Donnerstag, 13. Juni 2019

Japanese Whispers – Teil II


Schon seit einigen Jahren schwappen erstaunte Berichte über das Massenphänomen der Hikikomori aus Japan zu uns.

(….)Ich frage mich aber, ob das relativ neue Phänomen der Hikikomori nicht in Wahrheit die Kehrseite der massenhaft unterdrückten Exzentrik ist.
Gehen Millionen Japaner aus Notwehr gegen die ihnen unmögliche totale Anpassung und Unterordnung in die innere Immigration?

Als Hikikomori (jap. ひきこもり, 引き籠もり oder 引き篭り, „sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. [….]   Das japanische Gesundheitsministerium definiert als Hikikomori eine Person, die sich weigert, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, und sich für mindestens sechs Monate aus der Familie und der Gesellschaft zurückzieht. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen Hikikomori für Jahre oder sogar Jahrzehnte in dieser selbst gewählten Isolation bleiben.
Beschrieben wurde das Phänomen erstmals durch den japanischen Psychologen Tamaki Saitō, der auch den Begriff prägte. Er behauptete, es gäbe in Japan (ca. 127 Millionen Einwohner) mehr als eine Million Hikikomori.
(Wikipedia)

Über die Ursachen wird viel spekuliert.
Vermutlich werden Hikikomori mit dem Druck in der Schule überfordert, leiden unter Mobbing („Ijime“) und scheitern dann an dem Übergang ins Erwachsenenleben.
Erschwerend kommt hinzu, daß auch in Japan die wirtschaftliche Lage angespannt ist und Jobs schwerer zu finden sind.

Kinder, die einfach zu Hause in ihrem Kinderzimmer sitzen bleiben, bis die Eltern sterben, gibt es immer mehr.

Joe [35 Jahre] ist einer der vielen jungen Japaner, die sich von der Gesellschaft abkapseln und ganz auf sich selbst zurückgezogen leben. Er ist ein „Hikikomori“, einer, „der sich zurückgezogen hat“. Ihre Anzahl wird auf über eine Million geschätzt, vielleicht sind es auch deutlich mehr, und sie erzählen viel über das heutige Japan. [….] Und nun gehe ich mit Joe allein in sein Kinderzimmer unter dem Dach. Er richtet seine Matratze vom Fußboden auf und lehnt sie senkrecht an die Wand, damit wir Platz haben. Wir setzen uns an seinen Schreibtisch, das einzige Möbelstück. Fast komme ich mir vor wie in einer Zelle. Das liegt nicht an der Enge, die ist normal in Japan. Es liegt daran, dass Joe die Fenster mit Papier verklebt hat. „Ich möchte nicht, dass mir die Leute von den benachbarten Bürogebäuden ins Zimmer schauen können“, sagt er. Zudem will er nichts vom Berufsverkehr draußen mitbekommen. Er sagt: „Am unerträglichsten ist es, wenn ich morgens all die Pendler sehe, die vom Bahnhof kommen und zur Arbeit gehen.“ In solchen Momenten wird ihm jedes Mal bewusst, dass er die Erwartungen nicht erfüllt hat. [….] Dass er anders ist, das zeigte sich schon früh. Bei der Schulgymnastik drehte er sich nach rechts, wenn er sich nach links drehen sollte. Ständig kam er auf eigene Ideen, seinen Lehrern und Mitschülern ging er damit bald auf die Nerven. Abweichler haben es schwer in japanischen Schulen, wo das Lernziel Anpassung heißt, nicht Kritikfähigkeit. […] Japan befinde sich in einer tiefen Sinnkrise, sagt Psychiater Takagi. Spätestens nach der erfolgreichen Jobsuche würden viele Uni-Absolventen in ein Loch fallen. „Sie verstehen plötzlich nicht mehr, wofür sie gelernt haben, wofür sie überhaupt leben. Sie werden depressiv.“ Hinzu kommt, dass die japanischen Konzerne im Zuge der Globalisierung massenhaft Fabriken in Billiglohnländer wie China verlagert haben. Die lebenslange Arbeitsplatzgarantie und die automatische Beförderung gelten für immer weniger Beschäftigte. Rund 40 Prozent der Japaner arbeiten mittlerweile ohne feste Anstellung. Joe kapselte sich ab, bei seinen Eltern hat er ja alles, was er braucht: Essen, Bett, Computer. Ein Handy besitzt er nicht, aber wen sollte er auch anrufen?
(Der SPIEGEL 05.01.15 s. 89 f)

Vielleicht ist es an der Zeit eine neue Minderheit in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.
Nach Frauen, Schwarzen, Schwulen und Atheisten muss sich die Welt auch auf Konformitätsverweigerer, Sozialphobiker, Exzentriker und Unangepasste einstellen, die derzeit eher versteckt werden und jährlich zur Freude der Pharmakonzerne viele Millionen Packungen Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Neuroleptika verzehren. (…..)

Offenbar gab es in den letzten paar Jahren kein Rezept der inneren Immigration entgegen zu wirken.
Japaner werden immer ungeselliger und asexueller.
Auch in Deutschland wird bereits (zB von Prof. Karl Lauterbach) ein „Einsamkeitsministerium“ gefordert, da sich immer mehr Menschen durch Smartphones, soziale Medien und vor allem Computerspiele erst in eine virtuelle und dann eine isolierte Welt zurückziehen.

[….] Vor ein paar Tagen brachte der Gesundheitsabgeordnete der SPD Karl Lauterbach eine seiner Ideen jetzt schon zum zweiten Mal vor. "Bisher wurde die Zahl der Krankheiten, die durch Einsamkeit ausgelöst werden, unterschätzt", sagte er der "Welt am Sonntag". "Neueste Forschungsergebnisse beweisen, dass diese häufig psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen, aber auch starke Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Demenz auslöst."
Lauterbach richtet den Blick deshalb nach Großbritannien: Dort wurde schon Anfang letzten Jahres ein "Einsamkeitsministerium" eingerichtet, das sich darum kümmern soll, Menschen aus ihrer Einsamkeit herauszuhelfen. Ähnlich solle das laut Lauterbach auch bei uns in Deutschland ablaufen. [….]

Die zunehmende Vereinsamung der Menschen auf Internet-Games zurückzuführen, ist natürlich zu monokausal.
Es gibt viele andere Ursachen, wie zum Beispiel die immer geforderte Job-Flexibilität, die Menschen dazu bringt, immer wieder ihr gewohntes soziales Umfeld zu verlassen und sich an neuen Orten einzufinden.

Einsamkeit muss man sich außerdem leisten können, denn das Alleinsein funktioniert nur ab einem gewissen Wohlstand, der jedem Individuum einen eigenen Haushalt erlaubt. Der ökonomische Boom beschleunigt also auch den Trend zum Singledasein. Wozu früh heiraten oder bei den Eltern wohnen, wenn man sich auch eine eigene Wohnung mit allen Freiheiten leisten kann?

Allein zu leben wird allerdings immer noch gesellschaftlich geächtet. Man unterstellt Menschen, die allein sind, automatisch auch einsam zu sein; dabei sind das natürlich zwei völlig verschiedene Phänomene.
Einladungen richten sich an Paare, Singles müssen sich immer wieder unangenehme Fragen anhören – „wieso findest du keinen Partner? – und natürlich propagieren alle Parteien und die gesamte Werbeindustrie wie selbstverständlich immer das Bild von der Familie, protzen damit Familien zu fördern, geben gewaltige steuerliche Nachlässe für die bloße Tatsache verheiratet zu sein.
Wer in einer Stadt wie Hamburg, die über 50% Singlehaushalte aufweist, vor Wahlen gezielt die Parteiprogramme durchsucht, um festzustellen, welche Partei sich für Singles engagiert, findet keine einzige.
All das führt zu einer unterschwelligen kontinuierlichen Diskriminierung Alleinstehender, die zu allem Übel auch noch bedauert werden.
Wer aber nicht einsam ist, will kein Mitleid.

Meiner Ansicht nach ist die logische Fortsetzung dieser Gemengelage bei zunehmender ökonomischer Unsicherheit, tatsächlich der völlige soziale Rückzug.
Auch in Deutschland gibt es Hikikomori. Sie nennen sich aber nicht so, werden nicht als solche erkannt und fallen natürlich nicht auf.
Schon gar nicht in einer Medienwelt, die Hochzeits- Verkupplungs- und Datingshows produziert, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, jeder Single wolle das schreckliche Singledasein unbedingt beenden.
Klar, daß sich diejenigen, die gern Single sind, oder auch die Einsamen, für die aber keine Partnerschaft in Frage kommt, zurückziehen.

In Japan ist man uns voraus.
1,2 Millionen Hikikomori leben mittlerweile komplett isoliert und spartanisch meist in ihrem ehemaligen Kinderzimmer.

Das kann außerordentlich bedenkliche Folgen haben.

Der 44-Jährige Tokioer Eiichiro, Sohn des Vize-Landwirtschaftsminister und späteren japanischen Botschafters in Prag Hideaki Kumazawa, war fast drei Jahrzehnte Hikikomori. Niemand wußte davon, da Mitleid keine japanische Tugend ist. Es wäre außerordentlich ungehörig über seine privaten Probleme zu sprechen, oder gar um Hilfe zu bitten und so breiteten seine Eltern aus Scham über die Erfolglosigkeit ihres Sprösslings einen Mantel des Schweigens über ihn.  Persönliches Leid muss in Japan unter allen Umständen verheimlicht werden.
Bis letzte Woche.
Da erstach Hideaki Kumazawa seinen Sohn – um Schlimmeres zu verhindern. Anschließend rief er gefasst und höflich die Polizei; sie möge ihn abholen; er habe gerade sein Kind töten müssen.

 […] Viele Hikikomori terrorisieren ihre Angehörigen, vor allem ihre Mütter. Verbrechen aus dieser Bevölkerungsgruppe gab es dagegen bisher kaum. Bis vorvergangenen Dienstag ein Hikikomori wegen einer grausamen Tat in die Schlagzeilen geriet: Der 51-jährige Mann überfiel in Noborito am Rande von Tokio mit zwei Messern bewaffnet wildfremde Menschen, die auf ihre Busse warteten, unter ihnen viele Schulkinder. Er tötete eine Elfjährige und einen Diplomaten und verletzte 17 weitere Personen, die meisten davon Kinder. Danach richtete er sich selbst. Sein Motiv ist unklar, aber japanische Medien suchen die Ursache des Amoklaufs in der sozialen Isolation des Täters. Die Tat in Noborito und die Berichte darüber erschreckten den früheren Vizeminister Kumazawa. Er sagte im Polizeiverhör, er habe befürchten müssen, sein Sohn könnte den Täter kopieren. […] Der 44-jährige Sohn des ehemaligen Vizeministers hatte sich seit seiner Unizeit in der eigenen Wohnung isoliert, die Mutter kam regelmäßig zum Saubermachen. Dabei soll der Sohn sie oft geschlagen haben. […]
Am vorvergangenen Wochenende, drei Tage vor der Tat von Noborito, war der Sohn ungebeten ins Haus seiner Eltern zurückgekehrt. Er nistete sich im Erdgeschoss ein. Das alte Paar zog sich nach oben zurück und versuchte, so geräuschlos wie möglich zu sein. Dennoch habe der Sohn sie angegriffen, er sei gewalttätig geworden. Beide erlitten Prellungen. Wütend schreiend soll er sich vorigen Samstag über den Kinderlärm von der benachbarten Schule beschwert haben. "Ich werde sie alle umbringen." Danach will der Vater seiner Frau gesagt haben: "Wenn er wieder gewalttätig wird, ist die einzige Lösung, ihn zu töten." Wenige Stunden später rief Kumazawa die Polizei, er habe seinen Sohn mit einem Küchenmesser erstochen. [….]

Mittwoch, 12. Juni 2019

Volksparteienpersonal


Ja, sicher, es gibt in Europa Länder, in denen große ruhmreiche sozialdemokratische oder christlich-konservative Volksparteien regelrecht untergegangen sind. Italien, Frankreich.
Die Umstände sind aber nur bedingt vergleichbar.
Ein strahlender neuer Vorsitzender, wie zum Beispiel der Charismat Justin Trudeau, der 2013 im Alter von 41 Jahren neuer Vorsitzender der „liberalen Partei Kanadas“ wurde und diese zweieinhalb Jahre später triumphal zum Wahlsieg führte, kann viel erreichen.

Die holländischen Sozialdemokraten, die Partij van de Arbeid (PvdA) stürzten bei der Parlamentswahl von 2017 auf 5% ab, verloren unglaubliche 20 Prozentpunkte. Bei der Europawahl im Mai 2019 wurden sie wieder stärkste Partei.

In Ländern mit Mehrheitswahlrecht, wie zum Beispiel England, Frankreich und den USA, haben es große Parteien leichter, können aber mit drögen Waschlappen (François Hollande) oder Skandalfiguren (Sarkozy) an der Spitze, dennoch pulverisiert werden. In England scheint das Parteiensystem trotz des nie dagewesenen Brexit-Chaos stabiler und in den USA ist das duale System sogar geradezu zementiert.

Sogar Martin Schulz vermochte es im März 2017, als er mit 100% zum neuen SPD-Parteivorsitzenden gewählt wurde, die „alte Tante“ aus dem Schlaf zu reißen, kletterte in Umfragen auf 33%, sogar vor der Union.
Das beweist; Wähler sind nicht grundsätzlich gegen Volksparteien und durchaus bereit sich wieder hinter eine von ihnen zu stellen, wenn sie von der Parteiführung überzeugt sind.
Natürlich machte Schulz in seinem Jahr als SPD-Parteivorsitzender so ziemlich alles falsch, das man falsch machen kann, wirkte auch dank eines unfähigen Willy-Brandt-Hauses immer nur wie ein Jammerlappen, der sich über ungerechte Behandlung durch die Medien beschwerte.
Ein charismatischer Wahlkämpfer mit einer Strategie, der wie Gerd Schröder 1998 selbst die Agenda bestimmt hätte, oder wie Trudeau die Amtsinhaberin unsympathisch und phlegmatisch aussehen lassen hätte, wäre durchaus in der Lage gewesen im September 2017 einen großen Wahlsieg einzufahren.

Im Jahr 2019 zeigen die Vorsitzenden Habeck und Baerbock wie man die kleinste Bundestagspartei (8,9% bei der Bundestagswahl 2017) auf 27% und zur stärksten Partei hochschraubt.
CDU/CSU, SPD und Linke nutzen ebenfalls die Kraft ihrer Vorsitzenden als Aushängeschilder – allerdings mit negativer Wirkung. Nahles, Seehofer, Wagenknecht und AKK treiben potentielle Wähler effektiv von ihren Parteien weg. Sie sind gewissermaßen Anti-Hirten, wie es Tebartz-van-Elst in Limburg war.

Nachdem Tölpelkönigin Nahles schon fast vergessen scheint, rückt nun wieder die CDU-Chefin mehr in den Focus der Öffentlichkeit.
Seit ihr ein blauhaariger Youtuber von seinem Zweitkanal aus ans Bein pinkelte, macht Annegret Kramp-Karrenbauer alles falsch, das man falsch machen kann.

[…..] „Der Vorstoß der konservativen Werte-Union, die Partei solle ihren nächsten Kanzlerkandidaten per Urwahl bestimmen, ist ein offenes Misstrauensvotum gegen Kramp-Karrenbauer und Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit in Teilen der Union. (...) Werte-Union-Chef Alexander Mitsch hat die Büchse der Pandora geöffnet - das Gift des Misstrauens breitet sich aus und kann nicht mehr so einfach aus der Welt geschafft werden. Die Konservativen, die sich nicht mit der Niederlage ihres Hoffnungsträgers Merz abgefunden haben, sägen offen am Stuhl der Parteichefin und stellen ihre Autorität infrage. [….]

Sie wird dabei kongenial von ihren debakulierenden Stellvertretern unterstützt.
Aber die Shitstorm-Königin von der Saar (#Gendertoilette, #verkrampftesvolk, #homoehe-inzest, #Intersexuellenwitze #gretabashing) scheint ebenso unbelehrbar wie ihre katholische Ex-Kollegin Nahles.

[….] Konservative Katastrophenkaskaden
[….] Allein in den vergangenen zehn Tagen geschah Folgendes nur rund um den YouTuber Rezo, der in der digitalöffentlichen Selbstzerstörung des Konservatismus die Rolle des blauhaarigen Tsunamis übernommen hat und sie glänzend fortführt:
    Der konservativen Verbraucherschutzministerin fliegt ein Twitter-Video mit einem Nestlé-Chef um die Ohren, als Rezo drunterkommentiert, dass er exakt so eine Veröffentlichung als Werbung kennzeichnen müsste.
    Ein konservativer Bundesminister deutet eine hanebüchene Verschwörungstheorie über Rezo an, die ursprünglich von einer rechtsextremen Internetseite stammt.
    Ein konservativer Großkommentator der "FAZ" teilt das irreführende, absurde Anti-Rezo-Video eines antisemitischen, homophoben Islamisten unter Applaus konservativer Bundestagsabgeordneter.
Das Gegenteil von "einen Lauf haben" ist "einen Einlauf kriegen", und der kommt verlässlich durch die sozialmediale Öffentlichkeit. In der üblichen Mischung aus giftigem Spott und plakativer Fassungslosigkeit wird den konservativen Fehlleistern widersprochen. Deren Reaktionen machen alles noch schlimmer, weil sie zu oft von Realitätsverlust, Bockigkeit und maximaler Herablassung zeugen.
[….] Die digitale Vernetzung hat den klassischen Konservatismus in eine umfassende Krise gestürzt. [….] Dann fordern Konservative die Transparenz von politischen Akteuren im Netz, obwohl sie seit Jahren ein Lobbyregister verhindern, also Transparenz von der Union nahestehenden politischen Akteuren. Dann werden von einer Unionsfrau (in der Digitaldebatte im EU-Parlament) die "rücksichtslosen kapitalistischen Großkonzerne" übel gescholten, während keine Partei rücksichtsloser Großkonzernpolitik macht als die Union. [….]

AKKs Wahlkämpfer im Osten, der sächsische CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident Michael Kretschmer, reist unterdessen nach Moskau, um für Putin zu werben. Damit ist er, wieder einmal oberster Wahlhelfer der AfD, die schon zweimal in Sachsen stärkste Partei vor der CDU wurde; Bundestagswahl 2017 und Europawahl 2019.
Kramp-Karrenbauer reagiert nicht.
Aber sie findet einen Weg es noch blöder als Kretschmer anzustellen, indem sie die Bundeskanzlerin vor den Bus wirft, die in Harvard kritische Töne an Trump gerichtet hatte.

[….] Bei der Deutsch-Amerikanischen Konferenz in Berlin warnte sie vor überzogener Kritik: "Wenn heute allzu oft auch in Diskussionen hier in Deutschland in einem Atemzug die Präsidenten Trump, Putin und Erdogan genannt werden, dann ist das eine Äquidistanz, die nicht hinzunehmen ist."    Man könne Trump zwar kritisieren, sagte Kramp-Karrenbauer. Aber: "Der entscheidende Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Russland zum Beispiel ist, dass Journalisten dort ihre Arbeit unbeeinträchtigt machen können, während sie in Russland in Schauprozessen vor Gericht gestellt werden." Sie bekannte sich klar zu der von den USA geforderten Erhöhung der Verteidigungsausgaben und verzichtete weitgehend auf Kritik an Trumps Außenpolitik.
Vor rund zwei Wochen hatte das bei Kanzlerin Merkel anders geklungen. Sie rechnete damals in einer Ansprache vor Studenten der Eliteuniversität Harvard mit der Politik von Trump ab, [….] Die Kanzlerin kritisierte unter anderem nationale Alleingänge in der internationalen Politik und die Gefährdung des freien Welthandels durch Protektionismus.
Kramp-Karrenbauer dagegen hob in ihrer Rede in Berlin das "enge Geflecht an Werten, an Überzeugungen, an demokratischer Struktur" hervor, welches es mit den USA gebe. [….]

Fehlt nur noch eins, um die konservativen Wähler zu verschrecken; eine kräftige Personaldebatte.
Natürlich liefert AKK.

[….] In der CDU hat eine Debatte über die nächste Kanzlerkandidatur begonnen. [….] Kramp-Karrenbauer selbst hatte bisher immer darauf hingewiesen, dass die Entscheidung erst auf einem CDU-Parteitag Ende 2020 fallen solle. [….] Am Wochenende hatte zum Beispiel Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet deutlich gemacht, dass er sich noch nicht aus dem Rennen nehmen will. [….] Der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, forderte angesichts dieser Unstimmigkeiten "die entscheidenden Köpfe in der Partei" auf, sich bereits jetzt darauf zu verständigen, wie die CDU die Kanzlerkandidatur "angehen und vor allem entscheiden" will. [….] Die Werteunion verlangt, dass über die Kanzlerkandidatur sogar alle CDU-Mitglieder abstimmen dürfen. Sie startete am Dienstag auf ihrer Homepage eine "Initiative Urwahl". [….]  Der frühere Unionsfraktionschef Friedrich Merz bezeichnete die Debatte sogar als "völlig irre Diskussion". [….]

Ich weiß nicht wie sich die SPD einen Habeck herzaubern kann.
Aber angesichts der Performance aus dem Konrad-Adenauer-Haus, scheint es eine durchaus vernünftige Strategie zu sein den Sozi-Chefsessel vakant zu lassen und abzuwarten, wie sich die Schwarzen selbst zerlegen.

Dienstag, 11. Juni 2019

Klimaidiotie – Teil II

Nachdem ich mich gestern wieder einmal über das Versagen der Merkel-Regierung beim Megathema Klima aufregte und empört feststelle, wie Deutschland sogar immer weiter hinter den Stand zurückfällt, der schon erreicht war, möchte ich heute aber auch die allgemeine Schlechtigkeit der Verbraucher/Jugend/Wähler/Youtuber beklagen.

Mein Staatsverständnis ist ungefähr das diametrale Gegenteil dessen, was Lindner und Merz propagieren.
Letzterer presst sich gerade wieder in die Öffentlichkeit mit seiner Uralt-Forderung arme Menschen zu verpflichten private Vorsorge durch Akteinkäufe zu betreiben. Damit will er wieder mehr Begeisterung für den Kapitalismus fördern.
Kann man sich nicht ausdenken. Der Besitzer zweier Flugzeuge und Multimillionär, der mit Cum-Ex-Spekulationen auf Kosten des deutschen Steuerzahlers steinreich wurde, scheint ein halbes Jahr nach seiner schmachvollen Niederlage gegen AKK immer noch nicht begriffen zu haben, daß es tatsächlich Bürger dieses Landes gibt, die weniger als eine Millionen Euro im Jahr verdienen.
Ich habe das Gerücht inzwischen auch gehört; Deutsche, die keine Millionäre sind? Gibt es das wirklich?
Die Vorstellung Menschen staatlich privater Vermögensspekulation zu zwingen, ist eine Perversion des Staates.
Grundsätzlich unterstütze ich natürlich den starken Staat, in dem Sinne, daß eine kraftvolle Bundesregierung die Industrie an die Kandare nimmt, ökologische Vorgaben macht und eine soziale Sicherung für Arme/Schwache/Benachteiligte/Minderbemittelte schafft.

Beim Thema Klimawandel, Energiewende und Umweltschutz auf Freiwilligkeit der Großindustrie zu setzen, hat sich klar als Flop erwiesen.
Shareholder-Value-Unternehmer, die in Deutschland wie die VW-Chefs fast 100 mal so viel wie ein durchschnittlicher Mitarbeiter des Konzerns verdienen, haben sich eben nicht als zukunftsorientierte Altruisten erwiesen, sondern als Raffkes, denen kurzfristige Aktiengewinne wichtiger sind.

(Ja, bei Familienunternehmen sieht es besser aus, weil diese weniger dazu neigen Gewinne abzuziehen, sondern im Interesse ihrer Kinder am langfristigen Wohlergehen der Firma interessiert sind und daher forschen und investieren.)

Merkel schrumpft aber den Staat und, noch erbärmlicher, dort wo der Staat selbst die Kontrolle hat und ganz konkret die Klimaerwärmung bekämpfen könnte, tut er das Gegenteil.
Beispiel Bahn, ein Staatskonzern in dessen Vorstand Unionsgrößen wie Merkels ehemaliger Kanzleramtsminister Pofalla oder (bis 2009) CSU-Superminister Otto Wiesheu sitzen. Schiene ist ganz klar die umweltfreundlichste Transportmethode.
Was tut Deutschland? In ganz großen Maßstab werden Strecken stillgelegt, um die Bürger von der Schiene ins Auto zu zwingen.

[….]  Seit 1990 sind in Deutschland 6.467 Kilometer Bahnstrecken stillgelegt worden – davon 2.623 Kilometer in Ostdeutschland.
Das entspricht einem Anteil von rund 40 Prozent, so die Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion.
In absoluten Zahlen am stärksten betroffen war Bayern. Im Freistaat sind seit 1990 Bahnstrecken mit einer Gesamtlänge von 929 Kilometern außer Betrieb genommen worden. In Nordrhein-Westfalen waren es 775, in Niedersachsen 713, in Sachsen 527, in Mecklenburg-Vorpommern 299 und in Brandenburg 539 Kilometer. Für Sachsen-Anhalt liegen lediglich für die Zeit nach 1994 genau Angaben vor: Dort wurden bis heute Strecken auf einer Länge von 660 Kilometern eingestellt.
Nach Angaben der Linksfraktion entsprechen die Streckenstilllegungen in Ostdeutschland in etwa dem gesamten Bahnnetz der Niederlande. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sprach von einer Fehlentwicklung. [….]   (dts Nachrichtenagentur, 10.06.2019)

Das passiert, wenn man kontinuierlich KfZ-Lobbyhuren von der CSU als Bundesverkehrsminister einsetzt (Ramsauer, Dobrindt, Scheuer).

Solche Leute kommen an die Regierung, weil die eher kritischen jüngeren Wähler sich signifikant weniger für Politik interessieren und nicht zur Wahl gehen, während die Unionsaffinen Senioren immer mit hoher Wahlbeteiligung glänzen.

Wer zu faul ist zu wählen, sich aber dennoch über eine kontraproduktive Klimaregierung ärgert, ist allerdings nicht dazu verdammt die Hände in den Schoß zu legen.

Als Donald Trump spektakulär aus dem Pariser Klimaschutzabkommen austrat und begann sämtliche Umweltschutzregeln abzuschaffen, hielt das weite Teile Amerikas nicht davon ab, eifrig Green Technologies zu entwickeln, sich Elektroautos anzuschaffen, gegen Verpackungen zu opponieren.
Verbraucher sind eine Macht.

Wenn die CSU-Bahn alle Strecken in der Umgebung stillgelegt hat, oder eine verfehlte Wohnungsbaupolitik zum Pendeln zwingt, wird es schwer auf das Auto zu verzichten.

Der Einzelne kann aber an vielen Stellschrauben drehen.
Ich bin schon seit Ewigkeiten bei Greenpeace-Energy.
Das ist so leicht. Ein Anruf und damit wechselt man von einem Atom- oder Braunkohle-Multi wie Vattenfall zu reiner Wind- und Sonnenenergie.
Wieso tun das nicht so viel mehr Verbraucher, daß das alte Energie-Oligopol Deutschlands sich gezwungen sieht auch auf Ökostrom umzustellen?

Plastik ist die Pest. In einigen Fällen ist es fast unmöglich auf Plastik zu verzichten.
Aber ganz viel könnte der Kunde im Supermarkt durch eine simple Kaufentscheidung ändern. Wattestäbchen mit Bambusstiel, Seifenstücke statt Waschgels in Plastikspendern, Pulverwaschmittel in Pappkartons statt Plastikbomben mit Flüssigwaschmittel, Joghurt in Gläsern statt PET-Bechern, Verzicht auf Fleisch, gezielt Gemüse ohne Plastikfolie kaufen.
Der Kunde verfügt über Macht. Verhielten sich die Deutschen etwas vernünftiger, könnte man in vielen Bereichen das Versagen der Bundesregierung ausgleichen und die Hersteller zum Handeln zwingen, indem man ihre plastikverpackten Produkte liegen lässt.

Man könnte tatsächlich mit der Bahn in den Urlaub fahren; am besten in Deutschland bleiben, statt die ökopestigen Billigflüge nach Mallorca und Antalya zu buchen.
Die deutsche Generation Youtube ärgert sich über die CDUCSUSPD-Bundesregierung?
OK, das ist verständlich.
Aber das plötzliche Öko-Interesse wirkt doch sehr geheuchelt, wenn man sich im Alltag nicht so verhält. In Umfragen gegen sie an, sich klimafreundlicher verhalten zu wollen, aber sie stellen auch klar: Es darf keine Mühe machen und soll keinesfalls etwas kosten.
Falls irgendein Politiker für eine Verteuerung von Benzin oder Flügen oder tierischen Produkten plädiert, gibt es einen Shitstorm und derjenige wird nicht gewählt.
Die Vollkasko-Mentalität bricht sich Bahn. Klimaschutz wäre schön, aber das soll bitte der Staat erledigen. Ohne die Bürger damit zu behelligen.
Und so wird in Deutschland Jahr für Jahr mehr geflogen, mehr Fleisch produziert und mehr Plastik gekauft.

[….] Für den Kampf gegen den Klimawandel zeigt sich eine Mehrheit der Deutschen bereit, Verzicht zu üben. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Deutsche Presse-Agentur sagten 74 Prozent, für sie wäre es in Ordnung, auf Kurzstreckenflüge zu verzichten. 63 Prozent würden "deutlich" weniger Fleisch essen und 56 Prozent das Auto in Innenstädten stehenlassen. [….] Wenn es ums Geld geht, sinkt die Bereitschaft – vor allem, wenn es um Kosten im Alltag geht. Etwa jeder zweite Befragte fände es akzeptabel, wenn Tickets für Flugreisen deutlich mehr kosteten. Bei den Spritpreisen sieht das hingegen nur jeder Vierte so (27 Prozent). [….] Besonders wenig Toleranz zeigen die Bürger bei Strompreisen: Deutlich mehr Geld für Ökostrom etwa aus Wind oder Sonne würden nur 20 Prozent bereitwillig zahlen.
In den vergangenen Jahren hat sich am Verhalten insgesamt allerdings noch wenig geändert. Beim Fleischkonsum hält sich der geschätzte Pro-Kopf-Konsum relativ konstant bei etwa 60 Kilogramm. [….]
 Der Anteil der Inlandsflüge sinkt, allerdings vor allem statistisch, weil die Gesamtzahl aller Flüge wächst. 2018 flogen laut Statistischem Bundesamt 23,5 Millionen Passagiere im Inland. 2017 waren es 23,7 Millionen, das macht ein Minus von 0,8 Prozent. Der Pkw-Verkehr hat laut Umweltbundesamt zwischen 1995 und 2017 um knapp 18 Prozent zugenommen. [….]

Montag, 10. Juni 2019

Klimaidiotie

Astrologie und Astronomie haben ungefähr genauso viel gemeinsam wie Klima und Wetter.

In Indien und Pakistan herrscht derzeit Hitzewelle, über 50°C im Schatten.
Die Hauptstadt Neu-Delhi meldete sogar 54.3°C bei hoher Luftfeuchtigkeit. Es gab bisher schon über 1.500 Tote. Hauptsächlich Arme, Alte und Obdachlose, deren Kreislauf diese Tortur nicht überlebt.
 Extreme Wetterlagen überall auf diesem Planeten sind Folge des Klimawandels.
Das bedeutet natürlich nicht, daß es gleichmäßig überall wärmer wird.
Bekanntlich sind auch die Temperaturen nicht überall auf dem Erdball gleich, sondern sie werden durch ein außerordentlich komplexes System von Luft- und Wasserströmungen, verschiedenen Luftdrucklagen und geologischen Besonderheiten verändert.
Auch diese geologischen Bedingungen verändert der Mensch. Das kann man beispielsweise an Zugvogelschwärmen über Großstädten beobachten.
Insbesondere sehr große Vögel wie Reiher, Störche oder Kormorane, die viel gleiten, fliegen von Stadt zu Stadt, da diese so zubetoniert sind und so wenig Grün haben, daß sie viel mehr Hitze abstrahlen und somit Aufwinde produzieren, die ein Kranich gern nutzt, um mit weniger Energieaufwand Höhe zu gewinnen.
Kalte Meeresströmungen oder die Richtung von Passatwinden können sich natürlich auch so verändern, daß es an bestimmten Orten durch die allgemeine Klimaerwärmung kälter wird, die vorher nicht von diesen kühlenden Effekten erreicht wurden.
Während also auf dem indischen Subkontinent Tausende den Hitzetod sterben, liegt am anderen Ende der Welt, auf der Zugspitze Schnee.
Eigentlich leicht zu verstehen, außer man ist so total verblödet wie Donald Trump oder ein fanatischer AfD-Verschwörungstheoretiker wie der sich persönlich von den Juden Annetta Kahane und George Soros verfolgt fühlende Phimose-Blogger Berger.

[….] Unerfreuliche Fakten für die Glaubenswächter der Klimahysterie-Religion: Auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze, liegen derzeit ganze 6,45 Meter Schnee. So viel wie seit nahezu 40 Jahren nicht mehr.
An jedem Frühlingstag, an dem das Thermometer über 15 Grad klettert, hört man die Klimasekte laut „Klimakrise“ aufschreien. Von der Linkspartei bis CSU will sich dann -spätestens seitdem CDU und SPD glauben, Rezo sei schuld an ihren schlechten Wahlergebnissen – jeder Politiker mit noch so absurden Vorschlägen hervortun, mit denen es zu einer Klimasenkung kommen könnte: Bundesbürgern soll nur noch eine bestimmte Zahl an Urlaubsflügen erlaubt werden, Inlands- und Langstreckenflüge dürfen nur noch Grünenpolitiker nutzen, die ihre Weihnachtseinkäufe in New York machen usw…
Betretenes Schweigen dagegen, wenn wir richtig kalte Winter mit Schneechaos erleben. Oder jetzt wieder einen Schneerekord auf der Zugspitze im Juni. [….]

Da mag der antisemitisch blinkende, radikal xenophobe Rechts-Agitator noch so sehr blauhaarige Youtuber und Grüne Politiker hassen; mit einem hatte Rezo Recht: Es gibt unter seriösen Wissenschaftlern keine Zweifel an der menschengemachten Klima-Erwärmung.
Im Gegenteil, ähnlich wie die Evolution ist auch der Klimawandel naturwissenschaftlich so gut belegt wie kaum etwas anderes.
Die paar Bergers, die das noch öffentlich bestreiten befinden sich in einer Seriositäts-Schublade mit den Verfechtern einer flachen Erde und denen, die Merkel für eine getarnte Reptiloidin vom Aldebaran-Nebel halten.

Wie so oft reagieren die Menschen in reichen Industriestaaten desinteressiert und mitleidslos, wenn Ärmere und Dunkelhäutigere in Pakistan an Überhitzung sterben, im Mittelmeer ersaufen oder in der Sahelzone verhungern.

Es braucht aber nicht mehr viel, dann werden durch steigenden Meeresspiegel, Versteppung und Austrockung der Böden so viele Menschen überall auf der Welt zur Flucht nach Europa gezwungen werden, daß 2015 wie business as usual wirken wird.
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen, wenn ausgerechnet die größten Flüchtlingshasser (Trump, GOP, AfD, Berger) gleichzeitig diejenigen sind, die den Klimawandel negieren und damit an vorderster Stelle stehen die große Fluchtursache dramatisch zu verschärfen.

Tausenden auf indischen Straßen krepierte Alte und Tausende in europäischen Meeren verreckte Kinder sind für uns offensichtlich nur eine menschliche und damit zu vernachlässigende Tragödie.
Da beenden die durch die Bank weg christlichen europäischen Regierungen alle Rettungsmissionen und blockieren sogar die ganz wenigen privaten Rettungsschiffe, die es noch gibt.

Für viele konservative Christen wird Klima erst zum Thema, wenn es von der humanitären auf die finanzielle Ebene promoviert wird.
Erst wenn uns die Schäden richtig viel Geld kosten und wir buchstäblich überrannt werden, beginnen Konservative möglicherweise einen Einsichtsprozess.
Dann aber wird es zu spät sein.

Die ureigene Aufgabe von Politik ist es, zukünftige Probleme rechtzeitig zu erkennen und die richtigen Weichen zu stellen.

[….] Wir sind in einem Flugzeug über dem Atlantik, und der Tank hat ein Leck. Notlanden? Oder Augen zu und durch? Vor genau dieser Frage steht die Klimapolitik.
[….] Existenzielle Krisen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine bemerkenswerte Klarheit schaffen. Allerdings nur, wenn man akzeptiert, dass ein katastrophaler Ausgang droht.
Das ist bekanntlich gerade der Fall. "Der Klimawandel ist unser dritter Weltkrieg", schrieb der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz diese Woche im "Guardian".
[….] Die relevanten politischen Akteure hierzulande wissen das längst, die Wähler sowieso. International gilt, mit wenigen Einschränkungen, das Gleiche. Es gibt überwältigende wissenschaftliche Evidenz. Manche Leute wollen all das nicht glauben, manche wiegeln ab, manche sind der Meinung, dass ihr Reichtum sie schon irgendwie vor den schlimmsten Folgen bewahren wird.  Der Klimawandel ist aber, anders als zum Beispiel Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner es diese Woche wieder behauptet hat, nicht irgendein politisches "Thema", das "gerade en vogue" ist.
Der Klimawandel ist so "en vogue" wie eine Krebsdiagnose. Oder wie ein Auto, in dem bei Tempo 180 plötzlich die Bremse nicht mehr richtig mitspielt: Keiner will ihn, aber wenn man ihn erst mal als Faktum akzeptiert hat, wird alles andere zweitrangig. [….]

Der Hamburger Bürgermeister Voscherau legte ein Milliardenprogramm auf, um die gesamte Hamburger Kanalisation zu sanieren.
Das war unpopulär, weil niemand „sieht“ wo das viele Geld landet, weil man die Dringlichkeit nicht spürt und die Bürger zudem von Baustellen genervt werden. Dementsprechend stoppte die spätere CDU-Regierung Beust/Ahlhaus (2001-2011) diese Ausgaben.
Dadurch gerieten wir in einen derartigen Sanierungsstau, daß Hamburg nun Stau-Stadt Nummer 1 ist. Nun muss wie verrückt gebaut werden.
Es ist nämlich keine Option wie in den USA zu warten bis Brücken wirklich zusammenbrechen, sich Erdlöcher auftun und Häuser verschlucken, weil darunter marode Siele verfallen und immer wieder ganze Stadtteile ohne Strom sind, weil die 100 Jahre alten rostigen Überlandleitungen umknicken.
Man muss rechtzeitig handeln, bevor die Aufgabe so groß wird, daß sie nicht mehr zu schaffen ist.
Das gilt erst recht für das Klima.

Das Klimapolitische Versagen der Merkel-Regierung ist so gewaltig, daß die hilflose Parteichefin AKK nun erstaunt die Berechtigung von Thunberg-Demos und Rezo-Videos zur Kenntnis nehmen muss.

Aber die Lernfähigkeit der CDU-Minister ist nach wie vor außerordentlich begrenzt. Ministerin Klöckner, die nach Scheuer schlimmste Klimabremse des Kabinetts, erreicht so eben ein „new low“.

[….]  Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Klöckner sieht Parallelen zwischen der heutigen Aufmerksamkeit für den Klimaschutz und den aufgeheizten Debatten über Islamismus und Geflüchtete.
Vor eineinhalb Jahren seien auch die Titelseiten der Zeitungen voll gewesen mit Terroranschlägen, Islamisten, Fundamentalisten, dem Zuzug von Migranten und Flüchtlingsfragen, sagte sie im Podcast des Journalisten Gabor Steingart. Man habe sich damals hysterisch in die eine wie die andere Richtung damit beschäftigt. Da hätte das Thema Klima keine Chance gehabt. Die Bundeslandwirtschaftsministerin führte aus, man gehe baden, wenn man sich auf ein Thema stürze, das gerade en vogue sei, ohne einen "gedanklichen Überbau" zu haben. Wenn man dem Trend hinterherlaufe, sei man immer nur zweiter Sieger. [….] 

Kann man sich nicht ausdenken.
Verfügte die Bundeskanzlerin auch nur über Rudimente von Verantwortungsgefühl, müsste sie Klöckner sofort entlassen. Entsprechende Petitionen gibt es.
Aber Merkel ist die Inkarnation der „Nach mir die Sintflut“-Politik.
Sie sitzt weiterhin behäbig aus.

[….] Es ist bestürzend, dass Klöckner den Klimaschutz als „Hysterie“ betrachtet. Das geht für Laien am Stammtisch, nicht für eine Ministerin, die durch Umstellung von Ernährung und Landwirtschaft Rieseneinfluss auf das Problem hätte. So was schadet uns allen. [….]