.

"Wir werden den Postkommunisten Ramelow nicht wählen", sagte Fraktionschef Björn Höcke der ZEIT. "Wir werden aber auch die Politikverwalterin Christine Lieberknecht nicht mittragen, weil sie für all das steht, was uns die Merkel-CDU zu einem roten Tuch macht", sagte Höcke. Es gebe allerdings durchaus Unionspolitiker, auf die sich die AfD-Fraktion einigen könnte.
"Ich denke, wenn CDU-Fraktionschef Mike Mohring gegen Ramelow antritt, kann er nach menschlichem Ermessen mit allen elf Stimmen der AfD-Fraktion rechnen", sagte Höcke. "Mohring ist ein profilierter Konservativer. Er ist ein junger Stürmer und voll im Saft", sagte Höcke.

Da hat Höcke wohl Recht. CDU-Rechtsaußen Mohring passt zu ihm.
Der Mann lügt, hetzt und mauschelt.
Auch er ist, wie vor ihm Lieberknecht und Althaus, in Konflikt mit der Staatsanwaltschaft.

Die Erfurter Staatsanwaltschaft prüft derzeit eine anonyme Strafanzeige. Darin heißt es, der CDU-Kreisverband Weimarer Land habe seit mehr als zehn Jahren gegenüber der Landespartei überhöhte Mitgliederzahlen gemeldet.
Der Fraktionschef im Thüringer Landtag, Mike Mohring, führe "mindestens 119 Scheinmitglieder", darunter 19 Verstorbene. Die Namen wurden den Ermittlern in einer Tabelle geliefert, jeweils mit Vermerk: "Austritt", "verzogen" oder "verstorben". Mehr Mitglieder bedeuten für Kreisverbände mehr Delegierte auf Landesparteitagen und höhere Finanzzuschüsse.
[…] Die Thüringer CDU hatte entschieden, einen eigenen Kandidaten gegen den Fraktionschef der Linken, Bodo Ramelow, ins Rennen zu schicken. Ob dies die amtierende Regierungschefin Christine Lieberknecht oder Fraktionschef Mike Mohring sein soll, ist offen. […]

Das mutmaßlich kriminell-rechtsextreme Potential Mohrings sollte AfD-Höcke also gefallen.

Auf die Blockflöten-durchwirkte Erfurter CDU-Fraktion sollte er sich allerdings am 05. Dezember 2014 nicht zu sehr verlassen. Lieberknecht ist in ihrer eigenen Fraktion extrem unbeliebt und wird mit Sicherheit nicht alle Stimmen bekommen.
Dies ist übrigens auch ein entscheidender Grund für R2G in Erfurt: Rot-Schwarz bekäme keine Mehrheit.

2009 schaffte es Lieberknecht trotz deutlicher Mehrheit nur ganz knapp in ihr Amt – weil die LINKE ihr mit einer Kampfkandidatur half die Reihen zu schließen.

Erst im dritten Anlauf reichte es für eine Mehrheit: […]
In den ersten beiden Wahlgängen bekam sie jeweils eine Stimme zu wenig, nur 44 von 87 Stimmen. CDU und SPD verfügen über 48 Mandate. Der Landtag hat 88 Abgeordnete - deshalb brauchte sie 45 Stimmen, denn in den ersten beiden Wahlgängen war eine absolute Mehrheit aller Stimmen nötig. […]



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