Donnerstag, 20. Oktober 2022

Wieder ein schöner Tag für Wladimir Wladimirowitsch Putin

Sicher; militärisch hatte sich der russische Präsident den Angriff vom 24.02.2022 anders vorgestellt. Wie so viele (auch ich), erwartete er mutmaßlich, acht Monate später längst die gesamte Ukraine militärisch zu kontrollieren.

Möglicherweise bereut er sogar, überhaupt einmarschiert zu sein. Aber das weiß inzwischen jedes Kindergartenkind: Als Supermacht irgendwo einzumarschieren, ist relativ leicht. George W. Bush und sein Vater führten dreimal solche Großangriffe durch. Irak 1991, Afghanistan 2001, Irak 2003. Aber der Rückzug ist tausendfach schwieriger. Das hat sich seit Vietnam 1975 nicht verbessert.

Die beiden Bush-Präsidenten genossen aber den Vorteil, abgewählt werden zu können oder nicht mehr zur Wahl antreten zu dürfen, so daß erst die nächsten Präsidenten sich mit den Folgen ihrer Fehlentscheidungen rumplagen mussten. Als Diktator hat Putin nicht so ein Glück und muss die Suppe selbst auslöffeln. Nach über 100.000 Toten und nachdem er das internationale Ansehen Russlands auf ein Niveau unter Fußpilz eingedampft hat, kann der Kreml schlecht sagen „Hoppla, das war nichts, Schwamm drüber“.

Er braucht unbedingt die berühmte „gesichtswahrende Lösung.“ Aber aus verständlichen Gründen, verspürt man in der internationalen Staatengemeinschaft derzeit wenig Elan, dem Kollegen Putin eben diesen Gefallen zu tun.

Es ist unbekannt, ob sich Putin, wenn er abends allein im Bett liegt, in den Schlaf weint – „scheiße, scheiße, scheiße, warum bin ich bloß in die doofe Ukraine einmarschiert?“ – oder, ob er der Realität entrückt, grimmig-zufrieden aufzählt, welche Optionen er noch hat.

Sollte letzteres der Fall sein, wird er nicht auf einen baldigen russischen Sieg mit konventionellen Waffen hoffen, sondern an seinen umfangreichen Giftschrank denken: Gas- und Uranabhängigkeit des Westens, Weizenabhängigkeit der Welt, Sabotage, Atomwaffen, Destabilisierung der NATO-Staaten, Schwächung der Ukraine-Helfernationen, Angstkampagnen, Installation Putin-freundlicherer Regierungen. Putin hat noch einiges im Köcher.

Es läuft recht gut. In den letzten 24 Stunden gab es vier schöne Nachrichten für den Kreml.

1.

Mit dem erbärmlichen und maximal peinlichen Ende der Truss-Regierung nach 45 Tagen im Amt, steht der wichtigste europäische militärische Unterstützer der Ukraine, das Vereinigte Königreich, kopflos und vollständig chaotisiert im Regen.

[….] In Moskau hingegen sorgte der Rücktritt für Häme. Das russische Außenministerium begrüßte den Abgang von Truss. Sie werde wegen ihres »katastrophalen Analphabetismus« in Erinnerung bleiben. »Großbritannien hat noch nie eine solche Schande eines Premierministers erlebt«, sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa. Truss hatte der Ukraine im Krieg gegen die russischen Invasoren ihre Unterstützung zugesichert. [….]

(SPON, 20.10.2022)

2.

Putins sexuelle Anziehungskraft auf alternde Nazis (Trump, Berlusconi, Orban, Gauland) scheint nach wie vor ungebrochen zu sein. Mit Italien folgt nun ein zweites EU-Land Ungarn auf die russische Seite. Berlusconi prahlt damit, zu den echten Freunden Putins zu gehören und brüstet sich mit ausgetauschten Liebesgaben.

[….]  Der italienische Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi steht wegen seiner Freundschaft mit Russlands Präsident Wladimir Putin erneut in der Kritik. In einer am späten Dienstag aufgetauchten Tonaufnahme ist Berlusconi zu hören, wie er über das Wiederaufleben seiner Beziehung zu Putin spricht. "Ich habe meine Verbindung zu Präsident Putin ein bisschen wiederhergestellt", sagt Berlusconi in der von der Nachrichtenagentur "LaPresse" veröffentlichten Aufzeichnung. Putin habe ihm zum Geburtstag "20 Flaschen Wodka und einen sehr liebenswürdigen Brief" geschickt, ist der italienische Ex-Regierungschef weiter zu hören. Er habe "mit Lambrusco-Flaschen und einem ebenso lieblichen Brief geantwortet". Berlusconi war im vergangenen Monat 86 Jahre alt geworden. Laut "LaPresse" stammt die jetzt aufgetauchten Aufnahme von einem Treffen mit Abgeordneten von Berlusconis Partei Forza Italia (FI) aus dieser Woche. Ein Sprecher Berlusconis bestritt jedoch, dass der Ex-Regierungschef seine Beziehung zu Putin erneuert habe. Berlusconi habe lediglich "eine alte Geschichte" über einen "viele Jahre" zurückliegenden Vorfall erzählt. [….]

(STERN, 19.10.2022)

3.

Das größte Glück für Putin dürfte aber die überragende Doofheit von 75 Millionen amerikanischen Wählern sein, die seine Marionette Trump wieder zum Präsidenten machen wollen und schon bei den Midterms in wenigen Tagen dafür sorgen wollen, der Ukraine die finanzielle Unterstützung zu entziehen.

[….] When Minority Leader Kevin McCarthy — the likely speaker of a GOP House next year — suggested this week that he’d pull back on U.S. funding for Ukraine’s battle against Russia, it wasn’t the first signal to the Biden administration that Republican lawmakers are leery of prolonged financial support for Kyiv.  [….]

(Politico, 19.10.2022)

4.

Nachdem Russland Myriaden einfacher Iranischer Angriffsdrohnen aus dem Iran einkaufte, hoffte Präsident Selenskyj auf das erprobte HighTech-Raketenabwehrsystem aus Israel. Aber Jerusalem erteilte eine Absage, weil man sich dort lieber nicht mit Moskau anlegen möchte. Zu stark ist der russische Einfluss in der syrischen und iranischen Nachbarschaft.

[….]  Am Donnerstag werden Israels Premierminister Jair Lapid und der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba miteinander telefonieren. In dem Gespräch wird es darum gehen, ob Israel den Ukrainern seine Raketenabwehrsysteme zur Verfügung stellt. Der »Iron Dome« hat in den Gazakriegen 95 bis 97 Prozent der auf Israel abgefeuerten Raketen gestoppt. Ein Hightech-System. Doch schon jetzt ist klar, wie die Israelis jede Anfrage beantworten werden: Wir würden ja gern, aber sorry, wir können und werden nicht liefern.  Für den jüdischen Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, wird es sich vermutlich wie eine Ohrfeige anfühlen, ausgerechnet vom jüdischen Staat im Stich gelassen zu werden.  […]

(SPON, 19.102022)

Wenn die Militärhilfe aus England für die Ukraine ausbleibt, wenn Rom und Budapest die EU-Sanktionen gegen Russland platzen lassen, kein Geld mehr aus Washington nach Kiew fließt und auch keine Defensivwaffen gegen die Drohnenangriffe auf Ukrainische Zivilisten geleifert werden, sieht es schon besser aus für Putin.

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Schlechte schaffen mehr Schlechtes – Teil II

Der inhaltliche Konservatismus ist vorbei. Es gibt keine konstruktiven Elemente mehr bei den klassischen rechten Parteien Europas und Nordamerikas. Entweder, sie lösen sich vollständig auf – wie in Italien, Frankreich oder Belgien – und zerfallen in rechtsradikale und neoliberale Parteien.

Oder sie kommen der Lyse zuvor, indem sie selbst von Konstruktion auf Destruktion umstellen. Sie werden zu reinen „Dagegen“-Apologeten, die ihrer Lust an Diskriminierung frönen. Die englischen Tories, amerikanischen GOPer, ungarische Fidesz, die ÖVP haben die Transformation abgeschlossen. Die Merz-CDU befindet sich auf dem Weg dahin. Sie gibt es noch nicht zu, kann aber schon lange keine programmatischen Alternativen mehr aufzeigen und erschöpft sich darin, gegen Grüne, Ausländer, Flüchtlinge, Sozialpolitik zu polemisieren. Gegen Stromtrassen, gegen Photovoltaik, gegen Windenergie, gegen Homoehe, gegen Trans-Rechte, gegen Cannabis-Legalisierung, gegen Sterbehilfe, gegen Patientenverfügungen.

 [….]  Der CDU-Politiker Uwe Schummer, der bis vergangenen Herbst der Arbeitnehmergruppe in der Unionsfraktion vorsaß, warnt davor, immer wieder in dieselben Fallen zu tappen: »Mit Ressentiments macht man als christliche Partei keinen Wahlkampf. Wir haben doch schmerzlich erfahren müssen, dass man damit nur den rechten Rand stark macht.« [….]  Merz schafft es offenbar nicht, seine Partei als Alternative zur Ampel zu positionieren. [….]  In der jüngsten Mitarbeiterversammlung des Konrad-Adenauer-Hauses verkündete Merz, künftig wolle er aus der Parteizentrale – anders als aus der Fraktion – nicht mehr hören, wogegen die CDU sei, sondern nur noch, wofür man stehe. Doch weiß der Vorsitzende das selbst? [….]  Es fehlt der Partei an langfristigen Visionen: zur Klimapolitik, zur Sozialpolitik. [….]  Vorschläge, wie diese Herausforderung zu meistern sei, blieb er schuldig. [….]

(DER SPIEGEL 42/2022, 14.10.2022)

So läuft das. Der Parteichef pöbelt gegen Ausländer, erregt so viel Aufmerksamkeit, daß ein kleines Detail ganz untergeht: Merz lügt. Seine Behauptungen („Sozialtourismus“, „Pull-Effekt“) sind nicht belegbar, schüren aber wie erhofft Empörung im rechten Milieu.

Noch gibt es rationale Rudimente; CDUler, die anmahnen, bei der Wahrheit zu bleiben und eigene Konzepte erarbeiten wollen. Aber es bröckelt.

Die US-amerikanischen und britischen Konservativen haben bewiesen, wie man mit reinen Lügenkampagnen und einem erklecklichen Portfolio der Dinge, die man gemeinsam hasst (Schwule, Dunkelhäutige, Juden, Migranten, Wokeness, Ökos, EU, Umweltschutz, Menschenrechte) Wahlen gewinnen kann. Hauptsache dagegen und dann die superreichen Finanziers belohnen.

[….] Klar ist, dass Liz Truss – die in Westminister nicht ohne Grund den Spitznamen »menschliche Handgranate« trägt – seit 23. September nur noch Getriebene der Ereignisse ist. Seinerzeit ließ sie ihren Schatzkanzler Kwasi Kwarteng, mitten in der galoppierenden Inflation und gegen jede ökonomische Vernunft, Steuerkürzungen  im Gesamtwert von rund 45 Milliarden Pfund verkünden. Wie sie das im Einzelnen zu finanzieren gedenke, ließ Truss offen, aber durch »Wachstum, Wachstum, Wachstum«, mindestens 2,5 Prozent im Jahr, werde ihre Rechnung schon aufgehen.  An den Finanzmärkten sah man das anders, das Pfund rauschte in den Keller, britische Staatsanleihen wurden verramscht, die gesamte fiskalische Glaubwürdigkeit Großbritanniens stand plötzlich auf dem Spiel.

Weil Truss zudem eine Art spiegelverkehrten Robin Hood mimte – den Armen nehmen, um den Reichen zu geben – versetzte sie auch ihre eigenen Landsleute und ihre eigene Partei in Aufruhr. [….]  Da Truss weder über das Charisma noch das rhetorische Geschick ihres Vorgängers Boris Johnson verfügt, verschlimmerte sie ihre Lage seither mit jeder Rechtfertigungsrede weiter.  [….]

(Jörg Schindler, 17.10.2022)

Wie schon Geistesgenosse Trump, verschleißt Truss in atemberaubenden Tempo Personal. Minister werden im Wochentakt gefeuert.

Das totale finanzielle, ökologische und ökonomische Scheitern solcher Regierungen., ist nicht unbedingt ein Nachteil, wenn man die Murdoch/Springer/FOX-Presse an seiner Seite hat und ultrareiche ultrarechte Strippenzieher die rechtspopulistischen Parteien finanzieren.

Der Urnenpöbel ist durch social Media, russische Bots und gezielte Fehlinformationen manipulierbar.

[….] Furchteinflößende Amerikaner wie die Koch-Brüder und der in Deutschland geborene Peter Thiel konnten Großbritanniens Seele online und offline kontaminieren. Lobby-Organisationen mit überzeugenden Namen verführten die britische Regierung erst und infiltrierten sie dann. Diese Regierung verfolgte seitdem anarcho-kapitalistische Ziele, mit tätiger Mithilfe von Interessenvertretern petrochemischer Unternehmen, kommerzieller Pharmafirmen und einer schrecklichen Melange aus Spionage, Geld, Extremismus, Gewalt und Kriminalität.

Spätestens seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert verschwammen die Grenzen zwischen Gangstern, Oligarchen, Plutokraten, Medienbaronen und Politikern. Im Jahre 2016 war die Demokratie im Vereinigten Königreich so weit geschwächt, dass ein Drittel der Wählerschaft ausreichte, um eine Entscheidung für den Brexit und die anschließende Übernahme der Staatsgewalt durch die Referendumsgewinner herbeizuführen. Westminster verlor rapide alle vernünftigen, reifen und rational denkenden Menschen, wir fielen in die Hände des in den USA geborenen, die amerikanischen Republikaner fetischisierenden Premierministers Boris Johnson. [….]  Mittlerweile infizieren Großbritannien und die Vereinigten Staaten sich gegenseitig mit solchem politischen Denken. Wenn die Tories Sozialleistungen einäschern können, warum sollten das nicht auch die amerikanischen Republikaner können? Sie setzen auch die Transphobie als politisches Mittel ein, nachdem sie erfolgreich gegen die schottische Erste Ministerin Nicola Sturgeon in Stellung gebracht wurde, während unsere Abtreibungsgegner sich ihre Taktiken von den amerikanischen abschauen. Wir werden von politischen und wirtschaftlichen Kräften kontrolliert, die Demokratie aus Prinzip hassen und darauf aus sind, möglichst bald die Leiche des öffentlichen Gesundheitsdienstes NHS zu fleddern. Zugleich verurteilen unsere Abgeordneten und Kabinettsminister die "urbanen Eliten" und namentlich George Soros - und wir alle wissen, was sie eigentlich damit meinen. [….]  

(A. L. Kennedy, SZ, 18.10.2022)

Ich sehe schwarz, und zwar dunkelschwarz.


 

Dienstag, 18. Oktober 2022

Schlechte schaffen mehr Schlechtes – Teil I

 

In dieser Weltlage blickt kaum noch jemand optimistisch in die Zukunft. Der Pessimismus zieht sich von der Käsethekenbedienung im Supermarkt bis zum DAX-Vorstand. Alle gruseln sich ob der näheren Zukunft.

Für viele ist das ungewohnt und dementsprechend deprimierend.

Nur ich bin fein raus, weil ich ohnehin nie Optimist war und als Misanthrop nie Hoffnungen in die Menschheit setze. Für mich ist das alles erprobter Normalzustand. Ich kenne das Gefühl schon vom Lockdown, als in der veröffentlichten Meinung ausschließlich Menschen vorkamen, die unter der sozialen Isolation litten, die Freunde treffen wollten, sich nach Restaurantbesuchen sehnten, die es in Fußballstadien, zum Ballermann oder in den Puff zog. Was die sich alle verkneifen mussten und zu Hause an Langweile erlebten.

Als Sozialphobiker war ich hingegen fein raus. Ich vermisste gar nichts und kenne ohnehin keine Langweile.

Die drohende Atomapokalypse stört mich ebenfalls fast gar nicht, weil meine Elterngeneration bereits vollständig weggestorben ist. Da ist niemand mehr, um den ich mich sorgen müsste. Kinder, Neffen oder Nichten, habe ich ohnehin nicht. Noch nicht mal ein Hamster oder eine Meersau, die ich behüten müsste.

Da fühlt man sich so frei.

Es gibt einen vierten Vorteil, den ich gerade genieße: Im Gegensatz zu großen Mehrheit in Deutschland, bin ich froh Olaf Scholz als Kanzler zu haben.

Über all die Eigenschaften, welche die veröffentlichte Meinung von ihm einfordert – mehr Charisma, auf den Tisch schlagen, flammende Reden halten, menschelnde Homestories, polterndes Vorangehen – verfügt er eben zufälligerweise nicht. Mir gefällt genau das. Ich will gar keinen Kanzler, der wie Söder oder Merz, jeden Tag danach trachtet, die Schlagzeilen zu bestimmen. Der dafür populistische Sprüche, Beleidigungen, oder donnernde Drohungen an die BILD durchsticht.

Ich will jetzt keinen Kanzler, der söderig im Bierzelt rumgrölt, sich halbnackt am Strand zeigt, oder manisch Katzen, Welpen und Bäume befummelt.

Ich habe ganz gern einen Kanzler, der genau nachdenkt, nicht dauernd vorprescht und von dem ich sicher sein kann, daß er nicht plötzlich irgendeinen Unsinn verzapft, der Deutschland in Riesenprobleme bringt.

Viele andere Nationen haben bekanntlich keineswegs das Glück, relativ entspannt auf ihre Regierung sehen zu können. Orbán, Erdoğan, Trump, Truss, Putin, MBS, Lukaschenko, Bolsonaro, Meloni, May, Johnson – es gibt hunderte von Millionen Menschen, die sich völlig zu Recht insbesondere vor dem Wahnsinn ihrer eigenen Führung fürchten müssten.

Genau genommen, ist es allerdings nur eine Minderheit der Bürger, die man für diese Schildaeske Trotteltruppe an der Staatsspitze bedauern muss. Die meisten haben diese Kanaillen selbst gewählt, oder konnte wie einhundert wahlberechtigte US-Amerikaner 2016 nicht ihren faulen Arsch hochbekommen, um ein Kreuzchen gegen Donald Trump zu machen.

Wir erleben gerade eine Zeit, in der in den westlichen Staaten so viele Menschen zu Wohlstand gekommen sind, daß sie konservativ wählen, ohne zu bemerken, daß die rechten Parteien längst keine konstruktive Politik mehr betreiben können, weil ihnen die Ideen ausgegangen sind. All konservativen Kernüberzeugungen haben sich entweder überlebt oder wurden als hanebüchene Irrtümer enttarnt.

Im Zeitalter der Globalisierung der Klimakatastrophe, ist Nationalismus nur noch Unsinn. Minderheiten zu unterdrücken, Schwule zu diskriminieren, Frauen schlechter zu behandeln, wurde zwar von den konservativen Religionen vorgegeben, aber der Säkularismus macht Homophobie, Antisemitismus und Xenophobie zunehmend unpopulär. Das betrifft aber fast alle konservativen Talkingpoints. Umweltschutz, Schonung der Ressourcen, Nachhaltigkeit, Fleischverzicht – all das worüber Fritze Merz noch spottet – ist längst wissenschaftlicher Konsens.

Insbesondere die konservative Wirtschaftspolitik, die hundert Jahre überall versucht wurde, ist empirisch gescheitert. Trickle Down funktioniert nicht. Wer wie Merz und Lindner immer noch tumb die Steuern der Superreichen senken will, erlebt lediglich wie sich ihre Vermögen exponentiell vermehren und gerade deswegen die Wirtschaft abschmiert. Die Mittelklasse kann keine Nachfrage mehr generieren, breite Schichten verarmen so sehr, daß immer mehr Transferleistungen notwendig sind.

Sie versuchen es noch, weil sie so mächtige Medienkonzerne und Interessengruppen an ihrer Seite haben, daß die Konservativen genügend verblödete Wähler dazu bringen können, sie zu Regierungschefs zu machen.

Aber wo diese Politik umgesetzt wird – Trump, Truss – wird das Land ins ökonomische Chaos und hochgefährliche soziale Spannungen geführt.

Montag, 17. Oktober 2022

Politisches Basta.

Wenn ein Kanzler wie Gerd Schröder mit 41% Wahlergebnis im Rücken, in einer Zweierkoalition, mit einem sehr viel kleineren Partner, an nörgelnde Hinterbänkler seiner eigenen Partei gerichtet, ein BASTA ausspricht, fördert er damit das Gelingen der Regierung.

Er bezieht sich auf seine Richtlinienkompetenz, will ewiges Zerreden vermeiden und eine Reformagenda durchdrücken.

Schröder war damit rein faktisch betrachtet, sehr erfolgreich. Das nach 16 Jahren CDU-Schlaf zum „kranken Mann Europas“ degradierte Deutschland, kam gesellschaftlich im 21. Jahrhundert an, verbesserte seine außenpolitischen Beziehungen enorm und wurde Modell für die Sozialpolitik. Die ökologische Steuerreform, der Atomkraftausstieg, die massive Förderung von Photovoltaik und Windkraft schufen hochqualifizierte Arbeitsplätze, machten das Land fit für die Zukunft. Schröder war damit rein politisch betrachtet, sehr erfolglos.

Der deutsche Wahlmichl denkt nämlich extrem phlegmatisch, nässt sich bei jeder drohenden Veränderung sofort ein. Reformen kann er gar nicht leiden und so wurde RotGrün recht schnell wieder abgewählt und durch Helmut Merkel ersetzt. Es folgten wieder 16 CDU-Jahre, in denen die Kanzlerin sich als Gegenteil Schröders erwies. Sie versuchte erst gar nicht mit dem Wähler zu kommunizireren, erklärte nie, was sie will, ob sie überhaupt irgendetwas will. Sie sprach nie ein BASTA aus, guckte völlig desinteressiert zu, wenn sich ihre Minister stritten, ließ achselzuckend auch die katastrophalsten Fehlbesetzungen (Spahn, Scheuer, Seehofer, AKK, Altmaier, Klöckner, Karliczek) vor sich hin debakulieren, auch wenn sie für jeden offensichtlich schweren Schaden anrichteten.

Merkel war damit rein faktisch betrachtet, sehr erfolglos. Deutschland verlor in jeder Hinsicht den Anschluss an die Welt, wurde abhängig vom russischen Billig-Gas. Ob Schulen, Universitäten, Infrastruktur, Internet, Migration, Digitalisierung – alles ist marode, weil Merkel sich nie um eine Reform kümmerte.

Merkel war damit rein politisch betrachtet, sehr erfolgreich. Sie dominierte die Wahlen nach Belieben, wurde geachtet und wäre immer noch im Amt, wenn sie gewollt hätte. Der Urnenpöbel kann gar nicht anders, als die uckermärkische Queen des Phlegmas zu wählen. Merkel ist in Inkarnation des Stoizismus.

Olaf Scholz steckt in einer ganz andere Situation. Seine Kanzlerschaft basiert nicht auf 41%, sondern bloß auf 26%. Er hat es nicht mit einem sehr viel kleineren Koalitionspartner zu tun, sondern mit zwei relativ Großen, die zusammen deutlich mehr Sitze, als die SPD haben. Erschwerend kommt hinzu, daß der gelbe Koalitionspartner de facto nicht regierungsfähig ist, bis heute nicht ansatzweise begriffen hat, nun für GANZ Deutschland, statt ausschließlich für das steinreicher gelbe Kernklientel verantwortlich zu sein. Dafür erhielt die FDP vier heftige Landtagswahlklatschen nacheinander, ist aber völlig unfähig, daraus den Schluß zu ziehen, künftig konstruktiv in der Regierung zu arbeiten, sondern will noch destruktiver rumpoltern.

Scholz hat von Merkel gelernt, daß man in Deutschland langfristig viel besser fährt, wenn man sich als Kanzler zurückhält und nicht vorprescht.

Vor allem aber muss der Kanzler eine Regierung arbeitsfähig erhalten, weil wir in der schwersten Krise seit 1945 stecken. Ein Atomkrieg ist nicht auszuschließen, die Inflation liegt bei 10%, eine gewaltige Rezession ist sicher und dazu kommen weitere außenpolitische Verwerfungen, der Welthunger, Migrationskatastrophen, Klimakollaps und Pandemie.

Das BASTA liegt ihm nicht. Aber die Umstände erzwingen es.

[….] Am Ende sprach der Kanzler ein Machtwort, nicht im Fernsehen, nicht auf einer Pressekonferenz, sondern per Brief, in 18 Zeilen auf etwas mehr als einer DIN-A4-Seite, die Kernbotschaft: Entgegen der bisherigen Absprache, nur die zwei süddeutschen Atomkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 über den 31. Dezember hinaus weiterlaufen zu lassen, soll nun auch das dritte aktive AKW Emsland im niedersächsischen Lingen weiterbetrieben werden, längstens bis zum 15. April 2023, genauso wie die anderen beiden. Olaf Scholz beruft sich in seinem Brief auf seine Richtlinienkompetenz, ein Schachzug, um die Verantwortung von seinen Kabinettsmitgliedern zu nehmen. Gerade für Wirtschaftsminister Robert Habeck wäre es schwer, eine solche Entscheidung zu rechtfertigen, hatte sich doch der Parteitag der Grünen erst am Freitagabend per Beschluss dazu durchgerungen, die Laufzeit der zwei süddeutschen AKW zu verlängern. Die Verantwortung dafür, dass drei Tage später plötzlich ein drittes dazu kommt, kann Habeck nun voll und ganz auf den Kanzler abwälzen.  [….]

(SPON, 17.10.2022)

Die Kuh musste vom Eis. 

Olaf Scholz weiß natürlich auch selbst, daß diese Laufzeitverlängerung Unsinn ist. Russland dominiert den Uranwelthandel, genau wie die Gashandel.

Für Putin ist es ein Geschenk, nun auch noch die Abhängigkeit von russischem Uran auszubauen. Außerdem testet der Kreml offensichtlich seine Destruktionsmacht über die kritische deutsche Infrastruktur.  Bahn und Nordstream waren nur Testballons. Rumpelige, rissige Schrottmeiler, die noch nicht einmal gegen den Absturz von Kleinflugzeugen gesichert sind, stellen natürlich eine willkommene Vergrößerung von Putins Drohpotential dar.

Scholz entscheidet damit rein faktisch betrachtet, falsch.

Aber rein POLITISCH betrachtet, handelt Scholz richtig. Er musste der frei drehenden FDP ein Zuckerli geben, damit sie nicht in Agonie verfällt. SPD und Grüne sind zwar beide gegen den populistischen hepatitisgelben Atomkurs, aber beide Parteien sind regierungsfähig, zeigen staatspolitische Verantwortung. Daher müssen sie leider die gemeingefährliche hochdestruktive FDP bei Laune halten.

Kubicki und Co verhalten sich wie Kleinkinder, die wenn sie ihren Willen nicht bekommen, lieber alle Sandkuchen der anderen Kinder zertrampeln.

Es besteht eine große gelbe Sehnsucht vor der Verantwortung zu fliehen und sich im dem Narrativ der einsamen Widerständler gegen die linksextreme Übermacht innerhalb der Ampel, einzurichten.

Das ist zwar offensichtlich Unsinn, aber die FDP verließ die schnöde Realität schon in der Pandemie.

Lindner ist aber erst 43 Jahre alt. Will er Politiker bleiben, kann er nicht schon wieder wegrennen, wenn es mal schwierig wird – das ist nämlich ohnehin schon sein Signature-Move. Ginge er mitten in Deutschlands größter Krise noch einmal feige flüchten, wäre das sein endgültiges politisches Ende.

Scholz musste die FDP also noch nicht mal davon abhalten wegzurennen, aber er musste den Kinderchen einen Erfolg gönnen, so daß nicht weiter bockig rumzanken. Scholz ist klug. Lindner nicht. Und der Urnenpöbel auch nicht, sonst wäre die FDP 2021 nicht so stark gewählt worden, daß ohne sie keine Regierung gebildet werden kann.

*Linders Flucht vor der Verantwortung wächst sich zu seinem Hauptcharaktermerkmal aus. Schon im Jahr 2000 nach seiner Moomax-Pleite lief Lindner weg und stand nicht für sein finanzielles Desaster gerade.

 [….] Unter dem Motto „Leistung muss sich wieder lohnen“ hatte der blutjunge Lindner nach seinem Landtagseinzug 2000 mit seinem Bekannten Hartmut Knüppel am 29.Mai 2000 die Internet-Firma „Moomax“ gegründet

Das Internet boomte und der schlaue Lindner wollte ein großes Stück vom Kuchen.  Er brachte 30.000 Euro Eigenkapital auf  und holte sich weitere 1,2 Millionen Euro von der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau. Der Erfolg war rekordverdächtig.  In nur 18 Monaten hatte Lindi das gesamte Kapital verbrannt.

[….] Das ganz dolle Team "von Informatikern, Drehbuchautoren, Psychologen, Linguisten, Journalisten und Betriebswirten" wird sich jetzt wohl was anderes suchen müssen, weil der Markt für Avatare, offen gesagt, ziemlich tot ist. [….]

(boocompany.com14.12.2001)

Knüppel und Lindner wurden gefeuert. Der Staat blieb auf den 1,2 Millionen Linder-Miesen sitzen, für seine Eselei blecht nun der Steuerzahler und Lindner machte Karriere in der Marktwirtschaftspartei FDP. 

[….] Lindner gründete noch die zunächst als knüppel lindner communications gmbh firmierende Unternehmensberatung Königsmacher GmbH, die er auch sofort in den Sand setzte.

[….] Was Parteichef Andreas Pinkwart als "Achterbahnfahrt der New Economy" beschrieb, ist für Lindner peinlich. Seine Internet-Firma Moomax GmbH ging nach 17 Monaten mit dem Neuen Markt unter. Dabei verflüchtigten sich weit über eine Million Euro öffentlicher Fördergelder. Andere Lindner-Firmen, wie die Unternehmensberatung "die Königsmacher GmbH", kamen erst gar nicht gut genug in Gang, um so viel Geld verbrennen zu können.

(SPIEGEL13.12.2004)

Immerhin brachte es der Porsche-fahrende Zivildienstleistende durch seine politischen Verbindungen bis zum Luftwaffen-Hauptmann der Reserve! 

[….] Die Beförderung zum Hauptmann erfolgte im September 2011 durch den Verteidigungsminister de Maiziere persönlich.

Freunde muß man haben.
Politisch war Lindner bekanntlich ähnlich erfolgreich! Unter seiner inhaltlichen Führung als FDP-Generalsekretär surrte die FDP von 15% auf 4% zurück. [….]

(Des Wahnsinns fette Beute, 08.04.2012)

2011, als die schwarzgelbe Bundesregierung strauchelte, die er 2009 mitorganisiert hatte, lief er weg, warf sein Generalsekretäramt hin.

Als die FDP bei der Nordrheinwestfälischen Landtagswahl am 14.05.2017 in Lindners Heimatbundesland sagenhafte 12,6% errang und sich zur allgemeinen Überraschung eine komplette Ablösung von RotGrün ergab, lief Lindner wieder weg, wollte als Landtagsfraktionsvorsitzender keinesfalls ein Ministeramt übernehmen oder der Regierung angehören.

Landtagswahl in Niedersachsen am 15.10.17, die SPD schneidet überraschend gut ab, aber ganz knapp reicht es nicht für Rotgrün. Um die verhasste Groko zu vermeiden, möchte die amtierende rotgrüne Minderheitsregierung eine Ampel mit der FDP bilden. Lindners Jungs laufen wieder weg, entziehen sich der Verantwortung, wollen um keinen Preis in eine Regierung eintreten.

Und nun, am 19.11.17 kurz vor Mitternacht, man hatte sich fast mit Union und Grünen geeignet, steht Lindner wortlos auf und läuft weg.

Der Hepatitisgelben mutieren von der Partei der Besserverdienenden über den Status der Null-Themenpartei zur Eskapismuspartei.

Sonntag, 16. Oktober 2022

Naive Kriegsansichten

Deutschland gruselt sich bei der Vorstellung, im Winter womöglich zu frieren. Civey ermittelt, daß 2/3 der Bürger den 200-Milliarden-Doppelwumms für nicht ausreichend haltenund dringend mehr Entlastungen durch die Ampel fordern.

Und nun noch das; Eugen Block kündigt an, in seinen Restaurants, nicht mehr auf 22°C, sondern bloß auf 20°C zu heizen! Sapperlot, Fleischfressorgien im Block House, ohne sich dabei nasszuschwitzen?

In dieser schockierenden Lage winkt die Grüne Basis müde und willig Kohlekraftwerke, Garzweiler-Bagger, Atomkraftverlängerung und Waffenexporte durch. Christian Ströbele hat ein riesiges Glück damit, daß er schon tot ist.

Die Linksfaschistin Wagenknecht diagnostiziert ausgerechnet bei den Grünen die größte Kriegsfreudigkeit, nennt Hofreiter „irre“ und die Grüne Partei „pervers“.

Da ist sie sich wirklich völlig einig mit Putins Arschleckbrigade aus David Berger, Niklas Lodz und Alice Weidel.

[….] Wir sagen, dass die 100 Milliarden in der Bildung oder im Gesundheitswesen viel besser aufgehoben wären und Atombomber, bewaffnete Drohnen und anderes schweres Kriegsgerät wirklich das Letzte sind, was unser Land braucht. Dass ausgerechnet SPD und Grüne diese Hochrüstung jetzt umsetzen, ist doch pervers. Die Grünen sind immerhin mal aus der Friedensbewegung hervorgegangen. Heute sind sie im Bundestag die schlimmsten Kriegsbefürworter von allen. […]

(Sahra Sarrazin via „der Freitag“, 08.06.2022)

Auch der große CDU/CSU-Freund Viktor Orbán, der auf jedem CSU-Parteitag als Ehrengast erscheint und engster Vertrauter des späten Helmut Kohl galt, sieht es wie Wagenknecht, wenn er Merkels 2014ner Krim-Weg lobt. Man hätte die Ukraine einfach den Russen überlassen sollen. Der demokratieverächtende ungarische Putin-Freund sieht einen Ausweg aus der Ukraine-Krise: Eine erneute Trump-Präsidentschaft. So einfach ist das offenbar für die europäischen Konservativen der EVP: Die rechtsradikalen Autokraten Putin, Trump und Orbán werden sich schon friedlich einigen, wenn die lästigen demokratischen und völkerrechtlichen Ansprüche aufgegeben werden.

Wer zu der schrumpfenden Gruppe derjenigen gehört, die Menschenwürde, Pressefreiheit oder unabhängige Justiz nicht für überflüssigen Zierrat hält und weiterhin demokratische Wahlen ermöglichen will, sogar Frauen, Schwulen und Nichtweißen Rechte zugestehen will, setzt auf konventionelle Kriegswaffen gegen Putin.  Der müsse in der Ukraine aufgehalten werden und das gelinge auch, wie die unerwarteten Probleme der russischen Armee zeigten.

Ex-CIA-Analyst George Beebe, Chefdenker des Thinktanks “Quincy Institute for Responsible Statecraft” staunt, ob dieser Naivität.

[….] Die gehen aber davon aus, dass Russland eine konventionelle Niederlage akzeptieren und nicht eskalieren lassen würde. Dass Russland bereit wäre, diesen Krieg nach den Regeln des Westens zu führen. Ich glaube aber nicht, dass Russland sich an diese Regeln halten wird. Das sehen wir ja jetzt schon. Und diese Eskalationen werden weitergehen. Die Russen werden jedenfalls nicht einfach aufhören zu kämpfen, so wie es die finnische Premierministerin und so einige andere in den Raum gestellt haben. Das ist vollkommen unrealistisch. […]

(George Beebe, SZ-Interview vom 11.10.2022)

Der Hamburger Politikwissenschaftler Mischa Hansel, Leiter des Forschungsschwerpunkts Internationale Cybersicherheit am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) ist sich sicher: Die Explosionen in einigen der Nordstreamröhren und die Sabotage der norddeutschen Bahnverbindungen waren nur ein winziger Vorgeschmack auf das, was der Kreml mit der europäischen kritischen Infrastruktur anstellen könnte. Da wir aber schon bei 20°C Raumtemperatur beim Steak-Fressen in Panik geraten, erscheint Putins latentes Drohpotential gewaltig.

[….] „Die politische Großwetterlage ist das Entscheidende“, sagt Hansel. „Es gibt genug Verdachte – nehmen wir etwa die Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines - dass die russische Seite dazu übergeht, auch in Nato-Staaten Sabotageaktionen durchzuführen.“ Das politische Kalkül dahinter könnte sein, für Verunsicherung zu sorgen, um in der Bevölkerung einen Stimmungsumschwung zu erreichen, der womöglich dazu führte, dass Deutschland die Ukraine weniger unterstützte. „Nachdem der russische Angriffskrieg ins Stocken geraten ist, könnte sich das Kalkül in diese Richtung entwickeln“, sagt Hansel. „Da unsere kritische Infrastruktur Schwachstellen hat, halte ich es für wahrscheinlich, dass es in den kommenden Monaten vermehrt Sabotageaktionen geben wird, sei es im Verkehrssektor oder im Energiesektor“, so der IFSH-Forscher. „Dass solche Attacken technisch möglich sind, lässt sich schwer bestreiten.“ Es könnte etwa Beschädigung von Kabelschächten geben, aber auch Cyberattacken. Letztere könnten zum einen zielgerichtet ablaufen.   […]

(Abendblatt, 11.10.2022)

Es ist eben nicht mehr so wie vor 100 Jahren bei einem konventionellen Krieg, bei dem die Anzahl der Panzerhaubitzen, Kanonen, die Motivation der Soldaten und der Nachschub entscheiden. Ein in der Ost-Ukraine konventionell besiegter Putin könnte für die EU-Staaten noch viel gefährlicher werden, indem wirklich das Licht ausgeht, das Internet gekappt und es kein fließendes Wasser mehr gibt. Es musste nur ein Frachter, das Containerschiff „Ever Given“ unglücklich im Suezkanal quer liegen und schon war der gesamte Welthandel schwer gestört, weil die Lieferketten unterbrochen wurden. Heute haben die großen Produzenten keine Lager mehr, sondern setzen auf beständigen Nachschub durch die Zulieferer. Deutschland ist schneller lahmgelegt, als Toni Hofreiter „Leopard II“ sagen kann.

Und das ist alles noch die Schwelle vor den Atomwaffen, die der russische Präsident nun einmal hat.

[….] SZ: Der Westen hat aber schon mehrere Male angedeutet, dass er auf den Einsatz einer Atomwaffe nicht gleich mit Nuklearschlägen reagiert.

BEEBE: Das ist der Standpunkt, den der ehemalige CIA-Chef General David Petraeus vertritt. Dass man auf einen begrenzten russischen Atomschlag mit einem massiven konventionellen Gegenangriff reagieren würde. Das würde aber eine Eskalation garantieren. Russlands Nukleardoktrin erlaubt ihnen ja nicht nur Atomschläge mit Atomschlägen zu beantworten, sondern jeden Angriff, der Russlands Überleben gefährdet. Inzwischen sind die konventionellen Waffen des Westens auch so weit entwickelt, dass sie eine so große Bedrohung sind, wie früher nur strategische Atomwaffen. Die Russen haben diese neuen konventionellen Waffen nicht. Sie werden nicht abwarten, ob solche Angriffe ihre Verteidigungskraft dezimieren. Und das sind Situationen, in denen niemand viel Zeit für Entscheidungen hat. Im besten Falle ein paar Stunden. Unter extremem Stress. Bei enormem gegenseitigen Misstrauen.

SZ: Gibt es da nicht doch einen Punkt, an dem alle Beteiligten zur Vernunft kommen?

BEEBE: Ich befürchte, die Antwort liegt im Ersten Weltkrieg. Da glaubten die europäischen Staatschefs, dass sie einen begrenzten Krieg mit einem raschen Ende führen. Und niemand hat mit dem verheerenden Verlauf gerechnet, der für alle Beteiligten zur Katastrophe führte und eine ganze Generation dezimierte. Das hat seine eigene Logik angenommen. Das ist auch heute die Gefahr.

SZ: Gibt es denn noch die mittleren Ebenen der Gespräche?

BEEBE: Ich glaube, so schlecht wie momentan war der Zustand der Diplomatie zwischen dem Westen und Russland nicht mal in den finstersten Zeiten des Kalten Krieges. Diplomatie ist fast schon ein Schimpfwort geworden. […]

(George Beebe, SZ-Interview vom 11.10.2022)

Und der Winter kommt erst noch. Und Meloni kommt erst noch. Und Trump kommt vielleicht auch noch.

Ich sehe schwarz, und zwar dunkelschwarz.

Samstag, 15. Oktober 2022

Völkisch-fascholinks

Als in Europa lebender Amerikaner, der in den frühen 1980ern während der Nachrüstungsdebatte politisiert wurde, war ich immer besonders NATO-kritisch. Noch 40 Jahre später prangere ich die NATO-Doppelmoral an. Die US-Lügen, um Kriege zu beginnen. Die Nichtachtung muslimischer Opfer. Friedens-Nobelpreis für den US-Präsidenten Obama, der bei mehreren hundert illegalen Drohnenangriffen in souveränen Staaten tausende Zivilisten töten ließ. Man stelle sich vor, die pakistanische, nordkoreanische oder iranische Regierung würde umgekehrt mit Drohnen gezielte Tötungen in den USA durchführen und dabei ab und zu mal eine Hochzeitsgesellschaft oder Gottesdienstbesucher auslöschen, die zufällig in der Nähe waren.

Wenn man die moralische Keule schwingt, sollte man immer erst vor seiner eigenen Haustür fegen, bevor man auf andere zeigt. Kluge Außenpolitik bedeutet, sich in andere Völker und Staaten mit anderen Interessen hineinzuversetzen.

Daher wies ich immer wieder darauf hin, wie eingekesselt sich Russland sich fühlt. Zu Recht oder nicht. Das Gefühl ist da. Oder wieso weite Teile der muslimischen Welt großen Hass auf den Westen empfinden.

Zu sehen und zu erklären, weshalb „die sauer auf uns sind“, darf aber nicht in Whataboutism ausarten, der Verbrechen Riads oder Moskaus rechtfertigt.

Die eigenen Missetaten anzuerkennen, kann nicht bedeuten, Missetaten der anderen zu ignorieren.

Ali Al-Dailami, Wahlkreis Gießen, stellvertretender Vorsitzender und verteidigungspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE im Bundestag und André Hahn, Wahlkreis Sächsische Schweiz, ebenfalls stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Linken, gaben gestern eine Pressemitteilung der Fraktion zum Ukrainekrieg heraus.

Die beiden schlauen Wagenknechte haben nämlich analysiert, wer der Schuldige des grausamen Massensterbens ist: Die NATO.

Und ich Depp hatte seit dem 24.02.2022 gemutmaßt, Russland, bzw Putin, trügen auch ein klitzekleines bißchen Mitschuld an diesem verbrecherischen Krieg. Aber DIE LINKE erwähnt die Begriffe „Russland“ oder „Präsident Putin“ nicht einmal

[….] Kein Frieden mit der NATO. Die NATO machte wieder klar: Am Status quo des Krieges in der Ukraine wird festgehalten. Kein Wort von Diplomatie oder einem Verhandlungsfrieden. Das Militärbündnis setzt auf Konfrontation und Eskalation, liefert immer mehr und schwerere Waffen und schickt noch mehr Truppen an die NATO-Ostflanke. Das ist fatal. [….]  Verteidigungsministerin Lambrecht hat es versäumt, die jüngsten atomaren Drohgebärden entschieden zu verurteilen. Stattdessen wird am Prinzip der gegenseitigen nuklearen Bedrohung festgehalten. Generalsekretär Stoltenberg ist zuzustimmen, wenn er zum Ausgang des Treffens konstatiert, dass ein nuklearer Krieg nicht zu gewinnen sei. Umso schlimmer ist es, dass er daraus nicht die richtigen Schlüsse zieht und unbeirrt verkündet, dass die NATO kommende Woche die Atomwaffenübung Steadfast Noon abhalten wird. Hier probt die Bundeswehr, wie sie im Ernstfall US-Atombomben auf feindliche Stellungen abwirft. Angesichts der realen atomaren Bedrohung ist es jetzt dringend geboten zu deeskalieren und die geplante NATO-Atomübung abzusagen.“ [….] 

(PM, Die Linke, 14.10.2022)

Die Fraktionsvorsitzenden Bartsch und Mohammed Ali lassen diesen hanebüchenen und perfiden Unsinn genauso durchgehen, wie die berüchtigte Wagenknecht-Rede, in der sie im Einklang mit der AfD erklärte, der grüne Vizekanzler habe einen Wirtschaftskrieg gegen Russland angezettelt.

Für so ein Gedankengut des Schwurbel-Schwachsinns gibt es außerhalb der AfD und eines kleinen Kreises um Sahra Sarrazin selbstverständlich keine Zustimmung.

Nachdem die Linke nach der Bundestagswahl (4,9%), weitere viermal bei Landtagswahlen für ihre elende Schwurbelei und Unfähigkeit, sich von der Querfront zu trennen, schwer abgestraft wurde – 27.03. im Saarland 2,6%, 08.05. Schleswig-Holstein 1,7%, 15.05. NRW 2,1%, 09.10. Niedersachsen 2,7% - und bundesweit klar unter 5% entlangkrebst, demonstriert sie weiterhin ihre völlige Politikunfähigkeit. Geradezu erbärmlich, wie sich die einst so stolze Partei von ihrer völkischen AfD-Freundin Sahra Sarrazin und dem doppelten Partei-Zerstörer Lafontaine zerhacken lässt.

Aber auch die Reaktion innerhalb der Linken ist deutlich. Prominente Mitglieder treten demonstrativ aus, mehrere Landesverbände befinden sich in Auflösung. Eine Irre wie Sahra Sarrazin wäre als Parteimitglied auszuhalten, wenn sie denn parteiintern isoliert würde.

Aber sowohl Partei-, als auch Bundestagsfraktionsführung geben dem Nazi-Fangirl Rückendeckung. Mohamed Ali, Bartsch, Wissler und Schirdewan wissen es und lassen die Wagenknechte gewähren. Die Linke ist unrettbar verloren. Wer nicht hören will, muss fühlen. Der rechtsextreme Verschwörungstheoretiker David Berger ging bereits dazu über, Sahra Wagenknechts Youtube-Reden ungekürzt direkt in seiner völkischen Covidiotenseite PP einzubetten.

Selbstverständlich gibt es viele integre und intelligente Linke-Parteimitglieder. Ihnen bleibt nun nur noch der Parteiaustritt. Das RBB-Magazin Kontraste berichtete vorgestern.

[….]  "Das größte Problem ist ihre grandiose Idee, einen beispiellosen Wirtschaftskrieg gegen unseren wichtigsten Energielieferanten vom Zaun zu brechen." (Wagenknecht, 08.09.2022)

Seit diesem Auftritt laufen der Linken die Mitglieder davon. Die Partei geht nach Kontraste exklusiv vorliegenden Zahlen von mindestens 809 Austritten seit der Rede aus und konstatiert:

"Eine solch hohe Zahl der Austritte gab es zu keinem Zeitpunkt zuvor."

Vielfach sei explizit Wagenknecht als Grund genannt worden, hören wir aus der Geschäftsstelle. Wir treffen Bastian Lahrmann, Gemeinderat in Großenkneten. Auch er hat kürzlich sein Parteibuch zurückgegeben – auch er wegen Wagenknecht.

"Russland ist hier das Problem, Russland ist hier der Aggressor. Kein Krieg zu wollen, ist ja richtig, aber man kann ja auch nicht sagen: Ukraine, bitte ergebt euch, ihr macht dit schon, ist ja gar nicht so schlimm, ihr gehörtet ja irgendwann schon mal zur UdSSR, das wird schon werden."

(Bastian Lahrmann, Gemeinderat Großenkneten)  [….]

(KONTRASTE, 13.10.22)

Nach wie vor achte ich einige Mitglieder der LINKEN sehr, aber Martina Renner oder Petra Pau haben den Kampf gegen die Schwurbelspinner ihrer Fraktion – Sahra Wagenknecht nennt sich jetzt selbst „Linkskonservativ“ – verloren.

[….] Gruppe um Martina Renner will Wagenknecht loswerden.  Eine Gruppe um die Bundestagsabgeordnete Martina Renner, die ehemalige Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach und den Ex-Bundestagsabgeordneten Thomas Nord ruft nun zu einem „bundesweiten Vernetzungstreffen progressiver Linker“ in der Partei auf.   [….]

(MoPo, 14.10.2022)

Aus Angst vor dem Tod (Austritt der Wagenknechte und damit der Verlust des Fraktionsstatus) begeht die Partei kollektiv Selbstmord (Duldung Sahra Sarrazins).

Das kann nicht gut gehen.

[….]  Weg mit der Querfront-Frau!

Gerade in unruhigen Zeiten, in denen die Armen die steigenden Preise bei Lebensmitteln, Energie und Mieten spüren, da braucht es eine linke Partei, die die Interessen derjenigen vertritt, die sonst keine Lobby haben. Und, mal unter uns: Die Ampel-Grünen, die sind schon lange keine wirklich linke Partei mehr. [….] Die Partei Die Linke aber, die die Genossen von der SPD stets an eben jenen sozialen Kern erinnert hat, die wird inzwischen nicht mehr über ihr pazifistisches oder soziales Engagement wahrgenommen. Es ist fast nur noch der Zwist zwischen den Flügeln, den man mit ihr verbindet.

Zum offenen Bruch kam es bisher vor allem wohl aus finanziellen Gründen nicht: Bei einem Austritt von Wagenknecht & Co. wird der Verlust des Fraktionsstatus befürchtet. Und daran hängen viele Privilegien. So wird an einer Frau festgehalten, die sich allen Ernstes selbst als „linkskonservativ“ bezeichnet. Also quasi als „linksrechts“. Und die mit dubiosen Aussagen zu Flüchtlingen, Corona und Russland ihre Querfront-Fanbase verzückt. [….] (Kristian Meyer, 14.10.2022)

Dieser atheistische Wunsch ist auch Vater meines Gedankens, Herr Meyer. Aber die Linke ist schon tot. Da gibt es nichts mehr zu retten. Für die Guten – Jan Korte, Renner, Pau, de Masi, van Aken – muss nun Kevin Kühnert Verantwortung übernehmen und ihnen großzügige Angebote machen, um in der SPD mitzuarbeiten.

Freitag, 14. Oktober 2022

Goldie Oldies

Kinder finde ich nicht so toll. Ich fand schon alte Menschen interessanter, als ich selbst noch ein Kind war und mochte am allerliebsten mit meiner Oma zusammen sein. In meiner Familie bekommt man, wenn überhaupt, erst spät Kinder. Daher war meine Oma schon deutlich über 70 Jahre alt, als ich geboren wurde und hatte einen entsprechend weit zurück reichenden Erfahrungsschatz. Als ich alt genug war, erzählte sie mir viel. Sie war die Generation, die als Erwachsene beide Weltkriege miterlebt hatte. Zweimal der totale Zusammenbruch. Ich war fasziniert. Verglichen damit, waren die anderen Kinder in meiner Grundschule sehr dämlich und wußten gar nichts über Geschichte.

Einen ähnlichen Altersabstand wie zu meiner Oma, hielt ich gern bei meinen Freunden ein. Blöderweise sind die aber inzwischen alle tot und ich bin jetzt oft „der Alte“. Das ist schlimmer als zu meiner Kinderzeit, als andere Kinder doof waren, denn die waren so alt wie ich. Jetzt sind Kinder (unter dem Begriff subsummiere ich alle Menschen unter 35 Jahren) nicht nur Kinder, was an sich schon schlecht ist, sondern auch noch viel jünger als ich.

Wenn ich Menschen begegne, die durch ihre berufliche Stellung eine gewisse Autorität ausstrahlen, weil sie als Arzt, Minister oder meine Notarin arbeiten, gleichwohl aber deutlich jünger als ich sind, kann mein Gehirn dieses Paradox nicht richtig verarbeiten. Ein Krankenhaus-Assistenzarzt, der frisch von der Uni kommt, wirkt auch mich, wie ein 12-Jähriger. Der kann mir doch keine Diagnosen stellen.

Es gibt zwar einige Ausnahmefälle, in denen ich meine Abneigung gegen das Jungvolk ausklammern kann – meine Notarin ist 20 Jahre jünger als ich, aber a) ein Superhirn und b) extrem sympathisch – und sie als fachliche Autorität anerkenne, aber meistens sind junge Leute nicht nur unangenehm jung, sondern auch unangenehm. Ich bin nur froh, daß ich nicht, wie so viele andere Männer meiner Alterskohorte von dem Minderwertigkeitswahn befallen bin, jüngere Menschen erotisch anziehend zu finden. Nein, nein, nein, die sollen mal schön untereinander kopulieren und uns Post-Klimakteriale damit in Ruhe lassen!

Als Bundeskanzler hat Olaf Scholz für mich das ideale Alter. Er ist Baujahr 1958, also noch ein Stückchen älter als ich, so daß ich ihn prinzipüiell ernst nehmen kann, aber noch nicht so klapprig, daß man ihm den auch physisch sehr anstrengenden Job nicht zutrauen würde.

Richtig wohlfühlen würde ich mich theoretisch erst bei einem >90 oder besser noch >100 Kanzler. Intellektuell bewegliche Menschen um die 100 liebe ich. Helmut Schmidt, Egon Bahr, Georg Stefan Troller, Margarete Mitscherlich, Klaus von Dohnanyi, Hildegard Hamm-Brücher, Henry Kissinger, Marion Gräfin Doenhoff oder mein Lieblingsmaler Pierre Soulages, der im Dezember 103 wird und immer noch aktiv ist.

Blöderweise wird man a) nicht automatisch durch das Altern weise (wie die Doofis Ernst Jünger und Joop Heesters bewiesen), driften b) viele über 90-Jährige in Demenz oder Alzheimer ab und c) sind die klugen Alten bedauerlicherweise oft physisch so eingeschränkt, daß sie nicht mehr voll aktiv sein können.

Soulages und Troller können mit ihren über 100 Jahren also noch schreiben und malen, wären aber als Kanzler oder Präsident mutmaßlich körperlich überfordert, weil diese Jobs permanenten Stress und endlose Arbeitstage bedeuten.

Ja, Konrad Adenauer war noch mit 87 Jahren Bundeskanzler, aber damals konnte man noch viel mehr vom Schreibtisch aus regieren und musste nicht fünfmal am Tag mit der Flugbereitschaft irgendwo anders hin.

Wie man erst viele Jahre nach seinem Amtsabschied erfuhr, wurde Helmut Schmidt ein Dutzend mal nachts im Kanzlerbüro von seiner Sekretärin ohnmächtig gefunden, weil über die absolute Erschöpfung hinaus gearbeitet hatte.

Angela Merkels Physis gilt als nahezu unverwüstlich, sie wurde nie krank und konnte viel länger als andere Menschen ohne Schlaf auskommen. Aber selbst bei ihr ließ sich die chronische Erschöpfung in den letzten beiden Jahren nicht mehr verheimlichen. Sie mußte Begrüßungszeremonien sitzend abhalten.

Bei amerikanischen Toppolitikern ist physische Fitness noch relevanter als in Deutschland, weil der Präsident die ganze Weltmacht symbolisiert.

Sie müssen sich in der Nation, die zu über 50% aus krankhaft Adipösen besteht, stets im Laufschritt präsentieren. Sie betreten keine Bühnen, sondern joggen zum Publikum, sie rennen Treppen hinauf, lassen sich Fahrrad fahrend filmend, damit jeder sieht, wie frisch sie noch sind. Wenn sie dabei auf die Nase fallen, ist es ein Politikum, das von der gegnerischen Partei ausgeschlachtet wird.

Das Arbeitspensum ist unterschiedlich – je nach präsidentieller Qualität. GWB ging immer ganz früh schlafen, urlaubte sehr viel auf seiner Ranch, während Bill Clinton fast gar nicht schlief und rund um die Uhr geradezu manisch Informationen aufsaugte und verarbeitete. Auch dem sehr jungen Präsidenten Obama sah man bei seinem Amtsabschied mit gerade mal 55 Jahren die permanente Erschöpfung deutlich an. Sein in jeder Hinsicht diametrales Gegenteil Donald Trump überstand seine vier Jahre natürlich viel besser, weil er so verantwortungslos war, sich um nichts zu kümmern. Der Mann ist chronisch faul. Es gab kaum Einträge in seinem Terminkalender. Meistens guckte er TV, telefonierte mit Freunden, fraß Fastfood und war ohnehin kaum im Weißen Haus.

Joe Biden, der am 20. November dieses Jahres 80 wird und die Nummer Drei des Staates, Nancy Pelosi, die im März 83 wird, sind problematische Fälle für mich.

Einerseits kann man mit Ende 70 durchaus noch frisch genug sein, um ein Amt anzutreten, aber gerade für die vorwiegend jüngere Wählerschaft der Demokraten, wirkt es demotivierend, wenn sie für einen Großvater stimmen sollen.

Hinzu kommt, daß Biden und Pelosi beide noch älter wirken, als sie sind.

Pelosi ist selbstverständlich perfekt gestylt, kommt mit gefärbten Haaren daher, aber ihre Sprache ist deutlich vom Alter gezeichnet. Es wirkt immer, als ob sie Probleme mit einer Prothese hätte oder mal einen Schlaganfall hatte. Ich bin sicher, in der GOP-Szene kursieren genügend Gerüchte zu ihrem Zustand, die ich hier aber nicht erwähnen will.

Biden war schon als junger Mann berühmt für seine Schusseligkeit und Versprecher. Mit 75 sah er schon aus, wie andere mit 95. Das hilft nicht dabei, Vertrauen und Stärke auszustrahlen.

Er versucht es mit einer jungen Vizepräsidentin zu kompensieren und holte den jugendlich-hüpferisch wirkenden Pete Buttigieg, 40, als Verkehrsminister ins Kabinett. Eine gute Absicht und Buttigieg ist sicher einer der stärksten Biden-Minister. Aber neben einem derart fitten und schlagfertigen Mann, wirkt Biden gleich noch zehn Jahre älter als er ist. Es ist ungerecht und altersdiskriminierend, aber ich wünsche mir jüngere, fitter wirkende Spitzendemokraten, weil ich um die Wahlchancen fürchte und unbedingt republikanische Mehrheiten verhindern will.

Es mag kurios wirken, ist aber nach seinen VP-Erfahrungen an der Seite des 2009 sehr vorsichtig agierenden Obamas, durchaus nachvollziehbar: Biden bekommt mehr Dinge geregelt, als man dachte, weil er offensichtlich weniger abwartet und brachialer agiert. Seine „Accomplishment-Liste“ ist ganz im Gegensatz zu seinem Image, sehr beachtlich!

Signed the Inflation Reduction Act

Improved health care for veterans

Signed the CHIPS and Science Act. President Biden signed landmark legislation into law that will accelerate semiconductor manufacturing in the United States.

Took historic action to address the gun violence epidemic

President Biden has moved decisively to combat gun violence – issuing dozens of executive orders and signing the most significant gun violence reduction legislation to pass Congress in 30 years.  

Thanks to President Biden’s leadership, international confidence in the United States has sharply increased. America is back, and our alliances are stronger than ever.

Ended America’s longest war. After more than 20 years of conflict spanning three previous administrations, President Biden acted decisively to bring our troops home from Afghanistan.

Took action to address gender-based violence

As President, Joe Biden broke through two years of Republican obstruction and signed legislation in March 2022 to reauthorize and strengthen the Violence Against Women Act.

President Biden signed the American Rescue Plan (ARP) Act into law, an unprecedented $1.9 trillion package that helped combat COVID-19 and supercharge a historic economic recovery.

Biggest year of job growth in American history. President Biden is leading America through a historic economic recovery. In 2021, the U.S. economy added over 6.5 million jobs – the greatest year of job growth under any President in history.

Took action to combat COVID-19

Thanks to the Biden-Harris Administration, over three-quarters of American adults are fully vaccinated, up from less than 1% before President Biden took office.

Passed the Bipartisan Infrastructure Law

Thanks to President Biden, we’re done talking about infrastructure week. Now, we’re building about an infrastructure decade.

In 2022 alone, repairs will begin on 65,000 miles of roads and 1,500 bridges.

Took action to combat the climate crisis and reduce emissions

President Biden also secured the largest investment in climate resilience in American history.

Expanded health care to millions of Americans

Nominated and confirmed historic judicial nominees

Vieles davon steckte seit Dekaden im Parteien-Gridlock eingezwängt. Opa Biden hat es geschafft.

Wackelköpfin Pelosi erstaunte die Welt beim gestrigen Jan6th-Hearing

Von ihrer Tochter am 06.01.2021 gefilmtes und seither nie gezeigtes Material gibt uns einen intimen Einblick in ihre Unerschütterlichkeit und Energie.

Der damals 41-Jährige Insurrection-Senator Josh Hawley, der morgens noch mit erhobener Faust Trumps rechten Mob angefeuert hatte, machte er sich nachmittags als erster in die Hosen und wurde gefilmt, wie er heulend weglief.

Pelosi hingegen behielt den Überblick, verweilte im Kapitol, während Trumps Gefolgsleute grölend und mordend in ihr Büro stürmten und demonstrativ überall hinschissen. Die Trump-Regierung versagte komplett, war nicht willens Hilfe zu schicken. Also übernahm Pelosi, rief Minister. Gouverneure und Polizeichefs an, um zu handeln.

Als Pelosis Stabschefin McCullough ihr mitteilte, Trump wolle persönlich ins Kapitol kommen, um den Mob anzuheizen, werde aber vom Secret Service gehindert, erklärte Madame Speaker, Trump solle nur kommen, sie werde ihn niederboxen („punch out“) und dafür dann gern ins Gefängnis gehen.


Die Frau weiß sich also offenbar durchzusetzen, während Politiker, die ein oder zwei Jahre jünger sind, ängstlich paralysiert dastanden.

Donnerstag, 13. Oktober 2022

Putinophobes Wunschdenken.

Nach gut sieben Monaten Ukraine-Krieg, den grausamen Bildern und Zahlen, die uns täglich erreichen, sind Hashtags wie #FCKPUTIN und die Flut von antirussischen Memes völlig verständlich.

Natürlich fühlen sich alle Menschen, die nicht moralisch vollkommen verdorben sind, angewidert, wünschen ein sofortiges Kriegsende.

Für Europa insgesamt gab es seit 1945 keinen Krieg mehr, der so massive Auswirkungen auf unbeteiligte Länder hat, weil sich zwei der weltweitgrößten Weizenproduzenten streiten und der Aggressor Europas wichtigster Energielieferant ist. Die Weltwirtschaft stürzt in Rezession und Inflation. Die Gemengelage ist so kompliziert, daß gegenwärtig nicht einmal verhandelt wird – niemand kann sich eine friedliche Lösung vorstellen. Der deutsche Michel erträgt aber keine komplexen Schwierigkeiten, bei denen er zugeben muss, intellektuell überfordert sein. In dem Fall sucht er sich einen Sündenbock, wird anfällig für Hetzer aller Art. Die einen rennen Wagenknecht und der AfD nach, weil sie glauben, man müsse nur Putin freundlich bitten, die verbliebene Nordstream2-Röhre wieder aufdrehen und schon lösten sich alle unsere Probleme in Nichts auf. Das ist natürlich Unsinn.

Fünf Cent mehr Intellekt erfordert es, zu erkennen, daß der Merkel-Weg* eine Sackgasse war. Damit hat man aber auch noch keine Lösung und projiziert seinen Drang nach geistiger Schlichtheit auf die Verdammung Putins und die Sympathie für alles Ukrainische. Gelb-blaue Flaggen auf das Facebook-Profil stellen und sich gegenseitig „Putin muss weg!“ versichern.

*(Auf eigene Innovationen verzichten, das Geld für die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen sparen und alle Augen vor Menschenrechtsverletzungen zudrücken, während man billig in Saudi Arabien, Russland und China einkauft. Hauptsache, man hat seine Ruhe, muss sich nicht ändern und wird immer wiedergewählt.)

Putin zu verdammen ist menschlich verständlich und mehrheitsfähig.

Es könnte aber eine zu vage Hoffnung sein, auf die man da setzt. Trotz der offenkundigen und letztlich überraschenden militärischen Schwäche Russlands, bleiben die Atomwaffen, die Russland, anders als sonstige unsympathische Kriegsherren wie Hitler oder Saddam, nun einmal besitzt. Daher hinken alle Appeasement-Vergleiche mit 1938.

Noch weiter hergeholt ist die Hoffnung auf Putins schlechten Gesundheitszustand. Natürlich könnte er morgen zufällig tot umfallen, aber erstens ist das unwahrscheinlich und zweitens bricht dadurch nicht augenblicklich Friede auf Erden, sowieso Demokratie in Russland aus.

Ich weiß nicht, wer als Nachfolger aufrücken würde, bezweifele aber sehr stark, daß brutale Scharfmacher wie Sergej Schoigu, Dmitri Medwedew oder gar Sergej Surowikin („General Armageddon“) lammfromm die weiße Fahne schwenkend aus der Ukraine abzögen.

Es gibt keine einfache Lösung und so beschränken wir uns darauf, stellvertretdend diejenigen zu beschimpfen, die wir in Deutschland als „Putins Agenten“ ausgemacht haben. Schröder, Schwesig, Weidel, Chrupalla, Wagenknecht, Kretschmer, Merz und nun auch noch Bohlen.

[…] Auf einer Podiumsveranstaltung der Business-Plattform „Entrepreneur University“ sagte der 68-Jährige mit Blick auf die Politik zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine: „Wenn die diese Sanktionen zum Beispiel nicht gemacht hätten und man hätte sich vernünftig an einen Tisch gesetzt, ja, dann bräuchten die Leute jetzt nicht diesen ganzen Firlefanz machen.“ Weiter ist in dem kurzen Clip von der Veranstaltung zu sehen und zu hören, wie Bohlen sagt: „Jetzt müssen wir frieren, jetzt müssen wir dies und das, das ist doch alles scheiße aus meiner Sicht.“ [….]

(MoPo, 13.10.2022)

Nicht falsch verstehen; natürlich ist Bohlen ein Blödmann, natürlich verdienen Merz und Sahra Sarrazin hart kritisiert zu werden. Aber auf solche Typen einzudreschen, bringt uns dem Frieden nicht näher.


Eine andere Vereinfachungsstrategie sind die höhnischen Meldungen über das Versagen der russischen Armee. Plötzlich sind wir alle Militärexperten und finden es unheimlich lustig, geradezu befriedigend, zu sehen, wie viele Panzer, wie viele Soldaten, Putin schon verlor.

Zudem registrieren wirzufreiden, wie isoliert Russland in der Welt dastehe. Nur noch Nicaragua, Nordkorea und Belarus habe er an seiner Seite jubiliert social media.

Aber Putin ist noch nicht am Ende.

(….) Herrlich doof, diese Europäer, wird sich Wladimir Putin denken, während er die Gazprom-Rekordgewinne einstreicht.

[…] Wegen der massiv gestiegenen Preise für Gas und Öl hat der staatliche kontrollierte russische Energiekonzern Gazprom seine Geschäftsergebnisse nach eigenen Angaben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres deutlich steigern können. Demnach erzielte Gazprom einen Rekordgewinn von 2,5 Billionen Rubel (umgerechnet 41,63 Milliarden Euro), wie das Unternehmen gestern Abend mitteilte.  Das ist bereits mehr als der gesamte Gewinn des vergangenen Jahres. 2021 hatte der Konzern wegen der hohen Preise für Öl und Gas bereits einen Rekordgewinn von 2,09 Billionen Rubel (rund 27,5 Milliarden Euro) erreicht. […]

(Tagesschau, 31.08.2022)

Schwere EU-Sanktionen gegen Russland. Russland exportiert viel weniger Gas und Öl. Russland verdient mehr denn je. Das hat ja ganz toll geklappt, Frau von der Leyen.

Die CDU-Präsidentin der EU ist seit geraumer Zeit untergetaucht und sieht planlos zu, wie ihr immer mehr rechts regierte Nationen (denen sie ihre Wahl verdankt) von der Fahne gehen.

Viktor Orbán blockierte die Sanktionen gegen Kriegstreiber Kyrill I., Putins wichtigsten Alliierten.

Sachsens Landesvater, von der Leyens Parteifreund Kretschmer, schert ebenfalls aus und zeigt der Ukraine den Stinkefinger.

Ungarn erhöht die Importe aus Russland deutlich.

[….]  Der Außenminister reist nach Moskau, um über neue Gaslieferungen zu sprechen. Die relative Nähe seiner Regierung zum Kreml könnte dabei helfen. Budapest ist sehr abhängig von dem fossilen Brennstoff.  Die Abhängigkeit von Gas zwingt zum Handeln. Im Falle Ungarns bedeutet das eine höhere Einfuhr aus Russland. Das kleine mitteleuropäische Land will 700 Millionen zusätzliche Kubikmeter Gas von Russland kaufen. Dies kündigte am Donnerstag die rechtskonservative Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten Viktor Orbán an. Außenminister Peter Szijjarto wird noch im Laufe des heutigen Tages nach Moskau reisen, um über neue Gaslieferungen zu sprechen. [….]

(FAZ, 21.07.2022)

Als nächstes verließ Bulgarien die ohnehin nicht mehr einheitliche EU-Linie.

[….]  Bulgarien steht vor einer Zerreißprobe. Das EU-Land ist in der Gas-Versorgungskrise tief gespalten über den richtigen Umgang mit Russland und seinem staatlichen Energiekonzern Gazprom.  Während der proeuropäischen Kräfte eine Wiederaufnahme des Liefervertrages mit dem Petersburger Energieriesen ablehnen, befürwortet die Übergangsregierung unter Ministerpräsidenten Galab Donew die umstrittenen Gespräche. "Als geschäftsführende Regierung wollen wir das zu Ende führen, was wir als Vereinbarung bereits haben", sagt der 55-jährige Ökonom in einem TV-Interview. Der langfristige Vertrag mit Gazprom läuft erst Ende 2022 aus. [….]

(Wiener Zeitung, 01.09.2022)

Mit Italien wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bald auch das erste echte EU-Schwergewicht auf Russland zugehen.  (…)

(Putins Plan geht weiterhin auf, 04.09.2022)

Diese Graphiken zeigen Putin aber isolierter, als er ist. Die beiden mit weitem Abstand bevölkerungsreichsten Staaten der Erde – China und Indien – stellen sich nicht gegen die Ukraine-Invasion.

Putin hat mit Viktor Orbán schon jetzt mindestens ein U-Boot in der EU, die einstimmig entscheiden muss. Bald kommt Frau Meloni dazu, so daß die EU keine Grausamkeiten mehr gegen Russland beschließen wird.

Ähnlich sieht es auf UN-Ebene aus. Das mächtigste Gremium, der UN-Sicherheitsrat, kann wegen der fünf Vetomächte nicht gegen Moskau entscheiden. China stimmt nicht gegen Russland, aber vor allem ist Putin selbst Vetomacht.

Russland dominiert den Weizenhandel, setzt die globale Hungerkatastrophe gezielt als Waffe ein – auch hier ist die Staatengemeinschaft angesichts von 25.000 Menschen, die jeden Tag auf der Erde verhungern, erpressbar.

Den möglicherweise wichtigsten Coup seit einem halben Jahr landete Putin aber, als assoziiertes OPEC-Mitglied, indem er es schaffte, mitten in der größten Energiekrise, die tägliche Ölfördermenge um zwei Millionen Barrel zu verringern. Das hilft dem Erdölexporteur Russland gewaltig.

Putin holte den Verbrecher und  Kriegstreiber Kronprinz Mohammed bin Salman auf seine Seite, der als Regierungschef der mächtigsten und reichsten Erdölexportnation damit auch seinen Freund und Beschützer Donald Trump zurück ins Amt holen will. Gut möglich, daß das gelingt. Biden schäumt, aber was soll er tun, angesichts von 75 schwer verblödeten US-Wählern?

[….] Für Biden und die Demokraten kommt die Förderkürzung zur Unzeit: In vier Wochen stehen die Midterm-Wahlen an. Sie gelten als politisches Stimmungsbild, als Zwischenzeugnis für Biden, das angesichts der Inflation schlecht ausfallen könnte. Besonders ärgerlich ist für Biden, dass er die von Anfang an umstrittene Reise nach Saudi-Arabien im vergangenen Juli spätestens jetzt als außenpolitischen Misserfolg verbuchen muss.  Die amerikanische Öffentlichkeit wirft Biden vor, dass er über Menschenrechtsverletzungen des Königreichs hinwegsehe, nur um die Erdöl- und Benzinpreise zu drücken. [….]  Beobachter glauben, dass Saudi-Arabien mit dem jüngsten Opec-plus-Beschluss darauf abziele, die amerikanische Innenpolitik kurz vor den Kongresswahlen zugunsten der Republikaner zu beeinflussen. Für diese sind die steigenden Preise perfekte Wahlkampfmunition. Umfragen zeigen, dass die meisten Amerikaner die Wirtschaftspolitik der Demokraten für die Inflation und hohen Benzinpreise verantwortlich machen.

Was für diese Theorie spricht, ist das offene Geheimnis, dass Riad darauf hofft, den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump 2024 wieder im Weißen Haus zu sehen. Trump wählte Saudi-Arabien nach seiner Wahl 2017 als erste Auslandsstation, er schloss Waffendeals in Milliardenhöhe ab, ohne Riad mit dem Thema Menschenrechte zu nerven, nicht mal die Ermordung Khashoggis, der in den USA im Exil lebte, konnte das bilaterale Verhältnis trüben. Im Gegenteil: Der Washington Post-Journalist Bob Woodward zitierte Trump in seinem Buch "Rage" mit den Worten, er habe Mohammed bin Salman, kurz MbS genannt, in der Khashoggi-Affäre "den Arsch gerettet". "Ich konnte den Kongress dazu bringen, ihn in Ruhe zu lassen. Ich konnte sie dazu bringen, damit aufzuhören", steht darin. [….]

Im Kremlchef sieht bin Salman wohl einen verlässlicheren Partner, auf den er zählen kann, komme was wolle. [….] Und mit dieser Haltung steht Mohammed bin Salman auf der Arabischen Halbinsel offenbar nicht alleine da. Der einflussreiche Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, stattete Putin am Dienstag einen Besuch in St. Petersburg ab. Darin brachte sich bin Zayed als möglicher Vermittler im russischen Krieg gegen die Ukraine ein. Der Ton war, mit Blick auf das Protokoll, freundschaftlich-vertraut. Mohammed bin Zayed gratulierte Putin zum Geburtstag, der Kremlchef antwortete mit Schukran, dem arabischen Wort für Danke. Es scheint gerade einiges zu geben, wofür Russlands Machthaber den Herrschern am Golf dankbar zu sein scheint.  [….]

(SZ, 13.10.2022)

Trump würde in seiner zweiten Amtszeit alle Vorsicht vergessen und sich als Autokrat anderen Schlächtern verschreiben.

Wären MBS, MBZ, Trump und Putin wiedervereint, stünde Moskau wieder recht gut dar.