Donnerstag, 16. März 2017

Holländische Säulen



Trump, die CSU, Wilders, Spahn, Höcke und viele andere sehen sich selbst als Maßstab für die Gesellschaft.
Alle sollen so sein wie sie, oder zumindest danach streben.
Das Land soll von einer homogenen und loyalen Gesellschaft getragen werden.
In so einer Welt sind kritische Medien Feinde oder Fake-News. Wer sich nicht anpassen will, anderen Idealen, Moden, Religionen anhängt, ist potentiell kriminell.

In deutlicher Unkenntnis oder bewußter Verfälschung der Realität poltert Staatssekretär Spahn, der aufstrebende Rechtsaußen der CDU gegen eine Großstadt, die nicht so aussieht wie sein konservatives Heimatkaff im Münsterland.

[…..] Jens Spahn von der CDU und AfDler Björn Höcke haben Angst vor Berlin-Neukölln. Ihr Problem? Die hohe Anzahl an Migranten. Dabei kommt die Gewalt von rechts.
[…..] Einfach nur "Neukölln" als abschreckendes Beispiel in den Ring zu werfen, wo es um schlecht laufendes Zusammenleben verschiedener Kulturen geht, so als sei damit schon alles gesagt, zeugt bisweilen von auffällig schlechtem Fingerspitzengefühl.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn und der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke haben beide bezeichnenderweise kurz nacheinander ins selbe Fettnäpfchen gegriffen, denn das Näpfchen ist groß und an seinem rechten Rand kann man gut sitzen und angeln.
Jens Spahn hat im Interview mit der "Zeit" gesagt: "Wenn ich durch Neukölln laufe, sehe ich in manchen Straßen kaum noch Frauen - und wenn, dann mit Kopftüchern. In einem freien Land muss ich das akzeptieren. Aber ich lasse mir nicht einreden, dass das eine kulturelle Bereicherung ist. Positive Vielfalt sieht für mich jedenfalls anders aus." Eine Gesellschaft brauche kulturelle Vielfalt, findet Spahn, und das wisse man inzwischen auch in seinem Heimatdorf im Münsterland, aber in Neukölln sehe das alles irgendwie nicht so aus, wie er es gern hätte. Man könnte, wie das in Berlin üblich ist, einfach noch einmal machen, was schon mal nicht geklappt hat: eine Umbenennung. "Neuspahnstein" böte sich an.
Dieser Spahn ist aber auch ein vom Schicksal gebeutelter Flaneur. Bei Ikea kamen ihm mal "Frauen in Vollverschleierung entgegen", in seinem Fitnessstudio dürfen "arabische Muskelmachos" seit einer Weile mit Badehose duschen, und jetzt sieht er "kaum noch Frauen". Keine Ahnung, wo er sich rumtreibt. Ich bin in Neukölln aufgewachsen und immer noch alle paar Tage dort, und ich sehe ständig Frauen dort, viele sogar. Es war schon immer so, dass da einige dabei sind, die Kleidung tragen, die ich nicht anziehen würde, aber da sind Leopardenleggings und Kopftücher nur zwei Beispiele aus einem sehr breiten Spektrum. […..]

Hilfe, Parallelgesellschaft!
Konservative wie Spahn stört es gewaltig mit Menschen in einem Land zu leben, denen sie nicht ihren Stil aufoktroyieren können.
Auch wenn man gar nicht zusammentrifft, regt Religioten der reine Gedanke an Menschen, die anders sein könnten, fürchterlich auf.
Das klassische Beispiel dafür ist die Homoehe, die von Hetero-Religioten offenbar als Angriff empfunden wird. Das führt zu der grotesken Argumentation, ihre eigene, alte, herkömmliche Heteroehe würde in irgendeiner Form abgewertet.
Konservative können nicht ertragen, daß andere irgendwo anders, anders sind, auch wenn sie es gar nicht merken.
Daher forderte die CSU im Dezember 2014 jeder in Deutschland müsse zu Hause auch deutsch sprechen.

[…..] Die CSU hat eine Idee: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, heißt es im Entwurf des Leitantrags für den Parteitag Ende kommender Woche. Dies berichtete die Nachrichtenagentur dpa am Freitag, am Montag will der Parteivorstand darüber entscheiden.
Man könnte sagen: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieser Vorschlag ausgerechnet aus Bayern kommt. Aber ihr würdet es nicht verstehen. Deshalb in aller Deutlichkeit: Hallo CSU, ihr seid so blöd, wie ihr auf dem Oktoberfest breit seid.
Denn wenn es nicht so wäre, würdet ihr selber darauf kommen, dass sich diese Forderung bei anderen Leuten nach obrigkeitsstaatlicher Bevormundung anhören würde, aus eurem Munde aber grotesk ist. Ihr würdet ahnen, dass die Leute euch auslachen werden. Dass sie euch zurufen: „Lernt erstmal selber Deutsch!“ Dass sie schnippisch fragen: „In welcher, der Erst- oder der Zweitfamilie?“ Dass sie feststellen: „Und so was will eine konservative Familienpartei sein.“ Dass sie genüsslich die Reden eures Ministers Alexander Dobrindt hervorkramen oder sich der Gestammelten Werke eures früheren Vorsitzenden Edmund Stoiber erinnern.
Kurz: Wenn ihr nicht so blöd wie breit wärt, hätte euch gedämmert, dass ihr euch mit so einer Idee noch mehr zum Horst machen würdet als man es von euch ohnehin gewohnt ist. […..][…..]

Der grundsätzliche Mangel an Toleranz, Mitgefühl und Großzügigkeit ist Religions-immanent.
Studien zeigen, daß schon Kleinkinder aus religiösen Elternhäusern grausamer und geiziger gegenüber anderen sind, als Kinder aus atheistischen Haushalten.

Religion macht Kinder unsozial und intolerant.
An über 1.000 Kindern aus verschiedenen Kulturkreisen haben Forscher nun nachgewiesen, dass religiös erzogene Kinder unsozialer sind als atheistisch erzogene Kinder. So teilen christlich und muslimisch erzogene Kinder seltener mit Altersgenossen, wollen im Gegenzug aber unsoziales Verhalten härter bestrafen. Je religiöser die Familien waren, desto ausgeprägter war dieses Verhalten zu beobachten. [……]

Die Menschen müssen sich also den Einfluss der Religionen überwinden, um tolerant zu werden.
In einer Welt, die auch andere Lebensmodelle wirklich akzeptiert werden, sind Parallelgesellschaften kein Problem. Dort wird Multikulti zu einer echten Bereicherung.

(……) Der Hamburger Steindamm IST zwar eine Parallelgesellschaft, allerdings verstehe ich nicht, wieso Parallelgesellschaften jemand stören.
In den meisten anderen großen Städten in Westeuropa und Amerika ist es ganz normal. In New York gibt es das berühmte „Little Italy“ oder „Chinatown“ und sogar ein deutsches Viertel.
Also für mich geht das völlig OK.
Es gibt ja vielfach in Deutschland reine Schwulenviertel, hier ist es St. Georg, das Uni-Viertel (Rotherbaum, wo nur Studenten sind), das Alternativ-Viertel, wo die  Autonomen und Ökos abhängen (Schanze und Karolinenviertel), das Ibero-Viertel vor der Speicherstadt, wo es all die spanischen und portugiesischen Restaurants gibt, Villenviertel in Harvesterhude  und dann natürlich reine Rotlichtviertel (Reeperbahn!) etc.
Warum soll es kein Türken- oder Italiener-Viertel geben?
Das Eigenartige ist in Hamburg, daß St Gayorg – dazu gehört auch der Steindamm – ausgerechnet ein Kombi-Viertel für Schwule und Muslims ist.
Die haben alle Toleranz gelernt. Kurioserweise ist MITTEN in der schwulsten Gegend von St Georg überhaupt der katholische Mariendom, in dem unserer neuer Erzbischof Stefan Heße hockt.
Katholiken gibt es da so gut wie keine – nur Moslems und Homos.
Aber irgendwie haben die sich offensichtlich arrangiert. So gut sogar, daß die Gegend jetzt so gut funktioniert, daß die Mieten auch so explodieren, weil jeder dahin ziehen will. (…..)

Jens Spahn, der sich offenbar mehr in mehr in der Reinkarnation als Pim Fortuyn gefällt – stramm konservativ, Glatze, eitel, schwul, Rampensau – kommt zunehmend völkisch daher; sieht sich selbst als Rollenmodel für alle anderen.

Multikulti lehnt er ab.

Jetzt müssen wir die inhaltlichen Unterschiede, die CDU und CSU gemeinsam gegenüber der SPD haben, klar herausarbeiten, etwa beim Thema Leitkultur.

[…..] Ich erwarte von jemandem, der nach Deutschland kommt, um hier zu leben, mehr, als dass er sich nur an Recht und Gesetz hält. Denn das muss auch jeder Tourist. Er muss mit uns leben und unsere gemeinsame Zukunft im Sinne unserer Werte gestalten wollen. […..] Und sicher auch die Bereitschaft, durch Leistung Anerkennung zu bekommen und nicht durch möglichst lautes Schreien. Uns als Union geht es aber auch um Sicherheit im klassischen Sinn, von der steigenden Zahl der Einbrüche bis zu den Bedrohungen des islamistischen Terrors.
[…..] Letztes Wochenende war ich mit Freunden in Köln unterwegs, da wirste auf der Straße schon auch frech angemacht. Der Türsteher eines schwulen Clubs wurde niedergestochen. Der Täter stammte aus dem Irak. […..]


Nein, Herr Spahn!
Leitkultur einzufordern ist keine Lösung, sondern gerade der Sprengstoff unserer Gesellschaft.
Wenn einer meint den anderen leiten zu müssen; sei es auch nur kulturell, ist das der Beginn von Unterdrückung. Darin steckt auch schon der Keim einer Gegenreaktion.
Unterdrückte Gruppen der Gesellschaft könnten eines Tages durchaus aggressiv ihre Rechte einfordern.



Unter Rechten ist es Konsens die sogenannte Verzuiling, also das Nebeneinander-Leben, statt des Alle-Zusammenleben als Wurzel allen Übels anzusehen.

Mit Verzuiling (Versäulung) bezeichnet man vor allem in den Niederlanden einen konfessionell begründeten besonderen Partikularismus. Im „versäulten“ sozio-politischen System lebten religiös, sozial und kulturell definierte Gruppen nebeneinander her und hatten parallele soziale Organisationen (Kirchengemeinden, Bildungsanstalten, Volksbanken, Kammern und andere mehr). In den Niederlanden wird zwischen einer christlich-protestantischen (calvinistischen), einer katholischen, einer sozialistischen und der neutralen oder allgemeinen Säule unterschieden.
Seine Blüte hatte das System in der Zeit von 1920 bis 1970, überstand also auch den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt trotz der entgegenstrebenden Bemühungen in der Nachkriegszeit. Die Bevölkerungsgruppen haben in einer Art „freiwilligen Apartheid“ nebeneinander gelebt, um soeverein in eigen kring, „souverän im eigenen Milieu“ (Abraham Kuyper), sein zu können. Die notwendige Zusammenarbeit zwischen den Säulen fand vor allem auf der Ebene der Eliten statt.
Fortuyn, Spahn und Wilders wollen nicht, daß außerhalb der eigenen Säule noch irgendetwas anderes existiert.
Damit legen sie die Axt an die Wurzel des gesellschaftlichen Friedens.

Immerhin, das läßt sich nach den gestrigen Wahlen in Holland bereits sagen, befindet sich Wilders damit in einer Minderheit.
Mit insgesamt 13% der Stimmen steht seine PVV nicht unmittelbar vor der Machtübernahme. (Wilders Idol Trump holte 46%) Der blondierte Geert kann also aufhören von sich selbst als „der nächste Ministerpräsident der Niederlande“ zu sprechen.

Der große Gewinner der Wahl ist der gerade mal 30-Jährige Jesse Klaver; das Alptraum-Balg der Rechten: Gutaussehend, links, liberal, Vater aus Marokko, Mutter aus Indonesien.

[…..] Klaver ist Vorsitzender der niederländischen Grün-Links-Partei, und er hat die Zahl ihrer Parlamentssitze fast vervierfacht. In Amsterdam, der größten Stadt der Niederlande, einst eine uneinnehmbare Hochburg der Sozialdemokraten, ist Grün-Links nun sogar die stärkste Partei. Eine Überraschung? Eine Sensation.
Klaver liegt insofern im Trend, als er so wenig Polit-Establishment verkörpert wie kein anderer seiner angetretenen Konkurrenten. Geert Wilders poltert immerhin schon seit mehr als zehn Jahren gegen Europa und den Islam. Die niederländischen Medien können sich nicht daran erinnern, dass jemals ein Parteichef derart jung war wie Jesse Klaver. Und er versprüht eine neue Lust auf alte landestypische Eigenschaften: Weltoffenheit, Toleranz, radikales Umweltbewusstsein. [….]

Frauke Petry und Marine Le Pen haben Grund heute die Köpfe hängen zu lassen. Der ultrarechte Durchmarsch in Europa ist zumindest erst einmal verschoben worden.

[….] Die Nationalisten sind gebremst, aber nicht gestoppt.
Das heißt nicht, dass die EU beruhigt in alten Trott zurückfallen darf. Die Rechtsnationalisten sind bei der Präsidentenwahl im Dezember in Österreich und jetzt bei der Parlamentswahl in den Niederlanden gebremst worden. Doch gestoppt sind sie nicht. Vielmehr lauern sie auf die nächste Gelegenheit, wieder loszustürmen. Die Moderaten, die Pro-Europäer haben nur Zeit gewonnen, die Probleme anzugehen, welche die Bürger drücken. […..]

Mittwoch, 15. März 2017

Homo-Panik

Man fragt sich ja immer wieder wie stark Schwule und Lesben immer noch diskriminiert werden, wenn TV-Stars und Spitzenpolitiker nun schon geraume Zeit offen homosexuell sind, ohne aber auf dieses Thema reduziert zu werden.
Jens Spahn ist in keiner Weise ein Homo-Aktivist.
Erfreulicherweise gibt es auch mehr und mehr Unterhaltungs-TV/Kino-Produktionen, in denen LGBTI-Figuren ganz nebensächlich vorkommen.
Da ist dann mal einer schwul, ohne daß es für die Story relevant wäre.

Braucht es den CSD noch, wenn ich Hamburg sogar schon die türkische Gemeinde mit einem eigenen Wagen beim CSD vertreten ist?

Rhetorische Frage; natürlich braucht es den politischen Druck noch; solange LGBTIs rechtlich immer noch minderwertig gestellt sind.
Natürlich braucht es den politischen Druck noch; solange „schwul“ und „Schwuchtel“ die gängigsten Schimpfworte auf den Schulhöfen sind.

Es ist schon eigenartig, daß der allgemeine Antidiskriminierungskonsens die Schwulen nicht überragt.
In keiner Talkshow würde es toleriert werden, wenn rechte Hardliner dafür plädierten Schwarzen aufgrund ihrer Hautfarbe, oder Juden wegen ihrer jüdischen Mutter Bürgerrechte zu entziehen.
Geht es aber „nur“ um Schwule, dürfen sich Christen, Pfaffen, Unions-Politiker gern abendfüllend darüber verbreiten, weswegen Schwule eben doch nicht gleichwertig wie Heteros sind. Das fällt dann unter Meinungsfreiheit.

In den USA mit der ausgeprägten „political correctness“ plädieren Konservative aller Art seit Jahren für das Recht aus religiösen Gründen diskriminieren zu dürfen.
Keine Hochzeitstorte für gleichgeschlechtliche Paare und keinen Tisch im Restaurant – wenn es der christliche Glaube so befiehlt.
Irrigerweise meinen GOPer bei einer Kollision zwischen Bibel und US-Verfassung müßte die Verfassung hintanstehen.

Mit dem Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus brechen die Dämme; insbesondere weil nun ein ultrafrommer Homohasser als Vizepräsident amtiert.
Stellt sich der Präsident nicht mehr wie sein Vorgänger ausdrücklich auf die Seite der LGBTIs, verändert es schnell das Land.

Gay Couple Kicked Out Of Pizza Place For Holding Hands, Told ‘This is Trump’s America Now’ [….]

Stimmungen lassen sich von oben schnell erzeugen, wie die stark vermehrten xenophoben Angriffe in England nach dem Brexit oder die enorm vermehrten homophoben Angriffe auf Frankreichs Schwule nach den RKK-Großdemos gegen die “Homoehe” zeigten.

[…..] Deutschland, ein tolerantes Land – oder?
[…..] Ein schöner Samstagmittag, irgendwo in einer deutschen Innenstadt. Die Gassen sind gut gefüllt, Kinder schlecken ihr Eis, Erwachsene schlendern mit Einkaufstüten durch die Fußgängerzone. Auch Robert geht durch die Innenstadt. Neben ihm: sein Freund. Sie reden, lachen, schauen sich Schaufenster an – und halten Händchen. Plötzlich ruft jemand „Scheiß Schwuchtel! Schämt ihr euch nicht?!“  Alltagsdiskriminierung wie diese, gibt es regelmäßig und häufig in Deutschland. Bei einer EU-weiten Umfrage gaben 2012 fast die Hälfte aller befragten LGBT-Menschen in Deutschland an, sie seien in den vergangenen zwölf Monaten wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert worden. „Leider bleiben einem diese Sachen nicht erspart“, sagt Robert.
Und auch Lukas aus Köln muss sich regelmäßig Sprüche anhören, wenn er mit seinem Freund unterwegs ist. „Ekelhaft!“ oder „Hier laufen doch Kinder rum!“ werfen völlig fremde Leute dem 18-jährigen Kölner an den Kopf. Wenn er einen Tag lang in der Innenstadt verbringe, dann kämen solche Sprüche zwei oder drei Mal, sagt Lukas. „Und das in Köln. Einer Stadt, die für ihre LGBT-Szene bekannt ist.“ […..][…..]

Wichtig wäre es, daß mehr Promis – außer den usual suspects unter den Kulturschaffenden – ganz selbstverständlich schwul sind. Möglichst Promis, die für Jugendliche relevant und interessant sind: Fußballer und Rapper beispielsweise.

In dieser Frage ist die Zivilgesellschaft natürlich wichtig, aber noch wichtiger sind der Gesetzgeber und Regierung, die Zeichen setzen müssen.
Zeichen, die Merkel mit ihrer Ablehnung der vollen Rechte von Homosexuellen nach wie vor setzt.
Zeichen, die aber auch ihre Truppe setzt.

Die Geschichte, die sich kürzlich im betont „heterofreundlichen“ Berliner „Two Hotel“ abspielte, war nicht nur lächerlich, sondern auch ärgerlich und sogar besorgniserregend.

Durch die Berlinale und weitere Veranstaltungen war Berlin gut ausgebucht. Für die Besatzung der Bundeswehr-Flugbereitschaft buchte die Truppe daher elf Zimmer im besagten Wilmersdorfer Two-Hotel.
Als die Soldaten googelten und dadurch ahnten, es könnten sich überdurchschnittlich viele schwule Gäste in dem Haus befinden, gerieten sie sofort in Panik und verlangten die Stornierung der Zimmer.

[…..]  Ursula von der Leyen (CDU) sieht sich mit einer Beschwerde eines auf homosexuelle Kunden ausgerichteten Berliner Hotels konfrontiert. Das "Two Hotel" in Wilmersdorf beklagt Diskriminierung, weil eine Besatzung der Flugbereitschaft der Bundeswehr elf gebuchte Zimmer allein wegen des besonderen Hotelkonzepts am Tag der Anreise stornierte. […..] Dass es sich beim "Two Hotel" um eine Unterkunft vornehmlich für homosexuelle Gäste handelt, wusste der für die Buchung zuständige Sachbearbeiter demnach nicht und konnte es auch nicht der Internetbuchungsplattform entnehmen. Die Flugcrew, darunter zwei Frauen, stellte erst am Tag der Anreise fest, wo sie untergebracht werden sollte – und bat dringend um eine andere Unterkunft. Die Soldaten wurden darauf in einem Hotel im Berliner Umland eingebucht.
[…..] "Die Stornierung erfolgte, nachdem sich Angehörige der Besatzung unmittelbar auf dem Internetauftritt über das Hotel informiert hatten", erklärt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums den Vorgang. […..] Das "Two Hotel" bezeichnet sich als "Gay Hotel", das "heterofreundlich" sei. Es gehört zur internationalen Gruppe der "Axel Hotels", die laut Internetauftritt "ein Ort für Gays, aber offen für alle" sind. In erster Linie seien die Hotels freie und tolerante Orte der Begegnung, "wo die Vielfalt und der Respekt geschätzt und gelebt werden und zwei Männer genauso anzutreffen sind wie zwei Frauen oder Mann und Frau". Menschen ohne Vorurteile würden willkommen geheißen, respektiert und geschätzt, schreiben die Gastgeber. […..][…..]

In welchem Jahrhundert leben wir? Welche mittelalterlichen Vorstellungen kursieren in der Bundeswehr?
Befürchten sie ausgerechnet in Berlin im Jahr 2017 auch schwul zu werden, wenn im Nachbarzimmer ein Homo schläft? Glauben sie, das steckt an?
Keiner der Soldaten hätte mit einem Schwulen schlafen müssen/sollen. Aber allein schon die Vorstellung unter einem Dach mit Schwulen zu schlafen, scheint bei der Truppe als Unzumutbarkeit zu gelten.

Als Steuerzahler sage ich, die Stornierungsgebühr von 6.000,00 Euro auf meine Kosten ist eine Unzumutbarkeit. Warum soll die Allgemeinheit dafür zahlen, daß elf Soldaten solche Panik-Memmen sind, die es nicht aushalten im „Two-Hotel“ zu schlafen?

Dienstag, 14. März 2017

Meine Loyalität



Das war, an die 30 Jahre ist es her, ein wahrlich unangenehmer Party-Abend. Ausgerechnet in meiner Fakultät. Das konnte eigentlich auch nichts werden. Naturwissenschaftler sind zu öde für sowas.
Ich traf auf Susanne, die sowas wie meine Ex war und demonstrativ permanent von ihrem Neuen abgeknutscht wurde.
Sich peinlich aus dem Weg zu gehen, fand ich so pubertär, daß ich das Gespräch suchte. Der neue Macker kam aus einer anderen Stadt und ihr fahrbarer Aschenbecher (mit etwas Mühe als Golf zu erkennen) war in der Werkstatt, so daß ich sogar anbot die beiden nach Hause zu fahren.
Aber wie das dann so ist mit jugendlichen Brauseköpfen, Alkohol und Eifersucht, schoss sich der Typ geradezu auf mich ein und beleidigte mich ununterbrochen.
Auf dem Weg zu ihrer Wohnung, die in entgegengesetzter Richtung zu mir lag, hockten die beiden dann pöbelnd auf meinem Rücksitz und Monsieur trieb es schließlich soweit, daß ich voll in die Eisen stieg, die Türen öffnete und ganz ruhig erklärte, sie könnten den Rest des Weges gern zu Fuß gehen.

Ich war über mich selbst erschrocken, weil ich den unfairen Vorteil, daß ich ein Auto hatte, in einem Streit ausnutzte. Sie hatten noch ca zwei Kilometer Fußweg vor sich. Das war natürlich sehr lästig, aber auch nicht völlig unmöglich.
War das zu unfreundlich von mir? Vielleicht, aber es war nun mal mein Auto und ich war in keiner Weise dazu verpflichtet die beiden Meckerpötte zu kutschieren.
Es war unter den Umständen schon extrem großzügig von mir das überhaupt angeboten zu haben. Aber dann auch noch unablässig beschimpft zu werden, erzwang Konsequenzen. Die waren nicht mehr länger Gäste in meiner Karre.

So ist das im Privatleben. Man kann Dankbarkeit und Wohlverhalten erwarten von Menschen, die man bei sich aufnimmt.

Auf politischer und staatlicher Ebene gelten solche ungeschriebenen zwischenmenschlichen Regeln selbstverständlich nicht.
Unsympathische Typen von irgendwo her, die jetzt in Deutschland leben, haben kein Gastrecht, weil es so etwas wie „Gastrecht“ juristisch gar nicht gibt.
Deutschland gehört auch keiner Person, die dieses ominöse Gastrecht gewähren oder entziehen könnte.
Menschen leben hier, weil sie hier geboren sind, legal eingereist sind, einen Anspruch auf Asyl oder zumindest einen Anspruch auf ein faires Verfahren haben.

Wer im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Asylanten vom „Gastrecht“ fabuliert, ist entweder total verblödet, oder er triggert sich bewußt an die Sprache der Rechtsradikalen heran.
Diesen Ausfall kann ich der Linken Fraktionschefin nicht verzeihen.


Zur Ehrenrettung der Linken sei erwähnt, daß viele Parteimitglieder genauso entsetzt über Wagenknechts AfD-Sprech sind wie ich.

[….] Klare Position? Gastrecht - das klingt nach Großzügigkeit gegenüber Flüchtlingen und nach: Die haben sich gefälligst anzupassen. In der CDU sprechen sie von Gastrecht: Kanzlerin Angela Merkel oder Vizeparteichef Thomas Strobl. Aber bei den Linken?

Als der Wagenknecht-Satz die Runde macht, platzt vielen Genossen der Kragen. Stefan Liebich, außenpolitischer Sprecher der Fraktion, stellt auf Twitter fest:

Es gibt kein #Gastrecht das ein Flüchtling verwirken könnte, sondern es gilt die Genfer Flüchtlingskonvention.

Jan van Aken, verteidigungspolitischer Sprecher, widerspricht Wagenknecht ebenfalls:

"Wer Gastrecht missbraucht, hat Gastrecht verwirkt" - das ist keine linke (und bislang auch keine LINKE) Position!

Auch die netz- und rechtspolitische Sprecherin Halina Wawzyniak reagiert:

in welchem gesetz steht "gastrecht"? was es nicht gibt, kann auch nicht verwirkt werden. flucht & asyl sind menschenrecht. unverwirkbar!
[….]

Die nächste Sau, die Rechte durchs Dorf treiben, heißt „Doppelstaatsbürgerschaft“.
Auch hier bedienen sich Röttgen, die CSU, de Maizière und die AfD im diffusen Trigger-Reservoir der ganz Rechten.

Türken könnten keine deutsche Staatsbürgerschaft bekommen, da sie nicht loyal oder gesetzestreu wären. Eine bösartige und verletzende Unterstellung, die viel zur mangelnden Integration beiträgt.

Staatsbürgerschaft wird wie selbstverständlich als ein ganz besonderes Privileg angesehen, welches selbsternannte Musternationale zu gewähren oder zu verweigern hätten.


Es ist absurd, daß ausgerechnet ein Land mit rassistischer Nazi-Vergangenheit so verbissen am alten Blutrecht (Ius Sanguinis) festhält. Demnach ist ein kasachischer Nachfahre deutscher Einwanderer aus der Zeit Katharina der Großen, in dessen Familie seit Generationen kein Deutsch mehr gesprochen wird, die seit Generationen keinen Deutschen Boden mehr betreten hat, sofort automatisch Deutscher, wenn er „spätaussiedelt“, während ich, der in Hamburg geboren wurde, länger in Deutschland lebt als Dobrindt oder Scheuer, besser deutsch spricht als Seehofer, nach wie vor nicht Deutscher werden kann, weil mein deutsches Blut minderwertigerweise nur mütterlicherseits an mich vererbt wurde.

Frankreich, Italien, England oder die USA haben hingegen keine Probleme mit Mehrstaatlichkeit.

Die genannten Länder waren früher vielleicht weltoffener als Deutschland, dem Land, in dem man sich eher national-inzestuös vermehrte.
Inzwischen sind die Deutschen aber mit 8% Handelsbilanzüberschuss Exportweltmeister (oder zumindest auf dem Treppchen) und außerdem Reiseweltmeister. Über die Hälfte der Deutschen verreist dieses Jahr für mehr als eine Woche ins Ausland. Durchschnittlich urlaubt der Deutsche 3,1 mal im Jahr. 30 Milliarden Euro werden dafür ausgegeben. Zudem arbeiten auch immer mehr Deutsche temporär im Ausland und umgekehrt.
Es kommt also auch zu immer mehr binationalen Pärchen und potentiell binationalen Kindern.

Deutschland war unter RotGrün endlich gegen den erbitterten Widerstand der C-Parteien vom mittelalterlichen Blutrecht abgerückt. Allerdings besteht eine Optionspflicht. Nur junge Menschen dürfen zwei Pässe haben. Später muß man sich für einen Pass entscheiden.

[….] Der Abschied vom alten Blutsrecht bei der Staatsangehörigkeit gilt den Befürwortern als großer Fortschritt und Grundlage der Integration von Migranten. Der Doppelpass ist ein wichtiger Baustein: Man kann in beiden Ländern und Kulturen leben; ohne türkischen Pass ist es zum Beispiel schwieriger, in der Türkei Besitz zu haben oder zu erben. Insgesamt erhofft man sich so mehr Loyalität der Deutschtürken zu einem Staat, der sie nicht zu einer Entscheidung für die eine oder andere Seite zwingt. [….]

Gern orakeln CDUler und andere dumpfe Blutrechtsnationalisten, die anderen die Rechte verweigern wollen, die sie selbst ohne Anstrengung ererbt haben* von mangelnder Loyalität oder Rechtstreue der potentiellen Neu-Deutschen.

*(Thomas de Maizières Familie lebt nicht so lange in Deutschland wie meine, aber er macht mir jetzt Vorschriften über meine Nationalität.)

Rechtstreue in einen Zusammenhang mit der Doppelstaatsbürgerschaft zu bringen, ist genau absurd und geradezu bösartig wie Wagenknechts Gastrecht-Phrasen.
Jeder in Deutschland Lebende hat sich selbstverständlich an die hiesigen Gesetze zu halten; völlig unabhängig vom Pass. Sollte ich jemals Deutscher werden, gilt für mich in gleicherweise der Diebstahlparagraf wie jetzt.
Das deutsche Rechtssystem wird nicht davon tangiert, ob man Deutscher, Ausländer oder beides ist.

[….] Das Scheitern einer schönen Idee
Eigentlich sollte der Doppelpass die Integration erleichtern. Erreicht hat er [….] David McAllister besitzt die britische und deutsche Staatsbürgerschaft und brachte es bis zum niedersächsischen Ministerpräsident. In der Europäischen Union mit ihren gemeinsamen Werten darf es auch kein Problem sein, zumindest bis auf Weiteres.
Anders stellt sich die Situation bei den Deutschtürken da. Wer daran zweifelt, befindet sich wohl seit spätestens Sommer 2016 in Winterschlaf. Rund 530.000 Menschen in der Bundesrepublik haben beide Pässe. [….] Die CDU/CSU hatte stets davor gewarnt, dass man nicht zwei Herren zugleich dienen kann. Das klang nach 19. Jahrhundert. Aber in Zeiten, wo das 19. Jahrhundert zurückkehrt, muss man das Argument noch einmal diskutieren. Natürlich war es sympathischer, mit dem Doppelpass ein Signal zu setzen, als mit Unterschriftenkampagnen dagegen Stimmung zu machen. Aber war es auch klüger?
Was gilt, wenn der eine Pass für eine Demokratie steht, der andere aber für eine Autokratie? Deutscher zu werden bedeutet, den hiesigen Rechtsstaat anzuerkennen, die hier gelebte Toleranz, unsere Grundrechte wie die Presse-, Religions- und Meinungsfreiheit.
"Wessen Herz für Erdogan schlägt, wer findet, dass er die Türkei wieder groß und stolz mache, wer für ihn und seine AKP auf die Straße geht und seine Gegner mundtot zu machen sucht, der sollte das besser in der Türkei tun", sagte unlängst der CDU-Vordenker Jens Spahn. [….][….]

Ikens Artikel, der heute begeisterten Zuspruch bei den Lesern findet, lehne ich nicht nur grundsätzlich ab, sondern ich halte jeden einzelnen Satz für falsch und seine Intention für gemeingefährlich.

[….]  Der kritische Leitartikel zur doppelten Staatsbürgerschaft war längst überfällig. [….] Deutsche Staatsbürgerschaft beinhaltet ein Bekenntnis zu abendländischen, christlichen Werten, dem Willen zur Integration und kostet Umorientierung und Anstrengung. Beim geschenkten Doppelpass ist es wie mit anderen Gütern. Was umsonst ist, taugt meistens nichts. [….]
(Dr. med. Dietger Heitele, 14.03.2017)

Doppelpasser sind Iken genehm als CDU-Mitglieder aus „guten“ Ländern (David McAllister) oder wenn sie fromme Katholiken wie Giovanni di Lorenzo sind.
Türken hingegen betrachtet er als deutlich minderwertig. Auch in der dritten Einwanderergeneration (nach einer Sozialisation in Deutschland!) sollen sie nicht denken und wählen dürfen, wie sie wollen. Sie bleiben undeutsch und somit verdächtig.

Ich wäre gern auch Deutscher. Aber dafür krieche ich nicht auf Knien und bettele um diese Ehre.
Ich finde, ich habe genau dasselbe Recht Deutscher zu sein, wie andere deutsche Muttersprachler, die in diesem Land geboren sind. Daß Röttgen und Co mir das verweigern wollen, empfinde ich als Bösartigkeit.
Was bilden sich diese CDU/CSUler eigentlich ein, sich aufgrund ihres Blutes über mich zu erheben und Loyalität anzumahnen?

Loyalität ist im Zusammenhang mit Staatsbürgerschaft genauso fehl am Platze wie „Gastrecht“ oder „Rechtstreue“.

Loyalität ist positiv konnotiert und damit klingt auch die Forderung danach gut.
Eine praktische oder rechtliche Bedeutung gibt es dafür aber nicht.

Was soll Loyalität zu Deutschland eigentlich sein?

Muß ich ein Gauck-Portrait über meinem Bett aufhängen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich immer der deutschen Fußballnationalmannschaft die Daumen drücken?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich jeden Tag Sauerkraut und Eisbein essen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich Gartenzwerge auf meinen Balkon stellen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich schwarzrotgüldene Wimpel an mein Auto kleben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich die Nationalhymne singen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich die Regierungspartei mögen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich kurze Hosen mit Treckingsandalen tragen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich Schlagermusik hören und Musikantenstadl gucken?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich Deutschland lieben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich mir das 1000-Jährige Reich zurückwünschen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich meine Kinder Peter und Ursula nennen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich einen Schäferhund haben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich schlechten Geschmack haben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich zur Lorelei pilgern?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich VW Golf fahren?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich „Leitkultur“ leben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

So wie man eine deutsche Staatsbürgerschaft nicht entzieht, wenn ein Deutscher dauernd Koreanisch isst, nur spanische Musik hört oder englische Bücher liest, wird sie auch nicht als Gnadenakt gewährt, wenn man sich loyal zu CDU, Kirche und Merkel verhält.

Die deutsche Staatsbürgerschaft steht jedem zu, der hier geboren wurde, oder aber eine bestimmte Zeit hier lebt. Ob er/sie/es durch familiäre Verstrickungen noch einen weiteren Pass in der Schublade hat, ist irrelevant.