Donnerstag, 9. Juni 2016

Lustige Umfragen – Teil II



Dieser Manfred Güllner, immerhin SPD-Mitglied, wird an der SPD-Basis gehasst, weil seine FORSA-Prognosen immer besonders schlechte Sozi-Werte zeigen.
OK, bei den letzten drei Bundestagswahlen lag er zwar näher an den realen Ergebnissen, aber was schert uns die schnöde Realität, wenn sie sich nicht der eigenen Sicht anpasst.

Jetzt geht Forsa allerdings zu weit und wagt sich an Landtagswahlumfragen in Bayern, die nicht die CSU-Lesart stützen, nach der Seehofer dort wegen seines scharfen Antiflüchtlingskurses die absolute Mehrheit halte und die AfD diminuiere.
Stattdessen melden Güllners Leute 40% für die CSU! (SPD 16%, Grüne 14%, AfD 10%)

Herrgottsakrakruzitürken, es kann doch nicht sein, was nicht sein darf.

Die CSU-Spitze reagierte verärgert und attackierte anschließend den Meinungsforscher: "Bei allen seriösen Umfrageinstituten liegt die CSU seit vielen Monaten und auch zeitgleich stabil um 48 Prozent", sagte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer auf Anfrage. Güllner mache mit Forsa keine Umfragen, sondern Stimmung. "Sowas überhaupt zu veröffentlichen, ist stümperhaft und unprofessionell."
CSU-Chef Horst Seehofer sagte, er nehme die Umfrage nicht ernst. "Politische Kundgebungen von Herrn Güllner sehe ich immer sehr gelassen."

Verdammter Güllner.
Eigentlich macht fast nur die GMS Umfragen in Bayern und die ergeben in den letzten Monaten stets 48% für die CSU.
Die GMS - Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung – ist in den Augen Seehofers viel seriöser.

Wenn die CSU eine Umfrage braucht, dann steht GMS bereit. […]
Wer wissen will, wie der Bayer so tickt, der findet in Helmut Jung vom Hamburger Meinungsforschungsinstitut GMS einen Kenner. […] In der Affäre um CSU-orientierte Meinungsumfragen der bayerischen Staatskanzlei, für die der Steuerzahler aufkommt, nimmt Jungs Meinungsforschungsinstitut eine Schlüsselrolle ein. Bei GMS sind jene umstrittenen 108.000 Euro teuren Studien in Auftrag gegeben worden, die Anleitungen enthalten, wie die CSU den politischen Gegner kleinhalten kann. Im Umgang mit dem Koalitionspartner FDP rät die Studie aus dem Jahr 2008 sogar dazu, den Konflikt zu suchen.
Regierungs- und Parteichef Horst Seehofer findet daran nichts Verwerfliches. […] Die Frage, ob es sein könne, dass ein Meinungsforscher ohne Auftrag politische Analysen liefert, führt tief ins Innenleben von Partei- und Regierungsarbeit - und schließlich zu der Erkenntnis, dass die CSU das lange Zeit sowieso als Einheit betrachtet hat. Und Jung hat davon in besonderer Weise profitiert.
Sowohl die CSU, die parteinahe Hanns-Seidel-Stiftung als auch die Staatskanzlei haben nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung über viele Jahre hinweg regelmäßig bei Jung Expertisen in Auftrag gegeben. In der Partei gilt er als "Haus- und Hof-Demoskop der CSU", berichtet einer aus der Führungsspitze, der ihn vor etwa 20 Jahren kennengelernt hat. Ein Sprecher der Staatskanzlei gibt an, dass die Regierungszentrale seit 1997 mit dem Meinungsforscher zusammenarbeitet. […]

Die Forsa-Zahlen können gar nicht stimmen, denn nur die absolute CSU-Mehrheit in Bayern gilt Seehofers Jungs als schlagkräftiges Argument gegen die CDU in der Flüchtlingsfrage.
Und wieso sollten die bayerischen Wähler auch nicht die grandiosen CSU-Politiker mit einer absoluten Mehrheit ausstatten?

OK, die Herren Dobrindt, Müller und Seehofer können kein Englisch, blamieren sich auf internationaler Ebene, widersprechen sich pausenlos und bekommen keinen einziges Projekt durchgesetzt, aber es gibt ja immerhin noch die CSU-Politiker der Landes- und Kommunalebene, die alle so integer uns sympathisch sind.

[…] Drogenaffäre erschüttert Münchner Rathaus-CSU
[…] Georg Schlagbauer hatte alles für eine steile Karriere in der CSU: Ein gelernter Metzgermeister mit eigenem Familienbetrieb, bestens vernetzt über viele Ehrenämter, amtierender Wiesnstadtrat, den Landtag schon im Visier. Doch die Karriere des 44 Jahre alten Politikers ist vorbei, bevor sie voll in Fahrt gekommen ist: Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt seit Mittwoch gegen Schlagbauer wegen des Verdachts, Drogen gekauft und genommen zu haben. Er selbst hat das Verfahren mit einer Aussage angestoßen. Am Donnerstag tritt der CSU-Stadtrat mit einer schriftlichen Erklärung von allen öffentlichen Ämtern zurück.
[…][…] Zwei Stunden später bestätigt die Staatsanwaltschaft, dass sie wegen Drogendelikten ermittelt. Sie macht keine Angaben dazu, was der Stadtrat genommen haben soll. Aus der CSU ist immer wieder von Kokain zu hören. Und noch einiges mehr. Zum Beispiel von offenen Rechnungen im Rotlicht-Milieu. Der Betreiber eines Clubs gibt im Gespräch mit der SZ an, Schuldscheine in fünfstelliger Höhe von Schlagbauer zu besitzen. […] Schlagbauer fällt von weit oben. Seit 2008 sitzt er für die CSU im Stadtrat. Er war Landesinnungsmeister beim Fleischerverband Bayern und Vizepräsident beim Deutschen Fleischer-Verband, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern sowie des Bayerischen Handwerkstages. […]

Beispiel Zorneding. Die oberbayerische 8921-Einwohner-Gemeinde (Landkreis Ebersberg) in der Nähe von München wird, natürlich, von einem CSU-Bürgermeister regiert, aber immerhin wählte dort jeder Fünfte grün; die CSU erreicht dort gerade mal die 40%-Marke.
Umso lauter agiert die Vorsitzende der Zornedinger CSU, Sylvia Boher.

[….]  In der aktuellen Ausgabe des von ihrem Ortsverband herausgegebenen Zorneding-Reports hetzt sie gegen Flüchtlinge, schimpft über die Hilfsbereitschaft vieler Deutscher und Politiker und sieht die Gefahr eines Gottesstaats. [….] Bohers Text ist voll von Pauschalisierungen zwischen "unseren Armen" und den fremden Asylbewerbern, denen alles in den Rachen geworfen werde. "Heute wird uns von den linksdominierten Medien weisgemacht, ein Militärdienstflüchtling aus Eritrea ist mit einem heimatvertriebenen Deutschen des Zweiten Weltkriegs gleichzusetzen???", schreibt sie. […] [….] Es ist nicht das erste Mal, dass Sylvia Boher mit fragwürdigen Äußerungen auffällt: Bereits 1997 schimpfte sie über Flüchtlinge, die "sich auf Kosten der deutschen Beitragszahler die Zähne sanieren lassen oder Stammesfrisuren für viel Geld vom Sozialamt" bezahlt bekommen. Im Dezember 2011 äußerte sie sich abwertend gegenüber Zugezogenen "mit norddeutschem Akzent", die die "Baulandpreise für Einheimische ins Utopische wachsen lassen". [….]

Das sind meines Erachtens so extreme Töne, daß die anderen Parteien mit allen Mitteln dagegen vorgehen sollten.

Dem Zornedinger Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende, den Rassismus aus der CSU vertrieb, springt man demonstrativ nicht bei.

 [….] Ndjimbi-Tshiende ist bald weg. [….]
Begonnen hatte alles im vergangenen Oktober, als die damalige Zornedinger CSU-Chefin Sylvia Boher im lokalen Parteiblatt geschrieben hatte, Bayern werde derzeit von Flüchtlingen "überrannt": "Das, was wir heute erleben, ist eine Invasion." In Deutschland würden viele Volksvertreter mehr Solidarität mit Flüchtlingen "als mit den eigenen Bürgern" zeigen.
[….] Ndjimbi-Tshiende übte damals deutlich Kritik an Boher. Die Situation eskalierte weiter, als Bohers damaliger Stellvertreter Johann Haindl eine deutliche Warnung gegen den Pfarrer aussprach: "Der (Pfarrer Ndjimbi-Tshiende - Anm. d. Red.) muss aufpassen, dass ihm der Brem (Altpfarrer von Zorneding - Anm. d. Red.) nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt, unserem Neger."
[….] [….]


Ein Jahr nach der Verwandtenaffäre steht endlich fest: Mehr als 1,3 Millionen Euro gaben fünf Kabinettsmitglieder für die Beschäftigung ihrer Ehefrauen aus. Unter ihnen ist auch einer von Seehofers Superministern.
[…] Mit einjähriger Verzögerung fördert die Aufarbeitung der bayerischen Verwandtenaffäre jetzt neue Ungereimtheiten zutage. Nach den umfangreichen Überprüfungen, denen sich fünf Kabinettsmitglieder unter Federführung der Staatskanzlei selbst unterzogen, wurde am Mittwoch klar, dass die bisherigen Angaben nicht vollständig waren.
[…] Die Auflistung der Staatskanzlei macht ein Jahr nach dem Höhepunkt der Affäre erstmals vollständig deutlich, wie viel Staatsgeld die fünf von der Verwandtenaffäre betroffenen Kabinettsmitglieder exakt für die Beschäftigung ihrer Ehefrauen ausgaben: mehr als 1,3 Millionen Euro seit den Neunzigerjahren.

Und wieder ist es der Stimmkreis Nürnberg-Nord, die CSU hat "dort einfach die Seuche", sagt einer der Parteioberen. Am Tag zuvor ist der Abgeordnete Michael Brückner zurückgetreten, in einer dürren Erklärung hat er "unausweichliche" Gründe angegeben.
Was das heißt, wird der CSU scheibchenweise klar. Dafür umso heftiger: Gegen den Landwirt Brückner wird ermittelt, weil er Geschlechtsverkehr mit einer 16-Jährigen gehabt und dafür bezahlt haben soll. Den Sex mit der Minderjährigen hat Brückner am Mittwoch selbst eingeräumt. […] Er habe das Mädchen über ein öffentliches Inserat kennengelernt und einen Tag vor ihrem 16. Geburtstag zum ersten Mal getroffen. […] Jetzt hat der Familienvater Brückner sein Mobiltelefon ausgeschaltet. Sein Haus wurde von der Staatsanwaltschaft durchsucht. Am Mittwoch hat Brückner sexuelle Handlungen in zwei Fällen an einer Jugendlichen eingeräumt. Beim ersten Mal soll sie noch 15, beim zweiten Mal 16 Jahre alt gewesen sein. Bei diesem zweiten Mal, schreibt die Anwältin Brückners in einer Erklärung, "kam es zum Geschlechtsverkehr".

Und bei der tollen Performance soll es keine absolute Mehrheit mehr geben?
Herr Jung, bitte neue Zahlen!

Mittwoch, 8. Juni 2016

Versöhnung



Das war wieder eine lange Nacht bis endlich die Ergebnisse aus Kalifornien vorlagen und der Bernie-Geront in Santa Monica auf die Bühne gewankt kam.

Der mit Abstand bevölkerungsreichste Staat der USA bringt 550 Delegierte in die demokratische Convention ein.
Hillary Clinton hatte schon vorher eine Mehrheit, aber Bernie Sanders wollte offensichtlich wenigstens eine Mehrheit der „pledged delegates“ anstreben, so daß Clinton auf ihre superdelegates angewiesen wäre, um ihn zu schlagen.
Dafür hätte er mindestens 70% der Stimmen in Kalifornien holen müssen.
Stattdessen verlor er deutlich.
Clinton liegt etwa bei 56% und Sanders bei 43%.
Der mit Abstand zweitgrößte Staat von den sechs, die gestern abstimmten, ist New Jersey. Hier gewann Clinton mit 63% zu 38% und sicherte sich damit 88 der 142 Delegierten.
Sie holte allein in Kalifornien eine halbe Million Stimmen mehr als Sanders; insgesamt bekam sie bei den gesamten demokratischen Primaries über drei Millionen mehr absolute Stimmen als er.
Sofern Sanders also Demokratie akzeptiert, muß er einsehen verloren zu haben.
Aber unter dem Jubel seiner Anhänger kündigte er an, nicht aufzugeben. „The struggle continues“ sprach er und will auch noch den allerletzten Wahltermin nächste Woche in Washington DC wahrnehmen.
Der Mann möchte also weiterhin Trump helfen.

Der GOP-Kandidat hatte nach der heftigen innerparteilichen Kritik ob seiner rassistischen Ausfälle ganz offensichtlich die Hosen voll. Dem Großmaul war selbiges gestopft.
Also war die loose cannon diesmal gleich zu Hause geblieben, las seine Rede vom Teleprompter ab und ließ keine Fragen zu.

Nichts Neues also bei Sanders und Trump.

Wir erlebten aber eine zur presumptive presidential nominee aufgestiegene Hillary Clinton, die damit schon Geschichte schrieb, weil sie die erste Kandidatin einer großen Partei in der gesamten Geschichte der USA ist.


Nachdem 44 Männer als US-Präsidenten amtierten, könnte Nr. 45 tatsächlich eine Frau werden.
Könnte.
Man verwende tunlichst eine Konjunktiv-Formulierung, denn Trump und die GOP haben es vermocht eine tiefe Sehnsucht nach den 50er Jahren zu schüren, als es noch nicht diese widerliche „Diversity“ gab. Als Schwarze und Latinos nichts zu melden hatten, Frauen die Klappe hielten, als Schwule in den Knast kamen und außenpolitische Aufmüpfigkeit mit Bombardierungen gelöst wurden.
Nichts anderes bedeutet Trumps Slogan „make America great again“ – zurück in die Vergangenheit, als wir Weißen allein bestimmten.
Diese teebeuteligen Hassfanatiker sind so unerträglich, daß ich als US-Wähler für jeden demokratischen Kandidaten stimmen würde.

Daß mir Hillary Clinton schon seit Jahren auf die Nerven geht, ich ihre Lautstärke, den stets weit aufgerissenen Lach-Mund und das ständige augenrollende Nicken kaum noch ertrage, ist also irrelevant.
Sie bekommt sowieso meine Stimme. Das war über Jahre mein amerikanisches Wahlmantra.

In den letzten Wochen haben sich aber zwei Dinge verändert.

Da ist einerseits die inzwischen nur noch theoretische innerparteiliche Alternative Sanders. Viele Jahre bin sich Abonnent seines Youtube-Kanals und freute mich oft an seinen Reden im Senat.
Seine linke sozialpolitische Agenda ist mir lieber als die Clinton-Linie.
Aber Sanders scheint mir doch intellektuell sehr verengt zu sein. Von Außenpolitik hat er keinen Schimmer, er interessiert sich auch offenbar gar nicht dafür.
Sanders sagt kein Wort zur Flüchtlingskrise im Nahen Osten. Das Elend in der Welt ist ihm egal. Ihm fiele es nicht ein dafür zu plädieren syrische Flüchtlinge aufzunehmen.
Clintons Agenda ist viel weiter gefasst. Sie ist erheblich besser informiert und sieht das Gesamtbild.
Außerdem zeigte sie 2008 wie man sich selbst zurücknimmt, um der Sache willen.
Sanders befindet sich immer stärker auf einem neroesken Egotrip.
Tatsächlich würde ich also bei einer Wahl zwischen Bernie und Hillary inzwischen für sie stimmen, weil ich sie für das Amt als erheblich besser geeignet erachte.

Da ist andererseits mal wieder eine neue Hillary, die zeigt wie lernfähig sie ist.
Lernfähigkeit halte ich für ein Zeichen von Intelligenz. Sie hat die Zustimmung zu Sanders analysiert und daraus die Konsequenz gezogen sich deutlich sozialer zu positionieren.
Anders als der ausschließlich sozial tickende Sanders denkt Hillary auch gesellschaftspolitisch, setzt sich schon sehr lange für Minderheiten ein; erwähnt diese bei allen Reden.
Damit bin ich schon beim entscheidenden Punkt.
Innerhalb einer Woche habe ich nun zwei große Reden Clintons gehört.
Letzte Woche in San Diego die zur Außenpolitik, in der sie Trump vernichtete und gestern ihre Kandidatenrede zum Abschluss der Primaries.

Beide, aber insbesondere die gestern waren brillant.
Ich bin ernsthaft beeindruck was für einen Ton sie fand und wie sie das Motto „Brücken bauen“ dem Trumpschen „Mauern erreichten“ entgegensetzte.
„Stronger Together“ lautete ihr Leitmotiv und so setzte sie eine klar diametral Trump entgegengesetzte Botschaft ab: Keine Ausgrenzung, sondern Inklusion, nicht gegen das Ausland, sondern mit den Partnern zusammen.


Beeindruckend wie Clinton die Versöhnung sucht, auch diejenigen mitnehmen will, die sie nicht wählen und sich wieder demonstrativ freundlich Bernie Sanders zuwendete.
Hier zeigte sich auch der größte Unterschied zur Sanders-Veranstaltung.

Während Hillarys Unterstützer bei ihrem Sanders-Lob applaudierte, buhte es Sanders heftig entgegen, als er Clinton erwähnte.
Seine Anhänger sind offensichtlich Fanatiker, die lieber untergehen und Trump Präsident werden lassen.

Wir haben jetzt immerhin klare Alternativen.

Hillary Clinton, oder Trump:

Schockierend dagegen ist das, was Trump über Amerika verrät. Ihm gelingt es, aus jedem Jahrzehnt die negativsten Eigenschaften mitzuschleppen und zu vermengen, von der Gier und Rücksichtslosigkeit der Achtziger bis zur permanenten Selbstdarstellung auf den Social-Media-Bühnen der Nullerjahre bis hin zu der zunehmend salonfähigen Ausländerfeindlichkeit der Zehnerjahre. In diesen Tagen wirft er einem US-Richter mexikanischer Herkunft vor, befangen zu sein, bloß weil er mexikanische Wurzeln hat. Vor einem Jahr mag man gedacht haben, offener Rassismus durch einen Spitzenpolitiker sei undenkbar in diesem toleranten Einwanderungsland, das noch immer die treibende Kraft der Globalisierung ist.
Aber der Blick in den Spiegel hat etwas anderes verraten. Die einst so stolze Republikanische Partei ist durchsetzt von Ressentiments - gegen Illegale, gegen Muslime, gegen angebliche Schmarotzer. Die älteren weißen Wähler befürchten, dass sie die Kontrolle verlieren, dass sie zu wenig abbekommen, während die anderen, die Fremden, zu viel kriegen. [….]

Hoffen wir, daß Clinton die USA vor de, GOP-Wahnsinn rettet.



Dienstag, 7. Juni 2016

Sportsommer


Vielleicht bin ich doch falsch auf diesem Planeten.

Was ist das mit diesem Mohammad Ali?
OK, weltbekannter Boxer und so. Klar, daß der Tod gemeldet wird.
Aber muß das tagelang in der gesamten Weltpresse die Schlagzeilen dominieren?
Das war ein Typ, der anderen auf die Nase gehauen hat und nicht der Erfinder eines Krebsmittels.

Während die Welt zusieht, wie in Syrien Zehntausende dem Hungertod ausgeliefert sind und sich niemand in der hochgerüsteten westlichen Welt technisch in der Lage sieht wenigstens Lebensmittel abzuwerfen („Fluchtursachen bekämpfen und so…“), läuft die Olympia-Logistik wie am Schnürchen.
38 deutsche Pferde wurden für die Reiterei in Rio mit einer gecharterten Boeing 777 nach Südamerika geflogen.
Die teuren Rosse kennen das schon, sie fliegen durchschnittlich einmal im Monat.
Geld spielt keine Rolle.

Zunächst steht aber eine EM in Frankreich an.
Ausrichter sind diese Fifa-Jungs, die sich tagtäglich mit neuen Korruptionsgeschichten in die Nachrichten beamen.

Der langjährige Präsident Sepp Blatter, der frühere Generalsekretär Jérôme Valcke sowie der erst vor zwei Wochen fristlos entlassene Finanzchef Markus Kattner sollen zusammen allein in den vergangenen fünf Jahren mindestens 79 Millionen Schweizer Franken (80 Millionen Dollar) an Gehältern und Boni erhalten haben. Die Zahlungen beruhten weitgehend auf diskreten Vereinbarungen, die nur Blatter, Valcke sowie der im Juli 2014 verstorbene, langjährige Blatter-Stellvertreter Julio Grondona (Argentinien) unterzeichnet hatten.

Diese Multimillionäre richten nun ein Gathering für einige Dutzend weitere leichtbekleidete Multimillionäre aus, die dann anderthalb Stunden auf einem Rasenplatz einem Ballspiel nachgehen.
Die Multimillionäre sind allerdings ob ihrer randvollen, teilweise in Panama beheimateten Bankkonten so träge, daß sie nicht etwa von allein oder wegen der patriotischen Ehre spielen, sondern noch zusätzlich mit sechsstelligen Prämien gelockt werden müssen.

Das ist ein derart gefährliches Vorhaben, daß allein in Frankreich 90.000 bis 100.000 Bewaffnete „die Spiele“ sichern müssen.

Myriaden Paramilitärs kommen in den Zuschauernationen hinzu, denn auch die Deutschen gucken nicht gern in ihren bequemen und sicheren Wohnzimmern zu, sondern rotten sich ebenfalls zum Entzücken und IS und Al Kaida zu Hunderttausenden dicht auf öffentlichen Plätzen zusammen.

Europa, das leider, leider kein Personal hatte, um die rund 2.500 dieses Jahr im Mittelmeer krepierten Frauen und Kinder zu retten, kann also zum reinen Vergnügen scheinbar mühelos Hunderttausende Soldaten und Polizisten aufbieten.
Fußball erfordert eine derartige Armee, daß man damit Irak und Syrien vom IS befreien könnte, um Frieden zu erlangen.

Aber daran würden Fifa, Medien und Boateng* nichts verdienen.

*Ich weiß übrigens gar nicht, daß der Deutscher, Schwarzer und Christ ist.

Montag, 6. Juni 2016

Meine Bundespräsidentin



Manchmal staune ich ja doch noch, wie einig sich Volk und Presse sind.

Heute sind Zeitungen, Internet und Glotze voll des Lobes über Joachim Gauck.
Der Mann scheint eine Kreuzung aus Jesus und Einstein zu sein.
Die Grünen liegen ihm zu Füßen und jubilieren, Gauck habe dem Amt die Würde zurückgegeben.
Ich habe so gut wie keine andere Meinung gefunden. Alle lieben Gauck und das wird nur von einem Mann übertroffen: Gauck selbst ist sein eigener größter Fan.
Er findet sich so ungeheuer fabelhaft, daß er leider nicht dazu kam mal eine rauchende Ruine einer Flüchtlingsunterkunft zu besuchen, weil er zu sehr damit beschäftigt war sein Spiegelbild zu küssen.
Bei den großen weltpolitischen Fragen war Gauck stets ein Totalausfall, schwieg über Monate zu den fremdenfeindlichen Anschlägen, zur EU-Griechenland-Krise, zu den massenhaft missbrauchten Opfern der beiden Kirchen, zur xenophoben Stimmungsmache bei der Antiausländermaut und Minderheitenrechte sind ihm ohnehin egal.
Der neoliberale Gauck ist zudem ein intellektueller Underachiever, der immer wieder seine verblüffenden Bildungslücken offenbarte.

That said, bin ich natürlich froh, daß Gauck heute verkündete keine weiteren fünf Jahre zu amtieren.
Ich halte ihn für den drittschlechtesten Bundespräsidenten nach Lübke und Carstens. Im Gegensatz zum bundesrepublikanischen Narrativ vom großen Präsidentenglück nach 1949, glaube ich, daß Deutschland weit bessere Präsidenten hätte haben können.
Herzog, Köhler und Wulff haben keinerlei Akzente gesetzt.
Die ins Spiel gebrachten Gegenkandidaten Carl-Friedrich von Weizsäcker, Marion Gräfin Dönhoff oder Hildegard Hamm-Brücher wären deutlich besser gewesen.

Schon lange drehte sich hinter den Kulissen das 2017ner Kandidatenkarussell, denn Gaucks Alter ist schließlich kein Geheimnis.
Heute platzen die Zeitungen mit langen Kandidatenlisten heraus.
So generiert man Aufmerksamkeit. Kostenlose Aufmerksamkeit, denn das sind alles nur Spekulationen ohne Wert.
Bundespräsidenten werden nicht vom Volk gewählt und auch nicht in den Redaktionen auf den Schild gehoben, sondern ganz unspektakulär unter den Parteichefs ausgeklüngelt.
Merkel, Gabriel und Seehofer werden also letztendlich bestimmen, wer es denn wird.
Solche Klüngelrunden haben manchmal eine unfreiwillig komische Note. Ich grinse immer noch bei der Vorstellung von Stoibers entsetzen Gesichtsausdruck, als der Bundespräsident im März 2004 in Westerwelles Privatwohnung ausgeknobelt wurde.
Die damaligen drei Parteichefs hatten die Presse ausgetrickst und sich heimlich beim FDP-Chef zu Hause getroffen, der sie auf Socken mit rutschfesten Gumminoppen empfing.
Zu essen gab es nichts und so hockte man zu dritt in Westerwelles Wohnzimmern unter den riesigen schwulen Knabengemälden des schwulen Künsters Norbert Bisky – dem Sohn des PDS-Chefs Lothar Bisky.
Heraus kam am Ende der Name „Horst Köhler“, den 99% der Deutschen noch nie vorher gehört hatten. Am meisten wunderte sich Guildo Horn („Piep, piep, piep, ich hab dich lieb!“, * 15. Februar 1963 als Horst Köhler in Trier) über die Verkündigung und konnte sein Glück kaum fassen Bundespräsident zu werden. 


Als Freund der repräsentativen Demokratie gefällt mir das deutsche Wahlsystem über die Bundesversammlung. Dadurch ist eine größtmögliche Repräsentanz gegeben und uns bleibt ein widerlicher Populismuswettbewerb wie zuletzt in Österreich erspart.

Neun Monate vor der Wahl mit Namen um sich zu werfen ist albern und überflüssig.
Aber kurzweilig.

Brisanz bekommt die Causa dadurch, daß es eine wichtige Personalentscheidung ist, die weitgehend von Merkel abhängig ist.

Zwar gibt es eine knappe rotrotgrüne Mehrheit in der Bundesversammlung (~626:619), so daß Gabriel CDU/CSU/AFD/FDP ganz gewaltig ärgern könnte – zumal Katja Kipping bereits signalisierte einen RRG-Kandidaten mit zu wählen, aber wie schon so oft sind Rot und Grün leider viel zu doof dazu und lassen sich lieber einen Konservativen aufs Auge drücken.
Derzeit scheinen es insbesondere die Grünen zu sein, die kurz vor der Bundestagswahl 2017 auf keinen Fall ein RRG-Signal senden wollen, weil sie auf eine schwarzgrüne Koalition im Bund setzten.
Hochwahrscheinlich also, daß die fromme Merkel-Freundin Katrin Göring-Kirchentag ihre Partei auf CDU-Kurs trimmt.

Es liegt also alles in der Hand Merkels und damit ausgerechnet bei der Frau, die ein extrem schlechtes Händchen für Personalentscheidungen hat.
Merkels Menschenkenntnis ist legendär schlecht.
Wann immer sie persönlich eine Personalie durchsetzt, stellt sie sich kurz darauf als grober Fehler heraus.
Man denke nur an die lange Reihe völlig unfähiger CDU-Generalsekretäre und Staatsminister ihres Kanzleramts, die allesamt in Rekordtempo Merkel blamierten, indem sie sich von Lobbyisten abwerben ließen.
Beide Bundespräsidenten, die sie durchsetzte, Köhler und Wulff, traten unter extrem blamablen Umständen zurück.

Das wird lustig zu sehen, wenn die Kanzlerin wohl diesmal vorschlägt.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ein extrem ungeeigneter Mensch.
Man erinnere sich auch an die Wulff-Wahl von 2010, als Merkel trotz gewaltiger CDU/CSU/FDP-Mehrheit in der Bundesversammlung um ein Haar scheiterte und den ganzen Tag bis zum dritten Wahlgang brauchte, um den ungeliebten Wulff durchzudrücken.

Eine einsame Entscheidung für einen charakterlich ungeeigneten CDU-Karrierist wird Merkel 2017 wegen der Mehrheitsverhältnisse nicht noch einmal wagen. Ein gewisser überparteilicher Konsens ist erforderlich, um Merkel nicht erneut zu blamieren.
Um ihr Wahlvolk zu erfreuen, muß es eine Person sein, die nicht aus dem innersten politischen Zirkel kommt und um Merkel das Leben zu erleichtern, darf es auch kein zu selbstbewußter Menschen sein, der ihr womöglich in die Quere käme.
Gauck war in dieser Hinsicht ideal, denn er beschäftigte sich im Grunde nur mit dem Gauck-sein an sich und hatte nie das Rückgrat tatsächlich ein umstrittenes Gesetz, wie das zum ESM-Mechanismus, nicht zu unterschreiben.
Er tat also brav alles was Merkel wollte, galt aber dennoch kurioserweise beim Wahlvolk als unabhängiger und freier Geist.

Eine richtig schwierige Aufgabe für Merkel.
Sie entscheidet.
Ich nicht.

Hätte ich die Macht einen Bundespräsidenten zu bestimmen, wüßte ich aber auf wen meine Wahl fiele:

Herta Müller wäre ideal.

Müller, (*1953 in Nițchidorf, Rumänien), emigrierte 1987 nach Deutschland und bekam 2009 hochverdient den Literaturnobelpreis verliehen.
Sie ist eine extrem mutige und unbestechliche Frau.
Im diametralen Gegensatz zu Gauck ist Müller eine hochintelligente und engagierte Person, die sich eben gerade nicht selbst genügt.

Neben ihrer intensiven schriftstellerischen Arbeit findet Müller immer wieder Zeit für öffentliche Aufgaben im In- und Ausland: Sie nimmt Gastprofessuren an deutschen Universitäten wahr, (Hamburg, Bochum,Tübingen, Berlin, Paderborn) und wird writer in residence im Ausland (University of Warwick, Dickinson College, University of Wales in Swansea , University of Florida). Im Jahre 2010 wurde ihr die Ehrendoktorwürde von der Frauenuniversität Seoul verliehen und im Jahre 2012 erhielt sie die gleiche Ehre von der Universität Paderborn, der Universität Swansea und dem Dickinson College. Eine Konstante in ihrem Leben ist ihr unermüdlicher Einsatz für Menschenrechte und die öffentliche Kritik an intellektueller Feigheit.

Müller ist eine brillante Denkerin und Rednerin, die aus eigenem Vermögen die Rolle als Bundespräsidentin ausfüllen könnte.

Sie schreibt tagesaktuelle Texte, die dann zum Beispiel 2013 im SPIEGEL erscheinen („Vorschlag eines Exilanten-Museums“) und so kommentiert werden, daß sie dafür gleich einen zweiten Nobelpreis verdient hätte.
Ich unterstütze den Vorschlag Müller mit weiteren Nobelpreisen zu ehren ausdrücklich.

Es sprechen so viele Gründe für Herta Müller als Bundespräsidentin, daß ich nicht verstehe, wie man an andere Kandidaten denken kann.

1) liebe ich diese Frau
2) ist sie keine Politikerin
3) ist sie intelligent und gebildet
4) würde sie als Nobelpreisträgerin ein klares Signal in Richtung "Kulturnation" aussenden
5) ist sie Migrantin
6) kennt sie diktatorische Regime aus eigener Erfahrung und würde im Ausland extrem glaubwürdig Stellung beziehen können
7) könnte sie in der Bundesversammlung durchsetzbar sein
8) ist sie nicht wie damals Köhler oder nun Jutta Allmendinger zu unbekannt
9) ist sie keine Pfäffin wie Gauck, Käßmann oder Lieberknecht
10) ist sie endlich mal kein Mann
11) hat sie mit 62 Jahren das beste Bundespräsidentenalter
12) beweist sie durch ihre Vita ihre Unerschrockenheit und ihren Mut
13) würde sie sich nicht von Parteichefs manipulieren lassen
14) staunte das Ausland über diese Wahl
15) wäre ich endlich mal stolz auf Deutschland.

Leider entscheide ich aber nicht, sondern Merkel.
Und die mag Typen wie Pofalla oder Gröhe.