Dienstag, 24. Juli 2018

Der Weg zum Tod.


Man sollte tunlichst gesund und plötzlich sterben.
Voraussetzung ist, daß man vorher so schlau wie ich war und bereits ein paarmal beim Notar war, um alle Angelegenheiten zu regeln – Testament, Vermächtnisse, Beerdigungsvertrag, persönliche Vollmachten, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung, Patientenverfügung – jeweils hinterlegt im Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer.

Sterben müssen wir alle und sollte einem in der Blüte des Lebens der sprichwörtliche Ziegel auf den Kopf fallen, so daß man tot umfällt, ist das ein optimaler Exit. Insbesondere wenn man in der letzten Sekunde noch das beruhigende Gefühl hat denjenigen, die einen wegräumen müssen, maximal mögliche Rechtssicherheit hinterlassen zu haben.

Tatsächlich, als ich dieses Jahr operiert wurde und unmittelbar vorher diesen so gern in TV-Serien verwendeten verschwommenen Blick auf die OP-Lichter hatte, man mir die Atemmaske auf die Nase drücke und das Licht ausging, war das mein letzter Gedanke: Wenn ich nicht mehr aufwache, ist wenigstens alles geregelt. Insofern spricht nichts dagegen jetzt den Löffel abzugeben.

 Bekanntlich kam es dann aber anders. Bei den meisten kommt es anders.
In einem urbanen Lebensraum, in dem deutlich über 50% der Wohnungen Singlehaushalte sind, in dem Menschen immer älter und individualisierter leben  - und das ist ein Zeichen von Freiheit und Wohlstand – wird die Sterberei allerdings zunehmend schwierig.
Zumal die sich ständig verbessernde medizinische Versorgung dazu führt, daß man ohnehin nur schwer stirbt. Lungen- und Herzleiden, die einen vor 100 Jahren umgehend ins Grab befördert hätten, werden inzwischen zwar nicht unbedingt vollständig kuriert, aber es findet sich ein therapeutischer modus vivendi, um richtig lange was davon zu haben.
Statt also recht gesunden Fußes ins Grab hinabzusteigen, rettet man sich immer wieder hinüber zu den Atmenden. Man wird immer malader, hat aber noch Puls.
Positiv ausgedrückt:
Älter werden ist Mist, aber die einzige Möglichkeit, um länger zu leben.

Wenn man richtig alt wird, den terminus technicus „hochbetagt“ für sich erobert (>91 Jahre), gibt es zwei angenehme Varianten:

-      Man gehört zu den sehr wenigen Menschen, die auch in dem Alter noch geistig nicht abbauen und außerdem auch noch beweglich und schmerzfrei leben.
-      Man gehört zu den sehr wenigen Menschen, die über reichliche finanzielle Mittel verfügen, so daß Pflegeeinrichtungen der Luxusklasse oder extrem teure Individuallösungen zu Hause möglich sind.

Alle anderen haben leider Pech.
Möglicherweise ist die eigene Wohnung nicht barrierefrei, so daß man schnell zum Gefangen wird.
Arztbesuche und die sonstigen therapeutischen Notwendigkeiten werden zu logistischen Großproblemen. Es gibt kaum noch Ärzte, die Hausbesuche machen, Physiotherapeuten schon gar nicht. Jedenfalls nicht für den Kassenplebs, der nicht mit seiner Privatversicherungskarte wedeln kann.

[…..] Minister Spahn weitet Raum für Profitinteressen in der Gesundheitsversorgung aus
„Vor allem der Versichertenstatus ist entscheidend dafür, welche Behandlung Patientinnen und Patienten  in Arztpraxen erhalten und wie lange sie auf einen Termin warten müssen. Das ist eine Folge der unterschiedlichen Vergütung für die Behandlung von privat und gesetzlich Versicherten. Eine Ausweitung der offenen Sprechstunden – wie in Gesundheitsminister Spahns Versorgungsgesetz vorgesehen – wird an der Schlechterstellung von 90 Prozent der Versicherten deshalb nur scheinbar etwas ändern. Die strukturelle Fehlausrichtung der Gesundheitsversorgung an finanziellen Anreizen wird dadurch nicht beseitigt“, erklärt Achim Kessler, Sprecher für Gesundheitsökonomie und Obmann der Fraktion DIE LINKE im Ausschuss für Gesundheit. […..] Die Profitlogik in der medizinischen Versorgung muss grundsätzlich durch die Orientierung am Wohl der Patientinnen und Patienten ersetzt werden. Stattdessen weitet Minister Spahn die Räume für Profitinteressen sogar noch aus. Insbesondere die von den Kassenärzten geforderte Entbudgetierung bei der Behandlung von neuen Patienten würde zu Verhältnissen führen, wie wir sie aus dem Fallpauschalensystem der Krankenhäuser kennen. […..]

Schon Busfahren kann aufgrund der wohl oder übel eintretenden Gangunsicherheit unmöglich werden, weil man beim Anfahren und Bremsen sonst lang hinschlagen würde.
Bleibt also Taxi. Teuer.
Kaum ein Hochbetagter, der nicht ein Dutzend Tabletten am Tag nehmen muss. Natürlich, denn ohne die Dinger wäre er ja nicht so alt. Irgendwann werden aber die Beschriftungen auf den Packungen zu klein, die komplizierten Namen zu verwirrend und die Dosierung zu umständlich, weil man mikroskopisch kleine weiße Pillen, die auch noch alle gleich aussehen womöglich noch teilen muß.
Im günstigsten Fall bemerkt das ein aufmerksamer Arzt, verschreibt eine „Med Gabe“ und es findet sich ein Pflegedienst, der bereit ist drei Mal am Tag für je drei Minuten rauf in den Dritten Stock zu laufen.
Mit noch mehr Glück wird das über die Krankenkasse abgerechnet und man zahlt nur eine Gebühr  von ca 50 Euro im Monat, nachdem man schon für hunderte Euro zusätzliche Schlüssel anfertigen lassen hat und auch für 500 Euro im Jahr einen Hausnotruf installieren lassen hat.
Sträubt sich die Kasse, weil sich nicht zweifelsfrei klären lässt, ob diese Medgabe wirklich notwendig ist, oder ob das nicht auch mit einer Wochenbox zu bewerkstelligen ist, wird man allein für diese Dienstleistung auch noch mal 700 Euro monatlich los.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird man aber auch noch Hilfe beim Duschen, beim Kochen benötigen, kann vielleicht schon länger nicht mehr selbst einkaufen gehen.
Nun springt der medizinische Pflegedienst ein und bietet „Pflege auf Zeit an“.
Täglich vormittags 15 Minuten, um einen Tee zu kochen und ein Frühstück zu bereiten, sowie einmal wöchentlich 30 Minuten, um zu duschen, kosten leicht noch mal 500 bis 600 Euro im Monat.



 Nun ist statt der Krankenversicherung die Pflegeversicherung gefragt. Dafür muß aber der MDK (medizinischer Dienst der Krankenversicherungen) zu einer Begutachtung der häuslichen Situation dagewesen sein. Man kann diesen MDK natürlich nicht etwa einfach anrufen und um einen Besuch bitten. Nein, dazu muss man sich schriftlich an die Krankenkasse wenden, über die auch die Pflegeversicherung läuft und sich ein Antragsformular schicken lassen.
Ein Formular, welches unser Beispiel-91-Jähriger sicher nicht allein ausfüllen kann. Vielleicht hat er aber einen sehr fürsorglichen Pflegedienst von der Medgabe, der ihm dabei hilft und den Antrag auch einreicht. Bis zu dem eigentlichen Begutachtungstermin vergeht ein weiterer Monat.
Welche Pflegestufe schließlich zugeteilt wird, ist ein Rätsel. Man erfährt es auch nicht etwa gleich, sondern die MDK-Prüfer verschwinden mit Pokergesicht und schicken Wochen später eine Nachricht.
Während all der Zeit sitzt man finanziell allein auf allen Kosten.
Möglicherweise ist auch das nicht so leicht, denn die täglichen Dinge des Lebens – putzen, einkaufen, kochen, Blumen gießen, Wäsche waschen – sind bisher noch nicht abgedeckt.
Auch dafür muss man jemand bezahlen. Wenn man Glück hat, geht das schwarz, indem man den Nachbarsjungen beauftragt und ihm fürs Einkaufen einen Zehner in die Hand drückt.

Wer sich gesetzestreu verhalten will, wendet sich an einen professionellen Hilfsdienst wie „Hamburg Care“. Eine vorbildliche Firma, die ich nur empfehlen kann. Dort kauft man gewissermaßen Zeit und bekommt eine geduldige Fachkraft in die Wohnung geschickt, die nicht ständig auf die Uhr sieht, weil sie in 20 Minuten beim nächsten Patienten sein muss, sondern sich zwei oder vier Stunden nur für eine Person reserviert hat, ohne daß ein bestimmtes Pensum erledigt werden muß.
Mit diesen Damen und Herren kann man klönen, sich etwas vorlesen lassen, sich im Haushalt helfen lassen oder auch spazieren gehen.
Kostet pro Stunde 32 Euro zuzüglich Wegpauschale, Investitionskosten, Ausbildungsumlage und Mehrwertsteuer.
Hinzu kommen Verbrauchmaterialien wie Desinfektionsmittel. Besonders teuer sind die vielfach notwendigen Hilfen bei Inkontinenz. Es gibt aber auch viele einmalige Anschaffungen, wie Haltegriffe, Dusch-Sitze, Rollatoren, Rollstühle, Gehhilfen, Greifhilfen, physiotherapeutische Hilfsmittel.

Irgendwann meldet sich der MDK und teilt – hoffentlich – einen Pflegegrad mit.

Nun rollt endlich der Rubel.
Bei Pflegegrad 1 gibt es eine monatliche Kostenerstattung von bis zu 125 Euro pro Monat für Betreuungs- und Entlastungsleistungen.

Die weiteren Abstufungen:
2: Pflegegeld bei häuslicher Pflege von 316 Euro pro Monat
3: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 545 Euro pro Monat
4: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 728 Euro pro Monat

Und dann gibt es noch den sehr seltenen Fall von Grad 5 („Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit. In diesem Fall sieht der Gutachter besondere Anforderungen an die pflegerische Versorgung vorliegen. Bisher entsprach dies der Pflegestufe 3 mit eingeschränkter Alltagskompetenz bzw. sogenannten Härtefällen.“)

Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 901 Euro pro Monat

Ein Hochbetagter mit Pflegegrad 5 bekommt allerdings auch ganz andere Rechnungen vom medizinischen Pflegedienst, als das von mir genannte Beispiel von 15 Minuten täglich „Zeitpflege“ plus Medgabe. Der Stundenlohn beträgt knapp 50 Euro.

Sagen wir, man bräuchte pro Tag zwei Stunden Pflege nach Zeit, sind das schon deutlich über 3000 Euro im Monat.
Und zwar ohne all die anderen Notwendigkeiten wie Einkaufen, Waschen, Putzen.

Offensichtlich passt hier etwas nicht zusammen.
Und wir sprechen immer noch von dem optimalen Fall, in dem der Senior wunschgemäß in seiner eigenen Wohnung bleibt.

Millionen landen in Pflegeheimen und dann wird es übel, wie zum Beispiel Lina Sparla, die „zierliche 24-Jährige mit dünnem, hellbraunem Haar und Sommersprossen auf dem Nasenrücken“ Pflegeschülerin aus Münster berichtet.

Unser Gesundheitsminister hört offensichtlich auch diese Kunde.
Allerdings ändert ein echter Konservativer wie Spahn nicht extra seine festgefügte Meinung, nur weil sie nicht zu den schnöden Fakten passt.

[….] Wie dramatisch die Situation ist, wurde Lina Anfang des Jahres klar. Damals war sie im Einsatz auf einer chirurgischen Station mit 33 Betten, hinzu kamen die, die als vierte Betten in die Dreibettzimmer verlegt wurden, weil Platz fehlte. […..] In ihrer Zeit auf der chirurgischen Station musste Lina Entscheidungen treffen, die sie schrecklich fand: „Es ist furchtbar, wenn man den Patienten sagen muss, dass man leider keine Zeit hat, sie zu waschen.“ Die Infusionen konnten nicht zu den vorgegebenen Zeiten angehängt werden, es gab nicht genug Zeit, das Essen anzureichen: „Man macht dann schnell, schnell, dass jeder ein bisschen was gegessen hat.“ Patienten, die eigentlich auch im Rollstuhl hätten sitzen können, wurden im Bett gelassen, weil keine Zeit da war, sie zu mobilisieren. Die Mobilisation ist aber ein wichtiger Bestandteil der Pflege: Ein Patient, der liegt, bekommt schneller eine Lungenentzündung, die Muskeln bauen sich ab und die Angst aufzustehen wächst. […..]
 Und schließlich meldet sich sogar das Bundesgesundheitsministerium.
Fast die ganze Klasse ist gekommen, ebenso die Lehrer. Sie wollen hören, was Jens Spahn zu sagen hat
 […..] Spahns erste Frage lautet: „In welchem Krankenhaus arbeitet ihr denn?“ Lina grätscht direkt rein: „Darum soll es heute gar nicht gehen.“ „Ja, aber das ist doch wichtig“, sagt Spahn, „vielleicht solltet ihr mal mit der Geschäftsleitung reden.“ Lina holt tief Luft: Natürlich haben sie mit der Geschäftsleitung gesprochen, mit der Pflegedienstleitung, mit dem Träger des Krankenhauses, mit den Praxisanleitern. […..]
Deswegen fordern Lina und ihre Mitschüler klare Regeln dafür, wie viele Praxisanleiter für die Auszubildenden da sind. „Man kann doch nicht alles regulieren“, sagt Spahn. „Ich zum Beispiel habe eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. In der Bank wird auch nicht alles vom Staat kontrolliert.“ „Ein Bankkaufmann gefährdet mit einem Fehler ja auch keine Menschenleben“, flüstert eine Pflegeschülerin ihrer Nachbarin zu. […..] Lina, Karen, Barbara und Johannes geben alles. Argumentieren, erklären, geben Beispiele. […..] „Wir würden gerne wissen, was Sie aus diesem Gespräch mitnehmen“, fragt Karen nach einer Stunde mit Blick auf die Uhr. Ihnen wurde gesagt, dass der Minister 60 Minuten Zeit für sie hat. „Zunächst mal fühle ich mich bestärkt in dem, was wir tun“, sagt Spahn und erwähnt noch einmal, dass nun bald alle Stellen refinanziert werden. Lina und ihre Mitschüler schauen sich verwundert an. Das hat er aus dem Gespräch mitgenommen? Dass alles gut läuft? Er erzählt von der „Arbeitsgruppe Ausbildung“ im Ministerium. […..]
 Lina muss das jetzt erstmal sacken lassen. Hat Spahn nicht verstanden, dass man die Praxisanleitung gesetzlich regeln sollte, oder wollte er das nicht verstehen? Will er wirklich, dass Pflegeschüler für ihr Engagement ihr Examen aufs Spiel setzen? […..]

Spahn eben.


Sich allzu sehr in die Nöte anderer Menschen hineinzudenken, ist seine Sache nicht. OK, ein paar Pfleger mehr.
Er ordnet das an und dann fallen sie vom Himmel:
Motiviert, zuverlässig,  blond, deutsch und voll zufrieden mit 3 Euro pro Stunde.

[…..] "Der Gesundheitsminister hält die Menschen in der Pflege hin. Er versucht, Beschäftigte, Menschen mit Pflegebedarf und Angehörige ruhig zu stellen, statt endlich ein schlüssiges Konzept für den Bereich zu präsentieren“,  erklärt Pia Zimmermann, Sprecherin für Pflegepolitik der Fraktion DIE LINKE,  zu den jüngsten Äußerungen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Zimmermann weiter:
„Spahns Pflegepolitik bleibt ein Flickenteppich, und die Betroffenen bleiben im Unklaren. Die Beitragssatzerhöhung zur Pflegeversicherung hat er nach oben korrigiert, ohne dass Menschen dafür einen erkennbaren Mehrwert bekommen. Er verspricht neue Pflegekräfte, dabei ist der Bundesregierung bekannt, dass schon jetzt zehntausende Stellen nicht besetzt werden können. So bleiben seine Versprechen Sonntagsreden, die die Menschen beruhigen sollen, aber den Staat kein Geld kosten. […..]



Montag, 23. Juli 2018

Heißwachs-Arschritzenenthaarungsparty


Dieser Özil, von dem sie jetzt alle sprechen, hat offenbar die deutsche Staatsbürgerschaft, anderenfalls könnte er nicht für die Fußballnationalmannschaft spielen.
Damit ist er deutlich deutscher als ich; denn von einem deutschen Pass bin ich weit entfernt.
Daher muss ich mir auch nicht vorwerfen lassen noch nie im meinem Leben die deutsche Nationalhymne mitgesungen zu haben. Ich bin ja kein Deutscher.
Und genau wie Özil respektiere ich andere Regierungschefs.
Es gibt sogar welche, die ich dezidiert lieber mag als Angela Merkel, der ich auch noch nie mit nacktem Oberkörper die Hand gegeben habe:  Justin Trudeau, Emmanuel Macron, Pedro Sánchez.
Noch eine Parallele zwischen Özil und mir: Gelegentlich spreche und/oder schreibe ich englisch, wenn ich politische Aussagen treffen möchte.
Manche deutsche Errungenschaften gefallen mir allerdings ausnehmend gut. Die habe ich voll in meinen Lifestyle integriert: Linsensuppe, die Süddeutsche Zeitung und Vollkornbrot beispielsweise.
Andere urdeutsche Bräuche der Eingeborenen werden mir aber nicht nur ewig fremd bleiben, sondern ich weigere mich ausdrücklich mich dahingehend zu integrieren.
Das mache ich nicht mit und verachte es sogar:
Deutsche Volksmusik, Krachlederne, Eisbein, Saumagen, Weihnachtsmärkte, AfD, Schuhplattlern, Kölner Karneval, Weiberfastnacht, Glühwein, Tatort, Pantoffeln, beige Funktionskleidung.

Je deutscher, patriotischer und nationalistischer die Bräuche, desto widerlicher erscheinen sie mir.

Was tun so richtig deutsche aktive Patrioten eigentlich typischerweise?
Die Apotheose des wehrhaften Deutschtums ist eindeutig Lutz Bachmann.

Siegfried Däbritz, einer seiner besten Freunde, richtete 2014 den Polterabend für Bachmanns Hochzeit mit seiner „Vicky“ aus.

[….] Däbritz, Security-Unternehmer und Pensionsbetreiber aus Meißen, präsentiert sich bei Schießübungen und spielt in der Footballmannschaft "Suburbian Foxes". Däbritz war Gast bei der Hochzeit der Bachmanns, er ist auch auf unzähligen Fotos in den Facebook-Alben des Paares zu sehen. Ein stämmiger Mann mit Kinnbart und Glatze, der gern ein T-Shirt trägt, auf dem das Wort "Gutmensch" rot durchgestrichen ist. Anlässlich der Hochzeit der Bachmanns regte er eine "Heißwachs-Arschritzen-Enthaarung für Lutz" an und kümmerte sich offenbar um kreative Ideen für den Polterabend. [….]

Noch so etwas Deutsches, das in meinem Erfahrungsschatz fehlt:
"Heißwachs-Arschritzen-Enthaarung für Lutz"

Bachmann saß auch jahrelang im Knast, ist vielfach vorgestraft und mehrfacher Justizflüchtling.
Auch da kann und will ich nicht mithalten.
Dräbitz ist immer noch in Sachsen aktiv und war der Einpeitscher der Menge, die angesichts der Seenotrettungsaktionen im Mittelmeer „ABSAUFEN! ABSAUFEN! ABSAUFEN!“ skandierte.


Ich bin wohl schrecklich undeutsch, wenn ich mich immer noch dafür einsetze ertrinkende Menschen zu retten und sich als guter Gastgeber zu zeigen.

[……]"Dass Menschen im 21. Jahrhundert völlig schamlos, bei hellem Tageslicht, auf einem der berühmtesten Plätze Dresdens rufen, dass Menschen absaufen, also sterben sollen, offenbart ein wirklich unvorstellbares Ausmaß an Werteverlust.
Werte übrigens, auf denen dieses Land fußt, die im Grundgesetz verankert sind.  [….]

Nein, ich bin so gar nicht auf der Seite des patriotisch-deutschen Heimatministers Seehofer, der alles dafür tut, Menschen in Not nicht zu retten, sogar aktiv dazu beiträgt sie außerhalb Deutschlands zu Tode kommen zu lassen.

[…..]    Ende einer dramatischen Rettung, die große Wellen schlägt: Josefa aus Kamerun, die am Dienstag von spanischen Helfern aus dem Meer gezogen worden war, kam am Sonnabend mit dem Rettungsschiff „Open Arms“ auf Mallorca an. Die 40-Jährige war nach ihrem stundenlangen Überlebenskampf im Wasser immer noch schwach und musste zu einem Krankenwagen getragen werden. […..] Während Josefa in einem Krankenhaus versorgt wurde, erhoben ihre Retter von der Hilfsorganisation „Proactiva Open Arms“ schwere Vorwürfe. Die libysche Küstenwache habe die Frau und mindestens zwei weitere Flüchtlinge im Meer zurückgelassen, weil sie sich geweigert hätten, nach Libyen zurückgebracht zu werden. Ihr Boot sei versenkt worden. Josefa überlebte, weil sie sich an ein Stück Holz klammern konnte, eine Frau und ein kleiner Junge ertranken. […..] Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die dramatische Lage im Mittelmeer, die sich durch den rigiden Kurs der italienischen Regierung zuspitzt. Rom erschwert dabei nun auch die Rettung von Flüchtlingen durch die sechs Schiffe der EU-Mission „Sophia“, an der auch die Bundeswehr beteiligt ist. […..]  Die EU-Schiffe unter italienischem Kommando sind eigentlich zum Kampf gegen die Schleuserkriminalität vor der libyschen Küste unterwegs, sie nahmen aber seit 2015 auch rund 49.000 in Seenot geratene Flüchtlinge auf und brachten sie in italienische Häfen.
Doch Italien will diese Menschen nicht mehr aufnehmen, Anfang der Woche drohte die Regierung der EU-Kommission schriftlich, italienische Häfen für „Sophia“-Schiffe zu sperren. Das Entsetzen ist groß: „Dass Italien nicht einmal Schiffe einer gemeinsamen offiziellen, auf Bitten Italiens eingerichteten und verstärkten Mission einlaufen lassen will, wenn sie Flüchtlinge an Bord haben, ist der Tiefpunkt der Menschlichkeit“, sagte der EU-Außenpolitiker Elmar Brok. [….]


Sonntag, 22. Juli 2018

Steter Knallchargen-Nachwuchs


Dieses ist eine wahrlich erstaunliche Liste:

Franz Josef Strauß, Josef Brunner, Heinz Lechmann, Friedrich Zimmermann, Anton Jaumann, Max Streibl, Gerold Tandler, Edmund Stoiber, Otto Wiesheu, Gerold Tandler, Erwin Huber, Bernd Protzner,  Thomas Goppel, Markus Söder , Christine Haderthauer, Karl-Theodor zu Guttenberg,  Alexander Dobrindt, Andreas Scheuer und Markus Blume.

70 Jahre CSU-Generalsekretäre und unter ihnen ist kein einziger anständiger Mensch. Fast alle kamen mit dem Strafgesetz in Konflikt, bereicherten sich ungeniert oder fielen mit Lügenmärchen und rassistischen Sprüchen auf.
Einer beging sogar volltrunken einen Totschlag und stieg dennoch immer weiter auf in der CSU.
Kaum zu glauben, daß Generalsekretäre der Bundestagsparteien einst brillante Vordenker und Gelehrte waren.
Die CSU scherte aber diesbezüglich immer aus und sorgte so unfreiwillig auf Bundesebene wenigstens für unterhaltsame Momente.

(….) Ein weiterer Politiker ging zu der Zeit ebenfalls verloren - CSU-Generalsekretär Protzner.

Ein echter CSU-Phänotyp: Aufgedunsen, bierselig, geistig leicht unterbelichtet und über alle Maßen korrupt. Der Kulmbacher wurde später wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig zu einer Strafe von zehn Monaten verurteilt. Das Übliche also.

Der dicke Bernd ist meiner Meinung nach zu Unrecht in Vergessenheit geraten.
Seine Spenden- und Steueraffären wurden zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt publik. Just in dem Zeitfenster, als die CDU ein paar Bauernopfer schassen mußte.
Protzner verlor seinen Bundestagswahlkreis an einen gewissen Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg und wurde vergessen.

Der inzwischen leider verstorbene Journalist Wolf Heckmann würdigte Bernd Protzner ein letztes mal, als er von der „TV-Bundestagsrunde" nach der Hessenwahl berichtete:


Müde Runde ohne Protzner.
  Bonner TV-Plauderei mit neuen Partei-Generälen und alten Ritualen.
Am Abend der Hessen-Wahl gab es bei der Besetzung der „Bonner Runde“ gewiß ein paar Erleichterungen: Natürlich muß man als Journalist heftig bedauern, daß auf Seiten der CSU der Herr Protzner nicht mehr dabei war: Was hat er nicht immer für wunderbare Bemerkungen abgelassen, die man nicht unbedingt in die rechtsradikale Kiste, sondern in die leicht debile bayerische Folklore einordnen konnte. […]“
(HH MoPo 08.02.1999) (……)
(Wie früher, 07.11.2010)

Der gegenwärtige CSU-General schien zunächst ein bißchen aus der Reihe zu tanzen. Einerseits hat er tatsächlich eine Karriere als Tänzer, genauer gesagt als Eistänzer hinter sich, daher verfügt er auch nicht über die typische pyknisch-feiste Alkoholiker-Physiognomie wie Strauß, Tandler, Wiesheu oder Protzner; er ist noch nicht mal im Gesicht so abstoßend häßlich wie Dobrindt oder Söder.
Auch war er in der Vergangenheit nicht als dreister lauter Polit-Prolet bekannt, äußerte sich eher in gemäßigtem Tonfall und schien ohnehin nicht dem obsessiven Drang zu frönen aufzufallen.

Aber nach einigen Monaten im Amt wissen wir von dem 43-Jährigen Münchner nun schon mehr.
Vor dem 18.03.2018 wußte ich auch nur, daß er einer der usual suspects aus der bayerischen Landtagsfraktion war, der gern ultra-konservative Papiere unterschrieb.


(…..) Da die CSU also gerade wieder einmal nichts Sinnvolles zu tun hat, besinnt sie dich auf das einzige, das ihr in den letzten Jahren wirklich gelungen ist: Als xenophobe Rechtsaußen Ressentiments gegen alle Ausländer zu schüren und damit die AfD stark zu machen.
Gerade gibt es einen neuen Vorstoß als Wahlhelfer der Nazis.
CSU und Sachsen-CDU leckten devot den von Frauke Petry hingekotzten Begriff des „Völkischen“ auf.

[….] CSU und Sachsen-CDU preisen "Heimat und Patriotismus" als "Kraftquelle"   Vertreter von Sachsen-CDU und CSU stellen einen "Aufruf zu einer Leit- und Rahmenkultur" vor.
[….]  Drei Seiten ist das Papier lang. Nach dem Wunsch der Autoren soll es der Auftakt für eine neue Leitkultur-Debatte in Deutschland sein. Verfasst haben es Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU), der Generalsekretär der Sachsen-CDU, Michael Kretschmer, Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU), der Chef der CSU-Grundsatzkommission, Markus Blume, sowie der Vizepräsident des Bayerischen Landtags, Reinhold Bocklet (CSU). [….] Die Autoren preisen "Heimat und Patriotismus" als "Kraftquelle" der Gesellschaft. [….] Eigentlich hat die Sachsen-CDU derzeit drängendere Probleme als eine neue Leitkultur-Debatte - die sächsische Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla steht gerade wegen ihres Umvolkungs-Tweets in der Kritik. Und Kudlas Kollegin Veronika Bellmann hat mit der Bemerkung, die CDU dürfe Koalitionen mit der AfD nicht ausschließen, für erheblichen Unmut gesorgt. [….]



Die CSU versteht sich nach wie vor als die christliche Partei, die durch ihre kirchliche Orientierung in einem diametral entgegengesetzten Verhältnis zu den gottlosen Linken steht. (…..)

Der ansehnliche Herr Blume leistete ganze Arbeit in den letzten vier Monaten.
Man muss sein politisches Weltbild also nicht umschreiben. Blume ist genau so eine Knallcharge wie alle seine Vorgänger in dem Amt.

Mit dem radikal-xenophoben Krawallkurs schrumpfte er seine CSU auf 38% und bewerkstelligte es die gesamte bayerische Opposition so zu motivieren, daß sie heute in Myriadenstärke gegen die CSU in seiner Heimatstadt auf die Straße ging.


[….] Doch um 16.45 Uhr verkünden die Veranstalter, dass 50 000 Demonstranten da seien. Die Polizei spricht von 25 000 Teilnehmern. Unter dem Motto "Ausgehetzt: Gemeinsam gegen eine Politik der Angst" richtet sich der Protest vor allem gegen die CSU-Spitzenpolitiker Horst Seehofer, Markus Söder und Alexander Dobrindt.
Zur Demonstration aufgerufen hatte ein ungewöhnlich breites Bündnis aus rund 130 Organisationen. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) spricht von einem "Déja vu", er denke an das Konzert auf dem Königsplatz für Geflüchtete vor ein paar Jahren. "Damals waren auch viele da, aber nicht so viele." Es gehe an diesem Tag "um etwas Wichtiges", sagt Reiter, der soziale Frieden sei "hochgradig gefährdet". Doch von München gehe die Botschaft aus: "Wir lassen uns nicht spalten."
Äußerungen wie die vom "Asyltourismus" hätten "Gift ins Land gebracht", sagt ein Redner; Begriffe wie "Anti-Abschiebe-Industrie" förderten Verschwörungstheorien. "Jeder, der sich mit Ausgrenzungen und Pogromen beschäftigt, wird feststellen, dass es immer und überall mit der Verrohung der Sprache beginnt." [….]

Aufstand gegen die CSU? Nach Deutschlands Top-Bischöfen Marx und Bedford-Strom nun auch noch das niedere Volk?
Majestätsbeleidigung; so empörte sich offenbar Blume und ließ in einer Nacht- und Nebel-Aktion ganz München zuplakatieren.

[…..] "Dumm und dreist. So kennen wir die CSU"
Mit einer Plakatkampagne versucht die CSU quasi über Nacht, die Verhältnisse umzudrehen und sich als Opfer von Hetze darzustellen. Unter den #ausgehetzt-Demonstranten sorgt der Versuch für Spott.
"Wir sollten lachend daran vorbeiziehen", sagt Thomas Lechner, einer der Organisatoren der #ausgehetzt-Demo, mit Blick auf die Plakate, welche die CSU über Nacht entlang der Demonstrationsroute geklebt hat. Auf blauem Hintergrund steht "Ja zum politischen Anstand! Nein zu ausgehetzt." Das Logo der Demonstration ist mit roter Farbe durchgestrichen. Nicht alle Demonstranten halten sich an Lechners Empfehlung.
Einige stellen sich davor, um ein Foto zu schießen, andere sagen: "Dumm und dreist. So kennen wir die CSU." Einzelne Plakate sind auch schon kreativ verändert worden. Irgendwer hat den CSU-Schriftzug in der unteren Plakatecke abgerissen und über das Wort "ausgehetzt" geklebt. Nun lautet der Text: "Nein zu CSU." [….]

Blume kann es nicht fassen und verfällt sofort in den vollen Hetzmodus – als wolle er unterbewußt a posteriori die Notwendigkeit der Demo gegen die CSU bestätigen.

[….]  Wütende Bürger protestierten in München gegen einen Rechtsruck in der Gesellschaft und gegen die CSU. Der Generalsekretär der Partei weist diese Kritik zurück - und spricht seinerseits von "Hetze".
[….] "Wer 'CSU-Rassistenpack' skandiert, wer der CSU unterstellt, Konzentrationslager vorzubereiten oder wer die CSU für schuldig erklärt am Tod von Migranten im Mittelmeer, der hat jeglichen Anstand verloren und betreibt übelste Hetze", sagte Blume dem SPIEGEL. "Dass nebenbei auch noch bei der Demo erklärt wird 'Ganz München hasst die Polizei', spricht Bände über den Kreis der Unterstützer auch aus dem linksradikalen Umfeld."
Blume forderte die im Landtag vertretenen Parteien SPD und Grüne dazu auf, "sich von diesen unglaublichen Entgleisungen zu distanzieren". "Es gibt im demokratischen Diskurs auch Grenzen", sagte der CSU-Politiker. "Mit dieser Hetze werden die Bürger zu den Extremen getrieben, das Land gespalten und der demokratische Diskurs vergiftet."
Am Sonntag hatten Flüchtlingshilfeorganisationen, Gewerkschaften, Verbände, Parteigruppierungen, darunter auch Grüne und SPD, Kulturschaffende, kirchliche Einrichtungen und viele weitere die #ausgehetzt-Demo in München unterstützt. Trotz Regens waren dem Aufruf laut Polizei mindestens 20.000 Menschen gefolgt. [….]

Selbstbewußtes Mir-san-mir ist offenbar vorbei in der CSU.
Angesichts des zu erwartenden Rekordverlustes bei der Bayerischen Landtagswahl 2018 beginnt bei den Christsozialen das große Fürchten. Und Angstbeißen.

 [….] Die Volkspartei hat den Bezug zu einem Teil des Volks verloren.
 [….] Die CSU hat sich jedenfalls zu einer einigermaßen närrischen Aktion verleiten lassen.
Es war wohl das erste Mal in ihrer Parteigeschichte, dass die CSU eine in München angekündigte Demonstration so ernst nahm, dass sie am Samstag warnende Zeitungsanzeigen dagegen veröffentlichte; sie hat dann auch noch die Innenstadt mit Warnplakaten pflastern und auf Kleintransportern Warntafeln herumfahren lassen. Dabei waren es nicht etwa die Pforten der Hölle, die sich zur Münchner Kundgebung angemeldet hatten, sondern etwa 150 Initiativen aus allen Bereichen der Zivilgesellschaft, darunter viele kirchliche Gruppen, sehr viele Schüler, Studenten, Gewerkschafter, Künstler, bekannte Musiker, beliebte Bands.
Früher hätte die CSU souveräner reagiert. In ihren starken Zeiten hätte sie eine solche Kundgebung "gegen die Politik der Angst" und gegen "Hass und Ausgrenzung in der Politik" offiziell gar nicht zur Kenntnis genommen; inoffiziell hätte sie erklärt: "Das tun wir nicht einmal ignorieren." Aber diese Zeiten sind vorbei. Die CSU hat Angst, in diesem Fall vor Demonstranten, die ihr vorwerfen, dass sie mit Angst Politik macht und sich ihre Agenda von Rechtsaußenpopulisten vorgeben lässt. Und so hatte die Münchner Demonstration ihren größten Erfolg schon am Samstag, als die CSU vorführte, wie sehr sie der geballte Protest beunruhigt - zumal die Veranstalter ihn auf ihren Plakaten auch personalisiert hatten: gegen Seehofer, Söder und Dobrindt.
Offenbar steckt der CSU der Schock vom 10. Mai noch sehr in den Knochen: Da wurde aus einer Münchner Kundgebung gegen die Verschärfung des Polizeirechts, die von der CSU in brachialer Manier durchgezogen worden war, die größte bayerische Demonstration der vergangenen Jahrzehnte; das neue Polizeirecht wirkte da offenbar wie der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte. Die CSU, die mit so heftigem Protest gegen ihre Politik nicht gerechnet hatte, fiel damals aus allen Wolken ihrer Ahnungslosigkeit. [….]

Ja, doch. Ich bin etwas erstaunt.
Bisher war es das Alleinstellungsmerkmal meiner Sozis in jede Hose zu scheißen, die man ihr hinhielt.
Die depperte Selbstgewissheit der CSUler hingegen schien immer unerschütterlich zu sein.
Nun aber winden sie sich, schlagen Haken oder aber verlegen sich aufs Angstbeißen.

Gesetzestreue war noch nie die Sache der CSU. Man billigte es ihr ob ihrer unbezweifelbaren Machtfülle aber auch zu.
Die bayerische Staatspartei stand doch irgendwie immer über dem Gesetz, konnte sich im Bundeskabinett darauf beschränken grundgesetzwidrige Politik zu planen.
Aber eine 30%+X Partei wirkt verzweifelt. Und verwundbar. Protest? Demokratische Meinungsäußerungen? CSU goes Orbán/Trump/ Erdoğan und versucht Widerspruch zu verbieten.

[……] Die Orbáns von München
 [….] Etwas ganz anderes ist es, wenn Menschen in demokratischen Institutionen sich aufgerufen fühlen, sich für den Erhalt der Regierungsform starkzumachen, der sie die Freiheit verdanken, zu tun und zu denken, was sie wollen - und es ist in gewisser Weise typisch für die schleichende Institutionenverachtung, die Seehofer und seine Mitstreiter in ihrem Projekt illiberaler Demokratie nach dem Vorbild Orbáns vorantreiben, dass sie diese Art der demokratischen Praxis wiederum verbieten wollen.
Der Anlass ist eine Demonstration, die an diesem Sonntag in München stattfindet: Ein breites gesellschaftliches Bündnis hat unter dem Motto "#ausgehetzt - Gemeinsam gegen die Politik der Angst" zum Protest gegen den Rechtsruck in Sprache und Praxis von Politik, Medien, Gesellschaft aufgerufen, unter anderem auch die Theaterleiter Matthias Lilienthal von den Münchner Kammerspielen und Christian Stückl vom Münchner Volkstheater.
Man muss nun den Aufruf nicht mögen und auch nicht die Demonstration, speziell wenn man wie die CSU selbst für die Politik verantwortlich ist, gegen die sich der Protest richtet, indem gegen Geflüchtete gehetzt wird mit Begriffen wie "Asyltourismus", indem ein generelles Bedrohungsszenario kultiviert wird, indem sogar das Helfen in Seenot kriminalisiert wird und damit eine Grenze der Humanität überschritten wird - aber als demokratische Kraft sollte man diesen Protest als entscheidenden Teil einer lebendigen Demokratie sehen.
Und wenn die CSU nun gegen die genannten Theaterleiter vorgeht, mit persönlichen Beschimpfungen und dienstrechtlichen oder vertraglichen Drohungen, weil sie gegen die "parteipolitische Neutralität" verstoßen würden, dann zeigt sich: Sie kann oder will nicht zwischen einer zivilgesellschaftlichen Massenkundgebung und Parteipolitik unterscheiden, sie nutzt Dienstwege, um Menschen einzuschüchtern, sie stellt sich auf die Seite der Hetzer, sie respektiert nicht die Kunst- und Meinungsfreiheit in diesem Land. […..]