Donnerstag, 3. April 2014

Schmerzfreie Grüne



Nachdem ich in den letzten Tagen mehrmals auf den gegenwärtigen Zustand der großen Koalition zu sprechen kam, ist es wichtig auch noch einmal auf die Alternative zu sehen.
Bei den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnissen gibt es außer einer GroKo nur Schwarzgrün.
RotRotGrün rückt aus zwei Gründen in immer weitere Ferne. Erstens schwächelt die SPD so sehr, daß es noch nicht einmal zu dieser Dreierkonstellation reichen dürfte.
Zweitens tun sich bei den aktuellen außenpolitischen Fragen derartige Gräben zwischen Linken und SPD auf, daß so eine Koalition schnell platzen könnte.

Man vergisst fast, daß am 22.09.13, dem Tag der Bundestagswahl ebenfalls eine Wahl in Hessen stattfand.
Auch dort reichte es nicht zu Rotgrün und nicht zu Schwarzgelb.
Auch dort fehlte es dem frommen SPD-Chef an Rückgrat und Mut, um die CDU in die Opposition zu schicken.

Am Ende schmiegten sich die Grünen an Bouffier, den Epigonen des braunen Rolands.

In Hessen wird mit dem rechtesten CDU-Verband Deutschlands koaliert.
Roland Kochs Kofferträger Bouffier, der alle ausländerfeindlichen Hetzkampagnen der Hessen CDU, die einst zig Millionen DM Schwarzgeld als „jüdische Vermächtnisse“ tarnte und bis heute nicht aufklärte woher das Geld stammte, darf jetzt mit Tarek Al Wazir an seiner Seite regieren, als ob die CDU eine absolute Mehrheit hätte.

Weiter so mit Bouffier
 […]  Eines kann man von der neuen Mannschaft des Volker Bouffier sicher nicht erwarten: einen „Politikwechsel“. Der CDU-Chef setzt dem Slogan, mit dem die Opposition aus SPD, Grünen und Linken im Wahlkampf losgezogen ist, genau das Gegenteil entgegen. „Weiter so“, lautet die Botschaft, die Bouffier mit seinem Personal aussendet.
Die alte Regierungsmannschaft der CDU ist im Wesentlichen auch die neue. Es sind genau jene Personen, die von den Grünen vor der Landtagswahl als „erschöpft und verbraucht“ gegeißelt wurden. Künftig sitzt man gemeinsam am Kabinettstisch des Volker Bouffier. […]

Das klappt eigentlich ganz vorbildlich, weil sich die neobellizistischen Grünen perfekt an ihren neuen schwarzbraunen Partner angepasst haben.

Verglichen mit anderen CDU-Fraktionen, steht die des hessischen Landtages ganz rechts.
Das hat Tradition in Hessen; wie die bloße Erwähnung der Namen Kanther, Koch, Dregger und Hohmann illustriert.

Verglichen mit seinen hessischen CDU-Fraktionskollegen, steht der CDU-Rechtsaußen Hans-Jürgen Irmer ganz rechts.
Die Grünen stört es scheinbar nicht mit so einer Peinlichkeit zusammen zu arbeiten

Die hessischen Verbände von Lehrern, Eltern und Schülern wollen nicht mit dem CDU-Politiker Hans-Jürgen Irmer an einen Tisch. In jüngerer Vergangenheit hatte sich Irmer erneut zu "Asylmissbrauch" geäußert und seinen Ruf als Rechtsaußen gefestigt.
Der von der schwarz-grünen Koalition angestrebte Schulfrieden wird immer schwieriger. Nach der Wahl des Abgeordneten Hans-Jürgen Irmer zum schulpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion erklärten mehrere Organisationen, sie würden sich nicht mit ihm zusammensetzen.
Irmer wettert seit Jahren gegen den Islam und sorgte mit Äußerungen über Homosexuelle und Zuwanderer für Unmut der anderen Landtagsparteien. Nach Informationen der FR wurde der Politiker in Gesprächen aus den eigenen Reihen nachdrücklich dazu aufgefordert, nicht weiter die von Schwarz-Grün in der Integrationspolitik vereinbarte „Willkommenskultur“ zu hintertreiben. Irmer bestätigte auf Anfrage: „Natürlich haben wir gesprochen.“ […]  Die Schülerorganisation teilte mit, sie verurteile die „rechtspopulistischen Aussagen“ Irmers und stelle „jegliche Korrespondenz“ mit ihm ein. Landesschülersprecher Armin Alizadeh kommentierte: „Herr Irmer kann seine Bildungspolitik jetzt ohne die Schülerschaft weiterführen.“ […]  Der Vorsitzende der GEW, Jochen Nagel, warf Irmer vor, er vertrete „rechtsextremes Gedankengut“. Die Gewerkschaft habe daher bereits 2010 die Gespräche mit ihm eingestellt.

Das war der Stand vor vier Wochen.
Der braune Irmer hetzt seitdem kontinuierlich weiter für die CDU.
Kein Absetzbewegungen der Grünen, nirgends.

Ein Brief des stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden Hans-Jürgen Irmer hatte im Landtag hohe Wellen geschlagen. In dem Schreiben beklagt Irmer die Arbeitsbedingungen von Mitarbeitern der Ministerien im Landtag und nennt sie wegen der Enge ihres Büros „menschenunwürdig“.
In diesem Zusammenhang weist der CDU-Politiker darauf hin, dass Asylbewerber in ihrer Gemeinschaftsunterkunft mehr Platz zur Verfügung hätten – nämlich mindestens sechs Quadratmeter pro Person. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Günter Rudolph, reagierte entsetzt. „Dieser Vergleich ist zynisch“, antwortete er dem CDU-Abgeordneten. Bei den sechs Quadratmetern für Asylbewerber handele es sich um ihre Wohnfläche, die für das Schlafen und alles Private zur Verfügung stehen solle. Die Ministeriumsbediensteten teilten sich den gemeinsamen Raum hingegen nur für die Arbeitszeit an den drei Plenartagen im Monat.
Die Argumentation des CDU-Politikers sage mehr über dessen Weltbild als über den Sachverhalt, um den es gehe, ergänzte Rudolph. Irmer eckt seit Jahren mit Äußerungen über Zuwanderer und andere Minderheiten an. Zuletzt warf er Flüchtlingen „Asylmissbrauch“ und „Einwanderung in die Sozialsysteme“ vor.

Mittwoch, 2. April 2014

Probleme mit der Sozi-Basis.



Schlimmer geht bekanntlich immer.
Nach der blamabelsten Legislatur nach 1945, als SchwarzGelb, die schlechteste Regierung seit dem Krieg nur dank einer phlegmatischen und debakulierenden Opposition überlebte, sollte es eigentlich besser werden.
Die Regierungsmehrheit ist mit 80% der Sitze erdrückend, aber umso mehr sollten die wenigen Oppositionellen mal ordentlich auf den Busch klopfen.

Aber mit Hanswursten wie Hofreiter klappt das natürlich nicht.
Auf der anderen Seite könnte das Bundeskabinett die Gelegenheit nutzen, um endlich dringend überfällige Reformen anzupacken, bei denen man immer auch einige der eigenen Leute unglücklich machen muß.
Die Stichworte sind Steuerreform, Gesundheitssystem und Pflegekatastrophe.
Aber diese riesigen im Raum stehenden Elefanten werden krampfhaft ignoriert und auf den St. Nimmerleinstag verschoben.

Naja, und ein kleines Energieproblem haben wir auch noch.
Im Jahre Neun der Kanzlerschaft von Industrieliebchen Merkel ist Deutschland Europameister im Luft verpesten.

Deutsche Kraftwerke sind die schmutzigsten in Europa
Kraftwerke von Vattenfall und RWE zählen zu den schlimmsten Klimakillern Europas. [….]  Einzelne Braunkohlemeiler stoßen so viel CO2 aus wie ganze Staaten.  Unter den zehn klimaschädlichsten Anlagen in Europa sind allein fünf deutsche Braunkohlekraftwerke. Das belegen neue Zahlen der EU-Kommission, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. [….] Spitzenreiter der Aufstellung ist mit 37 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß zwar ein polnisches Kohlekraftwerk. Bereits auf den Plätzen zwei bis vier folgen aber drei deutsche Meiler - zwei von RWE, einer von Vattenfall. "Die beiden Spitzenreiter der Liste stoßen jeweils etwa so viel CO2 aus wie Slowenien in einem Jahr", sagt Damien Morris von der Umweltschutzorganisation Sandbag. Deutsche Kraftwerke sind für rund die Hälfte der 212 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich, die sich allein aus dieser Top-Ten-Liste ergeben. [….] Die deutschen Treibhausgasemissionen stiegen in den vergangenen zwei Jahren sogar wieder an, wie das Umweltbundesamt ermittelte. Eine Hauptschuld daran trägt die Kohleverstromung.
Thorben Becker vom BUND spricht deshalb von einer "völlig fehlgesteuerten Energiepolitik durch zu billige Verschmutzungszertifikate". [….]

Zukunftweisende Energiepolitik wäre also mehr als überfällig.
Aber dieses Vorhaben wird weitgehend von Bayern und Horst Seehofer blockiert. Dem Mann also, dessen Bayerische Landesleute ihm zum Dank dafür eine absolute Mehrheit bescherten.

Der Freistaat Bayern blockiert die Energiewende [….]  
Die Ausgestaltung der Energiewende beherrscht die Debatte in Deutschland derzeit auf allen Ebenen von Politik und Wirtschaft. Einer der zentralen Konflikte dabei ist die Weigerung Bayerns, den Bau von Stromferntrassen von Nord- nach Süddeutschland mitzutragen, in denen Strom aus den leistungsstarken Windparks vor allem an der Küste und auf Nord- und Ostsee in die Verbrauchszentren des Südens geleitet werden soll. [….]  Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) kritisierte die "politische Irrlichterei aus Bayern. Die Energiewende muss auch im Süden der Republik ankommen", sagte er dem Abendblatt.
[….]  "Ich kann Bayerns Blockadehaltung nicht nachvollziehen", sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) dem Abendblatt. "Hat man die Gesamtanforderungen an die Energiewende in Bayern tatsächlich verstanden? Die Haltung der CSU-Landesregierung kann eigentlich nur politischer Taktiererei geschuldet sein – um Positionen aufzubauen, aus denen man dann möglichst viel für Bayern heraushandeln kann."
[….]  "Der bayerische Zickzackkurs schadet nicht nur der Energiewende in Bayern", sagte Sylvia Pilarsky-Grosch, Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie (BWE), dem Abendblatt. "Mit der Blockade beim Ausbau von Stromtrassen gefährdet die bayerische Landesregierung zugleich die Energiewende in anderen Bundesländern. Gerade die Blockade bei den Stromtrassen hat massive Rückwirkungen auch auf andere Regionen." Der bayerische Ministerpräsidentin Seehofer "führt sich auf wie ein Wegelagerer", sagte Pilarsky-Grosch.

Als norddeutscher Sozi versteht man auf den ersten Blick nicht so recht, wieso nicht CDU und CSU bei knapp über 20% in Umfragen abschneiden und die SPD doppelt so stark ist.

Die arbeitsverweigernde Destruktivhaltung der Union ist scheinbar aber genau das, was dem Urnenpöbel deutlich besser gefällt als der willige Arbeitseifer der Sozis.
Sie sinken demoskopisch in den Keller.

Außer den EU-feindlichen und generell xenophoben Hetzreden aus der CSU und der CDU-Thüringen ist da nichts, das man beurteilen könnte, da die Unionsminister nahezu kollektiv die Arbeit verweigern. Das Beispiel Merkel macht Schule. Während sich die SPD-Minister sofort ins Zeug legten und mit allen Mitteln immerhin versuchten Wahlversprechen umzusetzen (wenn auch teilweise mit grotesken Ergebnissen), legen die Unionskollegen die Hände in den Schoß und gucken zu wie sich als einzige Ursula von der Leyen in die Presse bringt. Allerdings natürlich immer nur durch Worte und nie mit Taten – aber das kennt man ja von ihr aus den vorherigen Ministerämtern auch nicht anders.
Während Nahles, Gabriel, Schwesig, Steinmeier und Maas geradezu rotieren, schlafen die CDU/CSU-Minister noch.
Oder hat irgendjemand schon irgendeine kleinste Regierungstätigkeit von Johanna Wanka, Christian Schmidt oder Alexander Doofbrindt bemerkt?
Ich wage zu bezweifeln, daß mehr als ein Prozent der Bevölkerung überhaupt wissen wer für die Union am Kabinettstisch sitzt.
 (….)  Tja, schade, daß die Sozis so doof sind. Die scheinen ernsthaft noch zu glauben, der Urnenpöbel beurteile Politiker nach ihren Leistungen.

Dabei ist es ganz offensichtlich so, daß der geistig-kataplexe Wähler von jeder Tätigkeit eines Ministers verschreckt wird und nur völlige Starre gutheißt.

Wir stehen hier mal wieder vor dem Phänomen der unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Konservativen und Progressiven.
Erstere wollen nur, daß die ihren regieren und den anderen gelegentlich ordentlich eins überziehen.
Letztere erwarten aber von ihren Leuten in der Regierungsverantwortung all das was in sie hineininterpretiert wurde. Zumindest aber das exakte Umsetzen des Wahlprogrammes in Rekordzeit.

Insofern ist es verständlich, daß die SPD-Parteizentrale immer wieder darüber informiert, wie brav man geliefert habe. Sie verhalten sich scheinbar devot gegenüber dem Wähler. Mit dieser latenten immer-die-Hosen-voll-habenden Haltung, kann man aber keinen Respekt erwerben.
Noch nicht mal die eigenen Anhänger respektieren die Parteiführung.
Und wen man nicht respektiert, dem traut man auch kein eigenständiges Denken zum Wohle des Landes zu.
Das WAR tatsächlich mal anders.
Kanzler wie Brandt, Schmidt, aber auch noch Schröder wurden als so kompetent betrachtet, daß man annahm sie müßten wohl gute Gründe haben, wenn sie aus Sicht der Wähler nicht wie gewünscht entschieden.

Mit hochintelligenten Denkern wie Glotz oder Bahr oder Wischnewski als SPD-Generalsekretär (bzw Bundesgeschäftsführer) wußte man, daß sie nicht aus Dämlichkeit falsche Entscheidungen trafen. Ihre Richtungsvorgaben waren mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig, auch wenn das dem einfachen Parteimitglied nicht sofort einleuchtete.

Man mag es gar nicht glauben, daß die Inkarnation der Inkompetenz, nämlich eine Andrea Nahles; der grundsätzlich alles misslingt, das sie anfäßt auch SPD-Generalin und nun Ministerin werden konnte.

Wenn Nahles etwas dümmlich wirkendes tut, liegt es üblicherweise daran, daß es wirklich dumm ist und nicht daran, daß man es nicht versteht.

Die SPD-Spitze versucht dieses intellektuelle Manko zu umschiffen, indem sie servil auftritt und der Basis mit bunten messages „guck-mal, haben-wir-das-nicht-fein-gemacht?“-Vollzugsmeldungen schickt.
Beispiel:

Der Gesetzesentwurf zum Mindestlohn geht ins Parlament. Das Bundeskabinett hat dem nachjustierten Mindestlohnentwurf von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zugestimmt. „In Zukunft wird Arbeit wieder gerecht entlohnt und ist damit keine Ramschware mehr“, sagte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles am Mittwoch. „Über vier Millionen Beschäftigte, werden vom Mindestlohn profitieren.“


Das Tarifpaket stelle einen Wendepunkt dar, so Nahles. „Der Wert der Arbeit wurde in den letzten Jahren in Mitleidenschaft gezogen. Gerechte Entlohnung ist eine Fragen des Respekt für geleistete Arbeit. Mit dem Tarifpaket sorgen wir dafür, dass Arbeit wieder ihren Wert bekommt. Deshalb trägt das Gesetz auch den Namen ‚Gesetz zur Stärkung der Tarifautonomie’“, erklärte die SPD-Politikerin in Berlin.
Mit dem Kabinettsbeschluss vom Mittwoch ist der Weg frei für das parlamentarische Verfahren. Geplant ist, dass der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro zum 1. Januar 2015 bundesweit startet.

Dazu gibt es dann Bilder der mit sich über alle Maßen zufriedenen Ministerin.

 
Sozis sind aber a) misstrauisch, b) voller Erwartungen und c) nicht so tumb wie Unionsanhänger.
Nur weil Nahles sagt das Wahlversprechen des flächendeckenden Mindestlohns sei nun umgesetzt, glaubt man das noch lange nicht.

Schließlich ist man ein gebranntes Kind.
Die SPD hatte auch schon grinsend wie ein Honigkuchenpferd Vollzug bei der Homo-Gleichstellung und der Doppelstaatsbürgerschaft gemeldet.

Beim Mindestlohn ist es nicht anders.
Wer nämlich denkt „Mindestlohn“ bedeute, niemand dürfe weniger als 8,50 Euro die Stunde verdienen, hat die Rechnung ohne Nahles gemacht.

Ja, es bekommt keiner weniger als 8,50 Euro – AUSSER DEN VIELEN, DIE UNTER DIE AUSNAHMEN FALLEN UND DOCH WENIGER VERDIENEN SOLLEN:

Endlich hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf für die Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns beschlossen und ihn beim Bundestag eingereicht. Es wird höchste Zeit, dass Deutschland wie 21 andere EU-Staaten endlich eine Lohnuntergrenze einführt. Aber der Betrag 8,50 Euro ist zu niedrig. Außerdem soll es dauerhaft und befristet bis 2017 eine Vielzahl von Ausnahmen geben. Bis 2017 immer dann, wenn der Tarifvertrag einen geringeren Mindestlohn vorsieht. Dauerhaft sollen eine Million Langzeitarbeitslose für sechs Monate, Jugendliche unter 18 ohne Ausbildung, Praktikantinnen und Praktikanten zur Berufsvorbereitung, Saisonarbeiterinnen und Saisonarbeiter und Zeitungsträgerinnen und Zeitungsträger ausgegrenzt werden sollen. Es ist also ein gesetzlicher Mindestlohn, der doch nicht flächendeckend ist. Es wird eine Niedriglohn-Reserve unter 8,50 Euro geschaffen. Jede Ausnahme ist eine zu viel. Sigmar Gabriel und Andrea Nahles haben sich von der CDU einen Bruch ihrer Wahlversprechen abringen lassen. Das gilt auch für den Rentenkompromiss. Schade, sehr schade.
(Gregor Gysi 02.04.14)

Und wo er Recht hat, hat er Recht, der Gysi.

Da braucht sich auch die SPON-Kommentatoren nicht zu wundern, daß den Sozis nicht die Herzen zufliegen.

Mindestlohn, Rente mit 63, Mietpreisbremse: Die SPD brennt in der Koalition ein Feuerwerk ihrer Lieblingsideen ab. Beim Wähler jedoch zahlt sich das nicht aus, stattdessen profitiert die Kanzlerin.
Es soll eine große SPD-Show werden am Sonntag in der Berliner Akademie der Künste. Alle Bundesminister der Sozialdemokraten werden da sein, unterstützt von den Ministerpräsidenten und wichtigen Oberbürgermeistern. Gemeinsam sollen sie den erfolgreichen Start der SPD in die Große Koalition feiern. Die Überschrift: "Die SPD regiert, Deutschland kommt voran." Die Botschaft: In der Großen Koalition geben die Genossen den Ton an.
Falsch ist das nicht. Es gibt nur ein Problem - der Wähler honoriert es nicht.
Die Bundesregierung ist nun 100 und ein paar Tage im Amt. In dieser kurzen Zeit haben die SPD-Minister im Kabinett ein wahres Feuerwerk an Initiativen abgebrannt.

    Sigmar Gabriel treibt die Energiewende voran,
    Andrea Nahles die Rente mit 63 und den Mindestlohn,
    Heiko Maas geht gegen Mietwucher vor und bringt gemeinsam mit Manuela Schwesig die Frauenquote auf den Weg.
    Auch der Doppelpass ist ein Herzensanliegen der SPD, selbst wenn ihn CDU-Mann Thomas de Maizière umsetzen muss.

So nimmt ein sozialdemokratisches Lieblingsprojekt nach dem anderen Formen an in der Großen Koalition, während die Union weitgehend unsichtbar bleibt.
Doch in den Umfragen dümpeln die Sozialdemokraten weiterhin im Keller herum. 23 Prozent verzeichnet Forsa in dieser Woche, das ist weniger als bei der Bundestagswahl, wo die SPD bei 25,7 Prozent landete. Bei den anderen Meinungsforschungsinstituten sieht es nicht besser aus. Die SPD strampelt sich ab, kommt aber nicht voran. CDU und CSU dagegen liegen konstant über der 40-Prozent-Marke.
Gabriel, Nahles und Co. wirken derzeit wie Angela Merkels beste Mitarbeiter, brave Helferlein. Das SPD-Personal sorgt dafür, dass die Koalition emsig daherkommt - doch die Kanzlerin und mit ihr die Union genießen ihre Spitzenwerte.
[….]  Ansonsten hält sich Merkel raus aus den Niederungen des Tagesgeschäfts. […]

Dienstag, 1. April 2014

Impudenz des Monats März 2014



Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Die letzten vier Wochen zeigten wieder einmal eine reiche Auswahl des Wahnsinns und der Dummheit.

In die engere Wahl kamen bellizistische Grüne und grassierende Russophobie der Presse.

Eigentlich war schon alles klar: Russland handelt "aus Schwäche" (Obama), Putin ist ein "Verlierer" (SPIEGEL ONLINE), er lebt in einer "anderen Welt" (Merkel), der Westen muss ihm "Grenzen setzen" ("Frankfurter Allgemeine"). Schon lange waren sich Machthaber und Medien im Westen nicht mehr so einig wie in der Krim-Krise: Der irre Iwan bricht das Völkerrecht, und wir müssen alle fest zusammenstehen.
[….]   Im Angesicht eines angenommenen Feindes lernen wir gerade den Unterschied zwischen einem freien und einem unfreien Pressewesen: In Russland werden die Medien von der Regierung gleichgeschaltet, bei uns übernehmen sie das gerne auch mal selbst. Für den Journalismus wird die Krim-Krise damit zur Sinn-Krise.  Wer es wagte, gegen den Strom der gleichgerichteten Meinung zu schwimmen, bekam vor kurzem noch ein lächerliches Etikett verpasst: "Putin-Versteher". […]

Aber da ich schon so viel über Krim und Co geschrieben habe, bekommt den Titel der Impudenz des Monats die Abschiebungs-Begleitkampagne des Bayerischen Roten Kreuzes.

Wer hätte das gedacht?
Lange hielt ich mich selbst für den größten Zyniker aller Zeiten, aber nein, es gab diesen Monat eine Aktion, die weit über das für mich erträgliche Maß zynisch war. Zu zynisch, viel zu zynisch.

Seht selbst:


                                               
Das durch den FREISTAAT BAYERN geförderte „Rückkehrhilfeprojekt der AWO Nürnberg und BRK Nürnberg-Stadt“ stellt die Abschiebung von „illegalen Menschen“ als tolle Chance dar:

Rückkehr in die Heimat bedeutet

    Verwandte und Freunde wiederzusehen,
    sich im vertrauten Kulturkreis zu bewegen,
    sich in der Muttersprache auszudrücken.

Rückkehr bedeutet auch

    Neubeginn,
    gesellschaftliche Anerkennung und
    die Chance, neue berufliche Perspektiven wahrzunehmen.

Es gibt für mich kaum eine größere moralische Katastrophe als die Abschiebepraxis Deutschlands, bei der jeden Tag in Nacht- und Nebelaktionen Familien auseinander gerissen werden.
Man steckt Kinder, die ihr Leben lang in Deutschland waren, von eben auf jetzt in ein Flugzeug und setzt sie dann in einer Gegend aus, die sie nicht kennen. In einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen.
Es wundert kein bißchen, daß es dabei immer wieder zu Suiziden aus purer Verzweiflung kommt.

Das „Rückkehrbuch“ ist die Bonbon-bunte Spaßversion des NPD-Slogans „Ausländer raus!“. Happy Abschiebung!

Diesen perfiden und ethisch abartigen Vorgang zu bagatellisieren, sogar mit einem Comic schön zu reden und als Spaß in bunten Bildern darzustellen, kann nur vollkommen verdorbenen Charakteren entspringen.
Die Deportation von Kindern zu verniedlichen haut selbst mich Großzyniker um.

Sie sollten sich wirklich schämen, Rotes Kreuz Nürnberg!

Dass die Darstellung als verharmlosend betrachtet werden kann, gesteht [Ulrike Sing, Abteilungsleiterin Soziale Arbeit des BRK Nürnberg] ein, verweist aber auf ihre Funktion als Türöffner. Das Buch werde von den Sozialarbeiterinnen genutzt, um „mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, mit ihnen über ihre Ängste zu sprechen“. „Eine geäußerte Angst ist eine kleinere Angst“, sagt sie. Flüchtlings-Aktivist Weinzierl kritisieret dennoch, dass die Abbildung einer „gut situierten Flüchtlingsfamilie mit eigener Wohnung samt gut gefülltem Spielzeug-Regal an jeder Realität vorbei geht“.
Auch Mesovic möchte nicht daran glauben, dass der Comic hilfreich sein kann. Das Thema der erzwungenen Ausreise lasse sich „kaum pädagogisch adäquat darstellen, weil die dahinter stehende Situation Kindern nicht vermittelbar ist“, so Mesovic, der sich seit über 30 Jahren für Flüchtlinge einsetzt. Er verweist darauf, dass der Verlust von Heimat und Freunden von Kindern als „extrem hart“ wahrgenommen wird und viele nach der Abreise schlicht im Elend landen. Viele Kinder seien nach ihrem erzwungenen Abschied aus ihrem gewohnten Umfeld regelrecht traumatisiert und hegen über Jahre hinweg die Hoffnung, eines Tages nach Deutschland zurückkehren zu können.