Donnerstag, 16. Februar 2023

CSU, die Konstante im Wandel der Zeit.

Vieles ist jetzt so merkwürdig, daß in den 1980ern sozialisierte Menschen wie ich, noch heftig schlucken müssen:

Frauen als CDU-Parteichefin, offen schwule CDU-Minister, Parteien, die mit 18%-Wahlergebnis den Regierungschef stellen, ein Grüner Ministerpräsident im tiefschwarzen Baden Württemberg, Grüne bilden lieber Koalitionen mit der CDU, als mit der SPD. Grüne, die am lautesten nach Waffenexporten schreien und AKW-Laufzeiten verlängern. Linke vertreten völkische queerfeindliche Positionen, die prominenteste Linke ist Darling der AfD und Nazi-Blogs, die EMMA hetzt gegen (Trans-)Frauen. Der erzkonservative schwarze Scheriff und ehemalige bayerische Ministerpräsident Beckstein pflegt eine tiefe Freundschaft zu Claudia Roth, ein FDP-Finanzminister bläht den Schuldenstand mit gewaltigen Schattenhaushalten auf, der CSU-Ministerpräsident umarmt Bäume, die kalten Krieger und Falken der US-Republikaner sind Moskau-Fans. Die Demokraten, Partei der Jugend, treten mit einem Ü80-Kandidaten an, der SPIEGEL wirbt für die CDU, schreibt die SPD runter. Die deutschen Autobauer sind technisch international abgehängt, ein Muslim regiert London, ein Hindu regiert Großbritannien, auf dem Thron sitzt ein Mann und die DDR-Ossis sehnen sich wieder nach russische Kontrolle.

 Wer soll sich da noch auskennen?

Da freut man sich über jede alte Gewissheit, wie kinderfi**ende Katholiken, den ewigen letzten Platz der Deutschen beim ESC oder eben die mauschelnde Amigo-CSU, die sich wie eh und je über rechtsstaatliche Regeln hinwegsetzt und ihre Herrschaft in Bayern dazu nutzt, ihren Funktionären die Taschen zu füllen.

Ein immer noch agiles Prachtexemplar dieser debil-raffgierigen Provinzpartei ist Peter Gauweiler, der berüchtigte ehemalige Schwulenjäger von München. Heute, mit 73 Jahren, unterzeichnet der langjährige Vize-CSU-Vorsitzende, Staatsminister und Bundestagsabgeordnete das Putin-freundliche „Manifest“ der Linken Sahra Sarrazin, bleibt aber immer einer der Top-Handaufhalter der deutschen Politik.

[….] Im März 2014 wurde bekannt, dass Gauweiler neben seinem Einkommen für seine Tätigkeit als Abgeordneter pro Jahr mehr als 500.000 Euro für Nebentätigkeiten erhält. Er stand damit mit Abstand an der Spitze der deutschen Abgeordneten. Im Juli 2014 wurde die geschätzte Höhe der Nebeneinkünfte auf mindestens 967.500 Euro beziffert. […]

(Wikipedia)

Allein von dem rechtsradikalen Milliardär Finck kassierte der klagefreundliche Münchner für seine Lobby-Dienste im Bundestag 12 Millionen Euro.  

[….] Der Rechtsanwalt und CSU-Politiker Peter Gauweiler hat während seiner Zeit im Bundestag als Anwalt Beraterhonorare in Höhe von mehr als elf Millionen Euro beim Milliardär August von Finck abgerechnet. Gauweiler schickte von 2008 bis 2015 regelmäßig Rechnungen über ein "vereinbartes Pauschalhonorar" an Finck.  [….]

(Süddeutsche Zeitung, 25.03.2021)

Seine politischen Dienste ließ sich Gauweiler also in Andrea-Tandler-Dimensionen (48 Millionen Euro) vergolden.

Das Schöne ist; anders als CSU-Rentner Beckstein (79), der seine Freundschaft mit einer Grünen pflegt und selbstironisch bei „Reschke Fernsehen“ auftritt, bleibt sich Gauweiler treu.

Er kämpft für korrupte fiese rechte Oligarchen, so wie es sich für die Ur-CSU gehört. Franz Josef Strauß knüpfte engste Verbindungen zu den burischen Rassisten in Südafrika und den faschistischen Terror-Regimen Südamerikas.

Nur natürlich, daß auch Wladimir Putin stets von den CSU-Größen umschmeichelt wurde.


Das Rektum, in welches Gauweiler zur Zeit intensiv strebt, gehört dem sympathischen Tegernseer Alischer Burchanowitsch Usmanow, geboren am 9. September 1953 in Chust, Usbekische SSR, Sowjetunion. Was den Putin-Freund für Gauweiler so interessant macht, ist sein Vermögen, dessen Höhe niemand genau kennt, das mutmaßlich zwischen 15 und 25 Milliarden Dollar beträgt.

Ein Mann nach dem Geschmack eines Christsozialen.

Blöd nur, daß der nette Herr von Tegernsee als einer der engsten Putin-Finanziers schon wenige Tage nach Beginn des Ukrainekrieges mit der …

DURCHFÜHRUNGSVERORDNUNG (EU) 2022/336 DES RATES vom 28. Februar 2022

zur Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 269/2014 über restriktive Maßnahmen angesichts von Handlungen, die die territoriale Unversehrtheit, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben oder bedrohen.

… mit schweren Sanktionen belegt wurde. Gauweiler is not amused.

[….] Gauweiler kämpft für den Oligarchen vom Tegernsee. Der Ex-CSU-Politiker will als Anwalt erreichen, dass deutsche Behörden vom Milliardär Usmanow ablassen. Der steht als Putin-Vertrauter auf den EU-Sanktionslisten. [….] Die Münchner Anwaltskanzlei Gauweiler & Sauter hat im vergangenen Jahr einen etwas ungewöhnlichen Klienten bekommen. Einen Mandanten, der mitten hinein in die Weltpolitik führt. Und dessen Auftrag an frühere Zeiten erinnert, als die CSU noch gute Beziehungen zum russischen Machthaber Wladimir Putin pflegte.

Bei dem Mandanten handelt es sich um die deutsche Botschaft der Republik Usbekistan. Die Botschaft hat einen Spezialauftrag erteilt. Die Kanzlei Gauweiler & Sauter möge die Botschaft bei der Aufgabe, die Interessen des usbekischen Staatsbürgers Alischer Usmanow in der Bundesrepublik zu schützen, anwaltlich beraten und unterstützen. [….] [….] Usmanows Vermögen in Deutschland ist eingefroren. Dazu zählen auch drei Villen am Tegernsee, die dem Usbeken zugerechnet werden. Gesamtpreis für alle Anwesen zusammen: mehr als 23 Millionen Euro. Außerdem ermitteln die Staatsanwaltschaft München II und die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wegen mutmaßlicher Delikte gegen Usmanow. Unter anderem wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Der Milliardär soll sich jahrelang so oft in Deutschland aufgehalten haben, dass er hier steuerpflichtig gewesen sei und dem Fiskus mehr als eine halbe Milliarde Euro schulde. [….]  Gauweilers Brief zufolge ergibt sich aus den Dokumenten, dass Usmanow in Großbritannien Immobilien für mehr als 200 Millionen Dollar, in Italien für 130 Millionen Dollar und in Frankreich für rund 50 Millionen Dollar zuzurechnen seien. Im Vergleich dazu würden die deutschen Immobilien, unabhängig von ihrer Zuordnung, geradezu untergeordnet erscheinen. Mit der These einer deutschen Steuerpflicht Usmanows sei das nicht vereinbar. [….]

(SZ, 16.02.2023)

Bei Gauweiler und der CSU weiß man noch, woran man ist. Sie setzen sich für die richtigen Menschen ein und nicht für blöde Deutsche ohne Geld, das dumme Klima oder gar Flüchtlinge.


 

Mittwoch, 15. Februar 2023

Putins Freunde.

Nach einem Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, weiß ich, wie wenig ich weiß. Opferzahlen sind schwer zu verifizieren. Vermutlich sind hunderttausende Menschen tot und Sachschaden in Billionen-Höhe angerichtet.

Am 24.02.2022 dachte ich mit Blick auf die Größe der beiden Nationen, Putins moderne Waffen und die jüngste Erfahrungen mit Auslandseinsätzen beispielsweise in Syrien; das werde sicher ein kurzer Krieg. Putin könne die Ukraine handstreichartig übernehmen. Weil er es a) militärisch kann! Und der Westen b) nichts dagegen unternehmen werde, weil man in Brüssel c) darauf setzen werde, möglichst wenige zivile Opfer zu haben.  Schließlich, d) gehörten Russland und die Ukraine früher auch schon in einen Staat. Wieso sollte es die NATO ernsthaft interessieren, wenn es erneut so käme?

Ein paar Wochen oder Monate später, wußte ich, mich gründlich geirrt zu haben. Das war wenig verwunderlich, denn ich weiß kaum etwas über Militärkunde.

Wesentlich verblüffender als meine Prognose-Pleite, erscheint aber Putins Irrtum. Offenbar hatte er ähnlich gedacht; hielt es für machbar, sich die Ukraine schnell einzuverleiben. Es muss doch in der russischen Armee Experten geben, um militärische Stärke einschätzen zu können und den Kriegsverlauf besser prognostizieren zu können.

Innerhalb des letzten Jahres lernt ich Prof. Carlo-Antonio Masala von der Bundeswehr Universität München und viele seiner Kollegen kennen. Die Damen und Herren prognostizieren aus berufenerem Munde. Mal wissen sie von einem baldigen Sieg der Ukraine über die Invasionstruppen zu berichten, mal verweisen sie auf die nach wie vor gewaltige Überlegenheit Putins.

Prognosen sind schwierig; insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen. Daher werde ich mich nicht mehr daran beteiligen, das Geschehen auf dem Schlachtfeld zu extrapolieren.

Besser beurteilen kann ich die Stimmung in Deutschland. Da lässt sich einerseits einen zunehmende Ablehnung der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen erkennen. MONITOR berichtet von fliehenden Tschetschenen, die sich nicht von „Putins Folterknecht Kadyrow“ im Kampf gegen die Ukrainer verheizen lassen wollen. Ihnen sollte nicht nur aus grundsätzlichen humanitären Erwägungen sofort Asyl in der EU und Deutschland gewährt werden, sondern es liegt in unserem ausdrücklichen geopolitischen und militärischen Interesse, Putin den Truppennachschub abzuschneiden. Das geschieht aber nicht, weil die Ampel sich vor dem erfolgreichen xenophoben Merz-Wegner-Kurs fürchtet. CDU und CSU reden wieder von „Obergrenze“ und verfolgen einen menschenfeindlichen Kurs. Sie tun das, weil es damit viel zu gewinnen gibt. Deutschland ist gespalten.

In meiner social-media-Blase herrscht ein nahezu einheitliches Bild aus Putin-Hassern, die sich für Waffenlieferungen an die Ukraine aussprechen und extrem hart mit Appeasement-Vertretern der russlandfreundlichen Leerdenker-Szene aus Wagenknecht, Käßmann, Schwarzer und Kretschmer ins Gericht gehen.

Das ist aber offensichtlich kein repräsentatives Bild. In allen Umfragen lehnen etwa genauso viele Bürger Waffenexporte ab, wie es Befürworter gibt.

Der Wagenknecht-Putin-Schwarzer-Aufruf, „Manifest für den Frieden“ fand bis heute 461.000 Unterzeichner, die sich an die Seite der 69 Erstunterzeichner-Aluhüte stellen.

Fast eine halbe Million gemeinsam mit Tino Chrupalla, Franz Alt, Eugen Drewermann Peter Gauweiler, Wolfgang Grupp, Gottfried Helnwein, Margot Käßmann, Oskar Lafontaine, Martin Sonneborn, Jürgen Todenhöfer.

[….] Lässt sich die Eskalationsspirale so durchbrechen? Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, Autorin Alice Schwarzer und Russlands Präsident Wladimir Putin haben heute in einem gemeinsamen Aufruf das Ende der deutschen Waffenlieferungen in die Ukraine gefordert. Dazu stellten die drei eine Petition mit dem Titel "Manifest für den Frieden" vor. "Präsident Selenskyj macht aus seinem Ziel kein Geheimnis", heißt es in der Petition. "Nach den zugesagten Panzern fordert er jetzt auch Kampfjets, Langstreckenraketen und Kriegsschiffe – um Russland auf ganzer Linie zu besiegen?" Zudem, heißt es in der Petition weiter, sei "zu befürchten, dass Putin spätestens bei einem Angriff auf die Krim zu einem maximalen Gegenschlag ausholt. Geraten wir dann unaufhaltsam auf eine Rutschbahn Richtung Weltkrieg und Atomkrieg?"  [….]

(Postillon, 10.01.2023)

Satire und Realität lassen sich, wieder einmal, schwer unterscheiden.

Deutschland schickt Panzer, Munition und Panzerhaubitzen; bildet Ukrainische Soldaten aus.

Und Deutschland liefert elektronische Bauteile an die russische Armee, um die deutschen Panzer wieder wegzubomben. Das geht trotz Embargo ganz leicht.

[….]  Seit Kriegsbeginn kommen sogar mehr kriegswichtige Chips nach Russland als zuvor. Auch aus Deutschland wurde solche Ware über Drittländer wie die Türkei nach Russland verkauft. [….]

(Monitor, 09.02.2023)

Während sich die vier Nato-Staaten Estland, Lettland, Polen und Litauen intensiv bemühen, der Ukraine militärisch zu helfen, halten drei andere Nato-Länder unverhohlen zu Russland: Türkei, Ungarn und Italien.

Die Türkei trägt keine Wirtschaftssanktionen mit, intensiviert ihren Handel mit Russland – siehe kriegswichtige Chips.

Orbán blockiert härtere Russland-Sanktionen in der EU.

 Hinzu kommt nun noch eine putinfreundliche Neofaschisten-Koalition in Rom.

[….] Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat mal wieder mit Äußerungen zum russischen Angriffskrieg für Empörung gesorgt und die Regierung seiner Koalitionspartnerin Giorgia Meloni in Verlegenheit gebracht.  Der 86-Jährige sagte am Sonntagabend vor Journalisten in Mailand, dass er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in der Verantwortung sieht, für eine Feuerpause und damit den Frieden in dem Land zu sorgen. Überhaupt gab Berlusconi Selenskyj - ganz nach Kreml-Lesart - eine Schuld an der Eskalation, weil er Gebiete im Osten der Ukraine angegriffen habe. Und ginge es nach ihm, würden kein Geld und keine Waffen mehr nach Kiew geliefert.  […]

(dpa, 13.02.2023)

Dienstag, 14. Februar 2023

Im Verkehr

Es gibt diese rabiaten 18-Jährigen Raser, die das erste mal am Steuer sitzend, den fahrenden Untersatz als Penis-Prothese auffassen, das Gaspedal voll durchtreten und sich dann um einen Baum wickeln.

Meine Mutter fuhr mal einige Jahre einen alten 924er „Hausfrauenporsche“, tuckerte zum Blumenladen, als ein Junge, an seinem 18. Geburtstag, im neuen Golf GTI vom Hof des VW-Händlers auf die Straße und ihr direkt in die Beifahrertür krachte. Der Depp fuhr also mit seinem frischen Führerschein exakt zehn Sekunden unfallfrei und dann konnte Papas Versicherung gleich eine neue Porsche-Tür und eine Lackierung bezahlen.

So war ich sicher nicht. Ich hatte in der Fahrschule Respekt vor den ersten praktischen Stunden. Theorie war ein Witz. Gleich als erstes machte ich die Prüfung. Als Letzter rein, als Erster raus, Null Fehler. Dann musste ich noch ewig die Theoriestunden absitzen. Die praktische Prüfung überstand ich nervös, aber auch fehlerlos. So schwer ist es nun nicht. Bremsen, schalten, Gas geben. Beim Abbiegen blinken, in den Außenspiegel gucken, Schulterblick (wegen des toten Winkels). Ach ja, auch Einparken ist mit einem simplen Trick auch für Anfänger ganz einfach: Statt sich an den Spiegeln zu orientieren, in denen man – die Gesetze der Optik schreiben es vor – alles spiegelverkehrt sieht, drehe man sich im Fahrersitz um und gucke direkt hinten raus, so daß man beim Rücksetzen in Fahrtrichtung guckt. Dann kann nichts passieren.

Ziemlich schnell bekam ich, noch mit 18 Jahren, durch die Hilfe der Familie, ein eigenes Auto. Einen FIAT Panda, „die tolle Kiste“, Frontantrieb, 34 PS, Leergewicht 500 kg, Hubraum 0,7 Liter. Neupreis  DM 8.999,-

Es gab selbstverständlich nicht den geringsten Luxus. Noch nicht mal ein Radio, geschweige denn Airbags, Antiblockier-System. Ich hatte einen Außenspiegel, einen Scheibenwischer und das geilste Auto der Welt.

All das fiel mir gerade wieder ein, als ich mit dem 21-Jährigen Sohn eines Schulfreundes sprach, der Geld für ein Auto gespart hatte und all meine Vorschläge empört abschmetterte. Das wäre alles viel zu unbequem, er wolle ja auch mal auf die Autobahn und da nicht hinter den Lastern feststecken. Ohne modernes Soundsystem ginge es auch nicht und so wurde es dann ein 12 Jahres altes Mercedes-Coupé mit 270 PS und einem Benzinverbrauch von 20 Litern auf 100 km. Was man eben so braucht als stubenhockerischer Großstadtjunge, der Single ist und alle Geschäfte fußläufig erreichen kann.

Aber noch einmal zurück in die 1980er mit meinem Panda. Die ersten zwei Wochen war ich tatsächlich ein bißchen ängstlich, wenn ich allein fuhr. Es war keine konkrete Angst, sondern eher ein vage-mulmiges Gefühl, es könnte „irgendwas“ passieren und dann säße ich allein damit da.

Das verflog sehr schnell und in den nächsten paar Jahren fuhr ich ausgesprochen gern Auto, drängte in Gruppen, mit mehreren Autobesitzern darauf, doch lieber mein sparsames Auto zu nehmen. Obwohl ich einfach nur furchtbar gern selbst am Steuer saß. Wie bei den meisten Autofahrern, wurde auch bei mir, das Fahren an sich, reine Routine. Ich tat es einfach, ohne darüber nachzudenken, ob ich nun gern oder ungern fahre. Ein Auto ist kein Fetisch für mich, sondern ein Mittel zum Zweck. Es soll mich von A nach B bringen. Ich habe noch nie im Leben mein Auto mit der Hand gewaschen oder es gar poliert. Ich weiß nicht, wie man Ölwechsel macht und von den technischen Spezifikationen meines jetzigen Autos, welches ich seit 20 Jahren fahre, kann ich gerade einmal die PS-Zahl nennen und weiß, daß ich „Super bleifrei“ tanken muss. Alles andere interessiert mich nicht. Hauptsache, es ist schwarz. Auch wenn an mehr und mehr Schrammen und Beulen darunterliegende Farben sichtbar werden.

Etwa 30 Jahre ging das so mit meinem Nicht-Verhältnis zum Auto und dem Autofahren.  Irgendwann, nachdem ich über Dekaden keinen Schaden und keine Schramme verursacht hatte, ditschte ich beim Einparken in meiner Tiefgarage an. Sogar mehrfach. Ich war erst schockiert. Wieso kann ich plötzlich nicht mehr einparken? Aber dann erinnerte ich mich an die Fahrschule und das rückwärts gucken. Inzwischen hatte ich nämlich „Rücken“ und gelegentlich einen steifen Hals, so daß ich mich unbewußt eben gar nicht mehr auf dem Fahrersitz rührte und quasi blind nach hinten setzte. Das erscheint zunächst einmal suboptimal. Aber daraus entwickelte sich auch ein Vorteil: Denn wenn das Auto erst einmal eine gewisse kritische Kratzer-Masse überschreitet, sind einem weitere Dellen vollkommen egal. Wenn jetzt ein semimilitanter Autohasser mit seinem Schlüsselbund über das Auto schabt, zucke ich nur kurz mit den Schultern. Außerdem sinkt mit dem Look auch die Einbruchs- und Klau-Gefahr. Wenig wahrscheinlich, daß ein professioneller Autodieb ausgerechnet mein Gefährt knackt, um es nach Osteuropa zu verkaufen.

Es hat sich aber noch etwas verändert. Das Abbiegen. Das funktioniert nun nicht mehr „blinken, Spiegel, Schulterblick“, sondern „blinken, langsamer werden,  Spiegel, stehen bleiben, Schulterblick, noch einmal Außen- und Rückspiegel kontrollieren, vollständig im Sitz umdrehen und intensiv glotzen.“

Der Grund sind liegt an der explosionsartigen Zunahme der zweirädrigen Verkehrsteilnehmer. Hamburg wächst. Das ist Fluch und Segen. Letzteres liegt auf der Hand: Stärkere Wirtschaft, mehr Steuereinnahmen, attraktivere Stadt, höhere Löhne, breiteres Angebot, mehr Kultur.

Der Fluch ergibt sich aus dem Quotienten von gleichbleibender Fläche und immer mehr Bewohnern. Es wird mehr gebaut, weil mehr Menschen, mehr Wohnungen brauchen. Dabei steigt der Platzbedarf nicht linear mit der Zunahme der Hamburger Bevölkerung, sondern viel stärker, weil die Bewohner reicher werden, Single-Haushalte gründen und immer mehr Quadratmeter beanspruchen.

[…..] Ende des Jahres 2021 hat es in Hamburg 1.042.467 Haushalte mit jeweils durchschnittlich 1,8 Personen gegeben. Mehr als jeder zweite (54,4 Prozent) war ein Einpersonenhaushalt. Die Anzahl der Haushalte mit Kindern in der Hansestadt belief sich Ende 2021 auf nur 18,1 Prozent, vor rund 30 Jahren waren es noch 25 Prozent. [….]

(Statistikamt Nord)

Während man zur Zeit meiner Geburt mit knapp 20 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf auskam, beanspruchen die Hamburger heute, pro Kopf gut 40 Quadratmeter Wohnfläche.

[….] Die Menschen in Deutschland wohnen im Schnitt auf immer mehr Raum. Gerade auf dem Land ist die Fläche pro Kopf seit 2015 deutlich gewachsen, [….] Die Wohnfläche pro Kopf habe zwischen 2015 und 2020 am stärksten in ländlichen Regionen mit 3,7 Prozent zugelegt, heißt in der Analyse. Am geringsten war der Zuwachs mit 1,5 Prozent in Großstädten. [….] Auf dem Land war demnach die Wohnfläche pro Kopf mit 51,4 Quadratmetern 2020 am höchsten. In Städten lag sie mit 40,9 Quadratmetern deutlich darunter, dazwischen kamen kleinere Städte und Vororte (47). Zahlen für das Jahr 2021 lagen noch nicht vor. [….] Das Wohnen auf immer mehr Platz ist ein langjähriger Trend in Deutschland. [….] Der große Flächenverbrauch pro Kopf wirkt sich auch ungünstig auf Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen aus. Trotz aller Anstrengungen stagnierten die direkten CO2-Emissionen des Gebäudebestands seit 2014 bei rund 120 Millionen Tonnen im Jahr, hieß es in einer Studie der DZ Bank im vergangenen Sommer.  Noch 1995 habe die durchschnittliche Wohnfläche bei 36 Quadratmetern je Einwohner gelegen, die Menschen hatten also gut 20 Prozent weniger Raum als 2020. [….]

(dpa, 09.02.2022)

Hamburgs Gesamtfläche wuchs im letzten halben Jahrhundert um keinen einzigen Quadratmeter. Aber die Bevölkerung nahm zu und jeder einzelne möchte nun doppelt so viel Wohnraum.

Außerdem gibt es viel mehr Lastenfahrräder, E-Scooter, viel mehr Lieferfahrzeuge durch all die Onlinebestellungen, jedes Jahr mehr Fahrräder….

[….] Freie Fahrradstadt Hamburg: Im vergangenen Jahr hat die zentral gelegene Fahrrad-Messstelle an der Alster einen neuen Rekord verzeichnet, wie aus der Antwort auf eine schriftliche Kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Rosa Domm hervorgeht. Demnach sind an der Alster im Jahr 2020 mit mehr als 2,3 Millionen Fahrrädern so viele Fahrten wie noch nie gezählt worden, teilte die Grünen-Bürgerschaftsfraktion am Mittwoch mit. Das waren demnach 163 000 oder sieben Prozent mehr als 2019.  [….]

(SZ, 17.02.2021)

…und auch noch mehr Autoverkehr. Durch Car-Sharing-Angebote, E-Taxis wie Moia und auch erheblich mehr Privat-Autos.

[….] Die Zahl der in Hamburg angemeldeten Kraftfahrzeuge ist im zweiten Quartal 2022 wieder gestiegen. Damit erweist sich die Hoffnung, der Trend zum Auto sei gebrochen, wohl als falsch. [….] Von April bis Juni 2022 aber stieg die Zahl der in der Hansestadt gemeldeten Pkw nun wieder – auf 807.569 am 1. Juli.   [….]

(HH Abla, 16.08.2022)

Zum Vergleich:

[….] Waren 1950 nur 23.473 Pkw angemeldet, zählte man 1960 schon 175.321 Pkw und 1970 sogar schon 433.079 Autos.  [….]

(HH Abla, 29.02.2020)

2011 waren es 725.845 Fahrzeuge in Hamburg, 2001 nur 693.964.

Zudem werden die Autos auch noch immer größer. Im Jahr 2023 wird SUV gekauft statt Panda.

Da mag sich die CDU über die Verkehrspolitik aufregen, wie sie will, weil die Autofahrer jetzt so viel im Stau stehen, aber frei fließender Verkehr wie 1960 mit 175.000 PKWs sechzig Jahre später mit über 800.000 PKWs, Hunderttausenden weiteren Verkehrsteilnehmern und durch das viele Bauen viel kleineren freien Fläche, ist physikalisch unmöglich.

Deswegen macht mir Autofahren auch wenig Spaß im Jahr 2023. Ich verstehe natürlich, daß auf der viel geringeren Fläche, nun sehr viel mehr Achtung und Rücksichtnahme notwendig ist. Ich bin gern bereit, das zu leisten, vorsichtig zu fahren, mich umzusehen, nicht rücksichtslos zu parken.

Eine reibungsloser Ablauf ist aber leider nicht möglich, wie ich heute gegen 18.00 Uhr auf meiner Tour durch Eppendorf wieder erleben konnte. Aus mir unerfindlichen Gründen treibt sich ein enorm hoher Anteil der Zweirad-Verwender mit hochgradig suizidaler Absicht herum. Sie fahren bevorzugt ohne Licht, mit großen Kopfhörern, um auch sicher taub zu sein, tragen dunkle Tarnkleidung und lieben es, in falscher Richtung durch Einbahnstraßen zu brettern, falschrum in Kreisel zu rasen und urplötzlich quer über die Straße zu schießen.

[….] Das größte Sicherheitsproblem im Radverkehr seien die sogenannten Geisterradler, die die Radwege und manchmal auch Radspuren auf Fahrbahnen in falscher Richtung benutzten. Mit einer dritten Fahrradstaffel will die Polizei noch in diesem Jahr für mehr Sicherheit sorgen. […]

(Welt, 16.02.2021)

Natürlich möchte ich als Autofahrer, der nun einmal mehr PS als ein Radfahrer hat, keinen von ihnen töten und versuche alles, um den pfeilschnellen Todessehnsüchtigen auszuweichen. Aber sie sind, statistisch und polizeilich belegt, leider häufig als kamikazige Lemminge offensichtlich erpicht darauf, ihre Kräfte mit einem 1,7 Tonnen-Boliden zu messen.

[…] Statistik belegt: Fahrradfahrer sind die schlimmeren Verkehrsteilnehmer[…] Insgesamt waren rund 40 Polizisten verschiedener Abteilungen im gesamten Hamburger Stadtgebiet unterwegs und haben eine „Schwerpunkteinsatz“ durchgeführt. Am Dienstag, 10. Mai 2022, startete die großangelegte Kontrolle. In Hamburg-Neustadt, Harvestehude, Wandsbek und Harburg legten sich gegen 07:30 Uhr die Beamten „auf die Lauer“. […]  Dabei fällt eines besonders ins Auge. Die Autofahrer kommen erstaunlich „gut“ weg. Von insgesamt 308 Ordnungswidrigkeitsverfahren fallen nur 39 Stück auf Kraftfahrzeugführer. Der Rest wird hauptsächlich dem Fahrradverkehr gutgeschrieben. […] Ordnungswidrigkeitsverfahren:          Fahrradverkehr

Befahren der falschen Radwegseite, des Gehweges oder Fahren in einer Fußgängerzone        115

Rotlichtmissachtung         104

Verbotswidriges Nutzen eines Mobiltelefons   5

Eine Statistik, die insbesondere den Autofahrer eines bestätigen mag. Radfahrer scheinen die schlimmeren Verkehrsteilnehmer zu sein.  […]

(24Hamburg, 19.05.2022)

Montag, 13. Februar 2023

Noch mehr Verlierer der Berlin-Wahl.

Verliererin des gestrigen Abends war Franziska Giffey, die extrem demütigend ihren Neuköllner Wahlkreis verlor und sichtlich schockiert von dem Ergebnis ihrer SPD war. Verloren haben auch ihre Koalitionspartner Grüne und Linke. Die CDU gewann Prozentpunkte, verlor aber Koalitionsoptionen; die FDP verlor, indem sie mit 4,6% aus dem Parlament flog und auch die AfD verlor, weil sie aus dem katastrophalen Ansehen der „Altparteien“ nicht mehr Honig saugen konnte.

Verlierer ist sogar Markus Söder, der sich als rechtspopulistischer Demokratiefeind zeigte – mal wieder.

[….] CSU-Chef Markus Söder hat schon am Montagmorgen angesichts des CDU-Wahlsiegs in Berlin scharfe Kritik an einer möglichen rot-grün-roten Regierung in der Hauptstadt geübt: „Es wäre tatsächlich ein Umdrehen des Wahlergebnisses, eine grobe Missachtung der Demokratie“, sagte er am Rande einer Reise nach Rumänien und Albanien. Die Äußerung erregte heftigen Unmut bei einem Experten.

„Das ist ein ungeheuerlicher Satz“, sagte der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke dem Sender n-tv. SPD, Grüne und Linke hätten nicht nur eine Mehrheit, sondern auch schon vor der Wahl ihren Willen zum Fortsetzen der Koalition bekundet. Diese Koalition sei „das Normalste der Welt“. Söders Äußerung hingegen spiele „Populisten“ zu. „Es hat immer wieder den Fall gegeben, dass die stärkste Partei nicht in der Lage war, eine Koalition zu bilden“, betonte von Lucke - so etwa Helmut Kohls CDU 1976.  [….]

(Merkur, 13.02.23)

Das ganze politische Berlin besteht aus einer Ansammlung von Verlierern.

 Dem möchte ich heute noch zwei besondere Loser hinzufügen.

Da ist erstens DER SPIEGEL, der sich von der klassischen Demoskopie abwendete und nun nahezu täglich die Resultate ausschließlich online gewonnener Civey-Daten veröffentlicht. Eifrig verweist DER SPIEGEL dabei auf die überlegene Civey-Methodik, die in der Tat überzeugend klingt.

Zwei Tage vor der Berliner Landtagswahl verkündeten die Hamburger:

[….] Wahl in Berlin: CDU und SPD laut Umfrage fast gleichauf, Grüne fallen zurück!

Die Umfrage sieht die Linkspartei bei elf Prozent, die AfD bei neun Prozent. Die FDP wäre mit sieben Prozent erneut im Abgeordnetenhaus vertreten. […]

(SPON, 09.02.2023)

Beeindruckend klare Zahlen. Allerdings mit einem kleinen Schönheitsfehler: Sie sind völlig falsch. Die Wahl hatte einen ganz anderen Ausgang.

Da ist zweitens der FDP-Spitzenkandidat Sebastian Czaja, der immer im Schatten seines älteren und prominenteren Bruders Mario, dem CDU-Generalsekretär steht. Mario Czaja kann bereits auf all das verweisen, das man von einem Berliner CDU-Gewächs erwartet: Lobbymauscheleien mit dubiosen Spendervereinen, Abgreifen von sechsstelligen Nebeneinkünften, selbstverständlich Betrug mit seinem akademischen Grad und Kontakte zu rechtsradikalen Burschenschaften unterhielt er auch. Klar, daß so einer in der Hauptstadt-Union schnell aufsteigt. Mit 24 Jahren Einzug in das Abgeordnetenhaus, mit 36 Jahren Berliner Senator und mit 46 CDU-Generalsekretär.

Sebastian, *1983, und Mario, *1975, wuchsen kleinbürgerlich in Berlin-Mahlsdorf auf.

Nach Angaben des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Alexander Freiherr von Stetten, sind die Czajas mit dem rechtsradikalen, revanchistischen Vertriebenenfunktionär Herbert Czaja (1914-1997, von 1970 bis 1994 Präsident des Bundes der Vertriebenen) verwandt.

Sebastian litt darunter immer im Schatten seines älteren und erfolgreicheren Bruders zu stehen, wie er selbst ganz offen bekundet.

[….] Zwar bestätigen die Brüder, man habe ein gutes Verhältnis, sehe sich ab und zu bei den Eltern, die in jenem Haus in Mahlsdorf wohnen, in dem sie aufgewachsen sind. Doch selbst nach dem Wahlerfolg vermieden es beide, gemeinsam in einem Fernsehstudio zu sitzen. Früher schauten sich die Brüder oft nicht mal an, wenn sich ihre Wege im Abgeordnetenhaus kreuzten.  [….]

(Tagesspiegel, 05.10.2016)

Genauso konservativ, wie sein Bruder, strebte er schon als Teenager eine rechte Funktionärskarriere an und engagierte er sich zunächst in der CDU: Mitglied von 1999 bis 2005, 2001/02 Kreisvorsitzender der Jungen Union Marzahn-Hellersdorf, sowie  stellvertretender Landesvorsitzender der Schüler-Union Berlin. Da es schwer war, in der großen Partei an seinem acht Jahre älteren Bruder vorbei zukommen, wechselte er, strategisch geschickt, 2005 zur sehr viel personalärmeren FDP und wurde dort aus dem Stand Vorsitzender der FDP-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf. Für den 20-Jährigen ging es dann steil bergauf: 2006 bis 2011 und 2016 bis 2023 Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, 2015 bis 2020 Generalsekretär der FDP Berlin, 2016, 2021 und 2023 FDP-Spitzenkandidat der Abgeordnetenhauswahl, 2016 FDP-Fraktionsvorsitzender, 2018 stellvertretender Vorsitzenden der FDP-Fraktionsvorsitzendenkonferenz, 2020 stellvertretender Landesvorsitzender.

Sebastian Czaja kämpft verbissen für den Autoverkehr, räumte eigenhändig die Sperren in der prominenten Friedrichstraße ab. Genauso engagiert er sich für steinreiche Immobilienbesitzen und kämpft dementsprechend gegen den 2021er Volksentscheid.

[….] Berliner stimmen mehrheitlich für Enteignung von Wohnungskonzernen

Jubel bei den Initiatoren des Volksbegehrens zur Enteignung großer Wohnungskonzerne in Berlin: Am Sonntag haben ausreichend Berlinerinnen und Berliner ihre Zustimmung für die Initiative gegeben. Damit ist nun der künftige Senat am Zug.  Die Berlinerinnen und Berliner haben sich für die Enteignung großer Wohnungskonzerne ausgesprochen. 56,4 Prozent der Wähler stimmten am Sonntag in einem Volksentscheid dafür, 39,0 Prozent lehnten das Vorhaben ab, wie die Landeswahlleitung am Montagmorgen mitteilte.  Gleichzeitig wurde das nötige Mindestquorum für die Zustimmung von einem Viertel der Wahlberechtigten erreicht. Damit ist der Berliner Senat laut Beschlusstext nun aufgefordert, "alle Maßnahmen einzuleiten", die zur Überführung von Immobilien in Gemeineigentum erforderlich sind, und dazu ein Gesetz zu erarbeiten. […]

(RBB, 27.09.2021)

Purer Satanismus für einen Hepatitisgelben. Von so viel Sozialem ist der FDP-Mann schwer genervt.

[…] „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ hat es mit fadenscheinigen Argumenten und fragwürdigen Mitteln womöglich geschafft, die notwendige Anzahl an gültigen Unterschriften zu sammeln. Dabei streuen Sie den Menschen Sand in die Augen. Dass die Ausgaben von 36 Mrd. Euro unsere Stadt in den finanziellen Ruin führen, verschweigen die Aktivisten.“ [….]

(Sebastian Czaja, Vorsitzender der FDP-Fraktion)

Aus Protest gegen dieses Übermaß an Demokratie, engagiert sich FDP-Czaja als Co-Gründer gemeinsam mit Vizepräsidenten des Immobilienverbandes Deutschland IVD, Jürgen Michael Schick, im Vorstand von LIR für raffgierige Vermieter und gegen Mietpreisbremsen.

Die Liberale Immobilienrunde (LIR) ist der Sprachkanal für eine liberale Immobilienwirtschaft. Die LIR stellt sich den komplexen Themen der gebauten Umwelt, diskutiert um die besten Lösungen für lebenswerte Räume, die die Gemeinschaft fördern, Menschen inspirieren und den Unternehmergeist fördern.

(LIR e.V.)

Während in Berlin die explosionsartig steigenden Mieten und der katastrophale Wohnungsmangel das Aufregerthema sind, mit Czaja als Spitzenkandidaten auf einen Immobilienhai-Lobbyisten zu setzen, war nicht so schlau.

Während die Berliner Czaja-FDP am 26. September 2021 mit 7,1% gleich 12 Sitze holte, rauschte sie gestern mit 4,6% und Null Sitzen ins Parlamentarische Aus.

Sonntag, 12. Februar 2023

Kuriositätenwahl Berlin

Als Wahl-Junkie konsumiere ich alle Hochrechnungen, Prognosen und Umfragen für mein Leben gern. Da ich aber auch Sozialdemokrat bin, liegen mir die Ergebnisse der Abgeordnetenhauswahlen von heute Bleiquader-schwer im Magen:

CDU knapp 28%. SPD und Grüne haargenau gleichauf bei gut 18%, Linke 12%, AfD 9%, FDP unter 5%.

Da kann man nur froh sein, daß sich die Hepatitisgelben durch die ungeheuer peinliche FDP-Blockade in der Bundesampel – Buschmann! Wissing! – selbst aus dem Parlament geschossen haben. Das ZDF sah zunächst die Grünen im Parlament.

Mit Lindners Leuten über 5% müssten die Berliner nach Kenia reisen. Mit der Westberliner Spießer-Flitzpiepe Wegner als Hauptstadt-Bürgermeister!
Wäre ich doch bloß nie Deutscher geworden. Wie peinlich ist das denn?

Zum Glück schrumpften sich die Großfinanzlobbyisten noch auf 4,5%, so daß nun RGG, Schwarz-Rot und Schwarz-Grün rechnerisch möglich sind.

Der Lacher des Abends stammt von Promotions-Schummler Bijan Djir-Sarai, der in der Berliner Runde in völliger Realitätsverleugnung bekundete, seine FDP müsse in der so linken Ampel, in der die Grünen ideologisch blockierten, stärker zur Geltung kommen. Mit dieser grotesken Fehlanalyse kicken sie sich seit einem Jahr selbst aus den Landesparlamenten. Das diametrale Gegenteil ist der Fall: Durch die ständige ideologische FDP-Blockade (Indexmieten, Bürgerversicherung, gerechtere Steuern, Tempolimit, Einwanderungsrecht, 9Euro-Ticket, etc) wird das giftige Gelb so deutlich sichtbar, daß die Wähler schreiend weglaufen. So lange Djir-Sarai, Lindner und Kubicki nicht begreifen, daß sie MIT der Ampel und nicht GEGEN die Ampel regieren sollten, werden sie weiterhin als das betrachtet, was sie sind: Unnötig.

Kurz nach 18.00 Uhr tourte Michael Müller, SPD, Berlins regierender Bürgermeister 2014-2021, und Inkarnation der provinziellen Langweile, durch die TV-Studios. Er erinnerte wieder an die fatalen Auswirkungen von Urwahlen; ging er doch 2014 als klar falsche Personalentscheidung als Nachfolger des charismatischen Wowereit ins Rennen.

War die nicht schon mal etwas, das bisher immer so schön gründlich schief gegangen ist?
Ach ja! Wenn die Parteiführung im Mimimi-Modus ist, kann man ja die Mitglieder zur Urwahl aufrufen. Dann muss niemand in der Parteiführung sein Visier herunternehmen und sich niemand vorwagen. Und wenn es schiefgeht, hat auch niemand Schuld, weil es ja die Basis war. So macht man sich einen schlanken Fuß, wenn man keinen Mumm hat.

Dann also Diktatur der Inkompetenz.

(….) Urwahl des SPD-Parteivorsitzenden 1993: Zur Auswahl standen der kraftstrotzende Macher Schröder, die linke Wieczorek-Zeul und der unfassbar langsame Mann ohne Eigenschaften Scharping. Der Pfälzer Scharping war die Garantie dafür die Bundestagswahl 1994 zu verlieren, weil er nur eine schlechte Kopie des drögen Pfälzers Kohls war; wer auf sowas steht, wählt das Original.

Genauso wählten die SPD-Mitglieder 1993 und entsprechend kam es 1994.

Urwahl 2013 über den GroKo-Vertrag, will man mit Linken und Grünen in die Opposition, oder lieber dem Beispiel früherer Koalitionspartner Merkels folgen und sich an ihrer Seite marginalisieren und massakrieren lassen?

Berliner Urwahl 2014: Soll die Inkarnation der Ödnis, Michael Müller, 51, der fromme Evangele und Mann ohne Eigenschaften neuer Regierender Bürgermeister werden oder wagt man etwas und setzt auf den äußerst quirligen und dynamischen 37-Jährigen Fraktionschef Raed Saleh?

Klar, daß Müller mit fast 60% gewann. (…..)

(Prognosen, 31.08.2016)

Müller wirtschaftete SPD und Stadt ab. Giffey blieb in einem Jahr keine Zeit, das Ruder herum zu reißen; zumal ihre Regierungsmannschaft von Anfang an mit den Mega-Problemen on Top – Ukraineflüchtlinge, Energiekrise, Inflation, Pandemie – zu kämpfen hatte, die außerhalb ihres Einflusses lagen.

 Die Wahlwiederholung stellt sich als echte Giffey-Tragik heraus.

[….] In eineinhalb Jahren Amtszeit hat Giffey Vieles angepackt. Als weithin unstrittige Erfolge gelten die Unterbringung und Erstversorgung von Hunderttausenden ukrainischen Flüchtlingen, die Einführung des 29-Euro-Tickets im Nahverkehr sowie die Erfindung eines Chief Digital Officers namens Ralf Kleindiek, der die Behördenvorgänge in der Hauptstadt vom Fax- ins iPhone-Zeitalter begleiten soll. Selbst die Wirtschaft in Berlin wächst schneller als der Bundesdurchschnitt. Wenn Giffey in den kommenden dreieinhalb Jahren auch noch das Wohnproblem gelöst bekommt, wäre das gar keine schlechte Bilanz - wenn sie denn die Chance bekommt nach der Wahl. Nach dem katastrophalen Wahlergebnis - dem schlechtesten für die Berliner SPD jemals - muss sie erst mal um ihre Karriere zittern. […]

(SZ, 12.02.2023)


Mit 18% Landesregierungschefin zu werden, wäre in der Vorwende-BRD undenkbar. Nun ist das durchaus möglich. Das liegt auch an den Berliner Grünen. Anders als in Baden Württemberg, Hamburg oder Hessen, wo die Grünen eine klare CDU-Präferenz haben, sind die Berliner Grünen wenig Wegner-affin. Mit der Antiklimaschutz-, Antiausländer-Partei CDU, die für Vermieter und Automobillobby steht, zu koalieren, dürfte den Grünen in den strukturlinken Milieus Berlins schwer schaden. Zumal die geborene Bayerin Bettina Jarasch als Umwelt- und Mobilitäts-Senatorin die Inkarnation all dessen ist, was Auto-Narr Kai Wegner wie die Pest hasst.

Mit ihren AfD-Kurs gewann die CDU zwar 28%, schlug aber die Tür zu den möglichen Koalitionspartnern ziemlich lautstark zu.

Klar, aus westdeutscher Sicht ist die Verwaltung Berlins ein einziger Scherbenhaufen. Eine Peinlichkeit für eine internationale Stadt. Deswegen wurde RGR abgestraft. Die Besonderheit bei dieser Wahl war aber, daß die Wahlbeteiligung um gut 10 Prozentpunkte zurück ging. Das heißt, in absoluten Stimmen, haben alle Parteien verloren. Hinzu kommt; über 50% der CDU-Wähler gaben an, nur aus Unzufriedenheit mit RRG für die CDU gestimmt zu haben und keineswegs etwa, weil sie die CDU mögen.

Kai Wegner hat viel verbrannte Erde hinterlassen. Es wird für ihn extrem schwer bis unmöglich, die Grüne oder die SPD als Juniorpartner ins Koalitionsboot zu holen.

Sollte das Endergebnis die Grünen auch nur eine Stimme vor der SPD liegen – und das ist gut möglich; im Moment, 21.45 Uhr, sieht das ZDF die Grünen 0,1 Prozentpunkte vor den Sozis – ist die CDU nahezu chancenlos zu regieren. Denn dann wird die grüne Spitzenkandidatin Jarasch, als Stärkste des GRR-Blocks, die Gelegenheit nutzen, selbst die erste grüne regierende Bürgermeisterin zu werden und damit den zweiten Ministerpräsidentensessel für die Partei zu holen.

Das wäre ein kurioses Ergebnis, denn die klare Wahlgewinnerin CDU – plus zehn Prozentpunkte – kämpfte ausdrücklich gegen grüne Verkehrs- und Wohnungspolitik.

Weitere Twists:

Die CDU hat die dümmste Wählerschaft, macht Politik für die Reichen.

Die Grünen haben die reichsten Wähler, machen aber eher soziale Politik.


Die FDP hat die jüngsten Wähler, die aber ausgerechnet in der Hauptstadt ihre Stimme verschenken.

Regierende Bürgermeisterin wird mutmaßlich die selbst in der Partei reichlich unbeliebte Bettina Jarasch.

[….] Was hätte für die Grünen drin sein können – hätten sie nur die richtige Kandidatin gehabt? Denn Bettina Jarasch war es nicht – davon konnten sich die Menschen in der Hauptstadt einen Wahlkampf lang überzeugen.  Von Beginn an fehlte es ihr an Popularität, hinzu kamen Schwächen besonders in der direkten Auseinandersetzung mit Franziska Giffey und der übrigen Konkurrenz. Zu keinem Zeitpunkt wirkte es, als spräche da die künftige Regierende Bürgermeisterin. [….]

(SPON, 12.02.2023)

Die Grüne als Chefin wäre ein Kuriosum, weil sie von den drei zur Wahl stehenden Spitzenkandidaten mit klarem Abstand, die Unbeliebteste und in den Augen der Wähler Inkompetenteste ist.


Damit die Berliner eine Bürgermeisterin, die sie am wenigstens wollten und die gerade mal 18% holte.

Dit is Berlin.

Aber immerhin besser als CDU-Wegner.