Donnerstag, 10. Oktober 2019

Die wahren Amerika-Hasser sind die Republikaner.


Diesmal fehlte mir wirklich die Phantasie.
Wie könnte Trump nun noch ein „doubling down“ schaffen, nachdem er öffentlich davon prahlt wie kriminell er ist und kategorisch die US-Verfassung ablehnt, die zu schützen er schwor?


Der IS-Mitarbeiter des Monats, der bar jeder Kenntnis Benzinfässer in die Nahost-Glut katapultiert und dazu auch noch schriftlich verkündet er sei nicht nur ein „stable Genius“ sondern beeindrucke mit seiner „unmatched wisdom“.
Wie kann man noch tiefer sinken?
Das ist wir Apnoe-Tauchen, wenn man vom Grund des Mariannengrabens aus startet.

 
Aber auf Trump ist Verlass, auch das schaffte er wieder spielend.
Die 10.000 von Kurden festgehaltenen IS-Gefangenen wären kein Problem, da sie nach Europa zurückgingen. Und die nun vermutlich von Erdogan massakrierten Kurden wären ihm egal, da diese der USA nicht am 06.06.1944, dem D-Day in der Normandie beigestanden hätten.

[….] He shrugged off the likely escape of ISIS fighters from Kurdish prisons, essentially saying it is Europe's problem, not his. "Well, they're going to be escaping to Europe, that's where they want to go," Trump said. He added that "we have no soldiers in the area."
Trump downplayed the alliance with the Kurds, 11,000 of whom died fighting to help the US mission against ISIS. "They didn't help us in the second World War, they didn't help us with Normandy for example," Trump said. "They're there to help us with their land, and that's a different thing." Normandy is an area of France, not the US. […..]


Dumm, kriminell, irrsinnig, bösartig, gefährlich, zerstörerisch, neroesk, debil, tödlich, korrupt, autokratisch, antidemokratisch, senil, psychopathisch, verblödet, sadistisch, idiotisch, versaut, übergriffig, vulgär, ungebildet – all das trifft sicher zu.
All das ist den Republikanern ganz offensichtlich nicht wichtig.


Aber war da nicht mal was mit Patriotismus?
Normalerweise definieren sich doch gerade die Konservativen und gerade in den USA über ihren Patriotismus.


Wieso ist den GOP-Parlamentariern das Wohlergehen der Vereinigten Staaten von Amerika gar nichts mehr wert?
Wieso sehen sie achselzuckend zu, wie IHR Mann, IHR Anführer, IHR Präsident nicht nur den inneren Frieden der USA, die wirtschaftlichen Grundlagen und die Verfassung platttrumpelt, sondern auch noch das internationale Ansehen final ruiniert?

Obschon ich einen US-Pass besitze, habe ich bekanntlich keinen Funken Patriotismus in mir.
Niemand könnte das Wohlergehen der USA weniger wichtig sein als mir.
Mir tut nur die Hälfte der US-Amerikaner Leid, die Trump genauso verabscheuen wie ich.
Ich sorge mich um die internationalen Verwerfungen, die Trump auslöst.
Aber müsste man nicht auf der rechten Seite des Spektrums daran interessiert sein die amerikanische Nation stark und gesund zu erhalten?
Der irre Trump ist nicht zu ändern, aber wieso sich hunderte Republikaner freiwillig die Testikel abschneiden und sich so einem Zerstörer der USA zu Füßen werfen, ist doch erstaunlich unpatriotisch.



Mittwoch, 9. Oktober 2019

Der Halle-Spin

Der bekannte Antisemitismus-Forscher Prof. Wolfgang Benz, 78, erklärte einst über die neuen Bundesländer, daß Antisemitismus auch in völliger Abwesenheit von Juden existiert.
Es handelt sich um ein klassisches Vorurteil, wie es bei gruppenbezogenen Hass-Delikten häufig vorkommt.
Xenophobie und AfD-Affinität ist ebenfalls in den Bundesländern am stärksten ausgeprägt, wo es die wenigstens Ausländer gibt.
Das ist kein monokausaler Zusammenhang, offensichtlich spielen Bildung und Prosperität auch eine große Rolle, aber man kann durchaus sagen, daß die westdeutschen Stadtteile mit der größten kulturellen Durchmischung und dem höchsten Migrantenanteil politisch liberaler gedacht wird.
Wer Türken, Eritreer, Amerikaner, Inder und sogar Bayern als Nachbarn hat, sie täglich sieht, lernt sie schätzen und baut Vorurteile ab.

Die enorme weltweite Verbreitung von Judenhass, die auch immer wieder dazu führt, daß sie propagandistisch ausgeschlachtet wird, hat sicher auch mit der geringen Zahl von Juden zu tun.
Zwei Milliarden Christen und 1,4 Milliarden Muslimen stehen nur etwa 12 Millionen Juden gegenüber. Sie sind (außer in dem winzigen Staat Israel) immer verschwindende Minderheiten, über die man wenig weiß und daher umso heftiger spekulieren kann. Und wer könnte besser als Sündenbock instrumentalisiert werden, als jemand, den man noch nie gesehen hat?
Natürlich nutzen Islamistische Herrscher, faschistische Regime – in erster Linie natürlich die deutschen Nazis – und heutige Autokraten in Polen und Ungarn Antisemitismus als Kitt, um ihre hassenden Anhänger beisammen zu halten.
Das funktioniert in christlichen Staaten deswegen besonders gut, weil die Kirchen seit 2000 Jahren auf extremen Antisemitismus basieren. Juden sind für Christen „Gottesmörder“, die sogar vom Gott der Liebe, einem gewissen Jesus Christus gehasst werden.

(….) Evangelikale wissen genau wie ultraorthodoxe Juden, daß die Zukunft schon vorbei ist und der Herr bald ankommen wird.
Endzeitgläubige Amerikaner gehen daher Hand in Hand mit den Schas- und Likud-Israelis. Man hat erst mal ein gemeinsames Interesse und spricht nicht ganz so offen darüber, daß der gute Jesus ganz zum Schluß natürlich auch noch alle nicht zum Christentum konvertierten Juden abmurxen wird.

Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Jener war ein Menschenmörder von Anfang an und stand nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben.
(Joh 8,44)

Beschweren können sie sich aber nicht; schließlich wurde all das von höchster Stelle in der Bibel angekündigt. Jesus konnte die Juden nicht ausstehen und so war der Antisemitismus der christlichen Päpste genauso folgerichtig wie der Judenhass der frommen Christen Martin Luther und Adolf Hitler.

14 Denn, Brüder, ihr seid Nachahmer der Gemeinden7 Gottes geworden, die in Judäa sind in Christus Jesus, weil auch ihr dasselbe von den eigenen Landsleuten erlitten habt wie auch sie von den Juden,
15 die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben und Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind,
16 indem sie - um ihr Sündenmaß stets voll zu machen - uns wehren, zu den Nationen zu reden, damit die gerettet werden; aber der Zorn ist endgültig über sie gekommen.
(1 Thess 2) (…..)

So konnten Päpste und Bischöfe über Jahrtausende zu antijüdischen Pogromen anstacheln, Kreuzzüge anzetteln und bis in jüngste Zeit in einer widerlichen antisemitischen „Karfreitagsfürbitte“ weltweit Hass säen. Die christliche Kirche nannte die Juden seit 750 perfidis („treulos“), ihren Glauben iudaica perfidia („jüdische Treulosigkeit“).

    „Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“
(Deutsche Variante des vatikanischen Volksmessbuches 1884)

Selbstverständlich verschwand der staatlich und gesellschaftlich tiefverankerte Judenhass nach 1945 nicht über Nacht aus Deutschland.

Man konnte und wollte aber den Antisemitismus nicht tatsächlich offensiv bekämpfen, da er Kernelement des Konservatismus und des Christentums war – zweier immer noch sehr mächtiger Pfeiler der deutschen Gesellschaft.
Marcel Reich-Ranicki, der in Deutschland aufwuchs, die deutsche Kultur liebte und kannte wie kaum ein Zweiter wurde deportiert nur weil er Jude war. Seine gesamte Familie wurde von den Deutschen restlos getötet. Nur er selbst und seine spätere Frau Theofila überlebten durch aberwitzige Zufälle das Warschauer Ghetto.
Nachdem er schon über 20 Jahre im Nachkriegsdeutschland lebte, ein gefeierter Kritiker, Journalist und prägendes Mitglied der Gruppe47 war, wurde seine jüdische Herkunft völlig totgeschwiegen. Selbst in den intellektuellen und liberalen Kreisen mied man ihn, lud ihn nicht zu den Redaktionsfesten ein.
Die spätere RAF-Ikone Ulrike Meinhof war Ende der 1960er Jahre die Erste (und lange Zeit einzige) Person, die ihn nach seiner Familiengeschichte, seiner Zeit im Ghetto befragte.
Das Thema war quer durch alle Schichten der Gesellschaft unangenehm.
Man sprach lieber nicht darüber. Die Rechten nicht, weil sie „die Juden“ immer noch hassten und die Linken nicht, weil sie sich dann schlecht fühlten.
So prägte Ralph Giordano den Begriff „die Zweite Schuld“.
Die Deutschen konnten den Juden den Holokaust nicht verzeihen.

Man wußte noch nicht mal was ein Jude ist. Ganz offensichtlich eine Religion und keine menschliche Rasse.
Aber wieso war dann der zeitlebens überzeugte Atheist Reich-Ranicki, der also nie ein Gläubiger war, überhaupt Jude? Lag es doch an seiner Nase?

Bis in die 2000er Jahre galt es diesen gesellschaftlichen Impuls Antisemitismus zu verschweigen, obwohl er in rechten Kreisen immer weiter existierte und perfiderweise sogar noch in Verquickung mit dem Begriff „Israelkritik“ sogar für braune Ränke ausgenutzt wurde. So gewann die FDP unter Jürgen Möllemann Wahlen – „man wird doch wohl Israel kritisieren dürfen“.
Eine infame Behauptung der Westerwelle-Parte, die schließlich sogar die liberale Ikone Hildegard Hamm-Brücher aus der FDP trieb. Natürlich konnte man nicht nur immer Israels Politik kritisieren, sondern das wurde seit Jahrzehnten in den Feuilletons, aber auch auf höchsten politischen Ebenen getan.
Bundeskanzler Schmidt kritisierte Jerusalemer Politiker, ließ israelische Botschafter einbestellen – Jahrzehnte bevor FDP und noch später AfD jammerten das dürfe man nicht.

Es war immer ein nachkriegsdeutscher Skandal, daß jüdische Einrichtungen nicht sicher waren.
Synagogen mussten bewacht werden, die wenigen öffentlich bekannten Juden wie Heinz Gallinsky oder Ignaz Bubis mussten mit Polizeischutz leben.
Selbst die Initiatorin des Holokaustmahnmals Lea Rosh stand Jahre unter Polizeischutz. Die Journalistin und Publizistin war Opfer des „sekundären Antisemitismus“. Man hasste sie in rechtsextremen Kreisen, drohte ihr massiv und mutmaßte, sie müsse Jüdin sein. Hatte sie nicht auch eine große Nase, war außergewöhnlich gebildet und hieß auch noch Lea mit Vornamen?
Das war alles Quatsch, weder stammte Rosh aus einer jüdischen Familie, noch war sie gläubig, aber Antisemitismus braucht keine Fakten.
Er blüht auch ohne Juden und schafft sich zur Not selbst welche.

Als 2010 ein jüdischer Teenager im ostdeutschen Fußballverein niedergeprügelt wurde, mogelten sich Stadt und Landesregierung über eine Verurteilung des NPD-Mannes Battke herum.
Wie man den Juden nicht den Holokaust verzeihen wollte, verzieh man dem Opfer von 2010 nicht die Schande für Laucha: Wieso war den die israelische Familie überhaupt ausgerechnet nach Sachsen-Anhalt gezogen? Wieso ging der Junge ausgerechnet in einen Fußballverein?
Tenor: Jeder weiß doch, daß es dort von Nazis wimmelt. Wenn man als Schwarzer oder Jude dahin geht, hat man selbst Schuld verprügelt zu werden.

(…..) Als im April 2010 ein 17-Jähriger Junge einer aus Israel stammenden Mutter in Sachsen-Anhalt von Skinheads schwer verletzt wird, greifen sechs Passanten nicht ein.

Als Noam Kohen [Name geändert!] am 16. April mit dem Regionalzug aus Naumburg zurückkehrt, ist sein Leben in Deutschland noch in Ordnung. Es ist 18 Uhr, er kommt vom Friseur, alles sieht nach einem ganz gewöhnlichen Abend aus. Ein paar seiner Schulfreunde sitzen an der Bushaltestelle vor dem Bahnhof in Laucha, Sachsen-Anhalt. Noam setzt sich zu ihnen. Kurz darauf kommt Alexander P. vorbei. Er ist 20 und trägt Glatze. Ohne Warnung schlägt er Noam ins Gesicht und brüllt: »Geh zurück, wo du hergekommen bist. Du Judenschwein!«
(Zeit 14.6.2010)

Als die Tat später in Zeitungen auftaucht, stellt sich schnell ein besonderer Tenor ein - Noam sei ja auch selbst Schuld; denn wieso wollte er auch Fußball spielen, obwohl doch jeder wußte, daß der Fußballtrainer im Ort, »Lutz Battke«, der bekannteste und angesehenste Rechtsradikale ist.
Daß er seine Anhänger dazu bringen würde, das „Judenschwein platt zu machen“ sei abzusehen gewesen. Battke wäre zwar ein gewalttätiger Nazi, aber eben auch ein guter Fußballtrainer, da könne man ja auch nicht von der Stadt erwarten irgendetwas gegen ihn unternommen zu haben. (…..)

Wieder einmal mogelten sich die Deutschen um ihre Verantwortung herum und zeigten auf das Opfer.

Erst mit dem Auftauchen der antiislamischen AfD nach 2015 änderte sich der deutsche Blick auf den Antisemitismus, da es durchaus auch Araber und Palästinenser gibt, die Juden hassen.

Die historischen Hintergründe sind anders als bei Deutschen. Denn „der Islam“ war die längste Zeit ganz anders als das Christentum außerordentlich tolerant gegenüber Juden. Jüdische Gelehrte hatten hohe Positionen an den Höfen der Kalifen in Bagdad. 800 Jahre lebten auch die islamischen Mauren in Spanien friedlich mit Juden Tür an Tür. Der tödliche Antisemitismus breitete sich auf der iberischen Halbinsel erst mit der Herrschaft Isabella, der Katholischen aus, die Christentum, Inquisition, Hass und Intoleranz nach Spanien brachte.

Palästinensische Flüchtlinge haben also keinen religiös über Jahrhunderte gewachsenen Antisemitismus, sondern sind erbitterte Gegner der aktuellen Politik der konservativen Netanjahu-Regierung in Israel.
Wer sich auch nur ein kleines bißchen mit den Zuständen in Gaza und dem Alltag im Westjordanland zwischen all den fanatischen jüdischen Siedlern beschäftigt, kann sich nicht darüber wundern, daß Jerusalem dort wenige Fans hat.
Deutsche Parteien und Publizisten interessieren diese Hintergründe wenig.
Aber wenn ein Rabbiner oder Kipa-Träger in Berlin von einem jungen Migranten angepöbelt wird, kann man endlich wieder Partei ergreifen, verurteilen und guten Gewissens den Antisemitismus verurteilen: Es sind ja nicht Deutsche Schuld, sondern die anderen, die Migranten, die Muslime!

Bei antisemitischen Anschlägen in Deutschland funktioniert jetzt die Empörungsspirale auch bei den Erzkonservativen sehr gut.
Als die ersten Meldungen aus Halle durch die Nachrichten schwappten, man nur von zwei Toten in Halle am jüdischen Versöhnungsfest Jom Kippur und Schüssen auf eine Synagoge wußte, zögerten AfD-Politiker keine Sekunde. Sie badeten genüßlich im Blut der Opfer, nutzten das Leid perfide aus.
Endlich wieder kräftig hetzen und auf der richtigen Seite stehen.


Nur blöd, daß sich recht schnell herausstellte, wer der wahre Täter war.

[…..] Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um den 27-jährigen Stephan B. aus Sachsen-Anhalt. Den Ermittlern liegt inzwischen ein Video vor, das der Attentäter offenbar mithilfe einer Helmkamera aufnahm. Der Film zeigt, wie B. eine Passantin in der Nähe des jüdischen Friedhofs sowie einen Gast in einem Döner-Bistro in der Nähe der Synagoge erschießt.
Aus dem Video ergeben sich klare Hinweise auf ein antisemitisches und rechtsextremes Motiv. So schimpft der Täter mehrfach über "Juden" und spricht auch von "Kanaken". Nach Informationen des SPIEGEL war B. zuvor nicht polizeibekannt. Er wurde am Nachmittag auf der Bundesstraße 91 festgenommen. [….]
(Spon, 09.10.19)

Dienstag, 8. Oktober 2019

Trumps Kollateralschäden

Die Frage über die geistige Zurechnungsfähigkeit Trumps ist geklärt.

Er ist aber auch blöd und böse.
Unglücklicherweise schließt das eine das andere nicht aus.
Das ist wie bei Exzentrik und Neurotik, die man auch manchmal verwechselt.
Exzentrik ist aber ein gesunder Charakterzug während Neurosen behandlungsbedürftige Krankheiten sind.
Mit dem „Befund Exzentrik“ ist man aber nicht aus dem Schneider, weil auch dort Mischformen bestehen. Man kann exzentrisch und neurotisch sein, so wie man auch ein leidenschaftlicher Künstler und Borderliner sein kann.
Beides kann unter bestimmten Umständen ähnlich wirken, aber nur Letzteres ist eine ernsthafte Persönlichkeitsstörung.

Bei Trump kommen aber nicht nur die drei sich überschneidenden Grunddiagnosen – psychisch krank, borniert und bösartig – zusammen, sondern auch noch eine vierte leider nicht zu vernachlässigende Komponente:
Er ist der mächtigste Mann der Welt und daher kann man ihn schlecht ignorieren oder einfach mit Zwangsjacke und Knebel in eine Gummizelle sperren; auch wenn das die einzig richtige Methode wäre mit ihm umzugehen.

Möglicherweise gibt es sogar noch ein fünftes Problem: Trump pumpt sich angeblich mit Aufputschmitteln voll, ist süchtig nach „Uppers“ und „Downers“. So können sich seine manischen Pöbelattacken einerseits und die schläfrigen Nuschelauftritte andererseits erklären.
Dafür gibt es allerdings keine gesicherten Belege, sondern nur Hinweise.

Der Mann ist so offensichtlich gestört, daß man sich nicht mehr mit ihm beschäftigen mag. Aber wie sollte man das unterlassen? Er talibanisiert ja schließlich nicht nur die US-Parteipolitik, sondern verwandelt die ganze Welt in ein Pulverfass.
Sein letzter Move….

[….] Trumps Syrien-Vorstoß Garantie für endlosen Unfrieden
Donald Trump will die US-Truppen aus Syrien abziehen - und damit die Türkei in den Nordosten des Bürgerkriegslands einmarschieren lassen. Dieser Schritt ist ein Verrat an den Kurden und stärkt Iran. [….]

…ist so brandgefährlich, daß sogar die tief in Trumps Mastdarm kauernden Senatoren McConnell und Graham leise aufmucken.

[….]   Der einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham, eigentlich ein treuer Trump-Unterstützer, sprach von einem "kurzsichtigen und verantwortungslosen" Schritt und warnte vor einem drohenden "Desaster" für die US-Außenpolitik. Graham sagte, ein Rückzug der US-Truppen wäre ein Sieg für Iran, Syriens Machthaber Baschar al-Assad und den IS.
    Auch Mitch McConnell, republikanischer Mehrheitsführer im Senat, sagte, ein überstürzter Rückzug würde Russland, Iran, Assad und dem IS in die Hände spielen. McConnell forderte Trump dazu auf, "amerikanische Führung auszuüben".
    "Wir müssen unsere Verbündeten immer unterstützen, wenn wir erwarten, dass sie uns unterstützen", sagte Nikki Haley, Trumps frühere Uno-Botschafterin. Die Kurden hätten maßgeblich zum erfolgreichen  Kampf gegen den IS in Syrien beigetragen. "Sie jetzt sterben zu lassen ist ein großer Fehler." […..]

Auf die Kritik aus den eigenen Reihe erleben wir Uppers-Trump in immer bizarreren und grotesken Twitter-Tiraden.



Vor ein paar Jahren dachte man sich noch Pointen aus, wenn man mächtige Politiker in den sozialen Medien kritisierte, erstellte Memes, verwendete Photoshop, kreierte lustige gifs.
Aber diese Form des Trump-Wahns ist so toxisch, daß man sie nicht mehr ironisch überhöhen kann.
Comedians weltweit lesen ganz schlicht die Originaltweets des US-Präsidenten vor und das Publikum ächzt im vorm Entsetzen erstickenden Lachern.

[….] Ist es noch eine Nachricht, wenn der Präsident einen irren Tweet absetzt? Nein? Und wenn es der allerirrste Tweet ist? [….] Donald Trump gibt gern damit an, wie groß sein Rückhalt in der republikanischen Partei sei. In unregelmäßigen Abständen verkündet er auf Twitter, wie sehr die Partei ihn schätze. Zuletzt schrieb er, dass 95 Prozent der Republikaner auf seiner Seite stünden und bedankte sich dafür. Der Clou ist, dass sich Trump diese Zahl ausgedacht hat. Es gibt keine Erhebung, in der er solche Zustimmungswerte erreicht. Vermutlich erreicht er solche Werte nicht einmal in seiner Familie.
In seinen Tweets hingegen wächst die Zahl beständig. Noch vor einem Jahr schrieb er von "mehr als 90 Prozent" Zustimmung. Dann arbeitete er sich vor, über 92, 93 und 94 Prozent, bis er nun bei 95 Prozent gelandet ist. Wie man Trump kennt, dürfte er spätestens vor den Wahlen im Herbst kommenden Jahres von Werten künden, die gut über 100 Prozent liegen.

[….]  Trump hatte am Sonntag mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan telefoniert, wenig später verkündete er auf Twitter, es sei an der Zeit, die "lächerlichen endlosen Kriege" zu beenden. Die Beobachter in Washington schätzen, Trump habe die Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen und dann eben in sein Handy getippt. [….]  Wenn die Kurden sich gegen die Türken verteidigen müssten und ihre Ressourcen dadurch gebunden wären, könnte das zu einer Renaissance des IS führen. Zudem bewachen die Kurden mehrere Gefangenenlager, in denen 10 000 vormalige Kämpfer des IS festgehalten werden. Die Befürchtung ist, dass diese Kämpfer auf freien Fuß gelangen, wenn die Kurden sich der Bedrohung durch die Türken widmen müssten. [….][….] Trump hatte tatsächlich von seiner "großen und unvergleichlichen Weisheit" geschrieben. Nach diesem Tweet war die drängendste Frage in Washington natürlich nicht mehr, wie man Trump von seiner Syrien-Idee abbringt, sondern die, ob der Präsident womöglich keine einzige Tasse mehr im Schrank hat. [….]

Der Golfplatz-Sauron mit dem Erbsenhirn lässt einen nicht los, weil er so gefährlich ist und tatsächlich alles beeinflusst. Er richtet Kriege, Krisen, ökologische Katastrophen, diplomatische Eruptionen und finanzpolitische Beben an. Trump kann den Schuster in Gaza, genau wie den Soja-Bauern in Guangdong, den Rinderzüchter in Goiás, den Kleinsparer in Gütersloh, den Mechaniker in Ghazni, den Obstzüchter in Guayana und den Pensionswirt in Glasgow gleichermaßen ruinieren.

Der Wahnsinn der Regierenden in London, Ankara, Brasilia, Manila, Budapest, Warschau und Washington macht uns alle psychisch krank.

[….] Wenn Krisen krank machen
[….] Unter US-Psychologen kursiere ein neues Krankheitsbild, schreibt der in Wien lehrende Historiker Philipp Ther. Zu den Symptomen gehörten "Paranoia, Angstzustände, Depressionen, somatische Beschwerden, Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen und Albträume". In Wahrheit ist die Liste der Symptome viel länger, aber auch in der Kurzform liest sie sich in etwa so furchterregend wie der Name der Erkrankung, die dahintersteht: "Trump Anxiety Disorder" (TAD).
Das Fachblatt Psychology Today riet Therapeuten in einem Aufsatz unter dem Titel "What's Trump Doing in Your Therapy Room?" schon 2018, mit ihren Patienten über Politik zu reden. Und ihnen klarzumachen, dass sich die politische Krise, in der sich die Gesellschaft seit dem Amtsantritt des US-Präsidenten befindet, nicht direkt auf ihr eigenes Leben auswirken müsse. Das Journal of Clinical Psychology widmete der TAD gleich ein ganzes Heft.
Das Thema ist also offenbar ernst. Und dies nicht nur in den USA. Denn der Brexit, Theresa May und nun Boris Johnson sind zur gleichen Zeit über die Briten gekommen wie Trump über die Amerikaner. Und so mehren sich im Vereinigten Königreich die Anzeichen für etwas, das nicht TAD, sondern BAS abgekürzt wird: das "Brexit Anxiety Syndrome". [….]

Montag, 7. Oktober 2019

Wer dumm ist, muss nicht dumm bleiben


Klassenreise als ich 13 Jahre alt war; es ging nach Haren an der Ems.
Ein winziges Kaff in Niedersachsen an der holländischen Grenze. Wir wurden jeweils zu sechst in einen wirklich ziemlich schäbigen Bungalow einer Jugendherberge gesteckt und sollten uns aufregenderweise selbst versorgen.
Ich hatte Glück, weil mein bester Freund, ein Japaner in unserer Bude steckte. Seine Mutter hatte ihm eine uns damals unbekannte Curry-Gewürzpaste vorbereitet, die mir damals erstens als das wohlschmeckendste Essen überhaupt erschien und die zweitens einem hygienisch-pingeligen Typen wie mir erlaubte mich komplett von Reis zu ernähren.

Nach meiner Erinnerung handelte es sich um ein riesiges Gelände mit hunderten Jugendbaracken, einem Abenteuerspielplatz, einer Softeismaschine und einem Baggersee. Dort waren viele andere Jugendliche und im Zeitalter lange vor den sozialen Medien war das einer der seltenen Gelegenheiten sich modisch und jugendkulturell upzudaten.
Ich war natürlich eingeschüchtert, da ich wie immer durch meine elende Klassenspringerei der Jüngste war.
In dem Alter machen zwei, drei Jahre sehr viel aus. Ich war gerade am Ende meiner Kindheit, während die anderen Jungs stolz Bartflaum trugen und die Mädchen allesamt Brüste hatten.
Am allermeisten beeindruckte mich aber, daß alle rauchten.
Schon vorher hatte ich eine Ahnung was coole Musik ist, wie man sich kleidete, um anerkannt zu werden, wie man sich möglichst auf Partys verhält.
Aber all das war doch offenbar nur Fassade. Der ultimative Weg zum Erwachsensein war die Zigarette.
In Haren beließ ich es noch beim Softeis, weil ich schon verstand was „cool“ ist, aber selbst nicht cool genug war einen der „Alten“, die schon 15 oder 16 waren, nach einer Zigarette zu fragen.
Fest stand aber, ich musste auch rauchen.
Am Tag, als ich wieder zu Hause war, setzte ich meinen Plan in die Tat um.
Das Problem, aber auch gleichzeitig der besondere Coolheitsfaktor beim Rauchen war natürlich die Illegalität. Als 13-Jähriger konnte ich nicht ohne weiteres in einen Kiosk gehen, um eine Packung zu kaufen.
Naheliegend wäre es gewesen einige Zigaretten meiner Mutter zu klauen, aber die rauchte die Frauenmarke „Kim“. Die waren leichter, dünner und länger. Und so viel verstand ich als zukünftiger Neuraucher schon: So eine Frauenzigarette wäre meiner Karriere als cooler Raucher vor meinen Mitschülern abträglich.
Außerdem hatte ich in Haren genau zugehört und wußte, daß die allercoolsten Jungs die Zigaretten mit über 1,00 mg Nikotin rauchten. Marlboro (0,8 mg) und Camel (0,9 mg) waren gerade noch OK, besser aber waren die schwer angesagten goldenen Benson und Hedges mit 1,1 mg Nikotin.
(In den nächsten Dekaden wurden die Zigaretten etwas leichter; ich verwende die damaligen Werte.)
Kim mit 0,5mg kam also nicht in Frage. Ein Kiosk kam auch nicht in Frage.
Ich fuhr also mit einem Fahrrad in das nächst gelegene Wäldchen, in dem ein Zigarettenautomat stand, an dem ich nicht gesehen würde.
Ich warf ein Zweimarkstück ein und zog eine Packung PallMall. Die Bensons gab es nicht in dem Automat, die Schwächeren wollte ich nicht. PallMall erschien mir ein guter Kompromiss zu sein, Natürlich waren sie nicht so cool wie die ganz ganz Starken, aber dafür filterlos. Das gab den extra Kick.
In einer nicht einsichtigen Ecke des Gartens meiner Oma begann ich zu rauchen. Ich erinnere mich noch daran, daß ich den Geschmack mochte – offenbar kann die enorme Erwartungshaltung eines Pubertierenden die Ratio völlig abschalten.
Nach drei PallMall wurde mir etwas schlecht und schwummerig.
Ich nahm sechs weitere Zigaretten aus der Packung, warf sie weg und erzählte am nächsten Morgen meinen Mitschülern ich hätte gestern allein neun PallMall geraucht. Das gab meiner sozialen Stellung in der Klassenhierarchie einen derartigen Boost, daß ich es sogar wagte alle zu einer Party im Keller meiner Oma einzuladen.
Von da an ging es sehr schnell. Wer die coolen Teens zu sich einlud, damit prahlte zu rauchen, sowie Anita Wards „You can ring me bell“ und Donna Summers „Bad Girls“-Schallplatte aufzulegen, kam nicht um die Frage des Alkohols herum.
In dem Fall half dann doch nur Diebstahl. Ich nahm den Schlüssel zum Weinkeller aus der verbotenen Küchenschublade und stibitze zwei Flaschen Wein aus dem hintersten Regal meines Opas – in der Hoffnung, das falle am wenigsten auf.
Die Party war ein solcher Erfolg, daß sogar Nachbarn die Polizei riefen, weil so viele Teenager auf Mofas vor dem Gartentor rumlungerten.
Ich war nun nicht mehr eins der Kinder am Gymnasium, sondern gehörte offiziell zu den „Älteren“. Es folgten die obligatorischen weiteren Schritte am Beginn des neuen Jahrzehnts: Blondiercreme, Haarspray, Baracuda-Stiefel und Flügelarmhemden.
Den süßen deutschen Moselwein hatte ich schnell hinter mir gelassen, stieg auf härtere Alkoholika um und rauchte nur noch Prince Denmark – 1,2 mg Nikotin – die waren nämlich den meisten zu stark. Eine Packung kaufte ich auf dem Weg zur Schule und eine Weitere auf dem Rückweg.
Ich sah nun auch alt genug aus, um frech direkt in den Zeitungskiosk zu gehen.

Meine nächste Zigaretten-spezifische Erinnerung war der Musik-Unterricht in der 12. Klasse. Der fand in dem „Medienraum“ am Ende eines langes Bungalowganges statt. Natürlich standen wir alle kettenrauchend vor Unterrichtsbeginn vor der Tür und dann ging das Geschimpfe der resoluten, strengen Musiklehrerin Frau Lüdike schon aus 50m Entfernung los. „Das sind alles Sargnägel! Das werdet Ihr noch bereuen!“
Wie mich DAS genervt hat! Die Lüdike war die unbeliebteste Lehrerin und wir verbrachten Stunden damit uns auszudenken, wie man sie ärgern konnte. So eine vertrocknete alte Schachtel, die nicht nur so uncool war nicht zu rauchen, sondern das auch noch den anderen madig machte.
An der Schule gab es ein großes Raucher-Lehrerzimmer und ein kleineres Nichtraucher-Lehrerzimmer.
Eine meiner Lieblingslehrerinnen, in deren GMK-Kurs ich saß, war kurioserweise Nichtraucherin, aber selbst sie saß freiwillig im Raucherlehrerzimmer, weil doch ganz klar war, daß die Nichtraucher-Kollegen langweilige Spießer waren.

Zigaretten als ultimativer Coolness-Indikator funktionierten immer noch als ich mit 18 begann zu studieren.
Wer sich nicht zwischen den Vorlesungen draußen zum Rauchen einfand, gehörte zu den anstrengenden Strebern, die nach der Vorlesung runter zum Professor liefen, um sich einzuschmeicheln.

Es dauerte noch einige weitere Jahre bis Bekanntschaft mit den ersten schlimmen Katern machte, die so heftig waren, daß ich am nächsten Morgen in der Uni nicht funktionierte und peinlich stammelte.
Das war mir sehr unangenehm und musste aufhören.
Außerdem stellte ich fest, daß „der Schädel“ nach einer durchzechten Nacht keineswegs nur auf die konsumierte Alkoholmenge zurück zu führen war, sondern, daß es auch einen Nikotin-Teer-Kater gab.
Stundenlang dicht gedrängt in dunklen Buden zu hocken, in denen jeder Kette rauchte und penibel vermieden wurde ein Fenster zu öffnen war die Versicherung für Kopfschmerzen.
Es war jedenfalls etwas weniger grauenvoll am nächsten Tag aus dem Koma zu erwachen, wenn man draußen an der frischen Luft gesumpft hatte und vielleicht auch mal etwas weniger als drei oder vier Packungen Prince weggequalmt hatte.

Eines Tages in meinem Leben als Twen durchzuckte mich ein blasphemischer Gedanke: Die Lüdike mit ihre bekloppten „Sargnagel“-Mahnungen lag gar nicht so falsch! Wer hätte das damals gedacht, daß so eine Spießerin völlig Recht haben könnte? Konnte doch keiner ahnen!

Innerhalb eines Jahrzehnts hatten eigenartigerweise alle meine ehemaligen Mitschüler einen derartigen Geistesblitz. Es gab ein paar Jahre des Überganges, als es Raucher und Nichtraucher gab. Man musste das berücksichtigen bei Verabredungen und ich gebe zu mehrfach Treffen in meiner Wohnung fadenscheinig abgesagt zu haben, wenn ich wußte, daß die alten Kettenraucher dabei sein würden. Ich wollte nicht so spießig sein wie andere Ex-Raucher und die Leute auf dem Balkon schicken, aber andererseits auch nicht den Stink in der Bude habe.
Glücklicherweise existiert das Problem nicht mehr; da keine Raucher mehr übrig sind.
Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, bei Rockkonzerten und in Restaurants, auf Flügen und in Krankenhäusern sind heute so selbstverständlich, daß den verbliebenen Rauchern ihr Laster ordentlich erschwert wird.
Sie werden ausgegrenzt und müssen sagenhafte Summen für Zigaretten ausgeben. Eine Packung kostet 700% mehr als meine erste PallMall.

Viel weniger Menschen rauchen jetzt noch in Deutschland, aber die Zahlen sind noch erheblich.

[….] In Deutschland rauchen laut Epidemiologischer Suchtsurvey 2015 ca. 29 Prozent der Erwachsenen, das entspricht ungefähr 20 Millionen Menschen. Andere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen (für einen Überblick siehe zum Beispiel Jahrbuch Sucht 2017). Die Raucherquote macht bei Männern 31 und bei Frauen 26 Prozent aus. [….]

25 Milliarden Euro werden jährlich mit Zigaretten erwirtschaftet.
Davon gehen etwa 14 Milliarden Euro als Tabaksteuer an den Staat, dem allerdings durch die gesundheitlichen Folgen des Rauchens knapp 80 Milliarden Schaden entstehen.

Wie wir jetzt alle wissen, ist Rauchen verdammt ungesund.

[….] 121.000 Menschen in Deutschland starben 2013 an den Folgen des Rauchens. Damit waren 13,5 Prozent aller Todesfälle durch das Rauchen bedingt. Die im Vergleich zu früheren Berechnungen deutlich höhere Zahl (Tabakatlas 2009: 107.000 tabakbedingte Todesfälle) ist darauf zurückzuführen, dass erstmals auch Todesfälle aufgrund von Darm- und Leberkrebs, Typ-2-Diabetes und Tuberkulose sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen berücksichtigt wurden. [….]

Potzblitz, sich rund um die Uhr pures Gift in die Lungenbläschen zu saugen, ist nicht gesundheitsförderlich?

Rauchen ist also ein sehr schlechtes Geschäft für den Staat und ein sehr Gutes für die Tabakkonzerne.
Aber die Raucherquote geht deutlich zurück.

[….] Die Zahl der Raucher in Deutschland ist weiter rückläufig - vor allem bei den Jugendlichen. Ende der 1990er Jahre rauchten knapp 30 Prozent der 12- bis 17-Jährigen, heute sind es nur noch rund 10 Prozent. Am höchsten war und ist der Raucheranteil unter den jungen Erwachsenen: Von den 18- bis 25-Jährigen rauchte Ende der 1990er Jahre etwa jeder Zweite, heute nur noch fast jeder Dritte. Dennoch ist unter jungen Erwachsenen der Raucheranteil am höchsten: Von den 25- bis 29-Jährigen rauchte im Jahr 2015 ein Drittel. Unter 11- bis 17-jährigen Kindern und Jugendlichen rauchen insgesamt 12 Prozent, wobei es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. [….]

Heute rauchen eher die Alten und weniger die Jungen.
Generell lässt sich statistisch festhalten, daß die Dummen und die Armen rauchen.


Je höher das Haushaltseinkommen und der Schulabschluss, desto niedriger die Raucherquote.

[….] Fast 42 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen, die keinen Schulabschluss haben, rauchen. Bei jenen, die eine abgeschlossene Schulbildung vorweisen können, ist der Raucheranteil dagegen deutlich geringer. So raucht jeder bzw. jede Dritte mit einem Haupt- bzw. Volksschulabschluss oder der Mittleren Reife (jeweils 33 Prozent). Menschen mit Fachhochschulreife und Abitur bzw. Hochschulreife greifen am seltensten zur Zigarette. Hier liegen die Raucheranteile bei 23 Prozent (höchster Schulabschluss Fachhochschulreife) bzw. 20 Prozent (höchster Schulabschluss Abitur/ Hochschulreife). [….]

War Rauchen vor 50 Jahren noch Statussymbol, so ist es heute eher ein Unterschichtenphänomen.

Es gibt außerdem große Unterschiede nach Ländern.
In Kanada und den USA rauchen nur noch halb so viele Menschen wie in Deutschland.


   Dabei ist besonders auffällig wie die Raucherquote in Nordamerika und anderen Ländern kontinuierlich zurückging, während sie in Deutschland stabil bleibt.

Dafür gibt es Gründe.
Deutschland ist das einzige EU-Land, das sich seit zehn Jahren hartnäckig weigert ein Tabakwerbeverbot umzusetzen.
Die CDU/CSU ist die Blockiererin, steht auf der payroll der Tabakkonzerne, während die SPD schon seit Jahren Gesetzentwürfe für ein völliges Nikotinwerbeverbot vorlegt.

[…..] „Die Tabak-Außenwerbung muss vom Tisch“, sagte der zuständige Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Spiering, unserer Redaktion. Er fügt hinzu, dass es m besten wäre, wenn auch für elektrische Zigaretten, in denen Flüssigkeiten verdampft werden, nicht mehr geworben werden dürfe.
SPD will auch über vermutlich schädliche Inhaltsstoffe sprechen  Spiering fügte hinzu, die SPD wolle außerdem über die Zusatz - und Inhaltsstoffe von Tabakwaren und Verdampfungsflüssigkeiten sprechen und sie gesetzlich regeln, „da von einigen Beimischungen vermutlich Gefahr ausgeht.“ Wenn dies zusammen mit dem Werbeverbot in einem Gesetz möglich sei, dann sei das gut. [….]

Der Christen-Union sind die über 100.000 jährlichen Todesfälle durch Tabak aber weniger wichtig als die Gewinne der Werbeagenturen und Zigarettenhersteller.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin gegen ein Zigarettenverbot. Jeder soll sich mit der Droge seiner Wahl umbringen dürfen.
Aber Kinder sind so unheimlich dumm und beeinflussbar, daß es unverantwortlich ist Zigarettenkonsum zu bewerben, so daß 13-Jährige Idioten denken, das wäre cool.

Zuletzt hatte ein Gesetzentwurf zum Werbeverbot 2016 vorgelegen, der von der CDUCSU aber erfolgreich boykottiert wurde.

[….] Der Gesetzentwurf von Schmidt aus dem Jahr 2016 sah ein Verbot der Plakatwerbung und Einschränkungen bei der Kinowerbung nicht nur für herkömmliche Zigaretten vor, sondern auch für alle Arten von E-Zigaretten - also auch für Produkte, die kein Nikotin enthalten. Der Entwurf war damals von der Unions-Bundestagsfraktion jedoch so lange blockiert worden, bis die Wahlperiode zu Ende war. Verantwortlich dafür war maßgeblich der Wirtschaftsflügel der Union, der die Rückendeckung von Brinkhaus-Vorgänger Volker Kauder (CDU) hatte.
[….] Deutschland ist das letzte EU-Mitglied, das das völkerrechtlich verbindliche internationale Abkommen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2005 zur Einschränkung der Tabakwerbung noch nicht umgesetzt hat. Tabu ist Tabakwerbung schon in Radio und Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften. Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung sterben 120.000 Menschen jährlich an den Folgen des Tabakkonsums. [….]

Die Grünen entsprechen ihrem Klischee als Verbotspartei, wollen jede Tabakwerbung verbieten.
Die Grünen haben Recht. So wie auch die SPD. Es hakt an Merkels Lobbyhörigkeit.