Dienstag, 14. Juli 2015

Wenn es mal etwas länger dauert.



Konservative deutsche Politiker mögen die Türkei nicht.
Vor allem wegen der Türken.
Die sind so rückständig.
Frauen dürfen da nicht in der ersten Reihe der Politik mitmachen.
 In Deutschland wurde hingegen FRAU Merkel Kanzlerin.
(Das war im Jahr 2005 - also nur 17 Jahre nachdem im islamischen Staat Pakistan Benazir Bhutto Regierungschefin wurde und 12 Jahre nachdem in der islamischen Türkei Tansu Çiller Ministerpräsidentin wurde.)
Die leben da irgendwie noch auf dem Dorf.
(Istanbul hat 14,5 Millionen Einwohner)
Die türkische Wirtschaft ist so rückständig.
(Kontinuierlich über 5% BIP-Wachstum seit 1980)

Aber daß die Türkei 100 Jahre nach dem Massaker an der Armeniern immer noch nicht dazu stehen will, ist wirklich mies.
(Daß Deutschland sich genauso beharrlich weigert den fast gleichzeitigen deutschen Völkermord an den Herero, Nama, Damara und San anzuerkennen und deren wenige überlebende Nachfahren in Namibia im Stich lässt, wird dabei gern ausgeblendet. Auch Merkels Regierung will sich nicht zu dem Völkermord bekennen, zahlt keinerlei Entschädigung und als eine Namibische Delegation im Jahr 2011 wenigstens 20 der insgesamt 3000 in der Berliner Charité befindlichen Herero-Totenschädel zurück nehmen wollte, verhielt sich Westerwelles Staatssekretärin Cornelia Pieper derart arrogant und frech, daß sie vom entsetzen Publikum ausgebuht wurde und flüchtete.)

Ja, es kann schon mal länger dauern in Deutschland.

Gegenwärtig sitzt in einem Gerichtsaal in Lüneburg der 93-Jährige ehemalige SS-Unterscharführer Oskar Gröning, da nach gerade mal lumpigen 70 Jahren der deutschen Justiz eingefallen war, daß es irgendwie nicht so ganz in Ordnung war in Auschwitz-Birkenau an der Rampe gestanden zu haben und 300.000 Menschen in die Gaskammer geschickt zu haben.

Daß die Deutschen 1941 in Griechenland eine Zwangsanleihe eintrieben, etwa
70.000 griechische Soldaten und 480.000 griechische Zivilisten töteten und zudem auch noch nicht ihre Schulden aus dem ERSTEN Weltkrieg beglichen, wird heute auf einen Gegenwert von etwa 280 Milliarden Euro Entschädigung subsummiert.
Aber 70 Jahre nach dem Zweiten und 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ist Merkel noch nicht so weit jetzt schon auf solche Forderungen zu reagieren.

Das kann halt alles mal dauern.

Die Katholische Kirchen brauchte bekanntlich Jahrhunderte, um zuzugeben, daß ihr stramm geozentrisches Weltbild, für das sie Anhänger der Idee die Sonne könnte im Mittelpunk des Planetensystems stehen reihenweise umbringen ließen, vielleicht doch nicht ganz richtig war.
Bei anderen Fragen – Kumpanei mit Nazis und faschistischen Terrorregimen, Millionenfacher Mord im Zuge der Kolonialisierungen und Missionierungen, Hexenverfolgung, Inquisition, Sklaverei, Kinderfolter in kirchlichen Heimen, etc pp – sieht die Kirche noch gar keinen Handlungsbedarf.

Ähnlich sieht es in Amerika aus.
Auch hier dauert es gelegentlich.
Rund 120.000 Japanisch-stämmige Amerikaner wurden während des zweiten Weltkrieges durch die War Relocation Authority aus rein rassistischen Gründen enteignet und in Konzentrationslager gesteckt.
Es dauerte 50 Jahre bist 1992 G.H. Bush formell sein Bedauern aussprach.
Gedenkstätten sind inzwischen geplant, aber noch nicht gebaut.

Beim Philippinisch-Amerikanischen Kolonialkrieg Krieg von 1899 bis 1902 kamen etwa eine Million Filipinos (20 % der damaligen Bevölkerung) ums Leben, weil sie es gewagt hatten sich selbst unabhängig regieren zu wollen.
Als Massenmörder und „Schlächter Asiens“ ging der US-General John Joseph Pershing in die Geschichte ein. Pershing (1860-1948) war einer von nur zwei Menschen, die den höchsten möglichen militärischen Rang der USA innehatten; er war General of the Armies of the United States.
Bis heute wird der Mann in den USA so verehrt, daß der schwerste Kampfpanzer (M26 Pershing) und die Pershing-Atomraketen nach ihm benannt wurden.
Lumpige 380 Millionen Dollar flossen zwischen 1947 und 1950 als Entschädigungen. Also etwa $3,80 pro Ermordeten und das 50 Jahre später.

Vietnam liegt hingegen „erst“ 40 Jahre  zurück.
Für die unfassbaren Grausamkeiten der USA und die Millionen Toten floss noch überhaupt keine offizielle Entschädigung.
Dioxin-Opfer werden vom Weißen Haus und dem darin sitzenden Friedensnobelpreisträger demonstrativ ignoriert.

Zwischen 1960 und 1975 töten die Amerikaner vermutlich rund 5 Millionen Vietnamesen und verstümmelten und entstellten weitere Millionen.
21 000 Quadratkilometer Land wurden durch das berüchtigte „Agent Orange“ vernichtet und dauerhaft verseucht.
(Das ist eine Größenordnung zwischen Nordirland und Belgien)
80 Millionen Liter Herbizide mit darin enthaltenen 600 Kilogramm Dioxin, hergestellt von Monsanto und Dow Chemical versprühten sie USA über Vietnam.
Ein Milliardstel Gramm gilt als tödlich. 4,5 Millionen Menschen wurde direkt dem Supergift ausgesetzt.
Amerika führte einen totalen Krieg gegen Mensch, Tier, Umwelt, Vieh, und Landwirtschaft.
Das besonders perfide:
Es wäre völlig unproblematisch gewesen die Entlaubungsmittel auch ohne das hochkrebserregende Dioxin herzustellen, aber everybodys Darling John F Kennedy und das US-Militär WOLLTEN das Supergift enthalten haben.

An irgendeine Art der Entschädigung ist noch nicht zu denken.

[…] Die Chancen, dass die US-Regierung je bereit sein wird, Schadenersatz an Vietnam zu zahlen, schätzt [Kenneth Feinberg, in den USA einer der bekanntesten Anwälte für Schadensersatzfälle] als sehr gering ein. "Das ist eine politische und keine juristische Frage, ich kann mir das aber kaum vorstellen. Die amerikanische Regierung will ja noch nicht einmal ihren eigenen Soldaten eine Entschädigung zahlen."
[…] Die juristische Aufarbeitung des Vietnamkriegs und die Frage der Entschädigung ist längst nicht abgeschlossen und höchst kompliziert. Weil die Regierung der USA grundsätzlich nicht verklagt werden kann, wenn es um Entscheidungen im Kriegsfall geht - also auch um den Einsatz von Agent Orange - müssen sich die Opfer an die Hersteller halten. Dass allein die zur Verantwortung gezogen werden, stößt bei Juristen jedoch auf Kritik. "Obwohl eigentlich klar ist, dass aus juristischer Sicht die amerikanische Regierung die Verantwortung für den Einsatz von Agent Orange trägt und nicht die Hersteller", meinte der Jurist Harald Koch von der Berliner Humboldt Universität. Vor Gericht gelte aber nach wie vor oft die Doktrin, dass der König nichts falsch machen könne.
Während die US-Regierung bis heute keinen Schadenersatz gezahlt hat, haben die Hersteller inzwischen etwa 215 Millionen Dollar an die Opfer und ihre Verbände überwiesen. Das meiste davon kam von den größten Herstellern, den US-Konzernen Dow Chemical und Monsanto, der Rest von einer Reihe kleinerer Chemiefirmen. Das Geld bekamen Kriegsveteranen aus den USA, Australien und Neuseeland. Vietnamesische Kläger gingen dagegen leer aus. US-Gerichte wiesen deren Verfahrens-Anträge zurück.


Montag, 13. Juli 2015

Der gefährlichste Mann Europas.


Oh wie altmodisch ich doch bin. Ich sehne mich 30 Jahre zurück, als Typen wie Harold Wilson, Helmut Schmidt und Valéry Giscard d'Estaing in Rambouillet zusammen saßen, um mal wirklich Klartext zu sprechen, um die wirklich drängenden Fragen der Zukunft konstruktiv anzugehen.

2015 geht es schon lange nicht mehr um Sachpolitik.

Schließlich ist das fünf Jahre lang ausprobiert worden. Das Ergebnis ist klar: 30% der Griechen leben unter der Armutsgrenze, die Gesamtwirtschaftsleistung brach um 25% ein, die Jugendarbeitslosigkeit stieg auf unfassbare 50%.

Ungeniert präsentieren aber gerade mal wieder die ARD-Tagesthemen mit Merkels Büttel Reinald Becker dreiste Fehlinformationen („500 Milliarden Hilfsgelder sind nach Griechenland geflossen“ – NEIN sind sie nicht – fast alles ging in die Kassen der Gläubigerbanken in Deutschland und Frankreich!) und Hetze („Der Grieche hat jetzt lang genug genervt“).

Daß diese Art Politik in Berlin gemacht wird, hat einen Grund: Sie kommt bestens an beim desinformierten Urnenpöbel.

Schäubles und Merkels Beliebtheit stieg auf Rekordwerte, nachdem sie andere Länder mal so richtig gedemütigt hatten.


Da kommt der abscheuliche Dumpfdeutsche zu Tage, den man zu Recht nicht leiden kann.

Das ist zwar peinlich für Deutschland und schäbig für die CDU, aber es hat auch eine internationale Dimension.
Deutschland ist so wieder zum „hässlichen Deutschen“ geworden.
Merkel, die laut Amtseid eigentlich den Schaden abwenden und Nutzen mehren sollte, hat einen gewaltigen Imageschaden verursacht und nebenher auch noch mal eben mindestens eine Volkswirtschaft ruiniert.
Zu komisch, daß einst Oskar Lafontaine hartnäckig als der gefährlichste Mann Europas diskreditiert wurde, als er versuchte den entfesselten Finanzkapitalismus etwas zu bremsen.
Der gefährlichste und destruktivste Mann Europas ist Wolfgang Schäuble!


Der Mann, der sechs Jahre als Finanzminister auf ohne sein Zutun übersprudelnden Kassen sitzt, aber nicht in der Lage ist auch nur einen Vorschlag zu machen wie das deutsche Mehrwertsteuerchaos nur ein Fünkchen übersichtlicher werden könnte und nun von Syriza verlangt ein Mehrwertsteuergesetz in 48 Stunden zu verabschieden.


So scheitert Europa! Merkel und Schäuble haben dank einer ekligen Allianz alle deutschen Forderungen durchgesetzt. Das Ergebnis: ein Sanktions- und Zwangsregime.
[….] In einem noch nie dagewesenen Durchmarsch haben Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble alle deutschen Forderungen durchgesetzt. Sie laufen darauf hinaus, Premier Alexis Tsipras und seine Syriza zu bestrafen und Athen unter Kuratel zu stellen.
Nun kommt nicht nur die Treuhand-Anstalt nach DDR-Muster. Auch die verhasste Troika darf in Hellas wieder das Zepter übernehmen. Gleichzeitig wird das Parlament entmachtet: Es muss alle Spar- und Reformvorgaben abnicken und automatische Budgetkürzungen erlauben.
Ausgedacht hat sich diesen Coup unser beliebter Herr Schäuble. Mit seinem mittlerweile berühmt-berüchtigten Positionspapier hat er schon vor dem Gipfel die Weichen gestellt. Er kam damit Ländern wie Finnland entgegen, die Griechenland aus dem Euro drängen wollen und seit jeher Sicherheiten für neue Hilfen fordern.
[….] Beschämend ist auch, wie Merkel und Schäuble ihre traditionellen Partner vor den Kopf gestossen haben. Nachdem sie ihr Bündnis mit Finnland und anderen Hardlinern geschmiedet hatten, ließen sie alle Forderungen aus Italien oder Frankreich an sich abprallen.
Kein Wunder, dass die italienische Presse schon eine neue Berliner Mauer entstehen sieht. Auch in Frankreich ist man entsetzt über das autoritäre und egoistische deutsche Vorgehen. [….]
 (Eric Bonse taz 13.07.15)


[….] Griechenland hat kapituliert, Deutschland gesiegt - das ist die traurige Bilanz des Wochenendes. Denn die Diplomatie von Wolfgang Schäuble war die Rückkehr Europas zu früheren Machtgefügen, in denen der Stärkere seinen Willen durchsetzt.
Die Bundesregierung hat an einem einzigen Wochenende siebzig Jahre Nachkriegsdiplomatie zunichte gemacht. [….] Was am Wochenende in Brüssel passierte, war die Rückkehr Europas zurück zu Machtgefügen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in denen der Stärkere dem Schwächeren seinen Willen aufzwang. [….] Was Deutschland und die anderen Kreditgeber Athen da aufdrängen, ist so extrem, dass man nicht nur in Griechenland schockiert ist. Es wird einige Tage dauern, bis man dort die Ereignisse des Wochenendes verdaut hat.
Die entrüsteten Reaktionen, die ich wahrgenommen habe, kamen nicht einmal von den üblichen Verdächtigen, sondern von eher konservativ gesinnten Deutschland-freundlichen Ökonomen. Von Leuten wie Luis Garicano etwa, einem bekannten spanischen Wissenschaftler, der das politische Programm der neuen konservativen Partei Ciudadanos geschrieben hat und der in der Vergangenheit die deutsche Position eher zu verteidigen geneigt war. "Die Euro-Gruppe hat auf die Vorschläge von Tsipras falsch reagiert. Dort gerät die Diskussion jetzt außer Kontrolle und erzeugt irreparablen Schaden für die EU. Sehr besorgniserregend", schrieb er auf Twitter.
Deutschland stellt mit seiner Diplomatie sicher, dass das jetzt beschlossene Griechenland-Programm keinesfalls funktionieren wird. [….]


Warum ein Nobelpreisträger auf Deutschland losgeht
[….]   Derzeitiger Lieblingsfeind Krugmans allerdings ist die Bundesrepublik Deutschland, wegen der deutschen Sparsamkeit im Allgemeinen und des Kurses von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble gegenüber Griechenland im Besonderen. In seinem Blog "The Conscience of a Liberal" schrieb er am Sonntag: "Die komplette Kapitulation reicht Deutschland nicht. Es will einen Regimewechsel und die totale Demütigung." Krugman schloss sich damit einer Hasskampagne gegen Deutschland an, die am Wochenende die Netzgemeinde beschäftigte. Am Montag legte er noch nach: "Das europäische Projekt, das ich immer gelobt und unterstützt habe, hat einen schrecklichen, vielleicht sogar tödlichen Schlag erhalten. Und, was immer man von Syriza und Griechenland halten mag, es waren nicht die Griechen, die ihn ausgeführt haben." [….]

"Die Euro-Familie hat sich als ein kreditwucherndes Konglomerat entpuppt, das sich nicht um die Demokratie kümmert. (…) Die Welt sieht dabei zu, wie Griechenland im Namen der Stabilität entmündigt wird. (…) Die harte Linie ist nicht förderlich, sie ist einfach nur hart um des "Hart-Sein-Willens".
(The Guardian, Großbritannien, 13.07.15)


Die Nacht, in der Deutschland Tspiras in die Zange nahm. Ein Kompromiss? Eigentlich ist es eher etwas, das wie eine Kapitulation des griechischen Premier Alex Tsipras erscheint.
(Le Monde, Frankreich, 13.07.2015)


"Die größte Bedrohung Europas heute sind weder Putin noch der islamische Fundamentalismus, weder die USA noch China, weder die Euroskeptiker noch die Populisten. Die größte Bedrohung Europas heute stellt Wolfgang Schäuble dar, der deutsche Finanzminister. Schäuble weiss, dass er gar nicht im Recht sein muss. Es reicht, der Finanzminister des reichsten Landes der EU zu sein. Die jüngste Forderung eines Privatisierungsfonds, der von den Gläubigern kontrolliert wird, scheint aus dem schlimmsten Kolonialismus und Imperialismus des 19. Jahrhunderts zu kommen.
(Público, Portugal, 13.07.2015)

"Brüssel legt Athen auf die Folterbank“
 (Volkskrant, Niederlande, 13.07.2015)


"Der Weg zum harten Hilfsprogramm, was mehr als 80 Milliarden Euro für die Griechen sichern soll, war ein langsamer, erniedrigender Vorgang, ein Pokerspiel mit Multi-Milliarden-Beträgen, bei dem die ganze Welt zuschaute."
(The Irish Times, Irland, 13.07.15)

"Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone haben am Montagmorgen die Fortsetzung der gescheiterten "Rettungspolitik" beschlossen.“
(Frankfurter Rundschau, 13.07.2015)


"Europa hat in Alexis Tsipras einen charismatischen Vorkämpfer, einen, dem Europa wichtiger ist als der kurzfristige parteipolitische Vorteil, mancher bizarr anmutenden Volte zum Trotz. Sollte er über diese Haltung stürzen, wäre das ein Verlust vor allem auch für die europäische Idee."
(Berliner Zeitung 13.07.15)

Beinahe im Minutentakt feuert Jeffrey Sachs gerade Tweets ab. Das Ziel: Die deutsche Regierung und ihre - nach Meinung vieler US-Ökonomen - verfehlte Griechenland-Politik.
Jeffrey Sachs ist wütend auf Wolfgang Schäuble. Richtig wütend. Man muss dazu nur verfolgen, was der amerikanische Ökonom am Sonntag auf Twitter verbreitet, während in Brüssel die Euro-Gruppe um die Griechenland-Rettung ringt. Es ist eine ganze Serie von Tweets, und sie haben nur ein Thema: Wie Deutschland - und vor allem Schäuble - die Krise handhabt.
"Ich habe so etwas noch nie gesehen", schreibt Sachs, einer der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler der Welt in einem seiner Tweets. Schäuble sei absolut gegen Griechenland, sein Verhalten völlig irrational.
[….] Sachs war als Ökonom mit seiner Kritik an Schäuble am Sonntag nicht allein. Aus Äthiopien meldete sich am Abend Joseph Stiglitz zu Wort, der amerikanische Nobelpreisträger ist dort für eine Entwicklungshilfe-Konferenz der UN. Stiglitz warf der Bundesregierung einen "Mangel an Solidarität" vor. [….] Zuvor äußerte sich Paul Krugman - ebenfalls Nobelpreisträger - in seinem Blog für die New York Times. Er schrieb, die Nachrichten aus Europa seien "schrecklich". Griechenland habe schon sehr viel geleistet, aber offenkundig reiche Deutschland die "sustanzielle Kapitulation" der Regierung Tsipras nicht aus; vielmehr gehe es darum, Griechenland vollständig zu demütigen. [….]



Sonntag, 12. Juli 2015

Geschichtsstunde – Teil I


Manchmal wäre ich gern adelig.
Das würde die Genealogie erheblich vereinfachen, weil schon immer in der Familie aufgeschrieben worden wäre woher man stammt.
Und außerdem finde ich die langen Namen irgendwie sexy.
Ich hätte da gern etwas Extravagantes zu bieten.

Eins meiner Lieblingsbücher, das ich seit Jahrzehnten immer wieder in die Hand nehme ist Brigitte Sokops „Stammtafeln europäischer Herrscherhäuser“ (Böhlau Verlag ISBN 3-205-98096-4).
Das fällt in dieselbe Kategorie wie die „Synchronoptische Weltgeschichte“ oder Hermes Handlexikon „Wer kannte wen?“; also Bücher, die man immer parat liegen haben sollte, so daß man schnell nachschlagen kann, wenn man in Zeitungen, TV etc über irgendwelche historischen Anmerkungen stolpert.

Kürzlich las ich eine Meldung über den 1485 verstorbenen britischen König Richard III.
Auch wenn man kein Historiker ist, weiß man vermutlich aus diversen Fernsehserien über die Tudors (insbesondere Heinrich VIII., 1491-1547) und die Greys (Königin Jane Grey 1553-1554) in etwa um welche Zeit es sich handelt.
Da war viel los. Das Mittelalter ging zu Ende, das Zeitalter der Kolonialisierung begann.  Mein Lieblingspapst Alexander VI. hatte 1494 im Vertrag von Tordesillas mal eben die gesamte Welt und alle ihre Besitztümer zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt. Das ist ja das Schöne an den Christen; sie sind so überhaupt nicht anmaßend.

Wie passt nun Richard III. in das Laien-Historikerbild? Man kennt den Namen ja eigentlich nur noch aus Shakespeares Drama, in dem er als abgrundtief böser Krüppel und Schurke dargestellt wird.
Dazu sind Sokops Herrschertafeln so schön.


Heinrich VIII., also der Typ, der ständig seine Ehefrauen köpfte, um eine neue zu heiraten, sich mit dem Papst anlegte und deswegen die neue englische Staatsreligion gründete war der Sohn Heinrich VII., der wiederum ein Neffe Richard III. (1452-1485, König ab 1483) war.
Richard war also Henrys Großonkel.

Er war eine gar nicht mal uninteressante Figur, da er der letzte Plantagenet war und mit seinem Tod die sogenannten Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster endeten.
Der Begriff „Rosenkriege“ ist dabei sehr euphemistisch gewählt – in Wahrheit bedeutet es erbittertes gegenseitiges Abschlachten über Dekaden.
Kinder, Geschwister, Cousins wurden aus reiner Machtgier ermordet.
Richard III. Vorgänger, sein älterer Bruder König Eduard IV. erwies beispielsweise dem gemeinsamen Bruder George 1478 seine ungeheure Großzügigkeit, indem der sich seine Todesart selbst aussuchen durfte. Er ließ sich in einem Fass Wein ersäufen. Naja, wem’s gefällt.
Richard sollte eigentlich nur Vormund von Eduards IV. 12-Jährigem Sohn Eduard V. sein. Dieser wurde tatsächlich auch im Juni 1483 gekrönt, aber Richard sperrte ihn zusammen mit seinem 9-Jährigen Bruder in den Tower, aus dem sie nie wieder rauskamen.
Richard III. ließ dann fleißig alle Thronrivalen köpfen oder vergiften, bis er allein übrig blieb und schließlich am 06. Juli 1483 selbst gekrönt wurde.
Er mordete dann fröhlich weiter, bis er 1485 von dem späteren Tudor-König Henry VII. auf dem Schlachtfeld gekillt wurde.
Nach Richard war Schluß mit den Kabalen; es kamen die Tudors.

Wie ich jetzt darauf kommen?
Also Richard III. Gebeine wurden 2012 nach gezielten Grabungen in Leicester entdeckt und kürzlich genetisch identifiziert.
Wissenschaft ist cool.
Man konnte noch nach über 500 Jahren nachweise, daß er an Skoliose litt (daher offenbar seine literarische Darstellung als "Krüppel“), in Wales aufgewachsen war, viel Geflügel und Wein konsumiert haben mußte.
Seine Leiche wies Dutzende Knochen-Verletzungen auf; offensichtlich steckte er wirklich mitten im Schlachtgetümmel als er starb.

Das ist für Historiker ja eine interessante neue Möglichkeit: Grabstätten aufbohren, Gewebeproben entnehmen und nach Jahrhunderten durch DNA-Tests überprüfen, wer wirklich wessen Kind war.

Da das Überleben von Monarchinnen davon abhängig war Nachwuchs auszuwerfen, kam es verständlicherweise häufig vor, daß sie bei misserfolgreichem ehelichen Koitus auch mal schnell mit dem Koch oder Zimmerburschen knatterten.
Heute kann man das überprüfen und so fallen gegenwärtigen Monarchen immer riesige Gesteinsbrocken vom Herzen, wenn sie auch mal erfahren, daß sie wirklich die genetischen Nachkommen ihrer königlichen Vorfahren sind.
Bei Richard konnte tatsächlich eine rein maternale genetische Linie zu heute lebenden Nachfahren – 17 Generationen später - nachgewiesen werden.
Paternal klappte es erwartungsgemäß nicht, da seine Vorfahrinnen fleißig fremd gingen und andere Männer in die Thronfolge einkreuzten.

Im März 2015 wurden Richard III. Überreste in der Kathedrale von Leicester in einen Bleisarg gestopft und mit allen Ehren bestattet.


Solche Gelegenheiten lassen sich Pfaffen natürlich nicht entgehen. Zumal Richard III. der vorletzte katholische König Englands war.

Cardinal gives homily during historic ceremony in Leicester on Sunday
Cardinal Vincent Nichols has prayed for the soul of Richard III during a service for the dead king.
[….]  At the service, Cardinal Nichols said that the sprinkling of holy water on the coffin was “a reminder that King Richard, at the beginning of his life, was baptised in the name of the Father, the Son and the Holy Spirit. He was thereby called to live as a follower of Jesus Christ.”
[….]  However, as well as alluding to Richard’s notoriety, most famously for his alleged ordering of the murder of his two nephews, the princes in the Tower, the Cardinal pointed out the king’s great strengths: “Within the depth of his heart, amidst all his fears and ambitions, there surely lay a strong desire to provide his people with stability and improvement. In his two short years as King, he reshaped vital aspects of the legal system, developing the presumption of innocence, the concept of blind justice and the practice of granting bail rather than being held in jail. He established the Court of Requests to give wider access to justice and insisted on the translation into English of all written laws and statutes so that they were readily accessible to all. Nevertheless his reign was marked by unrest and the fatal seepage of loyalty and support.”
He said that Richard was “a man of prayer, a man of an anxious devotion. In a surviving prayer, we hear him pleading with God for the protection of the Archangel Michael and for deliverance from his enemies.” [….]  

So sind sie, die Katholiban.
Immer devot buckelnd vor der Obrigkeit.
Ein wie besessen mordender Mann, den Historiker in Punkto Bosheit in einem Atemzug mit Hitler und Stalin nennen, wird liebevoll bebetet.



Kein Wort der Kritik. Alles gut.



Naja, es war ja auch nur Massenmord und kein Verbrechen, das die RKK wirklich in Rage bringt – wie zB Ehescheidung oder Homosexualität.

Bei Radio Vatikan – „Stimme des Papstes und der Weltkirche“ heißt es dazu:

Vergangenen Montag hat der Erzbischof von Westminster, Kardinal Vincent Nichols, eine Messe für den bereits 1485 verstorbenen König Richard III. in Leicester gefeiert. Hunderte Menschen standen Schlange, um den Sarg des letzten Königs aus dem Haus Plantagenet zu sehen. Dieser Sarg ist bis Donnerstag ausgestellt und wird dann in einer Zeremonie, die vom Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, zelebriert wird, in eine Gruft gebracht.
Im Interview mit Radio Vatikan, sprach Kardinal Nichols davon, dass Richard ein Mann des Gebets gewesen sei. Dies sei auch dadurch bestätigt, dass man ein Gebetbuch bei ihm gefunden habe, in das er Bemerkungen und auch ein eigenes Gebet geschrieben habe. Richard III. war ein katholischer König in einem katholischen Land zu dieser Zeit. Sowohl die katholische als auch die anglikanische Kirche feiern sein Gedenken in dieser Woche.