Es ist natürlich erklärbar und emotional verständlich; aber rational höchst unbefriedigend: Einzelschicksale berühren viele Millionen Menschen, aber massenhaftes Leiden wird seltsam emotionslos akzeptiert, oder ganz ignoriert.
Die meisten Menschen benötigen offenbar einen emotionalen Zugang, um Mitleid zu empfinden. Das Opfer muss ein Gesicht bekommen, einen Namen haben und dürfen sich nicht hinter einer Zahl verstecken.
Als die Leiche des zweijährigen Alan Kurdi 2015 an die türkische Mittelmeerküste gespült wurde, entstand das berühmte ikonische Bild von ihm, in seinem roten T-Shirt und der blauen Hose am Strand liegend. Es ging um die Welt, das Entsetzen über die Flüchtlingskatastrophe war groß. Man schämte sich für Europa und Nordamerika, die vor den Bombenteppichen über Aleppo und Kobani fliehenden Kurdis, nicht erlauben wollten, daß die Familie zur in Vancouver lebenden Tante zu entkommen. Daß Alans Vater daher gezwungen wurde, Schlepper zu bezahlen, mit der vagen Hoffnung, sie nach Kos, dem griechen EU-Gebiet zu bringen. Die EU, die heute von Merz und Dobrindt mehr denn je auf Abwehr solcher Menschen eingestellt wird. Die EU, in der eine riesige rechts radikale Straßburger Parlamentsfraktion zusammen mit der christdemokratischenEVP und ihrem Chef Manfred Weber (CSU) in „Send them back“-Jubelchöre ausbricht.
Alan Kurdis fünfjähriger Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna ertranken ebenfalls. Ihre Leichname wurden nur etwa 100m weiter am Strand in der Nähe von Bodrum angespült. Aber von ihren Körpern gibt es keine Bilder, auf denen sie so süß aussahen. Bis auf den Vater wurde die ganze Familie ausgelöscht. Sie interessierten die Öffentlichkeit kaum.
Neun weitere Tote, die mit den Kurdis zusammen in dem Schlepperboot saßen, bleiben für immer namenlos für die Weltöffentlichkeit. Zu ihnen findet das Internet keine Informationen.
Ihre Schicksale sind den 500 Millionen EU-Bürgern und insbesondere den migrantophoben AfD- und CDUCSU-Wählern genauso egal, wie die Myriaden Namenlosen, die seit 2015 in der toxischen mediterranen Leichenwanne für immer verschwanden.
[…..] Das Mittelmeer ist die mit Abstand tödlichste Fluchtroute
Mehrere Flüchtlingsboote könnten Ende Januar 2026 im Mittelmeer bei schwerem Wetter verunglückt sein. Dabei sind möglicherweise bis zu 1.000 Menschen ums Leben gekommen. Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind aktuell 567 Todesfälle bekannt, die in den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres gestorben sind - davon allein 459 im Januar. Die Zahlen dürften aber noch steigen. Wie die taz-Redakteur Michael Braun in einem Kommentar schreibt werden an italienischen Stränden immer wieder Leichen angespült. Indes kriegt die Öffentlichkeit laut Braun davon nur wenig mit: "Wenn überhaupt, wird nur lokal berichtet". Das Mittelmeer ist die für Migrant:innen mit Abstand gefährlichste Fluchtroute nach Europa. Seit 2014 sind hier laut IOM mindestens 34.226 Menschen (davon sind 31.631 ertrunken) ums Leben gekommen - das entspricht 42 Prozent aller weltweit auf der Flucht gestorbenen Geflüchteten. [….]
Über 34.000 Tote, von denen wir wissen.
Aber so lange wir nicht von jedem eine Geschichte und ein Bild, wie von dem kleinen Alan Kurdi kennen, zucken wir mit den Achseln, lassen Merz und Söder hetzen. Lassen Dobrindt unbescholtene Bürger abschieben, höchste Gerichtsurteile ignorieren und die Taliban einladen, um afghanische Frauen zu foltern. Über 40% der Wähler in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen wollen eine Nazi-Partei wählen, die mit Remigrationsplänen von zig Millionen Menschen prahlt.
Die Medien, die bis weit ins linksliberale Lager anerkennend raunen, bei der Migrationsfrage habe die Merz-Regierung „geliefert“, sollten sich in Grund und Boden schämen, wie sie die Schicksale der Flüchtlinge framen.
Miosga, Maischberger, Illner und Lanz sollten sich nicht mehr im Spiegeln ansehen können dafür, daß sie immer und immer wieder faschistoiden Hetzern, die Menschen in allergrößter tödlicher Not, ausschließlich als „Gefahr für uns“ framen, den Roten Teppich ausrollen.




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