Montag, 14. April 2014

Amerika goes Mittelalter. Putin steht am Pranger.



Tu quoque ist kein Argument und dennoch drängt sich eine solche Ansatz immer wieder auf, um die Heuchelei in der Welt zu entlarven.
Wenn Maßstäbe so willkürlich angepasst werden, kann man eben nicht mehr ultimativ moralisch argumentieren.

In Ägypten werden mal eben über 500 Menschen an einem Tag zum Tode verurteilt – aber die neue Ägyptische Regierung ist ja unser Freund im Nahen Osten. Also geht das in Ordnung.

In der Türkei werden Sondergefängnisse für Schwule geplant und mal eben Twitter und Youtube abgestellt, um die Opposition mundtot zu machen – aber die Türkei ist ja unser wichtiger NATO-Partner an der Grenze zu Syrien, dem Iran und dem Chaos. Also geht das in Ordnung.

In Saudi Arabien werden Schwule sogar hingerichtet und Frauen, die vergewaltigt wurden auch noch anschließend gesteinigt. Aber Riad ist steinreich und der weltgrößte Öllieferant. Also geht das in Ordnung.

In Syrien werden Zehntausende von einer durchgeknallten Diktatorenclique massakriert. Aber Syrien hat Giftgas und einen Haufen ethnischer Konfliktpotentiale, so daß sich da niemand einmischen mag. Also geht das in Ordnung.

Und der Vergleich Russland-Amerika, den Journalisten aller Couleur schon wieder zu einem heißen Krieg der Systeme hochjazzen, geht keineswegs so eindeutig aus, wie das heute beispielswiese der Historiker-Papst Heinrich August Winkler im aktuellen SPIEGEL ausbreitet.

Russland war vor zehn Jahren ein äußerst wichtiger Partner Deutschlands, um gemeinsam gegen den Irakkrieg zu arbeiten.

Das muß man Putin schon hoch anrechnen, daß er so klar für den friedlichen Kurs Frankreichs, Belgiens und Deutschlands gegen die USA, Polen, GB, Italien, Spanien, etc Stellung bezogen hat!

Rußland hat 1999 die Todesstrafe abgeschafft, während Merkels Christenfreund George W. Bush in seiner Amtszeit als Gouverneur 152 (sic!) Todesurteile unterschrieben hat. 

Der Staat Texas, dem GWB als Gouverneur diente hat in den letzten 30 Jahren sogar 22 Teenager hinrichten lassen

Auch geistig Behinderte werden in Amerika, dem land oft he free, hingerichtet.

2008 unterschrieb Bush noch als amtierender Präsident das Todesurteil gegen den Gefreiten Ronald Gray, einen US-Soldaten.

Stichwort Amerika.

Nicht auszudenken wie übel Russland im publizistischen Licht dastünde, wenn es auch nur annähernd so abscheuliche Methoden wie die von Merkel und Gauck so heißgeliebte USA anwendete:

USA:
Hinrichtungen. Hinrichtungen von Geisteskranken. Hinrichtungen unter bestialischen Umständen. Hinrichtungen von Minderjährigen. Hinrichtungen von Unschuldigen.
Russland tut das nicht.

USA:
Regelmäßige Drohnenangriffe auf souveräne Staaten bei denen regelmäßig unschuldige Zivilisten getötet werden.
Russland tut das nicht.

USA:
Zwei illegale Angriffskriege während einer Präsidentschaft mit vermutlich über einer Millionen Toten.
Russland tut das nicht.

USA:
Geheime und nicht geheime extraterritoriale Folterlager, in denen Menschenrechte nicht gelten.
Russland tut das nicht.

USA:
Wikileaksskandal – ungeniert schreiben US-Botschaften weltweit auf für was für Idioten sie die Politiker ihres Gastlandes halten.
Russland tut das entweder nicht oder ist wenigstens nicht dumm genug sich dabei erwischen zu lassen.

USA:
NSA-Skandal. Billionenfaches Ausforschen privater Daten im Ausland, Anzapfen des Internets, generalstabsmäßige Wirtschaftsspionage, Verwanzen der EU-Büros, Abhören der Telefone Europäischer Verbündeter. Sich nicht dafür entschuldigen.
Russland tut das entweder nicht oder ist wenigstens nicht dumm genug sich dabei erwischen zu lassen.

USA:
Europa-Abteilungsleiterin im US-Außenministerium, Victoria Nuland: „Fuck the EU.“ Merkel is pissed.
Russland tut das entweder nicht oder ist wenigstens nicht dumm genug sich dabei erwischen zu lassen.

Man stelle sich vor Russland hätte Deutschland auch nur 1/10 so viel gedemütigt, wie es die USA tut!

Die Journaille verschärft aber derzeit noch einmal erheblich den Ton gegen Russland, während die deutsche Regierung die Hosen vor Obama so voll hat, daß sie den aussagewilligen Snowden noch nicht einmal anhören will – aus lauter Angst Washington könnte das nicht gefallen.

Daniel Brössler bezichtigt Putin im heutigen Leitartikel der Süddeutschen Zeitung eines zerstörerischen Werks.

Amerikanische Abartigkeiten werden stattdessen eher als Kuriosa betrachtet, die man dem großen Bruder gerne verzeiht.
Auch wenn das rassistisch geprägte US-Rechtssystem sich ins Mittelalter zurück entwickelt.

 […]   Weitaus problematischer ist jedoch die Art von Strafe, zu der Richterin Williams-Byers in Cleveland zusätzlich griff: der Pranger. Prughs Nachbar musste am Sonntag fünf Stunden lang an Schild hochhalten auf dem zu lesen war: "Ich bin ein Rüpel! Ich quäle behinderte Kinder und bin Menschen gegenüber intolerant, die anders sind als ich. Aus meinen Taten spricht keine Wertschätzung für die vielfältige Gemeinschaft von South Euclid, in der ich lebe".

Moderne Pranger-Strafen wie diese mögen absonderlich erscheinen, doch in den USA greifen Richter immer wieder zu derartigen Strafmaßnahmen, die vor allem im Mittelalter gebräuchlich waren:

·        Im April 2012 verurteilt ein Gericht in Texas einen Mann, der unter Alkoholeinfluss einen tödlichen Unfall verursacht hatte, dazu, vier Samstage in Folge ein Schild hochzuhalten, auf dem steht: "Ich tötete Aaron Coy Pennywell, als ich betrunken Auto fuhr."
·        Im November 2012 wird in Cleveland eine 32-Jährige wegen eines Verkehrsdelikts zum öffentlichen Schild-Tragen verurteilt. "Nur ein Idiot fährt auf den Gehweg, um einem Schulbus auszuweichen", stand darauf.
·        Eine 38-Jährige, die ihre junge Cousine in einem Schulbus an den Haaren gezogen und sie geschlagen hatte, entscheidet sich im Dezember 2012 für ein solches Schild anstatt des Wochenendarrests. "Ich habe mich in einem Bibb-County-Schulbus lächerlich gemacht", so lautet der Satz, den die Frau auf dem Schild vor sich her tragen musste.
·        Im vergangenen September wird ein 58-Jähriger ebenfalls in Cleveland mit einer Prangerstrafe belegt, weil er einen Ex-Polizisten bedroht hatte. "Ich entschuldige mich bei Officer Simone und bei allen anderen Polizeibeamten dafür, dass ich ein Idiot war und den Notruf wählte, um Ihnen mit dem Tod zu drohen. Es tut mir leid und es wird nie wieder vorkommen."

Solche Strafen erscheinen nicht nur dem Laien archaisch. Rechtswissenschaftler wie Jonathan Turley von der George Washington University sehen darin eine Bedrohung für das Rechtssystem. […]

Solche Methoden sollte sich Putin mal erlauben.

Ebenfalls ziemlich ohne internationale Proteste bricht die USA das Völkerrecht, indem sie ihr nicht genehme UN-Botschafter ausschließt.
Nach überdrehtem Protest aus dem Kongress hat Präsident Barack Obama dem iranischen Diplomaten die Einreise verweigert. Das widerspricht sowohl Rechtslage als auch Tradition. Die USA haben am Sitz der UN immer Gegner und einstige Gegner geduldet, ob Arafat, Gaddafi, Castro oder Ahmadinedschad.
[….] Er gefährdet das historische Projekt, an dem Teheran und Washington eigentlich arbeiten – die Einigung im Atomkonflikt und das Ende jahrzehntelanger Feindschaft. […]
(Nikolaus Richter, SZ vom 14.04.2014)


Sonntag, 13. April 2014

Abzüge



 Auch wenn die FDP in Umfragen völlig ZU RECHT weiter unter die 5%-Hürde rutscht, wollen sich ihre Claqueure noch nicht mit der endgültigen Bedeutungslosigkeit dieser als Partei getarnten Lobby-Gruppe abfinden.

Geradezu demonstrativ wird der FDP-Chef von den „Leitmedien“ hofiert.
Vor vier Tagen durfte sich Christian Lindner bei Anne Will in der ARD austoben und im morgen erscheinenden SPIEGEL wird es wieder ein ausführliches Christian-Lindner-Interview geben. Wenige Tage zuvor hatte erst Rainer Brüderle ausführliche Medienaufmerksamkeit genossen. Im vorletzten Focus durfte Lindner sich ganz ohne kritische Fragen in einem Gastbeitrag ausbreiten. 


Nicht anders Springers WELT, die den schönen FDP-Chef am 24.03. mit einem großen Interview hofierte. "Enormes Zerstörungswerk für unseren Wohlstand" nannte der FDP-Chef Christian Lindner die Koalitionspolitik und warf ihr „feige Umverteilungspolitik“ vor. Letzten Freitag, am 11.04. waren es die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau, die dem FDP-Chef viele, viele Spalten mit einem großen Interview einräumten.


Ziemlich viel Bohei um eine irrelevante APO-Partei so kurz vor der wichtigen Europawahl.
Die Piraten wären sicher froh, wenn sie auch nur zehn Prozent der Medienaufmerksamkeit vor wichtigen Wahlen bekämen.

Was die FDP zu sagen hat, ist eher unwichtig. Es zählt allein die persönliche Werbewirksamkeit des Parteichefs mit seinem ultramodernen Fünftagebart und den knapp geschnittenen Maßanzügen.
Von Bürgerrechtsthemen hatten sich die Hepatitisgelben ohnehin lange verabschiedet. Insofern sind von ihnen auch keine Aussagen zu Edward Snowden, der Homoadoption, dem Staatsbürgerschaftsrecht, der NSA oder der Vorratsdatenspeicherung zu erwarten. Genauso wenig weiß die FDP zu Europa oder zur Causa Putin-Krim-Ukraine beizutragen. Aber das ist nicht verwunderlich; schließlich stellte die FDP schon seit Genscher keinen Außenminister mehr.

Die FDP ist eigentlich nur noch als „Antisozialstaatsplatzhalter“ in den TV-Studios. Geht es um Rente, Pflege oder irgendein anderes Thema, bei dem der Staat in der Pflicht ist, ist Lindner dagegen.

Aber vermisst wirklich jemand das alte Westerwellesche „STEUERSENKUNGENSTEUERSENKUNGENSTEUERSENKUNGEN-Mantra?

Wenn die FDP Mitglied einer Bundesregierung ist, dann eins am Ende so sicher, wie das Amen in der Kirche:
Die Abgabenlast wurde auf neue Rekordwerte getrieben.

Die Strategie mit Steuersenkungen für die Reichen Wachstum anzukurbeln und den Haushalt zu sanieren ist schon in den 80ern in GB und den USA grandios widerlegt worden.
Zuletzt versuchte es Rot/Grün und senkte in beispielloser Weise die Steuern.
Unter Kohl lag der Eingangssteuersatz bei 26% und der Spitzensteuersatz bei 56%. Das Ergebnis von 16 Jahren CDU-FDP-Regierung; jenen Gestalten, die jetzt wieder dran sind.
Nun sind wir Dank Schröder bei 15 % und 45 % und das bei höheren Freibeträgen!
Das haben Rot/Grün durchgeprügelt und zwar gegen "Mrs. Njet" und Westerwelle, die alles blockierten.
Das ist nach wie vor die massivste Steuerentlastung für die Arbeitseinkommen, die es je gab und das hat die CDU eben NICHT hinbekommen, sondern stattdessen stets nur die Steuern erhöht.

Glücklicherweise war die FDP nach den bleiernen Kohl-Jahren elf Jahre lang Opposition, bevor die Steuersenkungs-Partei 2009 mit Frau Merkel wieder ans Ruder durfte.
Am Ende ist das Ergebnis nach acht Jahren Merkel und vier Jahren Brüderle/Rösler wieder eindeutig.

Weltspitze bei Steuern und Abgaben!
OECD-Untersuchung belegt: In keinem anderen Staat ist die Belastung so hoch wie in Deutschland. Selbst in Skandinavien gibt es mehr vom Brutto
[….] Für die einmal jährlich veröffentlichte Untersuchung "Taxing Wages" berechnen die Wissenschaftler der OECD, wie stark die Einkommen von Arbeitnehmern mit Steuern und Sozialabgaben belastet werden. Dabei kommen die Ökonomen seit Jahren regelmäßig zu dem Ergebnis, dass in kaum einem Industrieland so viele Steuern und Sozialbeiträge gezahlt werden wie bei uns. Unter den OECD-Staaten sind nur noch in Belgien die Abgaben höher: Dort reduzieren Steuern und Abgaben das Einkommen des Durchschnittsverdieners um 55,8 Prozent. Hoch ist die Belastung auch in Österreich, Ungarn und Frankreich. Erstaunlicherweise bleibt den Arbeitnehmern in den skandinavischen Staaten weit mehr Netto vom Brutto als den Angestellten hierzulande – und das, obwohl die Sozialsysteme dieser Länder als vorbildlich gelten: In Dänemark beispielsweise gehen nur gut 38 Prozent des Einkommens an Fiskus und Sozialversicherung.
In Deutschland wurde ein Angestellter mit durchschnittlichem Gehalt, unverheiratet und ohne Kind im vergangenen Jahr im Schnitt mit 49,3 Prozent belastet. [….]

Eins ist also klar; ob mit oder gegen den Willen der FDP; das sei dahingestellt, aber immer wenn die FDP in der Bundesregierung ist, steigt die Abgabenlast erheblich. Zuletzt zeigten das die Versagerminister Rösler und Bahr, die eine sogenannte Gesundheits-, bzw Pflegereform so durchführten, daß allen Pharmaherstellern, Klinikbetreibern und Apothekern die Pfründe gesichert wurden, während einseitig die Arbeitnehmerbeiträge erhöht wurden.

Das deutsche Steuersystem ist sicherlich ungerecht. Hierzulande zahlen Reiche relativ weniger Abgaben, weil ich Sozialabgaben im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern der OECD (außer Österreich und Spanien) gedeckelt sind. Die Beitragsbemessungsgrenze sorgt dafür, daß Millionäre prozentual weit weniger Krankenkassen- und Rentenbeiträge zahlen, als ein Durchschnittsverdiener.
Außerdem werden Kapitaleinkünfte deutlich niedriger als Arbeitseinkommen besteuert. Wer also sein Geld durch Nichtstun verdient, weil er seine Millionen in irgendeinen Immobilienfonds gesteckt hat, muß auch noch weniger davon abgeben, als eine hart arbeitende Krankenschwester.
So wollen es Merkel und Schäuble – die meistgeliebten Politiker des Urnenpöbels.
Diese spezifischen Ungerechtigkeiten des deutschen Steuerrechts sind nicht zu rechtfertigen. Insbesondere dann nicht, wenn die SPD Teil der gegenwärtigen Bundesregierung ist.

Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, ob es denn so falsch ist, wenn der Staatshaushalt so ausgestattet ist, daß er handlungsfähig ist.
Natürlich verprassen Bund, Länder und Kommunen viel Geld sinnlos.
Aber immerhin gibt es eine einigermaßen funktionierende Infrastruktur, halbwegs kostenlose Universitäten und eine zumindest theoretische Krankenversicherung für jeden.
Im Vergleich zu den anderen europäischen Volkswirtschaften steht Deutschland offenbar so schlecht nicht da. Das liegt zum einen an der Agenda 2010, die tatsächlich „Verkrustungen“ und Bürokratie beseitigt hat und andererseits an der nachfrageorientierten Finanzpolitik unter Peer Steinbrück.
Der SPD-Bundesfinanzminister hatte damals riesige Konjunkturpakete geschnürt und zig Milliarden Euro verteilt („Abwrackprämie“ und vieles andere mehr).

Abgaben sind etwas Gutes.
Sie müssen nur a) gerecht verteilt sein und b) muß das eingesammelte Geld sinnvoll und nachhaltig wieder ausgegeben werden.
An Punkt a) und b) hapert es. Aber deswegen muß man nicht grundsätzlich die Abgaben rigoros reduzieren.




Samstag, 12. April 2014

Toleranz



Zum Ärger der Studenten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn veröffentlichte der Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Prof. Dr. Christian Hillgruber einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem er gewissermaßen für Toleranz der Intoleranz warb.
Ja, es sei richtig, daß Homosexuelle für ihre Rechte gekämpft hätten und diese nun auch erhielten, aber diejenigen, die das falsch fänden, dürften nicht pauschal als „homophob“ diffamiert werden und sollten auch ihre Meinung frei aussprechen dürfen.
Die Homo-Lobby sei inzwischen Mehrheitsmeinung und drohe die Minderheit der Homo-Kritiker mundtot zu machen. Es sei das Recht und die Freiheit der Schwulenfeinde so zu denken und sich so zu äußern.

Es drängt sich das umgekehrte Tu-Quoque-Argument auf. Würde Hillgruber auch so argumentieren, wenn jemand öffentlich forderte Juden oder Schwarzen dieselben Rechte wie weißen Christen zu entziehen?

Die Gegenrede hatte unter anderem David Berger schon vor einem Jahr öffentlich formuliert, als er dafür warb „Homohasser“ nicht mehr in Talkshows einzuladen.
Ein nicht vom Tisch zu wischendes Kernargument lautet, öffentliche Homophobie mache diese Haltung wieder hoffähig und ermuntere einige Menschen dazu gewalttätig zu werden. Das konnte man 2013 in Frankreich erleben.

Seitdem die Gegner der Eheöffnung sprachlich deutlich aufgerüstet haben, andauernd demonstrieren und ihr Anliegen in Talkshows und Nachrichtensendungen bringen, sind die homophoben Übergriffe dort um mehr als 30 Prozent angestiegen. Homo-Aktivisten konstatieren einen direkten Zusammenhang zwischen der aggressiven Sprache der Gleichstellungsgegner und der Zunahme auch körperlicher Gewalt gegen Homosexuelle. Dass der Erzbischof von Paris jüngst davon sprach, dass die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben zu einer "gewalttätigen Gesellschaft" führe, vervollständigt dieses Bild noch auf ganz delikate Weise.

Genau da endet die Freiheit des einzelnen – wenn sie andere physisch schädigt.

In dieser Debatte ist eigentlich alles gesagt, so daß ich nicht auf weitere Aspekte eingehen will.

Prof. Hillgrubers Argumentation ist aber nicht in Bausch und Bogen abzulehnen.
Denn tatsächlich gibt es de-facto-Einschränkungen der Meinungsfreiheit, die NICHT zu akzeptieren sind.

Als Nichtjurist finde ich alle Paragraphen, die sich mit der Einschränkung der Meinungsfreiheit befassen, sehr problematisch.

Es gibt Menschen, wie den Christen des Tages Nr. 62, Robert Spaemann, die den Krüppelparagraphen 166 StGB sogar noch verschärfen wollen. Die Argumentation nachzuvollziehen gelingt aber nur, wenn man sich vorher einer Lobotomie unterzogen hat.

Wenn ich Prof. Hillgruber richtig verstehe, beklagt er aber eine gesellschaftliche, beziehungsweise „zeitgeistige“ Lust am Tabuisieren und strebt keine Gesetzesänderungen an.

Ob man behaupten dürfen soll, den Holocaust habe es nie gegeben, Schwule dürften keinen Sex praktizieren oder Gott ist doof, ist tatsächlich keine ganz simple Frage.

Ich frage mich allerdings weshalb sich die Tabuisierungsdiskussion immer um dieselben Punkte dreht.
Denn es gibt in unserer Gesellschaft zweifellos noch viel mehr verdrängte Themen, die öffentlich nicht besprochen werden.

Da gibt es beispielsweise die entsetzlich grausame Tatsache, daß Deutschland tausende unschuldige Menschen überfallartig von ihren Familien separiert und in Abschiebehaft zwischen Kriminellen hält. Ein menschenrechtswidriger Skandal erster Güte, der gelegentlich noch ein i-Tüpfelchen aufgesetzt bekommt, indem beispielsweise bayerische RK-Mitarbeiter zu deportierende Kinder außerdem noch verhöhnen.

Es gibt auch politische Tabus, die in stiller Übereinkunft eingehalten werden.
Die Parteien drücken sich beispielsweise darum endlich zu regeln wer darüber entscheidet, ob ein von Terroristen entführtes Flugzeug, welches auf ein deutsches Kernkraftwerk zusteuert, abgeschossen werden darf.

Schäuble und Co weigern sich auch die dringend gebotene Einkommenssteuerreform (Stichworte „kalte Progression“ und Schlechterstellung von Arbeitseinkommen gegenüber Kapitaleinkünften) anzufassen und das höchst ungerechte Mehrwertsteuerchaos wird einfach von den Bundestagsparteien totgeschwiegen.
Niemand denkt daran etwas zu unternehmen, daß 7-8 Millionen funktionelle Analphabeten in den Deutschland lesen und schreiben lernen.
Auch die Millionen menschenunwürdig „gehaltenen“ Pflegebedürftigen wissen sicher, daß sie aus Berlin keine Hilfe erwarten dürfen.

Es gibt aber auch publizistische Tabus. Das konnte jeder erleben, der einen Medienshitstorm erntete, weil er versuchte sich in Putins Krimpolitik hineinzudenken.
Die deutsche veröffentlichte Meinung ist einheitlich gegen Putin und für die faschistoid durchsetzen antirussischen Politiker der Kiewer Übergangsregierung.

Es gibt aber auch Tabus in meiner unmittelbaren gesellschaftlichen Umgebung, die mich in den Wahnsinn treiben.
So gibt es beispielsweise ein großes Patrizierhaus, in dem ich regelmäßig zu tun habe. Keine der Wohnungen ist kleiner als 250 m2 und vor der Tür stehen Oberklasse- und Sportwagen.
Dort wohnen unter anderem zwei junge Familien, die das Treppenhaus mit Myriaden von Kinderkarren, Rollern, Bobbycars etc vollstellen. Das bringt die anderen Bewohner zur Weißglut, weil man kaum noch durchkommt und keiner einsehen kann, daß man bei einer solchen Wohnungsgröße seine Kinderwagen nicht INNEN unterbringen kann.
Aber man legt sich nicht mit jungen Müttern an, weil es tabuisiert ist, eine Äußerung zu tun, die auch nur im entferntesten Sinne als kinderfeindlich eingestuft werden könnte.
Ich selbst bin von dem Kinderspielplatz gegenüber meiner Wohnung leidgeprüft. Eigentlich sind alle in meinem Haus von der Lärmbelästigung regelrecht mürbe, aber niemand traut sich einzuschreiten, weil man sofort den geballten Hass der Berufsmütter auf sich zöge. Vermutlich wäre morgen die „MoPo“ da, würde einen abphotographieren und dann als „hier wohnen die Kinderhasser“ an den öffentlichen Pranger stellen.
Überhaupt ist Ärger mit jungen Müttern und Familien ein tabuisiertes Thema.
Eine Freundin von mir hat vor einigen Jahren als Experiment die Wahlkampfveranstaltungen von SPD, CDU, FDP und Grünen besucht. Alle versprachen Familien und Kinder finanziell besser zu stellen.
Sie stellte dann immer die Frage, wer eigentlich gedenke für sie als Single steuerliche Verbesserungen einzuführen. Immerhin sitzt man als Einzelhaushalt auf erheblich höheren Kosten pro Person als jede Familie und muß dazu noch Schulen, Kitas und Unis mitfinanzieren; also Leistungen, die man selbst nie in Anspruch nimmt.
Aber für das Klientel gibt es keine Partei. Auch das ist tabuisiert. Niemand möchte etwas für Singles tun. Singles werden höchstens bedauert. Als arme unglückliche Leute, die keinen Partner abbekommen. Daß jemand gerne und freiwillig so lebt, ist ein fremder Gedanke in der Öffentlichkeit.

Und dann mein meistgehasstes Tabu: Hunde in der Stadt.
Hunde kacken mir unter den Schuh, bewerfen mich mit ihren allergenen Haaren und sabbern meine Rockschöße voll.
Ca 50.000 Hundebisse werden jedes Jahr in Deutschland den Versicherungen gemeldet. Die Dunkelziffer ist sicherlich um ein Vielfaches höher.

Zugegeben, wann immer ich einen Hund, der kläffend in einen 4-Quadratmeterkiosk gezerrt wurde, in dem ich auch gerade verweilte, freundlich bat doch bitte draußen zu warten, reagierte er durchaus wohlwollend.
Das kann man aber nicht von seinen Frauchen/Herrchen sagen.
Wenn die auch nur die leiseste Kritik an ihrem Viech wittern, wechseln sie in den Furien-Modus und tun so, als ob man gerade einen Völkermord angekündigt hätte.

Hundebesitzer sind so von sich überzeugt, daß sie noch nicht mal Satire ertragen und mit sprungbereiter Feindschaft auf jeden Witz reagieren.

Die jetzt vorliegende Zeitschrift „Kot und Köter“ zeigt deutlich wie Hundebesitzer ticken.

Im August 1992 beantragte der Hamburger Journalist Wulf Beleites – nach Vorgesprächen mit einigen Kollegen – Titelschutz für das Zeitschriften-Projekt Kot & Köter. Keiner der Beteiligten hat zu dem Zeitpunkt geahnt, dass allein die Option auf ein mögliches Anti-Hunde-Periodikum derart heftige Reaktionen auslösen würde. Gleich nach Erscheinen der formal korrekten Titelschutzanzeige meldeten sich zahlreiche Vertreter aller Medien, um Näheres über das ungewöhnliche „Kampfblatt“ in Erfahrung zu bringen, so dass die erste improvisierte Redaktionskonferenz fast zwangsläufig vor laufender Kamera stattfand.
Die Resonanz auf die umfangreiche Berichterstattung keinen Platz für Zwischentöne, sondern kannte nur zwei Positionen: Auf der einen Seite gab es den erwarteten Aufschrei der Hundehalter, welcher in einer kuriosen Steckbriefaktionen gipfelte – „Diese Herren haben neue Kochrezepte auch für Ihren Hund!“.
Auf der anderen Seite meldete sich eine nicht minder große Gruppe von Sympathisanten, die sich ebenfalls nicht länger mit der Phrase „Der tut nichts!“ abspeisen lassen wollten.

Dabei ist die mehr oder weniger vorhandene Witzigkeit der Artikel fast irrelevant. Viel interessanter sind die Hassreaktionen, die das hervorruft.

Prügel-Drohung gegen „Hundehasser“
Das Thema Hund schürt Emotionen. Von grenzenloser Liebe für die süßen kleinen Wauwis – bis hin zu Hass auf die kackenden und beißenden Köter. Der Hamburger Journalist Wulf Beleites (66) musste also wissen, worauf er sich einlässt. Noch bevor er am Freitag seine Hundefeinde-Zeitschrift „Kot & Köter“ in der Schanze vorstellte, hagelte es angeblich Prügel-Drohungen.
„Satirisch, bissig, realistisch“ wolle man sein, sagt Beleites. Übertreiben wolle man, „weil nur mit Übertreibung die Realität sichtbar wird, die Missstände aufgezeichnet werden“. Entsprechend bizarr die Themen des ersten Heftes. Ein Autor schreibt über seinen Ekel vor der Rasse Mops. Ein anderer erklärt das „Nuttenpudel-Phänomen“: Pudel als klassisches Accessoire für Prostituierte. […]
Das finden manche lustig, sie gratulieren und wünschen viel Erfolg. Andere sind auf Zinne. „Ich bekomme auch Drohungen von Leuten, die sich durch die Zeitschrift angegriffen fühlen“, sagte Beleites. „Trinkst bald aus der Schnabeltasse“, schrieb angeblich einer, „Schade, dass du so weit weg wohnst von mir, ich wäre dich zu gern mit meinen beiden Hunden besuchen gekommen und hätte die erst mal schön in den Garten oder in deine Wohnung scheißen lassen“ ein anderer.

Prof Hillgruber, bitte schreiten Sie sofort ein. Ich fühle mich in meiner Freiheit eingeschränkt Stadthundehalter nicht zu mögen!!!