Freitag, 27. Januar 2017

Auf den Leim



Zumindest in meiner Facebook-Blase glüht die Luft vor Empörung über den Thüringer AfD-Chef Joseph Goebbels Junior.

Wenn man so wie ich in den letzten Tagen und Wochen intensiv nachts auf CNN US-Politik geguckt hat, ist man zwar in Versuchung zu glauben, es ginge nicht mehr unsympathischer als der Soziopath Trump und seine menschenhassenden GOPer Kumpanen, aber das stimmt nicht so ganz.
Bernd Höcke spielt in der 1A-Liga der weltweiten Top-Widerlinge.

Erst diese abscheuliche antisemitische revanchistische Hetzrede im Landtag, für die der braune Bernd angezeigt wurde; seine ekelhafte Dreistigkeit am Holocaustgedenktag in die KZ-Gedenkstelle Buchenwald zu marschieren, dann die förmliche Ausladung….

[….] Die Stiftung der KZ-Gedenkstätten in Thüringen hat den AfD-Landes- und Fraktionschef Björn Höcke vom Holocaustgedenktag ausgeladen. An dem bundesweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am Freitag in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald sei er nicht willkommen, teilte ihm die Stiftungsleitung mit.
"Nach seiner Rede in Dresden ist eine Teilnahme von Herrn Höcke an der Kranzniederlegung im ehemaligen KZ Buchenwald nicht akzeptabel", sagte der stellvertretende Direktor der Stiftung Rikola-Gunnar Lüttgenau. [….]

… und schließlich Höckes Unverschämtheit, obwohl er ausdrücklich unerwünscht war, dennoch nach Buchenwald zu fahren.

[…..] Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald hat dem umstrittenen Chef der Thüringer AfD-Landtagsfraktion, Björn Höcke, Hausverbot erteilt. Höcke wurde von einem Mitarbeiter bei der Zufahrt zur Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus gestoppt. Er händigte ihm das schriftliche Verbot aus. [….]
(dpa, 27.01.17)

Der Thüringer Moder-Faschist benimmt sich in dieser austabuisierten Zeit voller rechter Provokationen, Mordanschläge und brutalen braunen Banden so abscheulich, daß er heraussticht und man darüber nicht schweigen kann.
Es ist moralisch unmöglich sich ihm nicht entgegen zu stellen.

Das Dilemma bleibt aber, daß man somit Teil seines Planes wird.
So kam die AfD auf kontinuierlich zweistellige Zustimmungsraten; sie hält sich ganz wie ihr Idol Trump mit dauernden Lügen und rassistischen Ausfällen kontinuierlich im Gespräch.


Immer dasselbe Muster bei den ewig-gestrigen Rassisten mit Grammatikschwäche und small-penis-syndrome im Endstadium:
Einer provoziert mit einer alles zuvor übertreffenden Perfidie und wartet auf das Anschwellen der medialen Empörungsmaschine. Die braunen Kollegen raffen anschließend ebenfalls Sendezeit an sich, indem sie sich schwach und halbherzig distanzieren, oder aber das eben gesagte zu Missverständnissen umdeuten.
Schließlich folgen ein scheinbar zerknitterter Mea-culpa-Satz des Delinquenten, der sich gleichzeitig umso mehr über die linksgrün-versiffte Meinungsdiktatur empört und schließlich die Selbstglorifizierung als mutiger Tabu-Brecher.

So dominiert man billig die Schlagzeilen, steigert den Wert der Marke AfD und holt auch noch zusätzliche Ewiggestrige an die Wahlurnen.

Es funktioniert.
Höcke auf allen Titelbildern. AfD-Werbung total, AfD immer im Gespräch.


Ein Dilemma für die AfD-Gegner.
Wie soll man sich zu der NPD-Nachfolgepartei verhalten, wenn deren Fans so auf Krawall gebürstet sind, daß jede AfD-Kritik wie Werbung wirkt?

Der einzige Ausweg scheint mir zu sein, die AfD zwar nicht in Ruhe zu lassen, sie also kontinuierlich sachlich kritisiert und ihre Lügen entlarvt – aber das Thema auch schnell wieder fallen zu lassen. Es gibt keinen Grund die Partei zu hofieren und sie wie die ARD- und ZDF-Talkshows weit überproportional zu thematisieren.
Im Jahr 2016 waren mehr als die Hälfte aller ARD/ZDF-Polittalkshows mit AfD-Themen beschäftigt, boten Vertretern der braunen Bande Woche um Woche stundenlang kostenlose Sendezeit zur Selbstdarstellung an.

[….] Worüber wurde in den größten deutschen Politik-Talkshows im letzten Jahr gesprochen? Wir haben alle Sendungen des letzten Jahres von ARD und ZDF ausgewertet, insgesamt 141 Sendungen. Davon ging es in 40 Talkshows um das Thema Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik, 15-mal wurde über das Thema Islam, Gewalt und Terrorismus gesprochen. 21-mal über Populismus, vor allem Rechtspopulismus. Insgesamt machten diese Themen 54 Prozent aller Talkshows aus.
Prof. Claus Leggewie, Politikwissenschaftler: „Ich glaube, es gibt erheblich interessantere Themen in der politischen Öffentlichkeit, die durch diese vermeintlich aktuellen und dramatischen Themen immer wieder in den Hintergrund gerückt werden. Dadurch fokussiert sich Politik auf die Themen der Rechtspopulisten. Das sind nämlich ihre Themen, der Islam, die Flüchtlinge, der Terror.“
Andere Themen hatten keine Chance: Über Energie-Themen, wie die Zukunft der Kohle oder den Atomausstieg wurde nicht gesprochen. Auch das Thema Bildungspolitik war kein Thema. Und selbst der viel diskutierte Abgasskandal war keiner der Talkshows eine Sendung wert. Klar, die Flüchtlingspolitik war das Megathema des letzten Jahres. Aber stimmt das Verhältnis noch? [….]

So lange die Illner-, Will- und Plasberg-Redaktionen diese Einladungspraxis nicht ändern, muß man diese Sendungen mit Quotenschwund bestrafen.


Donnerstag, 26. Januar 2017

Hinterher hecheln.



Wie soll man eigentlich bei der noch nie dagewesenen Lügen- und Skandal-Kaskade aus dem Weißen Haus noch nachkommen?

"Ich liebe Chicago", sagte Donald Trump, "tolle Stadt." Nur all diese Morde, "ein schreckliches Gemetzel", "die Leute werden links und rechts erschossen". Dabei sei das Problem doch so einfach zu lösen. Und wenn Chicago das nicht alleine schaffe, werde er das eben selbst in die Hand nehmen müssen.
Es ist eine kurze und doch bezeichnende Passage: Übertreibung, Unwahrheit, Drohung sind Trumps bevorzugte Mittel. Auchin seinem ersten TV-Interview als US-Präsident, das er dem Sender ABC gab, griff er darauf zurück.
Trump wiederholte falsche, haltlose und gefährliche Behauptungen der vergangenen Tage: Das "größte Publikum aller Zeiten" habe seiner Vereidigung beigewohnt. Seine Wahl sei "einer der größten Siege überhaupt" gewesen, trotz millionenfachen Wahlbetrugs. Folter funktioniere - und sei ein probates Mittel im Kampf gegen den Terror.
Die fast schon alltäglichen Aufreger vernebeln den Blick auf die wahren Skandale der noch jungen Ära Trump. Und da gibt es einige. Die vier brisantesten Komplexe im Überblick: [….] 1., [….] 2., [….] 3., [….] 4. [….]

Es gab in der deutschen Politik wirklich prominente Vertreter, die offensichtlich die letzten 18 Monate US-Wahlkampf ignorierten und wie Angela Merkel erst mal zum Abwarten rieten. So schlimm werde es schon nicht werden mit Trump.
Er habe eine Chance verdient.

Vorgestern gab CDU-Rechtsaußen und Finanzstaatssekretär Jens Spahn der CNN-Starmoderatorin Christiane Amanpour ein Interview, in dem er die Trump-Präsidentschaft wiederholt als große Chance bezeichnete und darlegte durch „America-First“ profitiere auch Deutschland.

'America First' can be a win-win
German Deputy Finance Minister Jens Spahn tells Christiane Amanpour he thinks President Trump's "America First" slogan should also mean working together.

Spahn spricht also English, sogar recht fließend, ohne zu stocken. Allerdings mit starkem Akzent und ohne allzu komplizierte Worte.
Das ist aber schon das einzig Positive.
Trump ist nicht nur ein pathologischer Lügner, Soziopath und Sadist, der gerade wieder die Folter einführen will, sondern er überzog schon mehrfach Angela Merkel mit abstrusen, erlogenen Vorwürfen. Zuletzt vor ein paar Tagen, in dem BILD-Interview, als er faktenwidrig behauptete Merkel habe England dazu gezwungen massenhaft kriminelle Flüchtlinge aufzunehmen und dadurch den Brexit ausgelöst.
Die Kanzlerin bleibt aber eine begnadete Kontorsionistin.
Nach diesen amerikanischen Tritten mitten in ihr Gesicht, verbiegt sie sich genau wie gegenüber Recep Tayyip Erdoğan bis zur Unkenntlichkeit, um devot vor Trump zu kriechen; läßt ihren Finanzstaatssekretär erklären, hier handele es sich um eine „Win-Win-Situation“.

Es erleichtert Merkel natürlich den politischen Alltag, daß sie nicht zu beleidigen ist und auch die größten Demütigungen ungerührt hinnimmt.
Allerdings repräsentiert sie auch ihr Land und fügt Deutschland Schaden zu, wenn sie durch ihr Nichtreagieren signalisiert „Los Amis – hört mich ab, setzt die größten Lügen über die Berliner Regierung in die Welt – uns stört es nicht!“

Trump rangiert am anderen Ende der aktiven und passiven Beleidigungsfähigkeit.
Er gerät allerdings schon durch das gelegentliche Aufblitzen von Fakten derart in Rage, daß man schon nach wenigen Tagen im Amt weiß wer ihn beurteilen sollte: Politologen und Analysten sind nicht mehr gefragt. Trump ist ein klarer Fall für Psychiater, Zwangsjacke und Gummizelle.

Sein Kampf wider die Realität kann nur noch mit einer extremen Persönlichkeitsstörung erklärt werden.


Lustig, nachdem es keinerlei Hinweis auf die von Trump behauptete Millionenfache Wahlfälschung zugunsten Clinton gibt, wurde inzwischen bekannt, daß doch einige wenige Wähler illegal in mehreren Staaten gleichzeitig als Wähler registriert sind.
Nämlich sein Chefberater und Schwiegersohn Jared Kushner, seine Tochter Tiffany Trump und sein Wahlkampfmanager Bannon.

[….] Jared Kushner, President Trump's son-in-law and one of his closest White House advisers, is registered to vote in both New Jersey and New York, according to elections officials and voting registration records, another high-profile example of how common it is for voters to hold dual registrations.
With Kushner, The Washington Post has now identified four Trump family members or top administration appointees who were registered in two states during the fall election. The others are chief White House strategist Stephen K. Bannon; Tiffany Trump, the president's youngest daughter; and Treasury Secretary nominee Steven Mnuchin, as first reported by CNN. […..[

Tiffany Trump on voter rolls in 2 states, despite claims otherwise by Kellyanne Conway
Just one day after President Donald Trump said he would ask for a "major investigation" into his unsubstantiated allegations of voter fraud, White House counselor Kellyanne Conway pushed back on proof that shows the president's youngest daughter on voter registration rolls in two states.
Tiffany Trump is currently registered in both New York City and Philadelphia, according to state election records in New York and Pennsylvania. Trump was a student at the University of Pennsylvania until her graduation last May.

Trump sind Fakten egal; er befindet sich regelrecht im Kampf mit der Wirklichkeit und schmeißt sich an den Lügensender FOX-News heran.
Jener Sender, der das Kunststück vollbringt seine Zuschauer noch schlechter informiert zu hinterlassen als Menschen, die überhaupt gar keine Nachrichten konsumieren.

Trump says he doesn’t need facts as long as ‘very smart’ Fox News viewers agree with him
Trump’s first interview as president illustrated how Fox News is becoming Trump propaganda.

During his first interview as president of the United States, Donald Trump was challenged by ABC News’ David Muir about his baseless claim that up to five million illegal votes were cast in the 2016 presidential election.
Trump could muster no actual evidence to support the oft-debunked voter fraud allegation he’s repeatedly made since November. So instead, he cited opinions espoused by Fox News hosts and shared by the network’s “very smart” viewers.
“Let me just tell you, you know what’s important, millions of people agree with me when I say that if you would’ve looked on one of the other networks and all of the people that were calling in they’re saying, ‘We agree with Mr. Trump. We agree.’ They’re very smart people,” Trump said. […..] [….]

Liebe Medien, der Punkt, an dem man Trumps Lügen nicht mehr LIVE übertragen darf, ist längst überschritten.


Trump überführt die Vereinigten Staaten von Amerika im Rekordtempo in ein faschistisches Regime:


Unterdessen feuert Trump seine Ungeheuerlichkeiten schneller ab, als man sie bewußt wahrnehmen kann.
Das illustriert diese kleine Liste der ersten vier Tage im Amt.

* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the DOJ’s Violence Against Women programs.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the National Endowment for the Arts.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the National Endowment for the Humanities.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Corporation for Public Broadcasting.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Minority Business Development Agency.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Economic Development Administration.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the International Trade Administration.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Manufacturing Extension Partnership.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Office of Community Oriented Policing Services.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Legal Services Corporation.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Civil Rights Division of the DOJ.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Environmental and Natural Resources Division of the DOJ.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Overseas Private Investment Corporation.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the UN Intergovernmental Panel on Climate Change.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Office of Electricity Deliverability and Energy Reliability.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Office of Energy Efficiency and Renewable Energy.
* On January 19th, 2017, DT said that he would cut funding for the Office of Fossil Energy.
* On January 20th, 2017, DT ordered all regulatory powers of all federal agencies frozen.
* On January 20th, 2017, DT ordered the National Parks Service to stop using social media after RTing factual, side by side photos of the crowds for the 2009 and 2017 inaugurations.
* On January 20th, 2017, roughly 230 protestors were arrested in DC and face unprecedented felony riot charges. Among them were legal observers, journalists, and medics.
* On January 20th, 2017, a member of the International Workers of the World was shot in the stomach at an anti-fascist protest in Seattle. He remains in critical condition.
* On January 21st, 2017, DT brought a group of 40 cheerleaders to a meeting with the CIA to cheer for him during a speech that consisted almost entirely of framing himself as the victim of dishonest press.
* On January 21st, 2017, White House Press Secretary Sean Spicer held a press conference largely to attack the press for accurately reporting the size of attendance at the inaugural festivities, saying that the inauguration had the largest audience of any in history, “period.”
* On January 22nd, 2017, White House advisor Kellyann Conway defended Spicer’s lies as “alternative facts” on national television news.
* On January 22nd, 2017, DT appeared to blow a kiss to director James Comey during a meeting with the FBI, and then opened his arms in a gesture of strange, paternal affection, before hugging him with a pat on the back.
* On January 23rd, 2017, DT reinstated the global gag order, which defunds international organizations that even mention abortion as a medical option.
* On January 23rd, 2017, Spicer said that the US will not tolerate China’s expansion onto islands in the South China Sea, essentially threatening war with China.
* On January 23rd, 2017, DT repeated the lie that 3-5 million people voted “illegally” thus costing him the popular vote.
* On January 23rd, 2017, it was announced that the man who shot the anti-fascist protester in Seattle was released without charges, despite turning himself in.
* On January 24th, 2017, Spicer reiterated the lie that 3-5 million people voted “illegally” thus costing DT the popular vote.
* On January 24th, 2017, DT tweeted a picture from his personal Twitter account of a photo he says depicts the crowd at his inauguration and will hang in the White House press room. The photo is curiously dated January 21st, 2017, the day AFTER the inauguration and the day of the Women’s March, the largest inauguration related protest in history.
* On January 24th, 2017, the EPA was ordered to stop communicating with the public through social media or the press and to freeze all grants and contracts.
* On January 24th, 2017, the USDA was ordered to stop communicating with the public through social media or the press and to stop publishing any papers or research. All communication with the press would also have to be authorized and vetted by the White House.
* On January 24th, 2017, HR7, a bill that would prohibit federal funding not only to abortion service providers, but to any insurance coverage, including Medicaid, that provides abortion coverage, went to the floor of the House for a vote.
* On January 24th, 2017, Director of the Department of Health and Human Service nominee Tom Price characterized federal guidelines on transgender equality as “absurd.”
* On January 24th, 2017, DT ordered the resumption of construction on the Dakota Access Pipeline, while the North Dakota state congress considers a bill that would legalize hitting and killing protestors with cars if they are on roadways.
* On January 24th, 2017, it was discovered that police officers had used confiscated cell phones to search the emails and messages of the 230 demonstrators now facing felony riot charges for protesting on January 20th, including lawyers and journalists whose email accounts contain privileged information of clients and sources.
And today: the wall and a Muslim ban.

PS: Auch lustig:


Mittwoch, 25. Januar 2017

#IBES


Bezüglich der Bildung funktioniert Fernsehen wie Internet.
Es macht Kluge klüger und Dumme dümmer.

(….) 95% der ausgestrahlten Programme halte ich zumindest für Zeitverschwendung, wenn nicht gar für Volksverdummung.
Zu einem willkürlichen Zeitpunkt willkürlich einen Sender einzuschalten, birgt also ein enormes Risiko sich selbst dümmer zu machen.
Der GONG druckt das Programm von 56 Sendern ab. Das sind also 1.344 Stunden Programm pro Tag. Selbst wenn 95% davon aus meiner Sicht mindestens überflüssig sind, bleiben mit gut 67 Stunden weit mehr Programm als ein Mensch sich ansehen kann.
Ich muß also genau auswählen und abwägen welche Sendungen ich so priorisiere, daß ich sie tatsächlich angucke. (….)

Unglücklicherweise verhalten sich Programmqualität und Einschaltquote in der Regel umgekehrt proportional zueinander.

Richtig schlimmer Mist wie Volksmusikhitparaden oder Fußball erreicht ein zweistelliges Millionenpublikum, während hochinteressante Dokumentationen auf arte gerade mal ein paar Tausend Zuschauer haben.

Bei anderen Medien sieht es genauso aus.

Die BILD-Zeitung hat eine Reichweite von täglich über zehn Millionen Menschen, während die auf ungleich höherem Niveau angesiedelten Berliner Kollegen von der taz 50.000 Exemplare am Tag verkaufen.
BILD und Bild.de sind echter Dreck, den aber jeden Tag 100 mal so viele Menschen lesen, wie die taz.

Ich bin sicher, daß ähnliche Klickzahlen-Korrelationen für die Online-Medien gefunden werden.

Qualität und Popularität treffen sich üblicherweise nicht.

Allerdings gibt es Ausnahmen im künstlerischen Bereich.
Adeles Hello-Video von Xavier Dolan wurde auf Youtube 1,9 Milliarden mal aufgerufen und die Frau kann zweifellos tatsächlich singen – egal ob man das Musikgenre mag oder nicht.
Auch Unterhaltungsserien wie „House Of Cards“, die brillant gemacht sind, können gleichzeitig ein kommerzieller Erfolg sein.

Menschen mit Geschmack und Anspruch können also in ihren Vorlieben durchaus ab und zu eine Schnittmenge mit dem Massengeschmack bilden.

Kluge Menschen können sich aber auch mal in die Niederungen begeben, um unterhalten zu werden.
Das wird bei Proll-Sport oder Dumm-Talkshows durchaus akzeptiert.

Nach 11 Staffeln RTL-Dschungelcamp gibt es aber immer noch Menschen, die sich empört über die Sendung erheben, ihre Zuschauer verdammen und zum Boykott aufrufen.

Warum eigentlich?
Es handelt sich dabei um ein Show-Format, bei dem wie in 100 anderen Unterhaltungsshows sogenannte C-Promis vorgeführt werden.
„Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ (#IBES) fällt allerdings gleichzeitig aus dem Rahmen:

1.) Statt der üblichen Sinnlos-Plappereien der üblichen Quizz-Moderatoren, werden hier mit STERN-Kolumnist Micky Beisenherz und Star-Autor Jens Oliver Haas zwei der besten deutschen Texter eingesetzt.
2.) Anders als bei anderen RTL-Shows ist #IBES ein fester Bestandteil des seriösen Feuilletons – SZ, SPIEGEL und Co – alle analysieren täglich die Dschungelgeschehnisse.
3.) #IBES spielt in einer deutlich höheren Quotendimension.
4.) Autoren und Moderatoren bedienen mehrere Meta-Ebenen. Man kann die Sendung als reine Unterhaltungsshow sehen, oder auch zwischen den Zeilen der Moderationen die mit politischen Anspielungen gespickten Nebentöne auffangen.
5.) Die Show ist fair; es gibt zwar eine enorme Fallhöhe; die Teilnehmer können sich entsetzlich blamieren, aber es sind alles Medienprofis, die das Spiel kennen. Immer wieder gelingt es einigen die Chance zu nutzen und durch die Dschungelpopularität wieder ins Geschäft zu kommen.
6.) Die Teilnahme am Dschungelcamp wird sehr gut bezahlt und erfolgt selbstverständlich freiwillig. Jeder Kandidat kann jederzeit aussteigen und jeder Zuschauer ist frei den Aus-Knopf zu drücken, bzw gar nicht erst einzuschalten.
7.) Der Haussender RTL, sonst eher nicht für Showqualität bekannt, wird durch das enorme Interesse der großen Zeitungen zu Höchstleistungen auch auf Nebenkriegsschauplätzen animiert. Allein schon auf die kurz im Hintergrund angespielte Musikauswahl zu achten, beweist wie akribisch die Macher vorgehen.

[….] „Auch auf die Gefahr hin, jetzt wie einer dieser schlimmen Presser zu klingen, die in der Großraumdisco den ganzen Abend wie schlechtgeschmackliche Übergriffler an der DJ-Kanzel kleben, um sich "It's Raining Men" zu wünschen: Es wäre doch wirklich sehr schön, wenn in den nächsten Tagen zur musikalischen Honeyhintermalung einmal "The People Who Grinned Themselves to Death" von den Housemartins eingespielt werden könnte - ein geradezu prophetischer Song, in dem nicht nur dessen Bleckstörung thematisiert wird, sondern auch seine Bronchialproblematik: "The people who grinned themselves to death / smiled so much, they failed to take a breath". Wobei die RTLsche Musikabteilung auch in diesem Jahr ohnehin schon feine Arbeit leistet und Jarle Skavhellens "The ghost in your smile" einspielte, als Honey sich mal wieder bei der Lagerfeuerwache durch die Nacht feixte und, kaum egoman, ein "H" in die Sitzbank schnitzte - mit der schönen Zeile: "I'll be the black tooth / In your Hollywood grin". Und ein Extralob natürlich für den Einsatz von "Being boring" beim nicoleschen Camp-Auszug.“
(Anja Rützel, 24.01.2017)

8.) #IBES bietet derart viel feuilletonistisch verwendbares Material, daß ein enormer texterischer Mehrwehrt entsteht. Die spöttisch-psychologisierenden Analysen in vielen Zeitungen zeigen Humor als ganz hohe Kunst.

Aus dem Rahmen fällt das erzkonservative FUNKE-Erzeugnis „Hamburger Abendblatt“, welches natürlich auch ein Stück vom Kuchen abhaben möchte und dementsprechend täglich aus dem Dschungel berichtet – allerdings gleichzeitig um ihre tumbe, konservative Leserschaft zu beruhigen einen empörten Professor das Wort erteilt.

Der Hamburger Psychiater Michael Schulte-Markwort zeigt dabei eine bemerkenswerte Unwissenschaftlichkeit.

Kollege Prof Otto Kernberg, 88, der weltberühmte Spezialist für „malignen Narzissmus“ erklärte neulich erst öffentlich das Ethos eines Psychiaters, als er gefragt wurde, wie er Donald Trump diagnostizieren würde.

[….] Einen Moment sieht Otto Kernberg überrascht aus, dann legt sich ein nachsichtiges Lächeln um seine Lippen, und er sagt, sein Berufsethos verbiete ihm, über Personen, die er nicht selbst untersucht habe, Diagnosen zu stellen; und habe er sie untersucht, dann dürfe er selbstverständlich nichts sagen. Damit entfallen alle nachfolgenden notierten Fragen [….]

Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, *1956, Leitender Arzt der Abteilung für Psychosomatik und UKE-Klinikdirektor in Hamburg frönt offenbar einem völlig anderen Berufsverständnis.
Es drängt ihn nicht nur öffentlich zu diagnostizieren, sondern er brüstet sich bei der Diagnose sogar damit den Patient nie gesehen zu haben.
Wissenschaft geht anders.
Schulte-Markwort ist sichtlich stolz darauf noch keine einzige Minute des RTL-Dschungelcamps gesehen zu haben, wendet sich aber an das Hamburger Abendblatt, um doch zu erklären, wie durch und durch übel die Angelegenheit wäre, weswegen man dieses Treiben unterbinden solle.
Das FUNKE-Blatt druckt den Artikel natürlich.

[….] Gerade war zu lesen, wie Thomas Häßler mit unüberwindbarem Brechreiz daran gescheitert ist, einen Cocktail aus pürierten Fischabfällen zu sich zu nehmen.
Ich kenne niemanden, der diese Sendung schaut (!). Eine Einschaltquote von über 40 Prozent belehrt mich, dass ich Menschen kennen müsste, die dem Dschungelcamp zu diesem Erfolg verhelfen, haben doch rund 7 Millionen Menschen im Alter von 14 bis 49 Jahren zugeschaut. Ich selber habe sie noch nie gesehen. Der Bericht über Thomas Häßler und sein "Scheitern" ruft mich dazu auf, mich zu Wort zu melden.
Sadismus ist eine Verhaltensweise, die ihren Lustgewinn daraus erzielt, andere Menschen zu quälen. Das Erleben, wie jemand anderes durch mein Zutun leidet, führt zu unmittelbarer Aggressionsabfuhr und Lustgewinn. [….] Im Erfolg des Dschungelcamp bildet sich der voyeuristische Sadismus von Millionen deutscher Zuschauer ab. Ein Mensch, der seelisch nicht darauf angewiesen ist, andere Menschen zu quälen, wird sich von dieser Sendung angewidert abwenden. Ein Mensch, der diesen Sadismus nicht unterstützen möchte, wird nicht als Kandidat antreten, sei er noch so geldabhängig. Wenn Millionen Deutsche ihren mehr oder weniger heimlichen Sadismus wiederkehrend vor dem Fernseher ausleben, indem sie zuschauen, wie in diesem Fall Thomas Häßler scheitert, dann müssen sie sich der Zuschreibung ihres Sadismus stellen.
[….]  Ich erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie ihren täglichen – auch den kleinen und geheimen – Sadismus unter Kontrolle haben und lieber an sich selbst ausleben. Viele Fitnessklubs bieten hierfür beispielsweise eine Menge Möglichkeiten. Meine Bitte: Schalten Sie ab und beweisen Sie den Fernsehmachern, dass sie mit ihrem ausgelebten und inszenierten Sadismus allein sind!

Gratulation Herr Professor.
Sie haben sich gerade erfolgreich blamiert. Es steht mir nicht zu #IBES zu verteidigen; das will ich gar nicht.
Aber aus Ihrer Analyse ergibt sich ganz klar, was Sie selbst im ersten Satz einräumen: Sie wissen nicht worüber Sie reden; dozieren dann aber doch umso deftiger als Blinder über die Dschungelfarben.

Zuschauer einer Fernsehsendung des Sadismus‘ zu bezichtigen ist kühn; vor allem aber sinnlos, wenn man so offensichtlich gar nicht das Konzept verstanden hat.
Schreiben Sie doch nächstes Mal über den Zuschauer-Sadismus beim Boxen oder K1.
Da gibt es wenigstens keine Meta-Ebenen und Texte, die man verstehen muß.