Sonntag, 26. Oktober 2025

Was mich doch noch an der USA wundert.

Das ist fast unnötig zu erwähnen: Die Demokratie in den USA ist vorbei. Trumps Project 2025 hat jetzt schon sehr erfolgreich die Gewaltenteilung zerschlagen. Richter und DOJ handeln nach Trumps persönlichen Befehlen, der Speaker Mike Johnson richtet sich als „Trump’s Puppy“ ein, würde nie wagen, nie zulassen, daß die Legislative der Exekutive widerspricht.

[….] President Donald Trump has been heard privately joking that he believes he can easily manipulate House Speaker Mike Johnson, according to sources quoted by The New York Times.

“I’m the speaker and the president,” the MAGA leader is understood to have said, according to the newspaper. Citing two people with knowledge of his remarks, the Times further notes that Johnson’s conduct in office over the past several weeks, amid an ongoing shutdown, has done little to disabuse Trump of that notion, or anyone else. Some people fear the shutdown may prove to be the longest and most damaging on record.  [….]

(Yahoo News, 25.10.2025)

Trump wird, sofern er nicht vorher tot umfällt, nicht freiwillig von der Macht ablassen. Er darf laut US-Verfassung 2028 nicht zu einer dritten Amtszeit antreten, wird es aber entweder dennoch tun, oder aber die Wahlen ganz abschaffen.

 

Unter Trump geht es mit der USA drastisch bergab; Amerika wird zum „Failed State“.


Für die Trumpfamilie wird die kollabierende Nation zu einem Selbstbedienungsladen.

[…] »Trump tut nicht mal mehr so, als gebe es eine Trennung zwischen der Präsidentschaft und seinen Geschäften«

Geld, Geschenke, Deals: Wie kein anderer US-Präsident bereichert sich Donald Trump im Amt. Hier erklärt Korruptionsexperte Noah Bookbinder, welche Tricks Trump nutzt und wieso ihn niemand hindert.

Dass Donald Trump an der US-Präsidentschaft verdient, ist kein Geheimnis. Trotzdem ist das Ausmaß atemberaubend. Das Wirtschaftsmagazin »Forbes« hat ausgerechnet  , dass er allein in den letzten neun Monaten um gut drei Milliarden Dollar reicher geworden ist – »das lukrativste Jahr seines Lebens«.

Trumps Interessenkonflikte gehen weit über das hinaus, was in der ersten Amtszeit zu beobachten war. Damals kassierte er meist ab, als Bittsteller für viel Geld in seinen Liegenschaften logierten. Diesmal nutzen Trump und seine Familie ein Potpourri an Deals, Tricks und Gegenleistungen , um ihre Konten zu füllen.

Immobilien spielen weiter eine Rolle: So will Trump den G20-Gipfel 2026 in seinem Golfklub bei Miami abhalten . Hinzu kommen Kryptogeschäfte  und Memecoins; eine Medienfirma, die vielen Investoren Verluste einfährt, nur den Trumps nicht; internationale Deals , etwa in Vietnam und Riad; ein neuer Privatklub in Washington (Einstiegsgebühr 500.000 Dollar ); eine Boeing 747 im Wert von 400 Millionen Dollar, die ihm Katar »geschenkt« hat ; zweistellige Millionensummen, die US-Medienkonzerne an seine künftige Präsidentenbibliothek überwiesen haben ; und endlose Merchandises, markiert mit »Trump« – Bibeln, Armbanduhren, Turnschuhe, Parfüm, Billig-Smartphones aus China.

Der Mann, der das alles in Blick hält, ist Noah Bookbinder. Der Chef der Watchdog-Gruppe Citizens for Responsibility and Ethics in Washington (CREW) führt die ultimative Checkliste der Korruption. Zum Ende von Trumps erster Amtszeit veröffentlichte CREW einen Bericht  über 3737 Interessenkonflikte, ein aktueller Report  ist noch viel umfassender.  […]

(Ein Interview von Marc Pitzke, 25.10.2025)

In Trumpmerica wird die Transformation zur Schilda-Kakistokratie weitgehend achselzuckend hingenommen. Es gibt keine Streiks, die Justiz ist verstummt, die Presse auf Linie gebracht.

Die Washington Post, während Trumps erster Amtszeit noch mutig unter dem Motto „Democracy dies in Darkness“ unterwegs, wurde von Eigentümer und Trump-Großspender Jess Bezos zu einem Trump-Jubelblatt umgeformt. Harris-Freundliche Kommentare durften nicht mehr erscheinen und nun preist die einst so renommierte Zeitung den irren korrupten Demokratiezerstörer. Eine einzige Schande.

[….] Bezos’s Washington Post jumps to the defense of Trump’s new ballroom: ‘A shot across the bow at NIMBYs everywhere’

The newspaper’s editorial board argued in an op-ed that other presidents have also left their mark on the White House.  [….]

(Rhian Lubin, Sunday 26 October 2025)

Bis hier hin bin ich – leider – nicht überrascht.

Aber bisher dachte ich, die US-Amerikaner hätten aufgrund ihrer vergleichsweise kurzen Nationalgeschichte und des Fehlens alter Herrscherfamilien, einen extremen Faible für ihre (vergleichsweise wenigen) nationalen Symbole. Die Fahne, Mount Rushmore und eben das Weiße Haus.

Ich hätte nicht gedacht, daß sie die totale Zerstörung des Eastwings und des emotional verklärten Rosengartens von Jackie Kennedy einfach so hinnehmen.

Ich hätte mehr Protest erwartet. Aber in den großen Medien ist das kaum ein Thema.

Es ist offensichtlich, daß Trump das Weiße Haus in das Trump-House verwandelt, um für immer zu bleiben.





Samstag, 25. Oktober 2025

Er kann nichts, rein gar nichts

Wer sich in den letzten Jahren ein bißchen intensiver mit Politik beschäftigte, kann nicht über das Merz-Desaster überrascht sein.

Leider interessieren sich die allermeisten Wähler nicht für die Zukunft und den Zustand ihrer Nation. Sie verweigern beharrlich, sich adäquat zu informieren. BILD und rechte Tiktok-Schnipsel tun es doch auch. So war es den rechten und reichen Kräften möglich, Merz als großartigen Redner, Wirtschaftsexperten und zuletzt auch als begnadeten Außenkanzler zu framen.

Auf diese drei Säulen stützen die Nius/Springer/Burda/Funke-Speichellecker ihren aufgeblasenen Megamerz zur Errichtung Rechtsaußen-Deutschlands.

Zu blöd, daß nach nur fünf Regierungsmonaten alle drei Popanz-Stützen für jedermann sichtbar in sich zusammengekracht sind.

Die Wirtschaft schmiert unter Merz ab. Alle ökonomischen Kennzahlen drehen nach unten. Er steht damit immerhin in schlechter CDU-Tradition, die immer wieder gnadenlos die Weichen in die falsche Richtung stellte.

 

Merz ist rhetorisch retardiert, kann sich nicht richtig ausdrücken.

Immer offensichtlicher wird auch sein außenpolitisches Unvermögen.

Nichts ist in Deutschlands globaler Situation 2025 so wichtig, wie ein enger Zusammenhalt Brüssels. Einzeln würden die EU-Staaten gnadenlos zwischen antidemokratischen Autokratien Russland, China und den USA aufgerieben.

Dummerle Merz liefert sich aber einen Kleinkrieg mit von der Leyen, bremst Brüssel aus. Wieder einmal ist es eine Kombination aus dem polternden Wesen und der sagenhaften Borniertheit des Fritzekanzlers. Er begreift die internationalen Zusammenhänge gar nicht.

(….) Für keinen EU-Staat ist die EU ökonomisch so essentiell, wie für den Mega-Exporteur Deutschland. Berlin müsste am meisten auf Einigkeit in Brüssel dringen.

Dummerle Merz hingegen macht das Gegenteil, blockiert EU-Vorhaben, kritisiert die Kommission öffentlich. (…)

(Wie Merz die EU zerstört, 06.08.2025)

Die rechten Redaktionen versuchen angestrengt, ihren Lieblingskanzler weiterhin als internationale Größe darzustellen. Aber das gelingt immer weniger. Zu offensichtlich wird die Merz-Regierung in den relevanten Hauptstädten als dampfluderndes Leichtgewicht wahrgenommen.

Peking will demonstrativ gar nicht erst mit Wadephul, dem Abgesandten des neuen deutschen Kanzlers „Lang Dumm“, reden. Zu irrelevant.


        [….] Außenpolitisches Desaster: Wadephuls China-Reise kurzfristig abgesagt

Der CDU-Außenminister wollte am Sonntag nach China fliegen – doch daraus wird nichts. Denn China stellt kaum Gesprächspartner zur Verfügung.

[….] Peking habe außer einem Treffen des Ministers mit seinem Kollegen Wang Yi keine hinreichenden weiteren Termine bestätigt, begründete Kathrin Deschauer, die Sprecherin des Auswärtigen Amts, die Verschiebung. Das kann man wohl als deutliches Zeichen werten.

„Dabei gibt es gerade in diesen Tagen eine Vielzahl von Themen, die wir mit der chinesischen Seite gerne besprechen wollen“, fügte Deschauer hinzu. Auch wenn die Bundesregierung die deutsche Wirtschaft und deren Lieferketten diversifiziere und die Wettbewerbsfähigkeit stärke, „wollen wir mit China zusammenarbeiten“. Gleichzeitig bereiteten den deutschen Unternehmen Handelsbeschränkungen vor allem in den Bereichen seltene Erden und Halbleiter große Sorgen.

Die Sicherheit Asiens und Europas sei zudem eng mit miteinander verbunden. „Unser Interesse ist, dass China dazu beiträgt, einen gerechten und dauerhaften Frieden in der Ukraine zu erreichen“, ergänzte sie. Kein anderes Land habe so viel Einfluss auf Russland wie China. „Wir sind weiter sehr daran interessiert, uns partnerschaftlich zur gesamten Themenpalette auszutauschen. Wir bedauern sehr, dass es in den nächsten Tagen entgegen gemeinsamer Planungen kurzfristig dazu keine persönliche Gelegenheit geben wird.“ [….] Wadephul wäre das erste Mitglied der aktuellen Bundesregierung gewesen, das China besucht. Eigentlich sollte er einen Besuch des Bundeskanzlers vorbereiten. Jetzt wird sich wohl auch dieser weiter verzögern. Der Außenminister hatte zuvor bereits Antrittsbesuche in Japan und Indonesien absolviert. Dass die erste Reise in die Region nicht China galt, dürfte man in Peking zur Kenntnis genommen haben.

Pekings verschärfte Exportkontrollen auf seltene Erden haben große Sorge bei deutschen Unternehmen ausgelöst. [….]

(Sabine am Orde, 24.10.2025)

Der CDU-Irrelevantling im Außenministerium fügt sich ins Bild. Sein Chef debakuliert währenddessen durch Brüssel.

[….] Europa führen? Doch nicht so leicht

Von wegen »Germany is back«: Friedrich Merz wollte in Europa eine herausragende Rolle übernehmen, aber mit wichtigen Anliegen dringt der Kanzler kaum durch. Und dann behauptet er auch noch Dinge, die nicht stimmen. [….] Der Ausgang des EU-Gipfels am Donnerstagabend  wirft die Frage auf, ob der Bundeskanzler seinem eigenen Führungsanspruch gerecht wird. Ob er das politische Handwerk der internationalen Diplomatie wirklich so gut beherrscht, wie es ein Außenkanzler eigentlich beherrschen müsste.

In der abschließenden Pressekonferenz verhedderte sich Merz in Detailfragen. Es wirkte so, als wisse er nicht genau, wovon er spricht. Und beim wichtigsten Thema dieses Treffens, der Nutzung eingefrorenen russischen Gelds für die Ukraine, gab es keine Einigung, obwohl Merz sich sehr dafür eingesetzt hatte. [….] Drei Themen sind Merz besonders wichtig. Es sind Themen, bei denen es kaum vorangeht.

1. Geld für die Ukraine [….] In den vergangenen Wochen versuchten Merz und sein Team, die Skeptiker zu überzeugen. Offensichtlich ohne Erfolg. Vor allem Belgien, wo das russische Geld lagert, hat massive Zweifel. [….] Merz, der sich zuvor klar zur Idee bekannt hatte, das russische Vermögen als Absicherung für Kredite an die Ukraine zu nutzen, äußerte plötzlich Verständnis für die belgische Position. Er würde dieselben Argumente gegen den Vorschlag vorbringen, wenn er belgischer Regierungschef wäre, sagte er. Die Skeptiker dürften sich bestätigt sehen. [….] 

2. Handelsabkommen Mercosur [….]

Merz wirbt dafür, und tatsächlich haben sich Länder wie Frankreich, die vehement gegen das Abkommen waren, wohl etwas bewegt. Aber Merz stellte es am Donnerstagabend so dar, als sei die Einigung schon fix.

»Es gibt aus den Mitgliedstaaten jetzt keine Vorbehalte mehr«, sagte der Kanzler vor der Presse. »Es ist erledigt. Es ist durch.«

Umgehend widersprachen andere Regierungschefs. EU-Ratspräsident António Costa stellte klar: »Wir haben darüber nicht diskutiert. Wir haben keine Entscheidungen getroffen.« Es schien ein bisschen so, als sei Merz auf einer anderen Veranstaltung gewesen. Offenbar wollte der Kanzler unbedingt einen Erfolg verkünden. Die EU-Staats- und Regierungschefs hatten lediglich über einen technischen Termin zum Mercosur-Abkommen abgestimmt. Merz hat das offenbar falsch verstanden. In Brüssel heißt es, solch ein Ausrutscher wäre Angela Merkel, Olaf Scholz oder gar Helmut Kohl, dem großen Vorbild von Merz, wohl nie passiert. [….]

3. Bürokratieabbau

Merz drängt vehement darauf, dass die Europäische Union Regularien zurücknimmt und sie verbessert, um Unternehmen Bürokratieaufwand abzunehmen. [….] Die große Überraschung am Mittwoch: Die EU-Koalition aus EVP, Sozialdemokraten und Liberalen hatte keine Mehrheit, um das Lieferkettengesetz abzuschwächen. Die Fraktionen im Parlament machen sich nun gegenseitig Vorwürfe, wie es dazu kommen konnte.

Merz verschärfte am Donnerstag den Konflikt. Zwar ging er nicht ausdrücklich auf die Sozialdemokraten ein, wohl aus Rücksicht gegenüber dem Koalitionspartner, aber er nannte diese Entscheidung »inakzeptabel«. »Das ist eine fatale Fehlentscheidung, und die muss korrigiert werden«, forderte der Kanzler. Damit brachte er etliche Abgeordnete gegen sich auf. Parlamentspräsidentin Roberta Metsola, die wie Merz’ Union der EVP angehört, warnte Merz davor, die Unabhängigkeit des Parlaments infrage zu stellen. [….] Umso erstaunlicher ist es, dass der Kanzler immer wieder großspurig Erfolge in Aussicht stellt, die dann doch nicht eintreten. Unterschätzt er, wie komplex europäische Politik ist? Fehlt ihm womöglich noch das nötige Wissen? [….] So bleibt am Ende dieses langen Gipfeltages der Eindruck von einem Kanzler, der auf europäischer Bühne zwar Entschlossenheit vermittelt, aber weder in den Details noch in den Formulierungen sicher ist. [….]

(SPON, 24.10.2025)

Er kann es einfach nicht. Merz fehlt es ebenso an charakterlicher Reife, wie an intellektueller Kraft für das Regierungsamt. Wäre der Sauerländische Regierungs-Azubi intelligent und patriotisch, erwiese er seiner Nation einen Dienst und schriebe sein Rücktrittsgesuch an Steinmeier.

Aber noch nicht mal dafür reicht es beim  Fritzekanzler. Da gibt es selbst von Strobl-TV ein Daumen Runter.

[….] Bundeskanzler Merz hat beim EU-Gipfel mit deutlichen Worten nicht gespart. Doch nur zu schimpfen reicht nicht. Erst recht, wenn Deutschland dadurch im Kreis der EU-Mitglieder plötzlich allein dazustehen droht. [….] Merz haut verbal auf den Tisch. Wer allerdings zu hart zuschlägt, verletzt sich leicht selbst. Es ist ja immer sehr leicht, auf die Brüsseler Bürokratie zu schimpfen, wie auf die Jugend, die nicht mehr richtig arbeiten will. Ein Klischee, für das man auf jeden Fall ein Kopfnicken erntet. Aber so einfach ist es nicht. [….] Am Ende ist Deutschland auch nur ein Mitglied von 27. Gemessen an den vollmundigen Ankündigungen des Bundeskanzlers hat dieser Gipfel nur ein paar Krümel gebracht. [….]

(Tagesschau, 25.10.2025)

Mir tun Schröder, Merkel und Scholz Leid; es muss brutal sein, sich diese Stümperei anzusehen.

Freitag, 24. Oktober 2025

Partei-Pauschalitäten

Zugegeben; ich habe einige grenzwertige Vorlieben. Ein Schulfreund wirft mir zum Beispiel regelmäßig vor, freiwillig Mathe als Abi-Prüfungsfach gewählt zu haben und darüber hinaus, im Grundstudium vier, statt der vorgeschriebenen zwei Mathescheine gemacht zu haben. Das sage ja wohl alles.

Ich muss mir den Schuh wohl anziehen und so erntete ich von besagtem Kumpel nur ein kopfschüttelndes „war ja klar“, als er mir einst beim Umzug half und ihm dabei ein Stoß mit handgeschriebenen Tabellen entgegenfiel, die ich in meinen Twen-Jahren als Sumo-Fan erstellte, nur weil ich akribisch die Ergebnisse und Ränge aller 40 Rikishi nach jedem der sechs Japanischen Turniere im Jahr ordentlich eintrug. Kann doch sein, daß man mal ein halbes Jahrhundert später nachvollziehen will, mit welchen Resultaten im Nagoya Basho der Makuuchi-Division von 1996 die Maegashira und Sanyaku zu Komusubi, Sekiwake, Ōzeki und Yokozuna promoviert wurden!

Der Spaß fiel leider dem doofen Internet zum Opfer. Wozu aufwändig Tabellen und Statistiken niederschreiben, wenn alles immer mit wenigen Klicks aufzurufen ist?

Ich stehe aber immer noch darauf, Tabellen und Listen zu lesen.
Daher war ich ziemlich begeistert, als ich gestern mit gehöriger Verspätung (weil ich altersbedingt völlig vergessen hatte, rechtzeitig zu bestellen) „Kürschners Volkshandbuch Deutscher Bundestag, 21. Wahlperiode“ hier eintraf. Der Band erschien schon im Juni und wird, neben vielen anderen Informationsmaterialien,  kostenlos von der Bundestagsverwaltung verschickt. Wieder ein Band für meine Sammlung. Wieder 630 neue Bilder mit den dazugehörigen Lebensläufen.

Statt meine Privat-Statistiken selbst zu erstellen, gibt es hier exakte vorgefertigte Daten. Schon im Vorwort erfahre ich:


[….]  Wenn der Bundestag „das Volk“ repräsentiert, lohnt sich ein Blick auch auf seine neue Zusammensetzung. 400 der 630 Abgeordneten gehörten bereits der letzten Legislatur an, 230 Mandatsträger sind neu hinzugekommen. Der Frauenanteil ist gegenüber der vorherigen Wahlperiode leicht gesunken – von 34,8 auf 32,4 Prozent. Besonders hoch liegt er bei den Grünen (61,2 Prozent) und der Linken (56,2 Prozent), gefolgt von SPD (41,7 Prozent) und 29 größerem Abstand CDU/CSU (22,6 Prozent). Am geringsten ist er in der AfD-Fraktion – dort liegt der Frauenanteil bei nur 11,8 Prozent.

Die AfD-Fraktion ist mit durchschnittlich 50,7 Jahren am ältesten, gefolgt von CDU/ CSU (48,3 Jahre). Jünger sind Grüne (42,3 Jahre) und Linke (42,2 Jahre). Die größte Altersgruppe stellen die 50- bis 59-Jährigen. 32 Abgeordnete sind jünger als 30, acht älter als 70. Alterspräsident ist Gregor Gysi von der Linken. Er eröffnete als dienstältester Abgeordneter mit mehr als 30 Jahren im Bundestag die konstituierende Sitzung – bis zu einer Änderung der Geschäftsordnung 2017 war es der jeweils lebensälteste MdB.

In soziologischer Hinsicht ist der Bundestag noch weit weniger repräsentativ.

179 Parlamentarier kommen aus dem öffentlichen Dienst, die meisten in dieser Gruppe arbeiten im Bereich Verwaltung und Lehre. 124 Volksvertreter sind bei politischen und gesellschaftlichen Organisationen tätig, waren also zuvor bei Parteien oder ihren Fraktionen beschäftigt, Mitarbeiter von Abgeordneten oder etwa in einer Gewerkschaft beschäftigt. 119 Bundestagsabgeordnete sind im  weitesten Sinne in der Wirtschaft tätig, die größte Gruppe im Handel, Handwerk, Gewerbe oder der Industrie, die zweitgrößte bei Banken, Sparkassen und Finanzdienstleistern. 107 Abgeordnete sind in sogenannten freien Berufen tätig, davon 75 als Juristen oder Steuerberater. Sieben Personen sind bereits im Ruhestand, 13 noch in der Ausbildung.

„An Juristen und Lehrern mangelt es uns weniger“, kommentierte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner die Zusammensetzung. Der typische Abgeordnete ist männlich, Akademiker, um die fünfzig, ohne Migrationshintergrund. Frauen, Arbeiter und Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind unterrepräsentiert. [….]

(Kürschner 2025, s. 28 f

Der Fritzekanzler gehört zu den 10 ältesten Abgeordneten, in der Gysi ein Exot ist.
Alte sind rechts, Junge sind links. Wie im richtigen Leben, so auch im Bundestag.

Auch die Studienfächer und Berufe entsprechen den Politiker-Klischees. 

[….] Studienfächer:

[….] Arabistik 1

Archäologie 1

Architektur, Design 3

[….] Chemie, Biochemie 2

Energie-, Elektrotechnik 9

[….] Gesundheits-, Pflegewissenschaften 1

[….] Lehramt, Dipl.-Lehrer(in) 25

Literaturwissenschaften 3

[….] Politikwissenschaften, Internationale Beziehungen 99

Polonistik 1

[….] Raum-, Stadtplanung 3

Rechts- und Staatswissenschaften 162

[….] Soziologie, Sozialwissenschaften 30

[….] Verwaltungswissenschaften 25

Veterinärmedizin 2

Volkswirtschaft 36

Wirtschaftswissenschaften 19

Zahnmedizin 1

Berufe der Abgeordneten

Unselbstständige Tätigkeiten

1.1 Öffentlicher Dienst

.1 Verwaltung 62

.2 Polizei 7

.3 Justiz 8

.4 Bundeswehr, Bundespolizei 9

.5 Kommunale(r) Wahlbeamter/Wahlbeamtin 24

.6 Bildung, Lehre, Forschung 25

Hochschulangehörige 12

Lehrer 18

Sonstiges 1

[….] 1.2 Politische und gesellschaftliche Organisationen,

Mitarbeiter bei Abgeordneten

.1 Parteien und Fraktionen 60

.2 Gewerkschaften, Arbeitnehmerorganisationen 8

.3 Mitarbeiter bei Abgeordneten 44

[….].1 Handwerk, Handel, Gewerbe, Industrie 74

.2 Land- und Forstwirtschaft 4

.3 Banken, Sparkassen, Finanzdienstleister 15

[….] 2.2 Freie Berufe

.1 Rechts-, wirtschafts- und steuerberatende Berufe 75

.2 Medizinische bzw. heilkundliche Berufe 4 [….]

(Kürschner 2025, s. 295 f)

Die CDUCSU-Fraktion besteht homogen aus Juristen. Die Grünen sind alle Akademiker, besonders gern Politologen. Die AfD ist nicht nur die älteste, sondern auch mit Abstand die ungebildetste Fraktion. Hier gibt es kaum studierte Menschen. AfD-Abgeordnete sind zu einem Drittel Polizisten, einem Drittel Soldaten und einem Drittel Kaufleute/Handwerker. Die Linke besteht zur Hälfte aus Akademikern, dazu kommen aber noch bunt gemischt junge Leute in Ausbildung, Aktivisten oder Gewerkschaften.

Ähnlich heterogen sieht es bei den Sozis aus, unter denen es traditionell viele Politologen und Lehrer gibt, aber auch Handwerker, eine Pflegekraft, so wie habilitierte Wissenschaftler.

Ach ja, unter den ganzen alten uniformierten AfD-Männern, gibt es eine kleine Unterblase, in der die Storchenartigen sitzen. Radikal-christliche, extrem homophobe, ausländerhassende, dunkelkatholische alternde Furien. Man findet sie in der freien Wildbahn unter den Namen Beverfoerde, Kuby, Kelle, Mewes, Oldenburg.

Ein Prachtexemplar ist Martina Kempf, die ihren offiziellen Lebenslauf für den Kürschner, wie folgt beschreibt:

[….] Martina Kempf; Volljuristin; 79206 Breisach am Rhein – * 31. 3. 1964 Wertheim; ev.-freikirchlich; verh., 3 Kinder – 1983 Abitur am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wertheim. Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen, Berlin und Köln, anschl. Rechtsreferendariat, 2. Jur. Staatsexamen 1993 in Düsseldorf, 1993/94 Qualifikationslehrgang „Umweltschutzexpertin Europa“ in Bonn bei Environmental Protection Services GmbH. Ab 1994 für etwa ein Jahr Umweltbeauftragte bei Fa. Zippe Industrieanlagen GmbH in Wertheim und anschließend für einige Jahre Unternehmensberaterin für Umweltmanagement für kleine und mittelständische Unternehmen. Buchveröffentlichung Martina Kempf: „Frauenfeindlich – Wie Frauen zur Ungeborenentötung gedrängt werden“, Gerhard-Hess-Verlag 2012, weitere Buchbeiträge, 1992/2008 Mitgl. der ÖDP, 2009/13 Mitgl. der AUF-Partei (Arbeit, Umwelt, Familie – Christen für Deutschland), seit 2013 Mitgl. der AfD. Co-Vors. des Vereins Vertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten in der AfD (VAdM), seit 2025 Präsidentin des Landesschiedsgerichtes der AfD Baden-Württemberg, 2015/18 Bundesvorstandsmitgl. der Christen in der AfD (ChrAfD). Seit 2019 Mitgl. Stadtrat Breisach, 2019/24 Kreisrätin im Kreistag Breisgau-Hochschwarzwald. Delegierte im Bundesfachausschuss Familie der AfD, Schriftführerin im Landesfachausschuss Außen- und Sicherheitspolitik der AfD Baden-Württemberg. Mitgl. Bund der Vertriebenen und der Sudetendeutschen Landsmannschaft. – MdB seit März 2025.

Landesliste Baden-Württemberg

E-Mail: martina.kempf@bundestag.de  [….]
(Kürschner 2025, s. 149 f

Ach du braune Neune!

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Verschlimmbessern

Die Arroganz, mit der öffentliche Personen versuchen, ihre Skandale zu verschleiern ist immer wieder enorm. Statt gleich alles zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten, streiten sie ab, setzen auf Salami-Taktik und halten so die negative Berichterstattung kontinuierlich aufrecht.

Politiker stürzen selten über den Skandal selbst, sondern fast immer über ihre eigene Doofheit, beim Umgang mit dem Skandal.

Der Rassist Merz wird wegen seiner relativen Alternativlosigkeit nicht so schnell stürzen, aber sein Stadtbild-Goebbels-Stunt zeigt mustergültig, wie sich jemand unnötig immer weiter in den Abgrund bohrt.

Der Fritzekanzler schrumpfte seine eigene Wahlsieger-Partei in Rekordzeit auf Platz Zwei hinter den Nazis, ist persönlich unbeliebter, als jeder Kanzler im ersten Regierungsjahr und sollte gewarnt sein: Er verfügt schließlich über jede Menge Erfahrung damit, wie er durch unbedachte Dummschwätzerei die AfD boostet und selbst blamiert dasteht.

Er konnte lange genug beobachten, bekam es lange genug immer wieder von Wissenschaftlern vorgetragen, wie seine AfD-Imitation nur der AfD hilft und die CDU schrumpft. Allein, er ist schlicht intellektuell zu minderbemittelt, um das zu begreifen. Dieser Kanzler ist ganz offensichtlich nicht die hellste Kerze auf der Torte.

Und so greift der Sauerländer Sitzenbleiber immer wieder zum Benzinkanister, wenn er das Feuer löschen will. Er ist zu dämlich dazu, um auch nur in einem Statement seinen Rassismus abzulegen.

[…..] Merz' neue Stadtbild-Erklärungen: Nicht minder rassistisch […..]

Merz kam nicht etwa auf die Idee, sich bei all den Menschen, die sich von seiner Aussage ausgegrenzt fühlen, zu entschuldigen. Stattdessen formulierte er seinen rassistischen Blick auf Migrant*innen weiter aus: „Heute sind Menschen mit Migrationshintergrund ja ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Arbeitsmarktes“, las Merz vom Sprechzettel ab – „wir können auf sie eben gar nicht mehr verzichten.“ Probleme bereiteten vor allem diejenigen, „die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben und nicht arbeiten“.

Es gibt also die „guten“ Ausländer*innen, nämlich all jene, ohne die Deutschland leider gar nicht im globalen Wirtschaftswettbewerb bestehen kann. Daneben gibt es aber auch die „schlechten“ Ausländer*innen, also alle, auf die der deutsche Wirtschaftsstandort verzichten kann, weil sie nicht genug wirtschaftlichen Nutzen bringen.

Sie dienen dann als Sündenbock, um rechte Wähler*innen zu gewinnen. Die Gleichung, die Merz hier aufmacht, wonach die Daseinsberechtigung von Migrant*innen an ihrem Nutzen gemessen wird, ist nicht minder rassistisch als die ursprüngliche Aussage. […..]

(Pauline Jäckels, 23.10.2025)


Man warf dem hochbelesenen und hochintelligenten Kanzler Scholz stets vor, seine Worte zu sehr abzuwägen. Und so freut sich der rechte Schmierenjournalismus – bis hin zur völlig abgedrifteten ZEIT – über den vermeidlich Klartext-dampfplaudernden Fritzekanzler.


Sie drücken sich um eine simple Erkenntnis: Das Sauerländer Kanzler-Leichtgewicht ist ein rhetorischer Totalausfall. Es ist sein Signature Move, irgendeinen Quatsch pathetisch in die Welt zu blasen und die nächsten Tage damit beschäftigt zu sein, alles wieder einzufangen.

[….] Der Bundeskanzler wollte was mit Migration sagen. Nur was? [….]Mit seiner „Stadtbild“-Aussage versagt Friedrich Merz auf dem zentralen Feld der Politik: der Sprache. Das ist beunruhigend. [….]Vielleicht aber auch nicht, vielleicht meinte er Shisha-Bars und Dönerläden, junge Frauen mit Kopftuch oder Familien, die im Park grillen. [….]Für welches der komplexen Probleme wären Abschiebungen die Lösung? Oder ging es ihm um andere Migrationsaspekte? Unter dem Begriff wohnen viele Themen, nicht zuletzt der Schutz zugewanderter Personen vor rechtsextremer Gewalt und Deportationsfantasien. Aber Merz hält sich nicht mit Detailfragen auf, sondern begnügt sich mit Geraune. Bekanntlich schlug auch der Versuch, ihn zu mehr Genauigkeit zu bitten, fehl. Da verwies er auf unsere Töchter, die wüssten schon, was er meint. Allerdings bekleidet derzeit keine Tochter das Amt des Bundeskanzlers, sondern ein Mann, dessen wichtigstes Instrument qua Amt die deutsche Sprache ist.

Seine Äußerung ist nicht deswegen irritierend, weil er etwas Neues ausgesprochen hätte, sondern weil er die Republik bei einem wichtigen Thema lange, lange rätseln und deuten lässt. Alle werden unfreiwillig Teilnehmer eines Heidegger-Seminars, in dem der Dozent auf den Tisch klopft und fragt: „Wo ist hier das ist?“ [….]Möchte er alle Männer abschieben? Das Fazit in der Jugendsprache unserer Töchter: kP. Keinen Plan.

[….]Damit diskreditiert sich der Kanzler auf dem zentralen Feld der Politik – der Sprache. Gerade die jungen Menschen hören da genau hin, ohne auf eine respektvolle und präzise Sprache zu achten, kommt man bei Menschen unter 30 nicht weit. Schon ist das „Stadtbild“ zum ironischen Zitat avanciert, zum Meme, und statt dem Bundeskanzler aufmerksam zu folgen, lachen sie ihn aus. Ohne Zustimmung der nachfolgenden Generationen hat seine Politik aber keine Zukunft. Auch das klassische Unionspublikum im Mittelstand und in den Familienbetrieben oder im Handwerk wird ratlos zurückgelassen. Man möchte planen, investieren, sich vergrößern – wie soll das gehen, wenn jede Ansage morgen wieder revidiert wird?

Ein wichtiger Faktor der Kommunikation gerade in konservativen Kreisen ist die Verlässlichkeit des Wortes, einem strengen, aber gütigen Vater nachempfunden. Der amerikanische Linguist George Lakoff spricht vom strict father model in der konservativen Kommunikation. Was ist von einem Daddy zu halten, dessen Machtwort für Fragezeichen sorgt? Wohin führt Friedrich Merz das Land? Nutzt er sein politisches Kapital für einen Umbau von Industrie und der Infrastruktur? Oder schwebt ihm ein Freilichtmuseum vor, indem man die Versprechen der Siebzigerjahre, Autobahn und Atomkraftwerke, bestaunen kann? [….]Im direkten Vergleich mit den hohen kommunikativen Standards schneidet ausgerechnet der Mann schlecht ab, der die Richtlinien der Politik vorgibt – und das tut er, so ist es vorgesehen und ein anderes Medium gibt es dafür nicht, mit Worten. Dass Friedrich Merz nicht sagen kann, was er will, hinterlässt ein allemal beunruhigendes Gefühl.  [……]

(Nils Minkmar, 22.10.2025)

Der Fritzekanzler fungiert als klassische Witzfigur und akademisches Anschauungsmaterial. Das Negativbeispiel für Politologen, Germanisten und Ökonomen. Die können noch für Generationen am Beispiel Merz ihren Studenten zeigen, wie man es nicht macht.

Inzwischen musste sich die Sauerländer Sudelzunge gar dem SPD-Vizekanzler beugen. Klingbeil mochte nicht mehr ansehen, wie Merz dauernd die gemeinsame Hütte anzündet und drängte seinen Chef zur Klarstellung. Fast unnötig zu erwähnen, daß Merz erneut versagte.

[….] Eine Woche lässt Bundeskanzler Friedrich Merz die Debatte um seine „Stadtbild“-Äußerungen laufen – dann erklärt er sie doch noch. Offenbar auch auf Drängen des Vizekanzlers. [….]Merz war nach seiner Äußerung, dass es ungeachtet von Fortschritten in der Migrationspolitik „natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“ gebe, in die Kritik geraten – zum Teil aus der eigenen Partei. Der frühere Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) nannte die Formulierung „zu nebulös“. Andere gingen weiter und warfen Merz vor, ausländerfeindliche Ressentiments zu bedienen. Nach einer CDU-Klausur, von der eigentlich ein Kampfsignal in Richtung AfD ausgehen sollte, beharrte Merz am Montag eher trotzig auf dem Begriff und verwies vielsagend auf die „Töchter“, die man nur fragen müsse. Ungeachtet aller Rückendeckung gaben Merz danach die eigenen Leute zu verstehen, dass er die Debatte endlich befrieden müsse. [….]Man könne auf zugewanderte Arbeitskräfte nicht verzichten, erklärte er, „ganz gleich, woher sie kommen, welcher Hautfarbe sie sind und ob sie erst in erster oder schon in zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland leben und arbeiten“. [….]

 „Ich möchte in einem Land leben, in dem Politik Brücken baut und Gesellschaft zusammenführt, statt mit Sprache zu spalten“, sagte Klingbeil am Mittwoch auf einem Kongress der Gewerkschaft für Bergbau, Chemie und Energie in Hannover. Er selbst wolle in einem Land leben, „bei dem nicht das Aussehen darüber entscheidet, ob man ins Stadtbild passt oder nicht“, sagte Klingbeil weiter. Er ging damit rhetorisch auf Distanz zu Merz, wobei man den Rüffel im Umfeld des Kanzlers als eher gemäßigt wertete. [….]

(SZ, 23.10.2025)

Völlig erkenntnisresistent. Merz ist durch und durch Rassist. Man kann es ihm 100 mal erklären, was er anrichtet, wie er sich, seiner Partei und seinem Land schadet. Er begreift es einfach nicht. Der Kerl ist dumm, wie Bohnenstroh. Das geht schon in Richtung Trump.

[….] Thema verfehlt, Herr Bundeskanzler [….] Tatsächlich gibt es – nicht in allen, aber in manchen – Innenstädten ein Problem. Dabei geht es nicht, wie Merz sagt, um die Folgen von Migration, sondern um Armut.

Armut macht Menschen obdachlos. Armut kann physische und psychische Krankheiten auslösen oder verschärfen. Armut sorgt dafür, dass Menschen süchtig werden. Armut ist der Grund, warum Menschen betteln. Armut ist einer der Hauptgründe, warum Menschen kriminell werden.

Arme Menschen haben auch kein Geld für den Sportverein, für Netflix und Amazon Prime oder um ihre Abende in Kneipen und Bars zu verbringen. Deswegen treffen sie sich auf öffentlichen Plätzen und an Bahnhöfen. [….]Ihnen sollte geholfen werden, durch gute Sozialpolitik, die Menschenwürde gilt schließlich für alle. Das würde automatisch auch denen helfen, die Angst empfinden, wenn sie am und um Bahnhöfe, in Unterführungen oder an Marktplätzen auf aggressive oder wegen Drogenkonsum kaum ansprechbare Menschen treffen.

Was den Genannten nicht hilft, ist spalterisches Gerede wie das von Merz. Es stellt Menschen mit Migrationshintergrund, die nur aufgrund ihres Aussehens als nicht deutsch wahrgenommen werden, unter Generalverdacht. Und es schürt Angst. [….] Doch anstatt das nach tagelanger Debatte verstanden zu haben und die Gesellschaft zusammenzuführen, schickte Merz dann auch noch die Töchter vor. Die sollte man fragen, um bestätigt zu bekommen, dass »das« ein Problem sei, »spätestens mit Einbruch der Dunkelheit«.

Schlimm genug, dass Merz nicht selbst erklärt, was er meinte. Aber der CDU-Chef insinuiert damit auch noch, dass es bei dem »Problem im Stadtbild« um sexualisierte Gewalt durch Migranten geht, was so nicht stimmt. Daran sind zwei Dinge kritikwürdig: Merz zieht die Töchter oder Frauen vor allem dann heran, wenn es ihm rhetorisch in den Kram passt – und nicht dann, wenn es um konkrete Politik geht, die Frauen wirklich helfen würde.

Und er stärkt mal wieder eine Erzählung der AfD. Denn die Rechtsextremisten sind es, die immer wieder behaupten, Migranten seien quasi alle Sexualstraftäter, und nur die AfD würde Frauen schützen.

Dabei haben Wissenschaftler gut belegt, dass sich Narrative von Rechtsextremisten normalisieren, wenn sie von politischen Akteuren aufgegriffen werden, die als mittig gelten. Und sie haben auch erforscht, dass es sehr schwer ist, diese Normalisierung dann wieder umzukehren. Also eine Partei wie die AfD wieder zu stigmatisieren, wenn man sie oder ihre Thesen einmal nachgeahmt und damit enttabuisiert hat.

Das schadet massiv der Demokratie, die von der AfD attackiert wird. [….] (Der SPIEGEL-Leitartikel von Ann-Katrin Müller, 22.10.2025)

Mittwoch, 22. Oktober 2025

Nazi-Satire

Als ich im Jahr 2007 meinen Blog begann, spielte Social media noch kaum eine Rolle. Ich hatte kein Klugtelefon und fühlte mich bei der Einschätzung der Quellen sicher.

Es gab eine Reihe seriöser Nachrichtenmagazine, wie den SPIEGEL, oder die Süddeutsche Zeitung, die ihre seriösen Ableger im Netz etablierten. Dazu kamen einige engagierte vernünftige Blogger und die ersten trollenden Fascho-Spinner, die ich fasziniert las, weil ich gar nicht glauben konnte, in welch abstruser Gedankenwelt ein Kreuznet-Autor lebte. Kann man wirklich so irre sein, oder steckt ein Satiriker von „the Onion“ oder „der Postillon“ dahinter? Manche Blogger fingen sehr seriös an – Albrecht Müllers Nachdenkseiten und Jens Bergers „Spiegelfechter“ – und glitten irgendwann ins Schwurbelreich ab.

Mit Facebook verbreiteten immer mehr Leute politische Inhalte und wurden aufgrund ihrer geringen Internetkompetenz gern mal zu Nachplapperern von Dummerle-Plattformen: Deutsche Wirtschaftsnachrichten, Netzfrauen, Philosophie Perennis, Tichys Einblick.

Man musste viel aufklären: Setze keine BILD-Links, zitiere nicht aus dem FOCUS, glaube kein Wort von David Berger.

Es wurde aber immer unübersichtlicher, weil die Kommentatoren auf Facebook und Co, durch Chatbot-Armeen manipuliert wurden und gespiegelte Nachrichtenseiten gezielt, täuschend echt klingende Fake-News unter das Volk brachten. Der technische Fortschritt und die Vermögenskonzentration machten es möglich, daß sich einzelne Tech-Milliardäre ihren eigenen Sudelplatz einrichteten. Trumps Truth Social, Musks X und Frank Gotthardts NIUS.

Inzwischen schwurbeln die tausenden rechten Abgeordneten in Deutschland jeder selbst auf allen Plattformen umher, greifen auf unübersichtliche Netze brauner FakeNews-Creators zu. Medienkompetenz ist nicht mehr nur, nicht vorhanden, sondern wird in ihr Gegenteil verkehrt.

Schwurbelt ein sächsischer AfD-Covidiot völlig irrwitzige Bill Gates/Soros-Phantasien vor sich hin und wird auf seriöse offizielle Quellen verwiesen, die den Schwurbelschwall „debunken“, fühlt sich der Schwurbler erst Recht in seinem Wahn bestätigt, weil „die Systemmedien“ alle zur „Lügenpresse“ gehören.

So etwas, wie „der gesunde Menschenverstand“ ist ohnehin eine Fiktion, die ich von niemanden mehr erwarte. Aber viele Millionen AfD-Deutsche sind inzwischen so informativ degeneriert, daß sie gar nicht mehr über offensichtlich unsinnige Dinge stolpern.

Die Endstufe der Hirnzermatschung sehen wir in den USA. Dort wurden 80 Millionen Trumpanzees so in die vollständige Verblödung gesendet, daß sie ohne rot zu werden, die hanebüchensten Unmöglichkeiten glauben.


Obama ist demnach Schuld an den 9/11-Toten, weil er die nationale Sicherheit nicht ernst nahm! (Die Anschläge fanden 2001 statt. Obama kam im Januar 2009 ins Amt). Trump beschuldigte Biden, er habe dem FBI am 06. Januar 2021 befohlen, Hunderte Agenten unter die Kapitolstürmer zu verteilen, um zu Gewalt anzustacheln. Dabei war bekanntlich zu der Zeit Trump selbst US-Präsident und nicht Biden.

Die Trumpisten glauben auch das, was offensichtlich nicht wahr sein kann.

Das Volk von 2025 ist so radikal verdummt, daß sich die Braunfluenzer gar keine Mühe mehr geben müssen. Sie hauen Absurditäten raus, die in der Titanic- oder Postillon-Redaktion als zu unglaubwürdig abgelehnt würden.

Nehmen wir zum Beispiel Hans-Robert Lichtenberg, der während des Weltkrieges 1943 im Pfälzischen Wallhausen geboren wurde.

Er schaffte kaum den Schulabschluss, mogelte sich durch seine Bäckerlehre und betrieb schließlich in der katholischen westdeutschen Provinz mehrere Schwulensaunen, mit denen er so viel Geld verdiente, daß er nach München zog, protzte und dem Titelhändler Hans-Hermann Weyer 300.000 D-Mark anbot, um von der alternden Marie Auguste Prinzessin von Anhalt im Jahr 1980 adoptiert zu werden. Er prellte Weyer um 200.000 DM und setzten sich nach Los Angelas ab, wo er sich „Seine Königliche Hoheit aus Deutschland, Prinz Frédéric von Anhalt, der Herzog von Sachsen“ nannte und in absurden Kaiser Bokassa Fantasie-Uniformen auftrat. 1982 heiratete Lichtenberg die 26 Jahre ältere Zsa Zsa Gabor, adoptierte acht Erwachsene, die ihm insgesamt mindestens zehn Millionen Euro zahlten und die er damit zu Prinzen machte und erbte schließlich Gabors Vermögen.

Richtig bekannt wurde der glühende Rassist und Trumpist Lichtenberg, aber durch seine Trash-TV-Auftritte in Deutschland, bei denen er sämtliche Grenzen des Anstands unterbot. Legendär, wie er bei der Sendung „die Alm“ sogleich sein Gemächt auspackte, um Kader Loth ins Badewasser zu pissen.

Selbst für RTL2-Proleten-Formate ist Lichtenberg ein drastischer Fall von aggressiver Verdummung.

Für die AfD-Schwurbler hingegen gilt Lichtenberg als US-amerikanischer „A-Promi“, der bestens im Weißen Haus vernetzt sei und als Politexperte von Rang angepriesen wird.

Lichtenberg verbreitet seinen Müll über die Faschoplattform MMNews; benannt nach dem rechtsextremen, klimawandelleugnerischen, antisemitischen, covidiotischen Verschwörungstheoretiker Michael Mross.

[….] Frédéric Prinz von Anhalt gilt in USA als A-Promi. Die Ehe mit der Schauspielerin Zsa Zsa Gabor machte ihn weltberühmt und zu einem Freund Trumps. In Berlin sprach er mit Michael Mross von MMNews über Deutschlands Zukunft und sein Verhältnis zu Donald Trump. Und plauderte auch Unterhaltsames zur Familie Trumps aus…

Warum Verdienstadel Sinn macht

Das ebenso unterhaltsame wie politisch kluge Interview mit Frédéric Prinz von Anhalt kommt passend zu einer Debatte, die derzeit die blauen Gemüter beschäftigt: Geburtsadel oder Verdienstadel? Was zählt? Das Blut oder Geist und Wille? Wer kann derzeit unserer Heimat mehr weiterhelfen: Ein blutstechnisch „einwandfreier“ Prinz, der aus speziellen Motiven Mitglied der Merz-Union ist oder einer, der adoptiert ist und seinen großen Namen nützt, um Gutes zu tun und Wichtiges zu sagen?  [….]

(David Berger, 22.10.2025)

So irre muss man erst mal sein: Lichtenberg als „Verdienstadel“ zu loben, weil dieser echter Faschist, Trumpist und Weidel-Fan sei, während der „Blutadel“ der linken Merz-CDU anhinge.

Dienstag, 21. Oktober 2025

Gern gespalten

Johannes Rau war ein großer und unterschätzter Bundespräsident. Sein bekanntes Motto lautete „Versöhnen statt Spalten“ und fehlt heute mehr denn je.

Gilda Sahebis aktuelles Buch heißt „Verbinden, statt spalten.“

[…] Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung

Warum uns mehr eint als trennt: In ihrem neuen, hochaktuellen Buch zur Politik der Spaltung und Polarisierung hierzulande räumt die renommierte Journalistin und Autorin Gilda Sahebi mit gängigen Mythen und Fake Facts auf. Wer heute in die deutsche Gesellschaft schaut, könnte denken: Es ist ein Land voller Drama, Gegeneinander und Spaltung. Dass dies so sei, ist eine Erzählung, die politisch generiert und medial verstärkt wird. Gilda Sahebi entlarvt sie als Lüge, als Herrschaftsinstrument autoritärer Kräfte. Das zeigt sie an den einschlägigen Debatten um Sozialleistungen, Migration, Gendern und Wokeness, Krieg und Frieden sowie Corona. Studien zeigen immer wieder: Im eigenen Leben sind Menschen viel öfter zufrieden; sie helfen und unterstützen einander, suchen Verbindung, nicht Hass. Wo geht die Suche nach Verbindung auf der gesellschaftlichen Ebene verloren? Und was kann man tun, um der Erzählung von Spaltung keinen Raum im eigenen Leben zu geben?  [….]

(S. Fischer Verlag)

„Versöhnen“ und „Verbinden“ gehören zum klassischen positiven Konnotationskanon der SPD und ihr nahestehenden Gruppen: Solidarität. Mitgefühl. Gemeinschaft. Zusammen. Soziale Verantwortung. Miteinander. Frieden. Ausgleich.

Das kommt an und daher gelten gemeinschaftliche Großereignisse, wie das Fußball-WM-„Sommermärchen“, Vatertag, Schützenfest, Gottesdienst, ESC, Hafengeburtstag als anzustrebende Idealzustände, in denen das Volk vereint steht.

Lange Zeit eingeübte Demokratiepraxis in den USA und anderen großen Demokratien war es, am Ende das Wahlabends, die harten Auseinandersetzungen des Wahlkampfes zu begraben. Der/die Gewinnerin erklärte feierlich, er/sie werde nun der Ministerpräsident, Kanzler, Präsident aller Franzosen, Deutschen, Amerikaner sein. Auch für all die einstehen, „die mich nicht gewählt haben“.

Von diesem konsensualen Habitus verabschieden sich die Demokratien des Socialmedia-Zeitalters aber zunehmend.

Donald Trump verbreitet offensiv, wie sehr er die eine Hälfte seines eigenen Volkes hasst, lässt das Militär gegen die eigenen Städte aufmarschieren, überschüttet sieben Millionen protestierenden US-Amerikaner per AI mit Scheiße.


Es ist ein nur zu folgerichtiger politischer Kommentar des US-Präsidenten, da seine Partei seit Obamas Tagen intensiv daran arbeitet, das eigene Volk in zwei sich gegenseitig verachtenden Blöcke aufzuspalten. Das gelang mustergültig. Die eine Hälfte der US-Amerikaner spricht nicht mehr mit der anderen. Man lebt in unterschiedlichen Medienwelten und Realitäten.

Erdogan, Orban und auch Merz wenden diese Methodik ebenfalls an, da sich die politischen Kerngefühle der Konservativen - Homophobie, Nationalismus, Misogynie, Xenophobie, Rassismus, Ableismus, Antiziganismus, Antisemitismus – viel leichter verbreiten lassen, weil sie mehr Emotionen auslösen, keine durchgerechneten Konzeptionen verlangen und bevorzugt von den Socialmedia-Algorithmen verbreitet werden.

Es ist leichter, Hass gegen eine Bevölkerungsgruppe anzustacheln, als zur Versöhnung mit ihr zu bewegen.

Ausgrenzung ist leichter, als Integration.

Mit diesem spalterischen Politikansatz gelangt man an die Macht, weil sich Mehrheiten leichter von den lauten und brutalen Tönen anziehen lassen, als von Nachdenklichen und Versöhnlichen.

Der spalterische Politikansatz bringt zwar einen Merz ins Kanzleramt und einen Trump ins Weiße Haus, ist aber brandgefährlich für die von ihnen marginalisierten Minderheiten, die zunehmend Gewalt erfahren.

Der spalterische Politikansatz bringt zwar einen Merz ins Kanzleramt, schadet aber dem Land und der nationalen Wirtschaft insgesamt und wird daher von der linken Seite attackiert.

[…..] Diese Rhetorik spaltet […..] Der Kanzler wiederholt nach der CDU-Präsidiumssitzung seine Äußerungen zum Stadtbild. Dem von ihm beschworenen Deutschland der Einheit nützt das gar nichts. […..] In der Debatte um den richtigen Umgang mit der in Teilen rechtsradikalen AfD gilt eine Erkenntnis schon lange als gesichert: dass es den sogenannten Parteien der Mitte nicht hilft, die AfD in ihrer Rhetorik und in ihren Themen kopieren zu wollen. Auch Friedrich Merz dürfte das wissen. […..]

Trotzdem hat Merz beim selben Auftritt noch einmal nachgetreten, hat seine missglückte Aussage aus der vergangenen Woche, in der er das Stadtbild in Deutschland bemängelte, dem man die neue, rigide Migrationspolitik leider noch nicht ansehe, nicht nur wiederholt; er hat sie bockig verstärkt. […..] Einheit statt Spaltung, fordert der Kanzler. Und sollte bei seiner eigenen Rhetorik beginnen. [….]

(Katharina Riehl, 20.10.2025)

„Spaltung“ wirkt so unsympathisch, daß Rechte umgekehrt auch den Linken vorwerfen, zu spalten.

Natürlich lügt Söder, wie auch Merz lügt, aber die Lüge ist ein gebräuchliches Mittel der Spalter. Die geht ihnen nur allzu leicht über die Lippen.

Spaltung geschieht inzwischen von beiden Seiten. Zugegeben, auch ich verspüre keinerlei Neigung mehr, den AfDlern, CDUlern, GOPern meine Hand zu reichen. Dazu verachte ich sie inzwischen zu sehr.

Bedienen sich als Linke und Rechte der gleichen Methoden?
Nein! Es gibt völlig andere Stoßrichtungen.

So wie Linksextremismus sich gegen die Starken und Unterdrücker wendet, während der Rechtsextremismus die Schwächsten attackiert, gibt es auch unter den normalen Wählern von AfD/FDP/CDU/CSU einerseits und SPD/Grüne/Linke andererseits, eine grundsätzlich andere Motivationen.

Die Rechten sind destruktiv; wir Linken sind konstruktiv.


Die Schweizer Professoren Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey arbeiten das in ihrem aktuelles Buch „Zerstörungslust“, für das sie mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wurden, glasklar heraus.

[…..] Zerstörungslust

Elemente des demokratischen Faschismus

Donald Trump versprach vor seiner erneuten Wahl, die liberale Demokratie aus den Angeln zu heben. Er wurde nicht trotz, sondern wegen dieses Versprechens gewählt. In ihrem Bestseller Gekränkte Freiheit zeigten Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, wie Libertarismus und Autoritarismus miteinander verschmelzen könnten. Zwei Jahre später hat die Realität ihre soziologische Diagnose auf bedrückende Weise bestätigt. Nun befassen die Soziolog:innen sich mit den Wähler:innen und Followern von Trump, Musk sowie der AfD.

Woher diese Lust an der Zerstörung? Und warum folgen so viele Bürger:innen den libertären Autoritären in den selbstgewählten Faschismus? Auf der Grundlage umfangreicher empirischer Forschungen, darunter einer Vielzahl ausführlicher Interviews, u. a. mit AfD-Anhängern und Mitgliedern libertärer Vereinigungen, entwickeln Amlinger und Nachtwey eine Erklärung: Im Kern richtet sich diese Revolte gegen die Blockade liberaler Gesellschaften, die ihre Versprechen auf Aufstieg und Emanzipation nicht mehr einlösen. In diesem Sinne geht es Trump, Musk, Weidel und ihren Anhänger:innen, schließen die beiden mit Erich Fromm, um die Zerstörung der Welt als letzten, verzweifelten Versuch, sich davor zu retten, von ihr zermalmt zu werden.  [….]

(Suhrkamp, Insel)

Linke sind eben nicht nur die Kehrseite der rechten Medaille, die mit ähnlichen Methoden ihre jeweiligen Ziele erreichen wollen.

Rechte sind ganz anders, als wir.

[….] SZ: Frau Amlinger, Herr Nachtwey, Ihr neues Buch trägt den Titel „Zerstörungslust“. Sie behaupten, das sei ein wenig beachteter Grund für den Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien. Warum?

Oliver Nachtwey: Unsere Beobachtung ist, dass viele der Anhängerinnen und Anhänger von Donald Trump und der AfD die Institutionen des liberalen Rechtsstaates nicht verändern oder schwächen, sondern beseitigen, also zerstören wollen. Und dies oft mit unverhohlener Lust.

Carolin Amlinger: Es geht uns nicht darum, eine komplett neue Erklärung für den Aufstieg rechter Parteien zu formulieren. Wir haben uns aber gefragt, woher diese Lust kommt, demokratische Institutionen anzugreifen, deren Funktion ja auch darin besteht, die Freiräume und Selbstbestimmung derjenigen zu garantieren, die sie beseitigen wollen. Als ob man das Haus niederbrennen will, in dem man selbst wohnt.

Steckt dahinter aus Ihrer Sicht Boshaftigkeit? Oder ist es eher Verzweiflung?

Nachtwey: Das Wort Verzweiflung würde ich nicht benutzen. Viele Befragte empfinden aber ihr Leben als blockiert. Sie haben das Gefühl, dass sich in der modernen Gesellschaft viele nicht mehr an die überlieferten Spielregeln halten, sie selbst vor lauter Regeln aber keinen Zug mehr machen können. Das erzeugt eine Destruktivität, vergleichbar mit der Wut, mit der jemand nach einem verlorenen Spiel die Figuren vom Tisch schlägt. Dahinter steckt weniger Verzweiflung als vielmehr der Wille, sich aus einer Art sozialen Klaustrophobie zu befreien. Die Personen kommen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten, aber was sie verbindet, ist das Gefühl der persönlichen und gesellschaftlichen Blockade. Sie fühlen sich sowohl von Liberalen und deren Normen wie auch von Migrantinnen und Migranten geradezu umzingelt.

Amlinger: „Es hat sich alles verschlechtert“, war der Satz, den wir in unseren Interviews am häufigsten hörten. Viele Befragten haben das Vertrauen verloren, ihre sozioökonomische Position durch eigene Leistung verbessern zu können. Stattdessen fühlen sie sich gefangen in einer Gesellschaft, in der Lebens- und Zukunftschancen insbesondere in den unteren sozialen Klassen schwinden. Das stellten wir auch bei Personen fest, die in Wirklichkeit gar nicht vom sozialen Abstieg betroffen waren.

Gewalttätige Demonstrationen, Parolen wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ [….] beweisen, dass es das Phänomen der Zerstörungslust auch bei der Linken gibt.

Nachtwey: Absolut. Die anarchistische Zerstörungswut der Linken richtete sich allerdings gegen überlieferte Hierarchien. Die Rechte nimmt eher liberale und egalisierende Normen ins Visier. Dazu kommt ein aus meiner Sicht sadistischer Zug dazu, Schwächere zu demütigen und zu quälen.

Wirklich?

Nachtwey: Ja, denken Sie nur daran, wie die US-Einwanderungspolizei mit Migrantinnen und Migranten umgeht oder mit welch boshafter Freude Trump über das Abschiebegefängnis namens „Alligator Alcatraz“ in den Sümpfen Floridas frohlockt. Das Gefährliche an der rechten Zerstörungslust besteht darin, dass sie auch Teile der bürgerlichen Gesellschaft erfasst. In unseren Interviews haben auch ganz normale, bürgerliche und aufstiegsorientierte Menschen solche Tendenzen gezeigt. [….]

(SZ Interview, 13.10.2025)

Amlinger und Nachtwey sprechen indirekt auch ein Problem an, das ich mit all den wohlgesonnen liberalen Kommentatoren und mahnenden Menschenfreunden habe.

[….]  Die andere Mauer, an der Merz wackelt, ist eine rhetorische. Am Montag bekräftigte er seine Aussagen zum „Problem im Stadtbild“, dem seine Regierung nun mit Abschiebungen begegne. Statt die Debatte einzufangen, hat der Kanzler sich entschieden, weiter zu raunen. Man solle die eigenen Töchter fragen, sagte er: „Alle bestätigen, dass das ein Problem ist, spätestens mit Einbruch der Dunkelheit“. Was „das“ ist, sagt Merz nicht. Über die AfD sagte der Kanzler, sie wolle „spalten und ist nicht an Lösungen interessiert“. Aber der Kanzler spaltet mit.

Merz will dem Eindruck entgegentreten, dass die Union ihre Politik mit der AfD längst besser durchsetzen könnte. Doch dafür müsste Merz einen Weg finden, konservative Positionen zu äußern, ohne dabei das gesellschaftlichem Klima mit rechtem Geraune zu vergiften.  [….]

(Kersten Augustin, 20.10.2025)

Das in hässlicher Regelmäßigkeit aufpoppende abscheuliche rechtsradikale Geraune des Fritzekanzlers, stößt mich ab. Es fällt aber auf so viel fruchtbaren Boden, daß Millionen Deutschen unheilbar damit infiziert sind.

Sie sind fest in ihren kackbraunen Bubbles eingegraben; unerreichbar für Argumente, Richtigstellungen und Quellen.

Sie sind aggressiv und böse.

[….] Amlinger: Wir haben versucht, die individuellen Beweggründe dieser Menschen nachzuvollziehen. Gleichzeitig wollten wir auch sagen: Hier handelt es sich um ein gefährliches soziales Phänomen, das nicht nur einzelne Individuen betrifft, sondern seinen Ursprung in der Gesellschaft hat, die ihre eigenen Versprechen nicht mehr hält.

Sind die Interviewten für Sie alles Faschisten?

Amlinger: Nein, viele der Befragten sind aber auf dem Weg dorthin. Sie haben Einstellungen, die über das gemäßigte rechtskonservative Spektrum hinausgehen, beispielsweise was Rassismus, Antisemitismus oder die Befürwortung von Gewalt zur Lösung politischer Probleme betrifft. Wir sagen keinesfalls, diese Personen seien nicht mehr zurückzuholen. Aber sie sind offensichtlich in eine gefährliche Drift geraten.  [….]

(SZ Interview, 13.10.2025)

Ich will mit diesen Typen nicht versöhnt werden, Herr Rau.

Ich will mit den AfDCSUlern nicht verbunden werden, Frau Sahebi.

Es war sicher falsch, es so weit kommen zu lassen, aber die Millionen faschistischen Kinder sind im Brunnen. Von denen bin ich sehr gern abgespalten und hege keinerlei Wunsch, mit ihnen zu fraternisieren.

Spaltung zwischen mir und den 40% AfD-Wählern in Sachsen-Anhalt?  Zwischen mir und einem Markus-Söder-Bierzelt voller anti-grün skandierender CSUler? Zwischen mir und „Ausländer raus“-grölenden Sylter Luxusjugendlichen mit Rolex und Porsche?

Ja, BITTE! Da gibt es keine Gemeinsamkeiten.