Das
war mal eine gute Idee, als der Spiegel vor Jahrzehnten damit begann seine Artikel
namentlich zu kennzeichnen.
Ich
schätze den Meinungsjournalismus sehr und lese am liebsten die politischen
Kommentare und Kolumnen in den Zeitungen und Wochenblättern.
Da
wird man mit der Zeit so richtig warm mit der Redaktion, wenn man die einzelnen
Schreiberlinge einschätzen, schätzen und geringschätzen kann.
Wenn
einer meiner Lieblinge einen Meinungsartikel unterschrieben hat, freue ich mich
gleich schon mal.
Und
außerdem spart die Namenskennzeichnung Zeit, weil man aussortieren kann.
Ich
meine zwar, daß man unbedingt auch Artikel lesen muß, die der eigenen Auffassung
widersprechen, aber einige Schreiberlinge sind einfach zu doof, zu einseitig
und zu vorhersehbar, um sich das anzutun.
Jan
Fleischauer von Spiegel-online zum Beispiel.
Seine linken Widerparts Jakob
Augstein und Wolfgang Münchau sind hingegen fast immer interessant.
Die
beiden mittleren Augsteins sind überhaupt klasse.
Allerdings
ist Franziska, 47, die Kolumnistin bei der Süddeutschen („das politische Buch“),
meiner Ansicht nach noch deutlich intelligenter und gebildeter als ihr
Halbbruder.
Was
sie schreibt, hat immer Hand und Fuß.
Jakob,
44, der löblicherweise Besitzer und Herausgeber der links-alternativen
Wochenzeitung „der Freitag“ ist, leistet sich schon eher Meinungen, die ich nicht
teilen kann.
Zum Beispiel stand er im Gegensatz zu Franziska fest an der Seite
Stephan Austs und konnte überhaupt nicht verstehen, wieso seine Schwester das
Niveau des SPIEGELs für „verflacht“ hielt.
Heute
schreibt Jakob Augstein über die Piraten, die er für populistisch im positiven
Sinne hält.
In den Nachbarländern sammelten rechte Populisten wie Frau Le Pen
oder Herr Wilders die populistischen Stimmungen ein, während hierzulande ZUM
GLÜCK die Piraten das Protestpotential abschöpften und es in ein interessantes
Politexperiment metamorphorisierten.
Daß
sie damit am Ende Frau Merkel die Macht sicherten, dürfe man aber den
Politneulingen nicht vorwerfen.
Es
heißt, sie zementierten Merkels Macht und ebneten
einer Großen Koalition den Weg. Warum? Weil es in einem Sechs-Parteien-Parlament
für Rot-Grün keine Mehrheit gebe. Das ist Polit-Zynismus. Wähler, die die Wahl
haben wollen, dürfen nicht ignoriert werden. Wer mit solchen Argumenten gegen
die Piraten vorgeht, folgt dem Kalkül genau jener wählerverachtenden
Polit-Arithmetik, gegen die früher die Grünen kämpften und gegen die sich jetzt
die Piratenpartei wendet.
Augsteins
Darstellung stimmt hinten und vorn nicht.
Wähler haben immer eine Wahl; die
fünf „Altparteien“ sind schließlich kein monolithischer Block, von dem sich nur
die Piraten unterschieden.
Außerdem sichern nicht „die Piraten“ Merkel die
Macht, sondern die (potentiellen oppositionellen) Wähler, die von Rot und Grün
abwandern.
Das ist auch nicht etwa Zynismus, sondern eine ganz schlichte Tatsache.
Ursache und Wirkung.
Jeder, der nicht rot oder grün wählt, macht es Schwarz um
eine Stimme leichter an die Kanzlermehrheit zu kommen.
Das ist zunächst einmal
kein Vorwurf, sondern eine schlichte Frage der Mathematik.
Völlig
unverständlich ist aber insbesondere der Vorwurf, daß „Polit-Arithmetik“ den
Wähler verachtete.
Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wer die Polit-Arithmetik
ignoriert, indem er beispielsweise mit roten Stimmen einen schwarzen Kanzler
wählt (2005!) oder mit klaren Helmut-Schmidt-Zweitstimmen (von 1980)
schließlich Kohl ins Kanzleramt hebt, verhält sich wählerverachtend.
Und
wann haben bitte schön, die Grünen gegen Polit-Arithmetik gekämpft?
Heute
kann ich Jakob Augstein in seiner piratophilen Altwählerschelte überhaupt nicht
folgen:
Er unterstellt hier immerhin, daß Grüne und Linke den Wählerwillen
verachteten und dem Urnenpöbel die Alternativen rauben wollten.
Also,
ich habe seit Jahren die newsletter aller Oppositionsparteien abonniert - mir
ist noch nie aufgefallen, daß die LINKE-Bundestagsfraktion sich darum bemühte
CDU und FDP alternativlos erscheinen zu lassen.
Und
selbstverständlich kommen auch von Grünen und der SPD diametral entgegen gesetzte
Konzepte zur Regierungspolitik.
In
Augsteins Kosmos ist aber offenbar nur Konzeptlosigkeit eine Alternative zu
jeder Konzeption.
Schließlich
idealisiert der junge Augsteinspross auch noch die augenblickliche Personalnot
der Piraten.
Als ob nicht gerade bei FDP, Linken (und gewisser Weise auch bei
Grünen und SPD) das Spitzenpersonal derzeit auf Schleudersitzen säße!
Aber
bei den Piraten gibt es keine Spur von Führerkult. Im Gegenteil: Politische
Geschäftsführerin Marina Weisband, Star der Partei, hat sich auf dem Parteitag
in Neumünster zurückgezogen, um ihr Psychologie-Studium in Münster fertig zu
machen, und die Amtszeit des Parteichefs bleibt auf ein Jahr begrenzt.
Klaus
Ernst und Fipsi Rösler überhaupt mit dem Begriff „Führerkult“ in einen Satz zu
bringen, fällt schon schwer.
Die beiden werden in weiten Teilen ihrer eigenen
Partei als Schießbudenfiguren angesehen, die man lieber heute als morgen los
wäre.
Fest im Sattel sitzt eigentlich
nur Frau Merkel.
Auch die Parteichefs von Grünen und SPD können mitnichten als
Führer Personalien bestimmen.
Beide eiern mit der Idee einer Spitzenkandidaten-Urwahl
umher und Frau Nahles hat in der SPD ungefähr die Autorität wie eine
Opel-Putzfrau beim CEO von General Motors.
Ob
Frau Weisband (eine der Piraten, die ich sogar sehr sympathisch finde) nur wegen
ihres Psychologiestudiums den Geschäftsführerposten abgibt, wage ich auch sehr
zu bezweifeln. Da gibt es seit vielen Wochen auch ganz andere Gerüchte.
Daß
eine so junge Partei wie die Piraten noch keine Persönlichkeiten wie Kohl oder
Brandt, die über Dekaden die Parteiführung dominierten, herangezüchtet hat ist
auch kein konzeptioneller Ausstieg aus dem Prinzip „Führerkult“, sondern ganz
normal für Neulinge.
Bei Linken und Grünen gab (und gibt) es das in der
Anfangsphase genauso.
Selbst
in der FDP kann man kaum von Führerkult sprechen; dazu haben sich Bangemann,
Lambsdorff, Kinkel und Gerhard viel zu schnell an der Bundesspitze abgelöst.
Noch
beeindruckender ist die Länge der Sozi-Vorsitzenden-Liste allein seit der deutschen
Vereinigung:
Hans-Jochen Vogel, Björn Engholm, Johannes Rau kommissarischer
Vorsitzender, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder, Franz
Müntefering, Matthias Platzeck, Kurt Beck, Frank-Walter Steinmeier kommissarischer
Vorsitzender, Franz Müntefering, Sigmar Gabriel.
Führerkult?
Im
Gegensatz zu Augsteins Idealbild von den selbstlosen Kurzzeit-Vorsitzenden, die
es nur bei Piraten gäbe, ist die Führungsfigur einer großen Organisation mit Nichten
egal.
Auf sie wird alles projiziert.
Einen Deppen an der Spitze vertragen weder
Daimler-Benz, noch der Vatikan noch die FDP, ohne ziemlich schnell zu
schrumpfen.
Ich
prophezeie hiermit, daß der neue Oberpirat Bernd Schlömer auch keine
irrelevante Projektionsfläche sein wird, sondern eine Person, die als Symbol
der jüngsten Partei eine Menge Leute ernüchtern wird.
Ich
gebe zu; bis vor ein paar Tagen kannte ich den Namen Schlömer auch noch nicht.
Aber nun wird man auf ihn achten.
Und
wäre ich Piraten-Fan, würde mir nach den ersten Beschreibungen des Neuen in der
Runde der Parteivorsitzenden ganz schön mulmig.
We’ll
see.
Vielleicht überrascht mich Schlömer ja auch positiv.
Aber
zunächst einmal senke ich meine Daumen:
Schlömer,
41, Katholik, ist Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium. Der in Berlin
lebende gebürtige Meppener hat Frau und zwei Kinder und ist kerniger
Ex-Panzergrenadier.
Auslandseinsätze
der Bundeswehr unterstützt er leidenschaftlich und tritt auch für deutsche
Waffenexporte ein. (Wahlausschlußkriterium!)
Die totale Offenheit der Piraten, möchte die
von Augstein hochgelobte einzige Politalternative gleich mal einschränken.
Darüber
hinaus ist Schlömer kein Vertreter der totalen Transparenz – und damit
anschlussfähig an die Maßgaben anderer Parteien. Ein vertrauliches Gespräch
müsse etwa in Koalitionsverhandlungen möglich sein, sagte er im Vorfeld des
Parteitags dem Tagesspiegel. Spannend wird zu beobachten sein, wie Schlömer
sich in dem parteiintern schwelenden Streit um die Bedeutung der
Abstimmungssoftware Liquid Feedback verhalten wird: dazu, ob sie weiterhin nur
zum Einholen von Meinungsbildern oder als vollgültiges Entscheidungssystem
genutzt werden soll.
[…]
Nerven könnte er darüber hinaus in der öffentlichen Debatte mit der Sprache des
Sozialwissenschaftlers, die bei ihm oft wie ein Versuch wirkt, derartige
Zahnlosigkeit zu kaschieren. Denn zwar steht Schlömers kumpeliges Auftreten in
angenehmem Kontrast zu dem seines extrem konzilianten Vorgängers Sebastian
Nerz. Wer aber Rechtsextremismus in der Partei mit „gesprächsbasiertem
Monitoring“ bekämpfen will, darüber hinaus einen „Masterplan“ für den Weg der
Partei zur Bundestagswahl 2013 auflegen möchte und zugleich darauf verweist,
dass die Programmfindung natürlich ein „Bottom-up-Prozess“ sei, wird früher
oder später den Spott der Medien auf sich ziehen. Was Schlömer dann helfen
wird: der große Rückhalt in der eigenen Partei.
Wie
kann man so bekloppt sein, und eine Pfeife mit Pseudostudium aus dem
Öffentlichen Dienst zum Vorsitzenden wählen?
Da ist doch sofort alle Glaubwürdigkeit dahin! Es geht doch genau darum, diese
Staats-Schmarotzer abzuwürgen, oder habe ich da etwas mißverstanden?
Piraten haben fertig. Bereits im Ansatz.
Das
Problem ist nicht sein öffentlicher Dienst – er betreibt und lebt
Kriegspropaganda für den Kriegsminister.
Das ist weder sozial noch in irgendeiner Art und Weise neu.
Solange die Piraten so stinkbürgerlich und ideenfrei bleiben – werden sie auch
ganz schnell verschwinden – oder zur Ersatz-FDP mutieren…
Gewollt..??
Ja
ich finde die Wahl von Herrn Schlömer auch sehr bedenklich, schon hat man
wieder Beamte an der Spitze. Und gerade das Beamtentum in Deutschland kostet
uns Milliarden und gehört abgeschafft, das wird mit einem Beamten an der Spitze
wohl nicht möglich sein überhaupt in diese Richtung zu denken. Es verwundert
mich zutiefst das hier soviel Blauäugigkeit im Spiel ist..
Die
Herrschenden haben die Piratenpartei nun endgültig als auch nur halbwegs oppositionelle
Kraft liquidiert und sich einverleibt. Neuer Vorsitzender ist ein
Militärbürokrat (Mitarbeiter im BMVg). Das ist schon ziemlich widerlich.
Widerlich ist auch, dass seine Arbeitsstelle hier verschwiegen wird.
Musste
es unbedingt einer aus dem Kriegsapparat sein? Und komme mir bitte niemand mit
“Der betreut ja nur die Bundeswehrhochschulen”. Damit ist er genau so ein Rad
in der Mordmaschienerie.
Gibt’s
eigentlich schon eine interne Gruppierung “Piraten für Krieg und
Imperialismus”. Obwohl, jetzt, da ein Kriegs- und Militarismusprofiteuer mit
großer Mehrheit gewählt wurde, ist wohl die gesamte Partei ohnehin auf Linie
gebracht.
Schöne neue EU-Welt..:-)
Während die paramilitärisch gesonnene Machtelite Spaniens das
Kommunikationsmedium Internet in Demonstrationsfragen zu “organisierter
Kriminalität” erklärt und EU-Aktivisten-abwährend das schengener Grenz-Abkommen
ausser Kraft setzt, wählt die e-learning deutsche Polit-Sektion des
“europäischen Frühlings” in vorauseilendem EU-Gehorsam dann doch lieber einen
DIPLOM-KRIMINOLOGEN im Range eines Regierungsdirektors des bundesdeutschen
VERTEIDIGUNGSMINISTERIUMS an ihre Spitze…:-))
P.S:
„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen
Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“