Mittwoch, 20. Januar 2021

Boring is the new thrilling


 

Eins dieser Worte, die beim Versuch den Trump-Krebs zu beschreiben, als Wellen durch die Newssender schwappen, ist „insurrection“ (Aufruhr, Aufstand).

 Zuvor war es beispielsweise „flabbergasting“.

Nach vier Jahren des blanken Horrors, als outrageous schon lange nicht mehr ausreichte, um die täglich neuen Ungeheuerlichkeiten des Trump-Universums zu beschreiben, wurde endlich der Reset-Button gedrückt.

Nicht nur Trump und seine Taten waren hochgefährlich und abstoßend.

Nein, auch die Beobachter des politischen Geschehens; wir; wurden kontaminiert.

Man oszillierte immer zwischen dem Ärger über die neuesten Entwicklungen und der Gewöhnung an den Wahnsinn.

Man wollte und durfte sich nicht daran gewöhnen, weil das ein Sieg Trumps gewesen wäre, aber man musste sich andererseits an dem Trumpschen Kampf gegen Wahrheit und Moral gewöhnen, weil man sonst gar nicht weiterleben konnte.

Der eigentliche Frust der vier Jahre (eigentlich fünft Jahre, wenn man den Wahlkampf 2016/2016 dazu zählt) bestand darin hilflos zugucken zu müssen, wie all die Verbrecher, dreisten Lügner, Rassisten, Diebe immer wieder ohne Konsequenzen davon kamen.

Die Trump-Kinder, seine Einflüsterer, die maximal abscheulich heuchelnden GOP-Senatoren, konnten sich offenbar alles erlauben.

Alle paar Tage keimte wieder der Gedanke ‚das geht jetzt aber selbst den Trumpisten zu weit, nun lassen sie ihn fallen‘ und jedes Mal wurde man enttäuscht.

Sie machten alles mit, selbst als Trumps Mob das Kapitol stürmte, den republikanischen Vizepräsidenten Pence hängen wollte und fünf Menschen starben, standen sie weiter zu ihrem Cultleader.

Der Wahnsinn ist auch heute noch sichtbar; die USA haben keinen Verteidigungsminister oder Homeland-Security-Minister, weil die republikanischen Senatoren sich anders als in den letzten 200 Jahren weigerten vor der Amtseinführung des Präsidenten die entsprechenden Hearings zu starten.

Die Topminister werden heute nicht bestätigt werden.

Früher hieß es ‚Country Over Party‘, heute haben ausgerechnet die angeblich so patriotischen Republikaner ‚Country‘ aus ihrer Agenda gestrichen und denken ausschließlich an ihre eigenen Pfründe und ihre Partei.

Aber Kamala Harris schwört heute drei neue US-Senatoren ein. Mit Jon Ossoff und Raphael Warnock aus Georgia, sowie Alex Padilla aus Kalifornien als Harris-Nachfolger, ist endlich die destruktive Gridlock-Mehrheit der GOP vorbei. Moscow-Mitch steigt vom Majority-leader zum Minority-leader ab.

Es gibt nun wieder Pressekonferenzen im Weißen Haus, es werden hunderte Mitarbeiter eingeschworen, die keine Hassfanatiker wie Stephen Miller sind.

Die amerikanische Regierung wird wieder funktionstüchtig, weil all die vakanten Stellen aus der Trump-Zeit wieder besetzt werden.

Auch wenn Trump die Transition maximal blockierte,

sich weigerte mit Biden zu sprechen,

ihn natürlich nicht ins Weiße Haus einlud,

die Amtseinführung boykottierte und auch

die miese rassistische Birtherin Melania Trump es nicht über sich brachte die mindestens Höflichkeitsformen aufrecht zu erhalten, indem sie ihre Nachfolgerin als First Lady der Tradition entsprechend ins Weiße Haus einlud,

findet der Machtübergang auf US-Präsident #46 jetzt gerade statt.

Es war ein einstudierter Gag der US-Senatorin Kirsten Gillibrand aus New York, als sie 2019 bei ihrer Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur auf die Frage was sie an ihrem ersten Tag als Präsidentin täte, antwortete „Clorox The Oval Office“.

Heute geschah genau das. Metaphorisch und auch praktisch.

Das epische Pandemie-Versagen der Trump-Pence-Administration führte nicht nur zu 400.000 toten US-Amerikanern, sondern machte das Weiße Haus selbst zum Corona-Hotspot.

Nun wurde alles desinfiziert, Plexiglassperren eingezogen und Maskenpflicht eingeführt.

Trump versagte in so vieler Hinsicht, weil er Politik nicht verstand und hunderte wichtige Posten in der Regierung nie besetzt wurden und Fachleute durch Trump-Brown-Noser ersetzt wurden.

Es war schlicht kein kompetentes Personal vorhanden, um eine Pandemie zu managen.

Es wird dauern, den Zustand zu verbessern, aber immerhin wird die US-Administration wieder arbeitsfähig.

Die Worte „climate-change“ wurden auf Anweisung Trumps von allen US-Regierungswebsites gestrichen. Es durfte noch nicht einmal darüber gesprochen werden, weil nicht sein konnte, woran er nicht glaubte.

Biden wird sofort wieder der WHO und dem Pariser Klima-Abkommen beitreten, es gibt mit John Kerry sogar einen eigenen Klimawandel-Minister.

Wie gut, wie schnell und ob überhaupt Bidens Leute ihre Ziele erreichen, kann noch niemand sagen. Aber das Weiße Haus ist immerhin wieder in der Realität angekommen. Amerikanische Regierungsstellen sind wieder besetzt und ansprechbar.

Vier Jahre gab es de facto keine Politik im Kapitol.

Alle Republikaner beschäftigten sich ausschließlich damit Trumps Willen zu exekutieren und alle Anliegen der Demokraten zu blockieren.

Politische Diskussionen wurden durch Trumptwitter-Astrologie abgelöst. Weltweit war man damit beschäftigt die mentale Tagesverfassung des irren Orangen aus seinen Twitter-Rants abzulesen.

Dieser Irrsinn wird stoppen.

An die von Joe Biden so beschworene „unity“ glaube ich nicht, aber vielleicht gibt es immerhin wieder Politik im eigentlichen Sinne, daß nämlich über Sachthemen diskutiert wird, statt lediglich Kaninchen-artig paralysiert auf die Trump-Schlange zu starren.

Es wird entspannend sein sich nicht mehr täglich davor zu fürchten welchen Irrsinn der US-Präsident wieder entfesselt hat.

Dienstag, 19. Januar 2021

Corona-Fatigue.

 Es gilt Kontakte zu vermeiden. Also gehe ich bei Weitem nicht mehr so oft Lebensmittel einkaufen. Außerdem gehe ich nicht vor 21.00 Uhr los, weil ich hoffe später abends weniger Leute anzutreffen.

Gerade komme ich mit einer Wagenladung voll Zeugs zurück (Keine Nudeln und kein Klopapier gekauft!) und bin wütend. Über 60-Jährige sieht man um die Uhrzeit nicht mehr im Supermarkt, aber die Twens, die noch da rumlungern scheren sich einen Dreck um Abstände. Höchstens 5% der Kunden tragen FFP-Masken, bei den Stoff-Hilfsmasken hängen die Nasen raus und obwohl überall Markierungen sind und mit riesigen Schildern auf einen Mindestabstand von 1,5 Metern hingewiesen wird, kümmert sich niemand mehr darum.

Sobald ich die Tür zu einem der Kühlregale aufmachte, um ein Joghurt zu entnehmen, presste sich gleich noch jemand an mich, um aus derselben Tür auch noch etwas zu angeln.

Ende April 2020, als die Maskenpflicht eingeführt wurde und das Infektionsgeschehen viel weniger dramatisch als im Januar 2021 war, hatten die Leute alle viel mehr Angst und hielten respektvollen Abstand.

Inzwischen ist es vielen egal. Dabei gilt: Je jünger, desto undisziplinierter.

Jede Menge Psychologen geistern durch Zeitungen und TV-Sender, die diese Gewöhnungseffekt sehr gut erklären können und auch wissen, wieso es für Teens und Twens so viel schwerer ist soziale Kontakte zu vermeiden. Irgendwas mit Persönlichkeit noch nicht gefestigt und daher brauchen sich andere Menschen als Koordinaten, um sich selbst zu finden. Oder so ähnlich.

 

In diesem Fall ist die Ursachenanalyse aber nachrangig. Aufgrund der galoppierenden Todeszahlen und den immer infektiöseren Sars-CoV-II-Mutationen, müssen Politiker und Medien Möglichkeiten ersinnen, um auch die zu disziplinieren, die keine Masken mehr tragen mögen und die danach streben mit unwilligen 50+-Männern spätabends am REWE-Joghurtregal Frottage zu betreiben.

Über verschiedene Strategien zu den Lockdown-Verschärfungen – lieber brutal und für alle gleich, oder doch eher chirurgisch mit sinnvollen Ausnahmen? – darf natürlich diskutiert werden.

Über Ausgangssperren nachzudenken, erscheint mir naheliegend. Aber ich verstehe das Argument, daß Lebensmittelläden befürchten, es könnten sich morgens Schlangen vor der Tür bilden und so die Leute noch mehr zusammengedrängt werden.

Wäre es nicht vielleicht eher sinnvoll alle Apotheken, Arztpraxen, Lebensmittelgeschäfte und Optiker 24/7 offen zu halten – so wie es in den USA allgemein üblich ist? Auf Büros könnten statt von 09.00 bis 17.00 Uhr rund um die Uhr arbeiten lassen und ihre Mitarbeiter auf drei Schichten verteilen.

Dann könnte der Kundenansturm viel besser verteilt werden und es sitzen auch nicht so viele Menschen gleichzeitig im Bus.

Diskutieren ist das Eine. Das Andere sind aber die politischen Entscheidungsträger. Dort ist die verwirrende Kakophonie möglichst zu unterlassen. Schande über die aufmüpfigen Ministerpräsidenten, die jede Maßnahme talibanisieren, indem sie ihr Sondersüppchen kochen müssen.

Natürlich, Jens Spahn hat in vielerlei Hinsicht total versagt, am Schlimmsten in Bezug auf die Masken – Christian Stöcker dröselt das noch mal erschreckend auf – es hilft nur nicht so viel weiter, während der schwersten Pandemiephase (bisher), wenn man mit dem Finger auf andere zeigt und auch keine konstruktive Idee hat, wie man es jetzt besser machen kann.

Rechtspopulisten, Aluhüte, Covidioten und Impfschwurbler haben es leicht. Sie müssen nur meckern und das allgemeine Unbehagen anfachen.

Merkel ist Schuld. Und die Altparteien. Und Bill Gates.

Das ist simpel.

Für die seriöseren Oppositionsparteien ist es schon schwieriger. Daher hört man von Linken und Grünen derzeit auch so gut wie nichts.

Sie sind zwar unzufrieden und würden sich auch gern profilieren, aber sie haben auch keine Patentlösungen und verfügen über genügend Verantwortungsgefühl, um ihre Anhänger nicht gegen die Lockdownmaßnahmen aufzuhetzen.

Bei der FDP liegt der Fall leider anders, weil Christian Lindner immer wieder mit der AfD flirtet und nicht aufhören kann zu zündeln, indem er zwar mit weniger drastischeren Worten, aber doch inhaltlich das nachplappert, was die AfD scheinheilig verlangt: Die Exekutive sei nicht legitimiert, das Parlament müsse entscheiden, die Einschränkungen schadeten massiv der Wirtschaft.

Falls sich noch jemand an die Hamburger Bürgerschaftswahl im Februar 2020 erinnert: Damals war die FDP glücklich mit 4,9% aus dem Parlament geflogen, aber die Spitzenkandidatin Treuenfels-Frowein konnte dennoch einen Sitz erringen.

(…..) Die Hamburger FDP kennt wie auch die Berliner gar keine Berührungspunkte zu den Faschisten von der AfD.   Fast 50 Mal stimmten sie in der letzten Hamburger Legislaturperiode den Anträgen der Nazis zu.

Das ist die Politik der beiden Hanseaten-Führerinnen Katja Suding und Anna-Elisabeth von Treuenfels-Frowein, die nach der Thüringer Machtergreifung nach Erfurt alle anderen Parteien beschimpfte, während sie den mit Hobby-Hitler Bernd kopulierenden Kemmerich beglückwünschte.

[….] Schon der Auftakt ist ein völliger Fehlgriff: Für die Hamburger FDP äußert sich Fraktionschefin Anna von Treuenfels. Sie lobt sogar die Thüringer Parteikollegen noch und zeigt mit dem Finger auf andere. „Thomas Kemmerich ist heute als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten gegen zwei Kandidaten der extremen Ränder angetreten. Er hat damit als einziger Vertreter der bürgerlichen und staatstragenden Parteien Verantwortung gezeigt." Sie wirft damit auch gleich die Linke um Bodo Ramelow mit der AfD eines Faschisten wie Björn Höcke in einen Topf. Unfassbar! FDP Hamburg: Neuwahlen in Thüringen nicht nötig   Auch Neuwahlen will die Hamburger FDP nicht fordern. Oder eben nur, wenn die anderen Parteien nicht mitspielen und dann wiederum Schuld sind: „SPD und Grüne verweigern sich dem Gesprächsangebot der FDP, gemeinsame Projekte zum Wohl des Freistaates Thüringen auszuloten. Sie handeln damit fundamental gegen die Interessen der bürgerlichen Mitte. Sollten sie bei dieser Haltung bleiben, sind zügige Neuwahlen der einzige Ausweg.“ […..]

(Mopo, 05.02.2020)

Von Treuenfels-Frowein also auf einer Linie mit Parteichef Lindner und Partei-Vize Kubicki, die am 05.02.2020 ebenfalls den AFDP-Coup bejubelten und ernsthaft von den antifaschistischen Grünen und Sozis verlangten, diese müssen nun den „mutigen“ von volksverhetzenden Faschisten gewählten Kemmerich unterstützen. (….)

(Braun und feige, 28.02.2020)

Eine sehr unangenehme Frau, die FDP-Chefin.

Sie verfügt aber offenbar über genügend Kontakte, um sich immer wieder prominent in die Presse zu bringen.

Heute erschien ein von ihr verfasstes Corona-OpEd in der Mopo.

Ein klassisches Beispiel für unseriöse Stichelei.

Sie schiebt allen anderen die Schuld zu, kritisiert das, was ohnehin nicht zu ändern ist und gibt dem populistischen Affen Zucker, indem sie die Nachteile und schwerwiegenden Nebenwirkungen der Lockdownmaßnahmen betont.

[….] Der Lockdown wird zum gesellschaftlichen Knockdown[….] Was ist eine der Kernaufgaben des Staates, ja vielleicht seine wichtigste Pflicht überhaupt? Die Daseinsvorsorge! Dazu gehört, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen, also der Gesundheitsschutz. Und was erleben wir in Deutschland und Hamburg nun seit zehn Monaten? Einen Totalausfall, zunehmende Fehlorientierung von Bundesregierung wie Hamburger Senat.  Was heute zwischen Bürgermeister Tschentscher, seinen 15 Ministerpräsidenten-Kollegen sowie der Bundeskanzlerin auf – zu allem Überfluss – Basis unsicherer Datenlage diskutiert wird, ist nur der neueste Beweis für diese gefährliche Entwicklung.   [….]  Diese starken Freiheitseinschränkungen gehen zu weit und sind unverhältnismäßig. Das Ganze ohne Parlamentsbeschluss, ein erneuter Verfassungsbruch! [….]. Die Bürger verzweifeln beim Versuch, Impftermine zu erhalten. Der Gesundheitssenatorin fällt nichts anderes ein, als um Geduld zu bitten – und in Berlin rechtfertigt man immer noch das EU-Versagen beim Bestellen ausreichender Mengen.  [….] Keinen Zweifel: Der wirtschaftliche, menschliche und soziale Schaden eines Lockdowns wächst sich von Verschärfung zu Verschärfung zu einem Knockdown für die gesamte Gesellschaft aus. Ich appelliere an Senat und Bundesregierung: Ändern Sie Ihre Politik und wenden Sie sich einer funktionierenden Daseinsvorsorge zu! [….]

(A. Treunfels-Frowein, Mopo, 19.01.2021)

Es ist gefälliger formuliert und weniger drastisch, aber letztlich genau der Ansatz rechtextremer Covidioten: "Verfassungsbruch!"
Sie suggeriert, daß CDU und SPD ganz gern diese Einschränkungen verfügen. Also ob sie ein sadistisches Vergnügen daran hätten die Bevölkerung zu quälen.

Das ist nicht nur unwahr, sondern perfide.

Außerdem verzichtet sie vollkommen auf eigene konstruktive Vorschläge. Sie ist nur DAGEGEN, kann aber auch nicht sagen, wie man es besser machen sollte.

Erbärmlich, FDP.

Der eine Sitz in der Bürgerschaft ist noch zu viel.

Montag, 18. Januar 2021

Der Feind im eigenen Haus

Als Bill Clinton im Januar 2001 das Weiße Haus verlassen musste, hatte er zwar ein Impeachmentverfahren überstanden, aber im Gegensatz zu den beiden Trumppeachments war das wirklich eine Großheuchelei und Hexenjagd.

Niemand konnte bestreiten, daß Clinton, das Naturtalent, ein großer Präsident war. Um ihn loszuwerden. Konzentrierten sich die Republikaner auf eine kleine Eheaffäre.

Wie ehrlich das hypermoralische Ansinnen der Republikaner gemeint war, zeigt sich an ihrer bedingungslosen Unterstützung des Dauerehebrechers und Groß-Sexisten Donald Trump.

Bill Clinton war der intelligenteste US-Politiker des 20. Jahrhundert und seine Präsidentschaft litt ein wenig daran, daß er von keiner Megakrise gefordert wurde, an der er sein Können hätte zeigen können.

Als er aus dem Amt schied, hatte er die von den 12 Jahren republikanischer Herrschaft ruinierten Staatsfinanzen nicht nur in Ordnung gebracht, sondern ein gewaltiges Budget-Plus hinterlassen.

Er war das erste echte Opfer der Nach Roosevelt eingeführten Amtszeitbeschränkung auf acht Jahre und schied mit einer Rekord-Zufriedenheit von 66% aus dem Amt.

Final Approval Ratings US-Presidents:

2017 Obama 59%

2009 GWB 34%

2001 Clinton 66%

2021 Trump 29%

Ein Fall von echter Tragik, daß sich der 42.US-Präsident nicht zur Wiederwahl stellen konnte; bei seinen Rekordbeliebtheitswerten wäre er mit einem Erdrutschsieg in die dritte Amtszeit gewählt worden.

Er war gerade erst 54 Jahre alt, auf dem Höhepunkt seiner geistigen Kraft und der Welt wäre so viel erspart geblieben, wenn nicht die ideologischen Kriegstreiber um GWB Osama bin Laden gegenüber gestanden hätten.

Gut möglich, daß es gar nicht erst zu dem Geheimdienstversagen bekommen wäre, das 9-11 möglich machte.

Mit Sicherheit hätte Bill Clinton als Reaktion darauf aber nicht die Welt in zwei Lager gespalten, eine Million Menschen umgebracht, den Nahen Osten entflammt und das ehrliche Hilfsangebot aus Teheran barsch abgelehnt, um Iran zur „Achse des Bösen“ zu zählen.

Europa wäre nicht auseinander dividiert, der Terrorismus nicht gefördert worden und ganz nebenbei hätten wir uns die Weltfinanzkrise zum Ende auch erspart.

Donald Trump ist das diametrale Gegenteil des gleichaltrigen Clinton.

Ohne sich den Vorwurf der Parteilichkeit einzuhandeln, kann man ihn objektiv als schlechtesten US-Präsidenten diagnostizieren.

Er ist nicht nur sehr dumm und ungebildet, sondern ganz anders als Clinton überhaupt nicht neugierig. Seine Sagenhafte Borniertheit macht ihn zur Inkarnation des Dunning-Kruger-Effekts. Er will gar nichts lernen, keine Informationen bekommen, nicht gebrieft werden, weil seine schwer psychotische Persönlichkeit ihn irrigerweise glauben lässt, ohnehin alles besser als andere zu wissen und zu können.

Sein Vermächtnis läßt sich auf ein paar unbestreitbare Spiegelstriche reduzieren.

Zwei Mal deutlich weniger Stimmen als der Gegenkandidat bekommen.

Präsidentschaftswahl 2020 verloren.

Mehrheit im House verloren.

Mehrheit im Senat verloren.

Wirtschaft am Boden.

Bald 400.000 Covid19-Tote.

Höchstes Haushaltsdefizit aller Zeiten.

Rekordschulden.

Höchste Arbeitslosenquote.

Höchste Obdachlosenquote.

Blut im Kapitol.

Hass auf den Straßen.

Gespaltene Gesellschaft.

Verbannt von allen Social Media-Plattformen.

Zwei Impeachments.

Über 25.000 Lügen im Amt.

Amerikas Ansehen in der Welt ruiniert.

Totalschaden der Marke Trump.

Rückzug aller Sponsoren von der GOP.

Rückzug der Deutschen Bank als Milliarden-Finanzier der Trumps.

Rückzug der New Yorker Trump-Hausbank Signature.

Rückzug der Trump-Hauptbank Professional Bank in Florida.

Rückzug von Cushman & Wakefield aus Trump-Immobilien.

Rückzug des Vornado Realty Trusts aus Trump-Immobilien.

Rückzug des Golfprofiverbandes PGA von Golfturnieren auf Trump-Plätzen.

Klagen der Anwohner von Mar A Lago gegen seine Anwesenheit.

Mutmaßliche baldige Pleite der „Trump-Organisation“.

Eine Flut von Anklagen gegen Donald, Don Jr., Eric und Ivanka Trump.

Politische Zukunft Ivankas ruiniert.

….oder wie es Trump selbst ausdrückt: SO MUCH WINNING!

Trump werden wir übermorgen aus dem Weißen Haus los.

Aber es bleiben nicht nur die 74 Millionen Trump-Wähler übrig sondern der Trumpismus brachte auch rund 150 gefährliche Fanatiker direkt ins Parlament.

Als die demokratische, schwarze Abgeordnete Cori Bush nach der Erstürmung des Kapitols durch den Trumpschen Mordmob, der fünf Todesopfer forderte und die Rioter auch deswegen so sympathisch machte, weil sie den demokratischen Abgeordneten ins Büro kackten, WHITE SUPREMACY verurteilte, wurde sie von den Republikanern ausgebuht. Offensichtlich fühlten die sich als überzeugte Rassisten angegriffen.

Es wird immer offensichtlicher, daß der rechtsextreme Lynchmob von republikanischen Abgeordneten selbst unterstützt wurde. Sie bekamen Grundrisse und Informationen über die Aufenthaltsorte der verhassten Demokraten zugespielt.

Die völlig wahnsinnige QAnon-Verschwörungstheoretikerin Marjorie Taylor Greene wurde in Georgia in den US-Kongress gewählt und verbreitet so offen gewalttätigen Rechtsextremismus, daß sie wie ihr Idol Trump von Twitter gesperrt wurde.

Die demokratischen Abgeordneten Ilhan Omar und Rashida Tlaib nennt sie „islamische Invasion der Regierung“ („Islamic invasion of our government“).[

Im September 2020 verbreitet Greene auf ihrer Facebookseite eine Fotomontage der Kongressabgeordneten Omar und Tlaib sowie Alexandria Ocasio-Cortez mit einer AR15 und dem Text, man müsse „gegen Sozialisten vorzugehen, die das Land zerreißen wollen“


Die Abgeordneten mögen durch die gewaltige Nationalgarden-Präsenz nun durch Angriffe von außen geschützt sein, aber das Trump-Gift ist bereits in den Kongress selbst vorgedrungen. Demokraten müssen sich vor ihren republikanischen Kollegen fürchten. Sie müssen um ihr Leben fürchten, weil diese Rechtsextremen vollkommen entmoralisiert und bewaffnet sind.

Zu einer gewissen Berühmtheit; oder eher Berüchtigkeit, brachte es die 34-Jährige Waffenfanatikerin Lauren Boebert, die im November 2020 in Colorado in den US-Kongress gewählt wurde.

Man kann sich das nicht ausdenken: Sie betreibt mit ihrem Mann in RIFLE (CO) ein Schnellrestaurant namens SHOOTERS in dem das gesamte Personal mit umgeschnallten Pistolen arbeitet. Ohne griffbereiten Revolver geht nichts bei Boeberts.


Die fanatische Trumpistin trägt demonstrativ immer ihren Revolver umgeschnallt und umlief einfach den von Nancy Pelosi aufgestellten Metalldetektor, um ins Plenum zu kommen.

Sie sitzt mit geladener Waffe im Parlament.

[…..] Boebert [trägt] ihre eigene Waffe - meistens eine Neun-Millimeter-Pistole der österreichischen Firma Glock -, weil sie eine überzeugte Anhängerin des Second Amendment ist, des Zweiten Zusatzartikels zur US-Verfassung. […..] All das wäre nicht weiter bemerkenswert, säße Boebert nicht seit Beginn des Jahres für die Republikaner als Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus in Washington. In der Hauptstadt gelten deutlich strengere Waffengesetze als in Rifle, Colorado. Offen eine Pistole am Gürtel zu tragen, ist verboten, was Boebert aber nicht einsehen will. […..] Boebert [ist] bisher ausschließlich mit ihrer Forderung aufgefallen, immer und überall ihre Pistole mit sich tragen zu dürfen.  Das wiederum spiegelt den dürftigen programmatischen Zustand der Republikaner ganz gut wider. […..] Insofern war es keine Überraschung, dass Boebert, eine begeisterte Trumpistin, am 6. Januar gegen die Bestätigung des Wahlsiegs von Joe Biden stimmte. "Heute ist 1776", twitterte sie am Morgen jenes tragischen Tages - eine Referenz an die amerikanische Revolution. Einige Stunden später, nachdem der Trump-Mob das Kapitol gestürmt hatte, sah das nicht mehr so gut aus. Aber Reue hat Lauren Boebert bisher nicht gezeigt. Als das Abgeordnetenhaus zu seiner ersten Sitzung nach dem Sturm zusammentrat, ging sie demonstrativ um den Metalldetektor herum. In ihrer Tasche, so sagt sie, habe sie ihre Glock dabeigehabt. [….]

(Hubert Wetzel, 18.01.2021)

Sonntag, 17. Januar 2021

Schröder, Amerika und ich.

In meiner antitrumpschen Social-Media-Blase leben Menschen, die ich manchmal richtig bewundere für ihren Einsatz und ihre klaren Worte.

Wir sind eine algorithmisch zusammengefügte Familie Gleichgesinnter, die für liberale Werte einstehen und die GOP, Trump, White Supremacy verachten.

Aber vom prominenten CNN-Anchor Don Lemon, der sich gestern dazu bekannte ‘Openly Black’ zu sein, bis zum kleinen unbekannte Meme-Bastler auf Instagram, gibt es Gemeinsamkeiten, die mich ausschließen.

Sie alle benutzen „unamerican“ als größtmögliche Kritik für den rechtsradikalen Mob, sie alle verwenden die Phrase „god bless you“, sie drücken ehrliches Mitgefühl durch „we pray for you“ aus, sie halten die USA zweifellos für die großartigste Nation der Erde und die US-Verfassung für die Beste jemals auf der Welt Geschriebene. Der US-Präsident ist der „Leader oft he free world“ und alle werden von wohligem patriotischen Schauer übermannt, wenn sie US-Flaggen oder Uniformen sehen. Eine Flut von Memes erhob die im Kapitol campierenden US-Soldaten zu „true heros“. Wann immer sie mit einem Veteranen oder aktiven US-Soldaten sprechen, bringen sie ein devotes „thank you for your service“ unter.

Mich lässt das aber alles kalt. Nationalismus halte ich für genauso schlecht wie Patriotismus, die stets so bemühten Unterschiede sehe ich nicht.

Wieso sollte die US-Regierung die Welt anführen? Die Leute, die sich nicht an internationale Abkommen halten, als letztes demokratisches Land begeistert die Todesstrafe vollstrecken und ein neurotisches Verhältnis zu Waffen haben?

Ich habe keine Ehrfurcht vor Soldaten. Ist es nicht deren Jobbeschreibung in Uniform irgendwo rumzuhängen? Was soll daran heldenhaft sein, ein paar Tage im Kapitol zu schlafen? Da erscheint mir jede Krankenschwester, jeder Sozialarbeiter, jeder der ehrenamtlich Obdachlosen hilft oder am Strand Plastikmüll einsammelt heldenhafter.

Mal abgesehen davon, daß „Held“ ohnehin kein Wort ist, das in meinen Sprachschatz passt. Ich gerate nicht in patriotische Wallungen, wenn ich US-Fahnen sehe und sehe die US-Verfassung als ein dringend zu reformierendes Stück Papier aus der Sklavenhalterzeit an.

Wieso haben die US nicht längst erkannt, daß sie grundlegend reformiert werden müssen und halten sich auch nach 250 Jahren prinzipiell für die Großartigsten?

Ich kenne das auch aus meinem wirklich linksliberalen Elternhaus. Meine Mutter liebte die USA und mein Vater war wie jeder Amerikaner so patriotisch erzogen, daß sein Land für ihn das Maß aller Dinge war.

Sie nahmen beide ganz selbstverständlich an, ich müßte mich auch für Amerika begeistern und wunderten sich sehr als ich nach der Schule gar nicht in Erwägung zog in den USA zu studieren.

Nun waren beide keine Idioten; spätestens George W. Bush trieb meiner Mutter die Begeisterung für die USA aus und mein Vater hatte da ohnehin schon beschlossen nicht mehr aus Europa nach NY zurück zu kehren.

Wieso sich in Deutschland direkt nach dem Zweiten Weltkrieg große Begeisterung für die US-Befreier, deren Lockerheit und deren Freiheiten ausbreitete, ist mehr als verständlich.

Es waren Ende der 1960er Jahre deutsche sehr Linke, die sich gegen die US-Verbrechen in Vietnam engagierten, aber deutlicher Antiamerikanismus war durch die RAF diskreditiert. Die klassischen deutschen Parteien, die Bundesregierung und erst Recht die Presse verstanden sich stets als große Freunde der USA.

Für den riesigen Springer-Pressekonzern (BILD, WELT) formulierte Axel Springer 1967 die Essentials aus fünf Punkten, in denen es heißt:

Wir zeigen unsere Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

Gerhard Schröder wurde auch deswegen so extrem von einer breiten Front fast aller deutschen Medien runtergeschrieben, weil er sich nicht dieser USA-Begeisterung anschloss. Er galt als Ketzer, als er sich offen gegen die Kriegswünsche aus Washington stellte, im UN-Sicherheitsrat eine Mehrheit gegen GW Bush organisierte und eine asiatisch-europäische Allianz gegen den Irak-Feldzug formte.

Im aktuellen SPIEGEL-Doppelinterview mit Altkanzler Gerhard Schröder und dem Historiker Gregor Schöllgen passiert das, was ich schon seit Jahren erlebe. Er spricht Dinge aus, die man sonst kaum aus der höchsten politischen Ebene hört und ich könnte jeden Satz unterschreiben.

[…..] SPIEGEL: War Trump viel­leicht nur ein Be­triebs­un­fall in der US-Ge­schich­te?

Schrö­der: Was sei­ne Ag­gres­si­vi­tät an­geht, ja. Und auch was sei­ne Ver­ach­tung de­mo­kra­ti­scher In­sti­tu­tio­nen be­trifft. Aber au­ßen­po­li­tisch steht Trump durch­aus in der Kon­ti­nui­tät sei­ner Vor­gän­ger. Die ha­ben ihre Part­ner auch nicht im­mer so be­han­delt, als wür­den sie auf Au­gen­hö­he ste­hen. Des­halb muss man da­mit rech­nen, dass auch für Trumps Nach­fol­ger Joe Bi­den erst ein­mal Ame­ri­ca First gel­ten wird.

[…..] SPIEGEL: Sie er­war­ten also von Bi­den kei­nen Auf­bruch?

Schrö­der: Der Ton wird si­cher kon­zi­li­an­ter und man­che Kon­tro­ver­se ge­löst wer­den. Aber das trans­at­lan­ti­sche Ver­hält­nis, wie wir es über Jahr­zehn­te ge­kannt ha­ben, ist Ge­schich­te. Trump hat nur zer­schla­gen, was oh­ne­hin nicht zu ret­ten war. […..]

Ich habe nie in Ame­ri­ka ge­lebt und hat­te auch kein Be­dürf­nis da­nach. Ich bin eben durch und durch Eu­ro­pä­er. […..]  Die [Amerikaner]  in­ter­es­sier­te nicht son­der­lich, was au­ßer­halb ih­res ei­ge­nen Um­felds pas­sier­te. Ich kann mich an eine Be­geg­nung mit ei­nem Ge­ne­ral im Pen­ta­gon er­in­nern. Als ich er­zähl­te, dass ich aus Deutsch­land kom­me, frag­te er mich: »East or West?« Als ob je­mand aus der DDR ein­fach so vor­bei­kom­men könn­te. Die Be­reit­schaft, sich mit Eu­ro­pa ernst­haft zu be­fas­sen, war selbst auf die­ser Ebe­ne nicht son­der­lich aus­ge­prägt.

SPIEGEL: Und wann wa­ren Sie zu­letzt in den USA?

Schrö­der: Schon län­ger nicht mehr. Das letz­te Mal soll­te ich mich in der Ber­li­ner US-Bot­schaft von ei­nem Kon­su­lats­mit­ar­bei­ter be­fra­gen las­sen, was das The­ma mei­nes Vor­trags sei und ob ich da­für be­zahlt wer­de. Das sei­en nun ein­mal die Vor­schrif­ten. Ich habe ge­dacht: »Ihr könnt mich mal.« Stel­len Sie sich vor, so wür­de man bei uns mit ei­nem frü­he­ren US-Prä­si­den­ten um­ge­hen. Die Re­ge­lung stammt üb­ri­gens nicht von Trump, son­dern von sei­nem Vor­gän­ger Oba­ma. […..]

 (DER SPIEGEL, 16.01.2021)

In der Tat. Obama ist natürlich eine Lichtgestalt und Sehnsuchtspräsident verglichen mit seinem Nachfolger. Aber auch er verstand die USA als den anderen Nationen grundsätzlich überlegen. Er erkannte völkerrechtliche Standards nicht an, unterstellte US-Soldaten nicht internationaler Gerichtsbarkeit, erpresste andere Nationen mit der ökonomischen Macht der US, er scherte sich nicht um das Völkerrecht, wenn er mit Drohen in souveränen Ländern Menschen ermorden ließ, er ließ befreundete Regierungschefs abhören, erließ das Folterlager Guantanamo bestehen und schaffte nicht die Todesstrafe ab.

Man stelle sich vor irgendeine andere Nation würde es wagen auf US-Boden nach Gutdünken Drohnenangriffe zu fliegen, weil ihnen gewissen US-Bürger so wenig gefallen, daß sie lieber prophylaktisch ermordet werden sollen.

Kein Land könnte sich das erlauben, was Obama für seine USA ganz selbstverständlich reklamierte.

Alles gerechtfertigt durch amerikanischen Nationalismus.

(……) Vorhin grübelte ich wie eigentlich das Antonym zu „Patriotismus“ lautet.

Ich bin nämlich so gar kein Patriot und kann für patriotische oder gar nationale Gefühle (gegenüber Deutschland ODER Amerika) einfach kein Verständnis aufbringen.    Auch das Wort „Stolz“ liegt mir nicht. Insbesondere könnte ich keinen Stolz auf eine Nation empfinden, da ich Stolz immer mit einer eigenen Leistung verbinde.

Was aber ist weniger ein eigener Verdienst als der Zufall wo man geboren wurde?   Wie nennt man aber nun Menschen, die keine Patrioten sind?

Im Zweifelsfall googlen. Eine Internetsuche spuckt folgende Begriffe aus:

Vaterlandsverräter, Fahnenflucht, Verrat, Unzufriedenheit, Untreue, Falschheit, Wankelmut, Unbeständigkeit, Perfidie, Nestbeschmutzer, „Jemand der sich ganz schnell verpissen sollte. Er mag sein Land nämlich nicht“, Landesverräter, Idiot, Zecke,..

Nun bin ich noch unpatriotischer, nachdem ich sehe welche Konnotationen aktiviert  werden, wenn man Menschen nach dem Gegenteil von Patriotismus fragt.

Das Abstoßende am Patriotismus ist also nicht nur das penetrante Sich-mit-fremden-Federn-schmücken, sondern die mehr oder weniger latent damit einhergehende Abwertung anderer Nationen, bzw der Nicht-Patrioten im eigenen Land.

Es stimmt eben, daß die Grenzen vom Patriotismus zum Nationalismus fließend sind und Letzterer ist einer der destruktivsten Ismen, den die Menschheit hervorgebracht hat.   Immer wenn die Patriotismuskarte gespielt wird, folgt etwas Ekelhaftes. (…….)

(Patriotismus – Nein Danke 06.11.2013)

Ein gewisser Lokalpatriotismus ist harmlos und amüsant.

Ein Verfassungspatriotismus, der als Gegensatz zu völkischem Nationalismus verstanden wird, ist ebenfalls wünschenswert.

In den USA wird aber jedes Maß überschritten und die US-Verfassung ist nun einmal nicht so gut, daß man überhaupt auf sie stolz sein könnte.

Die Historikerin Hedwig Müller von der Bundeswehruniversität München beschreibt in einem Essay die dramatischen Schwächen der US-Verfassung und ihren politischen Auswirkungen.

Ich rate allen Springer-Journalisten und CDU-Abgeordneten, Merkel und Merz genau nachzulesen.

[……] Kaum hatte der Präsident der Vereinigten Staaten seine Anhänger entflammt, kaum war der Mob ins Parlament gestürmt, da waren sie wieder überall zu hören, die alten amerikanischen Beschwörungen: best democracy, greatest country, die Stadt auf dem Hügel. Über alle Erschütterungen hinweg scheint dieses Fundament zu halten. Alle, Joe Biden, Lindsey Graham, intellektuelle Vordenker und das Fußvolk, Linke und Rechte hatten die Formeln parat. Aus der Geschichtswissenschaft kam der Hinweis, der Sturm des Parlaments sei etwas vollkommen Fremdes, wie aus fernen Ländern. [……] Es gibt viele Gründe für die amerikanische Katastrophe. In historischer Perspektive drängt sich einer auf: die unfassbare Hybris, die nationale Selbstvergötterung. [……]

Der nachhaltigste Schaden der nationalen Hybris aber liegt wohl in der Unfähigkeit zu Reformen. Eine Nation, die im Glauben lebt, die größte Demokratie zu sein - woher soll sie die Kraft zur Veränderung nehmen? Die amerikanische Reformunfähigkeit beginnt mit der Verfassung, für deren Lobpreis offenbar kein Wort zu barock und keine Phrase zu abgeschmackt ist. Doch die Verfassung ist ein Relikt aus der Sklavenhaltergesellschaft. Nicht nur im Fall des amerikanischen Bürgerkriegs hat sie bei ihrer Hauptaufgabe, der Sicherung des inneren Friedens, versagt. Sie ist in einem Ausmaß dysfunktional, das für Verfassungen moderner Demokratien tatsächlich einmalig sein dürfte.

Und immer und immer wieder hat sie die Schwachen im Stich gelassen. Die Stürmung des Kapitols war alles andere als "unamerikanisch". Vielmehr ist die US-Geschichte von Anfang bis heute davon geprägt, dass Gewalt über das Recht den Sieg davonträgt. Lynching gab es noch nach dem Zweiten Weltkrieg, Oligarchen spielen mit der Politik und der vielfach strukturelle Rassismus ist eine Geißel des Landes. Unter dem letzten republikanischen Präsidenten führte Amerika offiziell wieder die Folter ein. [……]

 (Prof. Hedwig Müller, 15.01.2021)

Samstag, 16. Januar 2021

Bundeskanzler Laschet.

Also, ich bin tatsächlich zufrieden mit der heutigen Vorsitzendenwahl der CDU.

Mir ist es ein Rätsel wieso Grüne sich einen CDU-Chef wünschen, der möglichst grün ist oder wieso sich die braunen AfDler einen möglichst rechts-stehenden CDU-Chef wünschen und nun unzufrieden mit dem vermeidlich liberaleren Armin Laschet sind.

Das ist ähnlich dämlich wie der Wunsch einiger Atheisten nach einem freundlicheren und liberalerem Kölner Erzbischof oder Papst.

So ein strategischer Unsinn! Wir sind schließlich Konkurrenten und sollten und freuen wenn der politische Gegner oder der ideologische Widerpart sich selbst ein Bein stellt, indem er auf abschreckendes Personal setzt!

Ich denke viel perfider-taktisch und freue mich sehr, wenn die Ideologie, die ich für hochgefährlich halte durch abstoßende Führungsfiguren wie Mixa, Müller, Meisner, TVE, Ratzinger oder Woelki aus eigener Kraft ihre Anhänger vertreiben.

Also überlege ich als Sozialdemokrat, gegen wen Olaf Scholz die besten Chancen als Kanzlerkandidat hat, wer der schwächste Gegenspieler für die SPD-Chefs wäre.
Aus dieser Perspektive wäre Friedrich Merz mein Wunschkandidat; gegen ihn kann man am besten Wahlkampf machen. Er elektrisiert die Menschen, die ohnehin sicher CDU/rechts wählen und wildert nicht im Wählerpotential linkerer Parteien.

Merz wird von seinen rechten Fanboys, beispielsweise in der stramm konservativen Hamburger CDU chronisch überschätzt.

Der Mann hat nicht einen Tag Regierungserfahrung, lag bisher mit jeder einzelnen ökonomischen Prognose falsch und hat zudem auch noch jede Wahl verloren.

Nun konnte ihm nicht mal mehr die geballte Macht der konservativen Presse helfen.

Es gibt keinen Merz-Auftritt, kein Merz-Interview, indem er nicht durch eigene Blödheit Kopfschütteln auslöst.

Nachdem im letzten Jahr die Superreichen extrem viel superreicher geworden sind, während die unteren 90% der Bevölkerung darben, nennt Millionär und Jet-Besitzer Merz die inzwischen sehr populäre Vermögenssteuer polemisch „Neidsteuer“ und leistet sich auch wieder gesellschaftspolitische Peinlichkeiten.

[……] Zwei [ernten von der Twittergemeinde]  deutlich weniger Verständnis.

[……]  Einer davon: Friedrich Merz. Auslöser ist sein Statement, er könne gar kein Frauenproblem haben, sonst hätte ihn seine Frau nicht geheiratet und seine Tochter ihm längst die gelbe Karte gezeigt. Das geht prompt nach hinten los: Die Häme ist groß. "Gestrig", "peinlich", "genau das ist das Problem", urteilen die Twitter-Richterinnen und Richter. Und seine vermeintliche weibliche Fan-Base, die "Frauen für Friedrich Merz"? Schweigt, der Hashtag ist längst von Merz-Verhinderern gekapert. [……]

(Viktoria Spinrad, SZ, 16.01.2021)

Daß er vor 40 Jahren geheiratete hat, soll Ausweis für seine Frauenfreundlichkeit sein?

Wer sich so konsequent durch die Öffentlichkeit tölpelt, sollte der Wunschgegner für jeden Sozialdemokraten sein.

Allerdings ist in einem so strukturkonservativen Land wie Deutschland, in dem auch der weit überwiegende Teil der Journalisten CDU-freundlich tickt, die Wahrscheinlichkeit eines CDU-Kanzlers immer noch sehr hoch.

Der Atlantiker Merz, der in konservativen Kreisen auch anerkennend als „der deutsche Trump“ gelobt wird, wäre als Kanzler allerdings sehr gefährlich; zumal der Sauerländer nicht vorm Sprechen nachdenkt und immer wieder in Pöbel-Tiraden verfällt. Man denke nur an seine wundersamen Attacken gegen das angebliche „CDU-Establishment“, daß in finsteren Kellern gegen ihn intrigieren würde.

Das sind durchaus schon protopsychotische Züge, die in Richtung Trump-Persönlichkeit gehen. Ich mag mir nicht vorstellen, was er als Regierungschef ohne jede Erfahrung auf EU- oder UN-Ebene verzapfen würde.

Glücklicherweise machte sich Herr Merz, wie üblich, auch nach seiner heutigen Wahlniederlage gleich noch unbeliebter, indem er wie 2018 gegenüber AKK garstig schmollte, sich nicht ins CDU-Präsidium wählen lassen wollte und als erstes Armin Laschet in den Rücken fiel, indem er verkündete Bundeswirtschaftsminister werden zu wollen.

Wohlwissend, daß Angela Merkel das niemals zuließe und damit die Autorität des neuen Chefs Laschet gleich attackiert wird.

Ich mutmaße, Merz wird sich von dieser neuen Niederlage CDU-intern nicht mehr erholen. Zu sehr verfestigt sich das Bild, daß er nur im Hinterzimmer das Maul aufreißt, aber nie liefern kann, wenn es drauf ankommt.

Merz leidet nun wie sein Freund Trump.

Von den drei CDU-Chef-Kandidaten halte ich Norbert Röttgen mit Abstand für den Intelligentesten. Es ist schon erstaunlich, daß er nahezu ohne mediale Unterstützung, ohne einen Regierungsapparat und ohne finanzielle Mittel – anders als Merz, konnte er sich nicht einmal ein Büro mit professionellen Wahlkampf-Mitarbeitern in Berlin leisten – auf Augenhöhe mit den beiden Großzampanos Laschet und Merz kam.

Als CDU-Chef hätte er automatisch eine enorme Medienpräsenz generiert und wenn man nicht ganz so unfähig wie Nahles, Walter-Borjans oder Esken ist, steigt man damit automatisch auf der demoskopischen Leiter in die Top10.

Röttgen könnte die CDU mutmaßlich von den drei Kandidaten am besten führen, weil er nicht so ein unüberlegter Hitzkopf wie Merz ist, nicht ständig Fehler produziert wie Laschet in Düsseldorf und darüber hinaus auch noch recht gut aussieht und sympathisch wirkt. In der TV-Demokratie Deutschland könnte das auch zum entscheidenden Vorteil im Kanzlerkandidatenrennen mit Markus Söder sein.

Der Bayer verfügt derzeit über sensationelle Zustimmungswerte, aber in weiten Teilen Norddeutschlands gelten Bayern nach wie vor als unwählbar und zudem trägt Söder schwere Hypotheken aus seiner Vergangenheit mit sich herum.

Über Dekaden mischte er mit rechtsradikal-absurden Sprüchen Bayern auf.

Norbert Röttgen hat nicht solche Leichen im Keller und daß er sich nicht mit Merkel versteht, könnte auch ein Vorteil im Wahlkampf sein, weil er sich als „Neustarter“ verkaufen könnte und schwerlich für die Fehler in der Pandemiebekämpfung verantwortlich zu machen ist.

Ein CDU-Chef und möglicher Kanzlerkandidat Röttgen wäre der härteste Gegner für die SPD. Er schreckt urbane Liberale nicht ab und all die ehemaligen SPD-Wähler, die seit Jahren ihr Kreuz bei der Merkel-CDU machen, könnten das mit Röttgen weiterhin tun.

Laschet, der heute durchaus ernst gemeint als „Armin Kohl“ gelobt wird, weil er so viele Probleme einfach aussitze und sich nicht durch seine eigenen Eseleien verunsichern ließe, ist ein intellektuelles Leichtgewicht.

Mit Sicherheit steht er nicht für Fachkompetenz. Olaf Scholz ist sehr viel intelligenter und gewiefter als der Aachener Möchtegern-Verwandte Kaiser Karl, des Großen.

Seine Pleiten in der Coronakrise sind jetzt schon legendär.

Sofern Laschet tatsächlich auch Kanzlerkandidat werden sollte, wird auch seine Familie in den Fokus der Öffentlichkeit rutschen.

Das verspricht jede Menge Ärger, da sowohl sein selbstverliebter Model-Sohn Joe, als auch seine Ehefrau und sein Bruder immer für öffentliche Peinlichkeiten gut sind.

Der Vergleich mit Kohl hinkt insofern, als es zur Kohl-Zeit keine sozialen Medien und kein Internet gab.

Da konnten seinen düsteren Familiengeheimnisse im Dunkeln bleiben. Keiner der Kohl-Söhne drängte von selbst an die Öffentlichkeit; das passierte erst, nachdem sich Hannelore Kohl umgebracht hatte und dann stellten sich sowohl Walter als auch Peter trotz der enormen physiognomischen Ähnlichkeit zu ihrem Vater als recht vernünftig und sympathisch heraus.


Der neue CDU-Bundesvorsitzende lebt da weitaus gefährlicher.

Freitag, 15. Januar 2021

Struktur- und Personalproblem.

Es ist nicht völlig geklärt wie es Deutschland geschafft hat sich von einer Art europäischem Corona-Musterschüler zu dem Land mit der zweithöchsten Todesquote der Welt (nach Großbritannien) zu entwickeln.

[…..]  In Deutschland sterben derzeit vergleichsweise mehr Menschen an oder mit Corona als in den schwer von der Pandemie gebeutelten USA. […..]  Doch bei der Zahl der Corona-Toten sieht es ganz anders aus: Hier liegt Deutschland sogar vor den USA – und wird nur durch Großbritannien „übertrumpft“. Im Sieben-Tage-Durchschnitt verzeichnet Deutschland derzeit knapp über 14 Todesfälle pro eine Million Einwohner. In den USA sterben derzeit „nur“ knapp 12 Menschen pro Tag an oder mit Corona. Vergangene Woche hatte Deutschland den transatlantischen Partner überholt.   Mit diesen Zahlen liegt Deutschland ebenfalls deutlich über dem EU-Durchschnitt von rund 7,5. Auch das frühere Sorgenkind der Pandemie, Italien, liegt mit knapp über 8 Todesfällen weit hinter Deutschland. Die meisten Todesfälle verzeichnet derzeit Großbritannien – hier sterben 23 Menschen pro eine Million Einwohner. […..]   Dass in der EU und Großbritannien im Vergleich mit den USA derzeit allgemein mehr Menschen mit Corona sterben, könnte unter anderem an den in Europa grassierenden, aggressiven Virus-Mutationen liegen. […..] 

(MoPo, 15.01.2021)

Offensichtlich ist auch die föderale Struktur Deutschlands von Nachteil, wenn sie schnelle, der Pandemie geschuldete Entscheidungen verzögert und unter den 16 Ministerpräsidenten nur etwa 2/3 seriös und verantwortlich mitarbeiten.

Etwa ein Drittel der Länderchefs sind aber unfähig ihre persönliche Eitelkeit zurück zu nehmen. Sie denken stets mehr an die eigene Karriere, statt an das Gemeinwohl.

Merkel ist im Vorteil, weil sie sich ohnehin keiner Wiederwahl stellt und keine weiteren Ämter anstrebt; so kann sie freier entscheiden.

Die Pöstchen-Affinen, Wahlkämpfer und Extra-Eitlen, drängen hingegen stets mit Extrawürsten vor die Kamera, chaotisieren die Covid-Bekämpfung und untergraben das Vertrauen der Bevölkerung.

Zu nennen sind in erster Linie Söder, Laschet, Günther, Kretschmer und Ramelow.  Auch Schwesig und Müller geben keine gute Figur ab.

Mit lauter Tschentschers unter den MPs stünden wir besser da.

[…..] Es rächt sich, dass einzelne Ministerpräsidenten zu spät eingeschwenkt sind auf den Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die schon früher einen härteren Lockdown angestrebt hat. In Deutschland wurde trotz der Erfahrungen aus dem Frühjahr zu spät gehandelt - auch im Vergleich zu anderen Staaten.   Es gibt Fehler im System, die ein schnelleres Agieren zumindest erschweren, oft auch verhindern. Dazu gehört die föderale Struktur der Bundesrepublik. Im Grundgesetz heißt es zwar, dass der Bundeskanzler die Richtlinien der Politik bestimmt. Aber diese Durchsetzungskompetenz beschränkt sich auf die Bundesminister.  Gerade in der Corona-Krise war zu sehen, wie hilflos Angela Merkel ist, wenn die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten einfach nicht mitziehen. […..] Es zeigt sich auch in dieser Krise: Einer der Fehler im Bausystem der Bundesrepublik ist, dass die Erfüllung der staatlichen Aufgaben Sache der Länder ist, die wiederum vieles auf Landkreis- und Bezirksebene delegieren. Das Tohuwabohu rund um Reise- und Beherbergungsverbote hat die Absurdität der unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern vor Augen geführt. Gleiches gilt für die Modalitäten, wo und wann Präsenzunterricht in Schulen abgehalten werden kann. [….]

(Alexandra Föderl-Schmid, 30.12.2020)

Föderl-Schmid prophezeite schon vor Wochen genau das Impfchaos, das jetzt ausgebrochen ist.

Die föderalen Schwächen könnten durchaus minimiert werden, wenn die zuständigen Minister, wie der kleine Hamburger Innensenator Schmidt während der Sturmflut 1962 das Heft das Handelns in die Hand nimmt, Durchsetzungskraft ausstrahlt und die Notmaßnahmen koordiniert.

Unglücklicherweise blockieren derzeit aber einige Totalausfälle die Ämter.

(…..) Lockdown, Grenzschließungen, rechtsradikaler Terror, Flüchtlingskatastrophen an Europas Süd- und Ost-Grenzen, Koordination Bundesländer-Coronamaßnahmen, Logistik für die Verteilung von Hygienematerialien, Information der Bevölkerung über Ausgangssperren.

All das ist das ureigentliche Spielfeld eines Superministers für Heimat, Bau, Integration, Inneres, Verfassung etc.

[….] Unglücklicherweise heißt der Bundesminister Horst Seehofer, der seit 2018 allenfalls durch strikte Arbeitsverweigerung auffällt. (…..)

(Die Schande Bayerns und Deutschlands, 29.12.2020)

Von übel sind sogar Politiker ohne Amt, wie die gesamte AfD oder der braune FDP-Posterboy Lindner, der immer wieder populistisch die Pandemie-Maßnahmen untergräbt.

Schließlich ist da noch der zentrale Minister Spahn, der im Vergleich mit seinem langjährigen SPD-Pendant Lauterbach mit grotesker Fehlplanung und Ahnungslosigkeit auffällt.

(……) Wäre Angela Merkel eine wirklich verantwortungsvolle Kanzlerin, hätte sie Spahn längst mit einem kräftigen Tritt gefeuert und stattdessen Karl Lauterbach zum Bundesgesundheitsminister gemacht.      Aber wir leisten uns lieber Pfeifen an den Schaltstellen und haben dafür ein paar Tausend Tote mehr.     Der heute angesetzte Dezember-Lockdown ist so überraschend wie das Amen in der Kirche, nachdem sich all die C-Politiker ein halbes Jahr öffentlich spreizten. (……)

(Immer noch nicht begriffen, 13.12.2020)

Die jüngsten Beispiele sind Impfpflicht für medizinisches Personal und FFP2-Maskenpflicht.

Es sind Themen, die seit 10 Monaten antizipiert werden konnten.

In beiden Fällen ist es wieder einmal der zum Schaden Deutschlands unkoordiniert vorpreschende bayerische Ministerpräsident, der die Diskussion chaotisiert und verbrannte Erde hinterlässt.

Bundesgesundheitsminister Spahn ist zu schwach und zu desinteressiert, um Söder einzunorden.

 […..]  Wer sich in Bussen, Bahnen, in Büros oder auf den Straßen umsieht, kann leicht erkennen: Beim Thema Maske herrscht dringend Nachholbedarf. Zerbröselte Einwegmasken, dreckige Schals, lächerliche Spuck-Visiere, billige Stoffmasken, bei Querdenkern gerne auch absichtlich durchlöchert. […..]  Die saubere, neue und wirksame FFP2-Schutzmaske sieht man erschreckend selten. Warum eigentlich? Kaum ein Land der Welt hat das Leben der Menschen so bürokratisch in eine Hölle von Verordnungen geschickt wie Deutschland. Alles ist in Deutschland zertifiziert und geregelt. Von der Höhe des Gartenzauns bis zur Qualität von Katzenfutter. Beim wichtigsten medizinischen Hilfsmittel gegen die Pandemie, der Atemschutzmaske, gilt die Methode Wildwest: Jeder darf tragen, was er will. Hygienische oder technische Mindeststandards für die Träger? Fehlanzeige.


[…..]  Während sogar genug Steuergeld da ist, um Bordellbesitzern die Einnahmeausfälle in der Corona-Krise zu erstatten, wird bei den Masken kleinlich geknausert. Ganze drei FFP2-Masken hat der Staat spendiert – aber nur den über 60-Jährigen. Diese musste man sich auch noch Schlange stehend bei der Apotheke abholen. So viel Risikogruppe auf einem Fleck hat das tückische Virus selten gefunden.    […..]  Die Verantwortlichen sollten schnell umsteuern. Eine großzügige, flächendeckende und regelmäßige Ausgabe von kostenlosen FFP2-Masken ist zwar teuer – aber extrem sinnvoll und effektiv, besonders gegen die neuen hochinfektiösen Corona-Mutanten. Die Masken müssen raus aus den Vorratslagern und ganz schnell auf die Nasen der Menschen. Besser Milliarden Euro ausgeben, um die Verbreitung des Virus zu verhindern und Menschenleben retten, als Milliarden ausgeben, um die horrenden Folgen zu bezahlen.    Und wenn auf dem Höhepunkt der Pandemie, städtische Ordnungsbeamte weniger Parkuhren kontrollieren würden und stattdessen notorische Maskenmuffel ermahnen, gäbe es sicher auch etliche Infektionen weniger. Da es noch etwas dauern könnte, bis Gesundheitsminister Jens Spahn selbst auf die naheliegende Idee mit der flächendeckenden Ausgabe von FFP2-Masken kommt, bleibt vorerst nur die Eigeninitiative der Bürger. […..] 

 (Abendblatt Leitartikel, 14.01.2021)

Apotheker sollten per Gutschein sechs Euro pro Maske erhalten. In Hamburg sind FFP2-Masken fast überall ausverkauft.
Mit Glück erwischt man Einzelstücke für knapp unter fünf Euro.

Laut RKI-Empfehlung kann man eine FFP2-Maske sechs bis acht Stunden tragen und muss sie dann endgültig entsorgen.

Wenn man Pech hat, braucht man also pro Tag zwei Masken. 10 Euro.

Das sind 300 Euro im Monat. Für eine Familie mit zwei Kindern also 1.200,- Extrakosten im Monat?

Offenbar kann man die FFP-Maskenpflicht nicht dem kapitalistischen Spiel der Marktpreise überlassen.

Es wäre schön, wenn Spahn das im Gegensatz zu dem Experten auch frühzeitig begriffen hätte.

Ob es etwas genützt hätte, ist aber unklar, denn ein Problem vergrößert sich womöglich auch, wenn der Minister aus seiner Oligarchen-Millionenvilla eingreift.

[…..]  Der Bund kaufte im Frühjahr horrend teure Corona-Masken. Vor dem Deal soll sich Gesundheitsminister Spahn persönlich eingemischt haben.   […..]   Luca S. und Jascha R., beide Anfang zwanzig, erregen seit einem halben Jahr die Gazetten und Gemüter in der Schweiz. Von »Abzockern« ist die Rede, von »Masken-Kids« im »Goldrausch«.[…..]  FFP2-Masken zu knapp zehn Franken das Stück. Das war das Zehn- bis Zwanzigfache dessen, was kurz vor dem Corona-Schock noch üblich war.   […..]   Für das gewisse Etwas sorgte der Schnöselfaktor der beiden Maskenmillionäre: Offenbar mit dem Reibach, den sie aus der Not der anderen gemacht hatten, gönnten sie sich zwei Bentleys, außerdem einen Ferrari, 800 PS, limitierte Auflage, Marktwert mindestens 2,5 Millionen.   […..]  Was bislang nach einer sehr schweizerischen Geschichte aussah, ist aber noch weit mehr eine deutsche. Nur einen Bruchteil ihrer Geschäfte machte die Emix in der Heimat, ein Zigfaches mit deutschen Behörden. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) von Jens Spahn (CDU) kaufte bei Emix ein, die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen ließen sich beliefern. Auch sie zu extrem hohen Preisen. […..]  Wie konnte die kleine Handelsfirma mit derzeit sieben Mitarbeitern zu einem Schlüsselanbieter in deutschen Ministerien werden, während sich die Mails anderer Händler und Fabrikanten oft unbeachtet und unbeantwortet stapelten? […..]    Dabei dreht es sich nicht um Kleinbeträge. Die Emix-Geschäfte des Bundes sollen bei rund 350 Millionen Euro liegen. […..]   In der Schweiz kaufte die Armeeapotheke in der ersten Märzwoche bei Emix 50.000 FFP2-Masken für umgerechnet 8,36 Euro das Stück. Zwei Wochen später 400.000 Masken für jeweils 9,36 Euro und noch mal gut 460.000 für 9 Euro. […..]   Minister Spahn soll persönlich Handynachrichten mit Tandler ausgetauscht und sich in die Beschaffung eingemischt haben. […..] 

(Spon, 15.01.2021)

Donnerstag, 14. Januar 2021

Gefährliche Meinungsfreiheit

Das habe ich sogar schon in der eigenen Familie erlebt.

Die Frau meines kalifornischen Onkels erklärte stets mit voller Emphase und grimmiger Überzeugung, niemals zum Arzt zu gehen. Sie lebten fast direkt am Strand und sie schwor auf die heilenden Kräfte der Elemente. Barfuß bei Sonnenaufgang am Pazifik fühle sie sich den Elementen so stark verbunden, da tanke sie auch, das sei heilsamer als jedes Medikament.

Außerdem fühlte sie sich von den abschreckenden Beispielen ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester bestätigt. Beide litten lange an bösen Schmerzen, aber als sie schließlich zum Onkologen gingen, wäre es schnell bergab gegangen. Die schulmedizinische Pharma-Behandlung habe sie umgebracht. Daher würde sie selbst auch niemals zum Onkologen gehen.

Kalifornien ist wie die gesamte USA, sehr heterogen. Einerseits Hightech, Heimat der Software-Giganten, andererseits mit total veralteter Infrastruktur, völlig maroden Straßen und Stromleitungen.

Kalifornien hat extrem wenige Krankenhausbetten pro Bevölkerung, schlecht versicherte Bürger. Es gibt viele Superreiche, für die Geld gar keine Rolle spielt und ein Heer von Obdachlosen und McJobbern, die gerade mal eben so über die Runden kommen.

Meine angeheiratete Tante lebte vollständig in einer Welt aus esoterischen Schwurblern, die alle genauso wenig wie sie von der Schulmedizin hielten.

Mit etwa 70 bekam sie immer öfter Schmerzen im Unterleib; ihre Kinder, also meine Cousins, bekamen davon aber gar nichts mit. Entweder verheimlichte sie es ihnen professionell, oder aber sie haben es in ihrem Sonne-Sommer-Strand-Surfer-Dasein im Lala-Land auch nicht wissen wollen, weil sie sich selbstverwirklichten.

Irgendwann fand sie ihre Nachbarin in ihrer gated-senior-community am Boden liegend und holte einen Krankenwagen.
Die Ärzte diagnostizierten diverse Tumore und setzten eine Not-OP an.

Es war offenbar kein schöner Anblick, nachdem sie den Bauch aufgeschnitten hatten. Alle Organe waren schon voll mit Metastasen. Es war viel zu spät, also nähten sie gleich wieder zu.

Aus der Narkose erwachte sie nicht mehr uns starb wenige Tage später.

Für ihre Esoterik-Freundinnen war damit wieder einmal bewiesen:
Lass niemals Onkologen oder Chirurgen an Dich ran. Die bringen einen um. Eben ging es dir noch gut und kurz nach der OP ist man tot.

Diese Geschichten gibt es in unendliche vielen Varianten natürlich auch in Europa.

Krebspatienten, die sich nur von ihrem Heilpraktiker und Homöopathen behandeln lassen, die auf Mistel-Tee und Globuli schwören, weil sich ihr Heilpraktiker um „den ganzen Menschen“ bemüht, sich so viel Zeit nimmt und jeden Patienten individuell behandelt. Das ist keine Medizinfabrik, da fühlt man sich geborgen und schöpft wieder Hoffnung. Außerdem sind Chemotherapie und Bestrahlungen bekanntermaßen oft schlimmer als die eigentliche Krankheit.

Wenn dann aber alles nichts genützt hat, der Krebs ins finale Stadium gelangt und man in höchster Todesangst doch im Krankenhaus landet, können die Onkologen auch nichts mehr machen.

Es ist der größte Frust der Onkologen solche Patienten zu erleben, denen sie mich sehr hoher Wahrscheinlichkeit hätten helfen können, wenn sie doch bloß rechtzeitig gekommen wären.

Dabei ist es keineswegs hochgeheimes Onkologen-Wissen, sondern inzwischen eine Binsenweisheit, die jeder Teenager aufsagen kann: Bei Krebs kommt es darauf an die Krankheit früh zu erkennen. Je früher, desto besser die Heilungschancen.

Daher hat der liebe Gott auch die vielen Vorsorge-Untersuchungen erfunden.

Deswegen geht man auch mindestens einmal im Jahr zum Zahnarzt und lässt den Dentisten an jedem Zahn rumkratzen. Wenn er eine winzige kariöse Stelle mit seinem beeindruckenden Okular-Aufsatz erkennt, kann er sie mit minimalem Aufwand entfernen und man ist nach ein paar Minuten wieder draußen.

Wer aber irgendeine ungewöhnliche Stelle an einem Zahn bemerkt, aber aus Angst vor dem Zahnarzt jahrelang alles verdrängt, bis die Schmerzen so unerträglich werden, daß man sich doch auf den Dentistenstuhl begibt, wird sehr gerunzelte Stirnen über sich erblicken und kann sich auf einige sehr unangenehme Sitzungen gefasst machen.

Und Überraschung, natürlich läuft es auch bei Corona so.

Wer sich rechtzeitig, wie in Taiwan oder Japan an die strengen Hygienemaßnahmen hält, auf Abstand achtet und stets eine Maske trägt, hat ein sehr viel geringeres Risiko angesteckt zu werden. Das Virus kann sich nicht entsprechend ausbreiten, die Kapazitäten der Krankenhäuser bleiben intakt, so daß jeder dennoch Infizierte die optimale Versorgung erhält.

So sterben weniger Menschen.

Genau das erleben wir überall in der Welt und bekommen das in den Todesstatistiken bestätigt.

Wo auch immer die Regierungen und damit auch große Teile der Bevölkerung die Pandemie nicht ernst nahmen, gegen Maskenpflicht rebellieren und sich Hygienemaßnahmen widersetzen, kommt es zum ganz großen Sterben.

In den USA ist die Lage vielerorts außer Kontrolle. Es gibt täglich über 4.000 neue Covid19-Tote. In Kalifornien werden Schwerstkranke inzwischen nicht mehr in die Krankenhäuser gefahren, weil die Intensivstationen derartig überlastet sind, daß zusätzliche Patienten den Betrieb gänzlich zusammenbrechen ließen. Die Triage sieht so aus, daß Infizierte mit starken Symptomen einfach zum Sterben in ihren Wohnungen gelassen werden.

(In Kalifornien sterben trotz der strengeren Lockdown-Maßnahmen mehr Menschen als im eher lockeren Florida, weil es in dem Rentnerparadies an der Süd-Ost-Küste sehr viel mehr Krankenhausbetten pro Einwohner gibt, sehr viel mehr Menschen versichert sind und durch die homogenere Bevölkerungsstruktur weniger extrem Arme gezwungen sind zu arbeiten. Außerdem gibt es an der Westküste durch die seit zehn Monate andauernde Lockdown-Maßnahmen eine Corona-Fatigue, so daß sich immer weniger Menschen um die korrekte Einhaltung kümmern.)

England machte sich lange lustig über die doofen EU-Europäer, die sich vor der Pandemie fürchteten. Im Alltag sah man kaum Masken.

Die Quittung kam heftig.

[……] Zaid Awad schneidet den röchelnden Patienten die Luftröhre auf, damit sie nicht ersticken. Dank ihm können sie dann wieder atmen. Weiterleben. Und weiterkämpfen, um nicht zu sterben. Er sagt: "Die Situation in den Krankenhäusern ist ernst. Ziemlich ernst."   Und zwar in ganz London. Die britische Hauptstadt ist gerade der Corona-Hotspot Europas. Jeder Dreißigste hat sich hier mittlerweile mit dem Virus infiziert. Während man in vielen deutschen Städten eine Inzidenz von mehr als 200 pro 100 000 Einwohner fürchtet, liegt sie in London bei 1000. In manchen Bezirken sogar über 1500. Bürgermeister Sadiq Khan hat vor einer Woche den Katastrophenfall ausgerufen. Er sagt: "In London ist die Ausbreitung des Virus außer Kontrolle." […..]

(SZ, 14.01.2021)

Der gleiche Zusammenhang in Deutschland. Die Bundesländer mit sehr hohem AfD-Wähleranteil und entsprechend vielen Covidioten, die sich den Lockdownmaßnahmen verweigern, melden gewaltige Inzidenzen.

(……) Zu den Sachsen fällt mir nichts mehr ein.

Wie kann man nur so fest die Augen vor der Realität verschließend und so selbstbewußt-zufrieden alle Fakten leugnen?

[……] In Zittau sterben so viele, dass das Krematorium nicht mehr hinterherkommt. Und trotzdem streiten sie hier immer noch über die Gefahr der Seuche. Szenen aus einer Stadt an der Grenze. […..]In Eibau, einer lang gezogenen Ortschaft, weht vor einem Fachwerkbauernhaus die Wirmer-Flagge, schwarz-goldenes Kreuz auf rotem Grund. Ein Symbol der Widerstandskämpfer des 20. Juli, Ende der Neunziger von Neonazis umgedeutet und heute gern geschwenkt von Pegidaleuten und "Reichsbürgern". Auf den Stufen zum Hauseingang steht eine Laterne in Schwarz-Weiß-Rot, am Gartenzaun hängt ein Plakat: "Schnauze voll, Maske ab!" […..]

(Christoph Koopmann, SZ, 29.12.2020)

Das Massensterben, der Inzidenzwert von 700, die drastische Übersterblichkeit – all das führt immer noch nicht zur Einsicht bei den Covidioten.

Diese Menschen sind gefährlich, weil sie nicht nur sich selbst gefährden, sondern die Vulnerablen in der Nachbarschaft, in der Familie ins Grab bringen. (…..)

(Borniertheit und Erkenntnisresistenz, 30.12.2020)

Der frühe Krebs-Tod meiner angeheirateten US-Tante wäre mutmaßlich zu verhindern gewesen, aber es war ihr Wunsch das so zu handhaben, niemand anders wurde gefährdet und ich respektiere die Freiheit über sein eigenes Leben und damit auch den Tod selbst zu bestimmen.

Bei Infektionskrankheiten handelt es sich um einen ganz anderen Fall, da die eigene Doofheit auch alle anderen massiv gefährdet.

Deswegen waren Boris Johnsons und insbesondere Donald Trumps Beispiel moralisch so extrem verwerflich. Sie sorgten erst für den Kontrollverlust und das Massensterben.

Und genau deswegen sollte man einem bösartigen Bornierten wie Trump, der ständig die Pandemie herunterspielt und die Anti-Maskers fördert unbedingt die Social Media-Accounts sperren, so daß sie nicht mehr so leicht ihre letalen Botschaften verbreiten können.

Der irre rechtsextreme verschwörungstheoretische Covidiot David Berger ist ein Paradebeispiel der Desinformation.

In abstruser Weise verkehrt er Ursache und Wirkung, führt die durch viel zu lasche Hygienemaßnahmen steigenden Todeszahlen auf zu viel und zu strenge Maßnahmen zurück.

Ein groteske Umkehrung der Wahrheit und eine tödliche Gefahr.

Er faselt Hildmannsch-morbide von „angeblicher Pandemie“ und fantasiert von bayerischen Kunststoff-Möhren, die man sich in den Hintern stecken soll, falls Corona anal übertragen werden sollte. Ohne NS-Vergleiche (Goebbels: „Wollt ihr den totalen Krieg?“) macht es der knitterköpfige Irre ohnehin nicht.

[…….]  Wollt Ihr den totalen Lockdown?  […….]  Ist Dummheit oder Bösartigkeit der Grund für dieses Versagen der Verantwortlichen? […….]   bei den Reaktionen der großen Mehrheit der Deutschen auf die apokalyptisch anmutende Endschlacht, in die uns Söder, Merkel & Co führen wollen. Wie immer bei solchen nationalen Kraftanstrengungen unterstützt von den zuvor über längere Zeit gleich geschalteten Medien und jenen gesellschaftlichen Kräften, die doch nur gehorsam ausführen, was man ihnen befiehlt. […….]  […….]  Und wer garantiert uns, dass wir in ein paar Monaten nicht zu hören bekommen, man habe die FFP2-Masken völlig vergeblich getragen, jetzt müssen man sich stets eine von einer bayerischen Firma exklusiv angefertigte Kunststoffmöhre in den After stecken, da Lauterbach eine Studie gefunden habe, nach der Corona vor allem anal übertragen werde?   […….]  Das heißt im Klartext: wir setzen hier etwas fort, das nachweislich gegen die angebliche Epidemie nichts hilft, aber enorme Kollateralschäden mit sich bringt, die in ihrer ganzen Wucht überhaupt noch nicht absehbar sind. Und die auf lange Zeit das tausendfache an Todesopfern fordern könnte als die bei dem überwiegenden Großteil der Menschen völlig harmlos verlaufende Corona-Infektion. […….]

(D. Berger, Phimosa Penis, 14.01.2021)

So denken sie an der AfD-Aluhut-Front.

Denken dürfen sie, aber die Verbreitung dieser destruktiven Lügen ist tödlich.

Bitte, Männer im weißen Kittel, holt ihn doch endlich ab und sperrt ihn weg!

Mittwoch, 13. Januar 2021

AfD-Denksportaufgabe.

Liebe Covidioten, Querdenker, Ploß, Sachsen-CDU, Werteunion, CSU, Merz, Phimose-Blog, AfD; liebe Braune!

Heute möchte ich keine Angriffe, keine Belehrungen, keine Kritik posten, sondern ein Experiment starten.

Ich schreibe sieben  Fakten und Nachrichten der letzten Tage auf und Ihr sollt aus diesen Meldungen ableiten, weshalb Xenophobie, Abschiebungen und aggressive Migrantenfeindlichkeit, Herr Merz, ganz oben auf Eurer Agenda stehen.

1.)

[…..] „Wir brauchen Millionen Arbeitskräfte aus dem Ausland“

Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit und damit Chef der mit 96.000 Mitarbeitern größten Behörde des Landes, sagt in unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ voraus, dass es schon bald wieder viel mehr Arbeit als Arbeitskräfte geben wird.  [……] „Unser größtes Problem in Deutschland ist nicht die Arbeitslosigkeit, sondern die demographische Entwicklung. Das werden wir nach der Pandemie sofort wieder erleben. In den nächsten Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Wir brauchen jedes Jahr eine Nettozuwanderung von 400.000 Arbeitskräften, um diesen Effekt annähernd ausgleichen zu können. Würde niemand aus dem Ausland zum Arbeiten nach Deutschland kommen, würde die Zahl der Erwerbspersonen bis 2060 um 15 Millionen zurückgehen. Es wird sehr darauf ankommen, dass wir aus Drittstaaten eine erhebliche Zuwanderung haben. […..]

(Abendblatt, 13.01.2021)

2.)

Journalisten fragen mich, ob Migranten unvorsichtiger mit Corona umgehen, weil die nicht verstünden, wie gefährlich es ist. Klar, in den Hotspots Sachsen u Thüringen leben ja mehrheitlich Migranten u die Querdenker sehen auch so aus, als kämen sie alle aus Türkei/Nahost/Afrika.

(Sawsan Chebli, 12.02.2021)

3.)

[……]   Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Pfleger Hamburg gewinnt Tausende Fachkräfte aus dem Ausland. […..]   Die Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse hat Hamburg in den vergangenen Jahren Tausende neue Fachkräfte beschert. Allein bezogen auf die 20 häufigsten Referenzberufe, wurden von 2012 bis 2019 fast 6700 Anerkennungsverfahren geführt, wie aus der Senatsantwort auf eine Große Anfrage der rot-grünen Regierungsfraktionen hervorgeht.    Der häufigste Beruf war dabei mit mehr als 2200 Verfahren der des Lehrers oder der Lehrerin, gefolgt von Gesundheits- und Krankenpflegeberufen sowie Ärztinnen und Ärzten. Die Betroffenen stammten größtenteils aus der EU. Zu den Hauptherkunftsländern außerhalb Europas zählten Syrien, Iran und Russland. „Die Gewinnung von Fachkräften ist ein Schlüsselthema, um den Wohlstand und die Lebensqualität in Hamburg aufrechtzuerhalten“, sagte der Migrationsexperte der SPD, Kazim Abaci, der Deutschen Presse-Agentur. „Unsere Stadt kann davon profitieren, dass Hamburg als Lebens- und Arbeitsort attraktiv, vielfältig und bunt ist.“ […..] Hamburg sei auf Zuwanderung angewiesen, gerade in den Bereichen Gesundheitswesen und Bildung. „In Hamburg wurden allein 825 Approbationen für Ärzte und Ärztinnen durch das Qualifikationsfeststellungsgesetz erteilt, 966 Abschlüsse medizinischer Fachkräfte konnten anerkannt werden.“  […..]

(MoPo, 13.01.2021)

4.)

[…..] Die Bevölkerungszahl in Deutschland ist nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts erstmals seit 2011 nicht gestiegen. […..] "Der entscheidende Grund liegt im Rückgang bei der Zuwanderung", erklärt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Wegen der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Reiseeinschränkungen seien weniger Geflüchtete, aber auch weniger Arbeitskräfte aus Ost- und Südosteuropa gekommen. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ging 2020 beispielsweise auch die Zahl der Asylanträge im Vergleich zum Vorjahr um 28 Prozent zurück. […..]  "Die Zahl der Geburten dürfte 2020 gegenüber dem Vorjahr leicht abgenommen haben und die Zahl der Sterbefälle spürbar gestiegen sein", heißt es beim Statistischen Bundesamt. Ein Grund für die höheren Todeszahlen, besonders gegen Ende des Jahres, sei offenbar auch die Corona-Pandemie, sagt eine Sprecherin der Behörde.   Die Zahl der Neugeborenen für 2020 liegt den Angaben zufolge bei etwa 755.000 bis 775.000. Dagegen wird die Zahl der Gestorbenen auf mindestens 980.000 geschätzt. Daraus ergibt sich ein Geburtendefizit von mindestens 205.000. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor wurden rund 778.090 Babys geboren und rund 939.520 Menschen starben. Das Geburtendefizit lag bei 161.430. […..]

(DPA, 13.01.2021)

5.)

[…..] Sedra Al Tarris ist 20 und spricht erst seit sechs Jahren Deutsch. Sie ist Ende 2014 aus Syrien geflüchtet, wenige Monate vor dem Sommer, der als "Europäische Flüchtlingskrise" in die Geschichte einging. Sie kam in eine der Willkommensklassen, die damals in ganz Deutschland eingerichtet wurden. Die Klassen hatten nicht den besten Ruf, sie wurden irgendwie zusammengewürfelt, es gab keine richtigen Lehrpläne und oft nicht einmal richtige Lehrer. Aber Sedra Al Tarris schaffte es. Erst aufs Gymnasium. Und diesen Sommer machte sie dann Abitur, im Corona-Jahr: Notendurchschnitt 1,3.      Sedra Al Tarris ist nicht die einzige Überfliegerin an ihrer Berliner Schule. Dort haben noch drei weitere syrische Jugendliche mit Bestnoten abgeschlossen, der Jahrgang hat Schlagzeilen gemacht. Von Berlins klügsten Abiturienten war die Rede, bei der Feier im Juni schaute sogar Bundesfamilienministerin Franziska Giffey vorbei. […..]

(Verena Mayer, SZ, 13.01.2021)

6.)

[…..] Schon in diesem Jahr werden mehr als 300.000 Menschen aus Altersgründen den Arbeitsmarkt verlassen. Im Moment hilft dies, Arbeitslosigkeit zu verhindern. Von 2025 an aber, wenn die geburtenstärksten Jahrgänge in Rente gehen, wird die Zahl auf mehr als 500.000 steigen – pro Jahr. Dann gefährdet der Mangel den Wohlstand. […..] Wirtschaft und Gesellschaft sind darauf angewiesen, dass Menschen hierher zum Arbeiten kommen. 2019 hatte bereits jede zehnte IT-Fachkraft einen ausländischen Pass. Selbst bei einer jährlichen Zuwanderung von 400.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter und einer steigenden Erwerbsquote, so hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung errechnet, wird die Zahl der Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten, bis 2035 sinken. Ohne würde sie regelrecht abstürzen. […..]

(Markus Dettmer, 04.01.2021)

7.)

In diesem Zusammenhang möchte ich dringend die SPIEGEL-Titelgeschichte über das Mainzer Biontech-Gründer-Ehepaar Özlem Türeci und Uğur Şahin empfehlen.

Die beiden habilitierten Spitzenforscher haben nicht nur quasi in Eigenregie den weltweit erste hochwirksamen Corona-Impfstoff entwickelt – und zwar schneller als die internationalen Pharmariesen, die mit Milliardenaufwand ebenfalls mit Hochdruck daran forschten, sondern sie sind persönlich auch noch die sympathischsten Menschen, die man sich vorstellen kann.

Völlig zu Recht feiert sie der SPIEGEL-Leitartikel als „Helden der Moderne“ und empfiehlt dem US-Nach­rich­ten­ma­ga­zin »Time« die beiden als Nachfolger von Joe Biden und Kamala Harris zur „Person des Jahres“ zu küren.

[….] Bi­ontech macht aber noch in an­de­rer Hin­sicht Mut: Şahin und Tü­re­ci sind nicht nur ex­zel­len­te For­scher, wie be­ses­sen da­von, die Mensch­heit von Gei­ßeln wie Krebs und töd­li­chen Vi­ren zu be­frei­en; das Paar tür­ki­scher Her­kunft ist auch der bes­te Be­leg da­für, wel­chen Nut­zen Mi­gra­ti­on für eine Volks­wirt­schaft stif­tet. So wie in den USA, wo zahl­rei­che der Tech-En­tre­pre­neu­re eben­falls aus Zu­wan­de­rer­fa­mi­li­en stam­men.       Die Fir­ma aus Mainz legt in­des noch mal ei­nen drauf: Der Kopf der For­scher­trup­pe ist eine Frau. Ohne Tü­re­ci, Şahins Ehe­part­ne­rin seit 18 Jah­ren, wäre Bi­ontech wohl nicht halb so viel wert. Die bei­den sind ein gleich­be­rech­tig­tes Team. Und bei al­lem Er­folg sind sie de­mü­tig ge­blie­ben. Der plötz­li­che Welt­ruhm spornt sie an, der da­mit ver­bun­de­ne Reich­tum be­deu­tet ih­nen per­sön­lich of­fen­kun­dig: gar nichts. Un­ter­neh­mer, wie man sie nicht bes­ser hät­te cas­ten kön­nen. […..]

(Steffen Klusmann, 02.01.2020)

(Wann werde ich geimpft?, 04.01.2021)

So, liebe Braune, puzzelt jetzt mal zusammen, wieso wir unbedingt weniger Zuwanderung in Deutschland brauchen.