Donnerstag, 25. Oktober 2012

Aua, aua, au.




Jetzt habe ich seit einer Woche wieder dieses pochende, dicke, rote Ei am rechten Oberarm.
So reagiere ich immer auf Impfungen. 
Vor ein paar Jahren habe ich mich einmal überreden lassen die Injektion in den Hintern zu bekommen - „damit du nicht beim Schreiben gehandicaped bist!“
Das war ja noch blöder. So ein Arm hängt ja meistens nur freischwingend umher, während man auf seinen vier Buchstaben sitzt oder liegt. Das mache ich nie wieder.

Wenn man zwei Ärzte fragt, ob man sich grippeimpfen lassen sollte, bekommt man dazu drei Meinungen. Relativ unstrittig ist nur, daß sich Alte und Schwache impfen lassen sollten.

 Ich klammere mich an die Theorie, daß neben der echten Influenza die Grippeimpfung auch indirekt ein bißchen gegen grippale Infekte helfen könnte, weil das Immunsystem schon mal in Wallung gebracht wird.

Ob stimmt? Letztes Jahr hatte ich mal wieder einen Totalausfall mit fast 40°C Fieber und einer Woche stramm im Bett liegen (trotzdem gebloggt!); davor ging es ein paar Jahre gut.

Jedenfalls gehöre ich wohl zur Influenza-gefährdeten Spezies Mensch, da ich regelmäßig in Wartezimmern, Krankenhäusern und mit Pflegepersonal verkehre.
Also lieber doch impfen.

Man liest ja dauernd von den Lieferschwierigkeiten, die Apotheker mit den aktuellen Seren haben. 

Zum Glück ist meine Apothekerin, Frau Dr. Gül Özdemir, richtig gut und bemüht sich immer intensiv um alle ihre Kunden, also auch um mich.

Vor ca zwei Wochen rief ich sie an und bekam das OK. 
Sie habe das Serum nun da; ob sie den Boten schicken solle, oder wolle ich das selbst abholen.

Nein, nein, ich käme selbst, da ich noch vorher zum Internisten müßte, um ein weiteres Rezept für einen alten Herren abzuholen, um den ich mich kümmere.
Der gute Mann ist bettlägerig und wird vom Pflegedienst versorgt. 
Irrtümlich denkt man, so einer könnte sich ja nicht anstecken, wenn er nie rausgehe. Aber weit gefehlt, denn die Pflegerinnen sind echte Virenschleudern. Schließlich gehen sie den lieben langen Tag von einem Kranken zum Nächsten.
Für jemanden, der schon aus dem letzten Loch pfeift, kann aber eine Influenza der Exitus sein. An Grippe sterben in Deutschland mehr Leute als im Verkehr.

In Deutschland erkranken jedes Jahr vier bis zehn Prozent der Bevölkerung an Grippe (Influenza). Bis zu 4,5 Millionen Krankschreibungen gibt es deswegen. Das Robert-Koch-Institut geht von jährlich 5000 bis 15 000 Grippetoten in Deutschland aus.

 Alt und krank und schwach ist eine gute Indikation, um sich grippeimpfen zu lassen. 
Also lieh ich mir seine Barmer-Ersatzkasse-Karte, ging zu seinem Internisten und bat um ein Rezept für eine Grippeimpfung.

Aber das ginge leider gar nicht, bedeutete man mir. Der Impfstoff sei noch gar nicht fertig und es könne noch Wochen dauern, bis er ausgeliefert würde.

Verblüffende Information. 
Ich hätte doch aber heute Morgen mit Frau Özdemir gesprochen und die habe den Impfstoff da!

Aber nicht den für die Barmer-Patienten, Herr Tammox. Sie sind ja privat-versichert.

Ach so.

Daher habe ich jetzt das Ei am Arm.

 Kostete € 22,66. Afluria 2012/2013 mit Nadel von Merck. Kosten erstattet meine PKV. 

Die Barmer GEK hat aber einen exklusiven Vertrag mit Novartis ausgehandelt.
 Daß die Schweizer nicht liefern können wissen wir schon seit sechs Wochen.
 Die gesetzlichen Krankenkassen legten seit dem aber intensiv die Hände in den Schoß und beschäftigten sich mit Däumchendrehen. 

In Hamburg und Teilen von Norddeutschland fehlt ausreichend Wirkstoff für die jährliche Grippeschutzimpfung. Der Hersteller Novartis kann anders als in früheren Jahren erst Ende September liefern. Die Krankenkassen haben aber nach einer Ausschreibung einen Vertrag mit Novartis geschlossen, sodass allein dieser Hersteller zum Zuge kommen soll. Novartis hat mit Kassenvertretern für heute einen Krsiengipfel anberaumt.   Denn Hamburger Hausärzte warnen bereits: Wenn chronisch Kranke, Kinder und Menschen in Altenheimen zu spät geimpft werden, könnte der Schutz nicht mehr reichen, wenn die Grippeviren sie angreifen. "Das ist eigentlich ein Skandal, dass die Firma, die mit den Krankenkassen einen Vertrag abgeschlossen hat, nicht liefern kann", sagte Dr. Stephan Hofmeister dem Hamburger Abendblatt. Er ist der Vize-Vorsitzende der Vertreterversammlung in der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. Hofmeister sagte, die Grippewelle in Australien sei stärker ausgefallen als gedacht.

 Aber auch Ende September wurde das nichts. 

Mitte Oktober gab es immer noch kein Serum für Kassenpatienten. 

Exklusivverträge mit dem Hersteller Novartis für Begripal gibt es Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern.
Wer also im hohen Norden oder im Südosten privat versichert ist, kann sich schützen, Kassenpatienten müssen einkalkulieren womöglich zu sterben.

Frau Özdemir ist entsetzt und sagt die Kassen spielten mit der Gesundheit ihrer Patienten.
So ist das in der Zweiklassenmedizingesellschaft Deutschlands. 
Mein Nachbar, der bettlägerig und ausgemergelt ist, hat zwar kein schmerzendes Ei am Arm, aber dafür stirbt er womöglich an Influenza.

Ein echter Skandal. 
 Müßte da nicht eigentlich das Gesundheitsministerium einschreiten?
Ach nein, Gesundheitsminister ist ja ein FDP-Mann, der sich ohnehin nur um Privatpatienten kümmert.
 FDP-Mitglieder bekommen bei meiner Privatkrankenkasse sogar einen speziellen Rabatt von 5 %.

Die Nähe der Liberalen zur privaten Versicherungswirtschaft geht über politische Kontakte weit hinaus. Zwischen der FDP und der Deutschen Krankenversicherung gibt es auch eine geschäftliche Kooperation: ein vergünstigtes Rundum-sorglos-Paket allein für Parteimitglieder.
"Exklusiv für FDP-Mitglieder", so lautet das Angebot. Genauer: die "liberale Alternative zur Gesundheitsreform". So wirbt die Deutsche Krankenversicherung DKV, Europas größter Privatversicherer, auf der FDP-eigenen Internet-Plattform netzwerk-mit-nutzwert.de. Weitere Informationen? Nur für den, der sich als "FDP-Mitglied verifizieren" kann.
Auf den Seiten der DKV selbst wird es noch deutlicher. Das Logo der Liberalen prangt unter dem der DKV. Daneben drei glückliche Anzugträger und der Claim: "Freie Demokratische Partei und DKV - starke Partner".
Eine Partnerschaft, die sich auszahlt für FDP-Mitglieder und Mitarbeiter. Es gibt Fünf Prozent Rabatt. Vorerkrankungen sind - anders als üblich - kein Grund, den Versicherungsschutz zu verweigern.

 Ich frage mich, ob ich einen bestimmten Aufpreis bezahlen müßte, wenn heraus käme, daß ich SPD-Mitglied bin.

Mein bettlägeriger Nachbar kann noch etwas länger auf seine Novartis-Impfung warten. 

Zwar sind erste Chargen inzwischen nach Deutschland gekommen, aber die sind gleich wieder verboten worden.

Nachdem in Ampullen zweier Grippeimpfstoffe des Herstellers Novartis weiße Partikel entdeckt worden waren, schlugen italienische Behörden Alarm. Die Aktion endete zunächst in dem Verkaufsstopp der beiden Impfstoffe Fluad und Agrippal in Italien, später auch in der Schweiz und in Österreich. Jetzt haben auch die deutschen Behörden ein Verkaufsverbot verhängt.
Das Verbot betrifft vier Chargen des Impfstoffs Begripal und eine Charge des Impfstoffs Fluad.

Was sagt der Gesundheitsminister dazu?
Nichts.
Wozu auch. In Merkels Tu-nichts-Regierung ist das üblich und so kommt die regierende CDU auf satte 12 Prozentpunkte mehr in den Umfragen als die SPD.
Dem Urnenpöbel gefällt es.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Hybris.




Meine Generation erinnert sich für alle Zeiten an Mathilde Berghofer-Weichner
Die Bayerische Wuchtbrumme kam 1986 (sic!) als erste Frau in das Bayerische Kabinett und zerrte als Justizministerin 1988 den Gynäkologen Alois Theisen vor Gericht.
 Beim sogenannten „Memminger Abtreibungsprozess“ ließ mad Matilda 156 (sic!) Patientinnen Theißens öffentlich vorführen und an den Pranger stellen. 
Die antihumanistischen Richter zerpflückten die weinenden Frauen, die in den wenigstens Fällen ihren Familien offenbart hatten schwanger gewesen zu sein.
Dieses extrem brutale Vorgehen wurde damit gerechtfertigt, daß Bayern sich mit den niedrigsten Abtreibungsraten brüsten könne.
Logisch, denn Bayerinnen, die in den 80ern ihre Schwangerschaft abbrachen, taten dies tunlichst außerhalb der Landesgrenzen. Die Heuchelei war grenzenlos.
Getoppt wurde das abartige Schauspiel nur noch davon, als DER SPIEGEL im Mai 1989 enthüllte, daß der brutalste Jurist des Verfahrens, der beisitzende Richter Detlev Ott 1980 seine Freundin geschwängert hatte und diese nach Hessen zur Abtreibung geschickt hatte.

Bayerische Juristen im Kampf gegen die Abtreibung - außer bei ihrer Freundin.

Das ist geradezu ein Charakteristikum der politischen Konservativen:
 Je mehr sie sich moralisch echauffieren, desto wahrscheinlicher treten sie selbst die von ihnen propagierten Werte mit Füßen.

Es hat mich nicht eine Millisekunde lang überrascht zu hören, daß die ultrakonservativen Kämpfer gegen die Homosexualität Senator Larry Craig und  Ted Haggard selbst Tunten sind.

Rückblick:

Die Alttestamentarische Bibelauslegung mit den harten Strafen und der Verdammung kommt immer dann zum Vorscheinen, wenn es um ANDERE geht.

Megapfarrer Haggard, einer der einflussreichsten Hardcore-Christen ist ein ultrarechter Mann, der sich seiner völligen Übereinstimmung mit der Bush-Politik rühmt.
Ted Haggard, der ehemalige Kopf der Nationalen Vereinigung der Evangelikalen mit 30 Millionen Mitgliedern, scherzt, dass die einzige Unstimmigkeit zwischen ihm und dem Führer der westlichen Welt das Auto betrifft: Mr. Bush fährt einen Ford Pickup während er einen Chevy bevorzugt.
In gesellschaftspolitischen Dingen ist der Christ unerbittlich.
Er zettelte einen regelrechten Kulturkampf an, der in dem Dokument „For the Health of the Nation: An Evangelical Call to Civic Responsibility“ Homosexualität, Abtreibung, Einwanderung und ähnliche „liberale Auswüchse“ scharf verurteilte.
Haggard gilt als einer der glühendsten Verfechter einer Verfassungsänderung, die das Verbot der Homo-Ehe festschreiben soll.
Keine Gnade mit den Tunten!

In der Praxis halten sich die stramm rechten Prediger und US-Politiker nicht immer so ganz an diese Linie. Rechter Sex eben.

Da gab es den Abgeordneten Mark Foley, der männlichen Pagen schlüpfrige Pimmel-E-Mails sandte, Bob Allen, republikanischer Abgeordneter in Florida, der bei der Bitte nach Oralsex versehentlich an einen Polizisten geriet und James Guckert alias Jeff Gannon, der einen "Begleit-Service" für Männer betrieb und vom Weißen Haus einen Presseausweis bekam, weil er immer so nette Fragen an George W. Bush stellte. Glenn Murphy Jr., der Vorsitzende der GOP-Jugendorganisation Young Republicans, trat von allen Ämtern zurück, nachdem er einen 22-jährigen Mann sexuell genötigt hatte. Senator David Vitter aus Louisiana steht auf der Kundenliste der Washington Madam, des bekanntesten Bordells in Washington. In South Carolina musste der Staatspolitiker Thomas Ravenel als Wahlkampfleiter des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain zurücktreten, nachdem er offenbar Kokain geschnupft hatte. In North Carolina erwischte die Polizei im Juni den republikanischen Kirchenmann und Sittenwächter Coy Privette einer Prostituierten.
"Als die Nachricht von Senator Craig die Runde machte, forderten manche Republikaner seinen Rücktritt — andere wollten seine Telefonummer haben", spottete der Late-Night-Talker Dave Letterman.
Der einzige Republikaner, der wenigstens bloß gegenüber Frauen anzüglich wird, ist Arnold Schwarzenegger.

Und es gab Ted Haggard, der Vorstand der National Association of Evangelicals:
Der "wiedergeborene" Christ, Vorzeige-Familienvater von fünf Kindern und seine Ehefrau verehrende Ideal-Amerikaner poppte nebenher mindestens drei Jahre lang mit männlichen Strichern, die er immer wieder bei Escort-Servicen bestellte.
Begeistert nötigte er seine Sex-Diener zum Konsum harter Drogen wie Crystal Meth.
Der Führer der New Life Church mochte sich allerdings nicht mit Mietmännern begnügen.
Wenn er fertig mit der Homohetze von der Kanzel war, begann er junge Männer seiner Gemeinde sexuell zu belästigen.
Der jetzt 25 Jahre alte Grant erklärte gegenüber "KRDO News Channel 13", dass sich Haggard 2006 bei einem Kirchenausflug an ihn herangemacht habe. "Er fragte mich, ob wir gottesfürchtig oder unartig sein sollen", erklärte Grant. "Er wollte wissen, ob wir nur Freunde bleiben sollen oder ob ich Pornos für ihn kaufen, mit ihm onanieren oder mit ihm Crystal Meth nehmen soll. Er wollte mir all die Dinge zeigen, die er selbst gerne tut". Eigentlich lehnte der damals 22-Jährige entsetzt ab. Haggard habe sich dann aber entblößt – was den jungen Christen offenbar völlig aus der Bahn warf. Er habe sich daraufhin isoliert, Alkohol und Medikamente missbraucht und insgesamt vier Selbstmordversuche begangen.

So wie mit der Moral, ist es auch mit der Demokratie.

CSU’ler und GOPer fordern sie lautstark von den anderen ein, empfinden sie aber für sich selbst eher als störend.

Bayerns Staatspartei, die mit einem 20-Millionen-Euro-Etat in den Wahlkampf geht (SPD-Bayern verfügt über gerade mal zwei Millionen), setzt für ein gutes CSU-Ergebnis demokratische Regeln außer Kraft.
Keine Berichterstattung über den Parteitag der Bayern-SPD: Mit dieser Forderung soll CSU-Sprecher Hans Michael Strepp die "Heute"-Redaktion des ZDF unter Druck gesetzt haben. […]
Noch am Vormittag hält der CSU-Chef den Eröffnungsvortrag bei den Münchner Medientagen - ausgerechnet über Medienfreiheit.
[…] Chefredakteur Peter Frey verlangt Aufklärung: Strepp müsse die Frage beantworten, warum und mit welcher Intention er direkt in der Heute-Redaktion angerufen habe. […]
Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks hat Strepp am Sonntag auch zum ARD-Hauptstadstudio Kontakt gesucht. Strepp schickte laut "Bayern 5" dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth eine SMS und fragte, ob die ARD einen Bericht über die SPD-Kandidaten-Kür in Nürnberg plane. […]  Strepp ist mehr für Seehofer als nur ein Sprecher. Er ist einer seiner Strategen. Strepp sitzt in den wichtigen Runden dabei. Im Vergleich zu vielen anderen Sprechern weiß er wirklich, was gerade Sache ist.
Wie die SZ aus übereinstimmenden Quellen erfuhr, rief Parteisprecher Strepp am Sonntagnachmittag in der heute-Redaktion an. Seine Forderung: Die Sendung um 19 Uhr möge bitte nicht über den Landesparteitag der SPD berichten. Die ARD tue dies auch nicht. Berichte das ZDF dennoch, werde dies "Diskussionen nach sich ziehen". […] Für "skandalös" hält der Deutsche Journalistenverband den Vorgang. "Der Versuch der CSU-Pressestelle, beim ZDF einen Informationsboykott des politischen Gegners zu erwirken, ist mit dem Gebot der Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht vereinbar", sagte der Bundesvorsitzende Michael Konken.
Dabei ist das Kind längst im Brunnen. 
Sogar die Aufregung über die politische Einflußnahme ist geheuchelt.

Schließlich sitzen in den Rundfunkverwaltungsräten überall konservative Politikermehrheiten. 
Wir erinnern und wie Roland Koch und Angela Merkel durchdrückten, daß der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gefeuert wurde, weil sie ihn als „ZU UNABHÄNGIG“ und damit zu wenig CDU-hörig einschätzten.

Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang:
Angela Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm (CSU) wurde im Februar 2011 Intendant des Bayerischen Rundfunks (auch CSU). Im fliegenden Wechsel wurde der Merkel-Mann Senderchef.
 Seinen Nachfolger als Regierungssprecher rekrutierte die Kanzlerin direkt aus der ZDF-Heute-Redaktion. Steffen Seibert wurde im fliegenden Wechsel CDU-Regierungssprecher.

Welch bahnbrechende Erkenntnis also, daß sich die Schwarzgelben die ihnen genehme Berichterstattung organisieren.

Und der Staatssender ZDF, einst vom CDU-Urvater Adenauer als konservativer Haussender gegründet, bekleckert sich auch in dieser Affäre nicht mit Ruhm. Daß sie von der Union eingenorded werden, ist ihnen offensichtlich vertraut.
Anders ist nicht zu erklären, dass auf dem Lerchenberg nicht alle Alarmsirenen schrillten, als CSU-Sprecher Strepp versuchte, der Informationsfreiheit den Segen zu entziehen. Das ZDF zuckte nach außen erst mal nur mit den Schultern, obwohl intern die Redakteure laut SZ „baff“ gewesen sein sollen ob der Dreistigkeit des CSU-Mannes.
So wird sich das ZDF nie aus der Umklammerung der Parteien lösen können. Vielleicht will es das aber auch gar nicht. Auch wenn Seehofer sich am Rande der Medientage von jeder Einflussnahme distanzierte und ZDF-Chefredakteur Peter Frey eine Stellungnahme Strepps forderte, ist der gewonnene Eindruck fatal: Beim ZDF kann jeder Politiker einfach mal anrufen und versuchen, sich ein Programm nach seinen Wünschen zu bestellen. Wenn er Glück hat, kommt das nicht einmal raus.


Dienstag, 23. Oktober 2012

Herzog Widukinds Problem-Erben



Also so ganz optimal läuft es nicht für Angie.
Zwar kann sie sich immer noch damit in Szene setzen die absolute Euro-Koryphäe zu sein (was zwar nicht stimmt, aber ohnehin niemand überblickt), aber gänzlich irrelevant ist die Innenpolitik doch nicht.

Die Gurkentruppler und Wildsäue erinnern immer noch an ihr Dasein, indem die albernsten Dinge wie Praxisgebühr, Herdprämie, Großelterngeld, Frauenquote, und Wahlrecht auch nach drei Jahren unerledigt auf dem Tisch liegen. 
Merkel ist einfach zu schwach und unfähig, um ihre Kabinettskasper zum Regieren zu treiben.
Selbstredend liegen die richtig großen Brocken, die einer Reform bedürfen - Pflege, Steuer, Bildung,..- ohnehin unbeachtet umher und setzen Patina an.

Normalerweise kann sich eine CDU-Bundesregierung aus drei Gründen allerlei Kabale leisten.
  • CDU-Anhänger sind eher unkritisch und generell schon zufrieden, wenn überhaupt CDU’ler die Staatsspitzen besetzen. SPD-Basisleute sind erheblich anspruchsvoller und wollen, daß Minister und Bundeskanzler ihrer Partei auch noch GUT und in ihrem Sinne regieren.
  • Unionsregierungen wirken schon deswegen relativ stabil, weil sich die Opposition in der Regel selbst zerfleischt, in Grabenkämpfe ausbricht und pro Dekade eine neue Partei hervor bringt, die es noch schwerer macht eine oppositionelle Mehrheit zusammen zu bringen.
  • CDU-Kanzler können sich im konservativen Deutschland auf ein starkes Rückgrat in den Ländern stützen. Ministerpräsidenten stehen zudem stets als natürliche Führungsreserve zur Verfügung.
Punkt 1 und 2 gelten mit einigen Einschränkungen immer noch.

Problematisch ist für die Kanzlerin aber Punkt 3.

Bei Landtags- und Kommunalwahlen steht die CDU seit 2009 immer mit einem dicken Minus da.

Traditionell sind die Landesverbände BW und NRW die mit Abstand stärksten Truppen, dominieren die Parteitage und stellen auch eine ewig sprudelnde Personalquelle dar.

Nun befinden sich allerdings ausgerechnet die beiden Großen in Lyse.
Mappus, Rüttgers und Röttgen haben ihren Landesverbänden zugesetzt wie Attila der Hunne.
Als Merkel vor zehn Tagen im Stuttgarter Wahlkampf auftrat, schallte ihr ein gellendes Pfeifkonzert entgegen. Amtierende Landes-CDU-Größen, die Merkel zur Unterstützung gebraucht hätte, existieren leider nicht mehr.

Daß Merkel so ungeheuer schlau ist, wie die Presseleute immer wieder gegenseitig von einander abschreiben, würde ich nicht behaupten. 
Allerdings dürfte sie klug genug sein, um zu wissen, daß die Luschen Laschet und Strobel, Laschi und Strubbel, oder wie auch immer sie heißen, höchstens Kreisliga-Format haben und ihr kaum helfen können.
Dann gibt es die Landesverbände, die entweder auch demoralisiert und ausgeblutet sind (Hamburg, Brandenburg, Bremen), oder aber Führungs-Flitzpiepen haben, die absolut nicht gewillt und geeignet sind in der Bundespolitik mitzumischen (Saarland, Hessen, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt).

Stattdessen setzt sie auf Frau Klöckner und Herrn McAllister.
Beide sind beliebt, beide fühlen sich zu Höherem berufen, beide sind jung.
Obwohl McAllister schon regiert, haben beide aber selbst noch nie eine Wahl gewonnen.
Aber genau den Reifetest benötigte es, um in Merkels Obergurkentruppe von Berlin mitspielen zu dürfen.
Die Mainzerin wollte sich eigentlich durch schlichtes Abwarten in Kurt Becks Staatskanzlei substituieren.
Aber das ist eine Konjunktiv-Formulierung.
Die neue Klöcker-Gegnerin heißt nun Malu Dreyer und ist ebenfalls jung, Frau und beliebt. 
Wenn sie bei der nächsten Landtagswahl auch noch ihren Amtsbonus und eine funktionierende Landespartei (Die RP-CDU ist eine korrupte Schlangengrube, bei der immer mal wieder einer wegen Untreue vorm Kadi steht) in die Waagschale wirft, wird das vermutlich nichts mit einer Ministerpräsidentin Julia Klöckner.

Und dann Niedersachen.
 Im Januar geht es für David McAllister um die Wurst.

Wir sind die Niedersachsen,
Trinkfest und verwachsen,
Heil Herzog Widukinds Stamm!

Der FDP-Heimatverband Röslers und Dörings kann natürlich nur unter der 5%-Hürde eintrudeln und allein wird die CDU keine Mehrheit bekommen.
Falls es dabei bleiben sollte, daß auch die schwer debakulierenden Piraten und die Linken-Loser nicht ins Parlament kommen, winkt eine satte rotgrüne Mehrheit.

Die einzige Hoffnung der Hannoveraner Union ist der Regierungschef. 
Auf ihn kommt es an, er steht nun mehr denn je im Scheinwerferlicht. 

Und das ist, gelinde ausgedrückt, nicht gut für ihn.

Seine Wahlkampfmethoden fallen unter die Kategorie peinlich und peinlicher.
Zunächst ließ seine Staatskanzlei ein McAllister-Interview mit McAllister-Fragen und McAllister-Antworten verschicken.
Die CDU Niedersachsen hat Anzeigenblättern ein Interview mit Ministerpräsident und CDU-Landeschef David McAllister zum kostenlosen Abdruck angeboten – fertig ausformuliert samt Bildmaterial.
"Das sogenannte Angebot eines Interviews mit dem Ministerpräsidenten ist der plumpe Versuch, die Anzeigenblätter in den CDU-Wahlkampf einzuspannen", hatte der Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Hendrik Zörner, dem Hamburger Abendblatt gesagt. ZEIT ONLINE sagte Zörner, McAllisters Parteisprecher Torben Stephan habe sich in der Folge beim DJV entschuldigt und die Schuld auf seine Kappe genommen.
Der nächste Coup war ein sogenannter Wahlkampfsong, der ebenfalls nur als Comedy rezipiert wurde.
Wahlkampfsongs sind so eine Sache, manches Lied hat sogar schon die eigenen Anhänger verschreckt, nicht immer trifft es den Geschmack. Bei den Christdemokraten hat man damit Erfahrungen gemacht: Jürgen Rüttgers, Ex-Ministerpräsident, ging mit "NRW in guten Händen" 2010 in die Landtagswahl an Rhein und Ruhr - und verlor. Das scheint seinen Parteikollegen, den Ministerpräsidenten David McAllister, nicht abzuschrecken. Er will am 20. Januar 2013 die Landtagswahlen in Niedersachsen für sich entscheiden.
McAllister hat sich nun auch einen Song produzieren lassen - um sich und sein Land in Stimmung zu bringen. Titel: "So machen wir das. Für Niedersachsen", 3.39 Minuten ist das Werk lang. Es preist Land und Leute - und natürlich besonders einen, nämlich ihn. Der 41-jährige Landeschef setzt im Wahlkampf auf sich (Slogan: "I'm a Mac") und seine schottischen Wurzeln. Der Sohn einer Deutschen und eines Schotten hat seine Werbematerialien deshalb mit blau-orangefarbenem Karomuster hinterlegen lassen, in dem CDU-Lied erklingt ein Dudelsack. […] Da heißt es dann zu einer Sequenz mit einem Fisch, der in ein Flugblatt des SPD-Organs "Vorwärts" gewickelt wird: "Bist du eine linke Sprotte, leg dich niemals mit uns an." McAllister erscheint im Bild - mit Shanty-Sängern, einem Nachwuchsgitarristen oder im Hubschrauber -, und die Stimme im Hintergrund trällert: "Unser Häuptling ist ein Schotte, und wir sind ein starker Clan. Niedersachsen ist uns wichtig."



Die Verweise auf den Jade-Weserport, das niedersächsische Milliardengrab, sind auch nicht eben hilfreich.


Und schließlich, man glaubt es kaum, existiert auch noch Realpolitik in Niedersachsen. 
Ein Politikum ist zum Beispiel die Wulff-Affäre, ist doch McAllister sein direkter Nachfolger in der Staatskanzlei. 
Will er, der  Kronprinz denn gar nichts mitbekommen haben?
Wieder eine dieser NoWin-Situationen. 
Hat er nichts von den Wulff-Glaeseker-Machenschaften gemerkt, ist er offensichtlich leicht dämlich und nicht geeignet für seinen Job. 
Hat er es nicht gemerkt und geschwiegen, ist es sogar noch schlimmer.
Die Fragen der Opposition versucht die Niedersächsische Landesregierung mit größtmöglicher Arroganz auszusitzen.

Auch ein Glaeseker-Gutachten, welches den Wulff’schen Ministern offensichtlich bescheinigt unfähig zu sein, ließ McAllister unter dubiosen Umständen verschwinden.
Als Christian Wulff in Hannover regierte, schrieb sein Sprecher ein vernichtendes Dossier über das eigene Kabinett. Nachfolger McAllister wäre das Machwerk gern los.  [….] Seine Staatskanzlei musste sich mit einer brisanten Hinterlassenschaft aus der Ära seines Vorgängers Christian Wulff befassen. Auf dem Computer von dessen ehemals engstem Mitarbeiter Olaf Glaeseker befand sich nämlich ein Dossier. Der Inhalt ist strafrechtlich wahrscheinlich eher nicht relevant, politisch dafür umso mehr. Denn in dem mehrseitigen Schriftstück zog der Autor, vermutlich Glaeseker, über die Leute aus dem eigenen Kabinett her.
Etliche von Wulffs Ministern und Staatssekretären dienen inzwischen in der Regierung McAllister. Es braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, welche Sprengkraft die schonungslose Selbsteinschätzung im Wahlkampf entwickeln könnte. Die Opposition könnte sich kaum ein schöneres Geschenk erträumen als eine CDU, die über die eigenen Leute herfällt. Einige von Glaesekers Urteilen fielen offenbar vernichtend aus.
Das Papier sei "unflätig" und eines Regierungssprechers unwürdig, sagt jemand, der es gelesen hat. "So darf man einfach nicht über Mitglieder einer Regierung schreiben." Da werde schon einmal ein Minister als "fauler Hund" bezeichnet.
(SPIEGEL 42/2012)

Die CDU-Mandate des gegenwärtigen Niedersächsischen Landtages hat Wulff errungen. So zu tun, als ob es ihn nie gegeben hätte, fällt dem Deutsch-Schotten verständlicherweise schwer.

Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring hatte so richtig Spaß an jenem Tag im Januar. Eigentlich standen er und sein Regierungschef David McAllister gewaltig unter Druck. Die Affäre um den damaligen Bundespräsidenten Wulff hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Opposition stellte Dutzende berechtigte Fragen, sie attackierte mit gutem Recht. Die Christdemokraten hätten sich selbstkritisch prüfen können. Stattdessen wollte Möllring die Opposition vorführen. Überheblich schmetterte er ihre Fragen ab, als wäre nix gewesen, es war ein tollkühner Auftritt.
Nun hat Möllring und mit ihm Regierungschef McAllister von höchster Stelle eine schmerzhafte Rüge erhalten. Das Landesverfassungsgericht hat auf eine Klage der SPD festgestellt, dass die Regierung deren Recht auf Antworten nach bestem Wissen verletzt und so gegen die Verfassung verstoßen hat. Das Urteil zeigt auf, wohin Arroganz Politiker führen kann. Es ist ein Fiasko für McAllister.