Freitag, 21. Juli 2023

Gesund schrumpffusionieren

 Wenn ein Anbieter auf dem globalen Markt schrumpft, weil sein Produkt zum Beispiel, wie Nerzmäntel, moralisch völlig untragbar wurde. Oder wenn das Geschäftsmodell, auf einer Dienstleistung beruht, die niemand mehr nutzt – Fotos entwickeln beispielsweise.

Oder wenn sich der Bedarf eines Services in Luft auflöst, wie bei Porno-Videotheken im Post-Internetzeitalter. Vielleicht hat man auch etwas hergestellt, das irgendwann als höchst ungesund oder umweltschädlich erkannt wurde; wie Mentholzigaretten oder FCKWS.

Niemand kauft mehr leere VHS-Cassetten, die es über Jahrzehnte überall gab, weil alle ihre Lieblings-TV-Sendungen aufzeichneten. Aber nachdem die Sendersignale digitalisiert sind, kann man sie nicht mehr mit analogen Geräten aufzeichnen.

Der Drang, hunderte Filme und Serien privat zu archivieren, ist ohnehin völlig verebbt, weil man streamen kann und Zugriff auf Mediatheken hat.

Wenn solche Umbrüche passieren, können Anbieter, die zuvor über lange Zeit gewaltige Gewinne einfuhren und weltweit ein gewaltiges Filialnetz betrieben, in ein Nischendasein gezwungen werden, wenn sie nicht auf ein völlig neues Geschäftsfeld umsatteln.

Gestern durchsuchte ich alte Familien-Fotosammlungen und fand dabei allerhand Negative, von denen ich gern Abzüge machen lassen möchte. Für ein paar Fotogeschäfte mag in Hamburg also noch Platz sein, weil irgendjemand immer mal wieder ein Negativ ausbuddelt. Das ändert aber nichts daran, daß der Markt grundsätzlich weggebrochen ist, weil 95% der Hamburger über Digitalkameras verfügen.
Die verbleibenden dreieinhalb Geschäfte müssen sich also strategisch gut verteilen, sorgfältig ihren Spleen pflegen und sich auf Mikro-Umsätze einstellen.

So ähnlich ergeht es auch den Europäischen Kirchen.

Ihr Produkt ist hoffnungslos veraltet. Niemand braucht mehr Masturbationsverbote und unsinnige Nahrungsvorschriften.

Der Habitus der Geistlichen – offiziell sexlose dicke Männer, die im Kleid rumlaufen und heimlich kleine Jungs sexuell missbrauchen – ist moralisch überholt.

Die Göttlichen Anweisungen an Slaven (sich ihrem Besitzer devot unterordnen) und Frauen (in der Gemeinde schweigen) erweisen sich allesamt als mit Aufklärung und Humanismus inkompatibel.

Zudem erscheint das Produkt Kirche für die aktuellen Probleme keine Adapter zu bieten. Es ist natürlich tragisch und blöd, wenn man eine Dienstleistung anbietet, die auf Zusammenkünften, Gemeinschaft und Gottesdiensten basiert und dann Pandemie und Lockdown losbrechen, die eben die Kernbestände des Kirchenalltags als tödlich und somit strikt zu vermeiden, abstempeln.

Zudem fiel den teutonischen Topklerikern trotz intensivster geistlich-geistiger Mater, absolut nicht ein, was Gott mit der Pandemie bezwecken will. Marx, Woelki und Kurschus wissen leider auch nicht, ob geächtete Streumunition für die Ukraine gut oder schlecht ist. Der fromme Steinmeier ist dringend dafür, sucht aber offenbar noch den Absatz der Zehn Gebote, in dem „Du sollst möglichst viele Menschen mit einem Schuß töten!“ steht.

Das kann nicht mehr lange gut gehen. Bald wird es den Kirchen so gehen, wie VHS-Videotheken, Beate-Uhse-Shops und Pelzdesignern: Ja, es gibt noch einige wenige Kunden, aber die breite Masse wendet sich mit Grauen ab.

Schon werden jedes Jahr hunderte Kirchengebäude verkauft, Kirchen entwidmet (evangelisch) und prophanisiert (katholisch), Gemeinden geschrumpft und fusioniert, weil sie keine Pfaffen mehr finden lassen.

Es muss so viel abgewickelt werden.

(….) Die modernen Gottesdienste der Kirche sind Profanierungs-Riten.

Die Kerzen werden gelöscht, Messdiener räumen huldvoll den Altar ab, legen die Kerzenhalter zu Boden. Kirchliche Pfadfinder transportieren die heiligen Figuren in andere Kirchen, bleiummantelte Reliquien werden gesegnet in bischöfliche Tresore getragen und die Geistlichen sind mit allerlei kirchenrechtlichen Vorschriften beschäftigt.

[….] Das katholische Kirchenrecht differenziert zwischen der notwendigen Weihe oder Segnung einer Kirche (Kirchweihe, can. 1217 CIC) und der notwendigen Weihe eines feststehenden Altars (can. 1237 §1 CIC). Beide (can. 1238 §2 CIC) bedürfen einer gesonderten Profanierung, die ausschließlich und wirksam durch ein Dekret des Ordinarius vollzogen wird (can. 1212 CIC und can. 1222 CIC) und daher keiner liturgischen Handlung bedarf. [….]

(Wiki)

Es gibt viel zu tun, denn in den letzten 30 Jahren wurden in Deutschland über 1.000 Kirchen profaniert. Tendenz schnell steigend. Nicht nur die Kirchengebäude muss man loswerden, sondern auch Kirchenorgeln, Heiligenfiguren, Kirchenbänke, Bibeln, geschnitzte Kanzeln, Altäre und eingemauerte Reliquien fallen in den deutschsprachigen, sowie den skandinavischen  Ländern, massenhaft an. Wohin also mit all dem religiösen Tand?  (….)

(Neue christliche Traditionen, 21.11.2022)

Die Kirchen sterben in der Regel leise, weil selbst die Mitglieder die unerträglich öden Gottesdienste nicht vermissen.

[….] Wie nimmt man Abschied von einer Kirche? Ein Ortstermin in Todendorf, wo das Gebäude aus finanziellen Gründen abgerissen wird[….] Die Todendorfer akzeptierten den Beschluss widerstandslos – auch zur Überraschung von Susanne Schumacher. "Ich hatte damit gerechnet, dass sich eine Interessengruppe bildet, die für den Erhalt der Kirche kämpft", sagt sie. "Aber das war nicht der Fall." Zu einem Informationsabend über die Zukunft des Gebäudes seien nur 35 Kirchenmitglieder gekommen – von 2500. So viele Menschen gehören der Kirchengemeinde Eichede an, die für Todendorf und sieben weitere Dörfer zuständig ist. "Ich habe das als Zeichen gewertet, dass ein Erhalt der Kirche nicht gewollt ist", sagt sie. [….]

(Janina Dietrich, Abendblatt, 20.01.18)

Was läge näher, als bei so starker Personalnot und einem so dramatisch schrumpfendem Kundenstamm, die Kräfte zu bündeln, indem man Katholiken und Protestanten fusioniert? So wie Dresdner Bank und Commerzbank, als nach ihrer Fusion mit einem Schlag hunderte viel zu nah zusammenliegende Bankfilialen geschlossen wurden und wenig vermisst wurden, da die Kunden onlinebanken.

Kann es so schwer sein, sich um die Frage des gemeinsamen Abendbrotes zu einigen? Und wie kann der katholische Zölibat trennen, wenn sich doch ohnehin fast kein Priester daran hält?

Klar, man hasst sich gegenseitig, hat sich im dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 gründlich gegenseitig abgeschlachtet.

(….) Es war bekanntlich der schwerste Religionskrieg, der jemals in Europa tobte.
Protestanten und Katholiken haben so lange aufeinander eingedroschen, bis das „heilige römische Reich deutscher Nationen“ entvölkert und verwüstet war.
Die Hälfte der Deutschen Gesamtbevölkerung wurde massakriert oder fiel Seuchen zum Opfer, die Zivilisation wurde um 100 Jahre zurück geworfen.
Die Bauernhöfe waren verwaist, der Viehbestand nahezu komplett ausgerottet.
Der Mega-Religionskrieg bescherte uns Begriffe wie „magdeburgisieren“.
Magdeburg war damals eine von den Bischöfen unabhängige Stadt mit 30.000 - 40.000 Einwohnern, die versuchte neutral und friedlich zu bleiben.
Das gefiel den Katholiken natürlich überhaupt nicht und so schickt im April 1631 die katholische Majestät Kaiser Ferdinand II den kaiserlichen Befehlshaber Tilly, der die Stadt bis auf die Grundmauern zerstört und seine Truppen anschließend so lange plündern, morden und vergewaltigen läßt, daß nach einer Zählung aus dem Jahr gerade noch 468 Magdeburger leben.
Es war aber auch nicht alles schlecht am 30-Jährigen Krieg.
Da es weit über 200 Jahre brauchte, bis die Bevölkerungszahl wieder auf den Stand vom Beginn des 17. Jahrhunderts angestiegen war, kam es zu einer großartigen Verwaldung der ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Die menschengemachte Monokultur verschwand zugunsten eines intakten Ökosystems aus Urwäldern.  (….) Zwei Hauptschuldige will ich aber hervorheben.
Erstens der tiefsitzende Menschenhass der Horrorreligion des Katholizismus.
Es war die katholische Kirche, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollte und mit ihrer Marionette Ferdinand II ganz Europa rekatholisieren wollte.


Das Restitutionsedikt war eine von Kaiser Ferdinand II. am 6. März 1629 erlassene Verordnung, mit der ohne Einverständnis der evangelischen Reichsstände der Status quo des geistlichen Besitzstands im Reich wieder auf den Stand des Jahres 1552 gebracht werden sollte. Es setzte damit die katholische Interpretation des Augsburger Religionsfriedens (1555) durch.
(Wikipedia)

 Die RKK war dermaßen blutrünstig, daß sie selbst nachdem schon der halbe Kontinent verwüstet war erbittert Propaganda gegen diejenigen betrieb, welche auch nur an einen Frieden dachten.[….]

(Historische Parallelen 31.21.2011)

Lebende Zeitzeugen dürfte es aber nicht mehr geben und die Kernkompetenzen Töten, Quälen und Genozid, liegen schließlich bei beiden Konfessionen gemeinsam. Schließlich war man die längste Zeit der Kirchengeschichte, nämlich die ersten 1.500 Jahre, eine gemeinsame Kirche und beruft sich heute noch auf das gleiche Vereinsstatut, namens Bibel.

Was für Synergien sich ergäben, wenn man katholische und evangelische Bistümer einfach zusammenlegt, die Gemeinden fusioniert und die zu wenigen Pfarrer nur noch auf die Hälfte der Gotteshäuser verteilen müsste.

In der Realität ist die Ökumene allerdings tot. Natürlich einerseits, weil beide Mitspieler irrationale Idioten sind, die glauben, allein im Recht zu sein.

Andererseits gibt es die sehr berechtigte Sorge um Pfründe und Posten, wenn in einer gemeinsamen Kirche so viel Verwaltungsstruktur wegfiele.

[….] Die katholische Kirche in Deutschland hat jetzt weniger Mitglieder als der ADAC. Der Automobilclub meldete im Mai mehr als 21,4 Millionen Mitglieder, die katholische Kirche rutschte Ende Juni auf 20,9 Millionen. Noch schlechter sieht es bei der evangelischen Kirche aus, nur noch 19,15 Millionen gehören zu einer der evangelischen Landeskirchen. [….]

Es war Ende Juni, kurz vor der Veröffentlichung der dramatischen Austrittszahlen, da schreckte eine Nachricht die ohnehin schon gebeutelten katholischen Glaubensgeschwister auf: Die evangelische Kirche steigt bei der "Woche für das Leben" aus; dies habe der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beschlossen. [….] Diese Initiative existiert seit 1994 in ökumenischer Form [….]  Dass die Entscheidung der EKD wenige Tage vor der Bundestagsdebatte zum assistierten Suizid bekannt wurde, war mindestens schlechtes Timing.

[….] Tatsächlich kann man kaum von einem plötzlichen Bruch sprechen, die Positionen beider Konfessionen liefen gerade beim Thema Lebensschutz zuletzt eher auseinander. Während in Teilen der evangelischen Kirche assistierter Suizid schon länger ausdrücklich als Möglichkeit der Selbstbestimmung diskutiert wird, sind die katholischen Bischöfe strikt dagegen. Ähnlich sieht es beim Recht auf Abtreibung aus. [….]  Erstmals scherte die EKD im Jahr 2022 außerdem aus der jahrelangen Praxis aus, die Austrittszahlen gemeinsam zu veröffentlichen. Sie preschte im März vor und überraschte damit die Katholiken. [….] Von einer "Stagnation in der Ökumene" sprach im Oktober 2022 die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus in der Herder Korrespondenz. Die Krise der Kirchen zwinge beide Konfessionen dazu, sich "intensiv mit unseren eigenen Organisationen zu beschäftigen. [….]

(Annette Zoch, 17.07.2023)

Donnerstag, 20. Juli 2023

Täglich grüßt das braune CDU-Murmeltier – Teil II

 Meine gestrige Frage danach, ob Friedrich Merz versehentlich oder absichtlich, systematisch der AfD hilft, scheint beantwortet zu sein.

(….) Was ist eigentlich schlimmer?

 Variante 1:
Entweder ist Friedrich Merz unfassbar verblödet und begreift einfach nicht, daß er mit seinem kontinuierlichen rechtspopulistischen Gerede nur die Rechtspopulistischen stärkt, weil er deren hetzerischen Talkingpoints salonfähig macht, damit dem Brüllplebs bestätigt, berechtigte Anliegen zu haben; diese Faschistenfreunde aber doch immer das Original wählen, also die AfD stärken und die CDUCSU schwächen.

Variante 2:

Oder die andere Möglichkeit, daß der CDU-Doppelchef klug genug ist, um zu begreifen, wie man die AfD systematisch stärkt und aus ideologische Übereinstimmung fortfährt genau dies zu tun, weil er deren antisemitische, homo-und xenophobe Ansichten schätzt und auf eine AfD-CDU-Koalition hinarbeitet?  (….)

(Täglich grüßt das braune CDU-Murmeltier, 19.07.2023)

Aber die schiere Frequenz des Merzschen AfD-Sprechs, spricht für die zweite Deutungsmöglichkeit.

Der braune Fritz ist unfähig auch nur 24 Stunden vergehen zu lassen, ohne erneut seine Partei an den rechtsfaschistischen Rand zu rücken.

Heute befand er ungeniert, die CDU sei eine „AfD mit Substanz“.

[….] Politiker:innen von Grünen und SPD finden die Aussage des CDU-Chefs „irre“. Zuletzt erhob Merz die Grünen noch zum „Hauptgegner“. Unterdessen gewinnt die AfD in Umfragen. [….]  „Bitte lieber Gott, mach, dass das ein Deepfake ist …“, schreibt etwa Konstantin von Notz, Bundestagsabgeordneter der Grünen, zu Merz’ Aussage.  Wenn es sich die CDU gefallen lasse, sich von ihrem Parteichef als „AfD mit Substanz“ bezeichnen zu lassen, wisse er auch nicht mehr weiter, twittert von Notz weiter. „Dass die Union im Bund die breite Mitte preisgibt, um Rechtsdraussen irgendwelche ideologischen Verrücktheiten auszufechten, ist komplett irre.“

Jürgen Trittin, ebenfalls Grüner Bundestagsabgeordneter, teilt die Verwunderung seines Parteikollegen: „Kommt jetzt die Umbenennung der CDU in AFDSubstanz?“.

„Es ist irre, wie Merz den Diskurs immer weiter nach rechts schiebt“, twittert die Berliner SPD-Politiker Sawsan Chebli. „Jeden Tag ein bisschen mehr.“ [….] Zuletzt hatte bereits die Aussage für Empörung gesorgt, dass Merz die Grünen zum „Hauptgegner“ der CDU erklärte. Die beiden Parteien koalieren in mehreren Bundesländern. Derweil erreicht die AfD in Umfragen immer neue Spitzenwerte. [….]

(Daniel Krause, TS, 20.07.2023)

#Merz degradiert seine gesamte Partei zur "Alternative für Deutschland mit Substanz" und ich denke 2/3 Mitglieder der Union gehen in den Keller, weinen und wünschen sich inniglich #Merkel zurück.

(C.Storch, 20.07.2023)

Christian Storch, der frühere Sprecher der Grünen in Berlin, ist ein Optimist. Ein großer Optimist, wenn er glaubt, daß zwei Drittel der 380.000 Mitglieder mit ihrem Partei- und Fraktionschef hadern.

Im Gegenteil, gerade die Jungen in der CDU, die sich als Personal der Zukunft im Bundestag etablieren, sind durch die Bank stramm rechts und AfD-affin. Christoph Ploß, Tilman Kuban, Philipp Amthor, Carsten Linnemann, Thorsten Frei, Jens Spahn – von der jungen Garde hat er keinen Widerspruch zu befürchten. Heiner Geißer ist tot, Ruprecht Polenz ist Rentner, Marco Wanderwitz kaltgestellt und der erzkatholische Daniel Günther gibt sich nur im Moment liberaler, weil es ihm nutzt, so lange er auf die Grünen angewiesen ist. Aber der Kieler Ministerpräsident ist ein Opportunist, der im Wahlkampf mit antisemitischen Tönen (Schweinefleisch-Zwang!) und sexistischen Aussetzern (Leyla grölen!) zeigt, wie wenig liberal er eigentlich ist.

Es gibt keinerlei ernsthafte liberale Opposition innerhalb der CDU gegen einen täglich rechtsextrem blinkenden Vorsitzenden.

So macht Merz die CDU klein und die AfD groß. Immer wieder. Jeden Tag.

Fast die gesamte CDUCSU-Fraktion hat sich in der Migrationsfrage inzwischen auf das AfD-Niveau radikalisiert, sympathisiert mit den menschenfeindlichen Thesen ihres erzkonservativen Hardliners Thorsten Frei.

[……] Friedrich Merz machte den Anfang, als er in einer Talkshow Söhne von Migranten als »kleine Paschas« bezeichnete. Ein paar Monate später fragte der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn, ob die Flüchtlings- und die Europäische Menschenrechtskonvention »so noch funktionieren«. Offenbar war da ein Wettbewerb um die rechtspopulistischste Position entbrannt. Die Ampelkoalition produzierte Chaos, aber in den Umfragen profitierte davon nicht die Union, sondern die AfD. Beging die CDU also nun politischen Selbstmord – aus Angst vor dem Tod? [….] Ruud Koopmans, der als Professor für Migrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität: [….] »Mit ihrem Vorschlag, das individuelle Recht auf Asyl ganz abzuschaffen, schießt die Union weit übers Ziel hinaus. [….]  Die CDU weckt damit bei den Wählern Erwartungen, die nicht erfüllbar sind. [….] So schürt sie Frust, von dem am Ende die AfD profitiert«[….]   [….] Frei will das individuelle Asylrecht auf europäischer Ebene abschaffen. Rechtlich und politisch hätte ein solcher Vorstoß wohl kaum eine Chance. Die Verpflichtung der EU, Schutzbedürftige aufzunehmen, ist in der Charta der Grundrechte und im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union verankert. [….]

(SPON, 20.07.2023)

Das Deutschland des Jahres 2023 ist wieder leicht entflammbar. Auf kommunaler Ebene übernehmen die AfD-Faschisten erste Regierungsämter. Die CDU steht begeistert daneben und zündelt. Bis alles braun verbrannt ist.

 [….] Für das diesjährige Sommerloch machte der neue CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann den Auftakt, mit seinem Vorschlag der Schwimmbadgewalttäterschnellverfahren – das heißt: Wer morgens im Freibad brutal rangelt, der soll bereits abends vor einen Richter. Das ist so realistisch wie heißes Eis am Stiel.

Nun präsentierte ein weiterer CDU-Politiker eine ebenso abwegige Sommerlochperle: Thorsten Frei möchte das individuelle Asylrecht abschaffen. Nein, Verzeihung: Er möchte es »ersetzen«. Mal abgesehen von den ethischen Implikationen und der Geschichtsvergessenheit, die sich hier offenbaren, ist auch dieser Vorstoß hinsichtlich seiner Umsetzbarkeit eher eine Fata Morgana. Seine Realisierung stünde im Konflikt zur Genfer Flüchtlingskonvention, zur Europäischen Menschenrechtskonvention und zur EU-Grundrechtecharta. [….] Frei [….] weiß, dass solch eine Anregung nicht nur Aufregung produziert, sondern nicht realistisch ist.

Jeden Sommer sind es dieselben Arschbomben, mit denen der Diskurs verwässert wird. [….] In der Mischung aus saisonalem Opportunismus und schwitziger Anbiederung an die Wählerschaft entsteht ein Sommerlochpopulismus, der so erfrischend ist wie Sonnenbrand.

Beim Versuch, die politische Leere der parlamentarischen Pause zu füllen, erzeugen Sommerlochpopulisten aber vor allem etwas, mit dem Wähler:innen nicht wirklich was anfangen können: leere Signifikanten – wie das der argentinische politische Theoretiker Ernesto Laclau bezeichnet hat.

Solche leeren Signifikanten sind ein Grundelement einer jeden populistischen Kommunikation zu jeder Jahreszeit. Sie haben an sich keinen festen Inhalt, sondern sind schon beim Aussprechen »wie Flasche« leer. Wenn jemand beispielsweise in Reaktion auf negative Nachrichten mehr »Ordnung« oder mehr »Gerechtigkeit« fordert, so ist die konkrete soziale Umsetzbarkeit zweitrangig. [….]

(Samira El Ouassil, DER SPIEGEL, 20.07.2023)


 

Mittwoch, 19. Juli 2023

Täglich grüßt das braune CDU-Murmeltier.

 

„Die Definition von Wahnsinn ist: immer wieder

 das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

(Albert Einstein)

Was ist eigentlich schlimmer?

Variante 1:
Entweder ist Friedrich Merz unfassbar verblödet und begreift einfach nicht, daß er mit seinem kontinuierlichen rechtspopulistischen Gerede nur die Rechtspopulistischen stärkt, weil er deren hetzerischen Talkingpoints salonfähig macht, damit dem Brüllplebs bestätigt, berechtigte Anliegen zu haben; diese Faschistenfreunde aber doch immer das Original wählen, also die AfD stärken und die CDUCSU schwächen.

Variante 2:

Oder die andere Möglichkeit, daß der CDU-Doppelchef klug genug ist, um zu begreifen, wie man die AfD systematisch stärkt und aus ideologische Übereinstimmung fortfährt genau dies zu tun, weil er deren antisemitische, homo-und xenophobe Ansichten schätzt und auf eine AfD-CDU-Koalition hinarbeitet?

Welche der beiden Varianten zutrifft, lässt sich nicht sicher sagen. Der Effekt ist ohnehin immer der Gleiche.

[….] Dass die Union um Parteichef Friedrich Merz mit ihrem aktuellen rechtspopulistischen Kurs nur der AfD hilft, haben wir schon im vergangenen Dezember berichtet. Die Analyse hat nicht an Aktualität verloren. Es ist kein Zufall, dass die Rechtsextremisten genau dann so stark sind wie nie, nachdem die Union und auch Teile der FDP angefangen haben, die gleichen Lügen, Feindbilder und Hetze zu verbreiten wie die AfD. [….]

(Jenny Beck, 17.07.2023)

Aufgrund der massiven Hinweise und Berichterstattung zum Merzschen Rechtsextremen-Stärkungsprogramm, scheint es mir Variante Eins allerdings inzwischen sehr unwahrscheinlich.

Dafür spricht auch der jüngste rechtspopulistische Vorstoß, das Asylrecht abzuschaffen, mit dem der Erste Geschäftsführer der Unionsfraktion, Thorsten Frei den braunen Sitznachbarn von der AfD die breiten Hintern küsst.

[…]  »Der Vorschlag von Thorsten Frei ist realitätsfremd und geht ins Leere, da er illegale Migration nicht stoppen wird. Institutslösung klingt geordnet, ist es aber ganz und gar nicht«, teilte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, mit. Durch Freis Ansatz mache sich »nicht ein Mensch weniger auf den Weg, der sich in einer Notlage befindet«, so Wiese. »Wir müssen endlich wirksam und nachhaltig die Fluchtursachen bekämpfen, die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben«, sagte der SPD-Politiker. Wiese verwies zudem auf den historischen Ursprung der derzeitigen Asylregelungen. Frei schleife »das individuelle Recht auf Asyl – eine wichtige humanitäre Errungenschaft, die die Mütter und Väter des Grundgesetzes aus gutem Grund nach dem Zweiten Weltkrieg dort installiert haben«, so Wiese.

[…] Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) kommentierte die Pläne des CDU-Politikers süffisant. »Offensichtlich sind wir schon im Sommerloch«, sagte Baerbock am Rande ihrer Sommertour in Bonn. […] Der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag, Anton Hofreiter (Grüne), bezeichnete Freis Pläne […] als »brandgefährlich«. »Bisher wurde die Forderung nach Abschaffung des Rechts auf Asyl in der Bundesrepublik nur von Rechtsextremen vertreten«, sagte er der »Augsburger Allgemeinen«.[…] (SPON, 18.07.2023)

[….]  Die Organisation Pro Asyl kritisierte, Frei lege mit seinem Vorstoß „die Axt an den internationalen Flüchtlings- und Menschenrechtsschutz“. Die Pläne bedeuteten „den Ausstieg aus der Genfer Flüchtlingskonvention, der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie der EU-Grundrechtecharta“, sagte Pro-Asyl-Sprecher Karl Kopp. „Es ist bitter, dass die Union damit die Positionen der Rechtsextremen übernimmt.“ [….]

(Taz, 18.07.2023)

Positionen der Rechtsextremen übernehmen?
‚Da bin ich dabei‘ lautet die wenig überraschende Antwort des CDU-Chefs, der offenbar immer noch daran arbeitet, die Faschisten zu stärken.

[….] Abschaffung des Asylrechts: CDU-Chef Merz gibt Thorsten Frei Rückendeckung bei umstrittenem Vorstoß

Für Thorsten Freis Vorschlag, das bestehende Asylrecht abzuschaffen, hagelte es Kritik. CDU-Chef Friedrich Merz stellt sich nun hinter ihn. »Das ist ein wichtiger Beitrag, um ein Problem zu lösen, das wir seit Jahren sehen.«   [….]

(SPON, 19.07.2023)

Menschenrechte, Anstand, Humanismus, die deutsche Verfassung – all das sind längst keine Maßstäbe mehr für die CDU von 2023.

[….] Freis Schlussfolgerung […]: Er will das individuelle Grundrecht auf Asyl abschaffen. Damit legt er die Kettensäge an einen tragenden Pfeiler des Völkerrechts. "Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen", heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, von den Vereinten Nationen nach dem Weltkrieg verkündet unter dem Eindruck von vielen Millionen Flüchtenden - und den Massen jener Opfer, die das Recht auf Asyl eben nicht hatten. In die Zeiten, in denen Asyl ungern gewährte Gnade und nicht Recht war, sollte niemand zurückwollen. Dieses Menschenrecht auf Asyl mag in seiner Anwendung in der harten Realität selten ethisch einwandfrei sein. Aber es ist unverzichtbar.  [….]

(Jan Bielicki, 19.07.2023)

Die CDU ist eine scheußliche Partei; ähnlich unwählbar, wie die AfD.

Dienstag, 18. Juli 2023

Metaphorik

 Die Demokratie stößt nicht nur wegen der offensichtlichen Verblödung großer Teil der Wählerschaft an ihre Grenzen.

Hochproblematisch ist auch die Aufkündigung einer gemeinsam anerkannten Realität. Große Teile des Urnenpöbel sind so in die rechten verschwörungstheoretischen Social-Media-Blasen abgeglitten, daß sie Fakten und wissenschaftlichen Konsens rundherum ablehnen.

[…] Ob Medizin, Physik oder Klimaforschung - nie war der Wissensstand der Welt so gut wie heute. Dennoch leugnen einige Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse. […] Die Erde ist eine Kugel. Menschen und Affen haben einen gemeinsamen Vorfahren und teilen mehr als 90 Prozent ihrer DNA. Die Erde erwärmt sich, und menschliche Aktivität ist die Hauptursache dafür.

Alle diese Aussagen haben eines gemeinsam: Sie gelten als wissenschaftlicher Konsens, als gesicherte Erkenntnis - und dennoch erkennt ein nennenswerter Teil der Menschen das nicht an. So glaubt laut einer Umfrage vom März knapp ein Viertel aller Deutschen nicht an den menschengemachten Klimawandel. Kreationisten vor allem in den USA sind überzeugt, dass Gott den Menschen, so wie er ist, geschaffen hat. Und selbst dass die Erde eine Scheibe ist, wird von einigen Menschen als wahr angenommen.  [….]

(Alexander Steininger, 17.07.2023)

Wenn aber Menschen, angefeuert von CDU, FDP, AfD und CSU, die bewußt aus parteitaktischen Überlegungen ebenfalls Lügen verbreiten, Tatsachen allein deshalb für falsch halten, weil sie von Tagesschau, SPIEGEL oder auch der Bundesregierung verbreitet werden, ist eine politische sinnvolle Meinungsbildung unmöglich, weil jede Diskussion unmöglich wird.

In weiten Teilen der Ex-DDR werden Politiker fast jeder Couleur; ob CDU-Kanzlerin, ob SPD-Kanzler, ob Grüner Vizekanzler; mit abscheulichem Nazivokabular niedergebrüllt. Es besteht keinerlei Bereitschaft mehr zuzuhören. Schamgefühl kennen diese Urnen-Neandertaler ohnehin nicht; im Gegenteil, sie sind stolz darauf, nur debile Verschwörungstheorien zu glauben.

Davon konnte sich Außenministerin Baerbock am Wochenende im Chemnitz ein Bild machen.

[.....] Am Mittag rollt Baerbocks Reisebus ins tschechisch-sächsische Grenzland, nach Bärenstein im Erzgebirge. [.....] Auf der deutschen Seiten, in Bärenstein, wird gebrüllt, als die Außenministerin mit ihrem Amtskollegen Jan Lipavský über eine Fußgängerbrücke spaziert.

"Haut ab", "Volksverräter" , Kriegstreiber", "blöde Kuh", "Keiner will euch haben", schreien Demonstranten nach Leibeskräften. Stark Tätowierte schlagen hier Krach, auch ältere Damen mit sorgfältig gelegtem Haar und Anwohner mit Trillerpfeifen. Irgendjemand hält ein Schild hoch: "Grüne an die Ostfront".[.....] Elisabeth Kahl ist eine von ihnen, die brüllt, sie ist 66 und war mal arbeitsmedizinische Assistentin. Jetzt schwenkt sie eine Fahne des sächsischen Königreichs von 1815, Erkennungszeichen auch der rechtsextremistischen Freien Sachsen. Die Baerbock, der Scholz, der Merz, alles Verbrecher, sagt Elisabeth Kahl. "Die geben das Geld mit vollen Händen aus, und es bekommen alle, nur nicht die Deutschen." Die Schulen kaputt, Rentner als Flaschensammler, und diese "Gendermenschen", Kahl wird lauter. "Wir sind als Volk der Souverän. Und der Souverän wird nicht mehr wahrgenommen." Nirgends kämen Leute wie sie in Medien oder Politik noch vor, deshalb schätzt sie die AfD, hat das Zeitunglesen eingestellt, informiert sich bei Gleichgesinnten. Wann hat sie eigentlich angefangen, diese Abwendung vom Staat? Frau Kahl schüttelt den Kopf. "Wir wenden uns nicht von Staat ab, wir engagieren uns."  [.....]

(Constanze von Bullion, 15.04.2023)

Mit so einem dysfunktionalen Volk lässt sich schwer umgehen, wenn Politiker bei 18 großen Wahlen innerhalb von vier Jahren (Landtagswahlen, Europa- und Bundestagswahl) permanent befürchten müssen, abgestraft zu werden.

Spätestens die Bundestagswahl von 1990, Kohl versus Lafontaine, zeigte, daß die Wähler Ehrlichkeit bestrafen und sich stattdessen lieber den ganz offensichtlichen Lügen zuwenden.

Kohl und Merkel regierten genau deswegen jeweils lange 16 Jahre und richteten die Bundesrepublik fast zu Grunde, weil sie es strikt vermieden, dem Urnenpöbel reinen Wein einzuschenken.

Ein großartiges Sinnbild für die Unmöglichkeit in einer durch Social Media verblödeten Demokratie vernünftig zu regieren, stellt der Palace of Westminster, also das britische Parlamentsgebäude dar.

Die zu dem Gebäudekomplex gehörende Westminster Hall, in der der Leichnam Queen Elizabeth II. aufgebahrt wurde, ist bereits 1.000 Jahre alt. Die Gebäude des House of Commons (Unterhaus) und des House of Lords (Oberhaus) wurden ab 1840 im neugotischen Stil errichtet.

Dieses UNESCO-Weltkulturerbe ist weltbekannt und gigantisch:

Die direkt an der Themse gelegene Gebäudefront erstreckt sich über 300m. Dahinter befinden sich mehr als 1.100 Räume mit insgesamt 112 000 Quadratmetern auf über drei Hektar Grundfläche, mehr als hundert Treppenhäuser und 4,8 Kilometer Gänge.

Unglücklicherweise ist der Palast total Schrott. Verschimmelt, moderig, es regnet durch und insbesondere die gemeingefährliche total verworrene Verkabelung ist ein so kontinuierlicher Brandherd, daß allein in den letzten sechs Jahren 44 Brände im Parlamentsgebäude ausbrachen Eine Palastfeuerwehr muss rund um die Uhr patrouillieren und möglichst jede Kabelkokelei rechtzeitig austreten. Die Mehrzahl der Toiletten ist „out of order“ und die noch Geöffneten stinken bestialisch, weil alle Fäkalrohre undicht sind. Wohl fühlen sich nur noch die Myriaden Ratten und Mäuse, die das gewaltige Gewirr bewohnen.

Natürlich gibt es weder funktionierende  Heizung, noch Klimaanlagen, so daß sich die Abgeordneten mit elektrischen Heizlüftern behelfen, die aber aufgrund der hoffnungslos veralteten elektrischen Leitungen eine ständige Brandgefahr bilden; siehe oben.

Damit das Parlamentsgebäude, welches sinnbildlich für die britische Demokratie steht, nicht buchstäblich zusammenbricht, werden zwei Millionen Pfund pro Monat, also 24 Millionen Pfund/28 Millionen Euro im Jahr für Reparaturtrupps ausgegeben, die das Notwendigste irgendwie flicken.

Kein Zweifel, aus ökonomischer Sicht gehört der Schrotthaufen abgerissen und neu gebaut. Aus kulturellen und politischen Überlegungen heraus, geht das natürlich nicht. Helfen kann nur eine Totalsanierung, die immer wieder mal, zuletzt 2018, grundsätzlich vom Unterhaus beschlossen wurde.

[….] Das Problem ist: Zwei Millionen Pfund pro Woche sind irrsinnig viel Geld, aber der Steuerzahler wird nicht jede Woche daran erinnert. Die aktuell vorliegenden Varianten für eine Renovierung dagegen kosten mehrere Milliarden auf einmal.

Möglichkeit eins wäre, alle Abgeordneten und Mitarbeiter ziehen für die Dauer der Restaurierung woandershin, für ungefähr zwölf bis zwanzig Jahre, Kostenpunkt: zwischen sieben und dreizehn Milliarden Pfund. Möglichkeit zwei: Nur ein Teil muss ausziehen, für eine geschätzte Dauer von sechsundzwanzig bis dreiundvierzig Jahren, die Kosten lägen dann irgendwo zwischen neun und neunzehn Milliarden Pfund. Bei Möglichkeit drei würde niemand ausziehen, es würde im laufenden Betrieb renoviert. Geschätzte Dauer: bis zu sechsundsiebzig Jahre. Geschätzte Kosten: bis zu zweiundzwanzig Milliarden Pfund.

Möglichkeit eins wäre also die sinnvollste, aber Möglichkeit drei hat gerade unter älteren Abgeordneten der Konservativen erstaunlich viele Anhänger.  [….]

(Michael Neudecker, 11.07.2023)

Passiert ist aber nie etwas, weil kein Parlamentarier, der wiedergewählt werden will, sich traut, seinen Wählern reinen Wein einzuschenken. Anders als König Ludwig II., ist der parlamentarische Betrieb, nicht in der Lage so eine Entscheidung zu treffen, weil er bei jeder Variante vom Urnenpöbel davon gejagt würde.

In Deutschland wäre es sicherlich nicht besser, wie die Streiterei um des Gebäudeenergiegesetz zeigt.

Die demokratische Lösung, die in der Realität umgesetzt wird, ist also aufgrund des Dysfunktionalität des Wahlsystems, zu warten, bis wie beim letzten großen Feuer im Jahr 1834, als bis auf die Westminster Hall und wenige andere Teile alles abgebrannte.

Welch perfekte Metapher für die westlichen Demokratien.

Xi oder Putin hätten das Problem nicht.

Montag, 17. Juli 2023

Rassismus Teil II

Es ist wirklich schwer, Deathsantis‘ und Trumps rassistische Tiefpunkte moralisch zu unterbieten, aber dem irren Verschwörungstheoretiker Robert Francis Kennedy Junior (*1954, RFK Jr., drittes Kind von Robert F. Kennedy und JFK-Neffe) gelang es mit seinem neuesten Rant über den Corona-Impfstoff.

Er sei (von finsteren Mächten?) designt worden, um Schwarze und Weiße zu töten, während er Asiaten und Juden verschone.

[….] Kennedy — a longtime vaccine skeptic who is running a longshot primary campaign against President Joe Biden — said during a Tuesday night press event that Covid-19 was “targeted to attack Caucasians and Black people.” He went on to say that “the people who are most immune are Ashkenazi Jews and Chinese.” […]

(Lucy Hodgman, 15.07.2023)

Das macht schon das erste mal stutzig, weil Judentum eine Religion ist und Juden somit asiatisch, schwarz, weiß und alles andere sein können.

Die zweiten Frage ist die nach der „Rasse“ an sich. Es gibt gar keine menschlichen Rassen, sondern nur Ethnien, die unterschiedliche Phänotypen, aber dieselbe biologische Rasse darstellen.

Wir erkennen Rassismus, wenn wir ihn sehen. Zum Beispiel in der AfD.

[….] Jan Wenzel Schmidt, Bundestagsabgeordneter der AfD, hatte offenbar über mehrere Tage einen rassistischen Aufkleber an der Bürotür, der für „Rassen“-Trennung warb.

Rassismus, der in Regenbogenfarben leuchtet: „A separate place for every race“, zu Deutsch: „Ein eigener Ort für jede Rasse“. Das stand auf einem Aufkleber, den der AfD-Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt mehrere Tage an seiner Bürotür hatte. Laut Recherchen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) hing der Aufkleber in der vergangenen Woche dort, bevor er schließlich entfernt wurde. Wieder einmal steht die AfD mit Rassismus in Verbindung. [….]

(FR, 17.07.2023)

Zum Beispiel in der CDU.

[….] Silvesterkrawalle Berliner CDU fragt nach Vornamen von Verdächtigen. Die CDU hält es für nötig, die Vornamen der Verdächtigen bei den Berliner Silvesterkrawalle zu erfahren. Die Abgeordneten wollen wissen, ob es einen möglichen Migrationshintergrund gebe. Scharfe Kritik kommt von Grünen, SPD und Linken. [….]

(SPON, 05.01.2023)

Die Konservativen fördern also den Rassismus.

Aber was ist eigentlich eine menschliche Rasse?

Es scheint jedenfalls schlecht zu sein, zur „Falschen“ zu gehören.

Der Texanische Judge Roy Bean stellte 1884 einen Mordprozess ein, weil das Opfer Chinese war, das US-amerikanische Recht aber nur den Mord an Menschen verbiete, die wiederrum als „weiß, schwarz oder mexikanisch“ definiert wären. Ein Chinese sei kein Mensch. Kein Opfer, kein Verbrechen.

[….] “While doing research, I read an article from an 1884 El Paso Daily Times, which reported that a white railroad worker was on trial for the murder of an unnamed Chinese man. The case was ultimately dismissed. The judge, Roy Bean, cited that Texas law, while prohibiting the murder of human beings, defined a human only as White, African American, or Mexican. The nameless yellow body was not considered human because it did not fit in a slot on a piece of paper. Sometimes you are erased before you are given the choice of stating who you are.” [….]

(Ocean Vuong, On Earth We're Briefly Gorgeous)

Demnach wären asiatische Amerikaner also nicht nur einen andere menschliche Rasse, sondern gar keine Menschen und somit rechtlos. Diese Unterscheidungen werden getroffen, weil wir Menschen nun einmal sehr abscheuliche und unsympathische Wesen sind, die sich gern gegenseitig erniedrigen, quälen und versklaven.

[….] „"Menschenrassen"“ gibt es nach heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht. Die Aufteilungen in „"Rassen"“ nach vermeintlichen oder tatsächlichen Merkmalen wie der Hautfarbe oder Herkunft und die Zuschreibung bestimmter und unterschiedlich bewerteter Eigenschaften sind willkürlich und ganz überwiegend ein Mittel, Menschen herabzuwürdigen und auszuschließen. Auf rechtlicher Ebene wird zwischen rassistischen und anderen abstammungsbezogenen Diskriminierungen unterschieden, die Sanktionen sind bei rassistischer Diskriminierung wie auch Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft jedoch die gleichen. Es gibt viele Formen von Rassismus. Unterschieden wird beispielsweise zwischen anti-Schwarzem, -anti-muslimischem oder anti-asiatischem Rassismus. [….]

(Antidiskriminierungsstelle der Bundesregierung)

So wie wir sexuelle Präferenzen möglichst nicht mehr in „natürlich“ und „unnatürlich“ differenzieren und ihnen verschiedene Rechte zuweisen….

Im „Brockhaus Psychologie“ (Ausgabe 2001) heißt es dazu auf Seite 247f:

„In der Sexualforschung geht man heute davon aus, dass die homosexuelle Orientierung ebenso wie die heterosexuelle tief und unabänderlich mit der Persönlichkeit verknüpft ist. ..Die Homosexualität wird inzwischen von allen mit ihr befassten Disziplinen als ein häufig vorkommendes sexuelles Normalphänomen angesehen.“

….. müssen wir dringend auch den Begriff der „Rasse“ aus dem Grundgesetz tilgen.

Insbesondere CDU, CSU und AfD möchten an ihrem liebgewonnenen Rassismus festhalten.

Aber auch bei diesem Vorhaben versagt der FDP-Bundesjustizminister Buschmann kläglich, der vor seiner Berufung zum Bundesminister noch ganz anders klang.

[…] Wer ist für die Streichung, wer dagegen?

Dagegen ist die AfD. Entweder es gebe Rassen, sagte Stephan Brandner gestern. Oder es gebe sie nicht, dann gebe es auch keinen Rassismus. Derweil finden sich immer mehr Befürworter einer Streichung. Die Forderung ist alt, bei Menschenrechtsgruppen. Das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) will die Streichung seit über zehn Jahren. Auf europäischer Ebene hat es schon erfolgreiche entsprechende Initiativen gegeben – allerdings auch Texte, die noch mit dem Wort Rasse arbeiten. In Deutschland erheben als Partei die Grünen die Forderung seit langem. Auch die Linkspartei. Wohl neu ist die Zustimmung aus Teilen der FDP, Marco Buschmann etwa, der parlamentarische Geschäftsführer, hat das klar gemacht. Buschmann sagte, die Erwähnung des Begriffs „Rasse“ im Grundgesetz diene lediglich der Absage an Rassismus. Besser als eine ersatzlose Streichung wäre aus Buschmanns Sicht aber, von „ethnischer Herkunft“ zu sprechen, wegen der niemand diskriminiert werden dürfe.

Und auch SPD-Politiker, darunter Parteivize Serpil Midyatli oder der rechtspolitische Sprecher Johannes Fechner unterstützen das Anliegen.  [….]

(Deutschlandfunk, 11.06.2020)

[….]  In der SPD ist man verärgert über den Rückzieher der Union. „Je näher das Ende dieser Legislaturperiode kommt, desto deutlicher wird es, welches Weltbild CDU und CSU weiterhin pflegen: rückschrittlich und modernisierungsfeindlich“, klagt Fraktionsvize Dirk Wiese. „Durch ständige Verzögerungstaktiken“ verhindere die Union die Streichung des Begriffs „Rasse“ aus dem Grundgesetz. [….]

(Tagesspiegel, 09.06.2021)

Bis heute leben wir mit der diskriminierenden Sprache unserer Verfassung.

[….] Im Artikel 3 der Verfassung steht bis heute: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“

Was ist das Problem?  Die Art und Weise, in der das Wort „Rasse“ im Grundgesetz verwendet wird, suggeriert, dass es tatsächlich unterschiedliche Menschenrassen gäbe. Wissenschaftler:innen sind sich allerdings seit langem einig: Anders als z.B. bei Hunden gibt es bei Menschen keine unterschiedlichen Rassen. Entwickelt wurde die Rassentheorie während der Kolonialzeit, aber sie war auch für den Nationalsozialismus von großer Bedeutung.

Während des Kolonialismus herrschte ein bestimmtes Menschen- und Weltbild, in dem die europäischen Menschen als grundsätzlich zivilisiert und indigene Menschen als primitiv angesehen wurden. Die Rassentheorie sollte das wissenschaftlich belegen und die Ausbeutung und Unterdrückung von BIPOC legitimieren. Menschen wurden mit pseudo-wissenschaftlichen Mitteln, wie der Vermessung der Nase oder des Kopfumfangs, in unterschiedliche Rassen eingeteilt. Die Nationalsozialisten weiteten diese Theorie auf „Arier“, Juden und Sinti und Roma aus, um den Holocaust zu legitimieren. [….] Obwohl es keine biologischen Menschenrassen gibt, und dies auch nicht im Grundgesetz suggeriert werden sollte – Rassismus existiert leider dennoch. Der Rassifizierungsprozess, bei dem unterschiedliche Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens mit bestimmten Vorurteilen behaftet werden, muss weiterhin als Diskriminierungsform anerkannt werden. [….] Warum ist die Änderung des Begriffs gescheitert? [….] Offenbar fürchtete die CDU/CSU, dass durch die Änderung neue Ansprüche an den Staat entstehen könnten [….]

(Amadeu Antonio Stiftung,  2. Juli 2021)