Dienstag, 29. September 2020

Outing – Teil II

Es ist immer schade, wenn Angehörige einer Minderheit aufgrund eigener Diskriminierungserfahrungen nicht daraus lernen.

Oft ist das zwar der Fall; daher gelten schwule Männer allgemein als etwas liberaler als der Durchschnitt ihrer Gesellschaft. Sie haben selbst erlebt wie es ist schief angesehen zu werden wegen einer Sache, die man sich nicht ausgesucht hat.

Unterdrückung, Missbrauch und Diskriminierung in jungen Jahren führen aber leider manchmal auch dazu später selbst zu diskriminieren unterdrücken und zu missbrauchen.

Ein Beispiel dafür ist das berüchtigte brutale Großvater-System "Djedowschtschina" in der russischen Armee.

(…..)  Homo-Vergewaltigungen werden auch immer wieder aus der russischen Armee berichtet. Dort führt das berüchtigte und ultra-brutale Großvater-System unter den Wehrpflichtigen zu mehren Suiziden jeden Tag.

[Um] Andrej Sytschow […..das] Leben zu retten, mussten die Ärzte beide Beine und seine Genitalien amputierten.    Gewalt unter Kameraden gehört zur russischen Armee wie Gleichschritt und Schießübungen. Erpressung, Prügel, Folter und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Die Soldaten sind sich selbst die größten Feinde.  Der Volksmund nennt die Misshandlungen von Rekruten durch ältere Soldaten "Djedowschtschina", "Herrschaft der Großväter". Wer Erniedrigung und Schmerz im ersten Dienstjahr übersteht, gibt diese Grausamkeiten an nachfolgende Rekruten weiter. [….] Das Komitee der Soldatenmütter, eine Menschenrechtsorganisation, die gegen die Missstände kämpft, registriert jedes Jahr etwa 2000 Todesfälle in der Armee - in Friedenszeiten. Ein großer Teil lasse sich auf Misshandlungen zurückführen. Im vergangenen Jahr haben nach Angaben der Militärstaatsanwaltschaft 341 Soldaten ihrem Leben freiwillig ein Ende gesetzt.   Auslöser soll nach Expertenmeinung auch hier in den meisten Fällen die brutale Quälerei gewesen sein. Die Dunkelziffer der Gewaltfälle dürfte noch weit höher liegen. [….]

 (O. Bilger, SZ vom 11.11.2008)

In Deutschland gibt es "Djedowschtschina" vermutlich nicht in dieser extremen Form und in Amerika bringen sich die Soldaten statt während der Grundausbildung, überwiegend erst nach den Militäreinsätzen selbst um. […..]

(Anal-Soldaten, 20.03.2017)

Die jüngsten Soldaten werden gequält, vergewaltigt und wer nicht in den Suizid getrieben wird, quält und vergewaltigt zwei Jahre später als erfahrener Rekrut wiederum die Neulinge.

Opfer werden zu Tätern. Oft sind Sadisten, die Kinder quälen selbst als Kind Opfer geworden und traumatisch gequält worden.

Wer von seinem Vater geschlagen wurde und täglich erlebte, wie seine Mutter ebenfalls misshandelt wurde, behandelt später als Erwachsener mit höherer Wahrscheinlichkeit auch seine Frau und seine Kinder schlecht.

Missbrauch und Diskriminierung werden vererbt.

Aber auch ohne eine Generation weitergereicht zu werden, können Diskriminierungserfahrungen dazu führen andere zu diskriminieren.

Einen noch Schwächeren zu suchen, an dem man den Frust auslassen kann, der sich ansammelte, als man von Stärkeren misshandelt wurde, kann ein psychologisches Ventil sein.

Ein groteskes Beispiel für diese Ventilfunktion ist die legendäre kalifornische „Proposition 8“ am 4. November 2008. In der Volksabstimmung wurde beantragt die gleichgeschlechtliche Ehe NICHT der Hetero-Ehe gleichzustellen.

    Absatz 1. Titel

        Dieses Gesetz soll als „Eheschutzgesetz Kaliforniens“ bezeichnet und zitiert werden.

    Absatz 2. Artikel 1, Absatz 7.5 wird der Verfassung Kaliforniens mit folgendem Inhalt hinzugefügt:

        Absatz 7.5. Nur die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau ist in Kalifornien gültig bzw. wird in Kalifornien anerkannt.

(Proposition 8)

Im sehr liberalen und LGBT-freundlichen Kalifornien war bei dieser Volksabstimmung durchaus eine Ablehnung erwartet worden. Der heutige kalifornische Gouverneur und damalige Bürgermeister von San Francisco hatte schon begonnen Männer mit Männern und Frauen mit Frauen zu verheiraten.

Alle schienen begeistert.

Tatsächlich wurde die Proposition 8 aber mit 7 zu 6,4 Millionen Stimmen (52%:48%) angenommen.

Der Grund war die gleichzeitig stattfindende Präsidentschaftswahl Obama gegen McCain.

Die Aussicht erstmals in der US-Geschichte einen nicht weißen Mann als US-Präsidenten zu bekommen, hatte die schwarzen Kalifornier so elektrisiert, daß sie sich stärker als je zuvor an der Wahl beteiligten. Ausgerechnet unter Afroamerikanern, die auch religiöser als der Bevölkerungsdurchschnitt sind, waren aber die Vorbehalte gegen die gay marriage am größten.

Offensichtlich ist es für die selbst Diskriminierten überdurchschnittlich wichtig selbst wiederum auf eine andere Minderheit herabgucken zu können.

Es gibt ähnliche empirische Befunde über New Yorker Juden, die wiederum überdurchschnittlich kritisch auf Schwarze herabblickt.

Juden, Schwule, Schwarze – ein Elend; statt sich als Minderheiten zusammen zu schließend und den Kreislauf der Diskriminierung zu durchbrechen, diskriminieren sie sich noch gegenseitig, um das eigene Selbstbewußtsein etwas zu heben.

Glücklicherweise gilt das nicht für jedes Individuum; alle diese Minderheiten neigen politisch eher den Demokraten zu und unterstützen daher eine liberalere Ausrichtung der Gesellschaft, in der niemand diskriminiert wird.

Wer selbst aus Lust und Überzeugung diskriminiert, weil er „white supremacist“ oder Rassist oder Nazi oder Evangelikaler ist, fühlt dich besser bei den Republikanern und ihrem offen rassistischen und hetzenden Donald Trump wohl.

Bei den Trump-Rallys findet man daher auch kaum Schwarze, wenig Juden und sehr wenig offen Schwule.

Letztere können allerdings ungeoutet und unerkannt unter homophoben Konservativen leben. Man sieht es nicht jedem an.

Bei einigen „steht es allerdings drauf“; da braucht es kein besonders entwickeltes gaydar.

Marcus Bachmann, Ehemann der legendären Michele und Betreiber mehrerer Homo-Hetero-Umpolungskliniken:

Dieser bekannte Religionsführer:



Die garstige Lindsey:

Queen Mike:

 



Überrascht war ich allerdings vom Outing der kleinen Erica:

  


 

 

Montag, 28. September 2020

Rechts-Schizophrenie

Wenn man Faschisten „Faschisten“ nennt, sind die beleidigt.

Wenn das Verwaltungsgericht Meiningen entscheidet, der thüringische AfD-Chef Björn Höcke darf Faschist genannt werden, ist der Mann, dessen Texte denen aus Hitlers „Mein Kampf“ derartig ähneln, daß noch nicht einmal wohlmeinende Parteifreunde eine Unterschied finden können, beleidigt.

Faschisten wollen nicht Faschisten genannt werden und weisen weit von sich Faschisten zu sein.

Faschisten sind derart darüber empört als Faschisten angesehen zu werden, daß man meinen könnte, sie hätten etwas gegen Faschisten.

Wenn dem aber so wäre, sollten die „Faschisten“ genannten Faschisten mit den Antifaschisten übereinstimmen. Schließlich betonen sie bei jeder Gelegenheit ihre Rechtsstaatlichkeit und Rechtstreue. Im deutschen Rechtsstaat ist aber der Antifaschismus Grundkonsens. Darauf wurde das deutsche Nachkriegsrechtssystem gegründet – nach dem Mord an sechs Millionen Juden dürfe es nie wieder Faschismus, nie wieder Antisemitismus geben.

Wären die Faschisten rechtsstaatlich und nicht bloß rechts, wäre ihre Israel-Verbundenheit rechtmäßig.

[….] Wir sind pro-amerikanisch und pro-israelisch. Nicht nur aus einer wohlverstandenen Dankbarkeit bzw. historischen Verantwortung, sondern auch, weil der moderne Staat Israel als einziger Staat im Nahen Osten weltweit ein Vorbild für die Abwehr des aggressiven Islam und das gleichzeitige Hochhalten von Menschenrechten und Demokratie ist. [….]

(David Berger, Pipi)

Wären Faschisten genannte Faschisten so pro-israelisch, wären sie Anti-Faschisten und somit rechtsstaatlich, statt nur rechts.

Sie sind aber Anti-Antifaschisten.

Nur eins hassen Faschisten noch mehr als Faschisten genannt zu werden: Die Antifaschisten. Sie kübeln eine derartige Hetze gegen die von ihnen „Antifa“ und „Antifanten“ geschmähten Antifaschisten aus, daß man fast annehmen könnte, die Faschisten wären doch Faschisten und echauffierten sich daher über Antifaschisten.

Aber die Faschisten sind auch pro-amerikanisch und die der Oberamerikaner und Oberbefehlshaber der antifaschistischen Armee, die einst nach Europa kam, um den Kontinent vom Faschismus zu befreien und den Faschisten Hitler zu bekämpften, erkennt die wahren Terroristen im Antifaschismus.

[…..] US-Präsident Donald Trump will im Falle seines Wahlsiegs am 3. November nach eigenen Angaben den rassistischen Ku-Klux-Klan und die Antifa als Terrororganisationen einstufen. […..]

(Spon, 25.09.2020)

Der Rassist mit der jüdischen Tochter, der dem faschistischen Mob der Neonazi „Unite the Right rally“ in Charlottesville, Virginia im August 2017 bescheinigte „very fine people“ zu sein, nachdem sie die faschistischen Slogans "Jews will not replace us" und "Blood and Soil" grölten, will auch kein Faschist sein.

Daher hasst er die Anti-Faschisten.

Sonntag, 27. September 2020

Apokalypse Jetzt

Das Mutterland der Demokratie, das berühmte System der Checks And Balance schien gegen alle Stürme gerüstet, über Jahrhunderte stabil.

Aber ein Viertel Jahrtausend funktionierte die US-Verfassung eben nicht für die Majorität, sondern nur für die Minderheit der weißen, christlichen, konservativen, heterosexuellen Männer.

Die Mehrheit aus Frauen, Native Americans, Ungläubigen, Schwarzen, Sklaven, asiatischen Amerikanern, Schwulen und Latinos kam unter die Räder. Entrechtet, diskriminiert, getötet.

Einige wenige Jahrzehnte schien die US-Verfassung sich auch auf das bunte und diverse Amerika zu erstrecken, aber die seit 20 Jahren immer extremistischer werdenden US-Republikaner und die Trump-Präsidentschaft rissen die Constitution nieder.

Das Wahlrecht mit massenhafter Wähler-Unterdrückung ermöglicht es Millionen den Demokraten zuneigende US-Amerikaner von der Wahl auszuschließen.

 

Das System ist derartig in Schieflage geraten, daß sogar ganz ohne illegale Mauscheleien ein Republikaner mit bis zu zehn Millionen Stimmen weniger als der demokratische Kandidat die Präsidentschaftswahl gewinnen kann. Um sicher eine Wahl zu gewinnen benötigen die Demokraten zehn Prozent mehr Stimmen als der Gegner.

Inzwischen ist es aber nicht nur das schiefe ungerechte Wahlrecht, welches US-Präsidentschaftswahlen so ungerecht macht. Es ist der oberste Verfassungsschützer selbst, nämlich der amtierende US-Präsident, der den innersten Kern der Demokratie zertrümmert, indem er den friedlichen Machtwechsel durch Wahlen in Frage stellt.

Die Trump-Nation befindet sich in einer veritablen Systemkrise; ihre Institutionen, die Kriege und Krisen überwanden, sind am Ende.

Der unbedingte Wille Trumps und der Republikaner nach dem Tod der Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg eine ultrafanatische systemverändernde Religiotin ins höchste Gericht zu schicken zeigt das nur zu deutlich. Schon bevor sie den Personalvorschlag Amy Coney Barrett kannten und daher noch gar nichts über die Eignung der Frau, die „das Reich Gottes aufzubauen“ will sagen konnten, tönten Chef-Senator McConnell und der Vorsitzende des Justizausschusses Graham bereits auf jeden Fall Trumps Kandidatin zu wählen.


  […..] Staaten wanken, wenn ihre Institutionen schwach und aus der Zeit gefallen sind. Die USA stellen gerade fest, dass ihre Institutionen in diesem Herbst in schwere Schieflage geraten - eben weil sie dem rauen Klima nicht mehr standhalten und veraltet sind. […..] Die Nachbesetzung einer Richterstelle für das Oberste Gericht ist im parteiisch aufgeladenen Rechtssystem der USA allemal ein unfriedlicher Augenblick, der gerne mal ein Jahr anhält. Die außergewöhnliche Trump-Präsidentschaft benutzt diesen Politisierungsturbo nun, um nicht nur die heiß ersehnte dritte Richterstelle auf die Seite der Konservativen zu schaufeln, sondern um jede Menge Beifang einzusammeln: Sie mobilisiert Wähler, sie treibt die Lager hübsch auseinander, sie diszipliniert die eigenen Senatoren. […..] Die Jahrhundertpräsidentschaft von Donald Trump hat Institutionen spröde werden lassen. Die Exekutive hat das Vertrauen der Bürger verloren, Corona hat ihr den Rest gegeben. Die Legislative hat längst den Anschein der Erhabenheit aufgegeben. Und die Präsidentschaft versöhnt nicht, sie verhöhnt.    Die USA zahlen nun einen beachtlichen Preis für ein hoffnungslos aus der Zeit gefallenes System. Das beginnt beim Wahlrecht, dessen Ungerechtigkeit von niemandem mehr bestritten wird. Das setzt sich fort in einer Administration, die nicht für faire, gleiche und gerechte Wahlen zu sorgen in der Lage ist. Das spiegelt sich in einer Wahlkarte, die durch Manipulation parteipolitisch festgelegt ist. Die Hauptstadt Washington hat mit einer größeren Wählerzahl als Vermont oder Wyoming überhaupt keine Stimme. […..] Die USA, das zeigt der Tod der Richterin Ruth Bader Ginsburg, haben ein Rechtsproblem, ein Strukturproblem, ein Systemproblem. Das sind zu viele Probleme auf einmal, erst recht vor einer Wahl. [……]

(Stefan Kornelius, 22.09.2020)

Die Demokraten stellen zwar eine Bevölkerungsmehrheit, sind aber dennoch den Republikaner meist unterlegen, weil sie über weniger Skrupellosigkeit und weniger kriminelle Energie verfügen.

So kann die GOP Macht konzentrieren, während sich irrlichternde Linke verzetteln und durch sinnloses Lamentieren einen ultrakonservativen Durchmarsch ermöglichen.


Würden doch Pelosis Demokraten endlich auch die Samthandschuhe ausziehen! Nur ganz grobe Klötze helfen gegen republikanische Politiker. Ihre 60 bis 70 Millionen vollkommen fanatisierten Wähler sind ohnehin für jedes vernunftbasierende Argument unzugänglich; für immer verloren im Gaga-Strudel der hassverzerrten Verschwörungstheorien.

[…..] Auf dem Spiel stehe, schrieb ein Kommentator in der Zeitung USA Today, "das politische Heil der Republik".   […..] Bei den Demokraten überwiegt dagegen die Wut. […..] Führende Vertreter der Demokraten drohten dem republikanischen Mehrheitsführer Mitch McConnell am Sonntag bereits mit Rache: Wenn die Republikaner über die Nachfolge Ginsburgs noch vor den Wahlen entschieden, die Demokraten aber die Kontrolle über den Senat erlangten, werde das Konsequenzen haben, sagte Chuck Schumer, der demokratische Fraktionschef im Senat: "Alles kommt auf den Tisch."   In demokratischen Kreisen kursiert bereits länger die Idee, den neunköpfigen Supreme Court um einige weitere Mitglieder aufzustocken. Indem man zwei oder vier zusätzliche progressive Richter ernenne, könne man die Balance des Gerichts nach links verschieben - so diese Theorie. […..]  "Wenn er 2020 eine Abstimmung durchführt", twitterte der Abgeordnete Joe Kennedy über Mitch McConnell, "dann stocken wir das Gericht 2021 auf." "Packing the court" nennt sich dieses Vorhaben im Amerikanischen. Das Politikportal Axios nannte es die "Armageddon-Option".[…..] Wäre der Filibuster erst einmal weg, könnten sich die Demokraten im Senat auch gleich daran machen, die Hauptstadt Washington sowie das US-Außengebiet Puerto Rico zu eigenständigen Bundesstaaten zu erklären - und ihnen je zwei Sitze im Senat zuzugestehen, die vermutlich von Demokraten besetzt würden. Auch daran denken Vertreter der Opposition, wenn sie wie Chuck Schumer sagen, dass "alles auf dem Tisch" sei.   Und als wäre diese Drohkulisse noch nicht groß genug, deutete Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, in einem TV-Interview vom Sonntag an, dass sie auch die Möglichkeit eines neuen Impeachment-Verfahrens nicht ausschließe - entweder gegen Trump oder gegen seinen Justizminister William Barr. […..]

(Alan Cassidy, 21.09.2020)

 Natürlich werden die Demokraten wie immer zu feige sein für die nukleare Option. Das zeigt sich nirgends besser als in der Auswahl ihres Kandidaten Joe Biden. Der Nette, der sich damit brüstet Kompromisse aushandeln zu können, mit den Republikanern zusammen arbeiten zu können.

Als hätten nicht bereits die verlorenen ersten vier Jahre der Obama-Präsidentschaft gezeigt, daß jede Ehre, jeder Anstand aus der GOP getilgt wären. Daß Zusammenarbeit mit ihnen nicht möglich ist, daß sie immer ihre Partei-Interessen über das Land und die Lobbyinteressen der Superreichen und Evangelikalen stets über Partei-Interessen stellen.

Samstag, 26. September 2020

Ich war noch nie im Leben Frau

Man muss nicht wissen wie eine Schwangere fühlt, weil Mann das kann, um zu beurteilen wie die rechtliche Lage mit Schwangerschaftsabbrüchen sein sollte.

Es gibt nämlich nicht „die Frau“. Frauen sind nicht alle gleich und daher kann es auch keine strafrechtliche Vorschrift geben wie eine Frau mit ihrem Uterus zu verfahren hat.

Es ist aus staatlicher Perspektive ganz einfach; es ist nämlich eine individuelle Entscheidung.

Der Staat, die Gesellschaft, das System, die Behörden sollen Hilfe anbieten. Sie sollen beraten, unterstützen, informieren. Auf freiwilliger Basis selbstverständlich.

Frau A ist sicher was sie tun will, Frau B grübelt, Frau C hat eindeutig ihren eigenen Willen, Frau D ist sehr beeinflussbar. So ist es nun einmal; daher kann man Unterstützung stets nur anbieten und darf sie nicht oktroyieren.

Ich war noch nie im Leben Frau, aber ich kann mir immerhin eins gut vorstellen: Wenn man unter schwierigen Umständen von seiner Schwangerschaft erfährt, viele Argumente abwägt, aber eine Entscheidungsvariante erheblich erschwert ist, weil sie teuer, illegal, geächtet ist und auch noch unter enormen Zeitdruck steht, wird ein ergebnisoffener Entscheidungsprozess noch viel schwieriger.

Das ist keine Frage des „Frau-Seins“, sondern der Logik. Wer sich unter Druck intensiv mit dem Problem beschäftigen muss, wo und wie man überhaupt abtreiben könnte, dafür große Geldsummen auftreiben muss, zu dubiosen Kontaktleuten gehen muss und weite Reisen auf sich nehmen muss, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich sofort darum zu kümmern.

Schwangerschaften werden unterbrochen, auch wenn die Todesstrafe darauf steht. Der enorme juristische Druck behindert aber eine Entscheidung.

Dieser Befund ist empirisch eindeutig belegt. In allen Ländern, in denen seit den 1970er Jahren die Abtreibungsgesetze liberalisiert wurden, legale Möglichkeiten geschaffen wurden und somit ein großer Mühlstein bei den Entscheidungsprozessen vom Hals entfernt wurde, gingen die Schwangerschaftsunterbrechungszahlen drastisch zurück.

Es gibt also zwei Argumentationslinien pro liberales Abtreibungsrecht:

1.) A priori anzuerkennen, daß die Entscheidung über den Uterus nur der Frau zusteht.

2.) A posteriori empirisch festzustellen, daß es viel weniger Abtreibungen gibt, wenn man sie nicht verbietet.

Es sollten also konservative Christen, patriarchalische Rechte, fanatische „Lebensschützer“ einerseits und Humanisten, Liberale, Aufgeklärte andererseits zu dem gleichen Schluss kommen: Abtreibung darf nicht unter Strafe gestellt werden.

Für Erstere ist das wichtig, um weniger „abgetriebene Föten“ zu bekommen und für Letztere, um Frauen nicht zu bevormunden.

Warum ziehen aber Linke und Rechte in dieser Frage offensichtlich nicht an einem Strang, wenn doch nur die eine rechtliche Methode für beide Parteien ein besseres Ergebnis liefert?
Wieso sind konservative Christen insbesondere in den USA so besessen davon schwere Strafen zu verhängen, wenn eine Schwangerschaft unterbrochen wird?

Der Grund ist offensichtlich: Den Lebensschützern mit ihren kleinen Plastik-Föten geht es eben nicht darum weniger „Kinder abzutreiben“. Ginge es ihnen darum wären sie schließlich nicht so total desinteressiert daran geborene Kinder zu unterstützen, störten sie sich daran Kinder von Donald Trump in Käfige zu stecken, würden sie etwas gegen School-Shootings unternehmen.

Nein, der „Lebensschutz“ ist ein vorgeschobenes Argument. In Wahrheit geht es ihnen um einen Kulturkampf und die grundsätzliche Würde des Menschen.

Frauen sind für sie zweitklassig, sollen sich unterordnen und eben nicht frei entscheiden.

Sie fürchten sich vor Feministinnen, hassen die Ruth Bader Ginsburgs dieser Welt, weil sie klug und unabhängig sind.

Daher wünschen sich Republikaner und Donald Trump eine ultrafanatische Religiotin wie Amy Coney Barrett als neue Supremecourt-Richterin. Sie würde grundsätzlich gegen Frauen entscheiden und da sie selbst eine Frau ist damit als Inkarnation des feuchten Traumes aller erzkonservativen Männer fungieren.

Ein halbes Jahrhundert nach Roe v. Wade, als der der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten am 22. Januar 1973 mit einer Mehrheit von sieben zu zwei Richtern für ein liberales Abtreibungsrecht votierte, könnten die Uhren zurück aufs Mittelalter gestellt werden.

[…..] Barrett, 48, […..] gilt als harte Abtreibungsgegnerin. In ihrer Anhörung 2017 sagte sie, Abtreibungen seien "immer unmoralisch". In den zwei Fällen, in denen sie als Bundesrichterin über Abtreibungsfragen zu entscheiden hatte, sprach sie sich für mehr Restriktionen aus. Die große Sorge des liberalen Amerika ist, dass mit einer Verfassungsrichterin wie ihr am Supreme Court ein wegbereitendes Abtreibungsurteil aus den Siebzigerjahren überstimmt werden könnte, das jeden Bundesstaat verpflichtet, Abtreibungen möglich zu machen.  […..] Im Mittelpunkt ihrer Anhörung vor dem Senat 2017 stand ihr tiefer römisch-katholischer Glaube. Demokratische Senatoren hinterfragten, ob sie unabhängig von ihren religiösen Überzeugungen urteilen könne. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein brachte Zweifel an: "Das Dogma lebt laut in Ihnen", warf sie Barrett vor. Selbst religiöse Konservative fragten sich, ob Barrett ihren Glauben und die alltägliche Richtertätigkeit zu sehr vermische. […..]

(Thorsten Denkler, 26.09.2020)

[…..] In ihrer Zeit als Jura-Professorin an der renommierten Universität Notre Dame sagte sie einmal in einer Vorlesung, eine Justiz-Karriere sei immer nur ein „Mittel zum Zweck“ – und das Ziel sei, „das Reich Gottes aufzubauen“. (…)     Nicht nur die „göttlichen“ Äußerungen Barrets lassen bei Demokraten die Alarmglocken schrillen. Die 48-Jährige und ihr Ehemann sind zudem Teil der obskuren Sekte „People of Praise“. Dies berichtete die „New York Times“ bereits 2017. Mitglieder der Gruppe würden dem Bericht nach untereinander einen lebenslangen Treueid schwören, der als Bund bezeichnet werde.    Alle Personen innerhalb der Sekte seien „persönlichen Beratern“ zugeordnet, diesen gegenüber müssten sie Rechenschaft ablegen. Männer ordneten sich sogenannten „Köpfen“ unter, Frauen „Mägden“ – im englischen „Handmaids“ genannt. Die Gruppe soll ihren Mitgliedern auch ein striktes Rollenbild lehren: Ehemänner seien dem Sektenglauben nach die Oberhäupter und herrschten über die Familie, Frauen dagegen müssten sich dieser Hierarchie unterordnen.  Aussteigerin schildert menschenverachtendes Innenleben. […..]

(Frankfurter Rundschau via AMB, 25.09.2020)

Mit so einer rigiden Gesetzgebung, wie man sie von Trumps Epigonen Neil Gorsuch, Brett Kavanaugh und womöglich Amy Coney Barrett erwartet würde es im Zusammenhang mit der drastischen Einschränkung der Arbeit der amerikanischen Non-Profit-Organisation Planned Parenthood Federation of America (PPFA) mit ihren über 650 Kliniken und medizinischen Diensten mit Sicherheit einen gewaltigen Anstieg der Abtreibungszahlen geben. Allein schon, weil nicht mehr über Verhütungsmittel aufgeklärt und die Verfügbarkeit minimiert würde.

Zudem würden bei illegalen Abtreibungen „im Hinterzimmer“ viel mehr Frauen verletzt und sterben.

Aber genau das ist erwünscht von den Rechten.

Frauen sollen wieder unter die Knute und nicht selbst denken.

In diesem Punkt sind sich die Rechten aller Religionen und aller Länder übrigens einig. Immerhin.



Freitag, 25. September 2020

Verantwortungslos

Das Schöne an Deutschland für die römisch-katholische Kirche sind die indolenten staatlichen Stellen.

Hunderttausende Kinder wurden ihren Müttern entzogen und in kirchliche Heime zur Zwangsarbeit, zum Verprügeln und sogar für Medikamententests geschickt.

Aber niemand zieht die RKK zur Rechenschaft. Die Regierung hält still, das Parlament denkt nicht daran die seit 1919 in der Weimarer Reichsverfassung und später ins Grundgesetz übernommene Aufgabe von der Ablösung der Kirchenfinanzierung auszuführen und die Justiz sieht weg.

Das gleiche Bild beim myriadenfachen sexuellen Missbrauch Jugendlicher und Kinder durch katholische Geistliche.


Keine staatlichen Kommissionen, die nachbohren, wie in anderen Ländern. Die Opfer müssen nicht gehört werden und falls doch mal Schmerzensgeld bezahlt werden sollte, dürfen sich die Täter selbst überlege wie viel sie freiwillig zahlen. Kein Richter spricht ein Urteil, die vergewaltigten Kinder, deren Leben oft zerstört wurde, haben ohnehin nichts zu melden.

Am allerbesten ist aber, daß die Verantwortlichen ganz oben, die den sexuellen Gewalttätern immer wieder neue Kinder-Opfer zuführten, die Vergewaltiger vor Veröffentlichung ihrer Taten schützen, noch nicht mal angeklagt werden.

Papst-Bruder, Kardinal Müller, Erzbischof Heße, Papst Ratzinger – sie alle konnten systematisch Kinder quälen lassen, ohne irgendwelche Konsequenzen zu fürchten.

Bischof Ackermann aus Trier, der Missbrauchsbeauftragte der DBK, der in seiner Diözese ebenfalls Kindervergewaltiger schützte, sieht auch im September 2020 keinen Anlass für die Schreibtischtäter persönliche Konsequenzen zu ziehen, da in der katholischen Kirche „eine andere Kultur“ herrsche.

[…..] Der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann sagte katholisch.de, Rücktritte seien bei den Beratungen der Bischöfe kein Thema gewesen. "Wir haben in der Kirche eine andere Kultur als in der Politik. Wer zurücktritt, vollzieht zwar ein großes Symbol und macht den Weg frei für einen Nachfolger, aber gleichzeitig ist er dann auch aus der Verantwortung heraus", sagte er. […..]

(Annette Zoch, 25.09.20)

Ebenso argumentieren mutmaßlich auch Mafia-Dons, die nach ein Massenmorden nicht ihren Chefposten räumen wollen.

Allerdings gilt für alle Regeln der Kirche gleichzeitig auch das Gegenteil – wenn es gerade opportun ist.

Bei schwereren Delikten; wenn es also nicht „nur“ um die massenhaften sexuellen Missbrauch an Kinder geht, sondern in die Kasse gegriffen wurde, tritt Täter doch „aus der Verantwortung heraus“. Beim Geld verstehen katholische Kleriker, anders als bei ihren gequälten Messdienern offenbar keinen Spaß.

Papst Franzl, der sich sonst so großzügig und mild gegenüber seinen Pädofreunden zeigt, wird dann schon mal laut.

[….] Die letzte Audienz mit Franziskus soll "laut" und "hart" gewesen sein, ein "Schocker" gar. So schildern es die italienischen Zeitungen, die in der Regel gut informiert sind über die Hergänge hinter dem vatikanischen Gemäuer. Der einst mächtige Kardinal der Heiligen, Giovanni Angelo Becciu, muss gehen - wegen einer profanen Geschichte um Geld und vielleicht auch um Gier. In der formalen Sprache des Bulletins des Heiligen Stuhls heißt es, der Papst habe den Rücktritt des Präfekten der Heiligenkongregation hingenommen und ihn von allen Rechten seines Kardinalsstandes enthoben. [….]  Becciu wurden wohl ein Immobiliengeschäft in London und Zuwendungen mit Kirchengeld an seine drei Leibsbrüder Tonino, Francesco und Mario zum Verhängnis.   [….] 2014 investierte der Vatikan Hunderte Millionen Euro in eine ehemalige Lagerhalle des britischen Kaufhauses Harrods in London. Vermittelt hatte den überteuerten Kauf ein schillernder italienischer Financier, der Besitzer der Immobilie. Es sollten Luxuswohnungen entstehen, dafür also setzte Becciu das Geld für die Armen ein. Nach dem Brexit brach der Immobilienmarkt ein, in den Konten der Kirche klaffte ein riesiges Loch. [….]

(SZ vom 26.09.2020)