Samstag, 12. Oktober 2024

Der Egomane

Da ich fast immer Presseclub auf Phoenix gucke,bekomme ich den Rest von der vorherlaufenden Sendung „Phoenix Persönlich“ mit. Letzte Woche vor dem sehr sehenswerten Gespräch über die Lage in Israel/Gaza/Libanon hörte ich noch die letzten Worte Oliver Welkes, der zu Gast bei Jörg Thadeusz war und gerade offenbar auf die Frage antwortete, ob ER lieber Bundestrainer oder Bundeskanzler sein wolle.Welke gab zu bedenken, als Kanzler könne er zu viel Schaden anrichten.

[….] weil das natürlich in Wirklichkeit doch sehr viel Expertise verlangt; ich habe, das kommt in der Sendung vielleicht nicht genügend drüber, aber ich habe allergrößte Hochachtung vor jedem einzelnen Parlamentarier wirklich auch vor Ministerien vor Staatssekretären und  erstrecht Bundeskanzler es ist einfach ein absurdes mörderisches Arbeitspensum, ja das deswegen tut es mir auch so leid, dass in dem allgemeinen die da oben Geschrei vollkommen untergeht, dass das die letzten sind denen man vorwerfen darf dass sie sich bereichern und dafür nichts tun also das sind ja ob jetzt Scholz oder auch natürlich Frau Merkel, es sind waren alles [….] aber das ist natürlich klar dass die sich in unfassbar viele Themen einarbeiten müssen und zwar mit einer Tiefe die jetzt für so eine kasparendung wie meine gar nicht vorstellbar ist […..]

(automatisch erzeugtes Transkript Welke)

In dieser Hinsicht teile ich ausdrücklich Welkes Hochachtung. Sicher, es gibt auch faule Hinterbänkler, die nur die Abgeordneten-Privilegien genießen wollen und wie Frau Wagenknecht, so gut wie nie im Parlament erscheinen. Sicher, es gibt auch völlig unfähige Minister (Spahn, Wissing, Scheuer) und faule Amtschefs, die alles dem Apparat überlassen, so daß aus dem Haus keine eigenen Initiativen mehr kommen (Seehofer). Aber an den Spitzenpositionen der Regierung muss man ein unfassbares Arbeitspensum bewältigen und wird vergleichsweise mies bezahlt. Die Chefs kommunaler Unternehmen, die nur einen Bruchteil der Verantwortung und der Gefährdung eines Kanzlers tragen, verdienen mehr als Scholz. Für ein mickriges Kanzlergehalt wird niemand Chef einer kleinen Landesbank, der stadteigenen Hafenlogistik-Firma oder des Uni-Klinikums.

Und diese Kommunal-Angestellten verdienen wiederum allesamt nur Bruchteile dessen, was DAX-Manager bekommen, die alle Multimillionäre sind und nur mitleidig seufzen, wenn sie die kümmerlichen Bankkonten und Wohnungen Merkels und Scholz‘ ansehen.

Deswegen muss man Schröder, Merkel und Scholz nicht bedauern. Die haben sich schließlich ihre Jobs ausgesucht, hart dafür gekämpft, ihn zu bekommen und sind selbstverständlich in der Lage, aufgrund ihrer Prominenz und ihrer Kontakte jederzeit „in die Wirtschaft“ zu wechseln, um dort ein Vielfaches zu kassieren. So gut wie alle CDU/CSU/FDP-Ex-Minister und Ex-Staatssekretäre tun das. So kam Fritz Merz zu seinen Blackrock-Millionen und seinen Privatflugzeugen.

Aber auch einige Grüne und Sozis handeln so (Fischer/Gabriel). Ein ehemaliger SPD-Kanzler ist sogar berüchtigt dafür, nach seinem Ausscheiden aus dem Amt viel Geld verdient zu haben.

Das zu kritisieren steht jedem offen, aber ich halte es nur für moralisch verwerflich, wenn es zu Interessenkonflikten kommt, oder wenn es sich ganz offenkundig um eine nachgelagerte Bestechungsbezahlung handelt. Das war bei Hildegard Müller, von Klaeden, Daniel Bahr, Wissmann oder Rösler ganz sicher der Fall. Als (Staats-) Minister hatten sie Regelungen zugunsten bestimmter Konzerninteressen getroffen und wurden zu Dank von eben jenen Firmen a posteriori mit prallen Beraterverträgen versorgt.

Bezeichnenderweise sind das alles sehr junge Ex-Minister, die ganz offensichtlich ihre Politik-Prominenz als Startrampe zum ganz großen Geld nutzen.

Wer aber mit 50 oder 60 immer noch in der aktiven Politik ist, wird offenkundig eben nicht von finanziellen Interessen geleitet. Wer zudem auch noch ein Spitzenamt innehat, kann nicht faul sein.

Allen „Die da oben-Nörglern“, die sich über „faule Politiker“ beschweren, die „viel zu viel verdienen“, auf „Steuerzahlerkosten fliegen“ und „nur abkassieren“, entgegne ich routinemäßig: Wenn das so ein lockerer Job ist, bei dem man für’s Nichtstun abkassiert, dann werde doch auch Minister oder Kanzler oder Bundestagsabgeordneter!

Natürlich will das aber niemand.

Tatsächlich entwickelte es sich, im Gegenteil, zu einem massiven Problem, daß es viel zu wenig Kandidaten gibt. In der Kommunalpolitik sind viele Positionen nicht besetzt, weil sich niemand antun will, zur ständigen Zielscheibe von Hass und Pöbeleien zu werden. Immer mehr Politiker werden auch tätlich angegriffen, viele ruinieren durch die enorm stressige Dauerbelastung ihre psychische Gesundheit. Kevin Kühnert ist nur das letzte Beispiel in einer langen Liste.

Ich hätte mir nie vorstellen könne, das einmal zu schreiben; aber ich muss tatsächlich Markus Söder gegen den Vorwurf der Faulheit in Schutz nehmen.

Es tauchen regelmäßig Berichte zu dem Thema auf.

Markus Söder schwänzt die allermeisten Landtagssitzungen.

[….] Ist er das wirklich? Kann das sein? Im Landtag ist ja schon gescherzt worden, ob Markus Söder den Weg überhaupt noch kennt. Zur Mittagszeit tritt der Ministerpräsident den Gegenbeweis an. Er marschiert durch den Steinernen Saal, vorbei an der hübschen Weihnachtskrippe unter dem kolossalen Christbaum, biegt zweimal links ab und, tatsächlich: Er betritt den Plenarsaal, leibhaftig. Da sitzt Söder (CSU) dann, am frühen Nachmittag, vor ihm dampft ein Heißgetränk, neben ihm, am Rednerpult, spricht Sebastian Körber. "Schön, dass Sie wenigstens mal auf eine Tasse Tee ins Plenum kommen", spottet der FDP-Abgeordnete.

Es ist Donnerstag im Maximilianeum, letzte Plenarsitzung des Jahres, der richtige Moment für Bilanzen. Und was soll man sagen? Eine Anwesenheitsliste führt das Landtagsamt nicht, doch außer drei Redebeiträgen ist dort wenig dokumentiert über die Präsenz des Ministerpräsidenten im Parlamentsjahr 2022. Recht viel öfter als diese drei Mal war Söder jedenfalls nicht im Plenarsaal, bei immerhin 30 Sitzungstagen.   [….]

(SZ, 15.12.2022)

Kein Ministerpräsident schwänzt so viele Bundesratssitzungen, wie Söder.

[….] Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) scheint kein großes Interesse am Bundesrat zu haben. Wie alle Ministerpräsidenten ist er Mitglied der Länderkammer. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gab es seit seinem Amtsantritt in der Münchner Staatskanzlei im März 2018 genau 82 Sitzungen des Bundesrats. Söder hat aber nur an elf von ihnen teilgenommen. Das Wort ergriffen hat er nur in sechs dieser Sitzungen. Reiner Haseloff (CDU), Regierungschef in Sachsen-Anhalt und dienstältester Ministerpräsident, hat dagegen an 72 der 82 Bundesratssitzungen teilgenommen.   […..]

(SZ, 10.10.2024)

Kein C-Ministerpräsident schwänzt so viele Unions-interne MP-Runden wie Söder.

[…..] Auch die wichtigen Vorbesprechungen der Unionsministerpräsidenten am Vorabend der Bundesratssitzungen schwänzt er fast immer. Von einer Mitarbeit im Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag hält Söder ebenfalls wenig. Alle CDU-Ministerpräsidenten sitzen selbst in dem Ausschuss, aus Bayern kommt dagegen nur der Staatskanzleichef.  [….]

(Robert Roßmann, 10.10.2024)

Die SPD ätzt bereits seit Jahren, Söder müsse wegen seiner Schwänzerei das Gehalt gekürzt werden.

[….]  SPD fordert von Markus Söder wegen Fehlens im Landtag Diäten zurück

Die bayerische SPD wirft dem Ministerpräsidenten vor, vergangenes Jahr nur bei fünf von 30 Landtagssitzungen gewesen zu sein. Er erhalte Tausende Euro "fürs Blaumachen".

Die SPD in Bayern hat von Ministerpräsident Markus Söder die Rückzahlung seiner Diäten als Landtagsabgeordneter gefordert. Hintergrund sind etliche verpasste Landtagssitzungen des CSU-Politikers. Söder habe im vergangenen Jahr nur an fünf von 30 Landtagssitzungen teilgenommen, kritisierte die Generalsekretärin der Bayern-SPD, Ruth Müller.

"Wenn ein Arbeitnehmer mehrmals nicht zur Arbeit kommt, bekommt er die Kündigung. Markus Söder dagegen bekommt noch Tausende von Euro fürs Blaumachen", sagte Müller. Ihren Angaben zufolge bekommt Söder als Regierungschef 17.000 Euro pro Monat und zusätzlich weitere 4.222,50 Euro Diät als Landtagsabgeordneter. Ein Großteil der Diäten müsse Söder an den Freistaat zurückzahlen, forderte Müller.  Die anderen Ministerpräsidenten seien regelmäßig in den Landtagen. Söder sei dagegen "offenbar zu beschäftigt damit, sein Essen zu fotografieren oder Selfies von sich zu machen". Zuletzt hatte im bayerischen Landtag für größeren Unmut gesorgt, dass Söder selbst bei den mehrtägigen Beratungen des Landeshaushalts nicht ein einziges Mal im Parlament erschienen war.  [….]

(ZEIT, 16.04.2023)

Eine gute Stellungnahme von Ruth Müller, die sich offenbar erhofft, das Bayernvolk von seiner Söder-Vorliebe abzubringen.

Aber Söder geht es nicht ums Geld – siehe oben. Er ist ein political animal und könnte außerhalb der Politik mit viel weniger Aufwand viel mehr verdienen.

Aber Söder ist auch nicht faul, der er bereist 24/7 seine Freistaat, bespielt alle Social Media-Kanäle und drängelt seine Meinung in jedes Medium.

Söder ist ein unglaublich schlechter, extrem eitler, perfider, destruktiver, gefährlicher Politiker, der lügt wie gedruckt.

Aber er ist nicht faul und geldgeil!

Er erscheint nur nicht zu den Sitzungen, bei denen er nicht auf der Bühne steht und bewundert wird. Das liegt an seiner toxischen radikal egomanen Persönlichkeit. Am Gemeinwohl arbeiten, solidarisch sein, sich einordnen kann er einfach nicht.

Er muss immer das Alphamännchen spielen und trumpisch unablässig herausbrüllen, der Größte, Wichtigste und Beste zu sein.

[…..] Gremien, in denen er nicht selbst der Chef ist, meidet Söder gern. Seine Ankündigung, nach einem Erfolg der Union bei der Bundestagswahl nicht in ein Kabinett Merz eintreten zu wollen, ist deshalb durchaus glaubhaft. Mühsame Verhandlungen sind nicht seine Lieblingsdisziplin. Söder setzt eher auf Alleingänge – meistens über die Medien. Und oft zum Ärger der anderen Unionsministerpräsidenten. [….] Söder greift stattdessen lieber ohne Unterlass die Grünen an – und schließt eine Koalition mit ihnen nach der Bundestagswahl apodiktisch aus. Was auch in der CDU erheblichen Unmut auslöst. Dass er im Reigen der Ministerpräsidenten kaum Freunde hat, die ihm mal helfen könnten, ist kein Wunder. [….]

(Robert Roßmann, 10.10.2024)

Freitag, 11. Oktober 2024

Die Rede des Jahres

Fast alle CDUCSU-Größen sprechen sich gegen ein AfD-Verbotsverfahren aus.

Ganz offensichtlich überwiegt die Sympathie für ihre braunen Gesinnungsgenossen, den Aspekt des Demokratieschutzes. Dabei sind die Argumente pro Verbotsverfahren valide.

Dabei wiegt der Text des Verbotsantrages vieler RotRotGrüner und des einsamen CDU-Mannes Wanderwitz schwer.

[…..] Eine Gruppe von 50 Bundestagsabgeordneten legt ein präzises und rundes Papier vor. […..]  Es ist ein starker Antrag. Dieser nur acht Seiten lange, mit allerlei Zitaten gespickte Text, den die Gruppe gerade in die Fraktionen des Bundestages eingespeist hat, ist juristisch präzise und rund, die fachliche Expertise im Hintergrund scheint hoch zu sein. Es geht in dem Text um die mutmaßliche Absicht der AfD, Bürger mit Migrationshintergrund zu Bürgern zweiter Klasse zu degradieren. Blut und Abstammung sollen über die Bürgerrechte entscheiden – ein Umstand, in dem verschiedene Verwaltungsgerichte zuletzt schon einen Angriff der AfD auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung erblickt haben. Es geht weiter auch um Methoden der Einschüchterung und Gewalt bis hin zu möglichen AfD-Verwicklungen in das mutmaßliche Terrorkomplott um den Reichsbürgerprinzen Reuß.

Die vielleicht interessanteste Formulierung findet sich aber auf Seite 5 des Antrags. Die „Verantwortung“ der demokratischen Bundestagsabgeordneten, so heißt es dort, „gebietet“ es, eine Prüfung durch das Bundesverfassungsgericht zu „ermöglichen“. […..]

(Ronen Steinke, 09.10.2024)

Während das AfD-Scheusal Stephan Brandner heute seine Immunität verlor, weil er massiv gegen Recht und Gerichtsurteile verstößt, hält eine Querfront-Kotkoalition aus FDP, CDU, FW, BSW und CSU die Hand über die Demokratiefeinde, die inzwischen völlig offen auf Nazis und Putin-Trolls setzen, um die deutsche Verfassung zu ZERsetzen.

[….] Eine Medienagentur in Leipzig hat AfD-Wahlvideos produziert, teils mithilfe künstlicher Intelligenz. Gründer und Chef ist ein bekannter Rechtsextremist[…..]

Die Medienagentur hatte in diesem Sommer gut zu tun. Da waren die Wahlkampfvideos, die die Junge Alternative (JA) veröffentlicht hat. Botschaft: Simson statt Lastenrad – nimm lieber das DDR-Moped anstelle des vermeintlichen Ökovehikels. Dann das „Deutschlandretter“-Onlinespiel, in dem der Score steigt, je mehr Regenbogenfahnen sich schwarz-rot-golden färben und je mehr „Messermänner“ man in den Knast schiebt. Und schließlich das mit KI erstellte Musikvideo zum „Abschiebesong“, der umgedichtete Partyhit des Duos „Die Atzen“ von 2009. Refrain: „Hey, das geht ab, wir schieben sie alle ab“.

„Ganz besonders wild“ sei das alles gewesen, schreibt die Agentur Tannwald Media aus Leipzig in den sozialen Netzwerken. Dort hat sie Mitte September selbst durchblicken lassen, hinter diversen Wahlkampagnen der AfD-Jugendorganisationen im Osten zu stehen.

Gründer und Geschäftsführer der Tannwald Media ist ein bekannter Rechtsextremist. Alexander Kleine, im Netz nennt er sich oft „Malenki“ (Russisch für „klein“), war jahrelang Aktivist der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) und leitete deren Regionalgruppe in Sachsen.

Heute ist er in der AfD vernetzt. Deutlich wurde das schon im Dezember 2023. Damals besuchte der AfD-Europaabgeordnete Maximilian Krah eine Gala der Republikaner in New York, bei der Donald Trump eine Rede hielt.

Mit ihm am Tisch saßen auch Alexander Kleine und der Mitgründer seiner Agentur, Maximilian Schmidt.

Die Werbung für die AfD ist offenbar erfolgreich: In ihrem Beitrag prahlt Tannwald Media damit, dass ihr Musikvideo millionenfach aufgerufen, das „Deutschlandretter“-Spiel Hunderttausende Male gespielt worden sei.

Ob das stimmt, lässt sich schwer nachvollziehen. In die breite Öffentlichkeit haben sie es definitiv geschafft: Der „Abschiebesong“ wurde nach der Wahl in Brandenburg auf einer AfD-Wahlparty gespielt. Die Landesvorsitzende der JA in Brandenburg, Anna Leisten, sang die Zeilen laut mit und klatschte. Videoaufnahmen davon wurden zigmal geteilt. Der Staatsschutz in Brandenburg ermittelt nun wegen des Verdachts der Volksverhetzung. […..]

(SZ, 10.10.2024)

Während die überwältigende Mehrheit der CDUCSU massiv beim Schutz der Demokratie versagt, sich kleinlaut das Rückgrat entfernen läßt, um schleimspurziehend auf den Knien der AfD hinterher zu robben, gibt es nur noch eine Handvoll anständiger CDUler: Wanderwitz, Friedmann und Polenz. Mehr fallen mir derzeit nicht ein.

Während sich Putin-Fan Michael Kretschmer mit Neonazis trifft, während sich immer mehr Ost-CDUler von ihrer kleinsten und feigsten Seite zeigen, indem sie den Nazis die Hand reichen, während rund die Hälfte der CDU-Mitglieder mit den Rechtsradikalen kopulieren wollen, um den Rechtsstaat zu beerdigen, zeigt mit Michel Friedman ein Mann ganz allein mehr Rückgrat als die restlichen 360.000 CDU-Mitglieder zusammen, indem er sich bei der Gedenkstunde zum 50. Todestag Oskar Schindlers an das Rednerpult des hessischen Landtages stellt, ruhig und mit geradem Rücken, der braunen Pest direkt in die Augen sieht, um ihnen die Leviten zu lesen.

[….] Der jüdische Publizist Michel Friedman hat die AfD bei einer Rede im Hessischen Landtag scharf angegriffen. Eingeladen wurde Friedman zur Gedenkstunde für Oskar Schindler, der während des Holocausts rund 1.200 Juden rettete. Friedman bezeichnete die AfD in seiner Rede als "Partei des Hasses". Ihre Mitglieder nannte er "geistige Brandstifter, verantwortlich für Hass und Hetze".  [….]

(Die Zeit, 11.10.2024)

Schon vor anderthalb Jahren zum Holocaust-Gedenktag des österreichischen Parlamentes hatte Friedmann brilliert.

Wie uns die verstörenden Nazi-Rekordwahlergebnisse bei den Österreichischen Nationalratswahlen beweisen, hören leider viel zu wenig Menschen auf die Appelle Michel Friedmans.

Aber es werden leider auch viel zu selten Friedman-Reden und dafür viel zu oft xenophobe Merz/Söder-Tiraden gehalten.

Ein Grund mehr, sich die gesamte Rede aus Wiesbaden noch einmal anzuhören.A

Donnerstag, 10. Oktober 2024

Depressionstreiber Jugend

Mein Lieblingsbuch, Stefan Zweigs “Die Welt von gestern“, habe ich hier schon oft gelobt.

Unter anderem kann man daraus lernen, wie und warum sich die nächste Generation gesellschaftlich weiterentwickelt und absurd-konservative Verhaltensweisen der Elterngeneratio abstreift. Darin liegt der tiefere Grund für menschlichen Optimismus. Homo Sapiens lernt aus seinen Fehlern; die Kinder machen es besser. Ein bemerkenswerter Befund über eine Welt, die Zweig so deprimiert, daß seine Partnerin und er gemeinsam in den Suizid gehen.

1942 war ein passendes Jahr für den Doppelselbstmord. Wie sehr wäre der weltberühmte jüdische Schriftsteller erst noch verzweifelt, wenn er beobachtet hätte, was in seinem geliebten Europa in den nächsten drei Jahren geschah?

Spätere Generationen, wie Meine, konnten tatsächlich erleben, wie in den 1960ern, 1970ern, 1980ern die junge Generation jeweils mit den dumpf-unterdrückenden Mindsets der Elterngeneration brach. Die Gesellschaft wurde freier, aufgeklärter, fairer, toleranter.

Linke fortschrittliche Parteien, wie die Grünen, hatten die jüngsten Wähler und so erschien es sogar sinnvoll, das Wahlalter auf 16 Jahre zu ändern. Die Erstwähler würden das Land voranbringen und die für die Zukunft wesentlichen Themen – Klimaschutz, Arterhaltung, Nachhaltigkeit – pushen.

Unglücklicherweise kamen diesem optimistischen Großtrend aber Internet, Social Media, rechtsradikale Bots, Fake News, Trolls, Verschwörungstheoretiker, Cambridge Analytica Datenskandale und die perfiden Zuckerberg/Musk/TikTok-Algorithmen in die Quere.

Daher sind die aktuellen Teens und Twens leider zum großen Teil völlig verblödet. Sie hängen an AfD-Tiktok-Clips fest, haben nur noch eine  Aufmerksamkeitsspanne von wenigen Sekunden, wissen nicht, wie man seriöse von unseriösen Quellen unterscheidet und sind so sehr mit Schminken, Tanzen und Chillen beschäftigt, daß sie bereitwillig zu Höcke-Stimmvieh mutieren. Bei den drei zurückliegenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, waren die Nazis jeweils stärkste Partei bei den Erstwählern, während die Ü70er am wenigsten AfD wählten. Die Jugend tickt rechtsextrem.

Den AfD-Jungwähler in Ossistan assoziiere ich mit bildungsfernen Landeiern, die in ausgestorbenen Käffern hocken, in denen sie, weit entfernt von kulturellen Angeboten und urbanen Multikulti, im eigenen braunen Saft schmoren.

Ihre Eltern haben keine Bücher im Regal, gehen nie in Theater, besuchen keine Vernissagen, wissen nichts von der Welt und reden auch nicht mit den Blagen, weil sie mit Saufen oder Meth-Konsum beschäftigt sind. Also scheren sich die Jungen die Haare, gehen zu Neonazi-Konzerten und überkompensieren ihre winzigen Testikel, indem sie Tiere quälen und Obdachlose verprügeln.

Die Wahrheit ist aber komplexer. Social Media saugt auch urbane Jugendliche aus bildungsaffinen Schichten in unpolitische seichte Gedankenwelten.

Das Bild von der klimapolitisch aktiven Jugend, die vegan lebt und sich als Extinction Rebellen and Privatjets klebt, ist leider weitgehend falsch.

(…..) Die mediale Präsentation in meiner Medienblase stellt immer die jungen empörten Leute wie Luisa Neubauer gegen die bösen alten Säcke wie Wolfgang Kubicki.  Statistisch ist es aber genau andersrum.

Die jüngsten Wähler haben uns die FDP in der Regierung aufgezwungen, während die Älteren durchaus für roten Klimaschutz stimmten.

Das Bild von den ökologisch denkenden Fahrrad-fahrenden Jungen, die sich gegen die umweltverpestenden Omen und Open im SUV im Straßenverkehr behaupten müssen, stimmt ebenso wenig.  Im Gegenteil, die alten Boomer-Männer steigen so massenhaft auf’s Fahrrad, daß Micky Beisenherz sie schon dafür kolumnisiert.

[….] Wenn eines das deutsche Stadtbild nachhaltig geprägt hat, dann Mittfünfziger in genitalwürgenden Radlerhosen, die in Klickschuhen vorm Eiscafé sitzen und mit Fahrradhelm auf an ihrer Kugel Malaga lecken. Vor nicht allzu langer Zeit wurde für eine ganz besondere Spezies Großstadtmensch eine schöne Bezeichnung gefunden: Die MAMILs. Middle-aged Men in Lycra. Unter diesem Akronym versammeln sich – ja, es sind wirklich ausschließlich – Männer, in der Blüte- , bzw Kunstphase(r) ihres Lebens, in der sie sich spielerisch gegen den Verfall stemmen. Mit einer an Realitätsverweigerung grenzenden Leidenschaft und jungenhaftem Wettbewerbseifer holen sie während ihrer Touren Kilometer aus Städten heraus, die die geografisch eigentlich gar nicht hergeben. Das alles in Kleidung, mit der man problemlos bei den Avengers anheuern könnte und so eng anliegend, dass man bei der Vorsorgeuntersuchung beim Urologen nicht einmal ablegen müsste. […]

(STERN, 15.06.2023)

Die bequemen 18-30-Jährigen hingegen sind mehr denn je verliebt in ihre Klimakiller-PS-Monster, mit denen sie durch die Städte brettern.

[…] Renommiergehabe nennen das die Älteren, die darüber den Kopf schütteln, entweder amüsiert oder missbilligend - vor allem dann, wenn auf diesem Kopf ein Fahrradhelm sitzt. Die Jüngeren hingegen nennen es Flexen, vor allem dann, wenn sie sich vor dem Premiumfahrzeug selbst fotografieren. Flexen ist praktisch die Kerntätigkeit der Influencer-Internationale auf Tiktok oder Instagram (für die Älteren: Insta, für die Jüngeren: Gram), und jetzt hat es der Begriff sogar in eine Studie über "Flexkultur in Deutschland" geschafft. Beauftragt von der Firma Baulig Consulting, die selbst von solchen Influencer-Figuren betrieben wird, hat demnach ein Institut für Management- und Wirtschaftsforschung repräsentativ ermittelt, dass 49 Prozent der 15- bis 30-Jährigen heute gesteigertes Interesse für Luxusautos zeigten, in Hamburg sogar 58 Prozent, in Berlin immerhin 55. Mag sein, dass diese Erkenntnis nicht weniger interessegeleitet ist als die jahrelang in den Raum gepredigte Behauptung, dass "die" Jugend sich aus Autos immer weniger mache, was für den ländlichen Raum schon immer unwahrscheinlich klang, und jetzt halt auch in den Städten allem Augenschein widerspricht. Inzwischen sagen schließlich die Statistiken, dass so viele Führerscheine gemacht werden wie lange nicht. In der Popmusik werden mehr Autos in Hymnen besungen denn je, vor allem im Rap. Rund um den Bahnhof Zoo sieht man inzwischen fast genauso viele Flexer wie früher Fixer. In der City West sind sie mindestens so bildbestimmend wie in Teilen Friedrichshain-Kreuzbergs die automobilkritischen Aktivisten.  [….]

(Peter Richter, SZ, 20.04.2023)  (….)

(Die Jungen, die Alten und das Klima, 16.06.2023)

In der Tik-Truth-Social-Tok-Nation USA verhält es sich ganz ähnlich. Ja, die jungen Aktivisten, die sich für Nachhaltigkeit und Kamala Harris einsetzen, sind in meiner Medienblase prominent vertreten. Natürlich liebe ich Brian Tyler Cohen für seine informativen Rants!

Aber die Trumpisten sind leider nicht nur bildungsferne Hillbillies und Rednecks in den ländlich-religiösen dünn besiedelten US-Staaten, sondern sie befinden sich in großer Zahl auch unter den Erst- und Jungwählern, die man auf einem College-Campus einer Metropole befragt.

 NO HOPE FOR THE HUMAN RACE

Der offene Rassismus, die über 30.000 Trump nachgewiesen Lügen, das „Grab’em by the pussy“-Video, das Verheimlichen seiner Steuererklärung, die drastisch frauenfeindlichen Sprüche, die vielen Anzeigen wegen sexueller Übergriffe und das bösartige Nachäffen Behinderter, der Rassismus, die Verurteilung als Sexualstraftäter, zwei Impeachments, das tanken der US-Wirtschaft während seiner ersten Präsidentschaft, die Vulgarität, die täglichen Peinlichkeiten, zwei Impeachments, die Attacke auf den Kongress, 34 Verurteilungen als Krimineller,  der offensichtlich Wahnsinn, schwachsinnige Wortsalate, die klar ersichtliche Senilität und abstruse Gaga-Forderungen. Nichts kommt bei den Studenten an. Die meisten erklären, sie hätten sich noch keine Gedanken gemacht! GEHT ES NOCH? Oder noch abstruser; sie sitzen der dummdreisten Lüge auf, unter Trump habe die Wirtschaft geboomt und deswegen wollten sie ihn wählen.

No hope for the human race.

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Erneuter Trump-Sieg im Kampf um Aufmerksamkeit.

Glückliches Florida. Im reichen Sonnenstaat des äußersten Südwesten der USA gibt es keine Schwulen, keinen Transsexuelle, Keine Migranten, keine Schulbücher, keine Dragqueens und auch keinen Klimawandel. 

Ron DeSantis, der lustig-pummelige Gouverneur in seinen Lifter-Stiefelchen, hat all den woken Unsinn kurzerhand verboten und wurde daraufhin von den dankbaren Floridanern mit Rekordergebnis wiedergewählt.

Natürlich ein bißchen blöd, daß Florida nach Hurrikan Helene mit über 200 Todesopfern innerhalb von zwei Wochen schon wieder getroffenen wird und zwar von einem besonders schlimmen Monster: Milton.

[….]  John Morales, 62, ist ein vielfach ausgezeichneter und vielfach sturmerprobter Fernseh-Meteorologe in Florida. Seit über 30 Jahren erklärt er den Leuten auf Englisch und Spanisch das Wetter – und meist tut er das so nüchtern und sachlich, wie er nur kann. Das hat sich jetzt geändert.

Anfang der Woche sahen seine Zuschauer, wie Morales um Fassung rang. Er kommentierte die Wetterkarte und das darauf rot leuchtende Sturmsystem namens »Milton« mit den Worten: »Dies ist ein unglaublicher, unglaublicher, unglaublicher Hurrikan«. Morales sammelte sich kurz, presste die Lippen zusammen und erklärte fast ungläubig, dass der zentrale Druck im Auge des Wirbelsturms innerhalb von zehn Stunden »um 50 Millibar gefallen« sei. Wahrscheinlich wollte er seinen Zuschauern noch erläutern, was daran so schlimm ist, aber so weit kam er nicht: Morales war überwältigt. »Ich entschuldige mich«, stammelte er. »Das ist einfach entsetzlich«.  […..]

(SPON, 09.10.2024)

Besonders ungewöhnlich sei das Auftreten so starker Hurrikans ganz außerhalb der Saison, erklärte Wahl-Floridaner Donald Trump. Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, weil der orange Messias und gottgleich verehrte Held der US-Christen immer lügt; aber die Hurrikan-Saison in Florida geht von August bis November. Heute ist der 09.Oktober. So stellte es Dummdumm-Don schon bei Helene fest.

Von einem Sturm der Kategorie 5 habe noch jemand etwas gehört, es gab sie noch nie. Behauptet Trump im Angesicht Miltons – wie schon bei jedem anderen Kategorie-5-Hurrican seit acht Jahren.

Wie Hurrikans über dem Atlantik entstehen, weiß jeder Meteorologie-Student:

Tiefdruckgebiete über dem Meer, also einem Luftdruck von unter 1013,25 mbar, verursachen enorme Sogwirkungen auf die feuchte Luft der Umgebung. Je tiefer der Druck, desto stärker die Saugkraft. Die katastrophalste Hurrikankategorie entsteht bei einem Luftdruck von unter 920 mbar. Milton speist sich aus 897 mbar, die zu 285 km/h Windgeschwindigkeit um das Auge führten.

[….] Angetrieben wird der Riesensturm von außergewöhnlich hohen Temperaturen an der Oberfläche des Nordatlantiks. Sie sind in erster Linie dem Klimawandel geschuldet. Im Golf von Mexiko wurden in dieser Woche Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius gemessen. Zusätzlich war er Schauplatz mehrerer mariner Hitzewellen, wo das Wasser lokal noch deutlich wärmer wurde.

Hurrikane brauchen Wasser mit einer Mindesttemperatur von 27 Grad Celsius, um überhaupt entstehen zu können. Je wärmer es wird, desto mehr Energie können sie aus den Meeren aufsaugen. Im Golf von Mexiko war diese Grundvoraussetzung seit Monaten übererfüllt, weshalb Forschende schon früh im Jahr mit einer besonders heftigen Hurrikansaison gerechnet hatten. [….] In den Zeiten des Klimawandels neigen Hurrikane offenbar dazu, sich umso schneller zu intensivieren. Die Gesamtzahl der Wirbelstürme hat sich nicht unbedingt erhöht. Wohl aber ihre Intensität und Zerstörungskraft. Gleichzeitig litt die Fähigkeit von Meteorologen, solche rapiden Intensivierungen frühzeitig vorhersagen zu können. Das bedeutet: Für Menschen in küstennahen Regionen wie Florida werden Hurrikane künftig noch gefährlicher.  […..]

(SPON, 09.10.2024)

Trumps MAGA-Clowns wie Marjorie Taylor Greene glauben natürlich nicht an Fakten oder gar Wissenschaft. Georgias Klan Mum erklärt dem Wahlvolk, die bösen Demokraten und der „Deep State“ kontrollierten das Wetter, um gezielt die von Republikaner bewohnten Gebiete zu zerstören. Der Irrsinn der Republikaner im US-Kongress ist eine Herausforderung an die Satiriker der Welt. Wie soll man das noch überspitzen?

Globale Naturkatastrophen, die über die USA hereinbrechen, sollten eigentlich abseits von Parteipolitik begleitet werden. Warnsysteme, Schutz der Bevölkerung, Katastrophen-Hilfseinsätze und finanzielle Wiederaufbauhilfen werden von demokratischen Amtsinhabern für alle Amerikaner gleichermaßen bereitgestellt.

Joe Biden und Anthony Blinken sagten zum Entsetzen Wolodymyr Selenskyjs den Rammstein-Gipfel ab, um zu Hause die Milton-Hilfen zu koordinieren. Für sie heißt es tatsächlich „America First“.

Ganz anders die Republikaner, die das Wohl der Nation immer der Parteipolitik unterordnen. 

Sie lassen die Menschen perfide leiden, indem sie Fema-Hilfen blockieren und zweckentfremden. Mit mehr Toten, mehr Verletzten hoffen sie der amtierenden Biden-Harris-Regierung zu schaden. So handeln die Frommen, die so sehr von den Kirchen unterstützt werden.

Donald Trump ging als Präsident so weit, Fema-Mittel zu stehlen und Bundeshilfen an demokratische Gouverneure zu verweigern.

Als Wahlkämpfer legt der moralisch zutiefst verkommene Rassist und verurteilte Sexualstraftäter zum Entzücken seiner christlichen Wähler noch einen drauf.

[….] Trumps Lügen-Hurrikan, Stärke fünf

Auf den Süden der USA zieht der nächste große Sturm zu. Donald Trump nutzt die Krise für seine Wahlkampagne gegen Kamala Harris und bricht damit ein weiteres politisches Tabu.

Die beiden Episoden aus der Amtszeit von Donald Trump bleiben unvergessen. Einmal soll er als Präsident seine Generäle aufgefordert haben, einen Sturm über dem Atlantik mithilfe einer Atombombe aufzuhalten.

Als dann 2019 Hurrikan »Dorian« auf Florida zusteuerte, gab Trump eine eigene, völlig falsche Prognose über den möglichen Verlauf des Sturms ab. Um sie zu belegen, malte er offenbar selbst auf der offiziellen Karte der Meteorologen herum und präsentierte diese stolz den Medien. Sein wirrer Auftritt erhielt später den Spitznamen »Sharpie-Gate« – benannt nach dem Filzstift, den er benutzte.  Seither steht fest, mit Hurrikans kennt Donald Trump sich nicht aus. Dafür ist er Experte im Erzählen von Märchen. Von diesem Talent macht er derzeit wieder einmal reichlich Gebrauch. Auf seine unnachahmliche Weise vermischt er die jährliche Hurrikansaison in den USA mit dem Präsidentschaftswahlkampf, indem er seinen ganz eigenen Lügensturm entfacht. [….] Obwohl US-Präsident Joe Biden unentwegt Krisenmanagement betreibt und wegen der Stürme nun sogar eine geplante Reise nach Deutschland auf unbestimmte Zeit verschoben hat, erwecken Trump und seine Anhänger den Eindruck, als seien Biden und die Demokraten vollkommen untätig. Zudem verbreiten sie offenkundige Unwahrheiten über die Hilfszahlungen aus den Töpfen der Katastrophenschutzbehörde »Fema« (Federal Emergency Management Agency).

Seit Tagen nimmt Trump speziell die Spitzenkandidatin der Demokraten, Kamala Harris, ins Visier. Diese habe die Katastrophengebiete im Stich gelassen, behauptet Trump. »Kamala hat das ganze Fema-Geld, Milliarden von Dollar, für die Unterbringung von Migranten ausgegeben«, tönt Trump. Nun sei das Geld für die Amerikaner in den Katastrophengebieten von North Carolina und Florida alle. Diese würden lediglich 750 Dollar erhalten – eine Lüge, wie die zuständige Behörde sofort klarstellte. Die Geschädigten könnten über die erste Soforthilfe hinaus Anträge auf Tausende Dollar Staatshilfe stellen, hieß es bei der Fema. Auch behauptet Trump, Joe Biden hätte sich anfangs bei keinem der betroffenen Gouverneure telefonisch gemeldet, um die Katastrophenhilfe zu koordinieren. Das ist nachweislich falsch: Biden hatte da längst – auch mehrfach – mit den zuständigen Gouverneuren Kontakt aufgenommen. Dem Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, gab er nach eigenen Angaben sogar seine persönliche Handynummer – für den ganz kurzen Draht. Auch Trumps Behauptung, in North Carolina seien keine Hubschrauber im Einsatz, entpuppte sich als Lüge. Das Gegenteil war der Fall: Täglich versorgten Dutzende Maschinen Menschen selbst in den entlegensten Gegenden. Allein in den ersten Tagen nach dem Sturm »Helene« flogen Helikopter der Nationalgarde und private Maschinen 1600 Einsätze. [….]

 Längst werden seine Lügen zu den Stürmen millionenfach über das Internet weiterverbreitet. Speziell die Plattform X von Trumps neuem besten Freund Elon Musk spielt dabei eine unrühmliche Rolle. [….]

(Roland Nelles, 09.10.2024)

Dank der massiven Lügenkampagne der US-Republikaner muss sich die FEMA nun mit „RUMOR RESPONSE“ beschäftigen, statt den Menschen zu helfen.

Daß rund die Hälfte der US-amerikanischen „likely voters“ planen, dem orangen Abschaum die Stimme zu geben, zeigt wie dysfunktional die Demokratie ist.

Und nicht nur dort. Europäische Rechtsradikale von Orbán über Scheuer und Spahn, Netanyahu bis zu Farage pilgern zu Trump, um sich inspirieren zu lassen.

Trumps 75 Millionen Fans sehen im mutmaßlichen Landgang Miltons weit nördlich von Mar-a-Lago (direkt am Atlantischen Ozean, Palm Beach vorgelagert) den Beweis, daß Gott persönlich ihren gespraytannten Kandidaten schützt.

Dienstag, 8. Oktober 2024

Union an der Seite der Faschisten

Söder und Merz, aber nahezu alle CDUCSU-Politiker sind Prototypen jener Irren, die immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, sich jedes Mal furchtbare Kopfschmerzen holen und dennoch den Versuch unablässig wiederholen, weil sie ein anderes Ergebnis erwarten.

Nein, es macht eben nicht die AfD schwächer, wenn man all ihre Parolen nachplappert, sondern stärkt sie, indem das Radikale salonfähig wird.

Die Wähler entscheiden sich immer für das Nazi-Original, wenn die Konservativen anfangen, auch wie Nazis zu klingen.

Diesen Befund bestätigen seit zehn Jahren alle Wahlen. Kein Politologe zweifelt das an.

Selbst in Bayern machte Markus Söder mit seinem rechtsextremen Geraune nur seinen noch rechteren antisemitischen Koalitionspartner Hubsi Aiwanger und die AfD stark.

Ob Putinella Wagenknecht, Tino Chrupalla, Bernd Höcke, Merz oder Söder – ihre perfide antidemokratische und Gewalt verursachende Hetze gegen die Grünen klingt bei allen exakt gleich. So legen auch CDUCSU die Axt an die Demokratie an und verfestigen die AfD-Wählerpotential. Und stärken die Putin-Fraktion des BSW noch weiter.

Im Spannungsfeld zwischen den demokratischen Grünen und den antidemokratischen Nazis, positionieren sich die C-Parteichefs bei den Nazis, helfen ihnen aktiv propagandistisch, ersparen ihnen juristische Konsequenzen.

Söder lügt hingegen weiter das Märchen von der Ampel als Allein-Ursache für den AfD-Aufstieg unter das Volk.

Dabei war die AfD schon in Sachsen stärkste Partei, als im Berliner Kanzleramt noch die CDU regierte und es keine Ampel gab.

[….] Die CSU lehnt nach Angaben von Parteichef Markus Söder ein Verbotsverfahren gegen die AfD ab, wie es von einer Reihe von Bundestagsabgeordneten angestrebt wird. „Die CSU ist gegen ein AfD-Verbot. Wir dürfen Täter nicht zu Opfern machen“, sagte Söder nach Teilnehmerangaben in einer Sitzung des CSU-Vorstands in München. „Wir brauchen kein AfD-Verbotsverfahren, sondern eine andere Politik. Die AfD bekämpfen heißt, eine bessere Politik als die Ampel zu machen.“ [….]

(RND, 07.10.2024)

Dabei marschiert das AfD-Pendant FPÖ auch in Österreich an die Spitze. Dort gibt es keine Ampel, aber mit CDUCSU assoziierte ÖVP-Konservative, die auch FPÖ-Parolen nachplappern und versuchen die Nazis salonfähig zu machen.

Es ist unbestreitbar: Die Konservativen und „Liberalen“ sind eifrig bemüht, ihr Versagen in der Weimarer Republik zu wiederholen.

Auch vor 90 Jahren stellten sie sich gegen Linke und die SPD, welche die Demokratie verteidigten und positionierten sich stattdessen als Steigbügelhalter für die verbrecherischen Nazis. Der Demokratiezerstörer Friedrich Brüning spricht eifrig den Nazis all ihre menschenverachtenden Lügen nach, um das braune Gedankengut aus der Schmuddelecke zu holen.

Montag, 7. Oktober 2024

Reich sein und reich bleiben

Das Managermagazin präsentiert diese Woche seine neueste Voyeur-Ausgabe über die 500 reichsten Deutschen.

[…..] Insgesamt gibt es aktuell 249 Milliardäre in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Die komplette Liste der Hochvermögenden von Lidl-Gründer Dieter Schwarz über die alten Industriefamilien bis hin zu Newcomern aus der Gründerszene.  [….]

(mm, 04.10.2024)

Auch ich kann mich der Faszination dieser so nüchternen Zahlen, schwarz auf weiß, nicht entziehen, kaufe mir das Heft, um im Detail nachzulesen, wer im letzten Jahr wie viele Milliarden dazu gewonnen, oder (seltener) verloren hat.

[….] In einem neuen Vermögensranking fällt Hamburgs reichster Mann zurück. Der Milliardär muss andere vorbeiziehen lassen. Wer sind die neuen Top 3?

Der Hamburger Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne hat im aktuellen Ranking der reichsten Deutschen einen Rückschlag erlitten. Trotz eines Vermögenszuwachses von 500 Millionen Euro rutschte der Unternehmer vom vierten auf den fünften Platz ab, wie aus der jährlichen Liste des "Manager Magazins" hervorgeht.

Kühnes Gesamtvermögen wird nun auf 29 Milliarden Euro geschätzt. Im Vorjahr lag der HSV-Mäzen mit rund 28,5 Milliarden Euro noch auf dem vierten Rang. Der leichte Anstieg seines Vermögens reichte nicht aus, um seine Position zu halten, da sich andere Milliardäre über noch stärkere Gewinne freuen konnten.

An der Spitze der Liste steht nun Lidl-Gründer Dieter Schwarz mit einem geschätzten Vermögen von 47,3 Milliarden Euro, gefolgt von den BMW-Großaktionären Susanne Klatten und Stefan Quandt mit rund 34,4 Milliarden Euro. Auf den Plätzen drei und vier liegen die Familie Merck mit 33,8 Milliarden Euro und die Familie Reimann mit 31,3 Milliarden Euro.  […..]

(T-online.de, 02.10.2024)

Die Top-Namen sind alle bekannt; man weiß hinter welchen Marken sie stehen: VW, BMW, Otto, Lidl, Aldi. Ich sehe mir die Listen aus zwei Gründen so gern an. Einerseits zeigen sie die Dysfunktionalität unseres politischen Systems, da durch Nichtstun generierte Gewinne am Kapitalmarkt viel niedriger besteuert werden, als Erwerbsarbeit. Viele der Superreichen, wie zum Beispiel Klaus-Michael Kühne entziehen sich durch Steuerflucht, den Regeln, die eigentlich für uns alle gelten.

Andererseits verbinden wir Normalos mit Ultrareichtum, die naive Vorstellung von totaler Freiheit. Mit ein paar Milliarden auf dem Konto könnte man alles tun, was man will; so leben, wie man möchte und nach Belieben das fördern, das einem wichtig ist.

Klein Fritzchen stellt sich das so vor: Man hat 250 Milliarden Dollar auf dem Konto, ärgert sich darüber, was auf Twitter geschrieben wird, nimmt dann einfach 44 Milliarden aus seinem Vermögenstopf, kauft das ganze Twitter, wirft alle Leute raus und macht damit, was man will.

Mit der Realität hat das nur bedingt zu tun, weil Superreiche eher nicht ihr eigenes Geld riskieren. Aber wer 250 Milliarden hat, kann problemlos weitere Milliarden leihen, diese bei sinnlosen Ego-Projekten verpulvern und wenn man damit massive Verluste einfährt, umso besser: Das lässt sich alles abschreiben und somit auf die Allgemeinheit umwälzen.

Gewinne sprudeln in Steueroasen, die miesen Investments werden dem heimischen Fiskus auf das Auge gedrückt.

Aber alle Zahlen, die uns Forbes oder das Managermagazin präsentieren, die so schön klar sind, sich „ranken“ lassen und somit automatisch als Ausbund der Seriosität konnotiert werden, sind in Wahrheit reine Trugbilder.

Grobe Schätzungen. Weitgehend ausgedacht.

Die MM-Redakteure haben gar keine Möglichkeit, genau zu erforschen, was eine Susanne Klatten oder ein Thomas Strüngmann oder eine Beate Heister wirklich besitzten. Bestenfalls sind ihre größten Aktienpakete bekannt, deren tagesaktuellen Wert man ablesen kann. Aber niemand weiß, in welchen Steuer-Oasen, Doppelstiftungsmodellen und Tochterfirmen-Geflecht welche Assets stecken, ob in den Privathäusern, Schmuck, Kunst oder Goldbarren lagern.

Das beste Beispiel ist René Benko, der über viele Jahre von allen Fachjournalisten für märchenhaft reich gehalten wurde, ohne daß irgendjemand durchblickte, wie es wirklich um dessen Finanzen aussieht.

Manche Superreiche, wie Hasso Plattner, wehren sich gegen solche Listen, halten dagegen. Ihr Vermögen stecke vollständig in der Firma (in diesem Fall SAP) und stünde ihm eben nicht persönlich zu Verfügung. Viele Superreiche sprechen nie über ihr Vermögen, wissen vermutlich selbst nicht genau, was unterm Strich da ist. Aber auf die Milliardärs-Listen angesprochen, antworten sie unisono, es handele sich um reinen Humbug.

Soziologen wissen ziemlich gut über die ärmsten Deutschen und ihre Lebenswelt Bescheid.  Die 0,1% an der Reichtumsspitze, sind hingegen eine Blackbox. Ihre Steuerunterlagen sind nicht zugänglich, sie nehmen auch nicht an Umfragen teil und sind somit statistisch nicht zu erfassen.

Es lassen sich nur allgemeine Aussagen treffen.

[….]  Ungeachtet aller Krisen, sind weltweit die Superreichen im vergangenen Jahr immer reicher geworden. Den größten Anstieg gab es dabei in Deutschland. Das birgt auch sozialen Sprengstoff.

Superreiche in Deutschland haben ihre Finanzvermögen im vergangenen Jahr mit Abstand am meisten steigern können. Das zeigt der diesjährige Global Wealth Report der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Zudem ist das weltweite Nettovermögen im vergangenen Jahr deutlich gestiegen, das liegt vor allem am Finanzvermögen, Aktien und Anleihen. Immobilien etwa verzeichneten ein schwächeres Plus, sinkende Immobilienpreise bremsten hier das Wachstum.

Der Global Wealth Report ist nicht der einzige Bericht, der die Superreichen unter die Lupe nimmt - die Daten decken sich mit anderen Vermögensstudien. Demnach konnten Superreiche in Deutschland ihre Finanzvermögen deutlich steigern, um mehr als zehn Prozent. "2023 war tatsächlich ein Jahr, das in Deutschland nochmal für einen richtigen Schub bei den Superreichen gesorgt hat", sagt Chris-Oliver Schickentanz vom Vermögensmanager Capitell: "Da haben natürlich auch die boomenden Aktienmärkte entsprechend geholfen."

Die Superreichen werden auch "Ultra High Net Worth Individuals" genannt, denn sie haben ein Vermögen von mehr als einhundert Millionen US-Dollar. Die meisten davon leben in den USA, gefolgt von China und Deutschland auf Platz drei.

Auffällig ist: Je mehr Vermögen, desto stärker waren zuletzt auch die Zuwächse in Deutschland. Damit besitzen laut Global Wealth Report 3.300 Superreiche hierzulande knapp ein Viertel des gesamten Finanzvermögens. Die Zahl der Millionäre in Deutschland wächst auf 555.000 an. […..]

(Tagesschau, 10.07.2024)

Sicher ist, daß gerade in Deutschland die "Ultra High Net Worth Individuals" steuerlich enorm privilegiert werden. Reichensteuer, Vermögenssteuer oder eine gerechte Erbschaftssteuer haben hier keine Chance, obwohl das durchaus im Angebot der politischen Parteien liegt – nämlich bei SPD, Grünen und Linken.

Schuld ist ganz allein der Urnenpöbel, der kontinuierlich die Beschützer der Superreichen in die Regierung wählt. Gegenwärtig hätten die Milliardärslobbyisten von CDU, CSU, AfD und FDP zusammen nach allen Umfragen deutlich über 50% der Parlamentssitze.

Klatten, Quant, Albrecht, Porsche, Schwarz und Co haben ihre Parteispenden gut eingesetzt und können beruhigt genießen, wie sie von allein immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

[…..] Ich habe mich in meinem vorherigen Buch „Wir Erben: Was Geld mit Menschen macht“ (2015) mit Mittelreichen beschäftigt, also mit Menschen, die ein paar Millionen haben. Seitdem kenne ich die Daten zur Vermögensverteilung und weiß, dass Deutschland zumindest in einer Sache noch internationale Spitze ist, und das ist die Ungleichheit der Vermögen. Bei uns ist sehr viel Geld in den Händen von sehr wenigen Menschen. Gleichzeitig ist das eine Gruppe, die sich eher abschottet, die sich nicht so gerne öffnet und über die wir wenig Daten haben. All das ist journalistisch eine spannende Gemengelage, denn man hat eine mächtige Gruppe, über die relativ wenig bekannt ist. […..] 

Eine Soziologie der Superreichen gibt es tatsächlich nicht, obwohl ich finde, dass sie sehr nötig wäre. Das liegt daran, dass Soziologen einen Drang nach unten haben. Daher ist Armut wirklich bestens erforscht. Zum einen ist es einfacher, Armut zu erforschen, weil wir da Daten haben und arme Menschen eher bereit sind, sich interviewen zu lassen. Außerdem stammen viele Soziologen selbst aus der Mittelschicht, und da ist extremer Reichtum einfach auch sehr weit entfernt. Jedenfalls gibt es wenig Wissen über diese Welt. […..] Die Forschung kommt da jetzt langsam hinterher. Ich würde mich freuen, wenn Forscher, die viel mehr Möglichkeiten und oftmals viel mehr Kapazitäten haben als Journalisten, versuchen würden, in diese Welt hineinzukommen. Meine Recherche hat gezeigt, dass es möglich ist. Aber es ist wahnsinnig mühsam, man muss ein dickes Fell haben, was Absagen angeht. Doch die Gespräche, die dann zustande gekommen sind, haben für mich wahnsinnig viele neue Erkenntnisse gebracht.  [….]

(Julia Friedrichs, Autorin von „Crazy Rich“, 26.09.2024)

Auf der internationalen Reichtumsliste stehen üblicherweise Elon Musk, Jeff Bezos, Bernard Arnault und Mark Zuckerberg ganz oben.

Auch das beruht auf Schätzungen. Niemand weiß genau, was Musk wirklich auf der hohen Kante hat. Auch nicht die Steuerbehörden.

Gelegentlich wird gemutmaßt, auch diese vier Herren würden von einigen gekrönten Häuptern weit übertroffen. König Salman al Saud zum Beispiel.

Über Wladimir Putin verkünden russische Medien bescheidene Verhältnisse.

[….] Offiziellen Angaben des Kremls zufolge verdient der russische Präsident umgerechnet rund eine Viertelmillion Euro pro Jahr für die Ausübung seines Amts. Er würde darüber hinaus eine 77 Quadratmeter große Wohnung in Sankt Petersburg sowie vier Autos besitzen. Auf seinem Bankkonto befänden sich etwa 200.000 Euro.  […..]

(T-online.de, 18.03.2024)

Die Angaben glaubt selbstverständlich auch in Russland niemand. Schon gar nicht, wer einmal die Bilder seines Palast-Komplexes im Wert von 1,12 Milliarden Euro am Schwarzen Meer gesehen hat.

Es wird wild über Putins Milliardenvermögen spekuliert. Sind es 20 oder 200 Milliarden Dollar. Oder gar eine Billion Dollar?

Immerhin herrscht Gewissheit über die reichste Organisation der Erde. Das ist nach 2.000 Jahren erfolgreich praktizierter Raffgier, selbstverständlich die katholische Kirche.

Allein in Italien besitzt die katholische Kirche mindestens 100.000 Immobilien.

Die Kirchen als Massenkindesmissbrauchsorganisationen verstehen sich natürlich wie andere superreiche Steuerflüchtlinge darauf, Gewinne in die eigenen Taschen zu leiten und mit Verlusten die Allgemeinheit zu belasten.

Sogar ihre gegenwärtigen Kernkosten, die Entschädigungen für die von ihren Klerikern vergewaltigten Kinder, drücken sie mit maximaler Unverschämtheit anderen auf’s Auge.

Kirchen sind gegen Kinder**cken versichert. Dafür wenden sie keine eigenen Mittel auf.

[…..] Mehr als 630 Fälle sexualisierter Gewalt in beiden großen Kirchen sind bislang der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) gemeldet worden. Über mehr als 200 davon wurde bereits entschieden – in über der Hälfte mit Anerkennung. Das teilte der für die Kirchen zuständige gesetzliche Unfallversicherer am Montag auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Hamburg mit. Für die Betroffenen würden etwa die Kosten einer psychologischen Behandlung übernommen. In schweren Fällen, die sich auf die Erwerbsfähigkeit auswirken, könne zudem Anspruch auf eine Verletztenrente bestehen. Eine solche werde bereits in 20 Prozent der anerkannten Fälle bezahlt.

Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum von April 2022 bis heute. Damals hatte die VBG den Kirchen erstmals mitgeteilt, dass auch Fälle sexuellen Missbrauchs Versicherungsfälle sein können. Die VBG ist als gesetzliche Unfallversicherung für Menschen zuständig, die haupt- oder ehrenamtlich in den Kirchen beschäftigt sind. Über die Berufsgenossenschaft sind nach deren eigenen Angaben allein 1,7 Millionen Menschen versichert, die in den Kirchen ehrenamtlich tätig sind. […..] Die Voraussetzungen für einen Versicherungsfall seien gesetzlich geregelt. Nach Eingang einer Meldung nehme die VBG Kontakt zum Betroffenen auf. Bei Einverständnis würden auch Unterlagen der kirchlichen Unabhängigen Kommission zur Anerkennung des Leids (UKA) oder aus Straf- oder Entschädigungsverfahren herangezogen sowie bereits vorliegende Gutachten. Erst dann könne eine Entscheidung über eine Anerkennung getroffen werden.

Zuletzt war ein Fall bekannt geworden, in dem ein Betroffener Missbrauch durch einen Priester im Erzbistum Paderborn geltend machen wollte. Die Rente für den damaligen Messdiener wurde mit der Begründung abgelehnt, die Vorfälle seien im Privaten und nicht in Zusammenhang mit der Messdienertätigkeit geschehen. Der Betroffene hatte der VBG eine Täter-Opfer-Umkehr vorgeworfen und Widerspruch eingelegt. Auf Nachfrage erklärte die Versicherung, sie könne zu dem Fall keine Stellung nehmen, da es sich um ein laufendes Verfahren handele. (KNA)  [….]

(Katholisch, 07.10.2024)

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. So bleiben die Kirchen an der Spitze der Superreichen!

Sonntag, 6. Oktober 2024

Mord, Krieg und Terror lohnen sich

Stefan Zweig war 1940 im deutschen Sprachraum ziemlich allein. Zwar gab es unter den international vernetzten Intellektuellen, mit denen er verkehrte, zwischen 1930 und 1939 wenig Sympathien für den Faschismus in Europa, aber nachdem Hitler den zweiten Weltkrieg losgetreten hatte, wurden sie alle zu Patrioten, die sich auf den verschiedenen Seiten der Front für das Kämpfen begeisterten. Zweigs Überzeugungen von der gemeinsamen europäischen Kultur, die es friedlich zu erhalten gelte, statt sich nationalistisch gegeneinander zu wenden, war kaum noch en vogue.

Soziologen messen den absoluten Peak der deutschen Zustimmung zu Hitler im Juni 1940, als er von seiner gespenstischen Paris-Reise zurückkehrt und in einem Triumphzug durch Berlin fährt. Die US-amerikanische Presse meldet damals:

[….]  Adolf Hitler returned to a conqueror's welcome in Berlin today after eight weeks in the field at the head of German armies which overran the Netherlands, Luxemburg, Belgium and France and now are preparing for blitzkrieg against England.

His arrival at the Anhalter railway station, decked with flowers, was the signal for the start of a tumultuous, officially organized demonstration by massed throngs lining the streets and squares from the depot to the Reich's Chancellery.

Even greater significance attached to the Fuehrer's return to Berlin since as he arrived Italian Foreign Minister Count Galeazzo Ciano was speeding here by train from his Italian Air Force command in northern Italy to confer with the Fuehrer. Ciano was expected to see Hitler tomorrow in what were regarded as highly important talks, since no matter of maintaining contact would bring the Italian Foreign Minister to the German capital at this time.

Hitler arrived at 3:01 p.m. (9:01 a.m. New York time), and with his entourage entered automobiles for the triumphant ride to the Chancellery.

Throngs, ordered by their partly district chiefs to report, mingled with soldiers for the welcome. A call to greet the Fuehrer on an unprecedented scale had been issued through morning newspapers.

High army officials and Nazi party leaders greeted Hitler at the station, and news that he had come back to Berlin set church bells ringing throughout the capital.

Simultaneously German radio announcers described the scene to the nation and called the crowds around the Chancellery a "seething mass."

As Hitler stepped from his train a band struck up the Badenweiler March and the crowds broke into a roar

The Fuehrer was accompanied by Field Marshal Herman Wilhelm Goering, and they were greeted by Propaganda Minister Paul Joseph Goebbels in his capacity as Nazi Gauleiter of Berlin.

The boulevard leading to the Chancellery was a carpet of flowers. Throngs lining it waved flags and at times the cheering drowned out the music of the bands. […..]

(UPI, 06.07.1940)

Millionen jubeln Hitler zu, 95% der Deutschen halten zu ihm, die Christen frohlocken und lassen vor Freude alle Kirchenglocken für den Massenmörder läuten. Die ganz wenigen Menschen, die Krieg und Antisemitismus ablehnen, die Hitler für so gefährlich halten, daß sie Attentate erwägen, stellen ihre Pläne zurück, weil das gesamte Volk wie ein Mann hinter seinem Führer steht.

Aber warum eigentlich? Propaganda, oder nicht: Es war damals doch schon klar, daß es Hunderttausende Tote durch den Krieg gab, daß Holland, Frankreich und Polen verwüstet wurden. Konnte sich keiner vorstellen, wie die Belgier, oder Franzosen das empfinden, wenn sie der  Willkürherrschaft der deutschen Wehrmacht unterliegen?

Das konnte doch niemals gut ausgehen.

Aber (scheinbar) gewonnene Kriege machen populär. Menschen blenden das Leid der Opfer entweder aus, oder noch schlimmer, erfreuen sich sogar daran, anderen Schmerzen zuzufügen, weil das Rachegelüste oder den eigenen Patriotismus befriedigt.

Auch Wladimir Putin begann am 24.02.2022 einen Krieg in Europa, der bisher hunderttausende Tote kostete, eine große Nation in Trümmer legte und nebenher aberwitzige finanzielle und klimatische Schäden anrichtete.

Wie kann es eigentlich angehen, daß große Teile Ostdeutschlands, das BSW, Trump, die anderen Nazi-Parteien Europas und die AfD der Meinung sind, man sollte Putin dafür BELOHNEN, indem die Ukraine Staatsgebiet an ihn abzutreten habe?

Zum Jahrestag des Hamas-Angriffs auf Israel (1.300 Israelische Tote) mit inzwischen 41.000 gekillten Palästinensern, ergibt sich ein ähnliches Bild.

Sowohl die Hamas-Führung, als auch Netanyahu sitzen wieder fest im Sattel.

Das Volk erwärmt sich für die schlimmsten Kriegstreiber.

[….] Premier Benjamin Netanyahu kämpfte in den Tagen nach dem Terror um sein politisches Überleben, er war im Land verhasst, es sah so aus, als würde er höchstens noch ein paar Wochen im Amt bleiben. Heute ist er wieder der zweitbeliebteste Politiker in Israel. Dieser Wiederaufstieg ist eng verknüpft mit der Eskalation der Konflikte in der Region.

»Netanyahu war in diesen ersten Tagen schwach, er musste vor allem seine Machtbasis konsolidieren und die Koalition mit den Rechtsextremen zusammenhalten«, sagt Svirsky. Deshalb habe er Härte zeigen müssen. Zugleich habe er versucht, den Krieg in die Länge zu ziehen und in dessen Schatten eine radikale Agenda umzusetzen. »Die Hamas hat meinen Bruder ermordet«, sagt sie, »aber Itais Blut klebt auch an Netanyahus Händen, denn er hätte längst ein Abkommen schließen können, um die Geiseln lebend heimzuholen.«

Die israelische Meinungsforscherin Dahlia Scheindlin sagt, nach dem 7. Oktober habe Netanyahu zunächst geschockt gewirkt. Das Massaker nicht verhindert zu haben, war auch sein Versagen. Er hatte jahrelang Gelder aus Katar an die Hamas passieren lassen. Die stabile Herrschaft der Terrororganisation in Gaza war für ihn und seine rechtsextremen Partner eine Möglichkeit, die gemäßigtere Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland zu schwächen und einen Palästinenserstaat zu verhindern. Im März 2019, bei einem Treffen seiner Likud-Fraktion, soll er sinngemäß gesagt haben: »Wer die Gründung eines palästinensischen Staates vereiteln will, muss die Unterstützung der Hamas und den Geldtransfer an die Hamas unterstützen.«

Aber statt Fehler einzugestehen und zurückzutreten, sagt Scheindlin, habe Netanyahus Koalition das Trauma des 7. Oktober bald als Chance gesehen. Sie war knapp ein Jahr zuvor angetreten, eine Allianz aus Netanyahus Likud-Partei mit Ultraorthodoxen und rechtsextremen Siedlern, die als erstes Projekt den Umbau der Justiz in Angriff nahm. Hunderttausende Israelis waren daraufhin auf die Straße gegangen. Nun, im Schatten des Gazakriegs, war die Protestbewegung gelähmt – die Ultrarechten konnten ihre Agenda vorantreiben. Vor allem die De-facto-Annexion des Westjordanlands, was gegen das Völkerrecht verstößt. […..] Und so geht dieser Krieg weiter, ohne einen erkennbaren Plan. In Gaza sind nach einem Jahr bis zu 80 Prozent der Gebäude beschädigt oder zerstört. Rund 17.000 Kinder sind laut Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums getötet worden.  Ein Großteil der in Gaza noch verbliebenen rund 100 Geiseln ist wohl längst tot. Dass »nur militärischer Druck« zu ihrer Freilassung führen kann, wie Netanyahu immer wieder beteuert, hat sich als falsch erwiesen.

Seit Monaten muss Israels Armee in bereits freigekämpfte Ortschaften im Gazastreifen zurückkehren, weil die Hamas die Kontrolle dort wieder übernimmt. [….] Hamas-Chef Yahya Sinwar ist somit Netanyahus Gegenspieler – und zugleich sein Gehilfe: Beide setzen auf Eskalation und sind nicht bereit, Kompromisse einzugehen, um Zivilisten zu schonen. Das Leid der Zivilbevölkerung sei für die Hamas »sogar von Vorteil, weil es Israel in der Welt diskreditiert«, sagt Khalil Shikaki, Direktor des Palestinian Center for Policy and Survey Research in Ramallah.  [….]

(SPIEGEL Titelgeschichte, 03.10.2024)


Wie soll es eigentlich jemals zu friedlichen Lösungen kommen, wenn Friedens-orientierte Politiker wie Rabin ermordet werden und das Wahlvolk sich für die Kriegstreiber begeistert, die eindeutig vom Interesse geleitet sind, den Krieg zu eskalieren?