Sonntag, 3. Juli 2016

Fest verpasst

In der aktuellen Wochenend-Ausgabe des Hamburger Abendblattes wird über drei volle Seiten beschrieben wie der Eppendorfer Pfaff Ulrich Thomas von der St. Martinus-Gemeinde gegen die Bedeutungslosigkeit ankämpft.

Wie immer, wenn solche Artikel in großen Zeitungen erscheinen, ergreift der Autor ganz klar Partei, schmeißt jeden journalistischen Ethos über Bord und geht wie selbstverständlich davon aus, daß das Schrumpfen der Kirchen negativ wäre, daß man „Pastor Uli“ Erfolg wünsche müsse.
Der arme Pastor arbeite so viel, auch am Wochenende. Müsse immer für Sorgen und Nöte ansprechbar sein.
Habe nie freie Zeit, wäre immer unterwegs. Er sei sogar schon einmal knapp am Burn-Out und einer Erschöpfungsdepression vorbei gerauscht.
Ungerechterweise wären aber dennoch seit seinem Amtsantritt 600 von insgesamt 3.600 Gemeindemitgliedern ausgetreten.
Die Welt ist so ungerecht.

Glückwunsch, Kirche!
Das muß erst mal jemand nachmachen: Eine Organisation, die dermaßen vom Staat mit Geld zugeschissen und privilegiert wird, dennoch kontinuierlich zu schrumpfen, ist eine echte Leistung!
37.000 Menschen traten 2014 aus der Nordkirche aus.
Bitte weiter so.
2% der Hamburger Protestanten, entsprechend 0,5% aller Hamburger gehen sonntags in die Kirche. Und das in einem Bundesland, in dem ohnehin nur 27,9% Mitglied der evangelischen Kirchen sind.
Für meinen Geschmack sind einer von 200 immer noch viel zu viele Gottesdienstbesucher, aber auch wenn man es religionspolitisch neutral betrachtet, muß man sich schon fragen, woher die hanseatischen Kirchen die Chuzpe nehmen sonntagsmorgens mit ihrem grausam lauten Gebimmel die Stadt aufzuwecken, wenn 99,5% offensichtlich nicht geweckt werden wollen.

Wie immer bei diesen kirchenfreundlichen Artikeln über evangelische Geistliche, staune ich über die enorme geistige Schlichtheit ihrer Predigten.
Ich lese auch christliche Editorials in den Beilagen „Himmel und Elbe“ oder „Chrismon“, verschlinge sogar die wöchentliche Christenkolumne im „GONG“.
Genau weiß ich natürlich nicht, was man im Theologiestudium lernt, aber die Kolumnen, Grußworte, Fernsehpredigten, die ich kenne, laufen immer nach dem gleichen primitiven Strickmuster: Der selbstverliebte Pfaff, bzw die Pfäffin beschreibt eine extrem banale Tätigkeit ihres Alltags, will offenbar dafür bewundert werden, daß sie als „Hochwürden“ und „Gottesmann/frau“ auch so normale Dinge tun und findet dann wenig überraschend ein Bibelzitat, welches eben diesen Banalzusammenhang ebenfalls behandelt.
Als Conclusio folgt eine ordentliche Portion Selbstbeweihräucherung. Ist es nicht toll von Gott/Bibel/Kirche, wie alles bedacht wurde?

Der Fairness halber sei erwähnt, daß die katholischen Zeitschriften-Pfaffen zwar nicht ganz so grenzdebil wie die evangelischen Kollegen, so aber doch auch bemerkenswert sinnlos und an allen wichtigen Themen vorbei schreiben.

Pastor Schießler, der nach eigener Aussage „bekannteste katholische Pfarrer Münchens“ erwähnt in seiner aktuellen Kolumne nicht etwa den gigantischen Milliardenschatz seiner bayerischen Kirche, nicht die religiotisch motivierten Mega-Attentate, nicht die Flüchtlingsströme, nicht die über 100 Terrortoten von Bagdad, nicht Orlando, nicht die 20.000 täglich wegen der westlichen Agrarpolitik verhungernden Kinder, nicht die in sechs Monaten 2.500 elend im Mittelmehr gestorbenen Menschen, die von den Christen Europas nicht ins Land gelassen werden, nicht die hunderten von rassistischen Übergriffe  in Deutschland, nicht die von 2014 auf 2015 um 100% angewachsenen Deutschen Waffenexporte in Krisengebiete, nicht die rechtsradikalen Wahlerfolge.

Stattdessen klärt uns Rainer Maria Schießler über das bedeutende orthodoxe Fest der Gewandniederlegung Mariens am 02.Juli auf!

Ja, denn das wird nie genug gewürdigt: Als Jesu Mutter Marie eines Tages starb, sauste sie leibhaftig sofort in den Himmel hinauf. Das ist ein Dogma.
Was aber dabei immer vergessen wird: Sie ging als Nudistin zu Gott, rauschte barbusig in den Himmel.
Ihre Kleider ließ sie zurück auf der Erde!
Es ist doch ungeheuer wichtig diese Tatsache auch gebührend zu würdigen!
Schließlich gibt es auch eigentlich nichts anderes in der Welt, das uns kümmern sollte.


Verdammt und heute ist der 03.07.16!!
Alles verpasst.
Nun muß ich wieder ein Jahr warten, bis Maria blankzieht.

Das Fest der Niederlegung der Muttergottesgewänder (deutsch auch Mariä Gewandniederlegung u. ä. genannt) wird in der orthodoxen Kirche am 2. Juli begangen.
Nach orthodoxem und katholischem Glauben wurde Maria im Moment ihres Todes mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. Im Grab blieben der Legende nach nur ihre Gewänder. Als diese Mariengewänder und damit als unschätzbare Zeugnisse der Menschwerdung Gottes wurden in Konstantinopel einige Tuchreliquien verehrt, für die Kaiserin Aelia Pulcheria ab 452 in den Blachernae eine Kapelle erbauen ließ. Hier wurden nach der Fertigstellung am 2. Juli die Mariengewänder feierlich niedergelegt.
(Wikipedia)

Das Gute am christlichen Glauben ist eben, daß er so gar nicht albern ist; daß alles wirklich Hand und Fuß hat!

Samstag, 2. Juli 2016

Alleinstellungsmerkmal CSU



Über Jahrzehnte gab es verstreut über die gesamte Unions-Bundestagsfraktion diese richtig braunen Hardliner, die Ausländer nicht ausstehen konnten, Frauen nicht die gleichen Leistungen zutrauten und Schwule für pervers und kriminell hielten.
Bayern, aber auch die Landesverbände BW, Hessen, Berlin und Sachsen brachten solche Typen in das Parlament.
Es gab eine beachtliche „Stahlhelm-Fraktion“, die sich auch zuverlässig gegen Umweltschutz und außenpolitische Entspannung einsetzte.
Heinrich Lummer, Martin Hohmann, Alfred Dregger, Erika Steinbach, Manfred Kanther, Frank Steffel, Arnold Vaatz, Wilfried Böhm, Ute Granold und Katherina Reiche.

Legendär die Aussprüche der sogenannten Stahlhelm-Fraktion in der CDU: "Die Rückkehr der Ausländer in ihre Heimat darf nicht die Ausnahme, sondern muss die Regel sein", so Alfred Dregger, Chef der Hessen-CDU 1982. Es sei "nicht unmoralisch zu fordern, dass der uns verbliebene Rest Deutschlands in erster Linie den Deutschen vorbehalten bleibt". Oder der frühere CDU-Innenminister Manfred Kanther 1996: Es sei unzulässig, ein Land als Einwanderungsland zu definieren, nur "weil viele Menschen versuchen, ihren Zutritt unter unberechtigter Berufung auf politische Verfolgung zu erzwingen". Das dichtbesiedelte Deutschland, so Kanther, habe "nie Bedarf" gehabt, "leere Räume mit Menschen zu füllen".

Die Rechten und Nationalkonservativen in der Union mosern kontinuierlich seit Merkel Parteichefin ist.
So sicher wie das Amen in der Kirche melden sich alle paar Monate ein paar versprengte CDUler und beklagen den Verlust des konservativen Profils, einen Ausverkauf der Werte und das Ausfransen am rechten Rand.
Zu den usual suspects gehört natürlich der TV-Lügner Wolfgang Bosbach, der maßgeblich den rechten „Berliner Kreis“ in der CDU installierte.

Der rechte Flügel der CDU hat allerdings zwei Probleme.
Erstens sichert Merkel nun schon elf Jahre die Macht und damit die Posten auf Bundesebene und zweitens sind die Konservativen allesamt hodenlos, so daß sie es beim Nörgeln belassen und niemals auf einem Parteitag tatsächlich die Parteiführung verärgern würden.

Vielleicht muß man es also eines Tages tatsächlich Frau Merkel anrechnen, daß unter ihrer Führerschaft der braune Muff aus ihrer Partei diffundierte.
Allerdings ist das ohnehin der Trend und auch die Kanzlerin ist natürlich keine Liberale, wie ihre hartnäckige Industrielobbyhörigkeit, ihre Begeisterung für Waffenexporte und die nachhaltige Verweigerung von Homosexuellenrechten beweist.

Dennoch fühlen sich die Nationalkonservativen in der CDU habituell heimatlos, weil man auch in ihren Kreisen höflich zu Schwulen sein muß, nicht mehr gepflegt über die Weiber lästern kann, seinen Rassismus verstecken sollte und dann lieber doch die dritte statt der ersten Strophe der Nationalhymne grölt.

Da haben es die CSUler besser. Bei ihnen gibt es noch diesen plumpen Machoflügel, der relativ ungeniert xenophobe und homophobe Sprüche rausballert.
Schwulenehe? I Gitt.

Und jetzt soll sich der "Kumpel unter Tage krumm legen, um die Homo-Witwe zu finanzieren".
 (Johannes Singhammer, CSU-Sozialexperte).

Selbst die traditionell etwas liberalere CSU-Jugendorganisation stellt sich 2016 noch klar gegen die volle Gleichberechtigung Homosexueller.

Besonders frei und fröhlich frönt man in der gesamten CSU der Feindseligkeit gegen Ausländer.
Eine Anti-Ausländermaut ist sogar das zentrale Engagement Seehofers und Dobrindts in der Bundesregierung.
Deftige xenophobe Parolen geben von Söder über Seehofer bis Schauer alle CSU-Granden in den politischen Diskurs.

Und dabei sind die Ausländer eben nicht bloß Ausländer, sondern vorzugsweise a priori mit Schimpfworten bedachte Personen.
„Asylbetrüger“, „Sozialschmarotzer“ und dergleichen mehr.

In seiner Partei kommt dieses völlig verantwortungslose Verhalten Seehofers sogar an. Die natur-xenophoben CSUler hetzten zunehmend ungeniert.

[….] Der Streit um einen fremdenfeindlichen Artikel der Zornedinger CSU-Ortsvorsitzenden Sylvia Boher eskaliert und führt nun zu einem schweren Zerwürfnis zwischen dem Erzbischöflichen Ordinariat und dem Ortsverband der Partei. Anlass ist eine rassistische Äußerung von Bohers Stellvertreter Johann Haindl über Zornedings dunkelhäutigen Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende.
Haindl wurde am Freitag in der Ebersberger Lokalausgabe des Münchner Merkur mit den Worten zitiert: "Der muss aufpassen, dass ihm der Brem (Zornedings Altpfarrer, Anm. d. Red.) nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt, unserem Neger."
In der jüngsten Ausgabe des CSU-Parteiblatts "Zorneding Report" hatte Sylvia Boher gegen Flüchtlinge gehetzt. Daraufhin äußerte sich Pfarrer Ndjimbi-Tshiende kritisch über die Christsozialen in Zorneding. Am Donnerstag bat der Pfarrgemeinderat in einem offenen Brief an die CSU, die auf dem Titelblatt des Parteiorgans abgebildeten Kirchtürme künftig nicht mehr zu verwenden. Einen Tag später veröffentlichte die Zeitung Haindls "Neger"-Interview.
Pfarrer Ndjimbi-Tshiende, 66, der die Pfarrei Sankt Martin vor drei Jahren übernahm, empfindet die Worte des CSU-Politikers als "rassistische Beleidigung". [….]

Unnötig zu erwähnen, daß die CSU nur Öl ins Feuer gießt, die Peginesen stärkt und nicht nur nichts zur Lösung des Problems beiträgt, sondern höchst kontraproduktiv agiert.

Als der bayerische Innenminister Herrmann in der ARD verkündete Roberto Blanco sei doch immer „ein wunderbarer Neger“ gewesen, schlackerten den meisten die Ohren.

Peter Ramsauer, aka „Zar Peter“, ehemaliger Bundesverkehrsminister und 2009er CSU-Spitzenkandidat zur Bundestagswahl, Mitglied der rechten Burschenschaft Franco-Bavaria, die Mitglied der Initiative Burschenschaftliche Zukunft ist, ist auch einer der ganz rechten Haudegen, der das Herz der Hobbynazis erfreut.

Die Kanzlerin hält er für viel zu links und erklärte im März dieses Jahres:

"Merkel ist wie der Klavierspieler auf der Titanic."

Die Abrechnung mit seiner ehemaligen Chefin erfolgte stilgemäß in der rechts-nationalen „Jungen Freiheit“.

Natürlich kann Ramsauer Flüchtlinge nicht leiden, denn der streng gläubige Katholik mag generell keine Ausländer.

Aus falsch verstandener politischer Korrektheit wird über Risiken und Nebenwirkungen zu wenig gesprochen. Aber die Politik muss den Bürgern reinen Wein einschenken und alle möglichen Folgen zur Sprache bringen, damit wir Vorkehrungen treffen können. Wir reden über die Unterbringungskosten für die Kommunen. Aber wir müssen weitere Fragen stellen: Welche Folgen hat der Zuzug für das gesellschaftliche Gefüge und die Stadt-Land-Problematik? Wie wollen wir die Zuwanderung zu den Sozialsystemen finanzieren? Die Bundesbauministerin ruft bereits nach dem Soli, da kann ich nur widersprechen. Wir dürfen die Toleranz der Bürger nicht überfordern.

Vorgestern begleitete Ramsauer Wirtschaftsminister Gabriel nach Athen und in diesem Griechenland ist ja alles voller Ausländer. Oh Graus.
Als sich der Vizekanzler mit Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in der Villa Maximos zum Fototermin aufbaut, herrscht dichtes Gedränge der Journalisten; der Bayer kommt ihnen ins Gehege.

Es kommt zu einer Rangelei zwischen Ramsauer und einem griechischen Fotografen, es werden auch Worte gewechselt. Wer wen gerempelt, wer was gesagt hat, darüber gibt es nun zwei unterschiedliche Versionen:
Der Bildjournalist, der für eine große Fotoagentur tätig ist, beschuldigt den CSU-Bundestagsabgeordneten ihn angepöbelt zu haben: "Fass mich nicht an, du dreckiger Grieche", soll Ramsauer gesagt haben. Auf Deutsch und Englisch, so heißt es in griechischen Medien.

In der Tat ist es eigenartig, daß ein CSU-Politiker so viel englisch können soll, um "filthy Greek" zu rufen.

Ramsauer soll, was von mehreren Augen- und Ohrenzeugen bestätigt wurde, einen griechischen Fotoreporter gegenüber auf Deutsch und Englisch gesagt haben: "Rühr mich nicht an, du schmutziger Grieche."
Der betroffene Fotoreporter ist Telepolis persönlich bekannt, möchte aber öffentlich nicht Stellung zum Vorfall nehmen. Es handelt sich um einen fest angestellten Mitarbeiter einer großen Fotoagentur, der neben seiner fotografischen Ausbildung auch noch über einen Universitätsabschluss verfügt und in Athen als gewissenhafter, ruhiger und vor allem freundlicher Kollege bekannt ist.
Zum Vorfall kam es während des Fototermins des Empfangs Sigmar Gabriels im Maximos Mansion, dem Amtssitz des griechischen Premierministers Alexis Tsipras. Dabei kam der Fotograf in Ausübung seiner Tätigkeit in Köperkontakt zu Ramsauer, der aus welchen Gründen auch immer inmitten der Fotografen stand. Die durchweg als rassistisch aufgenommenen Äußerungen führten auf offizieller Seite zu Protesten. [….]  Der offizielle Fotograf des Vizekanzlers bestätigte den Vorfall gegenüber griechischen Medien. Der Autor dieses Textes war selbst anwesend, kann aber lediglich bezeugen, dass es beim Fototermin zu einem Gedränge kam, als die einzelnen Gruppen der zum Fototermin geladenen Personenkreise sich nicht an die Regeln hielten.

Am Samstag bekräftigte der CSU-Politiker, der Fotograf habe ihm im Vorbeigehen mit dem rechten Ellenbogen einen Stoß versetzt: "Ich wurde an die Wand gedrückt", sagte Ramsauer. Daraufhin habe er den Mann, den er für einen Deutschen hielt, angeherrscht: "Herrgott noch mal! Gehen Sie so nicht mit mir um. Gehen Sie weg!" Der Fotograf habe erwidert, dass er ihn nicht verstehe. Deshalb habe er auf Englisch wiederholt: "I'm not used to be treated like that. Be off!"
[….] In griechischen Medien wird der Zwischenfall mittlerweile breit diskutiert. Der Fotograf und Mitglieder der deutschen Delegation hatten den Zwischenfall der Botschaft gemeldet. Ramsauer zählt zu jenen Unionsabgeordneten, die die Griechenlandhilfspakete im Bundestag strikt abgelehnt hatten.

Was Farage und Trump können, kann man in Bayern schon lange:
Sich im Ausland peinlich und drängelnd mit rassistischen Sprüchen daneben benehmen.

Freitag, 1. Juli 2016

Impudenz des Monats Juni 2016



Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Diesmal ist es leicht sich zu entscheiden. Großdummbatz des Monats ist natürlich England.
Nicht nur daß es ohne sich vorher zu informieren und ohne Not eine Entscheidung trifft, die das Land ökonomisch in den Abgrund stürzt und mit einiger Wahrscheinlichkeit zur Lyse Großbritanniens führt, nein anschließend zeigt sich die Insel auch noch von der pestigsten Seite: Xenophob und feige.

Premier David Cameron erlebt jetzt in Brüssel wie es ist wenn man richtig gehasst wird.
Zehn Jahre ist er der gesamten EU mit seinen europafeindlichen Tiraden auf die Nerven gegangen und nun erwartet er Milde von denjenigen, die er in all der Zeit wie Dreck behandelt hat.
Hochmut kommt vor dem Fall.
Nun dürfte er als der Premier in die Geschichte eingehen, der seinem Land wirtschaftlich so geschadet hat wie kein anderer Regierungschef vor ihm. Zusammen mit Tory-Finanzminister Osborne ruinierte er die fünftgrößte Wirtschaft des Planeten.

Schwer vorstellbar, dass jemand der Wirtschaft noch mehr schaden könnte als der Premier.

Gut möglich, daß England sich auch Jahrzehnte nicht ökonomisch erholen wird.
Aber man soll mit Prognosen vorsichtig sein – insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen.
Aber schon nach einer Woche sieht es böse aus.

 […] Viele Fragen sind offen eine Woche nach dem Referendum, nur eines ist sicher: die Unsicherheit. Die aber ist Gift für eine Volkswirtschaft. Unternehmen investieren nur dann, wenn sie wissen, woran sie sind. In Großbritannien wissen sie es nicht. Gerade hat Siemens auf der Insel für Aufregung gesorgt. Solange die Brexit-Frage nicht geklärt ist, wird der Münchner Konzern nicht mehr in seine Windanlagen-Produktion in der 250 Kilometer nördlich von London liegenden Hafenstadt Hull investieren. […]
Zum Beispiel sind es zu erwartende Preissteigerungen als Folge der jüngsten Pfundabwertung. Ein Faktor, der den Lebensstandard der Briten einschränken wird, weil die britische Volkswirtschaft stark auf den Import von Industriegütern angewiesen sind. Das andere ist die Furcht vor Zöllen der EU, die britische Produkte auf dem Weg von der Insel auf den Kontinent verteuern würden. Damit verbinden sich das Bangen um Arbeitsplätze und eine zunehmende Zurückhaltung bei den Verbrauchern. Erste Anzeichen sind schon sichtbar. Nach dem Referendum sind auf der Insel die Aktien von Immobilienfirmen besonders stark gefallen, einige um mehr als 25 Prozent. Zum Teil wurde der Handel der Aktien von Immobilienfirmen an der Londoner Börse sogar ausgesetzt. Man erwartet, dass die Häuserpreise sinken.
[…] Vor allem die Japaner sind alarmiert. Die Konzerne Nissan, Toyota und Honda haben Großbritannien bisher als Brückenkopf für Exporte in die gesamte EU genutzt. Sollten nach einem Brexit plötzlich Zölle für Einfuhren auf den Kontinent wirken, sind die europäischen Geschäfte direkt berührt.
[…]  "Das Referendum hat schlechte Aussichten in fürchterliche verwandelt", erklärte Analyst Samuel Tombs. "Wir erwarten nun, dass ein Zusammenbruch der Unternehmensinvestitionen, ein Einstellungsstopp und deutlich höhere Inflation die britische Wirtschaft in die Rezession stürzen werden." […]

US-amerikanische Comedians wie Samantha Bee reiben sich ungläubig die Augen.
Seit George W. Bush waren die Amerikaner sicher den Weltrekord in politischer Dummheit zu halten.
Ein Titel, der durch immer neue Morialogie-Talente fest in amerikanischer Hand blieb: GWB, Sarah Palin, Joe Barton, Rick Santorum, Christine O'Donnell, Herman Cain, Michele Bachmann, Ted Cruz und schließlich Donald Trump.

Nun aber machen Boris Johnson, Nigel Farage und die Brexiteers den Amis diesen Titel streitig.
Die Suppe, die er seinem Land eingebrockt hat, will er nun nicht mehr auslöffeln.
Er kneift und überlässt es anderen mit dem Desaster fertig zu werden.
David Cameron, sein Jugendfreund aus dem ultra-elitären Bullingdon-Club, hatte ebenfalls schon in den Sack gehauen.
Keiner will mehr englischer Premier sein.

Nicht nur die Führung der regierenden konservativen Partei befindet sich in heller Aufruhr, nein, die oppositionelle Labour-Partei zerlegt sich gleich mit.

Den englischen Wählern dämmert es nun, nach der Brexit-Abstimmung, daß sie sich selbst in den Orkus der Geschichte manövriert haben und wollen daher noch einmal wählen.
Der „Exit vom Brexit“, das „Bregret“ ist durchaus möglich.
Schließlich sei man verarscht worden, monieren diejenigen, die sich verwählt haben.

Das Referendum war keine 24 Stunden vorbei, als das Brexit-Lager zentrale Positionen seiner Kampagne kassierte - etwa die auf Bussen durchs Land kutschierte Irreführung, es flössen wöchentlich 350 Millionen Pfund von Großbritannien nach Brüssel, oder das Versprechen, die Einwanderung aus anderen EU-Staaten massiv zu senken. Die Behauptung, ein Brexit würde der britischen Wirtschaft nicht schaden, wurde von der Realität entkräftet: Das Pfund fiel auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten, Großunternehmen erwägen den Abbau Zehntausender Arbeitsplätze, und die EU denkt gar nicht daran, den Briten nach einem Austritt den Zugang zum Binnenmarkt zu schenken.

Die Engländer offenbarem diese Woche aber nicht nur ihre Doofheit, sondern zeigen sich auch von der ganz häßlichen Seite.


Nach dem Brexit-Votum Briten machen Jagd auf Polen
[…] Neid, Wut, Hass, Rassismus: Nach dem Brexit zeigt Großbritanniens Gesellschaft ihre hässlichste Fratze. Rechtsextreme, aber auch stinknormale Bürger hetzen gegen Ausländer und Menschen mit ausländischen Wurzeln, machen teils regelrecht Jagd auf sie – ganz speziell auf Polen.
Mehr als 750.000 Menschen kamen seit dem EU-Beitritt des Landes 2004 auf die Insel, um zu arbeiten, eine bescheidene Existenz aufzubauen. Jetzt sind sie Ziel ausländerfeindlicher Angriffe. So giftete Nigel Farage, Chef der rechtsextremen UKIP-Partei, im Brexit-Wahlkampf gegen Polen, andere Ausländer und Muslime. Seit dem Entscheid über das EU-Aus der Briten geht seine Saat und die Hetze anderer Ausländerfeinde auf. Hunderte teils schwere Übergriffe gegen Zuwanderer wurden bisher registriert.
[…] Die britische Polizei bestätigte, dass seit  Donnerstag die rassistischen Übergriffe um 57 Prozent zunahmen. […]


Die Xenophobie greift um sich.
Auf den Straßen kommt es zu Jagdszenen auf Ausländer.

[…]  In Großbritannien ist nach dem Brexit-Votum die Zahl der registrierten Hassverbrechen deutlich gestiegen. Wie die Zeitung The Times unter Berufung auf Polizeiangaben berichtet, hat sich der Wert mehr als verfünffacht.
Demnach sind seit dem Referendum vor einer Woche 331 Vorfälle gezählt worden. Zuletzt lag der wöchentliche Durchschnitt bei 63. Führende Religionsvertreter kritisierten den Anstieg und warnten vor Fremdenfeindlichkeit. […]

Donnerstag, 30. Juni 2016

Lügengrenzen?

Sascha Lobo hat mal wieder einen rausgehauen.
Es ging um den „Bullshit 9.0“, der eine ganz neue Form der Großlüge darstellt.

In Zeiten von Donald Trump und Boris Johnson ist ein neues Kommunikationsmuster auf dem Vormarsch: der Bullshit 9.0. Dass dieser so erfolgreich ist, liegt auch am Internet - und am Publikum.
[….] Ein 1986 erschienener Aufsatz wurde als Büchlein 2005 ein internationaler Bestseller: "On Bullshit" von Harry G. Frankfurt. Elf Jahre nach dem Zweiterscheinen bräuchte es eine erweiterte, komplett überarbeitete Neufassung. Denn die Welt wird geflutet von der neuen, vergiftenden Form des Bullshit - toxic bullshit, Bullshit 9.0.
Frankfurts Bullshit bezog sich auf eine "Indifferenz gegenüber der Realität", Kommunikation als Füllschaum ohne Bezug zur Wahrheit (was nicht unbedingt "Lüge" bedeutete). Der brandneue Bullshit 9.0 erklimmt die nächste Ebene. Der fehlende Bezug zur Wahrheit wird ergänzt durch die Abwesenheit jeder Konsistenz und, wenn notwendig, verquirlt mit Selbstrelativierung.

Lügner, die sich selbst ungeniert widersprechen und zudem auch noch so willkürlich lügen, daß ihr Gerede ohnehin unglaubwürdig und absurd klingt, können heute US-Präsident werden.


Es ist beeindruckend, daß ein Lügner wie Trump sich nicht wenigstens auf ein, zwei falsche Zahlen festlegt, sondern frei oszillierend jede beliebige Zahl raushaut.

Mit jemandem, der so etwas ernsthaft sagt, ist keine Diskussion möglich. Es fehlt das Fundament der Kommunikation: Konsistenz. Und dass A wirklich A heißt und nicht zugleich auch B oder auf Twitter Y oder doch Q und morgen rückwirkend Z. Das ist Absicht, denn Bullshit 9.0 ist Bullshit plus Täuschung plus Bigotterie. Bullshit 9.0 ist damit ein Instrument, um politische Verantwortung für die eigene Kommunikation zu minimieren: strategische Wirkhülsen von Kommunikation.
Die so kommunizierende Politik bekommt dabei tatkräftige Mithilfe eines Teils der redaktionellen Medien, der ohne jede Scham dieses Kommunikationsmuster übernimmt. Politische und mediale Lügen sind natürlich nicht neu, aber die offene, funktionale Dreistigkeit ist es - in Verbindung mit der digital-sozialen Öffentlichkeit. Denn die stört sich nicht daran, sondern belohnt das Verhalten noch. Das Traurigste, Empörendste an toxischem Bullshit 9.0 ist, dass er funktioniert. Bullshit 9.0 wirkt.
Damit ist jede Klage in Form der Beschwerde über "die da oben" unvollständig falsch. Denn das Publikum trägt mindestens die Hälfte der Verantwortung für den Aufstieg dieser politischen Kommunikationsform. Das Publikum glaubt das Getöse vielleicht nicht, aber bezieht es in den Diskurs mit ein, wenn es in den Kram passt.
Mehr noch: Die halbe soziale Medienwelt interessiert sich nicht für Konsistenz und sagt in einem einzigen Satz eine Behauptung und ihr Gegenteil: "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber sie müssen raus." Die "Washington Post" schrieb von einer "post-fact world", einer nicht mehr tatsachenbasierten Weltsicht.

Was Trump kann, können die britischen Populisten Farage und Johnson auch.
Innerhalb von Stunden nach dem Referendum haben sie ihre drei zentralen Brexit-Argumente kassiert.
Was schert mich mein dummes Geschwätz von gestern?

[….] Noch deutlicher wird die Kehrtwende bei führenden Politikern der "Leave"-Kampagne. Im Wahlkampf verbreiteten sie Lügen über die EU und falsche Versprechen über eine glorreiche Zukunft nach dem Brexit. Nicht einmal eine Woche später haben sie wichtige Punkte ihrer Kampagne bereits kassiert. Die Slogans der Umfaller im Überblick.

Vor dem Referendum:
"Wir schicken 350 Millionen Pfund pro Woche nach Brüssel. Lasst uns das Geld lieber für unser Gesundheitssystem nutzen."
Jetzt:
"Diese Aussage war ein Fehler der 'Leave'-Kampagne." (Nigel Farage, Ukip-Parteichef)
[….][….]

Vor dem Referendum:
"Lasst uns wieder die Kontrolle über unsere Grenzen übernehmen"
Jetzt:
"Wir haben nie versprochen, dass wir die Einwanderung radikal reduzieren." (Daniel Hannan, Europaabgeordneter der Konservativen)
[….][….]

Die just mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandles wohlverdient ausgezeichnete Carolin Emcke schreibt allerdings, auch Trumps Megalügen hätten eine Grenze.
Es gäbe eine Sache, die selbst seine fanatischen Fans nicht verzeihten.
Und das sind Zweifel an seiner eigenen Großartigkeit.
Bisher hatte Trump nämlich nur einen Programmpunkt: Ihn selbst. Er sei der Klügste, Beste, Schönste und Reichste. Daher stehe er auch über der Realität, zumal er auch noch den größten Penis habe!
Hat er aber womöglich doch nicht so viel Geld wie er immer behauptet?
Das wäre doch ein Scheidungsgrund für viele seiner Anhänger, mutmaßt Emcke.

[….] Es ist diese Abwandlung des Gründungsmythos, an die der Präsidentschaftskandidat Donald Trump in seinem Wahlkampf bislang hemmungslos appelliert hat: Erfolg dem Erfolgreichen. Die wesentliche Qualifikation, die Trump an Trump zu preisen hatte, war seine ökonomische Potenz. Und das schien zu reichen. Seit Anfang dieser Woche hat das One-trick-Pony, das in der kapitalistischen Manege nur das Kunststück des eigenen Reichtums aufzuführen wusste, allerdings ein Problem: Der "Federal Election Commission Report" veröffentlichte die Zahlen der Wahlkampf-Etats der beiden Präsidentschaftskandidaten, und demnach verfügte die Kampagne des Multimilliardärs Trump Ende Mai nur noch über schlappe 1,3 Million Dollar (im Vergleich zu Hillary Clintons Etat, der stolze 42 Millionen Dollar aufwies). "Ich verstehe von Geld mehr als jeder andere", suchte Trump in seiner gewohnt bescheidenen Art die Fragen nach dem finanziellen Debakel abzuwehren. Aber der Bericht der Kommission lässt daran mächtig Zweifel aufkommen. Denn offensichtlich sammelt Donald Trump nicht nur bemerkenswert wenig Spendengelder (lediglich 3,1 Millionen Dollar im vergangenen Mai), vor allem aber gibt er mehr aus (nämlich 6,7 Millionen). 2,2 Millionen Dollar lieh die Privatperson Trump zudem dem Kandidaten Trump.
[….]  Dem Präsidentschaftskandidaten wurde bislang nahezu alles verziehen: sein grobschlächtiger Machismo, sein unverblümter Rassismus, sein ausgeprägter Stolz auf seine Unbildung, ja eigentlich auf alles, wofür andere sich schämen würden. Nur, dass der Finanzmogul Trump womöglich seinen Wahlkampf in die Pleite führt, das dürfte der ihm bislang gewogene Teil der amerikanischen Gesellschaft für absolut unverzeihlich halten.  Vermutlich noch unverzeihlicher dürfte es seine Wählerklientel finden, dass Trump nun auch noch zu jammern begann und die Republikanische Partei aufforderte, ihn zu unterstützen. Er könne nicht alles allein leisten, sondern brauche auch die Hilfe der Republikaner. Trump scheint vergessen zu haben, dass dies die Kehrseite der großen Erzählung des American Dream ist, die immer nur das Individuum als historische Figur erkennen und belohnen will: Wer scheitert, ist dafür immer allein verantwortlich. [….]

Derjenige, der immer prahlt so unfassbar reich zu sein, muß nun um Spenden betteln, wie gewöhnliche Kandidaten auch. Und das tut er auch noch mit besonders wenig Erfolg. Die üblichen GOP-Milliardäre halten ihre Portemonnaies zu.
Nun mußte der presumptive candidate sogar schon illegal im Ausland um Geld betteln.

America second?

[….] Neuer Ärger für Donald Trump: Der republikanische Präsidentschaftsanwärter wurde angeschwärzt, weil er Abgeordnete im Ausland um Geld anbettelte. Im US-Wahlkampf ist das verboten.
"Bitte steuern Sie etwas bei, damit mein Vater Präsident der Vereinigten Staaten werden kann": Diese Botschaft soll Donald Trump Jr., Sohn des voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner, an Parlamentarier in Großbritannien, Australien und Island versandt haben. Das Problem: Trump darf für seinen Wahlkampf in den USA gar keine Spenden von ausländischen Politikern einsammeln.
Zwei Bürgerrechtsgruppen haben die staatliche Wahlkommission auf die versandten E-Mails aufmerksam gemacht. Das Anschreiben, das von der offiziellen Kampagne Trumps verschickt wurde, machte nun die schottische Abgeordnete Natalie McGarry öffentlich. Sie lehnte die Aufforderung übrigens entrüstet ab.
Der Blog "Fresh Intelligence" des "New York Magazine" kommentierte den Zwischenfall: "Wenn wir Ihnen erklären müssen, warum es für Präsidentschaftskandidaten verboten ist, ausländische Politiker um Spenden für den Wahlkampf zu bitten, sind Sie wahrscheinlich Donald Trump."   Längst ist kein Geheimnis mehr, dass Trumps Kampagne in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Dabei hatte er selbst immer wieder stolz darauf verwiesen, dass er seine Kandidatur mehr oder weniger selbst finanziere. Er machte das "Self-Funding" zu seinem Markenzeichen, auch um seine vermeintliche Unabhängigkeit von Lobbyinteressen zu unterstreichen. [….]