Mittwoch, 5. August 2020

Schlimmeres verhindern?


Pius XI, bürgerlich Dr. jur., Dr. theol. und Dr. phil. Achille Ratti, geboren 31.05.1857, hatte nur ein halbes Jahr nach Hitlers Machtübernahme durch das Reichskonkordat mit dem Deutschen Reich vom 10. September 1933 den Nazis die höchste diplomatisch Ehre zuerkannt und damit das antisemitische Verbreicherreich geadelt.

Damit war Hitler völkerrechtlich für alle anderen Staaten der Erde reingewaschen.

Ratti wußte durch Edith Stein früh Bescheid über die Massenmorde und geplanten Genozide Nazi-Deutschlands, verurteilte den Nationalsozialismus aber nie öffentlich. Der Katholik Hitler war sein Verbündeter gegen den „Bolschewismus“, bis heute wurde Adolf Hitler nicht exkommuniziert.

Man kann abendfüllen spekulieren was der Welt erspart geblieben wäre, wenn der damals ungeheuer mächtige Vatikan der Nazi-Regierung mit Exkommunikation gedroht, die deutschen Bischöfe zum Widerstand gedrängt und alle kriegerischen und antisemitischen Pläne scharf verurteil hätte.

Gut möglich, daß Hitler gegen den Widerstand der Katholiken nicht mächtig genug geworden wäre, um das Saargebiet 1935 zu schlucken, Österreich wegzufusionieren, das Sudetenland, 1938 das Protektorat Böhmen und Mähren zu errichten, dabei die Tschechoslowakei zu zerschlagen und dafür beim Münchner Abkommen von 1938 den Segen all der anderen christlichen Regierungen Europas zu bekommen.

Also wenn das kein schlechter Papst war!

Rattis Fans verteidigen ihn bis heute energisch und weisen auf die zwei Jahre vor seinem Tod am 10.02.1939 erschiene berühmt-berüchtigte Enzyklika Mit brennender Sorge (lat. Ardente cura), in der es heißt:

[…..] Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat, oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung […..] aus dieser ihrer irdischen Wertskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge. […..]

Allerdings wagte es Ratti nicht das Werk zu veröffentlichen, ließ nur heimlich daraus lesen.

Darüber hinaus ließ der Vorgänger des Hitler-Freundes Pius XII noch kurz vor seinem Tod an einer angeblich noch Nazi-kritischeren Enzyklika Humani generis unitas („Die Einheit des Menschengeschlechts“) arbeiten, aber sie verschwand in einer Ablage und wurde von Nachfolger Eugenio Pacelli weitgehend eingestampft.

Bis heute ist dieses Maximalversagen den Kurialen gar nicht peinlich. Man habe ja nur Schlimmeres verhindert, indem man Hitler und die Deutschen nicht zusätzlich reizen wollte.

Die Begründung für ihre schweigende Zustimmung zum Genozid an den Juden hörte man bald noch einmal aus dem holländischen Episkopat.

Der Benelux-Staat wurde im Mai 1940 überrannt. Der von Hitler eingesetzte Reichskommissar für die Niederlande wurde Arthur Seyß-Inquart setzte bald alles daran die Juden des Landes zu töten.

Das allein hätte die römisch-katholische Kirche nicht weiter gestört, aber sie haderten mit der Deportation zum Katholizismus konvertierter ehemaliger Juden. Das waren nun gewissermaßen ihre Schäfchen und so protestierten sie tatsächlich.

[….] Am 11. Juli, also kurz vor Beginn der geplanten Maßnahmen, protestieren Vertreter mehrerer Kirchen energisch bei Seyß-Inquart und drohten damit, einen Hirtenbrief zu verfassen, der sich scharf gegen die Maßnahmen der Nazis richten würde. Der Reichskommissar bot daraufhin an, die vor dem 1. Januar 1941 getauften Juden zu verschonen, wenn man von einem Protest von der Kanzel herab absah. Am 15. Juli 1942 fuhren die ersten Züge ab und brachten die Juden in das Sammellager Westerbork. Dennoch entschlossen sich die katholischen Bischöfe zu protestieren, während viele ihrer evangelischen Kollegen schwiegen. Seyß-Inquart sah seine Vereinbarung gebrochen, und am 2. August begann er damit, die katholisch getauften Juden des Landes ebenfalls zu deportieren. [….]

(IBKA)

Die Deutschen ermordeten 40.000 niederländische Juden; darunter die berühmte Edith Stein. Als Papst Pius XII. davon erfuhr soll er laut der Erinnerungen seiner Haushälterin Pasqualina Lehnert ganz traurig gewesen sein und die legendären Sätze „Aber wenn der Brief der holländischen Bischöfe 40.000 Menschenleben kostete, so würde mein Protest vielleicht 200.000 kosten. Das darf und kann ich nicht verantworten. So ist es besser, in der Öffentlichkeit zu schweigen“ gesprochen haben.

Niemand weiß, ob sich Frau Lehnert das nur ausdachte, aber tatsächlich verkniff sich Pacelli jedes kritische Wort über Hitler.

So entwickelte sich die vatikanische General-Entschuldigung: Es hätte ja noch schlimmer kommen können, wenn man gegen den Holokaust argumentiert hätte.

Das ist an amoralischem Zynismus kaum zu überbieten.

Mehr als 75 % der niederländischen Juden, ein so hoher Prozentsatz wie sonst nirgends in Westeuropa wurde von den deutschen getötet. Insgesamt killten die deutschen Christen sechs Millionen europäische Juden und die höchste moralische Autorität der damaligen Welt sagt dazu: ES HÄTTE SCHLIMMER KOMMEN KÖNNEN!

Also sind sechs Millionen Ermordete aus katholischer Sicht „nicht so schlimm“?

Das erinnert sehr an Trumps katastrophales AXIOS-Interview mit Jonathan Swan bei dem er völlig Empathie-frei zu den 155.000 amerikanischen Corona-Toten bemerkte „well, it is was it is“.

Diese Aussagen Trumps und Pacellis sind moralisch hochgradig verdorben, aber auch sachlich falsch.

[…..] Doch diese Einschätzung ist falsch. Hitler plante die völlige Vernichtung aller Juden und dies in kürzest möglicher Zeit. Zuerst waren es Massenerschießungen mit anschließender Verscharrung der Leichen. Doch da dies nicht schnell genug ging und viele Soldaten über ihre Arbeit klagten, experimentierte man einige Zeit lang mit Gaswagen. Aber auch dieses System erwies sich immer noch nicht als effizient genug. Erst die Kombination aus Gaskammern und Krematorien stellte die Nazis zufrieden. Doch selbst Auschwitzkonnte nicht beliebig viele Menschenleben vernichten. Und nicht nur die Vergasungen konnten mit begrenzter Geschwindigkeit ablaufen, ebendies galt auch für die Deportationen. Ein Zug voll Juden mehr bedeutete immer auch einen Zug voll wichtiger Güter für die Rüstungsindustrie weniger. Ein weiterer Flaschenhals auf dem Weg in die Vernichtungslager war das Sammellager Westerbork an der niederländischen Grenze. Es war nicht groß genug, alle 140.000 niederländischen Juden aufzunehmen. Hinzu kommt, dass die Nazis die Juden nicht einfach auf der Straße en masse einsammeln konnten, denn viele hielten sich versteckt und mussten erst gefunden werden. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass der bischöfliche Protest vom 26. Juli nichtdazu führte, dass die Deportationen anschließend schneller abliefen. […..][…..] Erst als sich die Kirchenvertreter an Seyß-Inquart wandten, nahm dieser die katholischen Nicht-Arier von seiner Liste. Hätten sich die Bischöfe gar nicht erst zum Protest entschlossen, wären die getauften Juden auch in Auschwitz verschwunden. Für die Nazis war nämlich nicht der Glaube, sondern die Rasse das Kriterium zur Bestimmung des jüdischen Untermenschen, der vernichtet werden mussten. Und was geschah auf protestantischer Seite? Obwohl die Kirchen eingeschüchtert wurden und viele ihrer Vertreter nicht gegen die Deportationen protestierten, erging am 10.11.1943 der Befehl, auch die evangelischen Juden zu deportieren. Es erwies sich als nicht klug, mit den Nazis Geschäfte zu machen. Dieser Tauschhandel war nichts weiter als eine Lüge. Man schob die Ermordung der Tauschobjekte lediglich so lange auf, bis ein kirchlicher Protest kaum noch Juden das Leben gerettet hätte. [….]

(IBKA)

Die Schutzbehauptung „es hätte noch schlimmer kommen können“, oder „ich wollte Schlimmeres verhindern“ wurde immer wieder gebraucht.

Ein bekannter Fall ist Trixi Storchs Opa, der schon vor der Kanzlerschaft Hitlers Reichsfinanzminister war, von Hitler in sein Kabinett übernommen wurde bis Kriegsende im Amt blieb, um die deutsche Kriegsmaschinerie zu finanzieren.

(…..) Heinrich Brüning, konservativer Katholik, ehemaliger Reichskanzler, kooperierte immer mal mit der NSdAP, stimmte am 23. März 1933 sogar dem sogenannten Ermächtigungsgesetz zu.

Schon vorher dachte er, Adolf Hitler und die NSdAP würden schon vernünftig werden, wenn sie erst mal in einer Koalition mit der Zentrumspartei Verantwortung übernehmen müssten.

Ähnlich dachten die anderen konservativen Parteien, wie die Deutschnationale Volkspartei (DNVP).

Als am 30. Januar 1933 Adolf Hitler Reichskanzler wird, gibt es im Kabinett mit Wilhelm Frick und Hermann Göring nur zwei weitere Nationalsozialisten. Eingehegt von die vielen anderen vernünftigen Ministern werde der Reichskanzler sich schon mäßigen, das erfordere das Amt.

Trixi Storchs Großpapi Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, vom 2. Juni 1932 bis zum 23. Mai 1945 Reichsminister der Finanzen, behauptete bis in die 1970er Jahre, er habe Schlimmeres verhindert.

Um „Schlimmeres zu verhindern“ hatte ja auch Papst Pius XII zu Judenverfolgung geschwiegen.

Im Umkehrschluss waren also sechs Millionen ermordete Juden, 60 Millionen Tote in Europa, 25 Millionen getötete Russen, der totale Zerstörung Europas oder die Ermordung von 20% der polnischen Bevölkerung gar nicht so schlimm. Hätte schlimmer kommen können.

Der Trugschluss ist offensichtlich. (….)

(Rechte Ränder, 29.09.2017)

Als Trump, der rassistische Schwachkopf Präsident wurde, hieß es auch; er werde sich im Amt schon mäßigen.

„Um Schlimmeres zu verhindern“ gingen Leute wie Außenminister Rex Tillerson und die drei Generäle John Francis Kelly als Stabschef des Weißen Hauses, James Norman Mattis als US-Verteidigungsminister und „H. R.“ McMaster als Nationaler Sicherheitsberater in seine Regierung. Aber es wurde Schlimmer, viel schlimmer.

Nachdem die drei ihn einhegenden Generäle aus Verzweiflung alle geflohen sind und nur noch eine Hobby-Handtaschendesignerin und ein gescheiterter New Yorker Jung-Immobilieninvestor als Berater übrig geblieben sind, gibt es niemand mehr, der dem Präsidenten erklärt in welchem Jahrzehnt und welchem Jahrhundert wir leben.

Mein Verständnis für Dr. Anthony Fauci und Dr. Deborah Birx als White House Coronavirus Response Coordinator ist ebenso aufgebraucht.

Sie dürfen nicht als Feigenblätter für einen wahnsinnigen Killerpräsidenten dienen, der empfiehlt Desinfektionslösung und Glühbirnen anal einzuführen, um Viren zu bekämpfen.


Man kann nicht mit Trump zusammenarbeiten, „um Schlimmeres zu verhindern“.

Schlimmer als Trump, schlimmer als Trumps Corona-Handling geht nicht.

Fauci und Birx würden mehr für die amerikanische Gesundheit erreichen, wenn sie sich mit einem ganz großen Wumms von Trump trennen, jede Zusammenarbeit verweigern und alle Trump-Maßnahmen scharf verurteilten.

Sie haben ohnehin nichts zu verlieren. Denn Trump fällt jedem Mitarbeiter irgendwann in den Rücken.

Eifersüchtig auf Dr. Faucis Zustimmungswerte tut er schon seit Wochen alles, um ihn zu diskreditieren.

Dr. Birx, die bis zur Selbstaufgabe versucht Trump nicht zu missfallen, erwischte vor wenigen Tagen ebenfalls eine Breitseite des Präsidenten.

[….] US-Präsident Donald Trump hat jetzt auch die Koordinatorin des Coronavirus-Krisenstabs des Weißen Hauses, Deborah Birx, offen attackiert. Trump bezeichnete Birx im Kurzbotschaftendienst Twitter als "erbärmlich", nachdem die Virenexpertin vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus gewarnt hatte. Der Präsident warf der Medizinerin vor, sie habe sich von Oppositionsführerin Nancy Pelosi zu ihren Aussagen verleiten lassen. [….]

(STERN, 04.08.2020)

Dienstag, 4. August 2020

Going Low


In meinem Grundstudium gab es eine obligatorische Vorlesung zur Einführung in die anorganische Chemie. Das war thematisch nicht weltbewegend und behandelte die Hauptgruppen der Elemente und ihrer typischen Verbindungen. So wie es jeder Chemiestudent der Welt irgendwann lernt. Das Thema ist schließlich ideologiefrei.
Erstaunlicherweise fand die Vorlesung aber im gigantischen Hörsaal A statt, obwohl wir im Sommersemester kaum 60 Anfänger waren.
Der Grund war der Professor, der ein begnadeter Rhetor war. Man folgte ihm gebannt und hätte eine Stecknadel fallen hören können. Das hatte sich rumgesprochen und so kamen jede Menge Studenten ganz anderer Fachbereiche; sogar aus dem Wiwi-Bunker, um die Show zu genießen.
Während meines gesamten Studiums habe ich nur einen weiteren wirklich guten Rhetor erlebt; interessanterweise auch relativ am Anfang in einer Grundvorlesung über organische Chemie.
Im Hauptstudium wurden die Themen viel spezifischer und schwieriger. Ich erlebte Professoren, die fachlich echte Autoritäten waren, enorm viel veröffentlicht hatten, sie hingebungsvoll in ihrer Sache aufgingen.
Das bedeutete allerdings keineswegs, daß sie auch gute Redner waren oder über pädagogisches Geschick verfügten. Im Gegenteil, einige waren für diejenigen, die von ihnen lernen sollten eine echte Qual. Sie rasselten monoton in aberwitziger Geschwindigkeit den Stoff herunter. Von einem hatte ich innerhalb von zwei Semestern nicht einmal das Gesicht gesehen, weil er ausschließlich mit einem feinen blauen Filzstift in Zeitraffer eine Endlosfolie eines Overheadprojektors vollschrieb und dazu in seinen Bart murmelte.
Selbst den enthusiastischsten Studenten konnte er gründlich jedes Interesse an dem Stoff austreiben.

Das ist meiner Ansicht nach ein generelles Problem an deutschen Hochschulen.
Die Professuren werden ausschließlich nach fachlicher Eignung in ihrem jeweiligen Forschungsgebiet vergeben. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß derjenige auch ein Institut verwalten kann oder pädagogisch irgendwelche Begabungen hat.
Die freie Rede spielt in der deutschen Bildung kaum eine Rolle. In der Schule hatte ich eine Handvoll Referate gehalten und dann dauerte es bis ins Hauptstudium, als ich das erste mal selbst am Rednerpult stehen musste, um einen 45-minütigen Vortrag zu halten.
Es war, nun ja, nicht gut. Nach fünf Minuten hatte ich gemerkt viel zu schnell zu reden, meine Graphiken zu eilig zu wechseln, verlangsamte mein Tempo dann so, daß ich am Ende ein Drittel des Stoffs wegließ. Das wurde dann prompt energisch kritisiert: „Warum haben Sie denn nicht darüber gesprochen, daß…“.
Es sah so aus, als ob ich auf einen Teilaspekt nicht vorbereitet war, dabei hatte ich nur die Zeit falsch eingeschätzt, weil ich keine Lust gehabt hatte, wie eigentlich empfohlen, den Vortrag zu Hause, zwei, drei mal laut zu halten und dabei eine Stoppuhr laufen zu lassen.
Kurzum: Ich hatte überhaupt keine Erfahrung.

An diese peinliche Begebenheit denke ich jedes Mal, wenn ich in Filmen oder Serien über die in angelsächsischen Bildungsstätten üblichen Debattierclubs stolpere. Schul- und Klassensprecher, die durch große Werbekampagnen bestimmt werden. All das ist eine Art politisches Training für die richtige Welt und vermutlich auch die Ursache dafür, daß amerikanische und britische Parlamentsdebatten so viel interessanter sind als Deutsche.
Viele amerikanische Politiker sind recht passable Rhetoren. Nicht weil aller Amerikaner in der Hinsicht begabter als Deutsche sind, sondern weil sie früh darin geschult werden.

In der heutigen bundesrepublikanischen Politik sind gute Redner eine echte Seltenheit. Schröder war ganz gut, Fischer sogar sehr gut, aber die sind beide nicht mehr dabei. Auch Gerald Häfner, Ingrid Matthäus-Maier, Peer Steinbrück, Wolfgang Clement, Gregor Gys, Freimut Duve der Kristin Heyne sind ausgeschieden oder gar verstorben.
Der beste Rhetor von allen, Helmut Schmidt, starb 2015.

Die Kultur der guten Rede ist in Deutschland aber inzwischen so unterentwickelt, daß maximal mittelmäßige Rednerinnen wie Angela Merkel Bundeskanzlerin, Kramp-Karrenbauer CDU-Chefin und sogar die katastrophal schlechten Redner Saskia Esken, Simone Peter oder Bernd Riexinger zu Bundesparteichefs aufsteigen können.

In den USA spielt die Partei eine kleinere Rolle; im Rest der Welt weiß niemand wer der Parteichef des US-Präsidenten ist, weil die Exekutive im Präsidialsystem mit Mehrheitswahlrecht so sehr dominiert.
Es war ungewöhnlich mit George W. Bush einen schlechten Redner als US-Präsidenten zu haben; aber da begann auch schon das zutiefst irrationale und postfaktische Zeitalter.
Die meisten US-Präsidenten waren sehr gute Rhetoren. Ich halte Bill Clinton für den weltweit begabtesten politischen Redner seiner Generation und selbstverständlich sind Michelle und Barack Obama beide brillant am Rednerpult. Er ist ein sagenhafter Redenschreiber und sie glänzt insbesondere durch ihr rhetorisches Talent.
Als Donald Trumps beispiellose Schmutzkampagne lief, sah ich live ihre jetzt schon legendäre Parteitagsrede in Philadelphia im Juli 2016, als sie von ihren beiden schwarzen Töchtern sprach, die im Weißen Haus, das von Sklaven gebaut wurde aufwuchsen.


Als sie ihrer Partei ins Stammbuch schrieb: „When they go low, we go high!“


Das ist eine dieser Reden, die Schüler und Studenten noch Jahrzehnte lang analysieren und anhören werden. Besser kann man es nicht machen.
Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich mir das heute im Lichte der BLM-Proteste ansehe.

In einer gerechten Welt, in der die Kraft der Rede zählt und Argumente die Debatten prägen, konnte nur Hillary Clinton über den grotesk miserablen Redner Donald Trump siegen.

Wie wir heute wissen, siegte sie auch mit knapp 65 Millionen Stimmen gegenüber den 62 Millionen Trump-Stimmen.
Es reichte aber Dank des extrem die Republikaner bevorzugenden Wahlsystems nicht aus, um US-Präsidentin zu werden.

Es regiert der Herr des Hasses, der kaum einen Satz grammatikalisch korrekt zu Ende bringen kann, das Land in einen Abgrund stürzte, den Rest der Welt in den Antiamerikanismus trieb.

Und es ist gut möglich, daß Trump am 03.11.2020 in eine zweite Amtszeit gewählt wird, auch wenn die Zahlen derzeit für Biden sprechen.
So leid es mir tut, Michelle Obama, „When they go low, we go high!“, reicht einfach nicht aus.

Gegen Trump braucht es Kräfte, die bereit sind sehr low zu gehen.
Dafür gibt es glücklicherweise inzwischen Helfer wie das Lincoln Project.

[…..] Er glaube, dass die Wirkung von Wahlkampfspots in diesen Zeiten ohnehin überschätzt werde, sagt ein demokratischer Berater in Washington, der für mehrere Politiker der Partei tätig ist. Das Lincoln Project habe für Trumps Gegner Joe Biden aber etwas Gutes: "Es erlaubt eine gewisse Arbeitsteilung. Biden kann sich vermehrt auf eine eigene, positive Botschaft konzentrieren - und den hässlichen Straßenkampf anderen überlassen." […..]

Diese Arbeitsteilung funktioniert offenbar. Biden ist lieb, Jeder mag ihn. Und die LP-Videos ärgern Trump extrem.

(……) Glücklicherweise ist es leicht Trump zu triggern, da er ein Psychopath mit schwerer Bestätigungssucht und gewaltigem Minderwertigkeitskomplex ist.
Er ist auch dem geistigen Niveau eines schmollenden Kleinkindes, das missgünstig die Portraits seiner Vorgänger GW Bush und Bill Clinton aus dem Weißen Haus verbannt, das manisch alles zerstört, das mit dem Namen Obama verbunden ist und hysterisch nach Lob verlangt.


Die Werbespots des „Lincoln Projects“, einigen abtrünnigen Republikanern um Kellyanne Conways Ehemann George Conway versuchen das.
Sie sind kleine fiese, einminütige Attacken auf Trumps seelisches Gleichgewicht.
Sie nutzen exakt seine maximal attention span und triggern seine Schwachpunkte. (…..)

IQ45 sammelt weiterhin das ganz große Geld seiner Billionärsfreunde für den Wahlkampf ein, aber Klein-Projekte wie das von George Conway richten Schaden bei der GOP an.

Republican Voters Against Trump machen von der konservativen Seite Wahlkampf für Joe Biden.

[…..] “I’d vote for a tuna fish sandwich before I’d vote for Donald Trump again.”
These are Republicans, former Republicans, conservatives, and former Trump voters who can’t support Trump for president this fall. [….]

Daneben gibt es MEIDAS TOUCH.

[…..] Created in quarantine by three brothers, MeidasTouch is a progressive, next-generation SuperPAC staffed solely by three siblings (and lifelong Democrats) with the primary goal of defeating Donald Trump in 2020.
Since our inception in early April, we have amassed an energized and engaged Twitter army of over 300,000 followers, garnered over one billion online impressions and started running anti-Trump TV ads across the country. […..] We have and will continue to take back control of the conversation, thereby owning both mainstream messaging and the news cycle.
When Trump lies or spreads propaganda, we will always be there to produce rapid-response videos to take the oxygen out of his messaging. [….]



Und nicht zu vergessen Don Winslows private Videos.

[….] Wahlspots waren nie Höhenflüge der Subtilität. Am wenigsten in den USA. Der mediale Wahlkampf, das ist die Zeit der Familienidyllen im Morgenlicht, der Farmer, die goldene Maiskörner durch ihre Finger rieseln lassen, der von Flugzeugträgern startenden Kampfjets, und das alles begleitet von tief gelegtem Kommentatorenbass und übergossen mit reichlich Geigensauce. [….]  Es gab wohl nie einen US-Wahlkampf, bei dem die Gegner des Amtsinhabers aus einem derart üppigen Bilderfundus schöpfen konnten. [….]
Der Thrillerautor Don Winslow, der für Romane wie "Tage der Toten" auch in Deutschland berühmt ist. In den vergangenen Wochen hat er ein Dutzend Filme gegen Trump produziert und auf Youtube gestellt, die schneller, lauter, heftiger sind als alle anderen. Einige von ihnen sind auch sehr witzig. Zum Beispiel "Trump liebt große Diktatoren auf Pferden", ein 30-Sekunden-Spot, der mit herrlichen Reitdarbietungen von Putin, Kim Jong-un und Erdoğan Trumps Schwäche für Autokraten veralbert.


Doch lange hält Winslow die Satire nie durch. Eben hat er noch zu grotesken Bildern erklärt, wie es Trump gelang, den Verwandten seiner Frau das Aufenthaltsrecht in den USA zu sichern. Dank derselben "Chain Migration" nämlich, die Trump nicht müde wird zu geißeln. Da schneidet Winslow zu den Käfigen voller eingesperrter Kinder, die ihren Eltern bei deren Versuch, in die USA zu gelangen, aus den Händen gerissen wurden und noch immer zu Tausenden in Lagern gefangen sind.
Winslow rekapituliert Trumps größte Skandale und frischt die durch das unaufhörliche Bombardement aus dem Weißen Haus vernebelte Erinnerung des Zuschauers auf: Was kam am Ende bei Trumps Verhandlungen mit Kim heraus? [….]



Montag, 3. August 2020

Trump tiktokt nicht richtig

Vor ein paar Monaten fragte ich einen Bekannten, der halb so alt ist wie ich, was es eigentlich mit diesem Tiktok auf sich habe.
Zuvor hatte ich auch Youtube einen Zusammenschnitt der populärsten amerikanischen Tiktoker gesehen, die dadurch alle samt Multimillionäre sind und gewaltige Followerzahlen aufweisen.
Der Sinn oder gar der Witz an diesen Minivideos erschloss sich mir nicht. Und wieso braucht man zum Hochladen kurzer Videos überhaupt eine chinesische App statt einfach Youtube zu nutzen?
‚Keine Sorge, das musst du nicht verstehen‘, antwortete mein Twen-Freund, und fuhrt fort ‚das ist wirklich nur für Kinder; ich begreife den Humor auch nicht‘.
Das beruhigte mich zu hören; muss ich doch in meinem Alter mit meiner Zeit haushalten und begrüße daher alle neuen Themen, die für mich irrelevant sind daher keine weitere Aufmerksamkeit verdienen.

Das nächste mal lief mir das Tiktok am 20.06.20 im Zusammenhang mit dem Trump-Fiasko von Tulsa über den Weg. Eine positive Überraschung. Jugendliche Socialmedia-Typen schaden #45 politisch; sehr gut.

Das dritte mal schwappte Tiktok in meine Blase, als es um die zweite Corona-Welle der USA ging.
Superstar Larray, knapp 13 Millionen Follower, erreichte das in seiner Welt offenbar methusalemsche Alter von 22 Jahren, bekam von seiner mütterlichen Freundin Nikita Dragun, im biblischen Alter von 24 mit sechs Millionen Followern eine große Party geschmissen, zu der auch die Internet-Senioren James Charles, 21, mit 21 Millionen TikTk-Followern, sowie 20,6 Mio Youtube-Abonnenten und Tana Mongeau, 22, mit 5.4 Mio Abonnenten auf Instagram, 3,5 Mio auf Tiktok, sowie 5,5 Mio auf Youtube erschienen.
In KALIFORNIEN - Hotspot der Covid-Seuche - treffen sich Mega-Influencer demonstrativ ohne Mundschutz und ohne social distancing zur großen Covid-Party.

[…..] Yesterday was […..] TikToker Larray’s 22nd birthday. Despite the global pandemic, he decided to throw a massive 70-guest birthday party the night before. The influencer invited many of his celebrity friends to his birthday dinner at BOA Steakhouse in West Hollywood. Paparazzi spotted his fellow influencers Tana Mongeau, James Charles, Charli and Dixie D’Amelio, Nikita Dragun, Emma Chamberlain, and more attending the party. While some influencers wore masks when they arrived at the party, others had no face coverings. In the next couple of hours, the influencers ate, drank, and partied in a small, closed environment.
One Twitter user later reposted influencers’ Instagram stories, featuring a sneak peek of the thrilling party. In the videos, the influencers had fun hanging out, dancing, and drinking with each other. Due to the crowded nature of the party, there was no social distancing, and since the influencers were drinking, they had no face coverings on. […..] Meanwhile, “hundreds of people” were waiting to get in. […..]

Larray befindet sich nun in Quarantäne, aber grundsätzlich muss man sich bei dieser Art Jugendvorbild nicht über die paradiesischen Verhältnisse für Sars-CoV-II wundern.
Es hagelte zwar Kritik, aber bei addierten hundert Millionen Teenager-Fans, die ihren Idolen nacheifern, braucht es keinen Trump mehr, um die Pandemie in den USA anzufachen.


Die Namen und Followerzahlen habe ich recherchiert, aber weswegen diese Leute so berühmt sind, kann ich leider nicht erklären.

Einen Zusammenschnitt des besten Larray-Contens musste ich nach 40 Sekunden abbrechen. Dafür bin ich zu alt. 


Was soll sowas? No hope for the human race.
Aber diese Plattform, diese Superstars sind ein Fakt. Man kann sie noch so lächerlich finden, aber sie können die US-Präsidentschaftswahlen beeinflussen (Tulsa!) oder eine Pandemie befeuern.

IQ45 polterte am Wochenende an Bord der Air Force One, er werde Tiktok in den USA mitsamt der 100 Millionen User abschalten lassen.
Dafür gibt es zwar keine rationalen, aber doch zwei gute Trumtionalen Gründe:

1.) Rache für Tulsa
2.) Anfachen des Handelskrieges mit China, um von seinem universellen ökonomischen und pandemischen Versagen abzulenken.

Die herbeifantasierte Begründung von der chinesischen Ausspionierung der Amerikaner und des Datenmissbrauchs sind zwar nicht vollkommen haltlos, aber es handelt sich bei Tiktok immerhin um eine Privatfirma, die erstens nicht dem chinesischen Staat gehört, deren US-Ableger zweiten unabhängig von China agiert.
Zudem betrifft der Generalverdacht des Datenmissbrauchs natürlich auf alle sozialen Medien zu – auch auf alle Amerikanischen.
Ein grotesker Twist, wenn nun Trumps oberster Testikel-Lecker Lindsey Graham nun angesichts der theoretischen Übernahme von Tiktok-USA durch Microsoft, eine der größten Datenkraken des Planeten von einer winwin-Situation spricht.

[…..] Die laut US-Politikern angeblich so problematische App aus China könnte in den USA also bald vom Windows-Konzern verantwortet werden, übrigens dem einzigen Unternehmen der berühmten "Big Five" der Techwelt (Microsoft, Apple, Facebook, Google, Amazon), das vergangene Woche nicht zu einer Kongressanhörung zur Marktmacht der Digitalkonzerne vorgeladen war. Dabei war Microsoft schon um die Jahrtausendwende herum nur knapp einer Zerschlagung entgangen.
Für Microsoft böte der Zukauf die Chance, TikToks wachsendes Anzeigengeschäft zu übernehmen sowie junge Menschen zu erreichen, vor allem auch junge Frauen. […..]

Und die Tiktoker selbst, deren Millioneneinkünfte möglicherweise bald webrechen?
Wäre es nicht begrüßenswert, wenn sich Twitter-König Trump nun den Massenhaften Zorn der U25- (Jahre) und U90- (IQ) Mega-Influencer zuzöge?
In einem Handstreich hatten die ihm immerhin schon sein Rally-Comeback von Tulsa zerstört. Wie toxisch könnten Larray, Mongeau, Charles und Dragun erst für die GOP werden, wenn sie ernsthaft sauer werden, weil sie vom eigenen Präsidenten deplattformt wurden?
Reichweite, um Schaden anzurichten, hätten sie natürlich noch durch ihre Kanäle bei Youtube, Facebook, Twitter, Twitch, Instagram und Co.
Aber dafür müssten sie erst einmal aufhören sich ausschließlich mit twerken, Schminke und Frisuren zu beschäftigen.

[…..] As of now The Hype House, The Sway House, and The Clubhouse have not released official statements on their plans if the app is banned from the US. Sway House member Griffin Johnson made a TikTok on his personal account showing the things he was thankful for from the app – his girlfriend, Dixie Damelio, his friends, and even his car were included. […..]

Offenbar gibt es keine Pläne sich zu wehren. Man ist nur traurig, werde nach einem Bann der App aber doch bloß auf andere Kanäle ausweichen.

[….] TikTok users across the US began livestreaming and posting videos in tribute to what they feared was the end of TikTok, the short-form video app they've come to love and depend on.
"Everyone is live right now," said Ehi Omigie, who has about 25,000 followers on TikTok, in a livestream on the app Friday night after news broke of a possible US ban. "Everyone is going cray cray ... If it does happen, follow me on Instagram." [….]. "Do not panic, do not panic," one user repeated several times in a video. "Do not panic yet. Do not panic right now."
[….] Many creators went live or created videos telling their fans to follow them on other social platforms, including Instagram, YouTube, Twitter and short-form video app Triller.
"I hope that we get to stay with TikTok," said TikTok user Emma Tovey, who has 120,000 followers, in a livestream. "I just wanted to just go ahead and make sure that you guys were aware of my social media accounts... I have those linked in my profile." […..]

Amüsant sind die Reaktionen aus China. Obwohl Tiktok angeblich unabhängig vom Staat ist, mischt sich dieser ein und beklagt dann angesichts der möglichen Deaktivierung einer chinesischen App in den USA den Abbau der Meinungs- und Pressefreiheit in den USA unter Trump.
Das ist zwar einerseits sachlich richtig, aber andererseits nach der Abschaltung sämtlicher großer amerikanischen Socialmedia-Apps in China  der extremste Fall von Glashaussitzerei, den ich je gehört habe.

[……] US-Präsident Donald Trump sagt: Die populäre Videoapp Tiktok wird vom chinesischen Staat kontrolliert. Das Unternehmen selbst sagt: Wir sind längst eine amerikanische Firma. Und die chinesische Regierung? Sie beschwert sich, dass einem Konzern aus China in den Vereinigten Staaten Steine in den Weg gelegt werden und deutet Vergeltung an. Dümmlicher kann man kaum argumentieren, wenn man eigentlich belegen möchte, dass Tiktok ein vom Staat unabhängiges Unternehmen ist.
[……] Statt zu googeln, suchen Chinesen mit Baidu. Weil Facebook verboten ist, tauschen sie sich per Wechat mit ihren Freunden aus. Und der vom US-Präsident so geschätzte Kurznachrichtendienst Twitter ist ebenfalls gesperrt, die vom Staat überwachte Alternative heißt Weibo. [……]

Offenbar ist China nach den wechselseitigen Botschaftsschließungen not amused, daß Trump beständig Öl in das chinesisch-amerikanische Feuer gießt.

[…..] Trump erhöht Druck für Verkauf von TikTok an Microsoft
Nächste Runde im Milliarden-Poker um TikTok: Ein großes Unternehmen solle die US-Aktivitäten der chinesischen Video-App kaufen, so Trump - und die US-Regierung müsse mitverdienen. Sonst wolle er das Portal "dichtmachen". […..]

Trump liebt die Strategie des maximalen Drucks, aber unterschätzt sicherlich wie viele Giftpfeile Peking bisher noch ungenutzt im diplomatisch-ökonomischen Waffenschrank hortet. Da ist noch viel Eskalationspotential nach oben.

Sonntag, 2. August 2020

Neoliberalismus kaputt


Der 1971 in Bonn geborene Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin Marcel Fratzscher ist seit über sieben Jahren Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
Das 1925 gegründete Berliner DIW ist mit weit über 300 Mitarbeitern heute die größte deutsche ökonomische Forschungsinstitution und sicherlich der sozialistischen oder sozialdemokratischen Umtriebe unverdächtig.

Mit großer Genugtuung bedienen sich FDPler, Arbeitgebervereine, Industrielobbyisten, FriedrichMerze seit Jahrzehnten der DIW-Analysen.

Umso entsetzter verfielen Christian Linder und Co in Schnappatmung angesichts der Fratzscher-Auftritte in den letzten Monaten.
Der politisch neutrale Forscher diagnostiziert zunehmend Zustände, die der rosaroten Welt der Markt-Gläubigen die Luft ablassen.

[…..] Der Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Schocks zeigt nach Ansicht des Ökonomen Marcel Fratzscher die Stärke der Politik und die Gefahren reiner Marktgläubigkeit. Wenn sich Gesellschaften nur auf den freien Wettbewerb verließen, würden die Risiken derzeit überdeutlich, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin der Deutschen Presse-Agentur: „Ich würde schon sagen, dass die Corona-Krise so etwas wie der letzte Sargnagel für den Neoliberalismus ist.“ Hilfen für Arbeitnehmer, Unternehmen, Kliniken oder Schulen seien in der aktuellen Lage ohne Alternative.
„Nun sehen wir: Der Staat ist die letzte Instanz, wenn es darauf ankommt“, sagte Fratzscher. „Der Markt kann in entscheidenden Bereichen nicht mehr allein funktionieren.“ Die Finanzkrise 2008/2009 habe dies angedeutet, ebenso die Migrations- und die Klimakrise. Covid-19 mache die Kritik am schwerfälligen, bürokratischen Staat nun ziemlich unglaubwürdig.
„Die Bundesregierung hat über eine Billion Euro an Garantien und direkten Hilfen mobilisiert“, betonte der DIW-Chef. „Das ist ein Signal, das uns allen bewusst machen sollte: Ein starker, effizienter, gut funktionierender Staat ist absolut essenziell.“ Das gelte auch fürs Gesundheitswesen, das nicht primär Gewinninteressen unterworfen sein dürfe.
„Beim Blick in die USA, wo viele Menschen auf sich allein gestellt sind, wird einem klar, wie wichtig staatliche Institutionen jetzt sind.“ [….]

Nach dem weltweiten Jahrhundertversagen der Marktwirtschaft von 2008, als sich insbesondere in Deutschland das Prinzip „Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“ etablierte, konnte die Steuersenkungen-Steuersenkungen-Steuersenkungen-Westerwelle-FDP noch ein Rekordergebnis von fast 15% bei der Bundestagswahl 2009 einfahren, um dann auch sofort Milliardengeschenke an ihre reichen Spender der Versicherungs- und Hotel- und Pharmabranche zu verteilen.
Während die Steuerzahler also finanziell für die astronomischen Verluste der Lindnerigen Finanzspekulanten geradestanden, kamen die Superreichen, die diese toxische Krise angerichtet hatten dank ihrer weltweiten politischen Protektion ungeschoren davon.
Der deutsche Urnenpöbel setzt auf Schwarz/Gelb. Schluss mit Sozialstaat und freie Fahrt für die Wirtschaft.
Millionenschwere Heuschrecken wie Friedrich Merz, der allein eine Million Euro pro Jahr beim Hedgefonds Blackrock verdiente* nicht wahrhaben wollten und unverdrossen auch den Altersarmut entgegen sehenden Geringverdienern empfahl mit Aktien zu spekulieren, wollten es nicht wahrhaben.
Aber ihr System ist am Ende.

*verdient hätten die Million die Beschäftigten der Betriebe, mit deren Hände Arbeit die Gewinne erwirtschaftet wurden und nicht, der Blackrock-Lobbyist Merz, der nie schwitzen musste.

Schon Ende 2014 war der Kern des Kapitalismus durch die Negativ-Zinsen implodiert. Den durchaus auch Marktwirtschafts-freundlichen Zentralbanken blieb angesichts der durch die Finanzspekulanten angerichteten Mega-Schuldenkrise gar nichts anderes übrig, als diese Billionen-Verluste in den Staatshaushalten wegzuinflationieren und den Markt  mit ultrabilligem Geld zu überschwemmen.
Jakob Augstein brachte es damals auf die wunderbare Formel „Kapitalismus kaputt“!

[….] Kapitalismus kaputt
Die Commerzbank hat bekannt gegeben, dass sie bei "einzelnen großen Firmenkunden mit hohen Guthaben sowie bei Großkonzernen und institutionellen Anlegern" eine "Guthabengebühr" berechnen will. Was damit gemeint ist: negative Zinsen. Geld bringt kein Geld mehr. Geld kostet Geld. Das ist die Implosion des Kapitalismus.
[….] Worum geht es beim Zins? Verzicht wird belohnt. Aber Buße soll tun, wer heute schon ausgeben will, was er erst morgen hat. Das Problem ist: In einer alternden Gesellschaft kippt das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Geld. Früher liehen sich junge Leute Geld, das sie später zurückzahlten. Heute sparen alte Leute für ihr längeres Leben. Die Folge ist das, was Ökonomen "säkulare Stagnation" nennen: Auf den Konten verstaubt das Geld, ungenutzt.
Wie zwingt man die Leute dazu, von ihrer Sparsucht zu lassen? Negativzinsen. Die Europäische Zentralbank hat sich schon vor Monaten auf diesen Weg begeben, die Geschäftsbanken folgen jetzt langsam nach.
Für Vertreter der reinen Lehre ist das Teufelszeug: "Ein negativer Marktzins ist ein Frontalangriff auf die Marktwirtschaft", hat der Volkswirt Thorsten Polleit geschrieben: "Die Idee, den Zins abzuschaffen, hatten schon die Marxisten und Nationalsozialisten. Ein negativer Marktzins würde das ,antikapitalistische' Zerstörungswerk perfektionieren."
Das wäre natürlich furchtbar. [….]


Die Marktwirtschaft funktioniert nicht ohne einen starken Staat, der sie einhegt, reguliert, kontrolliert.

Neu ist die Erkenntnis natürlich nicht.
Die Herausgeber der ZEIT, Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt verfassten darüber schon vor einem Vierteljahrhundert treffende und weitsichtige Analysen, die wie wir heute, nach dem Tod der beiden, wissen erschreckend real sind.
Der Wahnsinn des Urnenpöbels zeigt sich darin, daß der Mann, der mit „Mehr Kapitalismus wagen“ dagegenhielt, heute als fähigster Kanzlerkandidat der CDU gilt.

(…..) Marion Dönhoff schrieb schon in den 1990er Jahren ihr bedeutendes Werk „Zivilisiert den Kapitalismus“ und legte damals schon dar, was uns dann richtig offensichtlich 2008 mit der Weltfinanzkrise ereilte.
Welche Gegenmeinung soll man da noch einnehmen, wenn jemand so offensichtlich voll ins Schwarze getroffen hat.
Bezweifelt denn noch irgendeiner, daß den internationalen Spekulanten das Handwerk gelegt werden muß? Ich würde dazu gern eine SERIÖSE Stellungnahme lesen, die mir erklärt weswegen das Derivatehandeln und Spekulieren mit Lebensmitteln eigentlich sein muß.
Es gibt auch Menschen, die sich dafür einsetzen.
So schrieb CDU-Darling Friedrich Merz, den heute noch fast die ganze Partei zurücksehnt, im Jahr 2008 sein Buch „Mehr Kapitalismus wagen“.
Wenn jemand so rechts argumentiert, merkt man allerdings meistens sehr schnell wieso das so ist. In Merz‘ Fall hängt das offenbar damit zusammen, daß er für den Hedgefonds „TCI“ arbeitet und persönlich damit sehr reich geworden ist.
Darauf läuft es fast immer hinaus.
Wenn jemand etwas offensichtlich Unsinniges beschließt, wie zum Beispiel den Merkel’schen Freifahrtschein für CO2-verschleudernde schwere Limousinen, dann erfolgte dies natürlich nicht aus Überzeugung, sondern auf Druck.
Eine Millionenschwere Lobby ist sehr effektiv.
Waffenexporte, AKW-Subventionen, tierquälerische Geflügelzucht – wieso so etwas erlaubt ist, kann relativ leicht beantwortet werden.
Gier, Geld, Macht. (……)
(Verschiedene Journalisten, 28.10.2013)

Christian Lindners Partei schrammt inzwischen an der 5%-Hürde.
Das sind angesichts der offensichtlichen Untauglichkeit all seiner Ansichten immer noch fünf Prozentpunkte zu viel.

Das DIW, welches dem Lindnerismus endgültig auf den Müllhaufen der Geschichte schmeißt, ist damit nicht allein; die anderen Wirtschaftsfreundlichen Professoren und Institute sehen es genauso.

[….] Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), sprach sich für eine gezielte Ausweitung der Staatsausgaben aus: «Jetzt muss die Nachfrage gestützt werden. Auch Investitionen in Wasserstoffnetze könnte man anschließen. Und der Investitionsstau im Straßenbau und bei den Schulen ist groß.» [….]

Der industriefreundliche Subventionskapitalismus à la Lindner und Merz ist am Ende.
Die Alternative dazu lautet natürlich nicht Protektionismus, Isolationismus oder gar Planwirtschaft.
Nein, Unternehmertum und Gewinne muss es weiterhin geben, aber es braucht einen starken sozialdemokratisch geführten Staat, der Exzesse wie Steuerfreiheit für internationale Tech-Konzerne abstellt, der eine Tobinsteuer einführt, streng auf Arbeitnehmerrechte, Teilhabe und Umweltschutz achtet.

So wie Deutschland jetzt aufgestellt ist, wird es nicht mehr lange gut gehen.

[….] Je länger die Covid-19-Pandemie anhält, desto höher die Zahl der Unternehmenspleiten, was wiederum den Berg fauler Unternehmenskredite in der EU-Finanzbranche anschwellen lässt und Banken wie jüngst die spanische Santander in Schieflage bringt. Davon abgesehen urteilen US-Think-Tanks, der weltweit zunehmende Protektionismus werde der extrem exportabhängigen Bundesrepublik eine dauerhafte konjunkturelle Erholung unmöglich machen.[14] In den ökonomisch kollabierenden Vereinigten Staaten etwa, die im zweiten Jahresquartal eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung um rund zehn Prozent hinnehmen mussten - auf das Jahr hochgerechnet, wie es US-Standards entspricht, sind es sogar 32,9 Prozent -, sprechen sich im Wahlkampf beide Kandidaten für eine stärkere Abschottung des US-Binnenmarkts aus. Für die deutsche Exportindustrie, deren bedeutendster Absatzmarkt die USA zuletzt waren, ist das eine verhängnisvolle Perspektive. [….]

Deutschland braucht jetzt also dringend all das, wovon sich Lindners Fußnägel hochbiegen:
Strenge Corona-Maßnahmen, mehr Schulden, kräftige Investitions- und Konjunkturprogramme, Ausweitung der Sozialleistungen und ein deutlich angehobener Mindestlohn (ohne Ausnahmen durch Werksverträge), so daß die Binnenkonjunktur angekurbelt wird.