Freitag, 20. Juni 2014

Lampedusa


Manchmal verkommen Begriffe zu platten Schlagworten oder Kampfbegriffen.
Die Mittelmeerinsel Lampedusa ist die größte der vier Pelagischen Inseln (neben Linosa, Lampione und der Isola dei Conigli) und das erste Eiland auf das man von Tunesien aus kommend stößt, wenn man das Europäische Sizilien ansteuert.
Mit 20 Quadratkilometern ist Lampedusa einen Tick größer als Hiddensee und um etwa ein Drittel kleiner als Borkum.
Die wärmste Mittelmeerinsel ist eigentlich von 4500 Menschen bewohnt, welche durch rabiate Rodungen die ganze Insel ziemlich verdorren lassen haben.
Aber wen interessiert das noch?

Für Millionen Menschen, die perspektivlos im nordafrikanischen Elend hocken, zählt nur die vergleichsweise geringe Entfernung von 160 km. Lampedusa bedeutet für sie der schnellste illegale Weg von Tunesien in die EU.
(Noch schneller geht es nur in die Spanischen Enklaven Melilla und Ceuta, aber der Grenzzaun ist unerbittlich. Nur wenige überwinden das mehrfach mit Nato-Draht gesicherte Monstrum. Dabei ziehen sie sich aber manchmal lebensgefährliche Schnittverletzungen zu und müssen damit rechnen trotz ihrer Bitte um Asyl illegal von Spanischen Sicherheitskräften einfach wieder rausgeworfen zu werden. Auf der anderen Seite des Zaunes warten dann von Europa bezahlte Marokkanische Grenzschützer, die jeden Flüchtling zunächst einmal grausam verprügeln und dann hunderte Kilometer gen Süden fahren, wo sie dann in Unterwäsche und jeder Habseligkeit beraubt rausgeworfen werden.)

Für Millionen um ihren eigenen Wohlstand fürchtende Europäer, die ihren Wohlstand freilich auch durch Ausbeutung Afrikas erlangten, steht Lampedusa hingegen für ein lästiges Einfallstor.
Immer mal wieder geht eine leichte Empörung durch die EU-Öffentlichkeit, wenn mal wieder hunderte oder tausende Menschen auf dem Weg nach Lampedusa elend verreckt sind. Aber wie die letzten EU-Wahlen deutlich gezeigt haben, besteht die Forderung an Brüssel die Elenden aus dem Süden noch konsequenter abzudrängen.

Für Hamburger steht der Begriff „Lampedusa“ dagegen für ein linkes Aufreger-Thema.
Piraten und Linke regen sich gar fürchterlich über den Hamburger SPD-Senat auf, weil er einigen Dutzend afrikanischen Flüchtlingen keinen gesicherten Aufenthaltstitel geben will.
„Lampedusa“ ist der Kampfbegriff der schwarz Vermummten geworden, wenn anlässlich irgendwelcher Daten vorzugsweise in der Schanze-Gegend zum Marsch gegen die Regierung geblasen wird.
Wenn Böller, Flaschen und Steine fliegen, die Bannmeile um das Hamburger Rathaus gestürmt wird, tun die wurfstarken Demonstranten das vorgeblich zum Wohle der „Lampedusa-Flüchtlinge“.
(Hafenstraße ist schon zu lange befriedet und bei der Roten Flora kann man dem Senat nicht recht etwas vorwerfen, weil er geradezu vorbildlich deeskalierend gegen den dubiosen Privateigentümer der Flora vorgeht. Da braucht es einen neuen Schlachtruf auf der Suche nach Ärger.)

Wieso gibt sich der SPD-Senat diese offene Flanke? Kann er nicht bei den paar Menschen ein Auge zudrücken und sie hier akzeptieren?

Um es vorweg zu nehmen: Nein, kann er nicht. Der Senat handelt richtig.

Da ich mich als Undeutscher selbst immer um einen Aufenthaltstitel bemühen muß und in meinem Leben schon sehr viele Stunden im Ausländeramt mit Asylbewerbern verbracht habe, ahne ich wie unangenehm diese bürokratische Prozedur ist. Man wird von sichtlich genervten und überlasteten Beamten schlecht behandelt und muß Geduld mitbringen. Dabei habe ich im Vergleich zu einem „Lampedusianer“ noch leicht reden, da ich a) Obdach und b) eine Lebensgrundlage habe und zudem auch noch deutsch spreche.
Ich will und kann mich wirklich nicht mit einem Asylbewerber vergleichen.

Aber man kann die Lampedusa-Flüchtlinge mit 10.000 anderen vergleichen, die genau in der gleichen Situation sind und sich nicht dem legalen Weg entziehen.

Ich verwahre mich ausdrücklich gegen kirchliche und linke Kräfte, die vom Senat verlangen einer bestimmten kleinen Gruppe von Flüchtlingen eine Vorzugsbehandlung zukommen zu lassen, weil diese sich vorher besonders unkooperativ und zudem illegal verhalten haben.
Sie weigern sich bis heute einen Asylantrag zu stellen und ihre Personalien zu offenbaren. Aber das soll der Rechtsstaat goutieren und einen Präzedenzfall schaffen?

Das Bündnis der Menschen, die vom Senat verlangen Tausende ehrliche Flüchtlinge zu hintergehen ist lang und beeindruckend.
Angeführt wird sie vom Ex-RAF-Terroristen Karl-Heinz Dellwo, der an der Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm beteiligt war und zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt wurde. Während der Besetzung erschoss das RAF-Kommando die Diplomaten Andreas von Mirbach und Heinz Hillegaart.

Zahlreiche Prominente haben ein Manifest für die Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg unterzeichnet. Zu den ersten Unterzeichnern gehören unter anderem die Musiker Bela B. und Jan Delay, die Intendantinnen des deutschen Schauspielhauses und von Kampnagel, Karin Beier und Amelie Deuflhard, sowie der Filmemacher Fatih Akin und der Publizist Roger Willemsen. In dem Papier mit dem Titel "Hier eine Zukunft! Manifest für Lampedusa in Hamburg" erklären sie ihre Solidarität mit den afrikanischen Flüchtlingen, die seit einem Jahr in der Hansestadt leben und ein Bleiberecht fordern.
In dem Papier, das am Mittag vorgestellt wurde, kritisieren die Unterstützer Innensenator Michael Neumann (SPD). Seine Behörde habe deutlich gemacht, dass die Flüchtlinge in einem Asylverfahren kaum eine Chance hätten. Es sei daher auch völlig unpassend, dass Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) die Hansestadt erst kürzlich bei einer programmatischen Rede als kosmopolitisch und weltbürgerlich bezeichnet habe.
Über die Motive der Unterzeichner heißt es in dem Manifest: "Wir unterstützen den Kampf dieser Gruppe aus den unterschiedlichsten Gründen. Die einen sind aus christlicher Nächstenliebe dabei, andere aus humanitären oder politischen Gründen (...). Was uns eint, ist die Überzeugung, dass diese Menschen eine Zukunft haben müssen – und zwar hier in dieser Stadt". […]

Aber wie und auf welcher Rechtsgrundlage sollte ein Innensenator sagen, daß für eine exklusive Gruppe von ca 70 Flüchtlingen ausnahmsweise keine Regeln und Gesetze gelten?
Und was sollte der SPD-Senat dann den anderen Flüchtlingen sagen? Tatsächlich werden in Hamburg zehntausende Flüchtlinge untergebracht und das ist gerade in einer reichen Stadt wie Hamburg nicht so einfach für den Senat, da sich das fehlgeleitete und von Piraten plebiszitär verseuchte Wutbürgertum gegen jeden Unterbringungsort wehrt.
Welcher Standort auch immer erwogen wird; sofort ist eine St. Florians-Bürgerinitiative zur Stelle, die mit Prozessen und Volksentscheiden droht: Man habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber doch bitte nicht genau in unserer Nachbarschaft. Dabei hat der Senat bereits auch einen Standort mitten in einem der reichsten Viertel Hamburgs, nämlich in der Sophienterrasse  in Harvestehude durchgedrückt. (Richtig so!) Die Anwohner wehren sich. Allerdings nicht alle. Es gibt durchaus auch Solidarität unter Harvesterhudern, die ihre neuen Nachbarn mit offenen Armen empfangen wollen.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bin ausdrücklich dafür Flüchtlinge aufzunehmen, ich denke Hamburg könnte und sollte noch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Und ich bin entsetzt darüber, wenn man zum Beispiel durch eine Wallraff-Sendung erfährt wie schlecht diese Menschen behandelt werden.
Und natürlich ist es absurd und krank Asylbewerbern grundsätzlich keine Arbeitserlaubnis zu erteilen und sie zur Untätigkeit zu verdammen.
Ich wehre mich aber dagegen dem Senat zu unterstellen, er täte nichts.
 Das ist einfach nicht wahr. Allein dieses Jahr gibt Hamburg über 250 Millionen für die Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen aus. Um diesen Menschen zu helfen, müssen sie sich aber einmal melden und sagen „Hallo, da bin ich.“
Die übergroße Mehrheit der Flüchtlinge tut auch genau das und die Stadt Hamburg ist keineswegs untätig.

Im Moment ist der Scholz-Senat damit beschäftigt Unterkünfte für 4000 Menschen zu schaffen.

Woche für Woche stranden neue Flüchtlinge in Hamburg. Intensiv sucht die Stadt für sie nach Unterkünften. Eine Senatsantwort auf Anfrage des CDU-Politikers Roland Heintze zeigt: Derzeit ist der Bau von elf neuen Einrichtungen geplant.
In den Gebäuden sollen künftig 2100 Menschen leben. 380 etwa in der Brookkehre (Bergedorf) oder 288 in der August-Kirch-Straße im Bezirk Altona. Gesamtkosten für die Gebäude-Herstellung: rund 50 Millionen Euro.
„Weiterhin“ besteht laut Senat ein „Engpass bei der Unterbringung“. 2014 müssten 4000 neue Plätze geschaffen werden. Alle Bezirke müssen sich an der Suche nach geeigneten Gebäuden und Flächen beteiligen. [….]

Es ist eine Aufgabe, die richtig ist und die getan werden muß, um die man die SPD-Senatoren aber nicht beneiden kann.
Wo immer und wie immer Flüchtlinge untergebracht werden. Nachbarn (per se dagegen) und Linke (per se dafür) kritisieren einen sowieso und Majorität der Hamburger ist angefeuert von der CDU und der Springerpresse ohnehin leicht xenophob und betrachtet die Ausgaben für Menschen aus Syrien oder dem Libanon mit Argusaugen. Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele erklärt im SZ-Interview was Hamburg tut.

SZ: Herr Scheele, mitten in Hamburg, in einem Park in Altona, haben 50 Menschen aus Rumänien über Wochen in Zelten und Autos campiert, darunter Schwangere und viele Kinder. Erschreckt Sie das?

Detlef Scheele: Leider passiert das zurzeit allenthalben in deutschen Großstädten. Besonders stark betroffen sind Mannheim, Berlin und Duisburg. Dort lassen sich Menschen aus Bulgarien und Rumänien nieder, die auch in ihren Heimatländern nicht integriert sind, die in der Regel keine Schulabschlüsse haben, keine Berufsausbildung und teilweise gar nicht lesen und schreiben können.

SZ: Was passiert mit diesen Menschen?

Detlef Scheele: Wir beraten sie in ihrer Muttersprache und sagen ihnen: Ohne Berufsausbildung, ohne Sprachkenntnisse, ohne einen Rechtsanspruch auf Sozialleistungen oder Wohnraum können wir Euch keine Perspektive bieten. Ihr müsst zurückfahren. Wir sind in Hamburg ganz erfolgreich mit dieser Art Rückführung, denn es gibt für diesen Personenkreis hier keine Integrationsperspektive.

SZ: Könnten Sie die Menschen, wenn sie einen Anspruch hätten, überhaupt in öffentlichen Unterkünften unterbringen?

Detlef Scheele: Wegen der hohen Flüchtlingszahlen haben gegenwärtig außer in Hotels keine Chance, jemanden unterzubringen. Gar keine Chance. Wir haben keine Plätze. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, fest angelehnt.

SZ: Wie dramatisch ist die Lage?

Detlef Scheele: Unsere Erstaufnahmestelle ist um 500 Personen überfüllt, weil wir die Flüchtlinge von dort aus nicht in die Folgeunterbringung abgeben können. Uns fehlen für dieses Jahr 4000 zusätzliche Plätze. Bei 2400 Plätzen wissen wir immerhin, wo sie entstehen sollen, einige werden schon gebaut. Bei 1600 Plätzen wissen wir noch nicht einmal, wo wir sie bauen können.

SZ: Falls alles klappt, hätten Sie am Ende 14000 Plätze. Reicht das überhaupt?

Detlef Scheele: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wir gehen von den Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge aus, die für dieses Jahr eine Steigerung der Flüchtlingszahlen um etwa 30 Prozent melden. Aber Innenminister de Maizière nannte kürzlich in einem Interview schon wieder deutlich höhere Zahlen. Da würden wir finanziell und räumlich vor unglaublichen Problemen stehen.

SZ: In Irak und Syrien sieht es nicht so aus, als würde sich die Lage entspannen.

Detlef Scheele: Auch in Eritrea, Somalia und Süd-Sudan sehe ich nicht, dass Ruhe einkehrt. Und den Menschen muss man helfen. […]
(SZ vom 20.06.2014)

Bei den Bürgerkriegsflüchtlingen geht es um Kranke, Traumatisierte, Schwangere und Verletzte.
Ich kann nicht einsehen, wieso sich Hamburger Prominente hinstellen und vom SPD-Senat verlangen, diese Menschen hätten alle erst mal zurück zu stehen, weil die 70 – 80 in einer Kirche gut versorgten überwiegend jungen gesunden Männer aus Afrika nun Vorrang hätten. Soll der Senat klein beigeben, weil die Unterstützer einer kleinen besonderen Gruppe von Flüchtlingen kriminell werden; gegen das Bannmeilengesetz verstoßen und Anschläge auf mehrere Büros von SPD-Abgeordneten verüben?
Der Senat handelt richtig, indem er „die Lampedusaflüchtlinge“ jetzt ultimativ auffordert sich bei den Behörden zu melden.

Eigentlich sollte es in der Aktuellen Stunde der Bürgerschaft um Rechtsverstöße wie die Verletzung der Bannmeile um das Rathaus bei einer Demonstration von und für die Lampedusa-Flüchtlinge gehen. Doch ein Satz von SPD-Fraktionschef Andreas Dressel an die Adresse der Lampedusa-Gruppe ließ aufhorchen. "Nutzen Sie bis zum 30. Juni noch die Chance, auf Basis des Verfahrensangebots einen Asylantrag zu stellen", sagte der SPD-Politiker mit energischer Stimme.
Darum geht es nach Informationen des Abendblatts: Am 2. Juni hatten sich die Innenbehörde und die Nordkirche auf ein Verfahren verständigt, wie mit den verbliebenen rund 80 Männern der Lampedusa-Gruppe umgegangen werden soll, die noch keinen Asylantrag gestellt haben. Wer bis zum 30. Juni einen Antrag stellt, der für den Senat die Voraussetzung für einen legalen Aufenthalt ist, für den gelten noch die gleichen Vorzüge im Asylverfahren, die den früheren Lampedusa-Asylbewerbern eingeräumt wurden.
[…]  Der Konflikt um die Flüchtlinge beeinflusst das politische Klima der Stadt seit Monaten. Zuletzt hatten Lampedusa-Männer und Unterstützer auf dem Rathausmarkt gegen die Flüchtlingspolitik des Senats protestiert. Weil die Protestaktion in unmittelbarer Nähe des Sitzes der Bürgerschaft einen Verstoß gegen das Bannmeilengesetz darstellt, begann die Polizei den Platz zu räumen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit den Demonstranten. […] Die Grünen-Politikerin Antje Möller wies die Vorwürfe in der Bürgerschaft zurück: "Die Bannmeile ist für uns ein wichtiges Arbeitsinstrument. Aber wer sie durchbricht, tut das, um auf sich aufmerksam zu machen."
Das sei zwar eine Ordnungswidrigkeit, schrecke die Menschen aber nicht ab, "weil es die einzige Lösung ist, um auf sich aufmerksam zu machen." Dieser Satz löste heftigen Protest bei den Abgeordneten von SPD und CDU aus, die den Grünen vorwarfen, das Bannmeilengesetz zu relativieren.
In einem Punkt waren sich jedoch alle Fraktionen einig: Die Anschläge auf Büros und Privatwohnungen von Abgeordneten, die sich in den vergangenen Monaten gehäuft haben, wurden einhellig verurteilt. Zum Teil wurden die Attacken mit der Flüchtlingspolitik des Senats begründet. "Scheiben wurden eingeworfen, Büros von innen verwüstet. Das macht wütend", sagte Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) zu Beginn der Sitzung. "Aber wir werden uns davon nicht einschüchtern lassen", sagte Veit unter dem Beifall des gesamten Hauses. […] (Peter Ulrich Meyer 19.06.14)





Donnerstag, 19. Juni 2014

Ich bin alt und konservativ – Teil IV

Ist das jetzt schon ein Zeichen von Altersdemenz, daß ich ständig an meine Kindheit erinnere und den Drang verspüre uninteressante Jugendgeschichten auszuplaudern?
Ich behaupte aber; ich kann nichts dafür, daß ich über Meldungen in den Medien stolpere, die so heftige Assoziationen triggern.

Früher war eben alles besser – auch die Zukunft (Danke R.).

Also Zeitsprung gute vier Dekaden zurück.
Meine Eltern hatten mich eingesammelt und zogen (zunächst) aus New York zurück nach Deutschland. Statt der Einzimmerwohnung in Queens war nun ein Garten mit angeschlossenem Park mein Spielzimmer. Man konnte ohne von einem Zaun aufgehalten werden zu einem angrenzenden tiefen Fischteich und einem Arm der Alster gelangen. Das war sehr hübsch, teilweise leicht unheimlich, weil der alte Gärtner von nebenan erklärte, daß in dem Teich ein großer Hecht lebe, der durchaus Kinder essen könne. Meine Eltern hatten nun die Option mich permanent anzuleinen, oder aber zu riskieren, daß ich eines Tages freiwillig oder unfreiwillig in den Teich sprang.
Mich anzuketten entsprach nicht recht ihren Erziehungsvorstellungen und so wurde ich lange vor dem Schulalter in eine Schwimmschule geschickt.
Ich erinnere mich noch genau wie es dort am Kaninchenweg, zu dem ich nun jeden Nachmittag gefahren wurde, aussah.
Ein mittelgroßes, eher unscheinbares Wohnhaus, welches im Keller über ein höchst erstaunlich großes Schwimmbad verfügte.
Die Kurse waren voll; lauter andere Gören meines Alters aus der Umgebung trudelten ebenfalls ein.
Wir bekamen durchsichtige Schwimmflügel, die mit schmalen blauen Styroporringen gefüllt waren. Je nach unseren individuellen Fähigkeiten wurden immer mehr dieser Ringe entfernt.
Eines Tages sollten wir dick angezogen kommen und Klamotten zum Wechseln mitbringen. Der Schwimmlehrer warf uns unfreundlicherweise in Plüsch und Plunder ins Wasser. Ich hatte von dieser Prüfung gehört, fand sie aber sinnlos.
Tatsächlich erinnere ich mich aber bis heute wie viel schwerer es ist voll angezogen zu schwimmen. Die vollgesogenen Hosen und Jacken bremsen enorm und ziehen einen herunter. Es war auch nicht damit getan aus dem Pool wieder heraus zu kommen, sondern wir hatten eine Ewigkeit zu kämpfen und uns dabei sicher über Wasser zu halten.

Die Angst vor dem Hecht habe ich übrigens kurze Zeit später überwunden und wurde auch nicht angeknabbert, als ich den Teich durchschwamm.

Jahre später, in der vierten Grundschulklasse gab es wieder Schwimmunterricht.
Diesmal aber in einem großen 50m-Becken mit echten Prüfungen.

Unsere Klassenlehrerin Frau Klogeldorf hatte vorher Erkundigungen über unsere Schwimmfähigkeiten eingeholt. Tatsächlich konnten in der großen Klasse drei Schüler nicht schwimmen und mußten zunächst in einem Nichtschwimmerbecken einige Grundlagen lernen. Es dauerte aber nicht lange, bis sie zu uns stießen. Im Laufe das Jahres werden unsere Eltern sicherlich insgeheim den Schwimmunterricht verflucht haben, weil sie dauernd neue Aufnäher auf unseren Badehosen befestigen mußten.
Kleine Kinder wollen sich vergleichen und angeben.
Und so trug auch ich bald Frühschimmer, Freischwimmer, Fahrtenschwimmer und Jugendschwimmer-Abzeichen.

Nach meinem Schulwechsel auf das Gymnasium gab es in der fünften Klasse ein weiteres Jahr Schwimmunterricht. Umstrittenen Unterricht, denn inzwischen konnten alle Schüler gut schwimmen und die Schwimmhalle war ziemlich weit weg, so daß die Elternabende von Diskussionen über die Sinnhaftigkeit der zweimal in der Woche gecharterten Busse geprägt wurden.

Schwimmen für Noten kam dann erst wieder in der VS (11. Klasse) in Frage. Da konnte man unter anderem Schwimmen als Sportart wählen.
Ein indiskutabler Kurs für mich, denn er fand zu den normalen Schulzeiten Dienstag und Donnerstag in der vierten Stunden statt. Um den Weg dahin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu schaffen, mußte man jeweils mindestens eine Freistunde verschwenden und außerdem war meine Frisur mit dem Zentner Haarspray nicht Wasser-kompatibel.
Ich hatte keine Freistunden zu verschenken und zog die lähmende Ödnis der Kaufhof-Gastronomie vor.
Der Schulleiter hatte das eigentlich nicht vorgesehen. Eigentlich sollten alle Jungs schwimmen gehen. Der einzig andere wählbare Sportkurs zu der Zeit war Jazzgymnastik – vorzugsweise von Mädchen besucht. Ihnen wollte man es nicht zumuten sich im Schwimmbad auszuziehen. Als mußten sie mehr oder meistens weniger elegant in Strumpfhosen zu Tina Turners Hits Choreographien einstudieren. Sie, die Mädchen und eben ein Junge – ich.
Die Rechnung für Sport in der 3./4. Stunde sah für mich eindeutig aus.
Große Pause (20 Min) + 3. Stunde (45 Min) + kleine Pause (5Min) + 4. Stunde (45 Min) + Große Pause (20 Min) = 135 Min.
Hatte man davon eine Schulstunde (=45 Minuten) Schwimmen, verbrauchte man die gesamte Zeit und kam noch mit nassen Haaren auf den letzten Drücker in der 5. Stunde zu Physik angehetzt.
Jazzgymnastik bei der geradezu debil übermotivierten Frau Fass war zwar noch peinlicher, aber die Zeitbilanz sah ganz anders aus. Die 45 Minuten Unterricht ließen sich elegant auf 2/3 kürzen, indem man erst zehn Minuten zu spät kam („Tut mir Leid, der doofe Busfahrer ist mir genau vor der Nase weggefahren!“) und fünf Minuten vor Unterrichtsschluß ging („Sorry, ich muß dringend auf Klo!“). Umziehen entfiel natürlich auch, weil ich in 90% der Fälle LEIDER das Sportzeug vergessen hatte und daher auf Socken in meinen normalen Sachen durch die Turnhalle debakulierte. 135 Min minus 30 Minuten Jazztanz = 100 Min mehr Zeit zum Saufen und Rauchen.
Und immerhin habe ich in beiden Semestern nach meiner Erinnerung volle zwei Punkte bekommen. Und außerdem kam ich immer mit gut sitzender Frisur zu Physik.

Nebenbei bemerkt habe ich das Schwimmen nicht aufgegeben. Leider wohnte ich damals nicht mehr mit Garten und Teich in der Nähe, aber beim nächtlichen Zechen hatten wir entdeckt, daß man die Absperrgitter um den Stadtparksee an einer Stelle umklettern konnte. Der Stadtpark lag günstig auf der Strecke wenn man von der Reeperbahn aus mit Southern Comfort abgefüllt nach Hause schwankte und sich noch ein wenig erfrischen wollte.
Da war die Frisur ohnehin schon lange egal und die albernen Badehosen mit Schwimmabzeichen wären auch nur peinlich aufgefallen, weil ohnehin alle Nachtschwimmer auch Nacktschwimmer waren. Wer einmal im Adamskostüm geschwommen ist, wird Badehosen auch niemals vermissen.

Die Moral von der Geschicht‘: Auf die ein‘ oder andere Weise kann man immer mal ins Wasser fallen.
 Schwimmen ist eine der Grund-Skills, die man wie Fahrradfahren, Lesen und Schreiben einfach beherrschen muß. Vom Schwimmen hat man außerdem lange etwas, weil es zu den berühmten Dingen gehört, die man nicht verlernt, wenn man das einmal kann.

(Ich würde übrigens einen PKW-Führerschein zu den Must-haves zählen und wundere mich immer, wenn heutige Teens und Twens das hartnäckig für unwichtig erklären. Natürlich muß man kein Auto haben, aber man sollte schon so eine Karre fahren können und dürfen – es kann immer eine Situation auftreten, in der man einen Fahrer BRAUCHT, weil jemand schnell ins Krankenhaus o.ä. muß.)

In Deutschland keinen Führerschein zu haben, kann natürlich daran liegen, daß die Dinger inzwischen extrem teuer sind und mit vielen Tausend Euro zu Buche schlagen.
Die zehn Millionen funktionalen Analphabeten Deutschlands sind ebenfalls in keiner einfachen Situation. Wenn sie durch das extrem versagende deutsche Schulsystem erst einmal erwachsen geworden sind oder als Einwanderer in ihrem Geburtsland nicht die Möglichkeit hatten zur Schule zu gehen, stehen sie vor einer anspruchsvollen und langwierigen Aufgabe.
Schreiben und Lesen lernen nur Kinder relativ einfach. Für Erwachsene ist das ein gewaltiger Brocken.

Schwimmen hingegen ist, bzw war nach meinem bisherigen Gefühl eine vergleichsweise einfache Angelegenheit. Das müßte doch jeder nach ein paar Stunden können. Dachte ich.
Aber weit gefehlt.
Nachdem ich Philipp Möllers „Isch geh Schulhof“ begeistert und aufmerksam gelesen habe, sollte ich mich über gar keine Berichte aus Berliner Schulen wundern.
In der deutschen Hauptstadt gibt es Schwimmunterricht schon ab der dritten Klasse. Das ist schon mal erfreulich.
Da Kinder, die im 21. Jahrhundert in Deutschland aufwachsen aber tumb und ungelenk sind, bereits daran scheitern auf einem Bein zu stehen oder sich die Schuhe zuzubinden, reicht heute aber ein ganzen Jahr Schwimmunterricht nicht mehr aus, um zu lernen nicht abzusaufen.
Wir haben anhand der Versagerquote beim Eingangstest für das Sportstudium in Köln schon gesehen, wie unkoordiniert und ungeschickt sich selbst muskelbepackte Typen sich im Becken anstellen.
Also wen wundert es, daß Berliner Kinder auch nicht mehr in Lage sind schwimmen zu erlernen?

Nichtschwimmer in Berlin Grundschüler: Es reicht kaum für das Seepferdchen
[….] Viele Grundschüler können nicht schwimmen. In Neukölln sind es rund vierzig Prozent der Schüler am Ende der dritten Klasse - und das, obwohl sie das ganze Jahr über eigentlich Schwimmunterricht hatten.
[….] Es sind alarmierende Zahlen: Fast neunzehn Prozent der Berliner Grundschüler können nach der dritten Klasse nicht schwimmen, obwohl in dieser Jahrgangsstufe das ganze Schuljahr über Schwimmunterricht stattfindet. Besonders viele Nichtschwimmer gibt es in Bezirken mit sozial schwierigen Bedingungen. So können in Neukölln 40 Prozent der Kinder am Ende der dritten Klasse nicht schwimmen, in Mitte sind es knapp 30 Prozent, danach folgen Spandau (26 Prozent) und Reinickendorf (24,2 Prozent).
[….] Schulleiterin Sabine Weber von der Neuköllner Elbe-Grundschule bestätigt den Befund. „Bei uns kann zu Beginn der dritten Klasse meistens kein Kind schwimmen, und dieses Jahr schaffen gerade mal die Hälfte am Ende das Seepferdchen.“ Für das Schwimmabzeichen muss ein Kind 25 Meter schwimmen und aus schultertiefem Wasser einen Ring vom Boden holen können. „Wir bräuchten mindestens zwei Jahre lang Schwimmunterricht.“
Die Bildungsverwaltung verweist darauf, dass sich das motorische Können der Schulanfänger in den letzten Jahren insgesamt verschlechtert habe. Zudem gebe es bei der Wertschätzung der Schwimmfähigkeit kulturelle Unterschiede. [….]

Die Kunde hör‘ ich wohl –
Allein mir fehlt der Glaube.

Ein ganzes Jahr Schwimmunterricht mit Kindern und anschließend können trotzdem 20 – 40 % nicht schwimmen?

Früher war alles besser.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Nachtreten


Als sich die FDP-Bundestagsfraktion endlich auflöste, war die Häme groß.

Die taz titelte ganz in schwarz mit einem Rösler- und Brüderle-Bild. Überschrift „Die neue APO!“
Während sich die ehemaligen FDP-Minister in Windeseile absetzten, auf sehr lukrative neue Posten wechselten und damit einmal mehr zeigten, daß sie gelebte Solidarität regelrecht verachten, trauten die schlagartig arbeitslosen Fraktionsmitarbeiter ihren Augen nicht mehr. So viel Häme war selten.


Die soziale Kälte, die so vehement von den fünf FDP-Ministern bekämpft wurde, trifft allerdings nur noch einen von ihnen; Dirk Niebel.
Er verkündet, er befinde sich noch in seiner 'Abkühlphase.'

Die anderen vier Sozialarbeiter müssen glücklicherweise nicht mehr allzu schlimm darben.
Der Ex-Vizekanzler und Wirtschaftsminister Rösler ist Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Weltwirtschaftsforums in Cologny in der Schweiz.


Guido Westerwelle ist guter Dinge. […]  Der Ex-Außenminister hat schnell Tritt gefasst. Jüngst war er über zwei Wochen in den USA, sprach an den Universitäten in Harvard und Princeton, hatte einen Auftritt bei der FDP-nahen Naumann-Stiftung in Washington.
Westerwelles Terminkalender ist voll. Und das wird auch in Zukunft so bleiben. Bereits vor seinem Ausscheiden aus dem Amt im Dezember hatte er vorgesorgt - und zusammen mit dem Internet-Unternehmer Ralph Dommermuth seine "Westerwelle Foundation" gegründet, die in einem schicken Altbau am Kurfürstendamm in Berlin residiert. […] Daniel Bahr ist seit Februar in der US-Denkfabrik "Center for American Progress", die die Gesundheitsreform von US-Präsident Barack Obama beratend begleitet. Auch ist er an der Universität von Michigan als Gastdozent für Gesundheitsökonomie tätig. […] Gut getroffen hat es Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, früher Justizministerin. Sie will Generalsekretärin des Europarats werden, ein Posten, der im Juni von der dortigen Parlamentarischen Versammlung neu zu wählen ist. Für den Job in Straßburg hat die Ex-Ministerin die Unterstützung der Bundesregierung. "Mit Gesprächen im Rahmen meiner Kandidatur für den Europarat war ich die letzten Wochen in 20 europäischen Hauptstädten und viel in Straßburg unterwegs", sagt sie.

Offensichtlich hatten selbst die Mitglieder der ehemaligen FDP-Bundestagsfraktion keinen blassen Schimmer davon für was für eine Partei und Politik sie standen.


Daß man ihr Schicksal nicht mit großem Mitgefühl rezipierte, verstanden sie nicht. Mit ihrem Selbstmitleid verschlimmbesserten sie ihre Situation noch einmal, weil sie nun von SPIEGEL, SZ und Co wieder an die großsprecherischen Aussagen der FDP-Minister Westerwelle (HartzIV’ler praktizierten spätrömische Dekadenz) und Rösler (die Schleckerfrauen sollten sich selbst um eine Anschlußverwendung bemühen) erinnert wurden.


Häme und auf am Boden Liegende zu treten, ist kein schöner Charakterzug.
Aber solche Reaktionen sind erwartungsgemäß.
Die FDP sollte sich also nicht beklagen.

Ich tue mich grundsätzlich schwer damit jemanden eine Strafe oder ein Unglück zu „gönnen“. Mir tun eigentlich alle Leid.
Aber ich bin auch der Meinung, daß die FDP nach wie vor aus den falschen Gründen verachtet wird.
Ja, Guidos und Fipsis Sprüche waren höchst verächtlich.
Aber sie entlarvten eben auch; sie bewiesen die ganze Ahnungslosigkeit der FDP-Minister. Besser hätten sie sich die eigene Disqualifikation nicht aussprechen können. Zudem war beispielsweise der Satz mit der „spätrömischen Dekadenz“ nicht nur taktlos und metaphorisch misslungen, sondern zeigte auch noch die katastrophale Bildung des Bürgerlichen Westerwelle. Denn im alten Rom waren sicher nicht die vielen Arbeiter und Armen „dekadent“.  Nur die FDP-affinen Patrizier und Großgrundbesitzer konnten sich Dekadenz leisten.
Römische Geschichte ungenügend, Guido.

Insofern ärgere ich mich kaum über dumme Sprüche von dummen Politikern.

Das Schlimme an den vier Jahren FDP-Herrschaft in Berlin ist eine katastrophale Politik, die massive wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeiten produzierte, der Kultur in Deutschland höchst abträglich war und außenpolitisch verheerend wirkte.

Wenn man gegenwärtig die Berichte über die in Syrien und dem Irak vorrückende ISIS ("Islamischer Staat im Irak und Syrien") liest, staunt man über die aberwitzige Brutalität und Effizienz der Männer des Abu Bakr al-Baghdadi.
Just kämpft die ISIS in Baidschi etwa 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bagdad um die Kontrolle über die größte Ölraffinerie des Landes.
Warum ist die ISIS so stark?
Da gibt es einige Gründe, die natürlich in der katastrophal gescheiterten US-Irakpolitik liegen.
Aber auch die völlig verfehlte Syrienpolitik, bei der Herr Westerwelle so eindrucksvoll debakulierte, spielt eine Rolle.
Insbesondere aber sind die von sunnitischen Großklans und Baathisten assistierten ISIS-Truppen reich und extrem gut bewaffnet, weil ihre Unterstützer in Katar und Riad ihnen all die deutschen Waffen weiterreichen, die ihnen der moralisch verkommene Katholik Philipp Rösler zukommen ließ.
Das ist nicht nur eine dumme und schlechte Politik der FDP, sondern eine MÖRDERISCHE, der jetzt täglich Menschen zum Opfer fallen.

Deswegen, so Leid es mir tut, schließe ich mich der Häme über die parteipolitische Leiche FDP an.
Diese Abschaumpartei hat kein Mitgefühl verdient.

Ich lache über ihre finanziellen Schwierigkeiten!

Ha!

Die frühere FDP-Bundestagsfraktion versteigert ihren Hausstand - und jeder kann bei diesem Bundestags-Ebay mitbieten.
[…]  Seit Oktober 2013 befindet sich die FDP-Bundestagsfraktion in Liquidation, sie löst sich auf und ist damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht mehr im Bundestag. […] Zur Versteigerung: Bis 13 Uhr an diesem Dienstag können Interessierte noch mitbieten.
[…] Die Bundesregierung hat in den 50er-Jahren für solche Fälle sogar eine eigene Institution eingerichtet: die Vebeg - das Verwertungsunternehmen des Bundes. Man könnte es auch Bundes-Ebay nennen. Es gibt dort Münzschrott, alte Uniformen, Fahrzeuge und Flugzeuge, Schreibtischlampen und was sonst noch so ausgedient hat in den Betrieben des Bundes.
[…] Mitbieten kann nämlich jeder, der sich online auf www.vebeg.de registriert hat. […]