Sonntag, 24. Dezember 2023

Christliche Konservative suchen den Kulturkrieg

Christliche Traditionen als Mittel zur Ausgrenzung von Minderheiten, sind dieses Jahr das große Thema der Konservativen in den USA und Deutschland.

(…..) Der Trumpismus löste das rechte politische Spektrum endgültig aus der ohnehin schon gelockerten Verankerung in die Realität. Der orange Messias führte die republikanische Masse in die debile Nebelwelt der „alternative facts“, in der man sich nicht zur Tatsache eine Meinung bildet, sondern sich erst eine (zumeist sehr bösartige) Meinung aneignet und anschließend dazu passende „Fakten“ erfindet.

In dieser rechten Wahnwelt gibt es die Guten - sich selbst – und viele Schuldige; nämlich alle, die anders sind, aussehen, glauben, lieben.

Das US-amerikanische Christentum ist die symbiotische Ergänzung der politischen Hass-Ideologie; nämlich eine exkludierende Hass-Religion, die auf Xenophobie, Sexismus und Rassismus fußt.

 [….] Seite an Seite mit den rechten Gruppen kämpfen die fundamentalistischen Christen nicht mehr länger nur um ihre religiösen Überzeugungen. Sie führen auch einen Kulturkampf gegen die Befürworter der Homo-Ehe, liberale Abtreibungsgesetze und LGBTQIA+, und das in einer Intensität, die inzwischen an die europäischen Religionskriege der Reformationszeit erinnert.  [….] Vor allem weiße Evangelikale verwechseln inzwischen Religiosität mit Rassismus und drängen auf die Wiederherstellung der »White Christian Supremacy«, der politischen wie zahlenmäßigen Überlegenheit der weißen Christen in den USA, denn die sei einst von Glaubensflüchtlingen wie etwa den Mayflower Pilgrims begründet worden. Sie warnen vor einem angeblichen »Great Replacement« (»Großen Bevölkerungsaustausch«) und fühlen sich durch die Einwanderung ethnischer Minderheiten bedroht. [….][….] Nicht rassistische Rechtsradikale sind in seiner Bewegung mit ihrer Ideologie auf einen längst fahrenden religiösen Zug aufgesprungen. Vielmehr hat eine immer noch mächtige und ressourcenstarke Religionsgemeinschaft sich den alt-weißen Rassismus zu eigen gemacht, um sich selbst vor dem befürchteten Niedergang zu retten. »Race«, nicht Religion ist die wahre Mobilisierungskraft, die nun die Partei der Republikaner von der Basis bis zur Spitze durchzieht. [….]

(Claus Leggewie, 25.11.2023) (…..)

(Rechts – links, Religiös – atheistisch, 15.12.1023)

Seit die CDU Ende 2021 Fritze Merz anheimfiel, wurden die letzten Rudimente einer integrativen „Union“ ausgemerzt. Nun geht es nur noch gegen die anderen.

Merz nimmt sich ein Beispiel an den durchaus erfolgreichen US-Republikanern und anderen Rechtsradikalen in Europa. Im Social Media Zeitalter diktieren Algorithmen die Verbreitung der Inhalte. Hass, Empörung und Hetze sind wesentlich effektiver, als konstruktive Vorschläge, Werben um Toleranz und komplizierte Auseinandersetzungen mit der Realität. Merz gießt systematisch Öl ins Feuer, facht Empörung gegen Minderheitern an, weil er davon parteitaktisch profitiert, während die auf Frieden und Solidarität fußenden Rotgrünen Schaden nehmen. Auf den Zug ins Verderben aufzuspringen und rechtsradikale Narrative zu verbreiten, wie es Friedrich Merz tut, zeigt sich in der Praxis durch den Hass auf Minderheiten, den er schürt.

[….]  Mitten in einer aufgeregten Brandmauerdebatte gab er kurz vor der Sommerpause ein Fernsehinterview, in dem er so klang, als stelle er es seiner Partei frei, in den Kommunen mit der AfD zusammenzuarbeiten. In den Führungsgremien der CDU löste das eine Krisenstimmung aus, die ein Betroffener als „beispiellos“ beschrieb.  [….] Merz hat mit Blick auf ukrainische Flüchtlinge von „Sozialtourismus“ gesprochen und arabischstämmige Kinder „kleine Paschas“ genannt. Er hat die CDU als „Alternative für Deutschland mit Substanz“ bezeichnet und die Grünen als „Hauptgegner“ in der Regierung. Es gab Proteststürme nach seiner Bemerkung, dass Migranten den „deutschen Bürgern“ die Termine beim Zahnarzt wegnähmen und dass Kreuzberg nicht Deutschland sei. Und dass er jederzeit bereit ist, die Länderchefs seiner eigenen Partei öffentlich abzukanzeln, wenn er sich angegriffen fühlt, davon wissen Hendrik Wüst in Nordrhein-Westfalen und Kai Wegner in Berlin ein Klagelied zu singen.  [….]

(Boris Herrmann und Robert Roßmann, SZ, 15.12.2023)

Die Konservativen in Deutschland sind um Kampf gegen den Rechtsextremismus nicht bloß unsicherer Kantonisten, sondern Helfershelfer der Faschisten, die das tumb-desinteressierte Volk in die falsche Richtung schubsen. Im rechtsradikalen Springer/AfD-Echoraum sind Muslime und Veganer besonders verhasst. Genau deswegen zeigen sich Weidel, Chrupalla, Merz, Söder und Aiwanger am liebsten mit Schweinewürsten im Maul, etikettieren das Nichtessen toter Schweine als undeutsche Kulturlosigkeit um.

(….) Der FDP-General, längst nach ganz Rechtsaußen abgedriftet, twittert wie Lutz Bachmann. Seine hepatisgelbe Bundestagskollegin, die AFDP-Abgeordnete Katja Adler, teilt so kräftig gegen die vier Millionen Muslimein Deutschland aus, daß sie bei der Gelegenheit auch noch alle Juden in Deutschland bedroht und verunglimpft. Adler erinnert dabei an den CDU-Lieblingsministerpräsidenten Daniel Günther, der in seinem ersten Landtagswahlkampf ebenfalls antisemitisch ritt, indem er mit einem Schweinefleisch-Fresszwang, die Juden aufforderte nicht koscher zu essen.

2016 brachte er einen Schweinefleisch-Gebots-Antrag in den Landtag ein.

Schweinefleisch zu fressen gehöre „zur deutschen Tradition“ erklärte Günther; die koscher essenden Juden also nicht. Die antisemitische Günther-Idee wird seither immer wieder in Variationen vorgetragen; besonders stark zuletzt im Bayerischen Wahlkampf von AfD und CSU. Schweinefleischfressen als Apotheose des Deutschtums. „Vegetarier und Juden gehören nicht zu uns“ meinen also die beiden bayerischen Regierungschefs Aiwanger und Söder.

[….] Ein Wirt im oberösterreichischen Bad Ischl wollte sich einen "Scherz" erlauben – doch der ging nach hinten los. Hintergrund ist ein Spruch, den der Restaurantbesitzer des Traditionsgasthauses k. u. k. Hofbeisl zu Ischl, Marcus Hofbauer, auf einem Schild aufgeschrieben hat. Darauf war zu lesen: "Menschen, die Schweinefleisch essen, neigen statistisch gesehen weniger häufig dazu, sich und andere in die Luft zu sprengen." Das Schild mit dem Spruch stand nach Angaben des Wirtes mehrere Stunden lang vor dem Restaurant. Ein Foto davon verbreitete sich schnell im Netz. Zahlreiche österreichische Medien berichteten über das Schild.

Dem Inhaber des Gasthofes wird nun islamfeindliches Verhalten vorgeworfen. "Das ist kein Humor, das ist purer Rassismus", zitiert die Nachrichtenseite Oe24" eine Frau.  [….]

(STERN, 10.11.2023)

Nach dieser Logik wären auch Juden und Vegetarier Bombenleger.

Die Perfidie der Konservativen, sich mit Islamophobie und völkisch-judenfeindlichen Sprüchen, als besonders aktive Kämpfer wider des Antisemitismus zu inszenieren, ist an Widerlichkeit kaum zu überbieten.  (….)
(Konservative mit toxisch alten Ansichten – Teil II, 12.11.2023)

Das von deutschen und US-amerikanischen Nazis verwendete Weihnachts-Framing, als Abwehrkultur gegen Dunkelhäutige und Muslime, übernimmt Fritze Merz nur zu gern von antisemitischen Hetzern wie David Berger.

[….]  Weihnachten als Ausdruck abendländischer Kultur

Wie niemals zuvor in meinem Leben habe ich seit einigen Jahren das Gefühl, dass das Weihnachtsfest ein wichtiger Teil unserer abendländischen, meiner Kultur ist. Die uns [….] zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Und nur wenn wir uns erneut auch auf diese Wurzeln zurückbesinnen, können wir erneut jene Standhaftigkeit gewinnen, um gegen die derzeit über Europa hereinfallende Flut der Barbarei der „neuen Normalität“ bestehen.

Der Theismus ist das Heilmittel gegen jenen praktischen Atheismus, der für die Ersatzreligionen wie die Corona-Diktatur [….] mit-verantwortlich ist bzw., diese erst so recht möglich gemacht hat. [….] Für Ungläubige mag das, was wir derzeit erleben, die Dämmerung sein, die in die endgültige Dunkelheit führt, für Gläubige eine extrem schwierige Zeit, da die Bosheit groß wurde. [….]

(David Berger, PP, 24.12.2024)

Bei Merz klingt es so:

[….] Friedrich Merz erklärt den Weihnachtsbaum zur deutschen Leitkultur

[….] Einer geht noch. Einen Spruch, über den dann wieder alle Welt diskutiert, hat Friedrich Merz noch platziert. Wenige Tage vor Weihnachten machte sich der Oppositionschef in Deutschland – eh klar – über die Bedeutung des Festes Gedanken. Und dabei ging es auch um den Tannenbaum im heimischen Wohnzimmer. Der CDU-Chef selbst hat seinen im Sauerland gefunden: 220 Zentimeter hoch – man weiß das, weil Merz den Baum nicht rein privat kaufte, sondern Journalisten dabei mitnahm. Warum das Grün daheim so wichtig ist, erklärte er der Funke-Mediengruppe so: "Wenn wir von Leitkultur sprechen, von unserer Art zu leben, dann gehört für mich dazu, vor Weihnachten einen Weihnachtsbaum zu kaufen. Es ist die Art von christlich-abendländisch geprägter kultureller Identität, die sich über Generationen überträgt, von der unsere Kinder geprägt sind und die sie dann so oder so ähnlich selbst weitertragen." Man erfährt auch noch, dass im Merz'schen Wohnzimmer in Arnsberg (Nordrhein-Westfalen) keine neumodische Bling-Bling-Glitzer-Deko auf den Baum kommt, sondern dass dieser mit echten roten Kerzen geschmückt wird. Also quasi Leitkultur auch bei den Kerzen. [….]

(Der Standard, 22.12.2023)

Muslime verunglimpfen Merz und seine C-Lumpen so gern, daß sie dabei in einem Abwasch auch noch gegen Juden und Atheisten hetzen.

Tatsächlich liegt Merz ausnahmsweise nicht falsch. Denn Antisemitismus ist sowohl Teil seiner deutschen, als auch seiner katholischen Kultur.

Der demoskopische Erfolg gibt ihm ebenfalls Recht. Mit Antisemitismus kann man – siehe AfD und Ost-CDU, siehe Aiwanger – viele Wählerstimmen gewinnen.

Anständige Politiker verzichten auf die Methode, aber Anstand sucht man in der 2023er CDU ohnehin vergeblich.


[….] Alle, die hier leben wollen, müssen unsere Leitkultur ohne Wenn und Aber anerkennen. [….] 


Beachten Sie: Plastikbäume und/oder bunte LED-Beleuchtung sind nicht Teil der deutschen Leitkultur und führen zur unzumutbaren Verwässerung derselben. Nur wer sich zu unserer Leitkultur bekennt, kann sich integrieren und deutscher Staatsbürger sein. Nur wer die rechte Tanne kauft, ist ein wahrer Nordmann. Der Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union Deutschlands erläutert: »Es ist die Art von christlich-abendländisch geprägter kultureller Identität, die sich über Generationen überträgt, von der unsere Kinder geprägt sind, und die sie dann so oder so ähnlich selbst weitertragen.« Sollten Sie also einer anderen Religion angehören als jener von der deutschen Leitkultur vorgegebenen, sind Sie durch Teilnahme an Christmette und Gänseschmaus angehalten, sich umfassend und über Generationen christlich-abendländisch prägen zu lassen.
[….]

(Stefan Kuzmany, 22.12.2023)


 

Samstag, 23. Dezember 2023

Rechtsbauern

Björn, einer meiner Kommilitonen, mit dem ich im Grundstudium gut befreundet war, stammte aus dem Landkreis Cloppenburg im Oldenburger Münsterland zwischen Osnabrück und Oldenburg. Als Politjunkie war ich fasziniert. Denn damals, im glücklich unvereinigten Deutschland, waren Cloppenburg und der südöstliche Nachbarlandkreis Vechta berühmt und berüchtigt, als schwärzeste Löcher Deutschlands. Der erzkonservativste Bundestagswahlkreis Cloppenburg-Vechta 32; schlimmer als alles, was es in Bayern gibt. Eine Gegend, die von einer homogen völkischen Schweine- und Geflügelzüchter-Gattung bevölkert ist.

Vor dem Laschet-Absturz von 2021, holten strammrechte CDU-Kandidaten dort stets zwischen 60 und 80%.

Als Hamburger Stadtkind mit Verwandten in New York, begegnete ich nicht oft Bauernjungen und fragte Björn, wie es sich anfühle, in so einer Umgebung aufzuwachsen. „Beschissen natürlich – was meinst Du wieso ich sofort nach der Schule da abgehauen bin?“

Einmal lud uns Björn zu einer Geburtstagsfeier auf den heimischen Hof ein. Er wäre natürlich lieber in Hamburg geblieben, wußte aber, daß wir alle neugierig waren und wollte wohl mit dieser Aktion, alle Fragen ein für allemal ausräumen.

Das ist ewig lange her, aber ich erinnere mich an eine gigantischen runden Güllebehälter (20m? 30m Durchmesser?), aus dem unglaubliche Gase drangen und der für mich unbegreiflicherweise genau neben dem Wohnhaus stand. Für uns Biochemiker aber gar nicht mal uninteressant, was da vor sich ging.  Die zweite Überraschung betraf die Widerlegung meiner Bauern-Klischees. Ich hatte ein sehr ärmliches einfaches Leben vor meinen Augen, das ich vermutlich aus dem Michel/Lönneberga-Kinderfernsehen übernommen hatte. Die Schweinezüchter in Cloppenburg hingegen waren wohlhabend; das Haus riesig. Nicht gerade mit edler Kunst vollgestopft, aber man hatte sagenhaft viel Platz. Die Kinder verfügten jedes quasi über einen eigenen Trakt. Björn hatte ein Schlaf-, ein Wohnzimmer und ein eigenes Bad – wie seine Schwestern jeweils auch. Außerdem war seine Mutter eine herzliche Person, die uns, nun doch wieder gemäß aller Klischees, üppig und hervorragend bekochte.  Für die Verhältnisse des Bundestagswahlkreises 32 waren sie vermutlich schon liberal, weil ihr Sohn überhaupt aus der Familientradition entlassen wurde und in der fernen linken Großstadt etwas ganz anderes studieren durfte.

Mein Besuch auf dem Hof fand ungefähr 1990 statt, zu der Zeit, als Gerd Schröder in einer rotgrünen Koalition – mit Jürgen Trittin an seiner Seite – Ministerpräsident wurde. Die Bauern schäumten natürlich, wähnten den Weltuntergang unmittelbar vor sich.

Viehzüchter hassen alle Grünen, fühlen sich von den Begriffen „Umweltschutz“ oder „Tierrechte“ massiv bedroht. Verbissen kämpfen sie gegen jede von grünen Ministern eruierte Regelung, die dem Schlachtvieh wenigstens etwas weniger Leid zufügen soll. Schon vor 35 Jahren waren Lebend-Tiertransporte, betäubungslose Kastration, Kükenschreddern und Qualmast in Schweinekoben die Themen, bei denen sich die Bauern keinesfalls reinreden lassen wollten. So wie sie sich bis heute erfolgreich gegen den Willen der Roten und Grünen für ihr geliebtes Glyphosat einsetzen.

Gerd Schröder, der in Niedersachsen enorm stark war; nach vier Jahren im Amt gar die absolute Mehrheit holte, hatte in dem bulligen, rotwangigen Bauernsohn Karl-Heinz Funke, geb. 1946, den perfekten Mann für den Job des Landeslandwirtschaftsministers. Der aus dem liberaleren Friesland stammende Funke blieb die vollen acht Jahre im Amt und folgte seinem Chef 1998 als Bundeslandwirtschaftsminister nach Bonn.

Als Bundeskanzler tat Schröder nach wenigen Amtsmonaten etwas, das seine Sozi-Vorgänger Brandt und Schmidt nie getraut hatten. Er wagte sich in das tief braunschwarze Feindesland eines Bauerntages. Das war ähnlich verwegen, wie die Besuche der grünen Pastorin und Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer bei der Vertriebenentagen, die ebenfalls nahezu ausschließlich dem rechten CDUCSU-Flügel angehören.

[….]  Es war eine Premiere, und sie ging gründlich daneben: Mit Gerhard Schröder besuchte am Freitag erstmals ein sozialdemokratischer Bundeskanzler einen Deutschen Bauerntag. Zwei Welten prallten aufeinander.

[….] Der Auftritt des Kanzlers vor 3000 Bauern in den Cottbuser Messehallen war von lauten Protesten begleitet. Kein Wunder, kam doch der Kanzler, um die bittere Wahrheit zu verkünden: Auch das Landvolk werde - wie Arbeitnehmer und Alte - von der "Aktion Sparschwein" seines Finanzministers Hans Eichel (SPD) nicht ausgenommen. [….] Manche Bauern wähnen sich angesichts der fünf Milliarden Mark, die nach Berechnungen ihres Verbandes durch Sparpaket, Ökosteuern und die EU-Agrarpreissenkungen weniger in die Betriebe fließen, am Rande des Abgrunds. Das demonstrierten sinnfällig zwölf Bauern, die sich zu Beginn der Kanzlerrede ihrer weißen T-Shirts mit der roten Aufschrift "Das letzte Hemd" entledigten und zum Teil mächtige Bäuche präsentierten. [….] Schon beim Eintreffen in der Messehalle wurde der Kanzler mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert, Sirenengeheul und unzähligen Protestplakaten begrüßt. "Ich heiße Gerhard und fresse am liebsten bayerische Bauern", "Schröder der Macher, ein Niedermacher", "Die große Wende, Bauerns Ende", hatten sich die Agrarier als Protestparolen aufgeschrieben. Das geplante Auslaufen der Subventionen für Diesel wurden auch genannt sowie Kürzungen bei der Altersversorgung für Bäuerinnen.

Mit versteinertem Gesicht verfolgte Schröder die Rede von Bauernverbands-Präsident Gerd Sonnleitner, der beklagte, keine andere Gruppe werde so sehr von der Politik geschröpft wie das Landvolk. Langsam werde Bäuerinnen und Bauern die Last zu viel. Auf ganze 40.000 Mark Einkommen je Arbeitskraft bringe es ein Hof im Jahr, das werde nun durch die Sparpolitik um ein Drittel gekürzt. "Wir werden direkt in den Boden gedrückt", klagte Sonnleitner . [….]

(SPON, 02.07.1999)

Bauern hassten vor 1999 die SPD, hassten die SPD auch nach 1999. Aber der dritte sozialdemokratische Kanzler erreichte immerhin ein Minimalziel. Die Gülle-affinen CDU-Fans mussten anerkennen, es mit keinem Feigling zu tun zu haben.

Freunde werden der Bauernverband und die gesellschaftlich fortschrittlichen Kräfte nie.

[….] Der DBV war - und ist - ein gewichtiger Faktor im politischen Kräftespiel. In der Bundesrepublik stehen die Bauernverbände eindeutig der CDU/CSU nahe. Die bäuerliche Bevölkerung stellt bis heute ein zuverlässiges Wählerpotenzial für die Unionsparteien dar, wählten doch in den fünfziger und sechziger Jahren 60 bis 70 Prozent der Bauern und Bäuerinnen die CDU/CSU. Eine Untersuchung für das Jahr 1986 weist sogar eine Parteipräferenz der Landwirte zugunsten der CDU von 87 Prozent auf. Obwohl sich das Agrarprogramm der SPD in den fünfziger Jahren nicht sonderlich von dem der CDU unterschied, gelang es der SPD nicht, mehr als zehn Prozent der landwirtschaftlichen Wähler für sich zu gewinnen. Führende Bauernvertreter sind fast ausschließlich Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion. Auch die Parteizugehörigkeit landwirtschaftlicher Abgeordneter im Bundestag weist deutlich auf die Verbundenheit mit der CDU hin. Dank einer gezielten Lobbypolitik konnte der DBV seinen Einfluss auf die Abgeordneten im Bundestag trotz des absoluten Rückgangs der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen bewahren.

Während in der ersten Legislaturperiode der Landwirtschaftssektor im Verhältnis zur Zahl der Beschäftigten eher unterrepräsentiert war, konnte in den folgenden Jahren die Zahl der Vertreter der Landwirtschaft erhöht werden.  Die Mehrheit der Repräsentanten waren darüber hinaus DBV-Mitglieder oder gar Präsidenten eines regionalen Landesverbands. [….]

(Gesine Gerhard 2002)

Die bäuerlichen Verbände sind aus verschiedenen Gründen so extrem rechts.

Es handelt sich um einen vergleichsweise bildungsarmen Berufszweig, der mit urbanem Leben nie in Berührung kommt. Daher ist ihm gesellschaftspolitischer Fortschritt in Form von Minderheitenrechten und Antidiskriminierungsregeln besonders fremd.

[….] Unter Überschriften wie »Bauer sucht Partei« wird auf die wachsende »Kluft zwischen den Landwirten und der CDU« verwiesen, die traditionell die politische Heimat der Landwirte war. »Jetzt wittern FDP und AfD ihre Chance«, hieß es unlängst in der FAZ. Aus der Initiative »Land schafft Verbindung«, welche die große Traktor-Demo in Berlin als Gegendemonstration zur Initiative »Wir haben es satt« initiiert hat, heißt es via »Tagesspiegel« warnend, eine aus ihrer Sicht verfehlte Landwirtschaftspolitik werde rechte Kräfte stärken: »Auch ein Teil der Bauern wird sich dann radikalisieren.« [….] Dabei wirkt die historisch gewachsene »Verflechtung von agrarischem Interventionsstaat, landwirtschaftlicher Interessenvertretung und dem konservativen bis nationalen politischen Spektrum« immer noch stark. Innerhalb der Bauernschaft hatte die NSDAP Anfang der 1930er Jahre starken Rückhalt gewonnen. [….]

(Vincent Körner, 19.01.2020)

Rechtsradikale Landwirte? Das trifft sich aber gut, da ihr anachronistisches Wirtschaftsmodell schon lange nicht mehr lebensfähig ist. Sie greifen ungeheuerliche 450 Milliarden Euro EU-Agrarsubventionen ab und benötigen dementsprechend realitätsnegierende konservative Strippenzieher, die sich als Lobbyisten missbrauchen lassen, um diese immensen Geldströme in die bäuerlichen Blaumänner zu lenken.

[….] Etwa 70 Prozent der Fördermittel in Deutschland sind Flächenprämien. Betrachtet man die ausgezahlten Summen sind unter den Hauptempfängern von Agrarzahlungen in Deutschland vor allem öffentliche Einrichtungen zu finden. Der Erhalt der Flächenprämie wurde mit der letzten Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) an die Erfüllung einiger Mindestvorgaben geknüpft.

So müssen  zum Beispiel mindestens vier Prozent der Ackerflächen für Brachen und Landschaftselemente bereitgestellt werden. Eine andere Vorgabe ist, dass die Kulturarten auf einer Fläche häufiger gewechselt werden müssen, um den Anteil an Monokulturen zu verringern.

Darüber hinaus ist ein Viertel  der Direktzahlungen an die Erfüllung von Öko-Regelungen gebunden. Betriebe, die sich diese Gelder sichern möchten, müssen dafür Leistungen für Umwelt-, Klimaschutz oder die Biodiversität erbringen, die über die allgemeinen Auflagen an Umwelt- und Klimaschutz hinausgehen.

Außerdem soll ein zunehmender Anteil der jährlichen Direktzahlungen in die zweite Säule der GAP fließen, damit dort künftig mehr Mittel für Programme zur Förderung von Klima- und Umweltschutzmaßnahmen und zur Stärkung der ländlichen Räume genutzt werden können. Für die zweite Säule stehen Deutschland für das Jahr 2023 rund 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Bis 2027 soll dieser Betrag auf jährlich 1,8 Milliarden steigen.

Die Fördergelder machen je nach Struktur eines Haupterwerbsbetriebs zwischen 41 und 62 Prozent des landwirtschaftlichen Einkommens aus. Bei sogenannten Nebenerwerbsbetrieben, die eine zweite Einkommensquelle außerhalb der Landwirtschaft haben, liegt der Anteil der Fördermittel am landwirtschaftlichen Einkommen noch deutlich höher.  [….]

(Bundesinformationszentrum Landwirtschaft)

Die landwirtschaftlichen Betriebe profitierten in den letzten beiden Jahren sehr stark von Wladimir Putins Ukrainekrieg, weil dadurch einer der größten Getreideproduzenten ausfiel, die Preise auf dem Weltmarkt stiegen, die Bauern auf diese Preiserhöhungen noch einmal ordentlich etwas draufschlugen und ähnlich wie die Mineralölindustrie Rekordgewinne einfuhren. Das erfordert effektive Lobbyarbeit, um auch wirklich jeden erdenklichen Aspekt des landwirtschaftlichen Lebens subventionieren zu lassen.

[….] Am härtesten trifft es wohl diejenigen armen Landwirte,

die sich gerade einen Tesla zulegen wollten, nech.

Und nun müssen sie mit ihrem subventionierten 280.000,-€-Traktor mitsamt "noch" subventioniertem Diesel auch noch wieder ganz nach Berlin fahren. Sind das dann eigentlich noch "Subventionen" oder nennt man das dann "Demogeld" 😉

Bei den Milliarden, die unentwegt in die Landwirtschaft fließen, während sämtliche Folgeschäden dieser grauseligen "konventionellen" Bewirtschaftung vergesellschaftet werden, sollte man annehmen, dass diese Agrarbetriebe längst verstaatlicht wären.

Übersicht förderfähige Maßnahmen (Liste aus: Deutsche Fördermittelberatung) [….]

(Edgar Autenrieb, 18.12.2023)

Für so freches Handaufhalten braucht man schwarze Politiker.

Ein paar Zahlen dazu.

So viele Landwirte wählten bei den Bundestagswahlen Schwarzgelbbraun:
2002: 72%

2005: 74%

2009: 81%

2013: ? %

2017: 85%

2021: 67%

Keine andere Berufsgruppe ist so rechts wie die Bauern.

Wenig verwunderlich, daß sich die Landwirte auch für den extrem lügenden Antisemiten Hubert Aiwanger begeistern.

 

[….]  Zwischen der CSU und den Freien Wählern gibt es zudem einen Wettbewerb um die Gunst des landwirtschaftlichen Milieus. Die Christsozialen betrachten sich als angestammte Bauernpartei - da erregte es Aufmerksamkeit, dass sich nun die Landesbäuerin Christine Singer zur Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europawahl küren ließ. Und auch der oberbayerische Bezirkspräsident des Bauernverbands ist mit Ralf Huber ein Freier Wähler. […]

(BR, 30.06.2023)

Freitag, 22. Dezember 2023

Faszination Inselverarmung.

Loki Schmidt wurde am 3. März 1919 in die bettelarme, aber bildungsaffine atheistische Familie Glaser geboren. Ungewöhnlich; denn damals waren offiziell fast alle Menschen Christen. Die Eltern ihres 1918 geborenen Mannes Helmut waren beide Lehrer. Ein einfacher, aber doch klar besser gestellter Haushalt, als der Glasersche. Helmuts Großvater war der jüdische Privatbankier Ludwig Gumpel (1860–1935).Die Familie verheimlichte das aus naheliegenden Gründen in der Nazi-Zeit, gab sich als rein protestantisch aus. Helmut und Loki heirateten kirchlich im Jahr 1942. Drei Jahre später war ihr Sohn vor seinem ersten Geburtstag gestorben, Europa lag in Trümmern und Deutschland war vernichtend geschlagen. Schmidts machten sich keine Zukunftshoffnungen für Deutschland. Man werde auf primitivsten Niveau in Erdhöhlen hausen und ums Überleben kämpfen. Die einzige Institution, die nicht total zusammengebrochen war, schien die Kirche zu sein.

Daher galten Helmut Schmidt die christlichen Gotteshäuser als unverzichtbare Bestandteile einer irgendwie gearteten staatlichen Ordnung der Zukunft.

Schmidt studierte, lernte, bereiste die USA, wurde leidenschaftlicher Politiker, der sich nicht intensiv, nicht leidenschaftlich, aber doch als Christ ansah, dementsprechend im Alter von 55 Jahren ganz selbstverständlich die Eidesformel zur Vereidigung als Bundeskanzler mit „so wahr mir Gott helfe“ sprach. Für ihn war es mehr Staatsraison, denn fromme Überzeugung. Er erklärte: „Zum Glauben habe ich eigentlich nie ein enges Verhältnis gehabt, ich habe ihn auch nicht gesucht.“

Eine Besonderheit Schmidts war es, bis zu seinem letzten Tag wissensdurstig zu sein, immer dazu zu lernen und auch zuzuhören. Als Kanzler, klärte ihn sein gebildeter Freund Anwar El Sadat über die gemeinsamen Wurzeln des Christentums und des Islam auf; er beschäftigte sich intensiv mit der Entstehung der drei abrahamitischen Weltreligionen. Schmidt erkannte als erster westlicher Staatsmann das Potential Chinas; wurde zum Sinologen hc, studierte intensiv den Konfuzianismus.

Der geborene habituelle Christ Schmidt litt glücklicherweise nicht an religiotischen Inselverarmungen und so wurde er, ob des hinzugewonnenen Wissens zwangsläufig  zum Agnostiker.

(….)  Es gibt eindeutig Korrelationen zwischen Bildung und IQ einerseits und Spiritualität und Religiotie andererseits.

Unzählige Umfragen zeigen, daß die Religiosität mit höherer Bildung abnimmt.  Typischerweise sind die amerikanischen Eliteunis Hochburgen des Atheismus, während die Highschool-Dropouts im Biblebelt, die auch glauben in Brasilien spreche man brasilianisch und der Kanzler von Deutschland hieße Hitler, jedes Wort der Bibel ernst nehmen.

Unter Intellektuellen gibt es die höchste Atheistenquote.  Aber genauso wie einige Atheisten dennoch Idioten sein können, gibt es auch Hochgebildete, die trotzdem sehr überzeugte Christen/Juden/Moslems sind. Warum bloß?

Die einzige Erklärung, die ich bisher für dieses scheinbare paradox habe ist die gewissermaßen neurologische Argumentation Michael Schmidt-Salomons. Stichwort „Inselverarmung“

 Solange nämlich Religioten das Sagen auf unserem Planeten haben - und das haben sie leider, Mensch sei’s geklagt, in vielen Teilen der Welt -, sind alle Versuche, das Zusammenleben der Menschen vernünftiger, freier, gerechter zu gestalten, notwendigerweise zum Scheitern verurteilt. (Denken Sie nur an die muslimischen Extremisten in Somalia, die 2011 dringend benötigte internationale Hilfe für die hungernde Bevölkerung nicht zuließen.) Versuchen wir also angesichts der Bedeutung dieses Phänomens eine kurze Definition des religiotischen Syndroms:
Religiotie ist eine selten diagnostizierte (wenn auch häufig auftretende) Form der geistigen Behinderung, die durch intensive Glaubensindoktrination vornehmlich im Kindesalter ausgelöst wird. Sie führt zu deutlich unterdurchschnittlichen kognitiven Leistungen sowie zu unangemessenen emotionalen Reaktionen, sobald es um glaubensrelevante Sachverhalte geht.

 Bemerkenswert ist, dass sich Religiotie nicht notwendigerweise in einem generell reduzierten IQ niederschlägt: Religioten sind zwar weltanschaulich zu stark behindert, um die offensichtlichen Absurditäten ihres Glaubens zu erkennen, auf technischem oder strategischem Gebiet können sie jedoch (siehe Osama bin Laden) hochintelligent sein. Wie es „Inselbegabungen“ gibt (geistig behinderte oder autistische Menschen mit überwältigenden mathematischen oder künstlerischen Fähigkeiten), so gibt es offensichtlich auch „Inselverarmungen“ (normal oder gar hochintelligente Menschen, die in weltanschaulicher Hinsicht völlig debil sind).

Religiotie sollte daher als „partielle Entwicklungsstörung“ verstanden werden – ein Begriff, den der Entwicklungspsychologe Franz Buggle schon vor Jahren vorgeschlagen hat, um die spezifischen Denkhemmungen religiöser Fundamentalisten zu erfassen.

(Keine Macht den Doofen, s.42f)  (….)

 (Das ewige Rätsel 23.04.2014)

Nach dem Ende seiner Bundeskanzler-Amtszeit, frei von politischen Zwängen, korrigierte sich der hochintelligente, stets lernende Schmidt erneut: „Ich würde mich heute nicht mehr auf Gott verlassen. Gott hat allzu viele schlimme Dinge zugelassen, er hat Auschwitz zugelassen, ich kann mir unter solchen Worten wie ‚Gottesgerechtigkeit‘ eigentlich nichts Richtiges vorstellen.“

Im Jahr 2010 äußerte sich Schmidt noch einmal in der ARD gegenüber Sandra Maischberger sehr klug zum Thema Religion.

[….] Helmut Schmidt: [….] Das Schlimme ist, dass bei allen Religionen, ob Islam oder Christentum, und zum Teil auch im Judentum, dass alle Religionen und ihre Bischöfe und Ayatollahs den Gläubigen beigebracht haben, auf die anderen Religionen herab zu sehen, sie für minderwertig zu halten: „Ich bin erleuchtet und was ich glaube ist Gott gefällig, aber das, was du glaubst, das ist das Gegenteil von dem, was Gott von dir erwartet.“ Diese Einstellung gegenüber anderen Religionen ist im Christentum sehr ausgeprägt. Denken Sie nur im Mittelalter an die unzähligen Kreuzzüge: das Kreuz in der linken Hand, aber das Schwert in der rechten Hand. In Wirklichkeit waren es Eroberungskriege und die haben Königstümer errichtet in einer Gegend, die heute Palästina heißt. Das heißt, es eine alte christliche Tradition, herab zu sehen auf die Muslime und das hat natürlich Gegenreaktionen auf muslimischer Seite herausgefordert.

Der Mann, den Sie erwähnt haben, Anwar El-Sadat, war ein wunderbarer Kerl. Er wusste über das Christentum viel besser Bescheid als ich, er wusste auch über seinen Islam besser Bescheid als ich, und von dem habe ich gelernt: Eigentlich muss man jeden einzelnen Menschen seine Religion lassen an die er glaubt und darf nicht versuchen, ihn davon abzubringen. Das heißt, ganz früh hat sich bei mir ein Argwohn gebildet gegenüber dem Missionsgedanken - das heißt, andere Leute von ihrer Religion abzubringen -, insbesondere von der so genannten Judenmission, die in Deutschland ja älter ist als die Nazizeit. [….]

Sandra Maischberger: Hätten Sie etwas dagegen, eine Moschee in Ihrer Nähe zu haben?

Helmut Schmidt: Nein. Warum soll ich etwas dagegen haben? [….]

Sandra Maischberger: [….]  Sie haben vor einiger Zeit, auch hier, gesagt, dass Sie den persönlichen Glauben verloren hätten. Schon vor langer Zeit.

Helmut Schmidt: Ja. Weitgehend verloren.

Sandra Maischberger: Wenn ein Mensch, der einem nahe steht, stirbt, ist doch der Glaube an ein Leben nach dem Tode ein tröstlicher Gedanke. Und viele kommen in Krisensituationen wieder dazu. Haben Sie in diesem Jahr einen Weg dahin gefunden?

Helmut Schmidt: Nein, ich habe mich an das gehalten, was meine Frau selbst geglaubt und gesagt hat. Meine Frau ist von Hause aus eine Biologin, eine Botanikerin in spezieller Weise, vor allem aber eine Biologin und Anhängerin von Charles Darwin. Und sie war der Meinung: Wenn ein Mensch stirbt - ob er nun verbrannt wird oder ob er beerdigt wird oder seine Asche auf See ausgestreut wird – in jeden Fall: Die Atome oder Moleküle, aus denen er zusammengesetzt war, die bleiben nach. Und eines Tages werden sie möglicherweise von einer Pflanze, die da wächst, aufgenommen und gebraucht für den Aufbau dieses neuen Baumes. Oder möglicherweise werden sie von einem Tier mitgefressen, das irgendwelche Samen frisst. Es geht kein Molekül verloren. Das war ihre Meinung. Und die hat mich immer überzeugt. [….]

(HPD, 20.12.2010)

Das Gegenbeispiel zu dem klarsichtigen, hochvernünftigen Helmut Schmidt, ist der ebenfalls hochgebildete Prof. Dr. Heribert Prantl, der mich einerseits als SZ-Edelfeder immer wieder begeistert, aber immer wieder derartigen reigiotischen Schwurbel von sich gibt, daß ich eher von völliger geistiger Umnachtung, als nur von Inselverarmungen reden möchte.

Zuletzt schrieb er einige so gute Artikel, die ich weiterleitete und zitierte, daß ich mir schon Hoffnungen machte, seine Inselverarmung könnte vollständig wegschrumpfen.

(…..) Es ist also politisch alles andere, als trivial, einzuschätzen, wie viel Geld vom Einkommen ein Bürger behalten darf; wie viel er in welcher Situation dazu bekommen soll, damit es gerecht vor sich geht. Was man als viel, zu viel oder als wenig empfindet, ist immer relativ.

[….]  Verglichen mit dem Elend in Burundi, in Malawi oder in Sierra Leone sind die deutschen Armen komfortabel ausgestattet. Aber daraus ergibt sich das besonders Bittere für die Bedürftigen in Deutschland: Sie haben die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit verloren. Das hat sich bei der Debatte um die Kindergrundsicherung gezeigt. Das Ergebnis dieser Debatte ist ärmlich: Der Betrag, der für diese Sicherung nach langem Hin und Her in der Ampelkoalition ausgegeben werden soll, verhöhnt den Namen "Grundsicherung" - es sind 2,4 Milliarden. Damit wird gesichert, dass alles so bleibt, wie es ist: Die armen Kinder bleiben am Rand der Gesellschaft. Jedes vierte bis fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut und oder in Armutsnähe. Diese Kinder sind und bleiben ausgeschlossen aus einer Welt, die sich nur den einigermaßen Situierten entfaltet. Ihre Armut ist ihr Gefängnis. Die Geldbeträge, die nun für Kindergrundsicherung ausgegeben werden sollen, reichen für die Gefängnisverwaltung. Sie reichen nicht für gesunde Ernährung; sie reichen nicht für Bildung, die diesen Namen verdient, nicht für schulische Bildung, nicht für kulturelle Bildung, nicht für politische Bildung. Sie reichen nicht dafür, soziale Ungleichheiten auch nur ansatzweise auszugleichen. Aber: Die Ampelkoalition ist damit zufrieden. Die FDP propagiert gar, eine weitere "Umverteilung" dürfe es nicht geben. [….] FDP-Finanzminister Christian Lindner triumphiert, weil er sein "Wachstumschancengesetz" mit vielfältigen Steuererleichterungen für die Wirtschaft durchgesetzt und dafür die Kindergrundsicherung radikal gestutzt hat. Er verkennt, dass die Kindergrundsicherung zu den Wirtschaftswachstumschancen gehört. Gute Arbeitsplätze und eine kreative Wirtschaft setzen gute Schulabschlüsse und qualifizierte Bildung voraus. Ein gutes Kindergrundsicherungsgesetz ist daher zugleich ein Wachstumschancengesetz und ein Demokratiestärkungsgesetz. […..]

(Heribert Prantl, SZ, 02.09.2023)

Kinderkriegen ist meines Erachtens grundsätzlich egoistisch. Es ist natürlich Unsinn, sich vor dem Aussterben einer Nation zu fürchten. Schließlich ist die Welt hoffnungslos überbevölkert. 10.000 bis 20.000 Kinder verhungern jeden Tag auf der Welt.

Wer Kinder liebt und sich bereit fühlt 20 oder 30 Jahre lang Verantwortung zu tragen, sollte doch bitte ein Kind nehmen, das schon da ist. Modell Philip Rösler.  (….)

(Soziale Fragen. 02.09.2023)

[…..]  Also danken auch die Klimawandelleugner der Schuldenbremse dafür, dass nun kein Geld mehr dafür da ist, den Klimawandel zu stoppen, den sie als „angeblichen“ Klimawandel bezeichnen. Die AfD lacht sich ins Fäustchen, wenn dem Staat und der Regierung wegen der Schuldenbremse und der von Karlsruhe verordneten Not nicht mehr zugetraut wird, Bildung und Forschung zu gewährleisten, die Wirtschaft am Laufen zu halten und soziale Schieflagen auszugleichen.  Die vor 14 Jahren ins Grundgesetz eingebaute Schuldenbremse ist eine Zukunftsbremse: Sie verhindert, dass in die Verkehrswege und in die Kommunikationswege investiert wird. Dass die maroden Brücken zügig saniert werden. Dass ein flächendeckendes Netz mit E-Tankstellen aufgebaut wird. Dass das, was über Jahrzehnte versäumt wurde, jetzt endlich und eilig mit großem Mehraufwand nachgeholt wird – zum Beispiel die Sanierung des Streckennetzes der Bahn. Die Schuldenbremse erschwert die Wohnungsbauförderung. Sie behindert, summa summarum, eine kluge Daseinsvorsorge und eine familien- und arbeitsverträgliche Lebensinfrastruktur, wie sie zu einer Industrienation gehört, wenn sie erfolgreich bleiben will. Die Schuldenbremse blockiert die Einstellung des pädagogischen Personals, das für frühkindliche und schulische Bildung dringend benötigt wird. [….]

(Heribert Prantl, 01.12.2023)

Hurra, der alte Prantl ist wieder da.

Hoffte ich.

Aber weit gefehlt. Zu Weihnachten, dem Hochfest der Grundübel dieser Welt, nämlich der feindseligen Religionen, fällt der SZ-Mann wieder in finstere abstruse christidiotische Faseleien.

Er ist eben kein Schmidt, sondern bloß ein Prantl.

[….] Die Zeiten heute sind so furchtbar unfriedlich, wie sie es in den Zeiten von Christi Geburt auch schon waren. Damals hielt das römische Imperium Jerusalem besetzt, plünderte das Land, terrorisierte die Bevölkerung und schlug Widerständler ans Kreuz. Die Lehre eines dieser Gekreuzigten hat dann freilich die Welt verändert; sie brachte den alten Götterhimmel zum Einsturz und den alten Glauben daran, dass zwar nicht der Einzelne, aber die Welt ewigen Bestand habe. Die Botschaft des Jesus von Nazareth, der Glaube an seine Auferstehung und an ein ewiges Leben, wird frohe Botschaft genannt. Diese Botschaft drehte das alte Weltbild um, und sie lautet so: Diese Welt mit ihrer Gewaltordnung ist endlich; sie ist dem Untergang geweiht, der Mensch aber hat ewiges Leben. Die Geburt des Lehrers dieser Lehre wurde zu einem Wendepunkt der Zeitrechnung: Man teilt die Geschichte ein in eine Zeit vor Christus und in eine Zeit nach Christus. Weihnachten feiert diesen Wendepunkt.

Weihnachten ist die Ankündigung einer wirklichen Zeitenwende, es ist die Ankündigung eines Endes der Gezeiten von Krieg, Gewalt und Terror. Weihnachten ist die Verheißung des großen Friedens: "Et in terra pax hominibus." Die Engel, die den Hirten in der Nacht auf dem Feld bei Bethlehem erscheinen, rufen das aus: "Friede auf Erden!" Es ist dies eine Ansage für das Diesseits, nicht erst für das Jenseits und ein besseres Leben dort; und es ist ein Friede, der viel mehr ist als Waffenstillstand. Das Prophetenbuch Jesaja beschreibt den Frieden Gottes auf Erden in einer wuchtigen Vision so: "Nie mehr hört man dort lautes Weinen und Klagen. Dort gibt es keinen Säugling mehr, der nur wenige Tage lebt, und keinen Greis, der nicht das volle Alter erreicht ... Sie arbeiten nicht mehr vergebens, sie bringen nicht Kinder zur Welt für einen jähen Tod. Wolf und Lamm weiden zusammen. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen." [….]  Weihnachten ist das Fest, an dem der Gott sich klein und schwach macht, auf dass die Menschen verstehen, dass sie das Überwinden der von ihnen angerichteten Katastrophen nicht einem allmächtigen Gott im Himmel überlassen können; sie sollen nicht darauf vertrauen, dass der "alles so herrlich regieret", wie es im alten Kirchenlied heißt. Das macht er nämlich nicht. [….] Die Interpretation von Weihnachten könnte also so aussehen: Wenn Gott seine Allmacht aufgibt, dann kann und soll es auch der Mensch. [….]

(H. Prantl, 22.12.2023)



Donnerstag, 21. Dezember 2023

Europa am Abgrund

Das ist in sich logisch – im Wettstreit mit der autokratischen Supermacht China, die de facto keine Bürgerrechte kennt, nie Rücksicht auf Wähler nehmen muss und extrem zentralistisch regiert wird, hat das heterogene demokratische Europa strategisch enorme Nachteile. Die  - noch – demokratischen USA werden ebenfalls von ihren demokratischen Regeln, Gesetzen und Wahlen aufgehalten. Deswegen bewundert IQ45 auch den lebenslang amtierenden Präsidenten Xi. Trump macht keinen Hehl daraus: Er will nach seiner Wiederwahl im November 2024 die Gewaltenteilung schleifen, diktatorisch regieren, die Opposition von SEINER Justiz verfolgen lassen und zukünftige Wahlen abschaffen.

Soweit ist es noch nicht. Aber Biden zeigt unfreiwillig bei der Frage der Ukrainehilfen, wie dysfunktional die USA sind.

[….] Dieses Jahr wird der US-Kongress keine neuen Militärhilfen für die Ukraine mehr beschließen. Das politische Tauziehen in Washington könnte gravierende Folgen für die Ukraine haben.

Der US-Kongress wird in diesem Jahr keine neuen Militärhilfen für die von Russland angegriffene Ukraine beschließen. Das räumten die Anführer der regierenden Demokraten und der oppositionellen Republikaner im Senat, Chuck Schumer und Mitch McConnell, am Dienstag in einer gemeinsamen Erklärung ein.

Die Unterhändler der Kongresskammer und der Regierung würden in den kommenden Tagen weiter an offenen Fragen arbeiten, erklärten Schumer und McConnell. Die Hoffnung sei, dass dann zu Beginn des kommenden Jahres "rasch" gehandelt werden könne.

Das Scheitern einer Einigung auf neue Ukraine-Hilfen noch vor Jahresende kommt nicht überraschend, ist aber ein symbolisch schwerer Schlag für die Ukraine.   [….]

(ZDF, 20.12.2023)

Die USA sind zwar ein Präsidialsystem mit einem direkt gewählten Staatsoberhaupt und Regierungschef und Oberbefehlshaber in Personalunion, so daß Biden in seinem Land viel mächtiger ist, als Olaf Scholz in seinem. Aber mit einem Kongress, der zur Hälfte von irren Putin-Fans kontrolliert wird, werden auch dem stärksten Präsidenten die Hände gebunden.

Das ist aber immer noch Gold, verglichen mit der Weder-Fisch-Noch-Fleisch-Position Ursula von der Leyens, die noch nicht einmal weiß, ob sie, oder nicht doch Herr Michel der EU-Chef ist.

(….) Die konservative deutsche Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, 65, und der liberale belgische Ratspräsident Charles Michel, 47, hassen sich gegenseitig wie die Pest. Beide verstehen ihren Job fast ausschließlich als Verpflichtung dazu, den andere zu piesacken. Für echte Kriege oder EU-Reformen bleibt da selbstverständlich keine Zeit mehr. Außerdem spielen im Ukraine-Krieg und im Gaza-Krieg Waffensysteme, Munitionsbeschaffung und militärische Strategien (man könnte auch sagen „Verteidigungspolitik“) eine entscheidende Rolle. Was könnte von der Leyen schon dazu beitragen? Mit dem Themenfeld kam sie nie in Berührung, ist vollkommen ahnungslos.

Der EU-Plan, um Putin zu maßregeln und zum Einlenken zu zwingen, klingt theoretisch sehr gut, wirkt erfolgsversprechend und erspart es den NATO- und EU-Staaten, selbst militärisch aktiv zu werden.

Blöderweise hielt sich die doofe Praxis nicht an die Theorie.  (….) Aus ist es auch mit der vielgepriesenen EU-Einigkeit. 

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und der slowakische Ministerpräsident Robert Fico haben die Seiten gewechselt, stehen auf der Seite Putins und erpressen die zur Einstimmigkeit verdammte EU nach Belieben. Auch Polen hilft der Ukraine nicht mehr. Polnische Transportunternehmen blockieren seit Anfang November mehrere wichtige Grenzübergänge zur Ukraine. (….)

(Der gemaßregelte Putin, 08.12.2023)

Biden ist der Regierungschef eines Landes. Die US-Bundesstaaten haben außenpolitisch nichts zu melden.

Von der Leyen führt irgendeinen Titel, kann in der Welt herumreisen, andere Staatschefs treffen. Wie sie wurde, was sie ist, weiß niemand. Sie kandidierte nie für ein EU-Amt, ihre Parteienfamilie hatte den CSU-Rechtsaußen Manfred Weber als Kommissionschef-Kandidaten aufgestellt. Und gewonnen. Der Wahlsieg nützte Weber aber nichts, weil in Wahrheit die 27 Regierungszentralen bestimmen und auf dubiosem Wege plötzlich auf die deutsche Verteidigungsministerin verfielen, für die ein Argument sprach: Sie war als Ministerin so schlecht und als Person so unbeliebt, daß niemand sie in Deutschland vermissen würde. Merkel machte drei Kreuze, als sie Foto-Uschi nach Brüssel abschieben konnte, um ihre Busenfreundin AKK zur Kriegsministerin zu ernennen. Von der Leyen durfte fortan Pseudochefin spielen.

Es gibt aber 27 Mitgliedsstaaten und 24 Amtssprachen. Die Regierungschefs von Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, der Slowakei, Slowenien, Spanien, dwe Tschechische Republik, Ungarn und Zypern denken gar nicht daran, sich von der EU-Kommissionspräsidentin etwas sagen zu lassen.
Im Gegenteil; es ist viel schlimmer. Jeder einzelne kann aufgrund des fatalen und selbstzerstörerischen Einstimmigkeitsprinzips nach Belieben die eigene Interessenvertretung in Brüssel erpressen. Es kam, wie es immer in solchen Situationen kommt: Die linkeren, grüneren, sozialdemokratischeren, liberalen Kräfte schlucken aus staatspolitischer Verantwortung fette Kröten, arbeiten zum Wohle des Ganzen an Kompromissen. Die Rechten, Konservativen, Korrupten, Faschisten, Rechtsextremen chaotisieren den Prozess, denken nur an ihr eigenes Wohl und haben keine Skrupel, alles in die Luft zu sprengen, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen.

Der antidemokratische, antisemitische, homophobe, xenophobe Autokrat und Putin-Freund Viktor Orbán zelebriert es in Reinkultur.

[…..]  Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban stellt den Kriegscharakter des russischen Angriffs auf die Ukraine infrage und positioniert sich mit seiner Wortwahl hinter Russlands Präsidenten Wladimir Putin. "Das ist eine Operation, solange es keine Kriegserklärung zwischen den zwei Ländern gibt", sagte der rechtspopulistische Politiker bei seiner Jahrespressekonferenz in Budapest. Damit reagierte er auf die Frage, weshalb er im Gespräch mit Putin zuletzt den Begriff "Krieg" vermieden habe.

Zwar würden manche Menschen die Vorgänge als "Krieg" bezeichnen. "Wir Ungarn schreiben aber niemandem vor, mit welchen Worten er darüber zu reden hat", betonte Orban. "Wir sind froh, dass es kein Krieg ist." Über die Ukraine sagte er hingegen, diese befinde sich im Krieg. Orban, der seit langem gute Beziehungen zu Putin pflegt, hatte den Kremlchef im Oktober in Peking getroffen.  […..]

(MoPo, 21.12.2023)

Die 23 bis 25 vernünftigen EU-Länder können nichts machen. Sie lassen sich von Orbán am Nasenring durch die Manege führen, während Putin zuguckt und sich ins Fäustchen lacht. Es läuft gut für den Faschismus und für Russland.

Mittwoch, 20. Dezember 2023

Genügsame Homos

Das ist schon klar; die misogyne Männerwelt des Vatikans, die nicht nur Frauen komplett ausschließt, sondern die Herren ermuntert, ihren Drag-Fetisch auszuleben, sich nach Herzenslust mit Schmuck und Kleidern auszustaffieren, zieht natürlich Schwule an. Deshalb gibt es in einem Kilometer Umkreis des Petersdoms die weltweit höchste Homosexuellendichte. Kuriale werden also völlig zu Recht oft für schwul gehalten. Die Wahrscheinlichkeit ist nirgends so groß wie dort, wo niemand mit Frauen schlafen darf.

Es ist dementsprechend verständlich, daß ungeoutete und somit erpressbare Homoprälaten, Gerüchte über ihr eigenes Sexualleben zerstreuen wollen, indem sie sich offiziell als besonders homophob inszenieren.

Schwester Ratzinger zettelte daher einen wahren Krieg gegen Schwule an, verbot ihnen Priester zu werden, obwohl die Welt rätselte, welchen Unterschied es für die Qualifikation eines Geistlichen machen könnte. Schwul, hetero, oder was auch immer dazwischen – für alle gilt ein strenger Zölibat. Jede erotische Beziehung, jeder sexuelle Betätigung, jede emotionale Partnerschaft ist ohnehin verboten.

Ratzis Homobann konnte (und sollte) natürlich nicht unterbinden, daß Schwule ins Priesterseminar eintreten. Aber sie müssen dort unter allen Umständen ihre Gefühle verschweigen, sich verleugnen und lügen. Das ist gewollt, denn nur ein Priester mit einem Geheimnis, das ihn erpressbar macht, ist immer zum Gehorsam zu zwingen.

Das Schlimmste für den Vatikan ist die Enttabuisierung und gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität. Denn dann müssen heimlich schwule Männer in der Provinz nicht mehr ins Priesterseminar flüchten, wenn ihnen klar wird, daß sie niemals mit einer Frau schlafen wollen oder verheiratet sein können.

Jungschwule auf dem Dorf, die geoutet und mit Partner akzeptiert werden, im Karnevals-, Schützen- oder Trachtenverein aktiv sind, ohne von der heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft gemobbt zu werden, sind der Worst Case des Katholizismus. Denn sie fallen als potentieller Prälatennachwuchs aus und verschärfen damit das westeuropäische Megaproblem Priestermangel. Ein katholisches Drama, welches es in immer noch extrem homophoben Ländern wie Polen, Uganda oder Nigeria natürlich nicht gibt.

Ich kenne Franzis Sexualität selbstverständlich nicht, aber er sprach selbst freizügig davon, als junger Mann in eine Frau verliebt gewesen zu sein. Generell halte ich ihn eher für heterosexuell. Damit gehört er zu einer Vatikanischen Minderheit und reagiert weit weniger hysterisch auf Schwule, wenn er danach gefragt wird, als sein Vorgänger.

Männer, die Männer lieben sind natürlich auch für den gegenwärtigen Papst minderwertig, dürfen auf gar keinen Fall Sex haben und ihre Partnerschaft ausleben.

Aber er überzieht sie nicht mehr mit so biestiger Hetze wie Ratzi, gab nun sogar bekannt, man könne neben Waffen, Feuerwehrwagen und Hunden, sogar Schwule segnen. Sofern dieser Segen deutlich minderwertiger als ein Hetensegen ist.

[….] Die katholische Kirche hat bisher an ihrer konservativen Haltung zum Thema Homosexualität festgehalten. Legitim ist nach katholischer Auffassung nur die Ehe zwischen Mann und Frau. Gleichgeschlechtliche Beziehungen können demnach niemals Ehe genannt werden, homosexuelle Ehen können in der katholischen Kirche auch nicht geschlossen werden. Daran ändert sich auch mit dem neuen Text von Víctor Manuel Fernández nichts. Er ist Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre (ehemals „Glaubenskongregation“). In der Erklärung „Fiducia supplicans“ erklärt der Theologe die Haltung der katholischen Kirche zu homosexuellen Beziehungen.

Einerseits könnten solche Verbindungen niemals als Ehe betrachtet oder durch einen entsprechenden äußeren liturgischen Rahmen als Ehe legitimiert werden. Allerdings verweist Fernández darauf, dass jemand, der um Segen bitte, immer die Hilfe Gottes suche. [….] Daher soll es laut dem Dokument, das von Papst Franziskus ratifiziert wurde, Priestern künftig möglich sein, homosexuelle Paare zu segnen. Allerdings nicht in einem liturgischen Rahmen wie etwa im Rahmen einer standesamtlichen Trauung oder einer sonstigen Hochzeitsfeier, sondern in sogenannten „irregulären Situationen“. Dazu können zum Beispiel seelsorgerliche Gespräche mit einem Priester, der Besuch eines Heiligtums oder ein „Gruppengebet während einer Pilgerreise“ gehören.

Der Text legt Wert darauf, dass dadurch allerdings „jedwede Form von Verwirrung oder Skandal“ vermieden werden müsse. Daher dürfe eine solche Segnung „niemals im direkten Zusammenhang mit einer standesamtlichen Feier oder sonst in irgendeiner Verbindung damit erteilt werden“, und weiter: „Dies gilt auch für die Kleidung, die Gesten und die Worte, die Ausdruck für eine Ehe sind. Dasselbe gilt, wenn die Segnung von einem gleichgeschlechtlichen Paar erbeten wird.“ [….]

(PRO, 19.12.2023)

Als Atheist kann ich über den „Fiducia supplicans“-Eiertanz nur lachen: Franzi will Schwule etwas weniger diskriminieren, legt aber Wert darauf, festzustellen, daß sie weiterhin diskriminiert sind. Das ist so sinnvoll, wie ein bißchen schwanger zu sein.

Katholiken hingegen betreiben akribische Papst-Exegesen und erklären den Homogläubigen mit Ernst und Eifer, wie sündig sie nach gegenwärtiger Vatikan-Linie noch sind.

[….] Es ist kein großer Schritt, an der Lehre der Kirche hat sich nichts geändert. Die Ehe zwischen Mann und Frau bleibt für sie die einzige Form, in der sie Sexualität erlaubt. Aber es ist ein kleiner Öffnungsschritt, und das ist definitiv neu. Zum ersten Mal in der Lehrgeschichte der Kirche werden damit positive Elemente in 'irregulären' Beziehungen gewürdigt, das sittlich Gute in ihnen, die Liebe darin wird anerkannt. Noch 2021 hatte dasselbe Dikasterium ausgeschlossen, dass es einen solchen Schritt je geben könnte. [….] Es handelt sich um eine bewusst pastorale Entscheidung und eine Art Barmherzigkeit, die die katholische Kirche Paaren erweist, die sich einen Segen sehr wünschen. [….] Das hat eine diskriminierende Note. Betroffene erleben das sogar als hochgradig diskriminierend, die Segnung soll spontan erfolgen, en passant, könnte man sagen. Es ist eine Segnung zweiter Klasse. [….]

(Kirchenrechtler Prof. Thomas Schüller, 20.12.2023)

Während die katholischen Homo-Schäfchen ihre ganze Religiotie zeigen, indem sie sich über diese Diskriminierung light auch noch freuen, statt das einzig Richtige zu tun, nämlich die Zahlungen an die RKK einzustellen, auszutreten und den Prälaten den Mittelfinger zu zeigen, geht es den schwulen Dunkelkatholiken, wie dem völkischen Faschisten David Berger, deutlich zu weit.

Für sie ist „Fiducia supplicans“ nur ein willkommener Anlass, um weiter gegen den ihrer Meinung nach viel zu liberalen Papst zu hetzen. Felizitas Küble kübelt besonders eifrig Dreck aus.

[….] Weltweit widersprechen katholische Bischöfe dem unseligen Segens-Dokument [….] Vatikan-Erklärung ist eine „große Täuschung“

Die Bischofskonferenz von Malawi hat sofort kritisch auf das Dekret Fiducia supplicans des vatikanischen Glaubensdikasteriums reagiert, das eine Segnung von unverheirateten und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften grundsätzlich erlaubt (wenngleich mit einigen Einschränkungen im „Kleingedruckten“).

Die katholischen Oberhirten aus Afrika stellten klar, daß in Malawi für Katholiken jedwede Segenshandlungen für Homo-Paare verboten sind: „Um Verwirrung unter den Gläubigen zu vermeiden, ordnen wir direkt an, daß aus pastoralen Gründen Segnungen jeglicher Art und gleichgeschlechtliche Verbindungen jeglicher Art in Malawi nicht erlaubt sind“.

Auch die Bischöfe der Diözese Astana in Zentralasien wandten sich gegen das unselige Papier von „Glaubenspräfekt“ Victor Fernández und stellten fest: „Wir verbieten Priestern und Gläubigen … jede Form der Segnung von unverheirateten und gleichgeschlechtlichen Paaren zu akzeptieren oder durchzuführen“.

Der aus Polen stammende Erzbischof Tomasz Peta von Astana in Kasachstan und sein Weihbischof Athanasius Schneider bezeichnen die Vatikanerklärung in einem Hirtenbrief als eine „große Täuschung“.  Weiter heißt es dort, Segnungen von homosexuellen Beziehungen widersprächen „direkt und ernstlich der göttlichen Offenbarung und der ununterbrochenen, 2000-jährigen Lehre und Praxis der katholischen Kirche“.    [….]

(PP, 20.12.2023)