Dienstag, 23. September 2014

Bad Vibrations.



Bei Landtagswahlen ist für mich einer der interessantesten Aspekte, was die harten Zahlen in den nächsten Wochen für einen „Spin“ entwickeln.
Der deutsche Michel wählt nämlich gerne die Partei, für die die Stimmung gut zu sein scheint. Parteiprogramm, Wahltaktik und politische Konstellationen sind vielen Wählern weniger wichtig, als das psychologische Wohlgefühl zu den Gewinnern zu gehören.
Wenn eine Partei es schafft mit Wahlerfolgen und positiven Erwartungen assoziiert zu werden, stellen sich diese Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich ein.
Oma Kowalski kreuzt gerne deswegen CDU an, weil sie annimmt, daß Merkel auch Bundeskanzlerin wird, bzw bleibt.

Landtagswahlen können sehr spezifische Ergebnisse haben, die nicht auf andere Bundesländer zu übertragen sind.
Extreme Ergebnisse können eine entsprechend extreme Ablehnung widerspiegeln oder eine extreme Zustimmung ausdrücken.

Für Ersteres sind die Wahlen in Kiel 1987/88 ein gutes Beispiel. Barschels CDU saß auf einer satten absoluten Parlamentsmehrheit und rauschte dann binnen eines Jahres auf 33% runter, während Engholm 55% holte. Der CDU-Skandal war so gewaltig, daß die Wähler aus echter Wut von ihr abwandten.
Ähnlich war es bei der jetzt schon legendären Hamburger Bürgerschaftswahl 2011 als die regierende CDU sagenhafte 21 Prozentpunkte verlor und auf 21,9% krachte, während die oppositionelle SPD aus dem Stand eine absolute Mehrheit holte. Hier war es auch eindeutig das Entsetzen über die CDU-Pleitenregierung von Christoph Ahlhaus. Olaf Scholz spielte (noch) keine entscheidende Rolle.

Gegenbeispiele sind die sogenannten „kleinen Präsidentschaftswahlen“ in Sachsen und Brandenburg von 1994.
CDU-Ministerpräsident Biedenkopf holte in Dresden 58%, während Kollege Stolpe in Potsdam 54% einfuhr. Die Landeskinder liebten ihre Landesväter, die sie zuvor das erste mal frei wählen konnten.

Solche Extrem-Ergebnisse versuchen die Bundesparteien selbstverständlich auszuschlachten und als Rückenwind für weitere Wahlen zu nutzen.
Aber diese Vorhaben sind wenig erfolgreich, weil sie zu offensichtlich nur bestimmten Personen und Konstellationen zu verdanken sind.

Manche Landtagswahlen nehmen aber viel stärker bundespolitische Schwingungen auf, so daß sich in ihnen ein Trend für oder gegen eine Parteienfamilie artikuliert. Dann können die Ergebnisse eine erstaunliche Dynamik haben und das ganze Land in Aufruhr versetzen.

Bekannte Beispiele dafür sind die Niedersächsische Landtagswahl von 1998, als der ohnehin potente und nach Höherem strebende Gerd Schröder sensationell zulegte und 48% für die SPD holte.
Am selben Abend warf sein innerparteilicher Kanzlerkandidatenkonkurrent das Handtuch und Helmut Kohls Schicksal war besiegelt.
Es hatte sich ein echter SPD-Spin entwickelt; jeder Journalist verglich den dynamischen erfolgreichen jungen Schröder mit dem offensichtlich ausgelaugten und reformunwilligen Kohl, der nach 16 Jahren im Amt immer noch nicht abtreten wollte. Gegen diesen Megatrend konnte die CDU nichts mehr ausrichten.

Einen ähnlich gewaltigen bundespolitischen Effekt erreichte die Landtagswahl in Nordrheinwestfahlen von 2005. Trotz sehr guter rotgrüner Bilanz unter Peer Steinbrück, gewann zum Entsetzen der SPD Jürgen Rüttgers das Land, welches immer stolz als „Herzkammer der Sozialdemokratie“ bezeichnet wurde.
Alle großen Presseorgane (außer ZEIT und SZ) hatten in den drei Jahren zuvor massiv die Schröder-Fischer-Regierung runtergeschrieben und überboten sich wöchentlich mit Lobeshymnen auf ihr damaliges Traumpaar Merkel-Westerwelle.
Das Düsseldorfer Ergebnis von 2005 wurde sofort zur Totenglocke der Bundesregierung erklärt. Kanzler und Vizekanzler; beide mit Sicherheit keine Mimosen, die bei medialem Gegenwind schnell umzukippen drohten, konnten nach dem Landtagswahlergebnis nicht mehr standhalten.
Das Ergebnis ist bekannt – am Ende des Jahres hieß die Bundeskanzlerin Merkel.

Die Wahlen in Thüringen und Brandenburg vom 14.09.14 ergaben nur für die Zwergparteien Piraten, FDP und AfD eindeutigen Spin.
Für die ersten beiden hat nicht nur das Totenglöckchen, sondern eine große Glocke geschlagen. Piraten und FDP erlebten den Toten-Dicker-Pitter. Zu tausenden fliehen die Mitglieder der Piraten und die FDP ist sogar schon vergessen. Einen „guten Spin“ erlebt zweifellos die AfD, die inzwischen demoskopisch auch bundesweit deutlich über 5% gesehen wird – ein weiterer Beleg für die die Wahlunfähigkeit des Urnenpöbels.

Über die etwas relevanteren Parteien ließen sich zunächst aus den Landtagswahlergebnissen keine klaren Schlüsse ziehen. Allerdings sehe ich erhebliche Probleme auf die Phlegma-Grünen zukommen. Antje Hermenaus Anbiederungskurs an die CDU ist kläglich gescheitert – sie verließ inzwischen die Politik und läßt ihre demoralisierten Sachsen-Grünen im Stich.

Angesichts der Vorstellung von Jürgen Trittins brillanten Buch „Stillstand“ schreibt die Süddeutsche Zeitung heute prominent auf ihrer „Seite 3“:

„Ein anderes Land ist möglich“, findet Jürgen Trittin. Derweil zerlegen sich die Grünen. Über einen Anführer ohne Partei – und eine Partei ohne Anführer.“

Wie wahr. Und wie dumm von den Grünen!
Wer nach der Bundestagswahl 2013 die fromme Spitzenkandidatin Göring-Kirchentag als Fraktionsvorsitzende einsetzt, Trittin rausschmeißt und sich gleichzeitig in Hessen den Rudimenten der Koch-CDU ausliefert, hat es nicht besser verdient.

Und die beiden Großen?
(Bzw „Größeren“; denn nach den 12,4% der SPD in Thüringen und Sachsen kann man ja kaum noch von einer großen Partei  reden.)

Obwohl Merkels Macht in Ländern und Kommunen weiter bedenklich erodiert, sitzt sie in der Bundespolitik extrem fest im Sattel.
Sie macht weiterhin ihre Lobbypolitik, hält sich programmatisch zurück und blamiert Deutschland international.
Der Urnenpöbel ist entzückt. Er liebt Stillstand im Kanzleramt. Die CDU-Chefin hat keinen Grund zur Sorge.

Unter großer internationaler Teilnahme findet heute der UN-Klimagipfel in New York statt. UN-Generalsekretär Ban, Obama und weitere 125 Staats- und Regierungschefs wollen endlich zur Tat schreiten.
Nur Merkel fehlt mal wieder. Ähnlich wie bei der Mandela-Beerdigung schwänzt sie gern hochkarätige Treffen, obwohl sie die einzigartige Gelegenheit bieten, unverbindlich und unkompliziert mit anderen Regierungschefs Großkrisen zu besprechen. (Mir war da so, als ob es im Moment durchaus das ein oder andere  Problem in der Welt gäbe….)
Merkel hat dazu aber keine Lust, weil das für sie Positionierungen bedeuten könnte. Sie will sich aber partout auf nichts festlegen und ewig schwamming weiter durch Deutschland mäandern.
Statt sich für die Klimarettung zu engagieren, umschmeichelt die Kanzlerin heute lieber beim BDI-Branchentreffen diejenigen, die das Klima ruinieren.
Der CDU bekommt dieses erbärmlich-kriecherische Verhalten erfahrungsgemäß sehr gut.

Nun der Blick auf die SPD; was sagen die ersten bundesweiten Umfragen nach den Landtagswahlen?
Absturz total – da sind sich die Institute einig.
Bei GMS schrumpft die SPD von 26% auf 24%. Noch schlimmer sieht es bei Forsa aus; dort sackt die SPD von 24% auf 22% zusammen.

Wie kommt’s?
Macht Gabriel nicht das Gleiche wie die Kanzlerin?
So scheint es. Der Vizekanzler ist heute auch beim BDI-Branchentreffen und umschmeichelt die Wirtschaftsbosse, der Vizekanzler hatte auch keine Lust auf UN. Der Wirtschaftsminister setzt sich ebenso wie die Kanzlerin in seiner Partei für das TTIP-Abkommen ein. Der SPD-Vorsitzende betreibt ebenso wie die CDU-Vorsitzende eine Verschärfung des Asylrechts, will Sinti und Roma in die Balkanstaaten abschieben, in denen sie massiv diskriminiert werden.
Sigmar Gabriel trägt ebenso wie Angela Merkel die perverse EU-Frontex-Politik mit, durch die täglich Menschen im Mittelmeer grausam zu Tode kommen.

Nur einen Fehler begeht der Vizekanzler: Er vergisst, daß seine Parteimitglieder kein CDU-Parteibuch haben, sondern ein Rotes.
Ob er es glaubt, oder nicht: Der gemeine Sozi ist eben nicht genau wie der CDU’ler. Er hätte lieber besseres Klima und weniger Kriechen vor der Industrie.

Montag, 22. September 2014

Schwarzen-Empathie Teil II



Das Thema Ebola ist ein großes, ein bedeutendes Thema.
In eindringlichen Worten beschreiben sieben SPIEGEL-Journalisten in der heutigen Titelgeschichte, wie sich die Krankheit bei den Betroffenen anfühlt.
Wie es ist, wenn Lorpu Moses, eine Mutter eines 16-Jährigen Sohnes mit eindeutigen Symptomen verzweifelt versucht ihnirgendwo hinzubringen, wo ihnen geholfen werden könnte. Wenn sie nach unmenschlichen Anstrengungen eine der wenigen Krankenstationen erreicht.

Doch die Wache am Zaun der Krankenstation hält die Pforte geschlossen. Das Ebola-Zentrum ist vollkommen überfüllt. „Mein Kind stirbt, lasst uns rein“, schreit Moses. Die Frau hat gehört, dass die Regierung die Angehörigen davor warnt, die Kranken zu Hause zu versorgen. Die Ansteckungsgefahr sei zu groß. Nun ist sie geschockt, dass sich kein Arzt für ihren todkranken Sohn zu interessieren scheint. Vor Wut und Verzweiflung wirft sich Lorpu Moses in den roten Straßenstaub, wälzt sich hin und her, neben ihrem Sohn, der dort im Sterben liegt und vor sich hindämmert. Schließlich rafft sie sich auf und ruft erneut ein Taxi. Sie hebt ihren Sohn auf und hilft ihm auf den Rücksitz. Sie will es bei einer anderen Krankenstation versuchen – aber in vielen Teilen Liberias gibt es keine funktionierenden Hospitäler mehr. Die Gesundheitsversorgung der Hauptstadt ist zusammengebrochen. Eine beispiellose Tragödie findet derzeit in Liberia statt. Mehr als 1400 Menschen sind in dem Land in den vergangenen Monaten bereits an dem Erreger gestorben; mehr als 2700 sind infiziert oder stehen unter Verdacht. Insgesamt haben sich in den betroffenen westafrikanischen Staaten Liberia, Sierra Leone, Guinea und Nigeria rund 5300 Menschen angesteckt. Das sind aber nur die offiziellen Zahlen. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß keiner. Fälle wie der von Lorpu Moses und ihrem Sohn sind typisch. Kranke, die hoch ansteckend sind, irren durch die Städte und Dörfer.
(Der Spiegel 39/2014 s.131)

Und doch ist das womöglich nur der Anfang einer Megakatastrophe.
Keiner kann abschätzen, ob Ebola noch aufzuhalten ist.
Man hätte es viel früher eindämmen müssen.

Mit Zehntausenden Infizierten allein in Westafrika rechnen US-Seuchenexperten in den kommenden Wochen. Die Uno vergleicht die Auswirkungen von Ebola bereits mit denen des Tsunamis in Südostasien 2004 – damals starben 230000 Menschen. Die apokalyptischen Szenarien versetzen nun auch die westliche Welt in Alarmstimmung. Insbesondere beschäftigt Seuchenmediziner die Frage, ob das Virus durch Mutationen noch gefährlicher wer- den könnte – etwa indem es leichter über- tragbar wird. Mit dramatischen Worten warnte Uno- Generalsekretär Ban Ki Moon vorige Woche vor einer weiteren Ausbreitung von Ebola. Die Seuche, so Ban Ki Moon vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, stelle eine „Gefahr für den internationalen Frieden und die Sicherheit“ dar.
(Der Spiegel 39/2014 s.132)

Das erbärmliche und schändliche Verhalten der deutschen Bundesregierung, also einem Kabinett, welches zu 100% aus praktizierenden Christen besteht, spottet jeder Beschreibung.
Die durchaus nicht unumstrittene Präsidentin Liberias (Danke an Jake) mußte BETTELN und dennoch ließ Merkel sie abblitzen.

Wohl noch nie hat eine Staatspräsidentin der Kanzlerin einen Brief geschrieben, der annähernd so bedrückend gewesen ist wie das Schreiben von Liberias Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf an Angela Merkel. Unmissverständlich warnt sie davor, dass ihr Land „die Schlacht gegen Ebola verlieren“ werde, wenn nicht auch Deutschland endlich mit Lazaretten und anderem helfe. Solche Briefe schreibt kein Staatsoberhaupt gerne. Es ist eine große Peinlichkeit, dass er nötig wurde.[…]
Nun ist die zögerliche Haltung der Bundesregierung an sich schon erbärmlich. Wenn man aber Tankred Stöbe zuhört, dem Präsidenten der deutschen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“, dann kann man dessen Zorn sehr gut verstehen. Stöbe hat jetzt geschildert, wie die Regierung trotz monatelangen Drängens der Ärzte nicht reagiert hat. Seit Juni sei nichts passiert, obwohl sich seine Organisation quasi den Mund fusselig geredet habe. Stöbes Resümee: Es sei „einfach blanker Zynismus“, angesichts der seit Monaten immer dramatischeren Lage noch immer von nötigen Feinabstimmungen zu reden. Schlechter kann das Urteil über eine Regierung kaum mehr ausfallen.
Dabei böte ausgerechnet die Ebola-Epidemie eine Chance zu zeigen, was mit dem Terminus „mehr deutsche Verantwortung“ für die Nöte in der Welt wirklich gemeint sein könnte. [….]
(Stefan Braun, SZ vom 19.09.2014)

Merkels sitzt es aus.
Die dritt-, oder viertgrößte Wirtschaftsmacht dieses Planeten schläft und läßt seit Monaten die Sterbenden achselzuckend im Stich.




Es sind ja „nur Schwarze.“ Das interessiert die frommen Damen und Herren Merkel, Steinmeier, Gauck, von der Leyen oder den extrem frommen Christen und Gesundheitsminister Gröhe nicht.

Nachdem Tausende gestorben sind und die Lage außer Kontrolle geraten ist, scheint nun auch die PR-affine Verteidigungsministerin zu ahnen, daß ihr Nichthandeln einen ganz miesen Eindruck bei ihren zackigeren Kollegen in London, Paris und Washington macht.

Aber selbst wenn sie handeln wollte; nach neun Jahren CDU-Pfeifen an der Spitze des Verteidigungsministeriums ist dort sowieso alles Schrott. Weder Jets noch Hubschrauber sind einsatzbereit.
Die stehen nur als Attrappen am Boden rum und die ollen Transall-Transportmaschinen aus den 1960er Jahren fliegen zwar theoretisch noch, sind aber so klein und veraltet, daß deutsche Hilfe mit den Dingern immer dankend abgelehnt wird.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind derzeit von 43 Hubschraubern der Marine nur drei einsatzbereit. [….]
Der Komplettausfall der 22 in den Achtzigerjahren eingeführten Helikopter zur Überwachung des Luftraums über der See und der Jagd nach U-Booten wäre für die Marine ein schwerer Schock, schließlich verfügen die Seestreitkräfte nur über insgesamt 43 Hubschrauber. Neben dem "Sea Lynx" sind noch 21 "Sea King"-Maschinen im Einsatz. [….] Bei den "Sea Kings" aber ist die Lage noch desolater. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind derzeit nur drei flugfähig. Zwei der noch einsatzbereiten Helikopter kommen erst in einigen Wochen mit dem Einsatzgruppenversorger "Berlin" aus dem Einsatz zurück. Derzeit steht nur ein Helikopter für Rettungseinsätze zur Verfügung - das verdeutlicht die katastrophale Lage der Marine.
Ob die restlichen 18 Hubschrauber je wieder einsatzbereit sein werden, ist ungewiss. Sechs dienen nur noch als Ersatzteillager, die übrigen "Sea Kings" werden mühsam repariert. Wegen ihres hohen Alters aber rechnet man nicht damit, dass eine große Zahl je wieder die Einsatzreife erreichen wird. [….] Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war die Spitze des Wehrressorts seit Mitte Juni informiert, damals gingen die Schadensberichte an Generalinspekteur Volker Wieker, der temporär den Rüstungsbereich übersah.  [….]

Meinen Glückwunsch an Jung, de Maizière, Guttenberg und von der Leyen! Das muß man erst mal schaffen die jährlich rund 35 Milliarden Euro für die Bundeswehr so zu verplempern, daß kein Fluggerät mehr funktioniert.
Immerhin mehr als zehn Milliarden Euro, also 10.000 Millionen Euro sind nur für „Militärische Beschaffungen, Anlagen“ eingeplant.
Und die CDU rühmt sich die Partei zu sein, die mit Geld umgehen kann!


Aber wenigstens werden die Militärbischöfe noch bezahlt.

Zu den Enthüllungen über den Bordhubschrauber Sea Lynx erklärt Agnieszka Brugger, Sprecherin für Sicherheitspolitik und Abrüstung:
Es ist unfassbar, dass diese Informationen die Abgeordneten erst mit dreimonatiger Verspätung erreichen. Ministerin von der Leyen hat mit ihrem Amtsantritt versprochen, im Verteidigungsministerium hinsichtlich Transparenz und Fehlerkultur grundsätzlich etwas ändern zu wollen. Nun stellt sich heraus, dass von den 22 Bordhubschraubern Sea Lynx der Marine kein einziger Hubschrauber flugklar ist, und dass dieser Umstand den Atalanta-Einsatz der Bundeswehr stark beeinträchtigt.
Frau von der Leyen hat mir ihren großen Antritts-Ankündigungen zwar viel Wirbel erzeugt, von mehr Transparenz und einer Idee zur Lösung der Probleme fehlt aber nach mehreren Monaten immer noch jede Spur. In der Realität ist bisher offenbar nichts passiert. Entweder wurden dem Parlament entscheidende Informationen vorenthalten oder die Ministerin war selbst völlig ahnungslos, dass auf absehbare Zeit keiner der Sea Lynx-Hubschrauber einsatzfähig ist. [….]

Ähnlich düster sieht es mit Personal in der Bundeswehr aus.
Falls sich eines fernen Tages die potentielle Merkel-Nachfolgerin dazu entschließen sollte den Ebola-Gebieten doch deutsche Hilfe zukommen zu lassen, so will sie in der Freiwilligen-Armee aber erst mal nach Freiwilligen fragen.
Dreieinhalb Jahre nach dem peinlichen Abgang des gegelten Barons von der Hardthöhe, herrscht in der Bundeswehr ob der vollkommen unfähigen Führung immer noch Chaos.
Schuld ist natürlich Frau Merkel, die Ministerien nicht nach Qualifikation besetzt, sondern wie im Falle Gröhe und von der Leyen möglichst vollkommen Fachfremde einsetzt.

In Monrovia wird der kranke Sohn von Lorpu Moses mit Sicherheit tot sein, bevor Deutschland aktiv wird.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sucht Freiwillige in der Bundeswehr, die sich an Hilfstransporten und medizinischer Versorgung für die Ebola-Opfer in Westafrika beteiligen. Die Freiwilligenarmee fahndet für einen Einsatz nach Freiwilligen in den eigenen Reihen. [….] Der Vorgang illustriert, dass Deutschland auch bei der humanitären Hilfe gern mehr verspricht, als es halten will oder kann. Obwohl die Seuche seit Monaten wütet, sieht es jetzt so aus, als müsse die Bundesrepublik mühsam Hilfe für die Betroffenen zusammenstöpseln, als gäbe es weder Pläne noch Vorbereitung für einen solchen humanitären Einsatz. Und das bei der Bundeswehr, die ja im Lazarettwesen besonders professionell arbeitet.
Die Seuche ist eine gewaltige Bedrohung, für Afrika und wohl auch für die Erste Welt. Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn man in diesem Land weniger Theoriedebatten über internationale Verantwortung und Militäreinsätze führen und mehr Geld und Mühe in konkrete humanitäre Hilfe stecken würde.
(Joachim Käppner, SZ vom 23.09.2014)

Und der Bundesgauck, der doch so sehr für internationales Engagement Deutschland streitet?

Der schweigt dazu.

Sonntag, 21. September 2014

Am eigenen Ast sägen.



Eigentlich wollte ich heute einen Nachruf auf die Piraten schreiben.
Aber die Ratten verlassen so panikartig das sinkende Schiff, daß man kaum noch hinterher kommt mit den Namen.

Binnen kürzester Zeit schmissen der ehemalige Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Oliver Höfinghoff, die Europawahl-Direktkandidatin Anne Helm (Stichwort „Bomber-Harris“), Anke Domscheit-Berg (Ex-Landesvorsitzende Brandenburg) und der amtierende Berliner Landeschef Christopher Lauer die Parteibücher hin.

Domscheit-Bergs Stellungnahme klingt auch ein wenig so, als würde sie das Schiff verlassen wollen, bevor es sinkt. Sie schreibt dort: "Die visionärsten Pirat*innen waren sogenannte progressive, sie verlassen gerade reihenweise die Partei." Die Piraten scheinen in Auflösung begriffen zu sein, die momentane Austrittswelle mit ihren prominenten Beispielen ist nur ein Symptom dafür. Domscheit-Berg will nicht zu den Letzten gehören, die den Absprung schaffen. Die Partei habe ein "Problem mit innerparteilicher Demokratie", diagnostiziert sie. Besonders hart geht sie mit dem sozialliberalen Flügel der Piraten ins Gericht: Konservativ, vergangenheitsgerichtet, ängstlich und spaltend sei dieser. "Mit denen hätte man in der DDR keine Mauer eingerissen", ätzt die Politikerin.

Aber diese Partei ist so offensichtlich tot, daß es unethisch wäre verbal noch auf dieser Politleiche herum zu trampeln.
Tschüß Piraten; es war nicht schön mit Euch; ich werde Euch nicht vermissen.

Wenden wir uns einem anderen in Deutschland sterbenden Verein zu, der allerdings bedauerlicherweise noch nicht den präfinalen Zustand erreicht hat.
Seit immer offensichtlicher wird, wie ihnen die Kirchen nach dem Portemonnaie trachten, schwellen die Austrittszahlen höchst erfreulich an.
Kurioserweise haben die beiden großen Kirchen völlig Recht, wenn sie jammern und klagen, das sei doch gar keine neue Steuer.
In der Tat – die Kirchen haben ihre Mitglieder immer finanziell ausgenommen. Bis vor wenigen Jahren funktionierte aber die Omertà besser. Man redete nicht drüber.
Zunehmend werden aber die Informationen, derer sich Atheisten schon lange bewußt sind, unter anderem durch TV-Dokus auch den einfachen Schafen bekannt.
In SPRINGERS rechter „Welt“ streiten zwei Christen über kirchliche Mitgliedbeiträge und es ist ausgerechnet der Fundamentalkatholik und Ratzinger-Fan Matussek, der wider den Mammon argumentiert.

Matussek: Kirchensteuer, das ist moderner Ablasshandel. Das ist – zumindest bei uns Katholiken – Sakramente nur gegen Vorkasse. Das halte ich für Perversion. Und Sie als Protestant müssten erst recht Sturm laufen!

Kamann: Wieso Vorkasse? Die Apostelgeschichte lässt keinen Zweifel, dass Christen an die Gemeinde Geld abzugeben haben. Dort müssen Hananias und Saphira sterben, weil sie vom Geld aus dem Verkauf eines Ackers etwas für sich behalten haben.

Matussek: Natürlich ist die Finanzierung der Gemeinde wichtig, aber das kann freiwillig geschehen. Ich war in vielen Ländern dieser Welt stationiert, aber nur in Deutschland werden die Gelder zwangseingetrieben, durch den Staat.

Offensichtlich setzt sich in der RKK trotz der billigen Schuhe des aktuellen Papstes eine Dyba-FSSPX-Ratzinger-Matussek-Linie durch:
Lieber eine kleine, aber feine Kirche.
Schon als mächtiger Präfekt der Glaubenskongregation hatte der feminine Bayer sich über die Weltjugendtage seines Vorgängers mokiert: Was nütze ein Zusammentreffen von zwei Millionen katholischen Jugendlichen, wenn anschließend der Platz voller Kondome liege, ätzte der strenge Mann im Tuntenkleid.
Mit seiner Rede von der „Entweltlichung“ der Kirche war genau das gemeint:
Die deutsche RKK solle lieber auf die vielen Milliarden verzichten, die ihr die Verflechtung mit dem Staat einbringe. Dafür müsse man dann aber auch kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, wenn der Staat dem Satanismus fröne.
(Satanismus = Pille danach, PID, Homos, Ehescheidung, Patientenverfügung, Kondome u.v.a.m.)

Möglicherweise wird der RKK gar nichts anderes übrig bleiben, denn nun scheinen auch die frommen Fernsehsender trotz all der Bischöfe und Kirchenvertreter in ihren Räten den Mut zu finden, kritische Fragen zu stellen.
Nächste Woche schlagen sogar die CDU-Freunde aus Mainz gleich zweimal ein.

FRONTAL 21
Wenn Bischöfe aus aller Welt am 5. Oktober 2014 im Vatikan zu einer zweiwöchigen Familiensynode zusammenkommen, werden Deutschlands Katholiken besonders aufmerksam nach Rom schauen. Die Erwartungen des Kirchenvolks sind hoch. Viele Gläubige hoffen auf ein Zeichen, dass ihre Kirche endlich wahrnimmt, dass die Morallehre mit der gesellschaftlichen Realität kaum noch in Einklang zu bringen ist.
In einer von Papst Franziskus in Auftrag gegebenen weltweiten Befragung der Kirchenmitglieder gaben die deutschen Katholiken ihrem Papst schriftlich Antwort, in welchen Bereichen sie dringenden Nachholbedarf sehen: Scheidungen, Zusammenleben vor der Ehe, Homosexualität, Zölibat - die Liste ist lang.
Die "Frontal 21"-Autoren Astrid Randerath und Werner Doyé haben mit Katholiken gesprochen und viele getroffen, deren Misstrauen gegenüber der Amtskirche genauso groß ist wie ihre Begeisterung für den neuen Papst.

Glaube, Liebe, Kapital
Die katholische Kirche und ihre Finanzen
Die katholische Kirche ist in einer großen Krise: Rund 179.000 Menschen sind allein im vergangenen Jahr ausgetreten. Hauptgrund für die neue Austritts-Welle: Die undurchschaubaren Finanzen.
Mindestens 30 Millionen Euro hat der Neubau der Bischofsresidenz in Limburg gekostet. Noch höher ist die Summe, die die Kirche in Rottenburg für einen Verwaltungsbau ausgegeben hat.
Doch woher hat die Kirche so viel Geld? Die ZDFzoom-Autoren Nina Behlendorf und Nicolai Piechota begeben sich auf Spurensuche und finden heraus: Die katholische Kirche lebt nicht mehr nur von Steuergeldern und Spenden. Sie ist mittlerweile ein Global Player, ein Unternehmen, das Gewinn erwirtschaftet und über Vermögen verfügt, das in keiner Bilanz auftaucht.




So eine PR ist den steinreichen Kirchenfürsten höchst unwillkommen.
Transparenz scheuen sie immer noch wie der Teufel das Weihwasser.
Die Oberhirten des Papstes und der EKD verstehen sich immer noch als Fürstbischöfe, deren Untergebene gehorchen sollen. Freche Fragen unerwünscht.

Der Maulkorb-Streit zwischen dem Trierer Bistum und der Mitarbeitervertretung geht weiter. Ein Vergleich ist gescheitert, nun muss das Arbeitsgericht entscheiden. Die Bistumsoberen wollen den Mitarbeitervertretern öffentliche Äußerungen verbieten.
Darf sich eine Gesamtmitarbeitervertretung (GMAV) in einer Pressemitteilung kritisch über die Sparpolitik von Bischof Stephan Ackermann äußern? Nein, meinen jedenfalls die Bistumsoberen und wollen dies der GMAV gerichtlich verbieten lassen. Einen vom kirchlichen Arbeitsgericht in Mainz gemachten Vergleichsvorschlag lehnte die Bistumsspitze jetzt ab. Der Vergleich biete "keine wirkliche Orientierungshilfe", inwiefern sich die Mitarbeitervertretung öffentlich äußern dürfte, sagte Bischofssprecher André Uzulis unserer Zeitung.
Damit muss nun voraussichtlich Anfang November das Mainzer Gericht entscheiden, ob die eher harmlose öffentliche Kritik ("Eine weitere Umsetzung der Sparmaßnahme ist nicht zu rechtfertigen") zulässig ist. Die Chancen, dass der Trierer Bischof und sein Verwaltungschef, Generalvikar Georg Bätzing, in Mainz recht bekommen, sind eher gering.

Kollege Schick in Bamberg, der in diesem Blog schon mehrfach als selbst für Bischofsverhältnisse extrem unsympathisch aufgefallene Erzbischof, gibt auch noch eine Kostprobe seiner diffamatorischen Ansichten.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat sich in einer Predigt vehement gegen jegliche Partnerschaften ohne Trauschein ausgesprochen.
Keine andere Lebensform dürfe der Ehe weder in der öffentlichen Meinung noch im Recht gleichgestellt werden, sagte Schick am Samstag.
(dpa 20.09.14)

Sex außerhalb der Ehe ist bähbäh, alle anderen Formen des Zusammenlebens sind bähbäh und überhaupt sollen die Weiber gebärfreudiger sein.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick beklagt, dass es in unserer Gesellschaft immer mehr Singles gibt und betont den Stellenwert von Ehe und Familie. Nur 375.000 Eheschließungen würden pro Jahr in Deutschland registriert, dem stünden rund 19 Millionen junge Menschen im heiratsfähigen Alter zwischen 20 und 39 Jahren gegenüber, sagte Schick am Samstag. Eine Frau bekomme in Deutschland durchschnittlich 1,4 Kinder. [….]  „Diese Zahlen müssen uns erschrecken, aber nicht wie das Kaninchen vor der Schlange, das darauf wartet, gefressen zu werden“, sagte Schick. [….]
„Wir müssen alles tun, damit die Ehe ihren Stellenwert bei unseren jungen Menschen wiedergewinnt“, sagte Erzbischof Schick und rief dazu auf, die Ehe nicht schlecht-, sondern gutzureden und der Familie höchste Priorität in der Gesetzgebung zukommen zu lassen. Dazu gehöre auch, dass keine andere Lebensform der Ehe weder in der öffentlichen Meinung noch im Recht gleichgestellt werde.
[….] Aufgabe von Kirche und Gesellschaft sei es, den Wert von Ehe und Familie als Keimzelle des Lebens und der Zukunft zu stärken. Dazu sollten sich auch Christen stärker in die Politik einbringen. Für den Mut zu Ehe und Familie sei der Glaube an den Gott der Liebe, der Zukunft für uns alle will, entscheidend. [….]