Donnerstag, 26. August 2021

Aluhut-Dezimierung

Nun nörgeln Gastronomen und Veranstalter in Hamburg an der ab übermorgen geltenden Tschentscherschen 2G-Regelung herum, weil sie sich eine klare Senatsanweisung wünschen und sich nicht vor den Gästen verantworten möchten. Das könnte doch unangenehme Gespräche an den Einlasskontrollen geben.

In der Tat obliegt es nun die Unternehmern selbst, ob sie mit den bisher geltenden Mindestabstand-Regeln ihre Klubs, Kneipen, Kinos und Konzerte weiterhin mit halber Auslastung für das 3G-Publikum öffnen, oder ob sie sich auf 2G beschränken und dafür wieder ihre Läden voll machen können.

[….] Johannes Riffelmacher vom „Salt and Silver“ auf St. Pauli äußert sich distanziert. „Wir müssen erst mal schauen und halten bis dahin die Füße still“, sagt er. „Aber wir sind sehr enttäuscht davon, dass uns von der Politik die Verantwortung in die Schuhe geschoben wird.“ Ihn wurmt es, dass er als Gastronom entscheiden muss, ob er zukünftig noch Getestete bedienen möchte oder nicht.  „Dann müssen wir mit den Gästen wieder rumdiskutieren, viele wären dann auch enttäuscht, wenn wir uns für 2G entscheiden, einige enttäuscht wenn wir bei 3G bleiben.“ Er plädiert für eine einheitliche Regelung, schließlich sei er kein Politiker oder Virologe. [….]

(MOPO, 25.08.2021)

Für den Hamburger Senat gilt also: Wie man es macht, macht man es verkehrt. Hätte er alle auf 2G oder 3G verpflichtet, wäre das Geschrei derjenigen groß, die das jeweilige andere Model wollen, weil sie sich entmündigt fühlten.

Kiez-Wirt Dominik Großefeld („Silbersack“) beklagt, er könne 2G am Wochenende nicht umsetzen, da seine Servicekräfte noch nicht geimpft wären.

Hier fehlt mir jedes Verständnis. Seit anderthalb Jahren klagt die Branche über gewaltige Umsatzeinbußen und im September 2021 sind seine Angestellten noch nicht vollständig geimpft? Wer sich so verantwortungslos und schluderig verhält, sollte vielleicht besser nicht Gastronom sein.

Der Bundestagswahlkampf zeigt es deutlich; weil die halbe Stadt mit den FREIHEIT-Parolen auf Plakaten der Hardcore-Seuchenfreunde von „die Basis“ zugeklebt ist: Es gibt einen festen Bodensatz von unverbesserlichen Covidioten: 10 bis 20%; in Gegenden mit hohem AfD-Wähleranteil in Ostdeutschland gibt es vermutlich noch deutlich mehr Schwurbler.

Die vierte Corona-Welle, die zweifelllos erreicht ist, trifft die Ungeimpften. Alle Corona-Intensivpatienten in Hamburg sind ungeimpft.  Ja, es gibt Impfdurchbrüche, also Menschen, die sich mit der Delta-Variante anstecken und krank werden, obwohl sie zweimal geimpft wurden. Aber es sind erstens prozentual sehr viel weniger Covid19-Kranke als unter den Ungeimpften und zweitens sind die Krankheitsverläufe vergleichsweise harmlos.  Intensivstation und Beatmungsgerät sind extrem unwahrscheinlich.

Die Corona-Vakzine sind zudem weltweit so oft verabreicht worden, daß sie statistisch sicherer als so ziemlich jede andere Impfung sind.

Wer sich dennoch weiterhin bei den David Bergers, Wendlers, Naidoos, Hildmanns einreiht, ist also offensichtlich nicht durch Fakten und Argumente zu erreichen.

Idealerweise ließe sich jeder impfen, oder zumindest fast jeder, um Herdenimmunität zu erreichen. Das muss aber für alle Menschen auf der Welt gelten, wie Hamburgs Top-Virologin Marylyn Addo betont. Bevor man an eine dritte „Booster-Impfung“ denke, sollte man lieber in Afrika und anderen Entwicklungsländern impfen, weil sich dort unter den Ungeimpften die möglicherweise immer gefährlicheren Corona-Mutanten entwickeln.

All das wird aber nicht funktionieren, weil relevante Teile der Gesellschaft zu verblödet sind. Keine Herdenimmunität, keine weltweite Durchimpfung.   Dadurch wird die Mehrzahl der Vernünftigen – in Hamburg sind nun beinahe 2/3 der Erwachsenen vollständig geimpft – eben nie sicher vor Corona sein. Die Mehrheit hat aber ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, sie darf nicht von den Aluhüten krank gemacht werden.

Da offensichtlich eine allgemeine Impfpflicht juristisch unmöglich ist, bleibt nur eine Möglichkeit: Geimpfte müssen sich geschützte Räume schaffen, in denen sie vor den infektiösen Covidioten sicher sind. So wie in Frauenhäusern ein Refugium geschaffen wird, das vor aggressiven Männern schützt, oder in schwul/lesbischen Zentren eine Atmosphäre herrscht, in der sie vor homophoben Attacken sicher sind, möchten wir Geimpften Rückzugsorte, wo wir nicht gefährdet werden. Und genau das erlaubt das 2G-Konzept.

Während aber ein prügelnder Ehemann nicht (so einfach) Zutritt in ein Frauenhaus bekommt, indem er selbst zur Frau wird, haben es die Anti-Vaxxer sagenhaft leicht, die Seiten zu wechseln: Wird es ihnen zu doof, mehr und mehr ausgeschlossen zu sein, brauchen sie nur zwei kleine kostenlose Piekse und sind all ihre Probleme los.

Sicherlich erhöht das den Druck auf Unentschlossene ,sich auch endlich einen Biontech/Moderna-Shot verpassen zu lassen. Und das ist auch gut so! Ein weiterer Pluspunkt für das 2G-Konzept.

Die Betonfraktion der „Basis“ wird das nicht überzeugen; sie werden sich Parallelwelten schaffen, in denen sie ohne Maske und ohne Impfung ihrem Irrglauben von den schwarzen Föten frönen können, die laut David Bergers PP zu Impfseren verarbeitet werden. Oder den Mikrochips, die eine Fernsteuerung der Menschen durch Reptiloiden vom Aledebaran-Nebel zu Folge haben, die uns magnetisieren und im Schwarzlicht leuchten lassen.

Die gute Nachricht: Durch 2G separieren sich diese mental morbiden Maximal-Schwurbler von uns, so daß sie weniger Vernünftige mit in den Tod reißen können.

Die nächsten Pandemiewellen könnten mehr und mehr zu einem Phänomen der Aluhüte werden. Höhere Sterberaten unter AfD-Wählern, Nazis, Trump-Wählern, schweren Religioten und Republikanern? Ich werde deswegen nicht in Tränen ausbrechen.

[….] Immer mehr US-Behörden, Unternehmen und Universitäten erlassen Corona-Impfpflicht-Vorschriften. Diese Pflicht ist kontrovers und stößt auf Widerstand bei solchen religiösen Menschen, die ihre Glaubensfreiheit bedroht sehen. [….] Impfskepsis ist in den USA laut Umfragen vor allem bei weißen evangelikalen Christen verbreitet. Der Jurist John Whitehead sagt, er habe zahlreiche Bitten um Beistand erhalten von Menschen, die Impfverweigerung mit ihrem Glauben begründen. Er ist Vorsitzender des «Rutherford Institute». Die Organisation in Charlottesville in Virginia setzt sich für Religionsfreiheit und Bürgerrechte ein. [….]  Es sei hilfreich, wenn Impfverweigerer Anträge mit Bibelstellen oder Kirchenlehren untermauern. [….] Entscheidend sei, dass ein Verweigerer geltend macht, dass er aufrichtig und ernsthaft überzeugt ist, Impfungen seien unvereinbar mit seinem Glauben. Es genüge zum Beispiel die Überzeugung, er wolle seinen vom Schöpfer geschenkten Körper nicht schädigen mit einem „experimentellen Medikament“. [….]

(Konrad Ege, 26.08.2021)

Weiße Trump-affine Evangelioten, die sich durch ihre Aluhutie selbst aus dem Leben nehmen?

WinWin.

Mittwoch, 25. August 2021

Hassen CDU, CSU und AFDP Deutschland?

Letzte Woche lag ein ungeheuerlicher Kostenvoranschlag auf meinem Tisch; das war ein Vielfaches der Stundenzahl, mit der ich gerechnet hatte.  Ich rief meinen Maler an und fragte, ob er das ernst meint.  Bei 70,50 Euro Bruttostundensatz solle er sich nicht wundern, wenn die Leute ihre Buden lieber schwarz herrichten ließen.

Uiuiui, der war vielleicht sauer; hielt mir einen Vortrag über den Aufwand der Arbeitsschritte, rechnete seine diversen Neben- und Lohnkosten vor, beklagte wie schwierig es wäre überhaupt Angestellte zu finden und im Übrigen koste der mit dem Haus beschäftigte Anwalt 250 Euro exkl. MWSt die Stunde, obwohl der schließlich nur auf seinem Hintern säße, während seine Maler richtig malochten!

Diese Geschichte ist insofern erstaunlich, als ich erst im Alter von über 40 Jahren den Begriff „Gewerk“ kennenlernte. Vorher hatte ich mich nie dafür interessiert, was genau eigentlich welche Handwerker machen. Ich selbst bin bis zum heutigen Tage Mieter; als solcher ist man üblicherweise nicht mit Handwerker-Rechnungen beschäftigt.

Kleinere Problemchen in der Wohnung erledige ich selbst, indem ich zum Baumarkt fahre und mir das besorge, was dazu nötig ist.
Ist es eine aufwändigere Sache, rufe ich meinen Vermieter an. Der schickt einen Handwerker und bezahlt den.

Klempner oder Elektriker hielt ich immer für ähnlich rätselhafte Wesen, wie KfZ-Mechaniker oder Computer-Techniker, die sich mit furchtbar besorgtem Blick über das zu reparierende Gerät beugen, vernehmlich seufzen und dann ungeheuerliche Summen fallen lassen, die eine Reparatur kosten werde.
Man ahnt natürlich, gerade verarscht zu werden, kann aber nichts dagegen machen, weil man sich selbst nie für Autos oder Computer interessierte. Also muss man nun die Konsequenzen tragen und tief in die Tasche greifen.

Über dem Umweg der Betreuung von dementen Personen, fand ich mich aber auf einmal in einer Lage wieder, in der ich Mieter und Wohnungen zu versorgen hatte. Dabei muss ich selbstverständlich korrekt und transparent handeln, weil das Geld, das ich ausgebe, nicht mein eigenes ist. Ich brauche jeweils drei Kostenvoranschläge für jede Arbeit, muss aber auch abwägen, daß ich nicht den Günstigsten nehmen kann, wenn der erst in sechs Monaten einen Termin anbietet, während es bei dem Mieter schon von der Decke tropft und er die Miete mindert. Es gibt zudem diese berühmten behördlichen Anweisungen, die Immobilienbesitzer in den Wahnsinn treiben. Zum Beispiel müssen in Hamburg bis zum 31.12.2020 alle Abwasserleitungen auf Dichte geprüft und die Dichtheit zertifiziert werden.

Als Wahlbürger verstehe ich die Regelung. Es gibt unzählige alte Häuser in Hamburg, deren Abwasserrohre noch aus lose in der Erde verbuddelten Ton-Rohren bestehen. Die sind nach 100 Jahren selbstverständlich alle undicht und die Fäkalien modern sich ungebremst ins Grundwasser durch. Da muss etwas passieren.

Hat man aber wie zum Beispiel ich, gerade ein Haus Baujahr 1841 an der Hacke und muss (ohne einen Cent daran zu verdienen) den ordentliche Betrieb gewährleisten, ist das nicht nur außerordentlich lästig, weil der Keller aufgestemmt werden muss, sondern weil auf Grund der Frist bis Ende 2020 alle Rohfrei-Betriebe hoffnungslos überlastet sind.

Mein Termin ist erst im Februar 2022 und ich hoffe um die Strafe für die Verspätung herum zu kommen, weil ich den Auftrag schon 2019 (!) erteilt habe.

Der eingangs genannte Malermeister konnte mich auch deswegen so anfahren, weil wir uns inzwischen schon so lange und gut kennen, daß wir einen lockeren Umgangston pflegen.  Er leistet tadellose Arbeit und ich nenne ihn überheblich „meinen Maler“, weil ich ihn mit Aufträgen versorge und umgekehrt vorgezogen werde. Wenn ich ein Problem habe, kommt er sofort.

Kontakte zu Handwerkern sind eine harte Währung heutzutage.

Besonders stolz bin ich darauf, inzwischen eine Klempner-Firma zu kennen, die nicht nur sehr gute Arbeit leistet, sondern die auch noch schnell und zuverlässig agiert. Da kann ich nachts eine Email hinschicken und mich 100% darauf verlassen, daß sie sich morgens gleich um 07.00 Uhr um die Angelegenheit kümmern. Früher hätte ich an dieser Stelle Werbung betrieben, den Namen genannt, um den Jungs mehr Kunden zu verschaffen. Heute hüte ich ihn aber lieber, damit die nicht auch hoffnungslos überlaufen werden.

Es gibt aber auch Gewerke, bei denen ich nach wie vor hilflos herumstochere.  Stuckateure sind so gut wie nicht zu bekommen und wissen auch wie begehrt sie sind. Ähnliches gilt für Parkettleger. Aber Holzböden zu verlegen scheitert derzeit schon daran, daß es kein Material gibt. Der Holzweltmarkt ist leergefegt.  Ich hatte einen sehr guten polnischen Fliesenleger, der aber schon vor der Pandemie, also bevor die Leute alle anfingen ihre privaten Küchen und Bäder zu renovieren, eines Tages zu mir sagte, ich solle nicht mehr anrufen, weil er für Monate ausgebucht wäre.

Auf meine Frage, ob er mir dann wenigstens einen anderen Fliesenleger empfehlen könnte, lachte er mich herzlich aus: „Wenn ich einen Fliesenleger kennen würde, der nicht total ausgebucht ist, stelle ich den sofort ein!“  In dem Fall hatte ich schon Glück, weil das ein guter und seriöser Mann ist. Er sagte wenigsten klar ab.

Andere Firmen sind so gierig, daß sie erst mal alles zusagen und dann entweder nie kommen, oder absolute Mondpreise nehmen.
Ich wollte mal ein Holzfenster einbauen lassen, gab den Auftrag an eine große bekannte Fenster-Tischlerei, die mich Monate und Monate immer wieder verschob, bis ich schließlich den Chef so wütend anpfiff, daß er antwortete, „was wollen sie eigentlich? Wir nehmen eigentlich keine Aufträge von unter 100 Fenstern an. Mit dem einen Fenster müssen sie eben hintan stehen!“

Dieser Argumentation folgend wollte ich natürlich wissen, wieso er überhaupt das eine Fenster zugesagt hat. Er hätte meine Anfrage gleich ablehnen sollen, damit ich mir eine kleinere Tischlerei suche.

Wenn man eine Eigentumswohnung besitzt und diese auch selbst bewohnt, kann man bis zu einem gewissen Grad Handwerker vermeiden, leckende Armaturen mit Duct tape flicken, verkokelte Steckdosen mit Verlängerungsschnüren umgehen und ein bißchen Sprühlack auf die Türrahmen geben.

Als Mieter, Vermieter oder Verwalter gibt es diese Möglichkeit aber eher nicht. Da braucht man Handwerker, die ihren Job verstehen, die eine Rechnung stellen, die man beim Finanzamt einreichen kann und die vor allem eine Garantie geben.

Man ahnt ja gar nicht, was es für Pfusch gibt und es fragt sich, ob man am Ende gespart hat, wenn man sich den billigsten, schwarz abrechnenden Handwerker aus dem Netz sucht.
Also muss man in den sauren Apfel beißen, 70 Euro Stundenlohn zahlen.

Und warten. Denn alle Handwerkerfirmen suchen händeringend nach Mitarbeitern. Die Stadt fördert massiv das Anwerben von Lehrlingen in den über 130 Ausbildungsberufen des Handwerks. Der Fachkräftemangel ist gravierend.

Bei einigen körpernahen Dienstleistungen – Friseur, Kosmetik – bin ich nur mittelmäßig mit den Salon-Inhabern mitleidend, weil sie ihre Lehrlinge so ungeheuer schlecht bezahlen.  Man muss den Job schon sehr lieben, um ihn lernen, wenn man a priori weiß, daß der Lohn wohl nie reichen wird, um die Miete für eine Stadtwohnung zu bezahlen.

‚Aber wieso will denn bei Euch keiner anfangen` fragte ich schon mehrfach meinen Malermeister. Bei dem Stundenlohn müssten die Mädels und Jungs doch auch ein paar Euro am Ende des Monats nach Hause tragen.

Eine zufriedenstellende Erklärung hat er nicht, beteuert immer, er würde jederzeit wieder diesen Beruf ergreifen, der schließlich eine gewisse Sicherheit bietet, weil man mit den erlernten Fertigkeiten in quasi jedes Land der Erde auswandern kann, um dort zu arbeiten.

Aber woran auch immer es genau liegt; immer weniger junge Deutsche wollen Berufe ausüben, bei denen man körperlich gefordert wird.

Abitur und Studium sind das Maß der Dinge. Wer sich mit „mittlerer Reife“, oder gar Hautschulabschluss begnügt, wird schon schief angesehen.  Hochqualifizierte verlassen Deutschland, weil man als Arzt in Skandinavien oder England sehr viel bessere Arbeitsbedingungen hat, weil Spitzenforschung nicht mehr an den deutschen Universitäten stattfindet. Nach 16 Jahren Merkel hat Deutschland technisch den Anschluss verloren.

Die Bildungs- und Ausbildungspolitik, seit 16 Jahren in den Händen der CDU, ist ein Desaster.

Die Demographie tut ihr Übriges. Es werden weniger Kinder geboren, als Menschen in Rente gehen.  Wir wissen schon lange, daß immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner finanzieren müssen.

Das schlägt natürlich auch auf die Handwerksberufe durch, aus denen jedes Jahr in Deutschland 150.000 Menschen aufgrund ihres Alters ausscheiden.

[….] Ich mache mir gar nicht so viele Sorgen um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Viele Firmen sind am Weltmarkt unterwegs, und sie haben gute Konzepte. Aber es wird durch die demografische Entwicklung in Deutschland zu wenig Arbeitskräfte geben. 2020 nahm die Zahl der Bürger im typischen Berufsalter, also der potenziellen Arbeitskräfte, um mehr als 50 000 ab. Dieses Jahr sind es fast 150 000. In den nächsten Jahren wird es viel dramatischer. Die Demografie ist kritischer als die Transformation. Ich verstehe nicht, warum darüber niemand redet. [….]

(BA-Präsident Scheele, 24.08.2021)

Keine Frage, bestimmte physisch sehr fordernde Berufe kann man mit 60 oder 65 üblicherweise nicht mehr ausführen. In anderen handwerklichen Bereichen (Kosmetikerin, Maskenbildner, Edelsteinschleifer, Feinoptiker, Porzellanmaler, Mediengestalter, Uhrmacher, Maßschneider, Augenoptiker) halte ich es für völlig widersinnig, gesunde 65-, oder 68-Jährige nach Hause zu schicken, wenn sie weiter arbeiten wollen. Flexirente jetzt!

Aber auch eine Abkehr vom starren Rentenalter wird das Problem nicht lösen, daß es für viele Berufe schon lange nicht genügend Nachwuchs gibt.

Die Veranstaltungsbranche und Gastronomie kann auch mit Peter Tschetschers neuer und goldrichtiger 2G-Strategie nicht wieder auf Volllast gehen, weil sie nicht genügend Servicekräfte haben.

Dramatisch ist der Mangel insbesondere in medizinischen und Pflegeberufen.

Umso grundfalscher und schädlicher ist das xenophobe CDU-Mantra von dem Jahr 2015, das sich nicht wiederholen dürfe.

Das ist nicht nur amoralisch und menschenfeindlich, sondern schadet auch dem deutschen Wohlstand massiv.  Ja, in Deutschland werden weniger Kinder geboren. Das ist aber angesichts der dramatischen weltweiten Überbevölkerung und der enormen Bevölkerungsdichte in Europa gleichzeitig ein Segen.  Es müssen nur mehr Einwanderer nach Deutschland kommen.  Mindestens 400.000 Menschen jedes Jahr, wenn wir unseren Lebensstandard halten wollen.

[….] Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, hat vor einem massiven Arbeitskräftemangel in Deutschland gewarnt. "Wir brauchen 400.000 Zuwanderer pro Jahr. Also deutlich mehr als in den vergangenen Jahren", sagte Scheele der "Süddeutschen Zeitung". "Von der Pflege über Klimatechniker bis zu Logistikern und Akademikerinnen: Es werden überall Fachkräfte fehlen." [….]

(Tagesschau, 24.08.2021)

Die Briten bekommen durch den Brexit und ihre xenophobe Vertreibung von Ausländern schon einen Vorgeschmack auf das was uns auch bald blüht.

Die Landwirtschaft bricht zusammen. Hunderte Tonnen britischer Früchte vergammeln auf den Feldern, weil Saisonarbeiter nicht mehr nach England kommen.

Viele Briten dürften das erste mal seit den 1950ern keinen Truthahn mehr zu Weihnachten auf den Tisch bekommen – der Arbeitskräftemangel ist schuld.

[….] Doch ob es in diesem Jahr wieder genug für alle gibt, ist durchaus fraglich. Der British Poultry Council, der Verband der geflügelverarbeitenden Industrie, hat nämlich davor gewarnt, dass es zu Engpässen bei Truthähnen kommen könnte. Der Grund: Es fehlen Arbeitskräfte, die bisher aus der EU kamen. Anders gesagt: Schuld an der Misere ist vor allem der Brexit.  Der Verband hat deshalb einen Brief an die britische Innenministerin Priti Patel geschrieben. Darin heißt es, dass viele Unternehmen aufgrund von Personalmangel gezwungen seien, die wöchentliche Produktion um bis zu zehn Prozent zu kürzen. Der Verband geht davon aus, dass die Versorgung mit Truthähnen zu Weihnachten um ein Fünftel einbrechen könnte. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: "Wir sehen uns mit einem ernsthaften Mangel an Produktions- und Verarbeitungspersonal konfrontiert, das im Sinne des Innenministeriums als gering qualifizierte Arbeitskräfte eingestuft wird, aber eine unglaublich wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung und der Ernährung der Nation spielt." Der Verband fordert deshalb Änderungen bei den Einwanderungsregeln. [….]

(Alexander Mühlauer, 22.08.2021)

Den englischen Fastfood-Giganten gehen die Getränke aus, keine Milchshakes mehr in Londoner McDonalds.

Die Supermarkregale leeren sich zunehmend, weil sich keine Lastwagenfahrer mehr finden, um die Waren zu transportieren.

[….] In Großbritannien fehlen Lastwagenfahrer. Das führt zunehmend zu Problemen. In britischen Supermärkten sind große Lücken in den Regalen seit Wochen nicht zu übersehen. Das Handelsverband British Retail Consortium bestätigte "geringfügige Störungen in den Lieferketten". Auch von Tesco, einer der größten britischen Supermarktketten, hieß es, man erlebe sporadische Störungen aufgrund des branchenweiten Mangels an Fahrern. Das führe dazu, dass es bei einigen bestimmten Produkten Engpässe gebe. Auch Tankstellen oder Fabriken, die ihre Produktion aussetzen müssten, sind betroffen.  [….]

(SZ, 24.08.2021)

Ohne Massenzuwanderung geht es nicht mehr in Westeuropa. Wir werden es wohl auf die harte Tour lernen müssen.

Wir brauchen viel mehr Ausländer in Deutschland. FDP, CDU, CSU und AfD versündigen sich, indem sie diese Erkenntnis verheimlichen und diskreditieren.

Offensichtlich hassen sie Deutschland, wenn sie ihrem Vaterland so sehr schaden.

Dienstag, 24. August 2021

Wärme um das sozialdemokratische Herz

Man möge mir verzeihen, wenn ich schon wieder in volatilen demoskopischen Daten bade, die (ja, ich weiß es) keine Wahlergebnisse, sondern bloß augenblickliche, ungenau gemessene Stimmungen widerspiegeln.

Aber seit einer knappen Generation lag die Union in der Sonntagsfrage nicht mehr hinter der SPD. Das möchte ich jetzt bitte genießen. SPD 23%, CDUCSU 22%, Grüne 18%.

[…..] Etwas mehr als einen Monat vor der Bundestagswahl ist die SPD erstmals seit Jahren in einer Sonntagsfrage wieder stärkste politische Kraft in Deutschland. Im am Dienstag veröffentlichten Trendbarometer des Forsa-Instituts für RTL und n-tv kommen die Sozialdemokraten auf 23 Prozent, die Union erreicht 22 Prozent. Die SPD gewinnt im Vergleich zur Vorwoche zwei Prozentpunkte hinzu, die Unionsparteien büßen einen Punkt ein. In der Datenreihe des Instituts landen die Sozialdemokraten damit erstmals seit fast 15 Jahren auf einem höheren Wert als die Union.   Die jetzt für die Union ermittelten 22 Prozent sind laut Forsa der schlechteste Wert, den das 1984 gegründete Institut jemals für CDU und CSU berechnet hat. Die Grünen rutschen um einen Prozentpunkt auf 18 Prozent ab und liegen auf Rang 3. […]

(SZ, 24.08.2021)

Die Erklärungen für den gegenwärtigen sozialdemokratischen Erfolg sind recht unumstritten:
Ein progressives, sehr konkretes Programm in Kombination einem hochseriösen, erfahrenen Spitzenkandidat, der Ruhe ausstrahlt.

[….] Mutig, programmatisch sattelfest und geschlossen - das offenbar war das Langfristrezept, auf das nicht nur Scholz setzte, auch der stellvertretende Bundesvorsitzende Kevin Kühnert, der seine Partei als Jusochef so oft quälte und doch aus früheren Fehlern lernte: "Bei Martin Schulz sind wir ja mit überschwappender Euphorie, aber ohne programmatische Einigung gestartet. Und haben gesehen: Da geht einem der Treibstoff auf halber Stecke aus."  Jetzt haben sie mit Scholz ein Modell "seriöse Langeweile" aber als Treibstoff immerhin ein sehr progressives Programm. Womöglich ist das ein Grund, warum jetzt funktioniert, was lange brauchte, meint Kühnert: "Vielleicht ist es anders herum sinnvoller: Erst die inhaltliche Klärung zu haben, mit ein bisschen weniger Euphorie in den Wahlkampf reinzugehen - zumindest, was die Herzenswärme gegenüber dem Kandidaten angeht. Dafür ist so ein hanseatisches Gemüt vielleicht auch einfach nicht so gemacht." Aber dafür wisse man, dass nicht so viele Tretminen auf die Partei warteten. [….]

(Tagesschau 24.08.2021)

CDU und Grüne versuchten es genau umgekehrt. Von ihnen gibt es jeweils nur ein vages Programm, in das man alles und nichts reinlesen kann.  Im Gegensatz dazu sollte der jeweilige Kandidat strahlen und nicht von programmatischen Fesseln ausgebremst werden.

Auch das ist ein politisches Wahlkonzept, das funktionieren kann. Könnte.

Dafür braucht es aber nicht nur schillernde Spitzenkandidaten, sondern auf faktenfeste überzeugende Redner.

Wie wir aber inzwischen wissen, haben Schwarze und Grüne auf eine/n falsche/n Kandidate/in gesetzt.

Laschet behauptet, es gäbe keinen Spielraum für Steuersenkungen und wenn doch, dann nur für die kleineren und mittleren Einkommen. Im CDU-Wahlprogramm stehen aber Unternehmenssteuererleichterungen und der Wegfall des Soli für die 10% der reichsten Deutschen. Das sind einseitige Steuererleichterungen für die Superreichen.

Entweder Laschet weiß das nicht – dann wäre er in so einem wichtigen Punkt nicht informiert und somit inkompetent als Kanzler.

Oder Laschet weiß es besser und lügt  - dann wäre er in so einem wichtigen Punkt moralisch untragbar.

Bei einem vagen Programm muss umso mehr der Spitzenmann vorlegen.

Dummerweise fällt dem CDU-Chef selbst nicht ein, was er eigentlich als Kanzler tun will.

[….] In einem Interview mit "Focus Online" wurde Laschet nach drei Punkten gefragt, die ihm politisch wichtig sind. Ihm fielen allerdings nur zwei ein.  "Digitalisierung" finde er sehr wichtig, so Laschet am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in Osnabrück. Außerdem wolle er Bürokratie abbauen, um Industrie und Klimaschutz besser miteinander vereinbaren zu können. Ob ihm noch ein dritter Punkt einfalle, fragte die Reporterin. Da geriet Laschet ins Schlingern und hatte offenbar spontan keine Antwort parat: "Joa, was machen wir noch ..." [….]

(STERN, 20.08.2021)

Auch die Grünen liefern stetig neue Peinlichkeiten.

Nach dem desaströsen Laschet-Werbspot mit Holocaust, legen nun die Grünen ein Liedchen vor, von dem sich dem Zuhörer die Zehennägel hochbiegen.

Zum Mitschämen. Ich fasse es nicht. Was für Irre sitzen denn bitte im Baerbock-Wahlkampfteam? Das ist nicht nur eine Frage des (schlechten) Geschmacks, sondern auch strategisch deprimierend falsch, weil so etwas garantiert zum Shitstorm einlädt. Es erinnert fatal an die Nahles-Sangeseinlage am Bundestagsrednerpult. Aber das war ein Fehler einer einzelnen Person. Außerhalb des Wahlkampfes.




An „ein schöner Land“ wirkten aber offensichtlich viele Menschen aus der Parteispitze mit. Und keinem fällt auf, daß man damit nur Hohn und Spott generiert? Der Werbespot an sich ist also weniger das Problem, als die gruselige Erkenntnis, daß im Grünen-Hauptquartier immer noch so sagenhaft unprofessionell agiert wird, daß niemand rechtzeitig warnt.
Annalena Baerbock hat ihren Laden ganz offensichtlich nach wie vor nicht im Griff.

Wie sollte sie dann in der Lage sein, ein 82-Millionen-Volk  anzuführen?

[….] Der Spot richtet sich nach Angaben der Grünen vor allem an Menschen über 60 Jahren, die eher konservativ eingestellt sind. Der Parteivorstand mit Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock war zuvor in die Entwicklung des Werbespots eingebunden.  In den sozialen Netzwerken sind die Meinungen sehr unterschiedlich. Auf Twitter landete in kurzer Zeit das Wort »cringe« in den Trends, was häufig ein Gefühl des Fremdschämens ausdrücken soll. Einige lobten den Spot aber auch als Ohrwurm und passend für die gewünschte Zielgruppe. Außerdem äußerten sich mehrere Prominente. »Vielleicht WOLLEN die Grünen gar nicht gewählt werden!?«, fragte der Satiriker Jan Böhmermann auf Twitter. [….]

(SPON, 24.08.2021)

Noch bin ich bloß die Ü50-Alterskohorte, aber als jemand, der auch in absehbarer Zeit in die Ü60 aufrücken wird, empfinde ich eben diese Zuschreibung als besonders perfide von den Grünen. Alte sollen also gar keinen Geschmack haben?

Heute starb der Rolling-Stones-Schlagzeuger Charlie Watts im Alter von 80 Jahren. Rolling Stones. 80. Und die Grünen glauben, mit über 60 höre man grausige Volkslieder? Was für eine Unverschämtheit.

Montag, 23. August 2021

Mit militärischem Gerät am Hindukusch.

Der aktuelle SPIEGEL titelt, wenig überraschend, mit Afghanistan.

  Das sind informative, gut geschriebene Artikel, die ich gern empfehle.

Die Analyse der grotesken Fehler und Verbrechen des Westens ist wenig erfreulich zu lesen, weil so vieles davon seit Jahren bekannt ist.

Es ist die Geißel unserer Zeit; wir gehen sehenden Auges in die globalen Megaprobleme, wissen lange vorher was nicht funktioniert, wie man eigentlich handeln müsste, sind aber als Weltgemeinschaft kollektiv zu verblödet, um zu handeln. Klimakrise, Ressourcenverteilung, Digitalisierung, Corona-Impfstoff für Afrika, Waffenexporte, Decarbonisierung, Finanzmärkte, Turbokapitalismus, Lebensraumzerstörung, Flüchtlingsströme. Nichts kommt überraschend. Aber sogar auf nationaler Ebene in einem aufgeklärten reichen Land wie Deutschland, sind wir außerstande auf Tierwohl in der Landwirtschaft zu achten, drastische soziale Ungerechtigkeiten zu verhindern, Breibandinternet auszubauen, uns von der Kohleverstromung zu trennen.

Die brutale Amoralität der NATO, der USA und Deutschlands in Afghanistan passt also ins Bild.

Weil Washington, Brüssel und Berlin unfähig sind, sich eine andere Regierungsform als die eigene vorzustellen, musste nach der Zerschlagung Al Kaidas und der Vertreibung Mullah Omars, der Karsai-Popanz mit demokratischen Wahlen aufgebaut werden. Die Präsidentschaftswahlen von 2009 waren eine Farce aus Betrug und Korruption. Um das Gesicht zu wahren, wollte die UNO in Kabul einen zweiten Wahlgang durchführen lassen. Das wollte aber Afghanistan nicht.

[….] Im Morgengrauen des 28. Oktober überfielen drei Attentäter das Uno-Gästehaus in Kabul, erschossen die Wächter, drangen in den Hof ein und gingen daran, die knapp 30 Uno-Mitarbeiter zu ermorden. Bis sie unerwartet auf Gegenwehr stießen. Louis Maxwell, ein amerikanischer Ex-Militär und Sicherheitsbeamter, schaffte es anderthalb Stunden lang, die Angreifer von einem der Dächer aus in Schach zu halten. Hilfe der afghanischen Polizei, der Armee kam nicht – mitten in Kabul. Als die drei Angreifer ihre Selbstmordgürtel gesprengt hatten, wankte Maxwell ins Freie, telefonierten vier weitere Uno-Mitarbeiter noch, dass sie jetzt herauskämen.  Minuten später waren alle tot, die vier direkt von vorn erschossen, Maxwell, während er zwischen afghanischen Soldaten auf der Straße stand. Niemand von diesen zuckte, schaute auf, als ein einzelner Schuss Maxwell niederstreckte. Seine Leiche schleiften sie in den Hof. Erst ein zufällig von einem deutschen Sicherheitsmann von einem Dach mehrere Häuser weiter aufgenommenes Video von Maxwells Ermordung brachte die internen Uno-Ermittler Monate später auf die Spur. Doch alles sollte geheim bleiben. Im Sommer 2010 bat mich ein FBI-Ermittler um ein Treffen in Kabul. Auf die Frage, was nun geschehe, schüttelte er den Kopf: Es werde keine weiteren Ermittlungen geben. Washington wolle Karzai nicht desavouieren. Nach dem Anschlag wurde die Hälfte des Uno-Personals abgezogen und der zweite Wahlgang abgesagt. Hamid Karzai bekam seinen Sieg. [….]

(Christoph Reuter, SPIEGEL, 21.08.2021)

Nur einmal in der Geschichte Afghanistans gab es eine Hoffnung auf einen einheitlichen Nationalstaat. Nämlich als 1979 die sowjetische 40. Armee unter Marschall Sergei Sokolow mit 115.000 Mann eimarschierte. Anders als im Fall USA/NATO 2001, gab es 1979 immerhin den Hauch einer Legitimation, da die Regierung der Demokratischen Republik Afghanistan tatsächlich um Unterstützung aus Moskau gebeten hatte.

Assistiert wurde der Roten Armee von 55.000 afghanischen Soldaten, der DDR und Indien. Mit dieser gewaltigen Anzahl von Bodentruppen und Panzern gelang es der damaligen Supermacht fast, eine säkulare Kabuler Regierung im ganzen Land zu stabilisieren, in der keine Scharia galt und Frauen gleichberechtigt waren.

Bekanntlich wurden aber an die 200.000 radikal-islamische Mudschahedin (unter ihnen Osama bin Laden) schlauerweise massiv von Bonn, der USA, Israel, Ägypten, England, Pakistan und Saudi-Arabien aufgerüstet.  Die USA sorgen maßgeblich dafür, daß die Islamisten gewannen, die Menschenrechte ausgehebelt wurden.

Inzwischen ist es quasi ein Sigature-Move der US-Außenpolitik, ihre eigenen Kriegsgegner zuvor selbst massiv aufzurüsten.

Wie schon der Irak unter Saddam Hussein, bekamen auch die Mudschahedin Afghanistans ihre Waffen aus den USA, bevor ihnen Washington den Krieg erklärte und ein gewaltiges Chaos mit mindestens 500.000 Toten anrichtete.

Und weil der Fehler so massiv war, wiederholten die USA mit dem einseitig von Trump und den Taliban im Frühjahr 2020 bekannt gegebenen Rückzug diesen Kardinalfehler. Die nun unter Biden endgültig abziehende US-Army hinterließ gewaltige Waffenarsenale, die sich nun vollständig in den Händen der Taliban befinden. Fabrikneue US-amerikanische Waffen im Wert von mindestens 50 Milliarden US-Dollar gelangten in den letzten Wochen an die Taliban.

[….] Keine Hightech-Armee, aber doch moderne Sturmgewehre und MGs, etwas Artillerie, geländegängige Humvee-Jeeps, minensichere MRAPs -Truppentransporter. Keine echte Luftwaffe, sondern nur zwei Dutzend A-29 Tucano-Jets: Das Turbo-Prop-Flugzeug war geeignet, die Taliban anzugreifen, wenn sie Stützpunkte und Checkpoints der Armee attackieren sollten. Dazu Helikopter und Transportflugzeuge. Dem Wall Street Journal zufolge waren es bis 2016 mehr als 200 Maschinen. Das Gerät sollte robust sein, leicht zu warten. Das kommt nun aber den Taliban zugute, die sich nach 20 Jahren Krieg auskennen. War in Afghanistan früher die Kalaschnikow die Waffe der Wahl, haben viele der Kämpfer längst US-Sturmgewehre. Auf den Videos und Selfies in den digitalen Medien halten die Kämpfer stolz M-4-Karabiner, M-16-Gewehre und amerikanische Scharfschützengewehre in den Händen. Sie hatten solche US-Waffen bereits während der jahrelangen Kämpfe erbeutet. Aber jetzt sind ihnen die Bestände aus den Armee-Lagerhäusern in die Hände gefallen: Ein Arsenal, über 20 Jahre angehäuft. [….] Dem Wall Street Journal und CNN zufolge wurden allein zwischen 2003 und 2016 an Kabul 600 000 Sturmgewehre und andere Handfeuerwaffen geliefert. Dazu MGs, Pistolen, Minen, Mörsergranaten, kleinere Raketen, Panzerfäuste, Nachtsichtgeräte, Funkausrüstung, Helme, Schusswesten, Uniformen.  Zwischen 2013 und 2017 sollen zudem 76 000 Fahrzeuge ins Land gekommen sein, so der Sender unter Berufung auf US-Behörden. In den nächsten zwei Jahren seien noch einmal fast 4700 Humvee-Geländewagen dazugekommen, 7000 MGs, Granaten. In den Depots müssen demnach auch Unmengen an Munition lagern: Allein in zwei Jahren kamen 18 Millionen Schuss nach Afghanistan. [….]

(Tomas Avenarius, 22.08.2021)

Ich bin sicherlich kein Militär-Experte und verstehe nichts von Waffen.  Aber ausgerechnet die Hintermänner des 9/11-Anschlages von 2001 nun erneut mit einem derartigen Waffenarsenal auszustatten, erscheint mir doch eher unklug.

Das könnte ein Schachzug aus dem lehrreichen Film IDIOCRACY sein, der am Freitag, den 27.08.2021 auf Tele5 läuft und den ich jedem als Parabel für die aktuelle Politik empfehlen möchte.

Die US-Amerikaner haben George W. Bush im Jahr 2.000 aufgrund ihres grotesk unfairen Wahlrechts mit MINDERHEIT zum US-Präsidenten und Oberbefehlshaber gewählt. Sie haben ihn aber, weit schlimmer, nach dem Bekanntwerden all seiner Lügen und der totalen Desaster zweier Kriege im November 2004 wiedergewählt. GWB hatte 2001 grünes Licht von dem UN-Sicherheitsrat Al-Kaida und die Taliban-Herrschaft zu zerschlagen.

Der Angriffskrieg auf den Irak 2003 war aber illegal und desaströs. Das begriffen glücklicherweise Joschka Fischer und Gerhard Schröder sofort. Nicht aber eine gewisse Angela Merkel, die ganz begeistert von dem Plan war und eigens nach Washington reiste, um vor GWB Kotau zu machen, weil sie unbedingt am Irakkrieg die Bundeswehr beteiligen wollte.

GWB hatte natürlich auch kein Placet, um nach der Niederschlagung der Al Kaida in Afghanistan sitzen zu bleiben, um eine westliche Demokratie, wie sich das klein George in Texas so vorstellt, zu installieren.  Bush, Blair, die GOP, Merkel, Pflüger, Schäuble waren vollständig borniert und nahmen weder Experten noch historische Tatsachen zur Kenntnis.

[…..] Aber keiner - kein Präsident und kein General, kein Aufbauhelfer und keiner der unzähligen Besserwisser und Ankläger der letzten Tage - konnte das prinzipielle Dilemma Afghanistans lösen: dass es sich nämlich nicht um einen Staat handelte, der nach herkömmlichen Vorstellungen zu regieren, zu beherrschen und zu befrieden sein würde. Afghanistan ist ein historischer Konstruktionsfehler, in seinen Landesgrenzen das Abfallprodukt gescheiterter Kolonialpolitik und der britisch-russischen Großmachtsrivalität, ein Kunststaat an der Schnittstelle von Kontinenten und Religionen, unwirtlich und unzugänglich, vielleicht das komplizierteste Gebilde der Welt. Entscheidend für das Verständnis des Landes ist die Stammesordnung, die keine Grenze, aber dafür ihre eigenen Gesetze kennt - niemals aber den Frieden.  Die afghanische Geschichte besteht aus einer endlosen Aneinanderreihung von Kriegen, die entweder zwischen paschtunischen Stämmen oder gegen den äußeren Feind aus Persien, Indien, Russland oder zuletzt die USA geführt wurden.  [….]

(Stefan Kornelius, 21.09.2021)

Noch einmal; keine dieser Informationen ist geheim. Man hätte das jederzeit einfach googeln können. Oder im Jahr 2001 den Fernseher einschalten können. Da saßen rund um die Uhr Peter Scholl-Latour und Kollegen, die das alles dem breiten Publikum erklärten.

Ich frage mich nur, ob der große US-Freund Scholl-Latour sich hätte vorstellen können, daß  Washington und das Pentagon so sagenhaft verblödet sein könnten, zum dritten Mal ihre islamischen Todfeinde mit modernsten Waffen im Wert von zig Milliarden aufzurüsten.

Sonntag, 22. August 2021

Nerven behalten und Nerven verlieren

Jetzt erscheinen wieder die Artikel, die darauf hinweisen, daß Umfragen zur Bundestagswahl lediglich augenblickliche Stimmungen einfingen. Die Wahl sei aber noch lange nicht entschieden. Online gewonnene, möglicherweise nicht sehr repräsentative Daten, die nichts mit Wahlprognosen zu tun hätten.

Jede Partei, die von den Demoskopen böse Nachrichten bekommt, verbreitet mit größtmöglicher Ruhe, sich davon nicht nervös machen zu lassen.

„Wir wollen keine Umfragen gewinnen, sondern Wahlen“.

Man verweist, je nachdem, ob man gerade auf der demoskopischen Gewinner- oder Verliererseite steht, wie grandios die Institute sich irrten (zB Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2021), oder aber wir präzise die Zahlen tatsächlich waren (zB. Landtagswahl Baden-Württemberg 2021, Bund 2013).



„Umfragen sind keine Wahlergebnisse“ – diese Binsenweisheit ist natürlich absolut richtig.

„Ich interessiere mich nicht für Umfragen, sondern nur für Wahlergebnisse“ – diese Schutzbehauptung ist natürlich immer gelogen.

Umfragen sind die Drogen der Politiker. Man kann sich ihnen kaum entziehen; wer erliegt nicht dem Reiz, vermeidlich in die Zukunft sehen zu können?

Ich bekenne, ebenfalls ein Junkie zu sein und neue Umfragen stets aufmerksam zu verfolgen, ohne mir genügend bewußt zu machen, wie wenig aussagekräftig sie sind.

Unter prominenten Politikern findet man kaum einen, der zugibt, sich immer auf der Jagd nach dem nächsten demoskopischen Schuss zu befinden.  All die Smombies, die rund um die Uhr auf ihre Klugtelefone starren, um ihre Likes in den Social Media zu checken, sollten nicht allzu überheblich auf Umfrage-verrückte Wahlkämpfer gucken.

[…..] Im Leben von Dietmar Bartsch ist fast immer Sonntag. Da draußen in der Realität kann es noch so sehr Montag, Mittwoch oder Freitag sein, ein Spitzenpolitiker wie Bartsch muss sich permanent mit der Frage herumschlagen, wie viel Prozent der Wahlberechtigten seine Linkspartei wählen würden, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre.   Wahrscheinlich gibt es keine Frage, die den Deutschen häufiger gestellt wird als die nach diesem fiktiven Tag. Es existiert ja nur alle vier Jahre ein Sonntag, an dem tatsächlich eine Bundestagswahl stattfindet, das nächste Mal am 26. September. Aber Deutschland ist inzwischen auch ein Land, in dem im Rhythmus der aufgehenden Sonne simuliert wird, der 26. September sei schon angebrochen. Bartsch sagt: "In manchen Wochen kriege ich sieben Sonntagsfragen."   Mittwochs ist traditionell Forsa-Tag. Donnerstags vermelden die Forschungsgruppe Wahlen und Infratest Dimap ihre Ergebnisse. Die Zahlen von Kantar erfährt Bartsch am Freitag. Das Institut Insa ist inzwischen zweimal die Woche mit einer frischen Sonntagsfrage auf dem Markt, sonntags und dienstags. Dazu kommen noch die tägliche Civey-Umfrage sowie die etwas seltener erscheinenden Erhebungen von Allensbach, GMS, Yougov und Ipsos. Dieses demoskopische Dauerrauschen empfinden viele Politiker als lästig. Aber wahrscheinlich würden die wenigsten so offen wie Dietmar Bartsch zugeben, dass es sich auch um eine Art Rauschgift handelt. "Wir Politiker sind fast alle Umfrage-Junkies", sagt er. "Man muss sich davon lösen, aber das ist unmöglich." [….]

(Boris Herrmann, 07.07.2021)

Umfragen sind aber nicht nur eine Droge für Politiker, die wiedergewählt werden möchten und diejenigen, die sich für Wahlen interessieren.

Umfragen sind auch selbst Politik, denn Umfragetrends beeinflussen das Wahlverhalten. Wähler kreuzen nicht gern die Partei an, die wie der sichere Verlierer aussieht, die sich über Monate und Jahre im demoskopischen Keller befindet.

Deswegen ist es so wichtig und durchaus relevant für die SPD, daß nach vier Jahren der permanenten Sonntagsfragen-Demütigungen Bewegung in den Zahlenwust kommt.

Etwas, das seit den frühen Tagen von Martin Schulz undenkbar war, passiert gerade: Die SPD Liegt in einigen Befragungen auf Augenhöhe mit der CDU/CSU.

Bessere Umfragedaten beeinflussen auch, wie Politiker medial dargestellt werden. Journalisten stellen ihnen anderen Fragen, nehmen sie subtil ernster.

Auch wer bisher nicht daran dachte SPD zu wählen, weil ihm die Stimme verschenkt vorkäme, kann sich das nun doch wieder vorstellen, weil er damit auf der Gewinnerseite stehen könnte und dazu beiträgt, den Katholiban-Trottel Armin Laschet aus dem Kanzleramt fern zu halten.

Wer hätte das gedacht? Endlich macht die SPD etwas richtig, endlich folgt sie dem was ich seit zehn Jahren auf diesem Blog schreibe: Linke Gremienkönige, die wie Saskia Esken oder Kevin Kühnert nie regiert haben und sich vor allem für die eigene Partei und Gerd Schröder schämen, halten endlich die Klappe und sitzen schweigend im Hinterzimmer.

Die Arbeit des Wahlkampfes überlassen sie dem Profi Olaf Scholz, auf dessen Rücken die alte Tante SPD an Fahrt gewinnt, während die Union mit dem ans Bein gebundenen Bremsklotz Laschet kämpft.

Ideal ist das immer noch nicht. Besser wäre es natürlich, wenn die Parteizentrale professionell und engagiert Scholz unterstützte, statt grummelnd abzutauchen. Es ist nicht die begeisterungsfähige SPD aus den späten 1990ern, die Schröder auf über 40% trug.   Aber durch den Hamburger Olaf-Turbo sieht es schon mal viel besser aus, als man seit 2017 jemals hoffen konnte.

Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Willy Brandt-Haus und weiterhin die Jusos im Zaum halten.

Bei den Schwarzen erleben wir die spiegelbildliche Situation. Sie starren natürlich ebenfalls auf die Umfragen und schaffen es erkennbar nicht mehr, ruhig zu bleiben und Zuversicht auszustrahlen.

Eine 20%-CDUCSU bedeutet nämlich nicht nur, daß Laschet vermutlich nicht Bundeskanzler wird, sondern auch, daß sehr viele schöne Pöstchen verloren gehen, daß viele C-Abgeordnete demnächst arbeitslos werden.

Der ultrakonservative Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß versucht sich bereits in heller Aufregung von seinem Kanzlerkandidaten abzusetzen und setzt auf sein dreist lügendes Idol Friedrich Merz.

[…..] „Ich halte es für wichtig, dass in unserem Wahlkampf noch weitere Köpfe sichtbar werden, die die ganze Breite der Union darstellen und Strahlkraft für bestimmte Themen haben“, sagte Christoph Ploß in einem Interview mit „Die Welt“.  […..]

(Mopo, 22.08.2021)

Ein heftiger Absturz droht der Union in Bayern.

Die Partei, die noch unter Stoiber eine Zweidrittelmehrheit im Landtag bekam, dümpelt nun nur noch bei einem Drittel. Der Sonnenkönig Markus Söder, CSU-Chef, Ministerpräsident, feuchter Traum aller JU-Jungs und Beinahe-Kanzlerkandidat, steht auf einmal intern unter heftiger Kritik, weil er die konservativen Themen derzeit nicht mehr herausposaunt.

[…..] Markus Söder hat zwar nach eigenem Bekunden keinen Bock auf Opposition, doch inzwischen sieht es so aus, als ob immer weniger Menschen Bock auf eine unionsgeführte Bundesregierung haben. Die neuen Umfrageergebnisse vom Wochenende sind aus der Sicht der CSU niederschmetternd: Nur noch 34,5 Prozent der Befragten würden in Bayern bei der Bundestagswahl die CSU wählen. [….]

(Sebastian Beck, 22.08.2021)

Auch der fromme Armin selbst wird nervöser und produziert schneller denn je Panne auf Panne, redet immer unsinniger daher.

[…..]  »Ich werde kämpfen, damit nicht die Ideologen dieses Land übernehmen«, rief Laschet zuvor in den Saal, sehr zur Freude der Anwesenden.  […..]

(Spon, 21.08.2021)

Eine hanebüchene Warnung, denn Olaf Scholz ist ganz sicher eins nicht: Der klassische linke Ideologe, vor dem man so eine Angst haben muss!

Peinlichkeit reiht sich an Peinlichkeit.

Der CDU-Mann, der bequem die antisemitische Ideologie des Kandidaten Hans-Georg Maaßen aussitzt, instrumentalisiert nun das Holocaust-Mahnmal in Berlin für Werbezwecke.

In einem Werbevideo imitiert Laschet die RTL-Reporterin Susanna Ohlen, die sich für mehr Dramatik bei der Flut-Berichterstattung mit Matsch eingerieben hatte, indem er sich bei einem Besuch einer Zeche kräftig die Bäckchen mit Ruß beschmierte.

Und nun kommt auch noch Rezo und mischt die Erstwähler auf.

Samstag, 21. August 2021

Aus und Verklärung

US-Amerikaner wissen grundsätzlich so gut wie nichts über europäische Politik.

Wenn man auch noch bedenkt, mit welcher Sorte konservativer Politiker sie es zu tun haben, versteht man wie großartig ihnen Angela Merkel erscheint.


Viel Richtiges ist nicht dabei. Merkel regierte 16 und nicht 18 Jahre als Kanzlerin. Der Quantenchemiker ist ihr Ehemann und nicht sie selbst.  Und von „skandalfrei“ kann nun wirklich keine Rede sein.

Bel Air in Kalifornien, daher stammen diese Lobhudeleien, ist weit weg. Aber auch die liberalen normalen Menschen in Deutschland lobpreisen die Kanzlerin fern jeder Realität.

80% der Deutschen sind mit Merkel zufrieden. Das deprimiert mich, weil es zeigt wie wenig Urteilsvermögen beim Urnenpöbel herrscht, andererseits gibt es mir auch Hoffnung, da diese enorme persönliche Verklärung der Kanzlerpräsidentin offensichtlich ein enormer Faktor der vergangenen CDU/CSU-Wahlerfolge war. Ein Faktor, der nun ausfällt und Armin Laschet noch dämlicher aussehen lässt.


Die Verklärung der Merkelschen Regierungsjahre ist aberwitzig.

Von Anfang an erfüllte sie einseitig die Wünsche der Großindustrie, die für die CDU spendete. Es begann mit der privaten Geburtstagssause des Deutsche Bank-Chefs Ackermann im Kanzleramt. Der Mann hatte so exklusiven Zutritt zu ihr, daß er ihren privaten Fahrstuhl benutzen durfte, um jederzeit direkt in ihr Büro zu kommen. Als die Banken sich dann in der Mega-Krise 2008/9 katastrophal verspekulierten, übernahm der deutsche Steuerzahler ihre Verluste. Unter Merkel hieß es Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren.

Die Christin Merkel war 16 Jahre lang die ganz große Lobbyistin der deutschen Rüstungsindustrie, nahm die Knarren-Hersteller im Regierungsjet mit, sorgte für einen Waffenexport-Rekord nach dem anderen.

Bis heute erfüllt sie den Mächtigen und Superreichen jeden Wunsch, während die wenigen „Bürgerdialoge“ ohne jede Folge blieben.

 Nach 16 Jahren Merkel ist Deutschland daher sozial gespalten wie nie. Die Reichen wurden rapide immer reicher, Millionen Menschen sind endgültig ins abgehängte Prekariat verbannt. Azubis und Ausbilder, Pflegebedürftige und Pfleger, Polizisten, Studierende, Eltern, Ehrenamtliche, Kulturschaffende, Mitarbeiter von Hilfstelefonen ließ sie dagegen demonstrativ im Regen stehen.

Merkels Wirtschafts- und Technologie-Politik beschränkte sich ebenfalls darauf, den Lobbyisten der Uralt-Technologien, die am lautesten schrien, Steuermilliarden nachzuwerfen.

Hartnäckig sorgte ihre Partei dafür, daß Abgeordnetenbestechung lange legal blieb, daß Lobbyisten vollen Zugang zu den Ministerien behalten und jedes Transparenzgesetz (bis 2021) verhindert wurde. Eine sinnvolle Klimapolitik wurde von Merkel persönlich verhindert.

Im Ergebnis verfügt Deutschland nun über die schlimmsten CO2-Schleudern Europas.

[….] Die größten Klimasünder in Europa sind weiterhin die großen Kohlekraftwerke in Deutschland - sie besetzen sieben Plätze im Top-10-Ranking:

    Platz 1: Das weltgrößte Braunkohlekraftwerk Belchatow / Polen

    (rund 38 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 2: Das Braunkohlekraftwerk Neurath / Deutschland

    (rund 30 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 3: Das Braunkohlekraftwerk Niederaußem / Deutschland

    (rund 26 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 4: Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde / Deutschland

     (rund 23 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 5: Das Braunkohlekraftwerk Weisweiler / Deutschland

    (rund 17 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 6: Das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe / Deutschland

    (rund 12 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 7: Das Braunkohlekraftwerk Lippendorf / Deutschland

    (rund 12 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 8: Das Braunkohlekraftwerk Kraftwerk Maritza-Ost II / Bulgarien

    (rund 11 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 9: Das Braunkohlekraftwerk Boxberg / Deutschland

    (rund 10 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß)

    Platz 10: Die irische Billigfluglinie Ryanair

    (rund 10 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß) [….]

(Deutschlandfunk, 03.04.2019)

Dafür verlor Deutschland während der 16 Merkel-Jahre bei nahezu jeder Zukunftstechnologie den Anschluss.

Deutschland kann weder Off Shore Windräder aufbauen (weil es kein  einziges deutsches Errichterschiff mehr gibt), noch Computer, Smartphones oder weltmarkttaugliche Elektroautos bauen. Let alone „5G“ oder künstliche Intelligenzen – Dank Merkel sind wir überall abgehängt. Deutsche Großprojekte (BER, Stuttgart21) sind internationale Lachnummern und die Bundeswehr ist ein Schrotthaufen.

Dafür haben wir das langsamste Internet Europas, das ungerechteste und altmodischste Schulsystem und verarmte Universitäten, die Spitzenforschung längst aufgegeben haben.

16 Jahre lang verantwortete Merkel den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Sie ließ sich allerdings so gut wie nie dort blicken und kümmerte sich auf internationaler Ebene kaum um das Thema. Es endet nun im Desaster; Merkels Desaster. Durch ihr Führungsversagen irrlichterten gleich zwei politische Freundinnen ohne jede Expertise als Verteidigungsministerinnen durch den Krieg am Hindukusch. Auch das ist typisch Merkel: Personalpolitik kann sie nicht. In 16 Jahren gab sie nur zwei Regierungserklärungen zu Afghanistan ab.

[….] Im August 2021 steht Merkel nun kurz vor dem Ende ihrer Kanzlerschaft und muss damit rechnen, dass die dramatischen Bilder vom Flughafen in Kabul ihren Abschied aus dem Amt schwer belasten.  [….] In den ersten Jahren ihrer Kanzlerschaft hatte das Engagement der Bundeswehr am Hindukusch für sie keine Priorität. Das Militärische war Merkel insgesamt fremd, das Verteidigungsressort in ihrem ersten Kabinett hatte sie an Franz Josef Jung vergeben, aus CDU-internen Proporzgründen. Erst zwei Jahre nach ihrer Wahl flog sie erstmals nach Kabul. 2009 verlieh sie im Wahlkampf persönlich die neu geschaffenen Tapferkeitsmedaillen an Afghanistan-Heimkehrer. [….] 2010 dann nahm sie erstmals an einer Trauerfeier für gefallene Soldaten teil. Und sie machte sich ausdrücklich den Satz des früheren SPD-Verteidigungsministers Peter Struck zu eigen, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. [….][Es] bestand in Berlin wie in Kabul die Hoffnung, viele der hoch qualifizierten Afghanen im Land halten zu können. Doch wer wirklich gefährdet sei, hieß es in der Delegation Merkels, "den holen wir raus".  Mit dem Ende der Ausbildungsmission "Resolute Support" und damit dem endgültigen Abzug auch der Bundeswehr aus Afghanistan erreichte dieses Thema im Frühsommer 2021 wieder das Kanzleramt. [….] Merkel [….] habe [….]  intern frühzeitig dafür plädiert, alsbald auf Charterflüge umzusteigen, statt die Ortskräfte selbst Linienflüge buchen zu lassen. Die Begrenzung wurde alsbald aufgehoben, was allerdings zwangsläufig zu einer höheren Zahl an Anträgen führen musste. Deshalb wäre es nur konsequent gewesen, wenn Merkel auch die vereinfachte Ausreise mit Charterflügen durchgesetzt hätte. Hat sie aber nicht. [….] Ein wichtiger Unterschied zwischen Linienflug und Charterflug liegt in der Visa-Frage. An Bord eines Linienfluges[….]  könne man nur mit einem Visum gelangen. [….]. Bei Charterflügen können die Visa-Anträge nach der Landung in Deutschland erledigt werden - von der Bundespolizei. [….]

(Niko Fried, 20.08.2021)

Selbst nach dem Fall Kabuls, als schon die Horrorszenen vom Flughafen um die Welt gingen, scherte sich die deutsche Regierungschefin nicht darum.

[….] Inzwischen hat ja sogar die Kanzlerin ihren Instinkt verloren. Am vergangenen Montag haben Bundeswehrsoldaten unter Einsatz ihres Lebens begonnen, Menschen aus Kabul zu retten, die von Merkels Regierung durch skandalöse Nachlässigkeit in Lebensgefahr gebracht worden waren. Und an jenem Montagabend ist Merkel einfach ins Kino gegangen. Das war kein Glanzlicht ihrer Kanzlerschaft. Auf Seiten der Unionsparteien ist eine gefährliche Lage entstanden.  […]

(Robert Rossmann, 21.08.2021)

Hauptverantwortlicher für das deutsche Afghanistandesaster ist der unter der Aufsicht des Kanzleramts stehende BND.

Was für ein Totalschaden der angeblich so erfahrenen Kanzlerin!

Die Geheimdienste werden in ihrem Kanzleramt koordiniert. Zuständig sind ihr Kanzleramtsminister Braun (CDU) und sein Staatssekretär Geismann (CDU).

[….] Das Bundeskanzleramt ist für die Angelegenheiten des Bundesnachrichtendienstes (BND)  zuständig. Der BND ist dem ChefBK unterstellt. Sein Vertreter ist Staatssekretär Johannes Geismann. Dieser nimmt gleichzeitig die Aufgabe des Beauftragten der Bundesregierung für die Nachrichtendienste wahr.  In dieser Funktion koordiniert und intensiviert Staatssekretär Geismann die Zusammenarbeit der drei Nachrichtendienste des Bundes untereinander und ihre ressortübergreifende Zusammenarbeit mit anderen Behörden und Dienststellen.  Die Nachrichtendienste sind verschiedenen Ressorts zugeordnet. Der Bundesnachrichtendienst ist dem Bundeskanzleramt zugeordnet, das Bundesamt für Verfassungsschutz dem Bundesministerium des Innern und der Militärische Abschirmdienst dem Bundesministerium der Verteidigung. [….]

(Bundesregierung)

BND und MAD waren aber entweder selbst total ahnungslos oder ihre Bedenken fanden keinen Anklang bei Braun und Merkel.

In den 16 Jahren Merkel vervielfachten sich die rechtsextremistischen Anschläge, wuchs der Antisemitismus, etablierte sich eine faschistische Partei in Deutschland. Es verfestigten sich die rechtsextremen Strukturen. Rechtsradikale Terroristen morden ungestört. In den ostdeutschen Bundesländern gibt es NO-GO-Areas, in die sich Menschen mit dunkler Hautfarbe, Schwule, "alternativ Gekleidete" oder als Juden erkennbare Bürger nicht hinwagen dürfen. Merkel zeigte nie das geringste Interesse dagegen vorzugehen.

Merkels einziger Draht zu Wladimir Putin war ihr hartnäckiger Kampf gegen die Ehe für Alle, aber ansonsten liegt die Russland-Politik in Trümmern. Sie verspielte den enormen Einfluss, den Deutschland unter der Schröder-Fischer-Regierung in Moskau hatte, komplett. Nach einigen Bemühungen den Draht zu Berlin aufrecht zu erhalten, wandte sich der russische Präsident ab und ignoriert die Kanzlerin. Es ist auch Merkels Totalversagen.

[….] Es war eine bittere Bilanz, die Angela Merkel bei ihrem Abschiedsbesuch in Moskau zog. In 16 Jahren als Kanzlerin sei sie 16 Mal in Moskau gewesen, sagte sie. In dieser Zeit hätten sich die politischen Systeme Deutschlands und Russlands "noch weiter" auseinander bewegt. Und Autokrat Wladimir Putin? Der spottete während der gemeinsamen Pressekonferenz wie zum Beweis über westliche Demokraten. [….]

(Silke Bigalke, 20.08-2021)

Es passt ins Bild, denn Merkels außenpolitische Bilanz kann man nicht anders als katastrophal bezeichnen.

(….) Am schlimmsten sieht es aber international aus – nach 16 Jahren als „Führerin Europas“ liegt die EU in Scherben; die Strukturen sind überaltert, GB ist ausgetreten, global spielt die EU kaum noch eine Rolle, Osteuropas Potentaten tanzen Brüssel nach Belieben auf der Nase herum, weil Merkels Abgesandte, Kommissionspräsidentin von der Leyen, bei ihrer Wahl auf die ungarischen und polnischen Stimmen setzte und sich nun nicht traut zu widersprechen, wenn dort LGBTIs gejagt, Pressefreiheit abgeschafft und Justiz gleichgeschaltet wird.

Nach sieben Jahren Schröder erlebte die EU 2005 eine Blütezeit. Frankreich und Deutschland arbeiteten so eng zusammen, daß die Regierungschefs wechselseitig auch das andere Land vertraten. Es gab enge Konsultationen mit Warschau und Moskau, die Politik im Nahen Osten gegenüber der USA war straff abgestimmt und effektiv. Merkel hat all das in 16 Jahren kaputt gemacht. Man misstraut Deutschland in der EU, zieht nicht mehr an einem Strang, die Russland-Politik ist ein Trümmerfeld.

Merkels 80%-Zufriedenheitswerte sind nur mit der Generalverblödung des Volks zu erklären. (….)

(Aufwachen, RRG, 10.08.2021)


Eine „europäische Verteilung“ der afghanischen Flüchtlinge ist unmöglich, da Merkels Kanzlerschaft, insbesondere das antieuropäische Wüten ihres langjährigen Finanzministers Schäuble, die gehässigen Sprüche ihres Fraktionschefs Kauder („in Brüssel wird wieder deutsch gesprochen“) und ihre eigene Untätigkeit jedes Vertrauen ruiniert haben.

Alles ist relativ. Verglichen zur AfD ist Merkel liberal. Verglichen zu Johnson, Erdoğan, Orbán, Bolsonaro ist Angela Merkel selbstverständlich ein Ausbund der Kompetenz und Bescheidenheit.

Trump und seine GOP-Pfeifen als Vergleich heranzuziehen, machen keinen Sinn. In Relation zu ihnen wären auch Kader Loth und Lothar Matthäus geniale Politiker.

Aber absolut betrachtet, oder in Relation zu den drei sozialdemokratischen Bundeskanzlern, ist Merkel eine außerordentlich schlechte Regentin, die besser heute als morgen in Rente ginge.

Freitag, 20. August 2021

Unvorstellbare Realität

Eine Entwicklung, die wir seit 2015 mit dem Einzug des Trumpismus, aus den USA kennen, schwappt immer mehr über nach Deutschland.

Die reale Welt dehnt sich in die satirische Sphäre aus.

Es gibt inzwischen so große Schnittmengen, daß Meldungen aus Satireportalen absolut glaubwürdig wirken. Die realen Politiker Trump und Johnson scheinen sich einen regelrechten Überbietungswettbewerb zu liefern, wer noch irrer als Satire sein kann.

Nach der Wahlnacht der Supermacht USA, lädt der Anwalt des mächtigsten Mannes der Welt die internationale Presse in den Hinterhof eines Krematoriums, um vor einem Sexshop Märchen zu erzählen.

Dabei furzt er vernehmlich und ihm läuft schwarze Schuhcreme aus den Haaren über das Gesicht.  Wäre so eine Parodie in einer zweitklassigen Sketchshow gelaufen, hielte man es für drastisch übertrieben und geschmacklos.

Fassungslosigkeit auch im deutschen Wahlkampf.

Der betuliche Chef und Spitzenkandidat der konservativen CDU steht inmitten einer Jahrhundertflut in seinem Bundesland mit 180 Todesopfern in einer Trümmerszenerie und läßt sich feixend mit ausgetreckter Zunge filmen.

Das kann man sich nicht ausdenken.

Armin Laschet, die Inkarnation der peinlichen Pannen, ist inzwischen berüchtigt dafür, keinen Auftritt ohne Blamage hinzulegen. Wenn er doch einmal einen Termin ohne Desaster hinter sich bringt, aber frisierte Pressemeldungen dazu auftauchen, halte ich sie zunächst einmal für wahr.

Einige der lustigsten Satire-Nachrichten über den CDU-Wahlkampf stammen vom POSTILLON.

[…..] Um CDU zu schwächen: Politische Gegner hängen Laschet-Plakate auf!  […..]. In den letzten Wochen vor der Bundestagswahl greifen die Konkurrenzparteien der Union nun zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Linke, Grüne, FDP, Sozialdemokraten und andere plakatieren keine Werbung für sich, sondern setzen auf CDU-Plakate mit dem Konterfei Armin Laschets.  "Klimagleichgültigkeit, Arbeitnehmerfeindlichkeit und Korruption sind alles Dinge, die man gegen die Christdemokraten ins Feld führen kann", sagt etwa die Linken-Wahlkämpferin Jasmin Steinmetz, während sie ein Laschet-Plakat über ein Plakat ihrer eigenen Partei klebt. "Aber am Ende - das merken wir in vielen Gesprächen - ist Armin Laschet doch das beste Argument gegen die CDU." [….]

(dpo, 16.08.2021)

[…..] Hier kann nichts schiefgehen: Damit er die Umfragewerte der Union durch unbedachte Äußerungen, peinliche Behauptungen, unangebrachte Lacher und andere Pannen nicht noch weiter nach unten zieht, hat die CDU ihren Spitzenkandidaten Armin Laschet heute zu einem "Wahlkampftermin" auf einen einsamen Acker in Brandenburg geschickt. […..] Auch den Rest der Woche haben die Strategen der CDU mit neuen Terminen vollgepackt. Morgen geht der Wahlkampf mit einem Meet and Greet auf einer Sandbank in der Ostsee weiter, bevor übermorgen ein Auftritt in einem dichten Fichtenwald im Harz ansteht.  [….]

(dpo, 19.08.2021)

Satire funktioniert nicht, wenn die ironisch überhöhten Geschichten keinen wahren Kern haben.  Der CDU/CSU-Kanzlerkandidat wird inzwischen aber allgemein für so peinlich gehalten, daß jeder diese Witze versteht. Inzwischen sind es aber keine Witze mehr, sondern die bittere Realität der engagiertesten CDU-Mitglieder und Wahlkämpfer.

 [….] Der Unmut in der CDU über die Lage der Partei sowie die mangelnde Beliebtheit von Kanzlerkandidat Armin Laschet schlägt sich nach SPIEGEL-Informationen zunehmend auch in internen Chats nieder.  In einer WhatsApp-Gruppe mit dem Titel »Team CDU« von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Parteizentrale, Bundestagsabgeordneten und Mitgliedern vor Ort beklagte sich diese Woche ein Wahlkämpfer über die Situation.  Das Hauptproblem sei inzwischen, den Kanzlerkandidaten »schmackhaft« zu machen. »Wir wussten nicht, wo wir die Laschet-Plakate hinhängen sollen, sodass wir den wenigsten Schaden machen«, schrieb er. »Am Ende hängt man sie dort auf, wo uns im Zweifel eh nur wenige Leute wählen.«  An Wahlkampfständen sei Laschet das Hauptthema. Mehrere Gruppenmitglieder reagierten mit »vollster Zustimmung« und »Daumen hoch«-Emoticon. [….] Ein Gruppenmitglied beschrieb die derzeitige Kommunikationsstrategie als »Wahlkampf from hell«. [….]

(SPON, 20.08.2021)

Zur Geschichte der Rochade von Realität und Satire gehört in diesem Wahlkampf auch die Kanzlerambition des Olaf Scholz.

Der bereits vor einem guten Jahr, am 10. August 2020, von den Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, sowie dem Parteivorstand der SPD als Kanzlerkandidat 2021 nominierte Scholz, verkündet seither auf seine ruhige und sachliche Art, er wolle Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden und die SPD solle die nächste Bundesregierung anführen.

Kaum ein in der Realität angesiedelter Journalist nahm das ernst. Man spottete über den Realitätsverlust der SPD. Satiresendungen blendeten zu den Scholz-Ambitionen Hintergrundgelächter ein.

Fünf Wochen vor dem Wahltermin ist ein Bundeskanzler Olaf Scholz aber alles andere als ein Witz, sondern sehr realistische Option. Kräftige Schützenhilfe bekommt die SPD dabei nicht nur vom debakulierenden CDU-Chef, sondern auch der völlig überforderten grünen Kanzlerkandidatin. Baerbock führte ihre Partei in den freien Fall – von 28% in den Umfragen vor vier Monaten auf nun 17%.

[….] Plötzlich ist denkbar, was Olaf Scholz und die SPD schon seit Monaten behaupten: Die Chance aufs Kanzleramt ist real. [….] Scholz tourt an diesem Tag durch Brandenburg. [….] Etwa im Rüdersdorfer Zementwerk, östlich von Berlin. [….] Neben Scholz steht der örtliche Landrat, ebenfalls SPD. Ihm ist anzumerken, dass er schon nach wenigen Sätzen gedanklich woanders ist. Er schneidet Grimassen, löffelt Suppe, tigert ein bisschen herum. Auch viele der anwesenden Journalisten sind längst ausgestiegen.  Der Einzige, dem man noch abnimmt, dass er konzentriert zuhört, ist Scholz. Er steht regungslos da und folgt geduldig den Ausführungen zur Dekarbonisierung. Ab und zu zwinkert er. Mal deutet er ein Lächeln an, mal ein Nicken. Danach stellt er ein oder zwei Fragen, auch während der anderen Termine hält er sich eher zurück. Auf Co-Referate verzichtet er meist. Hinterher danken ihm die Leute für sein Interesse. Es klingt aufrichtig. [….] Kein Wunder, dass vielen, denen Scholz an diesem Tag begegnet, als Erstes ein Attribut einfällt, um ihn zu beschreiben. "Ruhig." Und sie alle meinen das anerkennend.  [….] Scholz ist inzwischen fast dreimal so beliebt wie seine Rivalen von CDU und Grünen, Armin Laschet und Annalena Baerbock. Ihn würden 41 Prozent der Deutschen direkt zum Kanzler wählen, Laschet bloß 16, Baerbock zwölf. [….]

(DIE ZEIT, 20.08.2021)