Samstag, 21. September 2024

Wähler demotivieren

Da staunt mein Lieblings Pollster Harry Enten. Nur noch zwei oder drei Prozent der US-Amerikaner, die am 05.11. wählen wollen, wissen noch nicht, wen sie ankreuzen sollen. Die extrem wertvolle Gruppe der „undicided voters“ in den Swingstates schrumpfte zwei Monate vor den Wahlen schon lange. Aber Hillary Clinton und Donald Trump kämpften 2016 noch um immerhin 15% der Wähler.

Die Zahlen sind alles andere als überraschend. Um im September 2024 immer noch „undiceded“ gegenüber Trump zu sein, bedarf es schon einer frappierenden Portion Ignoranz. Wer ist denn so verblödet, sich neun Jahre, nachdem Trump die goldene Rolltreppe herunter fuhr, um gegen Mexikaner und Behinderte zu wettern, damit zu prahlen Frauen in die Vagina zu grabschen, immer noch nicht weiß, ob er das gut oder schlecht findet? Immerhin rund die Hälfte der Wähler sind moralisch so völlig verkommen, Trump zu lieben. Und dann gibt es immer noch ein paar Prozentpunkte zusätzlich, die immer noch überlegen, ihn zu wählen.

Wahlkämpfer mit einem IQ über Zimmertemperatur halten sich daher an die Uralt-Erkenntnis, in der Schlussphase in die Mitte zu rücken und nicht mehr die Hardcore-Basis der Partei zu bespielen. Deswegen betont Kamala Harris jetzt, Fracking zu unterstützen und selbst Waffenbesitzerin zu sein, die jeden Einbrecher in ihrem Haus erschießen würde. Das klingt in meinen linksliberalen Ohren etwas widerlich, ist aber smart von ihr, da meine Stimme schon sicher ist. Ich wähle ohnehin gegen Trump. Sie muss sich auf die paar Unentschlossenen fokussieren. Leider ist bei der großen Masse der Wähler eh nichts mehr zu holen.

Aber die Demokraten haben noch ein Ass im Ärmel: Trumps Dummheit. Nach so vielen Wahlkämpfen präsentiert sich der Mann immer noch erkenntnisresistent. Er liebt es, seine ultraradikalen Jünger bei den Rallys aufzuheizen, begreift aber nicht, daß es ein Nullsummenspiel ist. Die wählen ihn ohnehin alle. Da kann er nichts mehr gewinnen. Tatsächlich kann er aber ein paar Wähler abschrecken, wenn er seine Nazi-Basis in Ekstase versetzt.

So jammerte er bei seinen FOX-Arschkriechern immer noch über die Unfairness der Moderatoren bei seiner Harris-Debatte, weil die es gewagt hatten, bei insgesamt vier wirklich aberwitzig grotesken Trump-Lügen auf die Fakten zu verweisen. Für Trump waren das „nine or eleven times“ factchecks gegen ihn. Das wäre so furchtbar gemein, daß das Publikum vor Wut durchdrehte: The audience went crazy.

Eine selbst für Trump leicht erstaunliche Aussage, da die 60 Millionen TV-Zuschauer mit eigenen Augen gesehen hatten, daß die Debatte ganz ohne Publikum in einem leeren Saal geführt wurde.  Die fanatischen Trumpanzees sind längst so von der Realität entkoppelt, daß sie ihrem orangen Messias auch den hanebüchensten Schwachsinn glauben. Aber es gibt auch einige wenige republikanische Wähler – vermutlich um die 10% - die zwar niemals für eine dunkelhäutige Demokratin stimmen würden, aber doch so angewidert von Trump werden könnten, um gar  nicht zur Wahl gehen.

 Die nun in den USA breit diskutierten Fälle von schwangeren Frauen, die starben, weil sie aufgrund der Trumpschen Anti-Abtreibungspolitik nicht behandelt wurden, haben ebenfalls das Potential zumindest ein paar republikanische Wählerinnen am 05.11.2024 zu Hause bleiben zu lassen.

[……]  Das Thema Abtreibung spielt im US-Wahlkampf ohnehin eine große Rolle - nun wurde der Fall einer Frau bekannt, die wegen strenger Regeln zu spät Hilfe erhalten haben soll und starb. Bei zwei Auftritten kritisierte Harris die Republikaner scharf.

Knapp sieben Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl hat die Vizepräsidentin und demokratische Kandidatin Kamala Harris ihren republikanischen Rivalen Donald Trump und dessen Partei wegen deren restriktiven Abtreibungspolitik erneut scharf angegriffen. "Diese Heuchler wollen jetzt darüber reden, dass dies im besten Interesse der Frauen und Kinder ist", sagte Harris auf einer Wahlkampfkundgebung in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, in dem ein strenges Abtreibungsgesetz gilt. "Wie können sie es wagen?"  Eine von drei Frauen in den USA lebten in einem Bundesstaat mit "Trumps Abtreibungsverbot", so Harris weiter. Man wisse von mindestens zwei Frauen, die deswegen gestorben seien - und das allein in Georgia.

Später griff Harris das Thema auch bei einer Kundgebung in der liberal geprägten Stadt Madison im Swing State Wisconsin auf und bezeichnete das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen als "unmoralisch". "Dies ist eine Krise im Gesundheitswesen, und Donald Trump ist der Architekt", sagte sie. Konkret erwähnte Harris in beiden Ansprachen den Fall der 28-jährigen Amber Nicole Thurman. Im August 2022 erhielt diese einem Bericht zufolge nach Komplikationen durch Abtreibungspillen aufgrund der Rechtslage in Georgia zu spät medizinische Hilfe und starb. Nach Angaben der Rechercheplattform Propublica handelte es sich in dem Bundesstaat um den ersten offiziell als "vermeidbar" eingestuften Todesfall im Zusammenhang mit einer Abtreibung in den USA. […..]

(Tagesschau, 21.09.2024)

Eine klassische NoWin-Situation für den Nazi-Clown im Spätwahlkampf. Ja, es gibt eine extrem radikale Gruppe, die Schwangere auch nach Vergewaltigung und Inzest brutal bestrafen will, aber die wählen ohnehin alle Trump.

Hier kann er nichts gewinnen. Aber mit Amber Nicole Thurman bekommen die Konsequenzen der GOP-Politik ein Gesicht und könnten die ein oder andere konservative Wählerin in einem Swingstate dazu veranlassen, gar nicht zu wählen.

Selbst Trump begreift offenbar, in welch eine Sackgasse er sich da geritten hat und reagiert mit hysterischen All Caps-Stellungnahmen, die ihn natürlich alles andere als seriös wirken lassen.

Auch die Lüge über Hunde-essende Haitianer hilft nicht. Es hilft auch nicht, wenn Trumps VP-Kandidat inzwischen freimütig einräumt, zu lügen.

Es hilft nichts, wenn Trump ausgerechnet bei dem Israeli-American Council (IAC) gegen Juden wettert.

Hier kann Trump nur seine Wähler davon abhalten zu wählen.

Insbesondere schießt sich Trump aber mit seiner Begeisterung für völlig verrückte Nazis wie Laura Loomer oder den Republican North Carolina gubernatorial candidate Mark Robinson selbst in den Fuß.

[…..] Mark Robinson tritt in North Carolina so provokativ auf, dass er den Kandidaten der Republikaner womöglich sogar die Präsidentschaft kostet. […..] Die jüngsten Enthüllungen über den Trump-Liebling aber sind derart verheerend, dass seine Karriere ebenso schnell wieder enden dürfte, wie sie begonnen hatte. Als „black NAZI!“, schwarzer Nazi, habe sich Robinson im Forum einer pornografischen Webseite bezeichnet, berichtete am Donnerstag CNN. Der US-Sender wertete Daten der Webseite „Nude Africa“ der Jahre 2008 bis 2012 aus. Darin schrieb ein Nutzer namens „minisoldr“, er wünsche sich die Sklaverei zurück und würde bestimmt ein paar Sklaven kaufen, auch ziehe er Hitler Obama vor. […..] Das Pseudonym nutzt Robinson auf anderen Plattformen, es ist überdies verbunden mit einer E-Mail-Adresse, die ihm gehört. CNN hat zudem biografische Angaben und sprachliche Auffälligkeiten gefunden, die nahelegen, dass der Republikaner der Autor war. In weiteren Einträgen beschreibt sich „minisoldr“ als „Perversen“, der gerne Transsexuellen zuschaue und in einer Universität Frauen beim Duschen beobachtete.

Als „schlüpfrigen Boulevardschrott“ wies der 56-Jährige die Vorwürfe umgehend zurück. Er bekräftigte, im Rennen bleiben zu wollen. Die Enthüllungen haben jedoch das Potenzial, nicht nur die Gouverneurswahl in North Carolina, sondern sogar die Präsidentschaftswahl zu beeinflussen. Robinson hat sich in dem Südstaat an der Atlantikküste einen Namen gemacht mit äußerst konservativen Ansichten. Besonders mit Angriffen auf die Rechte von Transgendern, ein Reizthema im evangelikal geprägten North Carolina, wo zwei Drittel der Bevölkerung sagen, Religion sei in ihrem Alltag sehr wichtig.

Die Provokationsstrategie funktionierte bei den parteiinternen Vorwahlen im Frühling, im weiteren Wahlkampf ging sie jedoch nicht mehr auf. Der Kandidat der Demokraten, Justizminister Josh Stein, lag in Umfragen schon vor Wochen mehr als zehn Prozentpunkte vorn. Robinson scheint republikanische Wähler derart abzuschrecken, dass sie am Wahltag entmutigt zu Hause bleiben könnten, angesichts der jüngsten Nachrichten über Robinson umso mehr. Deswegen droht nun sogar Donald Trump die Präsidentschaftswahl in North Carolina zu verlieren. […..] In diese missliche Lage hat sich Trump selbst gebracht, indem er Robinson bei den Vorwahlen im März unterstützte. Als „Martin Luther King auf Steroiden“ pries er den Mann, der seine Politkarriere einer Wutrede zu verdanken hatte, mit der er 2018 nach einer Schulschießerei das Recht auf freien Waffenbesitz verteidigte. Das Video des Auftritts von Robinson wurde zum Renner in sozialen Medien, verbreitet von der Waffenlobby NRA. […..]

(Fabian Fellmann, 20.09.2024)

Das sind Verliererthemen, die zwar in der festgefahrenen US-Wählerschaft die Masse nicht bewegen, aber womöglich die entscheidenden Promille der GOP-Freunde in die Wahlenthaltung treiben… könnten. Vielleicht.

Freitag, 20. September 2024

Nicht überlebensfähig

Manche Geschäftsmodelle sind nicht zukunftsfähig, weil sie entweder a priori eine miese Idee waren, oder weil der technische Fortschritt sie obsolet macht.

Die vor rund 120 Jahren vom heute noch berühmten Ferdinand Graf von Zeppelin entwickelten Luftschiffe waren natürlich um die vorletzte Jahrhundertwende spektakulär. Wer wollte nicht fliegen können?

Die Idee 10.000 bis 100.000 Kubikmeter elementaren Wasserstoff als Traggas zu verwenden, schien bestechend, da er die mit Abstand geringste Dichte aller chemischen Elemente hat und in der vergleichsweise extrem schweren Luft für sehr viel Auftrieb sorgt.

Nur ein bißchen blöd, daß Wasserstoff extrem reaktiv ist und mit dem Sauerstoff in der Luft in der berühmten „Knallgasreaktion“ zu Wasser explodiert, so daß die meisten Zeppeline wie Bomben hochgingen und abstürzten. Als das größte je gebaute Zeppelin, die LZ 129 „Hindenburg“ (245m), die rund 70 Passagiere und etwa 8 Tonnen Fracht tragen konnte, 1937 spektakulär in Lakehurst kurz vor der Landung abstürzte (35 von 97 Menschen an Bord starben), war dann auch Schluß mit der kommerziellen H2-Luftschifffahrt.

Die für mich aufregendsten Erfindung meiner ersten zwei Lebensdekaden, war der Videorekorder. Bis dahin gab es für bewegte Bilder nur die drei Fernsehprogramme mit sehr wenig Sendungen für Jugendliche und das Kino. Man war an feste Zeiten gebunden, musste Programmzeitschriften genau studieren und pünktlich an einem bestimmten Ort sein. TV-Programme aufzeichnen zu können und sie dann, wann immer man wollte, anzusehen, war ein Quantensprung. Damit einher gingen die Videotheken, die es erstmals möglich machten, Filme nach persönlichem Gutdünken zu sehen und nicht Jahre oder Jahrzehnte auf Wiederholungen zu warten. Eine unbeschreibliche Freiheit und der pure Luxus. Mit dem Aufbruch in die Privatfernseh-Ära stieg die Programmauswahl enorm. Ich weiß noch, als ich erstmals einen Kabelanschluss bekam, den Sendersuchlauf startete und aufgeregt frohlockte, nun sogar mehr Sender zu bekommen, als die neun Tasten auf meiner Fernbedienung. Ich musste erst herausfinden, wie man eine zweistellige Programmnummer tippt. Irgendwann kamen nach den VHS-Cassetten die DVDs in die Videotheken und man musste sich einen DVD-Player anschaffen.

Inzwischen gab es zwar schon 30 bis 40 Programme, aber die Videotheken hatten mit ihrer Ü18-Ecke immer noch einen entscheidenden Sellingpoint.

Aber nach dem Internet und Streamingportalen, hatten die Videotheken nichts mehr entgegen zu setzen. Sie gingen alle ein.

Dasselbe Schicksal ereilte die bis vor 20 Jahren allgegenwärtigen Fotogeschäfte. In Hamburg gab es in jedem Einkaufzentrum und jedem großen Supermarkt „Photo-Porst“. Dort gab man regelmäßig seine Filme ab, besprach, welche Art Abzüge man wollte – Hochglanz, Matt, 9X14 oder 10X15. Eine Woche später holte man seine Packung mit Fotos ab und guckte gebannt, wie viele davon „was geworden“ waren.

Aber mit dem Siegeszug der Digitalkamera starb die gesamte Branche. Aus, Schluß, vorbei.

Analoge Anrufbeantworter, die Nachrichten auf eine Kassette mit Tonband aufnahmen, sind genauso verschwunden, wie Videorekorder, Floppy Discs oder der Walkman.

Auch Ideologien überleben sich. Ein ganzes Verteidigungsbündnis und dutzende westliche Parteien verstanden sich in erster Linie als Widerstandsbewegungen gegen den Weltkommunismus. Man hatte Angst vor dem Warschauer Pakt; es galt den Expansionsdrang der KPdSU und ihrer osteuropäischen Satelliten aufzuhalten.

Aber nach Gorbatschow und dem Fall der Mauer hatte sich der antikommunistische Affekt erledigt. Die CSU konnte die Wähler nicht mehr damit erschrecken, die SPD als „fünfte Kolonne Moskaus“ zu brandmarken.

In diesem Blog wurde schon oft beschrieben, wieso sich die Sexualfeindlichkeit so perfekt als Machtmittel der Religionen eignet: Der Sexualtrieb ist nämlich nahezu universell. Fast jeder scheitert am Zölibat, oder hat bei der Einhaltung zu kämpfen. Darauf folgen schlechtes Gewissen, Reuegefühle und Angst vor der Verdammnis in der Hölle: Alles Gefühle, die Geistliche ausnutzen, um Gehorsam oder Geld zu erpressen. Der Zölibat erzwingt priesterlichen Gehorsam und verhindert gleichzeitig, daß Geistliche ihr Vermögen an Kinder vererben.

Also war es nur naheliegend, daß christliche Sekten die Körper und Triebfeindlichkeit immer mehr auf die Spitze treiben. Mormonen-Jungs und Mädels werden mit spezieller Antimasturbationsunterwäsche davon abgehalten, sich selbst „zu beflecken“. Ich kenne keine Zahlen, mutmaße aber, daß sich nicht jeder mormonische Teenager exakt daran hält und daher erfolgreich sehr viel schlechtes Gewissen generiert wird.

Noch radikaler waren die russischen und rumänischen Skopzen im 18. Und 19. Jahrhundert, die Enthaltsamkeit so streng verlangten, daß sie sowohl Männern, als auch Frauen, operativ die Geschlechtsteile entfernen, beziehungsweise zerstören ließen:

[….] Um erlöst zu werden, hatte sich der Mensch gemäß der skopzischen Glaubenslehre nach dem Hauptgebot Christi der „Feuertaufe“ zu unterziehen, bei der er kastriert bzw. seine (äußeren) Genitalien mit einem glühenden Eisen verstümmelt wurden. Die Skopzen propagierten völlige sexuelle Enthaltsamkeit und forderten als Bedingung für den Eingang ins Himmelreich von männlichen Mitgliedern die Entfernung der Hoden und des Penis, von Frauen die Beschneidung der Vulva und Entfernung der weiblichen Brust. Bei den männlichen Skopzen gab es beim Erreichen des Höhepunktes der rituellen Handlung, „der Feuertaufe“, eine höhere und eine niedere Form, um das „Tor zur vervollkommenen Erlösung“ zu durchschreiten:

    das „kleine Siegel“ bezeichnete die Abtragung der Hoden, in denen die Skopzen den „Schlüssel zur Hölle“ sahen;

    das „große Siegel“ bezeichnete die zusätzliche Entfernung des Penis, den die Skopzen als „Schlüssel zum Abgrund“ verstanden, wobei mit „Abgrund“ die weiblichen Geschlechtsteile als Lustobjekt gemeint waren.

Die Beschneidung der Frauen wurde seltener ausgeführt. Seit etwa 1815 begann man, den Frauen Brust und Vulva zu verstümmeln, mit der Absicht, den geschlechtlichen Trieb einzuschränken und die Möglichkeit zum Koitus zu beschränken. Dazu wurden die Klitoris und die kleinen Schamlippen entfernt, die Brustwarzen ausgeschnitten oder gespalten oder eine Ablation der Brüste vorgenommen. Die Eingriffe wurden mit Küchenmessern, Beilen, Sicheln und glühenden Messern vorgenommen oder erfolgten durch Abbinden mit einer Schnur.

Die Sektenmitglieder wurden vor der rituellen Verstümmelung „Esel“ und „Ziegen“ genannt und danach als „weiße Tauben“ und „weiße Lämmer“ bezeichnet  […..]

(Wikipedia „Feuertaufe“)

Diese Hingabe bewundere ich schon lange! Viel mehr antisexuelle Enthaltsamkeit-propagierende Religioten sollten mit gutem Beispiel voran gehen und sich alles abschneiden, was vorsteht.

(…..)  In der Bibel gibt es sogar Stellen, die man als Aufforderung zur Kastration lesen könnte.


Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben.

Lukas 23,29.


In diesem Zusammenhang seien die russischen Skopzen genannt, die sich im 18. und 19. Jahrhundert kastrieren ließen, um ihre besondere Bindung an Jesus zu zeigen.
Rituelle Penis- und Hodenentfernungen dieser Art sind in der russisch-orthodoxen Kirche bis Mitte des 20. Jahrhunderts belegt.
Vor drei oder viertausend Jahren kam es bei der Entfernung der Hoden oft zu Infektionen und anderen Komplikationen.
Das war nicht schön.
Bedauerlicherweise habe ich in einer ARTE-Sendung (einmal gesehen, wie eine Hijra rituell entmannt wurde.
Aua, aua, aua! Das war auch überhaupt nicht schön - ein Seil, eine Klinge und ZACK war alles ab (incl. Penis).
In Indien gibt es Millionen Hijras.
Ich bin aber sicher, daß der Vatikan mit seinen finanziellen Möglichkeiten bedeutend bessere medizinische Bedingungen bei der Hodenentfernung der Priester schaffen könnte.  In einem modernen OP mit den zur Verfügung stehenden Narkotika dürfte die Prozedur erheblich humaner verlaufen.
Wenn man bedenkt, daß die Priester dafür ihr lebenslanges „Geschenk“ des Zölibats per Garantie erhielten, wäre der Schmerz eine leicht zu rechtfertigende Beeinträchtigung.
Zur Not ginge auch eine Hodenzerstörung durch ionisierende Strahlung (Röntgenkastration, Menolyse).
Die Glaubwürdigkeit der Kirche wäre auf diese Weise schnell und effektiv wiederhergestellt.
Niemand müßte mehr Angst haben seine Kinder in katholische Schulen oder Kindergärten oder Chöre oder Internate zu geben.
So eine Kastration ist allerdings irreversibel. Das hat Vor- und Nachteile.
Der Vorteil ist, daß weniger katholische Priester aufgrund von sexuellen Gelüsten zurück in den Laienstand wechseln wollen würden.
Der Nachteil: Falls ein katholischer Priester aus spirituellen Gründen zu einer Religion konvertieren möchte, die sexuell aktive Kleriker hat, wäre er dort stigmatisiert.  (….)

(Vorschlag zur Güte, 20.04.2010)

Wider Erwarten konnte sich das Skopzentum nicht durchsetzen und der Messias kam auch nicht. Logischerweise nicht; denn Jesus wäre erst beim Erreichen der Zahl von 144.000 kastrierter Skopzen wieder aus dem Jenseits auf die Erde gereist. Aber die Menschen brachten es bloß auf knapp unter 10.000 Exemplare.

Man ahnt es schon: Der Nachwuchs blieb aus.

Nicht überlebensfähig auf lange Dauer sind auch die Amish, denen ich durchaus einige Sympathien entgegenbringe, da sie, wie die Juden, nicht missionieren und andere mit ihrer Religiotie in Ruhe lassen.

(….) Amerikanische Quäker und ihre total-zölibatären „Shaker“-Brüder sind pazifistische Genossen, während amerikanische Evangelikale geradezu fanatische Waffenfans sind.
Wiedertäuferische Gruppen sind die Mennoniten, die Hutterer und die Amischen.
Hutterern und Amish-peoplen begegne ich schon seit Dekaden mit einer gewissen Faszination.
Hat man nicht immer das Gefühl, daß Hutterer und Amish besonders zufrieden und ausgeglichen wirken?
Das gilt zwar sicher nicht für Amishe Jugendliche, die zufälligerweise irgendwie aus der Reihe tanzen, weil sie musische Interessen haben, eine Künstlerische Ader in sich spüren oder gar schwul sind. Die haben nichts zu lachen in ihrer Gemeinschaft.
Aber die Täufer praktizieren eine Sache vorbildlich - sie machen Menschen erst zu echten Mitgliedern ihres Glaubens, wenn sie erwachsen sind.
Die Taufe im Kindes- oder gar Säuglingsalter wird strikt abgelehnt, weil ein Mensch aus freiem Willen zu ihrem Gott finden soll.
Auch dieses Modell ist nicht perfekt.
Wie „frei“ ist schon der Wille, wenn man 18 Jahre indoktriniert wurde und alle Menschen, die man kennt und liebt auch Amishe sind?
Allerdings gibt es aber die großartige Tradition des „Herumhüpfens“ („Rumspringa“). Nach dem Ende der Schule dürfen die Jugendlichen auf unbestimmte Zeit noch mal so richtig die Sau rauslassen. Alles ausprobieren, das vorher verboten war und im Lande herumreisen.
Die Eltern sind in dieser Zeit verpflichtet große Toleranz walten zu lassen. Wie viele Springer anschließend freiwillig zurückkommen und mit der Taufe ein Leben unter den strengen technikfeindlichen Regeln der Amish wählen, ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Offenbar können aber die extrem fundamentalistischen Amish nahezu alle Jugendlichen zurück gewinnen, während sich in den liberaleren Familien über die Hälfte der Hopser gegen die Taufe entscheiden.
Die bei Katholiken und deutschen Protestanten übliche Methode schon Säuglinge zu taufen und sie damit für immer zum Mitglied der Kirche zu machen, finde ich zutiefst menschenverachtend.
Die Kirchen vergreifen sich damit an Unschuldigen, die sich nicht wehren können.
In vielen Ländern ist es auch im Erwachsenenalter nicht mehr möglich aus der Kirche auszutreten - zum Beispiel in Spanien.
Auch ein deutscher Katholik kann nur formal aus der Kirche austreten, seine Seele gehört dem Vatikan aber auf immer; es sei den man wird exkommuniziert. (….)

(Religion ist wie ein Penis, 20.11.2010)

Sich von dem modernen Amerika abzukoppeln, macht Sinn für die hauptsächlich in Pennsylvania und Ohio lebenden Amish. So kommt die Jugend nicht in Versuchung und sie können ihrer Lebensweise treu bleiben.

Ein sehr anstrengendes Leben, das keinen Platz für Individualität lässt, aber auch in den festen Familienverbänden enorme Sicherheit gibt.

Geschieht einer Amish-Familie ein finanzielles Desaster oder wird jemand schwer krank, erscheinen ganz selbstverständlich die anderen Amish mit Lebensmittelgaben und Geschenken. In einer Reportage sah ich, wie einem Amisch-Mann das Haus abbrannte und er mittellos mit einem halben Dutzend kleiner Kinder in der Ruine saß. Schon am nächsten Tag erschienen, ohne daß das französische Reporterteam erklären konnte, wie sich die Neuigkeit eigentlich ohne Internet und Telefone so schnell herumgesprochen hatte, Dutzende Pferdewagen mit Baumaterial und kräftigen Amishen, die in wenigen Tagen ein noch schöneres Haus wieder aufbauten, ohne daß Geld floß.

Diese Solidarität hat ihren Preis: Absoluten Gehorsam, nicht aus der Reihe tanzen, den Oberen gehorchen, unterordnen, beten und arbeiten.

Die gut 300.000 Amishen in den USA werden dennoch nicht auf lange Sicht überleben. Mit ihren landwirtschaftlichen und handwerklichen Methoden sind sie zwar unabhängig vom Weltmarkt und Energiepreisen, ernähren sich gesund und werden insbesondere als Möbelbauer hoch geschätzt, aber sie haben sich auch von Washington abgetrotzt, daß ihre Kinder mit 14 Jahren die Schule verlassen.   

Das ist konsequent, weil intellektuelle Verdummung die Religiosität befördert, aber es schafft auch Abhängigkeiten, da der extrem niedrige Bildungsstand die Existenz von amishen Ärzten, Ingenieuren, Veterinären, Anwälten verhindert. Wenn es gesundheitlich brenzlig wird, brauchen sie immer Hilfe von außen.

Darüber berichtet die aktuelle Dokumentation“ The Amish Dilemma“, die in deutsch in der ARD-Mediathek abrufbar ist.

Abgesehen von der Verblödung, leiden die Amish auch noch an Langeweile. Musik, Bücher, TV, Internet gibt es nicht. Was bleibt da noch übrig, außer poppen?
Dementsprechend produzieren sie ein Balg nach dem anderen. Es sind also sehr große Familien, bei insgesamt wenig Amish. Sex vor der Ehe und Masturbation kommen selbstverständlich nicht in Frage, also wird sehr früh geheiratet und das ist meistens eine Person, mit der sie mehr oder weniger nah verwandt sind. Durch den starken Inzest nehmen Erbkrankheiten zu. Mukoviszidose und Trisomie21 sind, wie über 100 weitere genetische Krankheiten sehr häufig. Und das in einer akademikerfreien Gesellschaft, die auf medizinische Hilfe von außen angewiesen ist.

Fast jede Amish-Familie hat „ein besonderes Kind“ – also ein Mongoloides – welches als besonderer Segen Gottes angesehen wird. Selbstverständlich lehnen sie Gentests und Fruchtwasseruntersuchungen ab.

Die genetische Vielfalt sinkt rapide. In wenigen Generationen werden alle Amish weitgehend schwachsinnig sein.

Dabei wäre dem leicht Einhalt zu gebieten; sie müssten nur ihre Sexualethik ins Gegenteil verkehren. Amish-Frauen sollten dringend ausgehen und viel mit fremden Männern vögeln, sich unbedingt außerehelich schwängern lassen.

Aber das weiß man schon seit über 20 Jahren, ohne daß die Amish Konsequenzen ziehen und endlich zum Rudelbumsen mit den „english people“ raten.

[….]  The Amish make up only about 10 percent of the population in Geagua County in Ohio, but they're half of the special needs cases. Three of the five Miller children, for example, have a mysterious crippling disease that has no name and no known cure. Their father, Bob Miller, says he realizes there is a crisis in the community, which is why he and two other fathers, Erwin Kuhns and Robert Hershberger, have agreed to break a strict Amish rule that forbids them to appear on camera. The three sat for an informal interview.

The three Byler sisters were all born with a condition that has no cure and mysteriously leads to severe mental retardation and a host of physical problems. Last year, doctors figured out the girls have the gene for something called Cohen Syndrome; there are only 100 known cases worldwide.  Since then, more than a dozen other cases of Cohen's have been discovered in Ohio Amish country.

"Nobody knew it was around here and we found, what, 20 to 30 cases in this area now that they didn't realize. Nobody knew about it," says Erwin Kuhns.

But for so many years, the Amish have had no names for these disorders. It was simply a mystery why half the headstones in Amish cemeteries were headstones of children.

The genetic problems come down to something called the "founder effect" because the nearly 150,000 Amish in America can trace their roots back to a few hundred German-Swiss settlers who brought the Amish and Mennonite faiths to the United States in the 18th century. Over generations of intermarriage, rare genetic flaws have shown up, flaws which most of us carry within our genetic makeup but which don't show up unless we marry someone else with the same rare genetic markers.

Kuhns and Miller admit these conditions have gotten more widespread in recent years. So much so that concerned families pulled together, held an auction and raised enough to build a clinic within buggy range of all the Amish. They also hired a pediatrician and researcher named Dr. Heng Wang to start caring for their children.   [….]

(CBS, 2005)

Auch das Geschäftsmodell „Amish“ wird nicht überleben.

Donnerstag, 19. September 2024

Die Illiberalen

Die Kinder von heute können sich das gar nicht mehr vorstellen, aber es gab in der alten Bundesrepublik eine längere Phase, insbesondere die 1970er Jahre, als die FDP eine großartige, moderne, spannende und mutige Partei war. Sie stand für Aufbruch, wagte sich als erstes an das Giga-Thema Umweltschutz und stand für eine völlig neue Ostpolitik ein. Sie war aber insbesondere in der Rechtspolitik eine linksliberale Kraft, die das Strafrecht entstaubte und für mehr Bürgerrechte eintrat. Die großartige Humanistische Union (HU)*, die für Säkularisierung eintrat, als noch

niemand wagte Staat und Kirche zu entkoppeln, war geprägt von FDP-Mitgliedern.

* Was ist die Humanistische Union?

Die Humanistische Union ist eine unabhängige Bürgerrechtsorganisation. Seit unserer Gründung 1961 setzen wir uns für den Schutz und die Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte ein. Im Mittelpunkt steht für uns die Achtung der Menschenwürde. Wir engagieren uns für das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und wenden uns gegen jede unverhältnismäßige Einschränkung dieses Rechts durch Staat, Wirtschaft oder Kirchen.

Eine größtmögliche Verwirklichung von Menschenrechten und Freiheit ist an Bedingungen gebunden. Dazu gehören Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt.

Demokratische Teilhabe muss auch jenseits von Parteien und Wahlen gewährleistet sein. Es reicht nicht, wenn Rechte nur auf dem Papier stehen. In einer pluralistischen Gesellschaft müssen auch radikale Meinungsäußerungen möglich sein.

Was will die Humanistische Union?

Verteidigung von Freiheitsrechten

    Erhalt von Rechtsstaatlichkeit auch in Krisenzeiten

    Kriminalpolitik, die nicht nur auf Gefängnisse setzt

Kontrolle staatlichen Handelns

    Abschaffung des geheimdienstlichen Verfassungsschutzes Stärkung des Datenschutzes

    Menschenwürdigere Haftbedingungen und Resozialisierung

Förderung politischer Partizipation

    Umfassende Informations- und Akteneinsichtsrechte

    Mehr direktdemokratische Beteiligungsrechte

Abbau von Diskriminierung

    Wirksamer Schutz vor Diskriminierung

    Aktive Förderung benachteiligter Gruppen

    Unterschiedslose Zugänglichkeit öffentlicher Orte

Trennung von Staat und Kirche

    Gleichberechtigung aller Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften

    Abschaffung staatlicher Kirchenprivilegien wie glaubensgebundenen Religionsunterricht als ordentliches Schulfach, Einzug der Kirchensteuer sowie weiterer Finanzierungshilfen.

Die FDP wählte man mit der entscheidenden Zweitstimme. Denn Zweitstimme ist Kanzlerstimme und das bedeutete SPD: Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Die Freiburger Thesen des Jahres 1971, im Wesentlichen mitgestaltet vom damaligen FDP-Vordenker und ersten Generalsekretär Karl-Hermann Flach, waren ein liberaler Meilenstein der Entwicklung der BRD. Die Modernität der FDP zeigte sich auch in der Präsenz großartiger Frauen, die in der öffentlichen Wahrnehmung eine enorme Rolle spielten. Hildegard Hamm-Brücher, Ingrid Matthäus-Maier, Helga Schuchardt konnte man nur bewundern.

Aber dann kam das große Verrat des Genschers, der seine für Schmidt abgegebenen Stimmen verwendete, um Birne Kohl zum Kanzler zu machen. Schuchardt und Matthäus-Maier gehörten zu denjenigen, die sofort aus Protest die FDP verließen. Hamm-Brücher sorgte für eine absolute Sternstunde des Parlamentarismus, als sie sich 1982 gegen das Vorgehen ihrer Partei verwahrte.

[…..] Es geht um die Grundfrage, ob die Abgeordneten einer Fraktion — insoweit sind nur wir betroffen —, die mit einer klaren Aussage für eine Koalition und gegen eine andere ein hohes Wahlergebnis erzielt haben, nach zwei Jahren entgegen diesem Versprechen einen Machtwechsel ohne vorheriges Wählervotum herbeiführen dürfen.

Für mich persönlich muß ich diese Frage nach langer und schwerer Gewissensprüfung mit einem klaren Nein beantworten. […..] Ich bedauere zutiefst, daß der politische Liberalismus, dem ich wie Wolfgang Mischnick seit fast 35 Jahren mit Kopf und Herz verbunden bin, über diesen Konflikt in eine so schwere Existenzkrise geraten ist, und ich werde alles in meinen Kräften Stehende versuchen, daß wir diese Krise überstehen.

Auch deshalb stehe ich heute hier. Aber nicht nur das. Der Vorgang, den heute jeder Bürger vor dem Fernsehschirm miterleben kann, ist mehr als nur ein liberaler Familienkrach für oder gegen einen Machtwechsel. Er betrifft das Ansehen unseres Parlaments, der parlamentarischen Demokratie überhaupt. Hier liegt, verehrte Kollegen, der zweite Grund für meine persönliche Wortmeldung.
Wir alle beklagen ja gemeinsam den Vertrauensschwund, vor allem bei der jungen Generation, und wir alle denken darüber nach, wie wir das ändern können, und wir alle haben die Pflicht, daraus dann auch Konsequenzen zu ziehen. Ich glaube, wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, wie wenig gefestigt unsere Demokratie immer noch ist und wie wenig überzeugend es für unsere Bürger ist, wenn in unserem Parlament immer nur vorgestanzte Partei- und Fraktionsmeinungen vom Blatt gelesen werden.
[…..] Aus diesem Grunde möchte ich stellvertretend für viele Freunde und Mitbürger erklären, daß nach meiner Überzeugung der Weg über das Mißtrauensvotum zwar neue Mehrheiten, aber kein neues Vertrauen in diese Mehrheiten schafft. Dies wird sich, so fürchte ich, um so abträglicher auswirken, als das, wie sich herausstellt, ungeprüft gegebene Wahlversprechen für den Monat März nächsten Jahres offenbar nicht eingehalten werden kann.
Der dritte Grund für meine Wortmeldung ist ein offener Protest gegen das, was man da von mir verlangt. Ich würde es übrigens im umgekehrten Verhalten, Herr Kollege Kohl, nicht anders halten. Ganz gewiß sind Koalitionen für mich kein Dogma und ganz sicher auch nicht die Koalition zwischen Sozial- und Freien Demokraten, die während 13 Jahren der Zusammenarbeit unbestritten heute auch Verschleißerscheinungen und Defizite aufweist. Die Diskussion hat das ja offenkundig gemacht. Dennoch, Kolleginnen und Kollegen, vermag ich dem Kanzler dieser Koalitionsregierung nicht das Mißtrauen auszusprechen, nachdem ich ihm doch erst vor ganz wenigen Monaten das Vertrauen ausgesprochen habe. Auch kann ich doch nicht ihm allein das Mißtrauen für seine Regierungstätigkeit aussprechen und unsere eigenen vier Minister, ja mich selber dabei aussparen. Ich kann dem Bundeskanzler nicht mein Mißtrauen aussprechen, nachdem ich noch bis vor zwei Wochen mit ihm und seinen Ministern, mit meinen Kollegen uneingeschränkt, loyal und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe,
[…..] Ich finde, daß beide dies nicht verdient haben, Helmut Schmidt, ohne Wählervotum gestürzt zu werden, und Sie, Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen. […..] Zweifellos sind die beiden sich bedingenden Vorgänge verfassungskonform. Aber sie haben nach meinem Empfinden doch das Odium des verletzten demokratischen Anstands. Sie beschädigen — und das entnehme ich so vielen Zuschriften sehr ernsthafter Menschen in diesem Jahr — quasi — —

(Dr. Jenninger [CDU/CSU]: Wir haben doch auch Wähler, gnädige Frau!)

— Für Sie, Herr Kollege Jenninger, mag das auch gar nicht so relevant sein, wie das für uns in unserer Gewissensentscheidung ist.

Diese beiden Vorgänge haben nach meinem Empfinden also das Odium des verletzten demokratischen Anstands. Sie beschädigen quasi die moralisch-sittliche Integrität von Machtwechseln. […..]

(MdB Hildegard Hamm-Brücher, 01.10.1982)

Der bis dahin ausgesprochen linksliberale Hamburger FDP-Landesverband verlor in einer Woche beinahe die Hälfte seiner knapp 2.000 Mitglieder, die schnell von einer MM-Eintrittswelle (Makler und Maurer) ersetzt wurden und eine ganze Landespartei von links auf stramm rechts umkrempelte.

Nach 1982 verblieben nur noch wenige Liberale in der FDP: Gerhard Baum, Burkhard Hirsch, Sabine Leutheusser-Schnarrenberg und eben Hamm-Brücher.

Leutheusser-Schnarrenberger, ab 1992 Kohls Justizministerin, zeigte ein letztes mal das alte FDP-Rückgrat, als sie am 17. Januar 1996 aus Protest gegen die Einführung des sogenannten „Großen Lauschangriffs“ als Ministerin zurücktrat.

Ich erinnere mich noch gut wie fassungslos ich auf den FDP-Erfolg von 2002 reagierte, als Westerwelle und Möllemann so sehr die Antisemitismuskarte spielten, daß sie Hildegard Hamm-Brücher, die Vorzeige-Liberale, nach 54 Jahren aus der Partei trieben.

In den vergangenen zwei Dekaden trieben Westerwelle, Rösler und Lindner der FDP auch noch den allerletzten Funken liberalen Rechtsverständnisses aus. Heute sind die Hepatitisgelben eine reine Mietpartei der Superreichen-Lobby, die danach trachten, von unten nach oben umzuverteilen.

Gesellschaftlich tickt die Porschepartei als diametrales Gegenteil des Geistes von Freiburg. Sie hetzt gegen Minderheiten, biedert sich bei Rechtsaußenparteien an, schleift bei jeder Gelegenheit den Rechtsstaat, mauschelt mit den Kirchen und verbreitet durchaus auch schwurbeliges Pegida-Gedankengut. Abgeordnete, wie Wolfgang Kubicki und Frank Schäffler agieren offen gegen das Grundgesetz.

Einst despektierlich als Wurmfortsatz der CDUCSU beschimpft, setzt die Kemmerich-FDP eigene Duftmarken im AfD-Territorium.

[…..] FDP-Generalsekretär biedert sich bei Bundestagsrede der Union an: FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai unterstützte Merz bei dieser Debatte. 

Er sagte: „Wir als FDP stehen Ihnen weitaus näher als unsere geschätzten Kollegen in der Koalition.“ 


Djir-Sarai, der von einigen in der FDP bereits als neuer Parteichef ins Gespräch gebracht wurde, überrascht mit einem Abgesang auf die Ampel und behauptete, es gäbe keine Ampel in der Migrationspolitik.
[….]

(Merkur, 11.09.2024)

Da ist rein gar nichts Liberales mehr an den „Liberalen“.


[…]   Wolfgang Kubicki, stellvertretender Bundeschef der FDP, zeigt sich offen dafür, das Asylrecht abzuschaffen. Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen (CDU) hatte zuvor dem »Handelsblatt« gesagt, das individuelle Recht auf Asyl sei im Grundgesetz nicht mehr nötig, weil es Schutz für verfolgte Menschen nach den Regeln der Genfer Flüchtlingskonvention gebe. Diese könne dann als Institutsgarantie im Grundgesetz verankert werden.

 

Dazu sagte Kubicki der Zeitung:  »Ich halte diesen Vorschlag jedenfalls nicht von vornherein für falsch oder indiskutabel. Wir haben immer gesagt, dass wir über sachdienliche Vorschläge, die nur mit einer Verfassungsänderung umsetzbar sind, diskutieren werden.« […..] Bisher hatte die FDP zwar mehrfach Änderungen und eine Verschärfung des Asylrechtes gefordert, das individuelle Recht auf Asyl, wie es im Grundgesetz steht, jedoch nicht infrage gestellt.

Dass sich die FDP jetzt so offen gegenüber Änderungen von Artikeln des Grundgesetzes zeigt, ist neu. Noch im Juli hatte die FDP etwa argumentiert, die Schuldenbremse ließe sich nicht abschaffen, weil sie im Grundgesetz steht. Damals hatte der FDP-Fraktionsvorsitzende Christian Dürr gesagt: »Es geht darum, dass wir uns an das halten, was im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland steht. Und da steht die Schuldenbremse drin.«

Auch den Vorschlag von Brandenburgs Innenminister Stübgen, die Beziehungen zu Syrien zu normalisieren, begrüßte Kubicki: »Wir müssen uns grundsätzlich von dem infantilen Gedanken verabschieden, dass wir unsere Interessen im Ausland angemessen vertreten können, indem wir ausschließlich mit demokratischen Staaten reden.«  [….]

(SPON, 19.09.2024)

Die Bundestags-FDP ist nicht nur genauso rechts wie die CDU, sondern auch genauso unseriös, wie die AfD.

Ihre Minister fügen diesem Land schweren Schaden zu.

Der einzige Trost am mutmaßlichen Ende der Scholz-Kanzlerschaft im Jahr 2025 und der Amtsübernahme des rechtsradikalen Fritz Merz, ist der damit parallel stattfindende endgültige Untergang der FDP, die dann aus allen deutschen Parlamenten verschwindet.

Mittwoch, 18. September 2024

Dred Scott 2024

Natürlich gibt es in mir auch den kleinen Göttinger Mescalero, der sich heimlich wünscht, es möge doch endlich mal ein Attentat auf Trump klappen. Der orange Wahnsinnige hat schon so viele Menschenleben auf dem Gewissen und würde in einer weiteren Präsidentschaft garantiert weiterhin tödlich wirken.

Wäre es nicht eine Art Tyrannenmord, die der Notstand gerechtfertigt? Aber das denkt man höchstens und sagt es nicht laut. Niemals würde ich das öffentlich schreiben.

Außerdem gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen Hitler und Trump. Die gescheiterten Hitler-Attentäter werden heute geehrt, weil der Tod des Diktators Abermillionen Leben gerettet hätte. In den letzten 10 Kriegsmonaten von Juli 1944 bis Mai 1945 starben mehr Menschen als in den fünf Jahren seit dem Kriegsbeginn am 01.09.1939 bis zum 20.07.1944.

Mit Hitler hätte man der Regime-Schlange den Kopf abgeschlagen. Alle wesentlichen Machtstrukturen, waren auf ihn persönlich zugeschnitten. Die Menschen hatten ihren Eid auf ihn gelegt, alle anderen NSDAP-Größen liebten und verehrten den „Führer“.

Bis heute ist nicht vollständig ausgemacht, was eigentlich sein enormes Charisma, seine Anziehungskraft ausmachte, denn er soll in Gesprächen langweilig und langatmig gewesen sein, verfügte über keinen Humor und war auch nicht besonders gebildet. Eigentlich unerklärlich, daß so viele viel klügere und aufgeklärtere Menschen ihm verfielen. Zumal es zwar die allermeisten waren, die er persönlich in seinen Bann ziehen konnte, aber eben auch nicht alle. Es gab durchaus einige Menschen, wie zum Beispiel Marion Dönhoff, die ihn nur einmal getroffen hatten und sich sofort sicher waren, daß Hitler ein skrupelloser Idiot ist, der Krieg will.

Hätte man Hitler aus dem Spiel genommen, wäre ein Kollaps des NS durchaus wahrscheinlich gewesen.

Bei Donald Trump ist das anders. Eine Hälfte der US-Amerikaner verachtet ihn ohnehin mit ganzer Kraft. Aber selbst die meisten hochrangigen GOP-Politiker hassen ihn. 90% seiner engeren Ex-Mitarbeiter warnen vor ihm, halten ihn für völlig verblödet und undiszipliniert. Fast alle republikanischen Senatoren, die öffentlich vor IQ45 Kotau machen, ihm Schleimspur ziehend den Hintern küssen, tun das nicht aus echter Zuneigung, sondern weil sie die Zerstörungskraft seiner Hardcore-Base kennen und weil sie die politischen Ziele Trumps teilen. Mitch McConnell ärgert sich über die Idiotie Trumps, aber er selbst ist moralisch ebenso verkommen, wünschte sich die enormen Steuersenkungen für Superreiche, die Geschenke für die NRA, die wahlrechtbeschneidenden Gesetze, die ultra-ultrarechten Supremecourt-Richter, die Diffamierung von Queeren und die Drangsalierung von Frauen. All das ließ sich durch Trumps Anziehungskraft auf die Deplorables und RedNecks endlich durchsetzen.

Fiele Trump tot um, würde nicht der GOP-Kosmos kollabieren, sondern ein genauso unsympathischer, aber mutmaßlich weniger verblödeter Faschist, würde nachrücken.

DeSantis, Noem oder Cruz wären keinen Millimeter liberaler, als der debile Geronto-Orang. Die Machtstrukturen, die Nazi-Medienkonzerne, die fanatisch homophoben Christen, die Homeschooler, die NRA, die steinreichen PACs und Thinktanks, die Wählerbasis – all das bliebe bestehen.

Es ist nicht nur Trump, der übelste Lügen und rassistische Beleidigungen auskübelt – die gesamte republikanische Partei macht mit und johlt ebenfalls vor Freude, wenn er über Harris‘ Hautfarbe herzieht.

An dieser Stelle muss ich bedauerlicherweise einen Wikipedia-Absatz zitieren, um den Namen „Dred Scott“ einzuführen.

[….] Dred Scott versus Sandford war ein 1856/57 vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten verhandeltes Grundsatzverfahren, dessen Ausgang als einer der wesentlichen Auslöser des Amerikanischen Bürgerkriegs gilt.

In dem Prozess versuchte der Sklave Dred Scott seine Freiheit einzuklagen mit der Begründung, dass er zeitweise in sklavenfreien Bundesstaaten und Territorien der USA gelebt hatte. Das 1857 durch Chief Justice Roger B. Taney, selbst ein einstiger Sklavenhalter, verkündete Urteil verneinte hingegen generell die Bürgerrechte von Afroamerikanern und stärkte die Rechte der Sklavenhalter: Sklaven seien das rechtmäßige Eigentum ihrer Halter, und das verfassungsmäßige Recht auf Privateigentum schütze daher die Sklaverei in den gesamten Vereinigten Staaten, auch in Bundesstaaten, die diese verboten hätten.

Faktisch erklärte das Urteil damit den Missouri-Kompromiss für verfassungswidrig, der mit Ausnahme Missouris für alle Gebiete nördlich der Linie bei 36° 30‘ nördlicher Breite ein Verbot der Sklaverei vorsah. Das Urteil verschärfte den Konflikt zwischen den Nordstaaten, die sich in die Defensive gedrängt sahen, und den sklavenhaltenden Südstaaten. Nach dem Bürgerkrieg wurde durch den 13., 14. und 15. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten und den Civil Rights Act von 1866 (verabschiedet 1870) die Sklaverei abgeschafft und das Urteil von 1857 aufgehoben.

In der US-amerikanischen Geschichtsschreibung wird Scott v. Sandford noch vor Plessy v. Ferguson oder Korematsu v. United States als das allgemein schlimmste Urteil des Obersten Gerichtshofes bezeichnet, das dem Gericht fast ein Jahrhundert lang einen schlechten Ruf brachte.  [….]

(Wikipedia)

Unfuckingfassbar, aber eine republikanische Parteiorganisation holt 170 Jahre später das Dred Scott versus Sandford-Urteil aus der Mottenkiste, um darauf basierend die Präsidentschaftskandidatur von Kamala Harris verbieten zu lassen.

Die 1934 gegründete National Federation of Republican Assemblies (NFRA) versteht sich heute als rechter Parteiflügel der GOP, der an der Seite Trumps gegen die sehr wenigen verbliebenen und umso verhassteren "RINOs" (Republicans In Name Only) kämpft. Sie unterstützten 2016 den Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz, aber 2020 und 2024 natürlich Trump.

[…]  The National Federation of Republican Assemblies (NFRA) has outrageously invoked the infamous Dred Scott Supreme Court ruling in their challenge to Vice President Kamala Harris‘ candidacy — a move steeped in white nationalist ideology. The group argues that Harris is ineligible to run for president because her parents were not U.S. citizens at the time of birth.

The Dred Scott ruling in 1857 said that Black people weren’t citizens and could not expect any protection from the courts or government. This was one of the most racist and damaging Supreme Court decisions in American history and played a major role in pushing the country closer to the Civil War.

In the current-day lawsuit filed to the Supreme Court, Vivek Ramaswamy and Nikki Haley, both Republicans, are also named, arguing that they’re not natural-born citizens either. Legal experts are condemning this as a blatant racist attempt to revive racist rhetoric in the 2024 presidential race. […..]

(AURN, 29.08.2024)

Dieser widerliche böseste Rassismus und Sexismus ist GOP-Mainstream, beinahe einheitliche Meinung unter den aktiven Republikanern und definitiv Konsens unter den 75 Millionen Trump-Wählern. Ein schwarze Frau darf gar nicht Präsidentin werden, weil sie nun einmal eine Frau ist. Und weil sie schwarz ist. 50% der USAner finden das gut.

[….]  Nun hat der Verband National Federation of Republican Assemblies NFRA nachgelegt und leistet Trump Schützenhilfe. Dabei stützt sich die erzkonservative Organisation auf ein Urteil des US-Verfassungsgerichts, das fast 170 Jahre alt ist.

Donald Trump will seine Konkurrentin Kamala Harris als Kandidatin disqualifizieren lassen – und erhält nun Rückendeckung von der National Federation of Republican Assemblies (NFRA). Diese ist schon öfter wegen ihrer Kreuzzüge gegen dunkelhäutige Politiker aufgefallen.

Donald Trump will seine Konkurrentin Kamala Harris als Kandidatin disqualifizieren lassen – und erhält nun Rückendeckung von der National Federation of Republican Assemblies (NFRA). Diese ist schon öfter wegen ihrer Kreuzzüge gegen dunkelhäutige Politiker aufgefallen.

Im Jahr 1846, also 15 Jahre vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs, hatte der Sklave Dred Scott im Südstaat Missouri eine Klage eingereicht, um seine Freiheit zu erlangen. Zuvor hatte er in dem nördlich gelegenen Staat, Wisconsin, wo Sklaverei bereits verboten war, als freier Mann gelebt. Es stehe keinem anderen Staat zu, ihm diese Freiheit wieder zu entziehen, argumentierte Scott. Der Richter entschied aber, dass er nicht dieselben Rechte wie ein US-Bürger genieße und wies seine Klage ab.

Der Grund: Obwohl Scott auf US-Staatsgebiet geboren wurde, genieße er als Sohn von Ausländern und zudem als Sklave nicht den Schutz der Gerichte. Scott legte Berufung ein, und der Fall ging schließlich bis zum Obersten Gerichtshof, der aber erst elf Jahre später, also im Jahr 1857, die Argumente des Gerichts in Missouri bestätigte und Scott seine Freiheit verweigerte. Rechtsexperten halten den Gerichtsentscheid für den mit Abstand schlechtesten in der Geschichte des Supreme Court.

Die NFRA, deren prominentestes Mitglied der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan war, versucht nun, einen großen Bogen aus der Ära der Sklaverei zur gegenwärtigen Politik zu schlagen. Denn in ihrem Geburtsjahr 1964 hatte der Vater von Harris nur die jamaikanische Staatsbürgerschaft und ihre Mutter nur die indische. Das disqualifiziert sie von einer Präsidentschaftskandidatur, schreibt die Organisation in einem Dokument, das als Grundlage für anstehende Gerichtsprozesse dienen könnte.

„Wir sind der festen Überzeugung, dass die ‚Faux Demokratin‘ Kamala Harris aus verfassungsrechtlichen Gründen niemals das Präsidialamt ausüben darf und nicht einmal die Möglichkeit haben sollte, als Kandidatin anzutreten“, sagte NFRA-Präsident Alex Johnson. Die Vizepräsidentin selbst hat zu Versuchen, sie als Kandidatin aus dem Rennen schmeißen zu lassen, bislang keine Stellungnahme abgegeben. Ein Berater ihrer Präsidentschaftskampagne zeigte sich aber gelassen. [….]

(Peter deThier, FUNKE, 09.09.2024)

Dienstag, 17. September 2024

Das gehört verboten – Teil II

Es ist dieser erzkonservative, autoritäre Reflex, alles verbieten zu wollen, das nicht wie man selbst ist. Ich lehne das als zutiefst illiberal ab. Unter konservativer Ägide wurde und wird so viel verboten, das völlig harmlos ist und positiv wirken kann: Gemischtrassige Ehen, Verhütungsmittel, Masturbation, das Wahlrecht für Frauen, Homosexualität, außerehelicher Geschlechtsverkehr, die Freiheit Atheist zu sein, Stammstellenforschung, das Wahlrecht für Schwarze, PID, Leihmutterschaft und vieles andere mehr.

(…….) Natürlich ärgert es mich als Liberalen (nicht im FDP-Sinne!), wenn rechte Parteien tragische Vorkommnisse ausnutzen, um sich als tatkräftig zu inszenieren, indem sie höhere Strafen und schärfere Gesetze fordern.

Das ist so billig und durchschaubar. Das tut man wenn das Kind im Brunnen ist.  Schärfere Gesetze kosten nichts und lenken davon ab, daß die aktiven Politiker offensichtlich bei der Prävention versagt haben.

Ganz ohne Strafgesetzbuch und Jugendknäste geht es leider nicht.

Aber ich erwarte, daß Politiker nicht wie 2001 CDU und Schillpartei in Hamburg dafür gewählt werden mehr Jugendliche einzusperren, sondern wünsche mir Bildungs-, Sozial- und Justizpolitik, die verhindert, daß Jugendliche überhaupt auf die schiefe Bahn geraten.

Nach „schärferen Gesetzen“ zu krakeelen, ist ein Armutszeugnis und zu allem Übel wird das auch noch vom Wähler belohnt.

Mein persönlicher Liberalismus gebietet es Freiheiten nur dort einzuschränken, wo sie Dritte gefährden.

Waffen müssen für den Privatgebrauch verboten sein, weil man mit Waffen andere verletzt. Man darf nicht mit drei Promille Autofahren, weil man sich damit nicht nur selbst umbringt, sondern andere gefährdet.

Irrigerweise gibt es aber auch zahlreiche Verbote, die aus reiner (oft religiotisch beeinflussten) Borniertheit entstanden.

Eins, das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe wurde gerade erst abgeschafft.

Intersexuelle dürfen aber immer noch nicht heiraten.

Man darf auch nicht zu dritt heiraten. Die Ehe zwischen Geschwistern ist nach wie vor verboten, obwohl das Inzest-Tabu absurd und anachronistisch ist. (….)

(Das gehört verboten, 04.01.2018)

Manchmal schieben sie eine gute Absicht vor, wie das Verhindern von Abtreibungen und den Schutz des werdenden Lebens.

Die Praxis zeigt aber den gegenteiligen Effekt. Es finden weniger Abtreibungen bei liberaleren Regelungen statt, weil Schwangere dann nicht unter Druck gesetzt werden. Strengste Regeln, wie sie Trumps GOPer gerade in den USA durchsetzen, führen hingegen dazu, daß nicht nur mehr Panik-Abtreibungen passieren, sondern daß dabei auch Frauen auf bestialische Art sterben.


Der Verbotswahn der konservativen vorgeblichen Abtreibungsgegner zielt in Wahrheit darauf Frauen zu drangsalieren und über sie zu bestimmen.

Natürlich ist das Strafgesetzbuch sinnvoll. Missetaten, die anderen schaden – Mord, Diebstahl, Vergewaltigung – gehören selbstverständlich verboten.

Die Existenz von Gefängnissen zeigt aber, daß strafbewährte Verbote offenkundig nicht das Übel verhindern.

Mord ist auch in den USA illegal. Dennoch werden Zehntausende Menschen jedes Jahr durch Waffengewalt getötet. Offenkundig bedarf es weiterer Maßnahmen, wie beispielsweise die eigentlich nicht so abwegige Idee, nicht jedem Irren ein Maschinengewehr in die Hand zu drücken.

Ich halte es für ein Armutszeugnis, wenn rechte Politiker und Publizisten bei jedem dramatischen Vorfall nach mehr Verboten rufen.

Es gibt aber gleichzeitig Dinge, die tatsächlich verboten werden sollten, die aber gerade die Konservativen so sehr unterstützen. Silvesterfeuerwerk, privater Waffenbesitz oder die AfD.

Natürlich ist ein AfD-Verbot juristisch heikel und nicht mal eben von Nancy Faeser per Befehl durchzusetzen. Bernd Höcke und Co werden sich als arme Opfer inszenieren und die ultrarechten Hetzer werden zunächst einmal solidarischen Zulauf haben. Ich denke aber, die Vorteile eines AfD-Verbots überwiegen bei weitem die Gefahren eines solchen Verfahrens.

[….] Die neuen Enthüllungen über Kontakte zwischen der AfD zu Rechtsextremen und Pläne zur „Remigration“ wecken bei der Grünen-Innenpolitikerin Misbah Khan „dunkelste Erinnerungen an die antijüdische Gesetzgebung in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus“. Die Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz sagte der Frankfurter Rundschau: „Wenn Demokratiefeinde in großem Stil um Millionen-Spenden für verfassungswidrige und menschenverachtende Projekte werben können, läuft etwas schief in Deutschland. Es gilt daher dringend, die Finanzierungsnetzwerke von Rechtsextremisten zu zerschlagen.“

Khan bezieht sich damit auf Berichte von Correctiv, der AfD-Politiker Siegmund habe bei dem Treffen auch versucht, Spenden zu akquirieren. Er habe dazu von Plänen berichtet, für die knapp 1,5 Millionen Euro zusätzlich zu Mitteln aus der Partei-Finanzierung notwendig seien.

Der AfD Zugang zu öffentlichem Geld für demokratische Parteien zu entziehen, ist auch ein Argument, das für ein Verbot der rechten Partei vorgebracht wird. Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner dringt vehement darauf. „Alle Argumente für ein Verbot der AfD liegen auf dem Tisch“, sagte Renner der Frankfurter Rundschau. Es brauche jetzt die notwendigen Mehrheiten im Bundestag, um einen entsprechenden Antrag auf den Weg zu bringen.

Franz Zobel, Projektleitung der Opferberatungsstelle Ezra in Thüringen, sagte der FR: „Ein Verbot mindestens der AfD-Landesverbände in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt muss jetzt endlich auf den Weg gebracht werden.“   […..]

(FR, 10.01.2024)

Begonnen wird so ein Verfahren trotz erfolgreicher Petitionen nicht, weil die anderen Parteien zu viel Angst davor haben zu scheitern oder die AfD zu sehr zu reizen.

Aber Angst kann und darf kein Hinderungsgrund sein.

[….] Ein Zusammenschluss aus Gewerkschaftern, Historikern und Aktivisten will ein AfD-Verbot voranbringen. Die Partei verstoße gegen Artikel 1 des Grundgesetzes. Verfassungsrechtler sind skeptisch.

"Es ist unsere moralische und verfassungsrechtliche Pflicht, einzuschreiten", sagt Julia Dück, Sprecherin der Kampagne "Menschenwürde verteidigen - AfD-Verbot jetzt!" Sie beklagt eine "Normalisierung" der AfD - wie sie in Wahlergebnissen, Parlamenten und in der Gesellschaft stattfinde. Für Dück ist die AfD keine Partei wie andere auch. Sie gehöre stattdessen verboten.

Mit einer Kampagne will ein Bündnis von Gewerkschaftern, Historikern und linken Anwälten und Aktivisten die anderen Parteien dazu bewegen, ein Verbot der AfD beim Bundesverfassungsgericht zu beantragen. Dück und ihre Mitstreiter haben zur Pressekonferenz ins Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin geladen.

Auf dem Podium sitzt auch Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Er sieht ebenfalls eine Gefahr in der AfD und einen Rechtsruck in der Gesellschaft: "Das sind große Kräfte, die die Gleichwürdigkeit aller Menschen, also Artikel 1 des Grundgesetzes, massiv in Frage stellen. Und wir sehen die AfD als deren parlamentarischen Arm."

Der Kernvorwurf der Initiatoren der Kampagne: Die AfD verstoße gegen die Menschenwürde - und damit gegen Artikel 1 des Grundgesetzes. "Sie schürt Hass und Rassismus und damit legitimiert sie auch Gewalt. Das führt zu Anschlägen wie in Halle und Hanau oder dem Mord an Walter Lübcke", sagt Dück. Das sind schwere Vorwürfe.  Ein Parteiverbot müsste beim Bundesverfassungsgericht beantragt werden - durch die Bundesregierung, den Bundestag oder den Bundesrat. Das Bündnis will nun auf genau diese Institutionen Druck machen, einen solchen Antrag zu stellen.  [….]

(Tagesschau, 17.06.2024)

Weniger hoch als bei einer Partei, sind die verfassungsrechtlichen Hürden beim Verbot der chinesischen Staatsplattform TikTok, die enorm wirkungsmächtig ist. Sowohl in den USA, als auch in der EU befürworten die meisten Politiker über Parteigrenzen hinweg, die Abschaltung von Tiktok. Angefasst wird das Verbot auch in diesem Fall nur deswegen nicht, weil alle die Hosen voll haben. Zu viele Nutzer vereint China unter seinem Algorithmus. Die gesamte GenZ ist TikTok-süchtig und würde ausrasten, wenn man ihr das liebste Spielzeug nähme.

Dabei ist der Schaden, den TikTok für unsere Demokratie anrichtet offensichtlich.

Ohne TikTok wären die deutschen Erst- und Jungwähler bei Weitem nicht zu rechtsextrem und Demokratie-feindlich.

[…..]  AfD-Chefin Alice Weidel steht auf einer Bühne vor einer Menschenmenge und ruft ins Mikrofon: »Wir haben eine Erosion der inneren Sicherheit.« Swipe. Ein Bild von einem grünen Lokalpolitiker unterlegt mit einem Lied: »Mir tut es in der Seele weh, wenn ich das alles seh, schönen Dank an Grüne, SPD und FDP.« Swipe. Ein rechtsextremer Aufmarsch gegen den Christopher Street Day in Magdeburg, schwarz gekleidete Männer, Deutschlandfahnen.

So kann es aussehen, wenn jemand die App TikTok öffnet und durch das Angebot swipt, also wischt. Es reicht, einen Account bei TikTok anzulegen, die Schlagwörter »Deutschland« und »AfD« einzugeben, ein paar Clips zu liken – und schon empfiehlt der Algorithmus vor allem solche Videos. Sie zeichnen das Bild eines Landes, in dem die Menschen vor vielem Angst haben müssen. In dem alles schiefläuft, weil die Falschen an der Macht sind. Der Erfolg der AfD in dieser Zielgruppe ist ohne TikTok kaum erklärbar. In Deutschland nutzen der JIM-Jugendstudie zufolge 59 Prozent der 12- bis 19-Jährigen regelmäßig die App. Sie analysiert die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer und zeigt Videos, die ihnen sehr wahrscheinlich zusagen werden. Eine maßgeschneiderte Filmwelt, die sich den Befindlichkeiten der Zuschauenden anpasst – und in der sich junge Leute schnell verlieren können.

»Wer früher eine radikale Ansicht geäußert hat, musste oft mit Widerspruch von Eltern oder Lehrern rechnen. Im digitalen Raum fällt das weg, da bestärkt man sich eher gegenseitig«, sagt Mathieu Coquelin, Leiter der Fachstelle für Extremismusdistanzierung. Die Stelle berät Sozialarbeiter, Jugendeinrichtungen und andere Institutionen zum Umgang mit Extremismus. Seit Jahren gewinne der digitale Raum in ihrer Arbeit an Bedeutung, sagt Coquelin.

Ein Video des AfD-Politikers Björn Höcke, der über den Wert von Kindern spricht. Swipe. Bilder von Vermummten, die auf der Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz ein Deutschlandbanner aufgehängt haben. Swipe. Eine junge Frau, weißes Top, lange offene Haare, tanzt zu einem elektronischen Song: »Nur die AfD. Deutschland braucht die AfD.«

Die extreme Rechte hat die Vorteile von sozialen Netzwerken früh erkannt. Populistische Inhalte emotionalisieren, dafür werden sie vom Algorithmus mit Reichweite belohnt. Keine Partei im Bundestag ist in sozialen Netzwerken so erfolgreich wie die AfD. Die Videos der Fraktion werden hunderttausendfach angesehen. »Es geht in den Videos oft darum, dass einem angeblich etwas weggenommen wird. Der Verbrennungsmotor durch den Klimaschutz, Sicherheit durch zu viel Einwanderung«, sagt Coquelin. Das sorge für starke Abneigung gegenüber jenen, die vermeintlich etwas wegnehmen wollen.

Bilder von Geflüchteten an der deutschen Grenze, dazu der Song: »Weit ist der Weg zurück ins Heimatland«. Swipe. Ein Mitglied der AfD-Jugend spricht darüber, dass der Verfassungsschutz »deutsche Patrioten« mundtot machen wolle. Swipe. Ein Junge, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, filmt sich selbst im Badezimmerspiegel, er hebt die Hand zum Hitlergruß.

Die Mobilisierung im Netz sei für den Erfolg der AfD ganz entscheidend, sagt auch Dirk-Martin Christian, Präsident des sächsischen Verfassungsschutzes. Er beobachtet, wie die Partei dabei von außen unterstützt wird. Private Vereine und Organisationen aus dem Umfeld der rechtsextremen Identitären Bewegung würden etwa für die AfD Material für die sozialen Medien produzieren. »So haben sie einen deutlichen Vorsprung vor den anderen Parteien.«   […..]

(DER SPIEGEL, Titelgeschichte, 14.09.2024)

Der Schaden, den TikTok anrichtet, ist genauso offensichtlich, wie die Hilflosigkeit der Demokraten. TikTok gehört abgeschaltet.