Montag, 11. November 2013

Der Beweis – Teil II


AUS DEM PARADIESE

„Gut und Böse sind die Vorurteile
Gottes“ –    Sprach die Schlang‘ und floh in Eile.
(Nietzsche)

Wenn ich mal mit Studenten in Kontakt komme, merke ich erst wie altmodisch ich bin. Ich besitze kein Smartphone, kein Navi, kein iPad.
Musik kaufe ich mir ausschließlich als CD und einen Film habe ich mir auch noch nie downgeloaded. Alle TV-Sendungen, die ich sehen will, zeichne ich auf VHS auf. Dadurch spare ich Zeit, weil ich bei jedem Werbeblock oder uninteressanten Talkshowgästen vorspule. Auch Sendungen wie „Extra Drei“ habe ich in Rekordzeit hinter mir, weil ich die nervigen Moderationen von Christian Ehring immer nur mit gedrückter „FF“-Taste mitbekomme. „Zappen“ ist nicht.
Für meine Konsumgewohnheiten brauche ich allerdings mindestens eine ausführliche TV-Programmzeitschrift, um immer rechtzeitig die interessanten Shows einprogrammieren zu können.
Leider gibt es keine für meine Zwecke „gute“ Fernsehzeitschrift.
Im Laufe meines lebens hatte ich schon so ziemlich alles einmal abonniert und jeweils mindestens einmal wutentbrannt gekündigt, wenn die rechtslastigen Bauer- oder Springer-Ansichten in den redaktionellen Teilen zu heftig durchschienen.
Den Einfluß soll man nicht unterschätzen! Die sogenannten „Premium-Programmzeitschriften“ haben gigantische Auflagen. Die Hörzu verkauft 1,2 Mio Exemplare und erreicht damit 4,7 Millionen Leser. Bauers „TV“ bringt es immerhin noch auf 700.000 verkaufte Exemplare.
Zum Vergleich die 14-Tägigen: TV MOVIE verkauft 1,3 Mio Hefte (Reichweite 6,4 Mio) und TV Spielfilm bringt eine Million Hefte unter die Leute (Reichweite 6,4 Mio). Davon träumen SPIEGEL und FOCUS. Bei TV14 sind es gar 2,3 Mio Exemplare (Reichweite 6,7 Mio) und auch TV-Digital schafft die 2-Millionen-Marke locker

Gegenwärtig habe ich (mal wieder) ein GONG-Abonnement.
Die kleine Gong-Verlagsgruppe assoziiert man immer mit „bayerisch“ und „katholisch“ und „bieder“.
Das stimmt sicherlich auch noch; allerdings gehört der Gong-Verlag heute zu 100% der Funke-Mediengruppe, also dem ehemaligen WAZ-Konzern.
 Mit einer wöchentlichen Auflage von 260.000 Exemplaren ist der GONG zwar kleiner als Hörzu und TV, aber er dürfte trotzdem eine Millionen Menschen erreichen.
Was in den „Artikeln“ oft so locker als Ratgeber daherkommt, stellt eine enorme Verbrauchermacht dar. Denn diese Zeitschriften liegen gewöhnlich rund um die Uhr im Wohnzimmer für die ganze Familie griffbereit.

In der neuesten GONG-Ausgabe (Heft 46, erschienen am 08.11.13) gibt es eine lange Titelgeschichte geschrieben vom frommen Michael Schwelien:

DIE RENAISSANCE DES GLAUBENS – Hat die Wissenschaft Gott entdeckt.


Ich wurde natürlich sofort hellhörig. Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit dem Thema, lese fortwährend Bücher über kirchliche Zustände und verfolge die großen philosophisch-theologischen Fragen, wie das „Theodizee-Paradox“.

Gott zu „entdecken“, ihn also wissenschaftlich nachzuweisen, wäre in der Tat eine hochinteressante Angelegenheit, die gewaltige Mea-Culpa-Aktionen der Konfessionslosen und Atheisten erforderte.
Klar, es verwunderte mich ein wenig, daß diese Gottesbeweise zunächst vom Gong und nicht etwa Radio-Vatikan oder der EKD verbreitet werden, aber Gottes Wege sind bekanntlich unergründlich!

Leider gelingt es mir nicht heraus zu finden, ob der GONG-Michael-Schwelien derselbe Michael Schwelien ist, den man schon ewig von der ZEIT kennt und der spätestens seit seinem Buch „Das Boot ist voll“ (2004) eigenartigerweise nicht nur Fans hat.
Kann es sein, daß alternde und zunehmend verwirrte ZEIT-Autoren zum GONG wechseln?

Der GONG-Schwelien ist jedenfalls ein Wissenschaftler, der naturwissenschaftliche Laien wie Hawking oder Dawkins alt aussehen läßt:

„In allen drei Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik stoßen Forscher inzwischen an die Grenzen des bisher Vorstellbaren und stellen mit ihren Entdeckungen das bisherige Weltbild auf den Kopf. Ist am Ende das Unerklärliche der eigentliche Beweis Gottes?“
(M. Schwelien, GONG, 08.11.13, s.6)

Nun, zunächst einmal wird es Kosmologen, Meteorologen, Klimatologen, Geologen, Mineralogen, Meereskundler, Humanmediziner, Genetiker, Archäologen, Paläontologen, Zoologen, Botaniker, Mykologen, Virologen, Bakteriologen, Informatiker und Thermodynamiker natürlich enttäuschen zu hören, daß sie gar keine Naturwissenschaftler sind.
Ich selbst bin aber auch enttäuscht. Da habe ich lange Jahre eine der von Schwelien genannten Naturwissenschaften an der Uni Hamburg studiert und gar nicht gemerkt, daß damit die Existenz Gottes bewiesen werden sollte. Irrigerweise ging ich davon aus gerade als Naturwissenschaftler die Idee eines Schöpfers ad absurdum zu führen.

Im Gong wird zunächst einmal für Laien verständlich rekapituliert, welche naturwissenschaftlichen Hinweise es für Gottes Existenz schon gibt:

1.)  Das Higgs-Boson, welches Leon Lederman eigentlich „The Godamn Particle“ nennen wollte, wurde von seinem Verleger in „Gottesteilchen“ umbenannt und inzwischen bestätigt. Francois Englert und Peter Higgs bekommen dafür jetzt den Nobelpreis.
2.)  Ist das Universum selbst ist ein Hinweis auf Gottes Existenz, weil die vielen Galaxien über geladene Teilchen so miteinander verwoben sind, daß sie einem menschlichen Hirn ähneln.
3.)  Gottes Gegenwart sitzt im Hirn, also IN UNS. Man spürt überirdische Kräfte, wenn Neurochirurgen bestimmte Bereiche des vorderen Schläfenlappens stimulieren.
4.)  Die Erschaffung Adams. Michelangelos berühmtes Deckengemälde in der Sixtina zeigt wie Gott Adam mit dem Zeigefinger zum Leben erweckt.
5.)  Quatentheorie! „Lebendige Seele: Die Quantenphysik baut Brücken zwischen Naturwissenschaft und Glauben. Viele Physiker sagen heute, menschliches Bewusstsein sie außerhalb des Körpers möglich, könne den Tod überdauern: Ein Nachweis für die unsterbliche Seele. ÜBER DEN TOD HINAUS: Unser Körper besteht aus […] Teilchen. Da diese Teilchen auch Wellencharakter haben, lässt sich sagen, dass belebte und die unbelebte Welt miteinander verschränkt sind.“

Besonders der 4. Punkt erscheint mir als klarer naturwissenschaftlicher Beweis unumstößlich zu sein.
In dem für Programmzeitschriften mit sechs Seiten (sic!) ungewöhnlich langen Artikel, widmet sich Schwelien zunächst aber der Frage wieso wir eigentlich wissen wollen wer Gott ist:

Wer ist wie Gott? Das fragte der Erzengel Michael. Luzifer wollte so sein wie Gott. Eine Anmaßung! Dafür wurde er aus dem Himmel gestoßen. Aus der Frage wurde ein Name. Michael bedeutet nichts anderes als „Wer ist Gott?“
(M. Schwelien, GONG, 08.11.13, s.7)

Der GONGer fährt fort mit der Schilderung der bedauerlichen Trennung von Wissenschaft und Kirche im Mittelalter. Erst die heutigen Evangelikalen fanden den Mut „die Bibel buchstäblich auszulegen“ und in den Evolutionsbiologen „anmaßenden Ahnungslose zu sehen, die so sicher wie Luzifer zur Hölle fahren werden“.
Bei den „drängenden Fragen“ nach dem Ende unserer Zeit oder den Grenzen des Weltalls („solche Fragen hat sich jeder schon einmal gestellt.“), käme man unweigerlich zu dem Schluß, das „Unbegreifliche, das höhere Wesen – das muss Gott sein!“

Michael Schwelien hat die wissenschaftliche Arbeitsweise von These, Gegenthese und Beweisführung an dieser Stelle vorbildlich adaptiert.

Er betont, daß das Higgs-Teil an sich noch nicht die Existenz Gottes beweise, aber immerhin würden die Fragen „Gott oder Urknall“ nicht mehr als Gegensätze erforscht!
„Die beiden Grundansätze zur Erklärung des Seins werden als miteinander vereinbar erforscht.“
Es gebe weltweit eine Renaissance der Religionen und ein Miteinander mit den Wissenschaftlern.

„So sagt der Religionswissenschaftler Michale Blume [in diesem MICHAEL Schwelien-Text wimmelt es von Michaels. –T.], Spiritualität und Frömmigkeit seien als segensreiche Resultate der Evolution zu begreifen.“
(M. Schwelien, GONG, 08.11.13, s.8)

Es ist eine glückliche Koalition aus Theologen und Naturwissenschaftlern, die sich nun daran macht die Seele und das Jenseits zu erklären.

Wer ist wie Gott? Können wir ihn sehen? Nein, das geht über unseren Verstand hinaus. Was ist ein Gottesteilchen? Können wir es sehen? Nein, es wurde nur erforscht, dass es eine Masse bildet und dabei eine Spur hinterlässt. Früher dachte man, ein Strahl sei „ein Ding an sich“. Jetzt sehen wir, dass ein Strahl einmal als Strom von Teilchen „in Erscheinung tritt“, und unter anderen Umständen als Wellenbewegung erscheint.
(M. Schwelien, GONG, 08.11.13, s.9)

Dass mit dem Welle-Teilchen-Dualismus die Koexistenz von Naturwissenschaft und Schöpfungsgeschichte bewiesen ist, hat Schwelien damit klar erläutert.
Ich bin insbesondere davon beeindruckt wie toppaktuell die Wissenschaftsredaktion des GONGs ist.
Denn nach den Entdeckungen von Planck und Einstein hat Louis de Broglie den Welle- und Teilchencharakter ja gerade erst 1924, also „jetzt“ wie Schwelien es nennt, erkannt.

Ein hochinteressanter Artikel ist das. Da ich nicht alle Beweise vorweg nehmen will, empfehle ich hiermit jedem echten Naturwissenschaftler sich den aktuellen GONG zu kaufen, um auch endlich an Gott zu glauben!

Sonntag, 10. November 2013

Drei gute Nachrichten jenseits der Weißwurscht.



 Als Nordlicht versteht man fremde Kulturen unterschiedlich gut.
Wachsender Beliebtheit erfreut sich beispielsweise der Urlaubswohnungstausch mit Kopenhagenern. Angeblich sind sich die Bürger beider Städte so ähnlich, daß sie sich in der jeweils anderen Wohnung blind zu Recht finden.
Und dann die Sache mit den Briten.
Wir Hanseaten halten Hamburg gelegentlich für das britischere London. Wenn es in England regnet, gehen in Hamburg die Regenschirme auf, lautet ein bekanntes Sprichwort. So wird die Begeisterung für englische Lebensart erklärt.
Die steifen Hamburger sind dabei den Londonern gar nicht so ähnlich, wie den Kopenhagenern, aber wir lieben die britische Exzentrik und machen begeistert englische Hutmoden beim Derby in Klein Flottbek nach.

Gen Süden fremdelt der Hanseat.
Oktoberfest verstehen wir nicht. Hier gibt es zwar ein ähnlich großes Ereignis sogar dreimal im Jahr, den „Hamburger Dom“ mit denselben Fahrgeschäften, aber gerade mal ein Bierzelt („Zum Ochsen“) findet man. Es fällt in der Regel durch gähnende Leere auf. Zu Blasmusik zu saufen und zu schunkeln fiele keinem Hamburger ein.
Fasching und Karneval versuchen wir gar nicht erst.

Besonders rätselhaft erscheinen uns Bayerische Eigenarten wie die Akzeptanz von Korruption und Kriminalität.
Zu sehen war das bei der Bayernwahl am 15.09.13: All die CSU’ler, die durch besonders dreiste Bereicherungen ihrer Sippe aufgeflogen waren, wurden sogar noch mit Stimmenzuwächsen wiedergewählt.
Der Bayer akzeptiert nicht nur politische Schweinereien und Bestechung; er honoriert sie sogar. Auch Ulli Hoeneß ist beliebter denn je.
Das läuft in Norddeutschland offenbar ganz anders. Dort können auch lange im Sattel sitzende CDU-Regierungen plötzlich mit extremen Stimmenverlusten bestraft werden, wenn ein Skandal ans Licht kommt.
Man erinnere sich an Christoph Ahlhaus, der 2011 in Hamburg einen Verlust von 21 Prozentpunkten hinnehmen mußte.
Oder an Uwe Barschel, der in Schleswig-Holstein eine ähnliche Abfuhr kassierte. Wahlergebnis 1983 in Kiel; CDU = 49%; SPD = 43%.
Wahl 1988: CDU = 33%, SPD = 55%.

Heute erreichen uns allerdings gleich drei gute Nachrichten aus Bayern, die hoffen lassen!

1.) Die Bürger in CSUlandistan haben einer Olympiabewerbung bei Volksabstimmungen eine klare Absage erteilt!

Die Menschen in der Millionenstadt München haben Nein zu Olympia gesagt. Beim Bürgerentscheid stimmten am Sonntag 52,1 Prozent gegen die Bewerbung der Landeshauptstadt für die Olympischen Winterspiele 2022, lediglich 47,9 Prozent waren dafür. Von den insgesamt rund 1,3 Millionen Stimmberechtigten bei den Urnengängen in den vier geplanten Austragungsorten kommt mehr als eine Million aus München.
Auch die Bevölkerung in Garmisch-Partenkirchen (Ja: 48,44 Prozent - Nein: 51,56 Prozent, Wahlbeteiligung: 55,80 Prozent), im Berchtesgadener Land (Ja: 45,98 Prozent - Nein: 54,02 Prozent, Wahlbeteiligung: 38,25 Prozent) und im Landkreis Traunstein (Ja: 40,33 Prozent - Nein: 59,67 Prozent, Wahlbeteiligung: 39,98 Prozent) entschied sich gegen Olympia. Am deutlichsten fiel die Ablehnung damit im Kreis Traunstein aus, wo fast 60 Prozent Nein zu dem Großprojekt sagten.

Solche Megaereignisse sind heutzutage sowieso nur noch absurd. Sie zerstören die Umwelt, kosten Milliarden mehr als geplant und dann ist da noch das Terrorproblem. Da muß man immer zehntausende Polizisten im Einsatz haben. Und all das nur für zehn Tage Mega-Kommerz, bei dem ein paar alte fette extrem korrupte Funktionäre dabei absahnen, wie ein paar gedopte Muskelberge und bärtige Chinesinnen sich kloppen.

Das Votum ist eindeutig. Die Bürger in und um München wollen nicht noch einmal Olympische Spiele ausrichten. Selbst in Garmisch-Partenkirchen, wo die Bewerbung für die Winterspiele 2018 noch Zustimmung gefunden hatte, gab es diesmal keine Mehrheit für den zweiten Anlauf, einer Kandidatur für den Winter 2022.
Das Ergebnis ist in dieser Deutlichkeit überraschend; bis auf die Grünen hatten alle maßgeblichen Parteien für ein Ja plädiert. Offenbar klafft der Wille der meisten Politiker und der der meisten Wähler bei der Frage "Wie halten wir es mit Olympia?" weit auseinander. Das zeigt das Dilemma bei vielen Großprojekten in diesem Land: politisch gewollt, aber beim Bürger nicht durchsetzbar.
Für München, Garmisch-Partenkirchen, Ruhpolding und Königssee bedeutet das Nein eine verpasste Chance. Bedrohlich aber ist das Verdikt für das Internationale Olympische Komitee. Auch in der Schweiz, wo das IOC residiert, haben die Bürger eine Bewerbung um Spiele im Schnee und auf Eis abgelehnt. In freiheitlichen Gesellschaften hat die olympische Idee offensichtlich ein Problem, noch Anklang zu finden.
Das Nein ist deshalb auch ein empfindlicher Schlag für den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Es zeigt: Kommerz und Korruption, Intransparenz, Prunksucht und die Nähe zu fragwürdigen Mächten haben der Organisation, der er seit kurzem vorsteht, eine Krise beschert, die tief reicht. Das IOC wirkt wie aus der Zeit gefallen - Parallelen zur katholischen Kirche sind nicht fern. […]

2.) Ausgerechnet der stets als Hardcore-Law-and-Order-Politiker aufgefallene Günter Beckstein wollte Nachfolger von Kathrin Göring-Kirchentag als EKD-Präses werden.
Allein seinen Christenbrüdern gefiel es überhaupt nicht den ehemaligen CSU-Ministerpräsidenten zum Kirchenchef zu machen und ihn dann zu Waffenexporten und Flüchtlingen sprechen zu lassen.
Schade eigentlich. Denn damit hätten sich die Austrittszahlen bei den Protestanten auch noch mal stark vergrößert.

Auf der Jahrestagung des Parlaments der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist die Wahl eines Synoden-Präses am Sonntag zunächst gescheitert. In zwei Wahlgängen am frühen Abend erreichten weder der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) noch die Bremer Juristin und frühere Kirchenpräsidentin Brigitte Boehme die erforderliche Mehrheit. In beiden Wahlgängen unterlag Beckstein jedoch seiner Konkurrentin.   Beckstein - bisher Vize-Präses der Synode - erklärte daraufhin, er stehe für einen dritten Wahlgang nicht mehr zur Verfügung. [….]
Die bisherige Synoden-Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt hatte das höchste Laienamt der evangelischen Kirche im September vorzeitig niedergelegt, weil sie sich ganz auf ihre Arbeit als Grünen-Fraktionschefin im Bundestag konzentrieren will. Beckstein war bereits 2009 mit dem Versuch gescheitert, an die Spitze des Kirchenparlaments zu kommen - damals unterlag er Göring-Eckardt.

3.) Möglicherweise haben selbst in Bayern die Zeiten ein Ende, in denen sich die Reichen und Mächtigen sich nicht um Gesetze scheren mußten, weil CSU-hörige Staatsanwaltschaften auf Geheiß der Staatskanzlei agierten.
Nun erwischte es eine der ganz großen Bayerischen Fußball-Ikonen.

Uli Hoeneß, Aufsichtsratsvorsitzender und Präsident des FC Bayern, wartet noch auf seinen Prozess wegen Steuerhinterziehung, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat sein Verfahren bereits hinter sich. Nachdem Rummenigge Anfang Februar vom Zoll am Flughafen München mit zwei teuren Luxus-Uhren im Handgepäck erwischt worden war, hat er nun eine Verurteilung zu einer Geldstrafe von 249.900 Euro akzeptiert und das Geld bereits an die Staatskasse überwiesen.
Das hat der Landshuter Oberstaatsanwalt Markus Kring der SZ bestätigt: "Die Vollstreckung ist bei uns als erledigt gekennzeichnet." Rummenigge war nach einem Aufenthalt in Katar, wo 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, mit den zwei Uhren zurückgekehrt. Statt zum Zoll ging er aber durch den Ausgang "Nichts zu verzollen". Als er erwischt wurde, hatte er angegeben, ein Freund hätte ihm die beiden Uhren geschenkt. […]
Der Vorstandschef gilt im landläufigen Sinn nun als vorbestraft.






Samstag, 9. November 2013

Nachtrag zu „Patriotismus – Nein, Danke!“




 Eins der gemeinsamen Übel von Religion und Patriotismus ist die arrogante Haltung, die beiden zu Grunde liegt.
Ein „Wir sind besser als die“-Denken, aus dem sich relativ leicht auch „wir dürfen mehr als die“ und „die sind nicht so viel wert wie wir“ ableiten lässt.
Diese Grundhaltung, die von oben herab erst mal den anderen etwas abverlangt, was man selbst nicht tun muß, kam exemplarisch in dem Leitartikel wider die doppelte Staatsbürgerschaft an Licht, den ich vor drei Tagen kritisierte.

Da dies ein Blog ist, in dem ich schreibe wie mir der Schnabel gewachsen ist, kann ich solche Artikel nicht wortwörtlich für andere Zwecke einsetzen.
Jedoch habe ich einen Leserbrief gleichen Inhalts, aber in höflicherer Formulierung an Matthias Iken geschickt.
Abgedruckt wurde er natürlich nicht, aber ich bekam eine Antwort des von mir gescholtenen Redakteurs.

Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den ich mit großem Interesse gelesen habe und dessen Positionen ich verstehen kann. Wenn Sie den Leitartikel genau lesen, habe ich mich ja weder für das Ius Sanguinis noch für das alte verzopfte Staatsbürgerschaftsrecht der Siebziger Jahre ausgesprochen. Ganz im Gegenteil weiß ich, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist – und das ist auch gut. Ich finde aber die derzeitige Regelung, dass Kinder mit Migrationshintergrund als Erwachsene dann doch entscheiden können und sollen, welche Staatsbürgerschaft sie besitzen wollen. Sonst wird sich die multiple Staatsbürgerschaft von Generation zu Generation fortsetzen und ggfls sogar weiter vergrößern.
In einem Punkt aber gebe ich Ihnen recht und bedauere, nicht klarer formuliert zu haben: Es gibt gerade in der ersten Generation oder bei wie bei Ihnen Ausnahmefälle, wo doppelte Staatsbürgerschaften sinnvoll sind.

Herzliche Grüße…

So so, ich bin also ein Ausnahmefall.
Nach Ikens Politmoral dürfte ich also schon die doppelte Staatsbürgerschaft bekommen.
Das ist natürlich der Vorteil wenn man ein guter Amerikaner und kein schlechter Türke, Rumäne oder Bulgare ist!

In diesem Zusammenhang sei an die Unternehmensleitsätze der Axel Springer AG erinnert, denen jeder Journalist verpflichtet ist:

Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.
(AS, Grundsätze und Leitlinien)

Unterstützung von EU-Ländern oder der Türkei ist bei Springer-Journalisten nicht vorgesehen.
Angela Merkels Begründung, um den Amerikanern die Lauschangriffe zu verzeihen und Ed Snowden nicht aufzunehmen, nämlich die „überragende Bedeutung“ des Verhältnisses zu Amerika, liegt also genau auf Konzernlinie. Kein Wunder, daß Inhaberin Friede Springer eine enge Freundin der Kanzlerin ist und stetig Wahlkampfhilfe leistet.

Iken ist also in meinem speziellen Fall großzügig, aber „multiple Staatsbürgerschaften“ sind ihm ein Grauen, denn sie könnten sich von

Generation zu Generation fortsetzen und ggfls sogar weiter vergrößern!

Was für eine Horrorvorstellung!

Da prallen Welten aufeinander.
Ich empfinde es als sehr reizvoll multiple Staatsbürgerschaften zu haben. Ich freue mich für jeden, der das Glück hat und konnotiere das sehr positiv. Ich glaube fest daran, daß alle davon profitieren, wenn man geistig, kulturell und genetisch aus einen größerem Pool schöpfen kann und „Deutschland“ weniger inzestuös auftritt.
Die CDU und vermutlich auch die große Majorität der Deutschen haben sich aber immer noch nicht von der Idee eines „reinen Volks“, das nicht „durchrasst und durchmischt“ (O-Ton Edmund Stoiber) sein sollte verabschiedet.
So sehen auch die Leserbriefe zum Iken-Leitartikel aus.


Ja, so ganz langsam beginnt man zwar einzusehen, daß Einwanderung erstens nicht zu verhindern und zweitens möglicherweise auch noch notwendig ist (Facharbeiter! Altenpfleger! Rentensystem! Demographie!), aber dann sollen sich die Ausländer gefälligst auch ordentlich anstrengen und sich wie echte Musterdeutsche benehmen.
Kulturelle Vielfalt – Nein Danke. Assimilation schwebt den deutschen Integrationspolitikern vor.

Im Zuge der aktuell laufenden Koalitionsverhandlungen der Unionsparteien mit der SPD bekräftigte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) am Mittwoch seine Ablehnung der doppelten Staatsbürgerschaft mit folgender Begründung: „Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Dies bedeute eine „langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft“.
Friedrichs Äußerung ist von drei Wunschdenken geprägt: 1. Er geht von der irrigen Annahme aus, die „deutsche Gesellschaft“ sei homogen, (2.) deren Identitätsveränderung verhindert werden müsse (3.) dadurch, dass Minderheiten – Friedrich nennt nur die Türken – nicht nur ihre Staatsbürgerschaft, sondern auch ihre Sprache, Identität, Bräuche und Sitten ablegen, sich also assimilieren. Andernfalls wäre eine Veränderung der „deutschen Gesellschaft“, allein schon aufgrund des Zusammenlebens, des selbstverständlichen gegenseitigen Prägens und Veränderns, unumgänglich.
[…]   Kommen wir zurück zu Friedrich: Seine Weltvorstellung in Bezug auf Minderheiten in Deutschland steht zur aufgeführten deutschen Politik zum Schutz der deutschen Identität der im Ausland lebenden deutschen Minderheiten nicht nur im krassen Widerspruch, sondern bringt auch seine Doppelmoral ungeheuerlichen Ausmaßes zum Vorschein, wenn man bedenkt, dass der Beauftragte für deutsche Minderheiten im Ausland dem Bundesinnenministerium, also Friedrich, untersteht.

Wer glaubte völkisches Denken und die Wahnidee von dem überlegenen deutschen Wesen, an dem die Welt genesen sollte, stürben aus, hat sich zu früh gefreut.

Glücklicherweise gibt es auch besonnenere Stimmen, aber Mehrheitsmeinung ist das noch lange nicht. Heribert Prantl beschreibt einer ungleich größeren Leserschaft als dem Migazin, daß die Optionspflicht die Menschen vor den Kopf stößt und damit die angeblich gewollte Integration sogar massiv behindert.

Beim Widerstand gegen die doppelte Staatsbürgerschaft handelt es sich um das wohl letzte Gefecht eines Kampfes, der jahrzehntelang unter dem Motto "Deutschland ist kein Einwanderungsland" geführt wurde. Es war dies ein Anrennen wider den Augenschein, weil der Alltag jedem in Deutschland zeigt, dass er in einer Einwanderungsgesellschaft lebt. Die Anerkennung einer doppelten Staatsbürgerschaft ist auch Anerkennung dieses Faktums.
Die doppelte Staatsbürgerschaft verlangt vom Bürger, der in zwei Kulturen zu Hause ist, nicht mehr, sich zu zerreißen. Sie nimmt den Bürger so, wie er ist: mit seiner Geschichte, mit seiner Tradition, mit seinen Wurzeln und mit der Identität, die sich daraus ergibt. Gewiss: Ein neuer Bürger muss sich entscheiden - aber doch nicht dafür, ob er sich nun ein wenig mehr türkisch oder ein wenig mehr deutsch fühlt. Er muss sich entscheiden für Demokratie, Rechtsstaat und die Grundwerte der Verfassung. Die Doppelstaatsbürgerschaft kann dabei helfen. EU-Bürger, Spätaussiedler und die Kinder aus binationalen Ehen leben gut in Deutschland mit der doppelten Staatsbürgerschaft; warum sollten dann nicht auch Deutsch-Türken gut damit leben? Man kann nicht nach Herkunft darüber entscheiden, ob ein Mensch zwei Pässe haben darf oder nur einen. […]